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Jesus Christus baut Gemeinde

12.09.2004Epheser 2,11-22

Einführung in das Thema Gemeinschaft

Es ist doch etwas Wunderbares, wenn man hier zusammenkommen kann, Sonntagmittag, in diese herrliche Gemeinschaft. Wir wollen den Schwestern danken, dass sie uns diesen Raum geben.

Mein Thema heute Mittag wird von der Gemeinschaft handeln. Man kann in dieser Welt so schrecklich allein und einsam sein. Deshalb wollen wir heute Mittag einmal richtig durchleuchten, was es bedeutet, Gemeinschaft zu finden, die unser Herr Jesus stiftet.

Da wollen wir beten: Lieber Herr Jesus, wir wollen dir danken, dass du heute Nachmittag baust, dass du in unserem Leben wirken willst, dass du uns Gemeinschaft gibst und uns zusammenführst.

Du hast dieses große Wunder doch schon von den ersten Tagen der Christenheit an vollbracht. Tu das doch auch jetzt in dieser letzten bösen Zeit und gib, dass wir alle daran teilhaben an deinen großen Stärkungen und Ermutigungen. Amen.

Die biblische Grundlage der Gemeinschaft

Ich lese aus dem Epheserbrief Kapitel 2, von Vers 11 bis 22.

Paulus erinnert in der Gemeinde von Ephesus daran, dass dort Judenchristen und Heidenchristen lebten, zwischen denen viele Spannungen bestanden. Sie lebten jedoch eng zusammen.

Darum denkt daran, dass ihr, die ihr von Geburt an einst Heiden wart und Unbeschnittene genannt wurdet von denen, die äußerlich beschnitten sind, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart. Ihr wart ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde außerhalb des Bundes der Verheißung. Ihr hattet also keinen Anteil an dem Bund über Israel.

Daher hattet ihr keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt.

Jetzt aber seid ihr in Christus Jesus, die ihr einst fern wart, nahe geworden durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat. Er hat die Gemeinde geformt und den Zaun abgebrochen, der dazwischen war – nämlich die Feindschaft zwischen Juden und Heiden.

Durch das Opfer seines Leibes hat er das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen abgetan, damit er in sich selbst aus den Zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache. So versöhnt er die beiden mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft durch sich selbst tötete.

Er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündet – euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Ihr seid erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, wobei Jesus Christus der Eckstein ist. Auf ihm wächst der ganze Bau ineinander gefügt zu einem heiligen Tempel im Herrn.

Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Behausung Gottes im Geist.

Urlaubserlebnisse und die Bedeutung von Gemeinschaft

Jetzt hoffe ich, dass Sie alle einen schönen Urlaub hatten. Es wäre interessant, wenn Sie erzählen würden, was Sie erlebt haben: wogende Wellen, Sonnenuntergänge, Schiffsfahrten und lange Reisen. Sie könnten sagen, es war herrlich, es war wunderschön. Was war denn besonders schön? Leuchtende Kinderaugen oder schöne Wanderungen und Berge? Es gibt ja viel zu bestaunen.

Andere sagen, sie sind Kunstliebhaber. Sie interessieren sich für Architektur und wunderbare Kunstwerke in Ausstellungen und Museen. Manche haben in den letzten Jahren auch eine Schnäppchenreise in die Türkei gemacht. Diese wird ja oft günstig angeboten. Meist ist bei den großen Angeboten von Ögerturschen, wie sie heißen, eine Rundreise mit dabei. Dann kommt man nach Ephesus.

Was war das für eine tolle Stadt! Gibt es denn überhaupt noch etwas Gleichwertiges? Teile von Ephesus gehören ja zu den Sieben Weltwundern. Auch die wunderschönen Säulen, wenn man da durchgeht – das ist doch die Stadt, an die dieser Brief geschrieben ist: Ephesus. Wenn ich dort durchgegangen bin, hat mich immer interessiert, wo sich eigentlich die Christen getroffen haben. Da sieht man gar keine Spuren mehr.

Es gibt Kirchenruinen, aber die stammen einige Jahrhunderte später. Dort hat das berüchtigte Räuberkonzil stattgefunden. Damals war die Kirche zum Räuberhaufen verkommen. Es wurden große Bauten errichtet. Von den ersten Christen ist gar keine Bauruine mehr da. Alles, was sonst noch von den anderen Bauten übrig ist, zeigt den großen Tempel des Domitian. Er war der erste schlimme Christenverfolger, der sich an die Stelle Gottes gesetzt hat und Johannes den Apostel nach Patmos verjagt hat.

Man sieht den riesigen Domitian-Tempel, die Zelsusbibliothek, die wieder aufgebaut ist, und sogar Spuren schändlicher und schrecklicher, unanständiger Bauten. All das findet man noch in Ephesos, aber keine Spuren der ersten Christenheit mehr. Wo war denn die Gemeinde?

Für uns sind doch die Kirchen so wichtig und die Gebäude. Jetzt müssen wir merken, dass für die ersten Christen die Gebäude gar nicht wichtig waren. Sie trafen sich in den Häusern, hier und dort. Für die Gemeinde ist das auch gar nicht wichtig. Heute treiben wir oft großen Aufwand. Ich weiß, dass hier sicher schon viele Schwestern tätig waren und den Saal liebevoll hergerichtet haben. Wir wollen auch das Äußere behaglich machen.

Aber letztlich ist das Entscheidende ja überhaupt nicht das Äußere. Entscheidend für eine Gemeinde sind die Menschen, die sich treffen und zusammenkommen. Es gibt so ein herrliches Lied:

Irdische Dome, Tempel braucht Gott nicht,
Dome, die Meister erbauen,
Schatten sind sie vor seinem Licht,
Welches kein Auge kann schauen.

Aber er selbst baut sich ein Haus,
Wählt sich zur Wohnung Menschen aus,
Die seinem Ruf gehorchen,
Kehrt in die ärmste Hütte ein,
Lässt uns dem Königswort lauschen,
Seiner Verklärung Zeuge sein.

Wer wollte Welten drum tauschen?
Leben und Geist ist da zur Stund,
Göttliches Wort aus seinem Mund
Heiligt die Hütte zum Tempel.

Das Wesen der Gemeinde und die Grenzen menschlicher Bemühungen

Kennen Sie eigentlich das Geheimnis, wo Gemeinde sich ereignet, um sie herum? Erleben Sie das!

In unseren Tagen wird viel Mühe darauf verwendet, Gemeinde irgendwo zu konstruieren – doch das gelingt nicht. Menschen sagen oft, sie bauen Gemeinde miteinander. Aber in zweitausend Jahren ist es noch nie gelungen, Gemeinde zu bauen. Menschen haben vielleicht große Organisationen geschaffen, doch ob daraus Gemeinde Gottes geworden ist, daran habe ich Zweifel.

Wir bemühen uns immer wieder, Menschen anzuziehen und sie in die Gemeinschaft hineinzunehmen. Wir fragen, wie wir es schaffen können, dass Menschen die herzliche Liebe und Gemeinschaft spüren. Doch das gelingt nicht. Können Sie so viel Kaffee trinken, wie Sie wollen, die besten Kuchen auf die Tische stellen oder Volkstanz vorwärts und rückwärts machen? Es entsteht keine Gemeinschaft, und sie wächst nicht. Man bleibt sich kalt gegenüber.

Manche versuchen es mit Zählmassagen und sagen, alle müssten die Hände hochheben, aber das schafft keine Gemeinde Gottes.

Wenn wir im Neuen Testament darauf schauen, wie Gemeinde wächst, erkennen wir: Es geschieht nicht durch äußere Organisation, nicht durch irgendwelche Tricks, Maßnahmen oder Trainings, die man gemeinsam macht. Sondern Jesus, der Gekreuzigte, zieht Menschen an.

Wenn Menschen dem gekreuzigten Jesus begegnen, sind sie sich vom ersten Augenblick an tief verbunden. So war es bei der ersten Christengemeinde am Pfingsttag, in nur wenigen Minuten. Da waren die Herzen noch erschrocken, und sie fragten: „Was sollen wir tun?“ Dann predigte Petrus, dass Jesus ihre Sünde wegnimmt. Wer seine Sünde bekennt und bereut, dem trägt Jesus sie weg. Da wurde die Gemeinde ein Herz und eine Seele.

Paulus wird nicht müde, den Ephesern immer wieder zu sagen, dass die ganzen Bauten gar nicht wichtig sind. Durch den Gekreuzigten, durch Jesus und sein Kreuz, sind wir eins geworden. Das ist in der ganzen Tiefe passiert.

Die Not der heutigen Gemeinde und das Fundament der Einheit

Jetzt ist es ja so, dass wir heute viele Menschen kennen, die vielleicht den christlichen Namen tragen, ebenso wie Plätze, Orte und Gemeinden, die sich christlich nennen. Doch wenn wir Christus, den Gekreuzigten, nicht finden, gibt es keine Gemeinschaft.

Man kann dort vielleicht noch beim Batza ein Schnitzel essen – so machen wir es auch in unserer Heimatgemeinde, in der wir gerade wohnen –, aber tiefer geht es nicht mehr. Die Gemeinschaft der Jesusleute findet unter dem Kreuz statt.

Im Neuen Testament heißt es so schön, wenn man in die Ewigkeit blickt: Die Schar vor dem Thron Gottes, die vollendete Gemeinde, brüllt in großem Jubel, dass das Heil bei dem ist, der auf dem Thron sitzt, unserem Gott, und dem Lamm – dem gekreuzigten Jesus, der für meine Schuld gestorben ist.

Das ist unser Triumph, das ist unsere Freude. Diese Freude verbindet uns natürlich mit Christen aus ganz verschiedenen Gemeinden und Traditionen – mit der Heilsarmee, den Anglikanern und überall dort, wo ich bei einem Jesusmenschen finde, dass er in Jesus diesen Frieden gefunden hat.

Da gehört man zusammen, ob alt oder jung, ob gelehrt oder ungelehrt, ob Frau oder Mann – das spielt keine Rolle. Ob Heide oder Jude, wir sind in Jesus eins geworden. Darüber möchte ich jetzt noch ein bisschen näher sprechen und das große Wunder zeigen, dass wir überhaupt zur Gemeinde Gottes gehören dürfen.

Also: Noch einmal, Jesus baut selber Gemeinde. In unseren Tagen wird so viel fabriziert, gesägt, gezimmert, gebockelt und gehämmert. Wir machen Gemeinde, wir machen eine lebendige Gemeinde.

Doch das können wir gar nicht. Wir können den Saal richten, wir können beten. Jesus hat mal den schönen Satz gesagt, den müsste man sich anvermerken: „Ich will bauen meine Gemeinde.“ Und das wird er auch in dieser bösen Zeit heute tun, in dieser ungläubigen, gottlosen Zeit.

Der Herr will in diesen Tagen Gemeinde bauen, und darum lohnt es sich, die Augen und Ohren aufzumachen. Man muss sich bemühen, dabei zu sein, wo der Herr Gemeinde baut. Er tut das in diesen Tagen: „Ich will meine Gemeinde bauen.“

Und das ist das Wunder, dass wir überhaupt dazugehören dürfen. Manchmal hat man ja den Eindruck, wenn Leute sich an eine Gemeinde anschließen wollen, dann läuft das wie bei der Brautschau.

Sie wissen doch, wenn junge Männer nach einer Braut suchen, dann gucken sie die Töchter des Landes an und sagen: Wer ist wohl die Schönste? Ich habe oft in Stuttgart Leute getroffen, die sagten: „Ja, jetzt habe ich schon so viele Gemeinden besichtigt, ich bin noch nicht ganz durch, ich habe noch ein paar auf meinem Zettel stehen.“ So wie man beim Aldi oder beim Lidl in den Regalen raussucht, wo man hingehört.

Man merkt gar nicht, überall ist unser Platz, wo Jesus Gemeinde baut. Wo ich wirklich spüre: Da ist Jesus, da ist unser Platz. Ganz gleich, an welchem Ort der Welt wir sind, wo wir den Gekreuzigten Jesus mit seinem wunderbaren Werk finden.

Dass wir dazugehören, ist ein unverdientes Geschenk. Nicht, dass wir da lange wählen können, sondern dass ich kommen darf.

Die Einladung Jesu an alle Menschen

Warum darf ich denn kommen? Ich könnte ja gar nicht zur Gemeinde kommen. Warum sollte ich überhaupt zur Gemeinde kommen? Ich gehöre doch zu den Heiden. Die Juden nennen das Abwerten die Gojim, die Völker. Wir gehören doch nicht zu Israel.

Aber weil Jesus, der gute Hirte, seine Arme weit ausbreitet und einlädt, sind wir durch Jesus hineingenommen. Wir waren ausgeschlossen vom Bürgerrecht, wir sind der Herkunft nach Heiden, stehen außerhalb des Bundes Abrahams, Isaaks und Jakobs. Wir haben keine Hoffnung – außer durch Jesus.

Weil es heute so viele Einzelgänger gibt, so viele Solisten, möchte ich Ihnen noch einmal deutlich machen, wie wichtig und großartig es ist, dass wir dazukommen dürfen, wo sich Menschen in einem Hauskreis um die Bibel versammeln. Wo sich ein Gebetskreis trifft, zu einer Bibelstunde, ganz gleich, aus welchem Ort wir kommen. Denn Jesus will heute Mittag an uns sein Werk tun.

Er will Gemeinde bauen, Gemeinschaft stiften. Ihr seid nahegekommen, ganz nah mit Gott. Und das muss in jeder Versammlung geschehen: dass wir plötzlich in der Gegenwart des lebendigen Gottes stehen, des Königs aller Könige, des Herrn aller Herren. Dass wir die Schuld ablegen, gereinigt werden und schon den Vorgeschmack vom Himmel empfinden. Wir gehören dazu.

Wie entsteht echte Gemeinschaft?

Aber wie kommen wir richtig in die Gemeinschaft hinein? Das ist oft ein Problem. Da sitzen viele einzelne Personen, und die Frage ist: Wie kommen wir wirklich zusammen?

Richtig zusammenkommen wir nicht durch Mitgliederlisten. Das spielte bei den ersten Christen keine Rolle. Auch die Traditionen und Ordnungen, die sie für ihre Gemeinden hatten, waren erstaunlich gering. Sie hatten nur wenige Ämter. All das, was bei uns oft trennend wirkt – die Frage, ob ich dazukommen darf, weil ich aus einer anderen Gemeinde oder Tradition komme – spielte damals kaum eine Rolle.

Wo ich Jesus, den Gekreuzigten, finde, da ist seine Gemeinde. Und da gehören wir mitten hinein. Er, der gekreuzigte Jesus, baut Gemeinde auf, zieht uns an sich und verbindet uns untereinander. Wenn diese Mitte fehlt, kann man sie mit allen anderen Mitteln nicht ersetzen.

Es gibt immer wieder viele, die darunter leiden und sagen, man müsse die Gemeinschaft mehr organisieren und sichtbarer machen. Ich bin immer unglücklich, wenn man sie sichtbarer machen will. Wir erleben es doch in allen Gremien, selbst in evangelikalen Gremien, wo sich oft schon drei oder vier Personen über irgendwelche Randdinge zerstreiten.

Darum sollten wir erkennen: Gremien und Ordnungen sind keine wirkliche Hilfe. Organisationsformen helfen nicht wirklich. Was hilft, ist, dass Jesus, der Gekreuzigte, in der Mitte unserer Versammlungen steht und zu uns redet. Das verbindet uns im Tiefsten und schafft eine Einheit, wie sie in der ganzen Welt nicht zu finden ist.

Die Gemeinde als Heimat für Suchende

In der ganzen Welt gibt es keine solche Einheit, keine solche Gemeinschaft, keinen solchen Ort der Heimat für heimatlose Menschen. Wir gehen durch dieses Leben und suchen immer wieder nach Plätzen der Geborgenheit. Egal, wo man sucht oder an wen man sich anlehnt, man wird oft enttäuscht von Menschen.

Die einzige Gemeinschaft auf dieser Welt, in der man echte Heimat finden kann, ist die Gemeinde Gottes mitten in dieser Welt.

Wir waren Studenten in Tübingen und sind zum Rossberg gewandert. Unterwegs sind wir in Dußlingen in den Gottesdienst gegangen. Natürlich kam es, wie es oft bei Wanderungen passiert: Wir kamen zu spät. Aber die Predigt ist das Wichtigste, hatten wir uns damals gesagt. Gerade als die Predigt begann, saß dort ein alter Mann mit Schnauzbart neben mir und stupste mich an. Zuerst schaute ich nicht hin, denn ich kannte den Mann nicht. Dann reichte er mir sein Neues Testament und bat mich, mit ihm mitzulesen.

Damals wusste ich noch nicht, wie wichtig das war. Heute kann ich nur unterstützen, dass man bei der Predigt auch überprüft, ob das Wort Gottes wirklich verkündet wird. Ich war doch sehr überrascht, als ich sah, dass es ein englisches Neues Testament war. Wie kam ein Bauer in Dußlingen zu einem englischen Neuen Testament?

Nach dem Gottesdienst fragte ich ihn. Er erzählte mir eine schöne Geschichte: Im Ersten Weltkrieg war er bei Übern stationiert, und seine ganze Einheit wurde aufgerieben. Er gehörte zu den letzten vier Soldaten, die in Gefangenschaft gerieten. Er wurde nach England gebracht und musste dort Zwangsarbeit leisten.

Während dieser Zeit pfiff er ein Lied: „Welcher ein Freund ist unser Jesus?“ Plötzlich sagte der englische Wachsoldat zu ihm – obwohl sie sich kaum verständigen konnten: „Du bist mein Feind. Aber weil du Jesus gehörst, bist du mein Bruder.“ Daraufhin schenkte ihm der Soldat dieses Neue Testament.

Wenn man plötzlich spürt, was für eine Gemeinschaft das ist, in der in Jesus alle Gegensätze aufgehoben sind, alle Spannungen dieser Welt, die uns sonst trennen, dann ist das etwas Wunderbares. Wenn wir zusammenkommen und spüren, dass wir zusammengehören, sollten wir nicht so viel Wert auf die äußeren Dinge legen, die uns trennen, sondern auf das, was uns verbindet.

Ihr hattet keine Hoffnung, ihr wart ohne Gott, aber durch Christus Jesus seid ihr, die ihr einst fern wart, nahe geworden durch das Blut von Christus – das Blut, das geflossen ist zur Vergebung eurer Schuld (Epheser 2,12-13). So wie das die zwei Soldaten im Ersten Weltkrieg zusammengeführt hat, so ist das auch das Geheimnis meines Lebens.

Die geistliche Not der Gemeinde und die Überwindung von Trennungen

Die große Not in der Gemeinde Gottes ist eine geistliche Not. Heute tut man oft so, als ob die Gemeinde vielleicht nicht richtig pfiffig wäre. Das glaube ich aber gar nicht. Entscheidend ist vielmehr, dass uns diese geistliche Not trifft, dass uns die innere Einheit so sehr fehlt. Wir haben zwar viel Betrieb, doch es fehlt, dass die Menschen, die zu unseren Versammlungen kommen, mit Jesus so zusammentreffen wie damals die zwei Soldaten. Es fehlt, dass durch die Beiträge, die wir im Hauskreis einander geben, Menschen Bekehrung erleben und aus der Finsternis heraustreten.

Paulus spricht in diesem Abschnitt, wie so vieles die Gemeinde damals getrennt hat. Dort waren die Heiden, die eine ganz andere Lebensweise hatten als Israel mit seinem überkommenen mosaischen Gesetz. Er redet von der Beschneidung und all den anderen Bräuchen, die wir kennen, wie zum Beispiel die Sabbatfeiern. Auch in der Gemeinde von Jesus Christus gibt es viele Dinge, die uns trennen. Aber wir müssen immer wieder aufpassen: Sind das eigentlich Dinge, die uns nur im Vorletzten oder im Letzten trennen?

Im Letzten geht es um Jesus und seinen Kreuzestod für unsere Schuld. Wenn wir uns in diesem Punkt nicht einig sein können, dann gibt es keine Einheit und keine Gemeinschaft. Haben wir diese Einheit in Jesus, dann müssen die anderen Dinge keine Rolle mehr spielen. In der Urchristengemeinde war das ein großes Hemmnis. Oft sammelten sich die Judenchristen unter sich, während die anderen draußen standen.

Heute sehe ich oft eine große Not, wenn ich die Ausländergemeinden betrachte. Neulich erzählte mir ein Chinese, wie sie sich in einer deutschen Großstadt verzweifelt um einen Raum bemüht haben. Es kann doch nicht wahr sein, dass man mit sechzig Leuten keinen Raum findet. Die Gemeindehäuser stehen oft leer, aber sie werden zum Vermieten gebraucht, um Geld einzunehmen. Für eine chinesische Hausgemeinde gibt es keinen Platz. Sie sind fremd, und es fällt schwer, über diese Gräben hinweg zusammenzufinden.

Andere berichten, dass nach den Versammlungen oft diejenigen, die sich sowieso schon kennen, aufeinander zustürzen, während die anderen plötzlich weggehen. Neulich sah ich in einem Gottesdienst, an dem ich teilnahm, ein junges indonesisches Ehepaar, das in Stuttgart studiert. Kein einziger streckte ihnen die Hand entgegen. Oft trennt unser Volkstum und unsere Tradition, sodass man gar nicht zusammenfindet.

Sie kennen sicher noch die Geschichte, wie der Minister der Königin Kandake nach Jerusalem zog. Er kam nur bis zum Vorhof der Heiden und wurde nicht in den Gottesdienst in Israel vorgelassen. Traurig fuhr er nach Hause. Zum Glück kaufte er sich noch die Schriftrolle von Jesaja. Dort begegnete ihm Philippus, der ihn taufte. So entstand eine Gemeinde, in der die alten Grenzen aufgehoben wurden.

Wir müssen immer wieder überlegen, wie wir die wunderbare Weite der Gemeinde Jesu erleben können, zu der wir gehören. Denn die Grenzen, in denen wir leben, sind oft sehr notvoll.

Die weltweite Ausbreitung der Gemeinde und Überwindung kultureller Barrieren

Als ich noch bei Licht im Osten tätig war, hat mich immer interessiert, was eigentlich in den zentralasiatischen Bevölkerungsgruppen geschieht. Für diejenigen, die sich ein wenig mit Missionsstrategie auskennen, war das ein langes Rätsel. In Zentralasien gibt es große Völkerschaften, bei denen es überhaupt keine Christen gab. Dazu gehören die Usbeken, die Uiguren, die Turkmenen, die Kasachen und die Kirgisen.

Wenn man mit unseren Russlanddeutschen sprach, die bei Licht im Osten aktiv waren, habe ich gefragt: Wer von euch hat den Mut, diesen Völkern das Evangelium zu sagen? Diese Menschen gehören doch auch dazu. Jesus will doch alle Völker, alle Nationen und alle Sprachen erreichen. Es hat doch keinen Sinn, wenn ihr euch nur in der deutschen Sprache versammelt.

Dann sagten sie immer: „Die stinken so.“ Ich muss das kurz erklären, weil ich viel unterwegs bin. Jedes Volk hat einen eigenen Geruch. Wir nehmen unseren europäischen Geruch kaum noch wahr, aber die Asiaten leiden sehr unter unseren Ausdünstungen. Wir finden das auch bei fremden Völkern so. Wenn wir heute über die Zigeuner sprechen, machen wir oft den Mauch.

Dann geschah das Wunder im Jahr 1989, mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Einige Russlanddeutsche wie Heinrich Voth – ich glaube, er kommt auch immer hier nach Eidingen –, Franz Thiesen und andere Brüder sagten: Wir gehen nicht nach Deutschland, um dort unsere Rente abzuholen. Sie blieben in der Region und wurden Säulen des Reiches Gottes.

Ich erinnere mich, wie Heinrich Voth kam und sagte: „Wir haben angefangen, für diese Völker zu arbeiten.“ Ich hörte schon: Es gibt eine kirgisische Gemeinde. Nein, inzwischen gibt es drei. Mittlerweile sind es über zweihundert Gemeinden. Das ist ein Aufbruch ohne Gleichen, wenn wir einmal erkennen, wie Jesus in diesen Tagen Gemeinde baut.

Wenn wir nicht auf dem Schlauch stehen, unsere Trennungen und äußeren Empfindungen überwinden und nicht sagen: „Der liegt mir nicht, der ist mir nicht sympathisch, da mache ich meine Grenzen“, sondern erkennen, dass Jesus seine Gemeinde baut, dann dürfen wir Einheit ganz wunderbar erleben.

Ich war kürzlich auf einer Konferenz in Zentralasien, bei der sich 500 einheimische Mitarbeiter aus Turkmenistan, Usbekistan, von den Uiguren, Kasachen und Kirgisen versammelt hatten. 500 Leute. Dann gingen wir gemeinsam auf die Knie zur Gebetsgemeinschaft. Für mich war das ein Vorgeschmack vom Himmel. Es war, als wollte Jesus uns diese Einheit spüren lassen – dort, wo man vor Jesus tritt und nichts anderes mehr eine Rolle spielt, als dass Jesus der Herr ist und sein Evangelium allen gebracht werden muss.

Es werden noch viele Opfer gebracht werden, aber wir wollen für Jesus dienen. Wo haben wir denn diesen Geist? Wir wollen doch verbunden sein mit diesen Jesusleuten in aller Welt, um zu spüren, dass wir zusammengehören.

Die Überwindung von Stolz und Mauern in der Gemeinde

Paulus spricht hier davon, dass Jesus etwas abbricht. Was genau bricht er ab? Er bricht die Zäune ab, die dazwischen standen, die Zäune, die trennen. Das ist in einer Jesusgemeinde besonders schlimm.

Was trennt unsere Welt? Es ist der Stolz und der Hochmut. Wir sind stolze Menschen. Die Juden waren stolz. Paulus sagt: „Ich war ein Hebräer, beschnitten am achten Tag, aus dem Geschlecht Benjamin“ und so weiter. Er war sehr stolz darauf, zur Elite zu gehören. Die Heiden waren stolz, die Weißen sind stolz, die Gebildeten sind stolz, die Kunstbeflissenen sind stolz – jeder Mensch ist stolz.

Jesus zerbricht unseren Stolz unter seinem Kreuz. Kein einziger Christ braucht sich etwas auf seine Intelligenz, seinen eifrigen Willen, seine Herkunft, seine Tradition oder seine Volkszugehörigkeit einzubilden. Am Kreuz stehen wir alle da als Menschen, die völlig unverdient zur Gemeinde gehören. Es ist ein unbezahlbares Geschenk, dass wir dazugehören dürfen.

In der Gemeinde sollte es deshalb niemals auch nur einen Hauch davon geben, dass Jüngere glauben, sie seien mehr als Ältere, oder Deutsche mehr als Fremde, oder wer auch immer. Unter dem Kreuz von Jesus wird das alles abgebrochen. Er hat die Mauern eingerissen zwischen Heiden und Juden, zwischen Intelligenten und denen, die es schwerer haben. Es darf keine Unterschiede geben.

Leider weiß ich auch, dass es in evangelikalen Gemeinden Diskriminierung von Frauen gibt. Wir müssen sehr aufmerksam sein, wenn Frauen sagen, dass sie in der Gemeinde nichts gelten, nur weil sie Frauen sind. Das entspricht nicht dem Sinn von Jesus. Jesus bricht das nieder, was trennt, und schafft etwas Neues. Er macht aus uns Jesusmenschen.

Er ist unser Friede – ein herrliches Wort. Früher, im alten Furtbachsaal, den die Jüngeren nicht mehr kennen, war ein großer Versammlungssaal in Stuttgart in der Furtbachstraße, der später abgerissen wurde. Dort hing ein großes Bild von Jesus, ein Nazarenerbild, Jesus mit wallenden Locken, und darunter stand: „Er ist unser Friede.“

Dort fand nach dem Schuljahresabschluss immer die Schulkundgebung unserer Schule statt, bevor am nächsten Tag die Zeugnisse verteilt wurden. Das hat mich immer getröstet, bevor man am nächsten Tag die „schlimme Ernte“ einfahren musste: Jesus ist unser Friede.

Das war eine tolle Botschaft: Er ist unser Friede. Was bedeutet das? Jesus ist unser Friede. Paulus meint das auch im Hinblick auf die Trennungen, bei denen wir immer wieder meinen, uns etwas herausbilden zu müssen. Manche sagen, sie hätten mehr zu sagen. Doch Jesus soll allein der Herr seiner Gemeinde sein, und darum wollen wir ihm dienen.

Er ist unser Friede. Er gibt unserem Leben Zukunft und Hoffnung. Nichts anderes. Das ist ein großer Schatz in der Gemeinde.

Herausforderungen und Reichtum der Gemeinde

Ich möchte an einigen Stellen noch einmal aufzeigen, wo heute die Probleme liegen. Viele Christen finden heute nur noch Hauskreise, in denen sie sagen: „Da habe ich sympathische junge Leute gleichen Stils bei mir.“ Schade.

Ich habe mich immer gefreut, wenn ich junge Christen traf, die sagten: „Mir macht es Riesenfreude, mit alten Menschen zu reden.“ Wenn man die ganze Weite der Jesusgemeinde erlebt, mit ihren reichen Erfahrungen und ihrem umfassenden Wissen, wenn sie aus ihrem Leben erzählen und die Alten die Jungen wieder erleben, mit manchen umstürzlerischen Ideen – das macht den Reichtum der Gemeinde Jesu aus.

Gott will keine Einzelkinder, er will keine Solisten. Er führt uns über die Zäune zueinander.

Es war auf einer großen christlichen Konferenz, bei der die ganzen Gegensätze der verschiedenen Kirchen deutlich wurden. Dann kam die Tradition ins Spiel – ihr kennt das ja: Wenn man über Taufen diskutiert, sollte man bitte nie anfangen, das Thema überhaupt anzuschneiden. Dann geraten sie alle in Streit.

In dieser streitenden Diskussionsrunde rief einer dieser Evangelisten damals aus Sri Lanka ein herrliches Wort hinein: „Don't look on us, look on him.“ Guckt doch von euch weg auf Jesus. Guckt doch von eurer Sache mal weg, wenn euch das treibt, dass ihr Zeugen von Jesus sein wollt.

Gemeinschaft in Ehe und Familie

Ich möchte noch ein Wort an die Verliebten und die jungen Ehepaare richten. Es ist ein Irrglaube zu denken, dass heute alle Ehen problemlos verlaufen. Jede Ehe ist ein großes Wagnis.

Manche sagen: „Wir beten doch, und Beten sorgt nicht dafür, dass alles funktioniert.“ Wisst ihr, was das Bindemittel zwischen zwei Ehepartnern ist? Das ist merkwürdig: Verliebte sind oft grundverschiedliche Menschen. Sie tragen alle Gegensätze in sich – Frühaufsteher und Spätaufsteher, pingelig oder oberflächlich, chaotisch. Wie bringt man das zusammen?

Es gibt nur einen Klebstoff: dass sie ganz oft miteinander auf die Knie gehen und sagen: „Herr Jesus, du kennst mich.“ Dann geht einem nie mehr über die Lippen: „Aber mein Mann“ oder „aber meine Frau.“ Wenn man unter dem Kreuz Jesu steht, wird die Gemeinde Jesu in der kleinsten Einheit gelebt.

Wenn Eltern mit ihren Kindern das durchmachen, bei allem, was nervt, dann sind wir unter dem Kreuz von Jesus begnadigte Menschen. Wir gehören zusammen und erleben, wie Jesus etwas Neues schafft. Er macht heilige Menschen – heilige Menschen!

Die Bedeutung der Heiligen in der Gemeinde

Fritz von Bodelschwing, der Sohn des Gründers von Bethel und der berühmte Verfasser des Liedgedichts „Nun gehören unsere Ärzte“, war ein ganzer Mann von Golgatha. Er erzählte einmal, dass ihm als Kind das Schrecklichste war, wenn er in der Kinderbibel von seiner Mutter von den Heiligen erzählt bekam. Er dachte immer, das müsse ja furchtbar unpraktisch sein. Er lief so gern über die Wege, und er stellte sich vor, wie es sein müsste, mit so einem Heiligenschein durch die Welt zu laufen, ohne dass er herunterfallen darf.

Doch dann begriff er: Halt mal, der Heilige ist doch etwas ganz anderes. Auf seine anschauliche Art fragte er: Wer waren denn die Heiligen, zu denen uns der Herr hinführt? Die Heiligen, so sagte Bodelschwing, das sind doch die Leute, die auf den Bäumen von Jerusalem herumgeklettert sind und die Palmzweige abgehauen haben. Das waren doch die mit den schwierigen Händen, die Handwerker! Aber sie hatten tief im Herzen die Freude an Jesus.

Er erklärt weiter, dass es oft wie bei der Auferweckung des Lazarus sei. Man merkt gar nicht, wie der Tote lebendig wird. Da fängt das Neue im Herzen an, aber man spürt es, als würden Funken aus dem dunklen Herzen herauskommen, weil Jesus etwas Neues begonnen hat. Dieses Wunder wollen wir erleben – das Wunder Jesu, der neue Menschen macht und heiligt.

Wir gehören zu dieser herrlichen Familie. Zu welcher Familie? Zu der Familie der Apostel, der Heiligen. Die Apostel waren ja auch so ein Häuflein. Petrus war eher ein Schlägertyp. Ich hoffe, dass keiner von Ihnen ein Schwert dabei hat. Petrus konnte dem Schwert auch noch zuschlagen, das war also schon hart. Und da waren alle möglichen Typen dabei.

Aber Jesus hat in diesem Leben seine Geschichte gehabt. Jetzt sagt Paulus diesen Leuten in Ephesus: Merkt ihr nicht, dass Jesus in euch auch so etwas machen will? Er will seine Geschichte bei euch machen. Mit all euren Schwächen und Versagen möchte er in eurem Leben wirken, wie bei Maria von Magdala, bei Phoebe und bei Lydia. Er will in deinem Leben eine ganz wunderbare Geschichte machen.

Er ist doch der Macher. Wir sind doch gar nicht die Macher. Öffne dich, genieße die Gemeinschaft! Es gibt so viele Orte, an denen du diese Jesusgemeinde findest. Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem du einsam sein musst. Ich meine, es gibt heute kein Volk mehr, in dem es nicht eine Jesusgemeinde gibt. Selbst in Bhutan und in längst verschlossenen Ländern gibt es eine Jesusgemeinde.

Und da gehören wir hin, vom ersten bis zum letzten Tag. Dort sind wir nicht bloß Gäste und Fremdlinge, sondern Hausgenossen. Wir gehören dazu, weil Jesus uns begnadigt hat und uns da haben will.

Die Bedeutung der biblischen Grundlage für die Gemeinde

Und was sind denn die Propheten, zu denen wir dazugehören? Die Propheten im Alten Bund haben immer mehr von der Wirklichkeit Gottes eingefangen.

Manche Christen kennen nur die Geschichte vom lieben Gott. Sie wissen nicht, dass unser Gott auch ein zerstörendes Feuer sein kann und dass Gott mit uns ins Gericht gehen kann. Deshalb ist es wichtig, dass man zu einer Gemeinde gehört, die auf dem neutestamentlichen und alttestamentlichen Wort steht.

Liebe Schwestern und Brüder, wer eine Seite aus dem Alten Testament herausreißt, steht vor einem Haufen leerer Blätter. Dann fällt die ganze Bibel auseinander. Wir wollen zu der Jesusgemeinde gehören, in der die ganze Bibel allein Richtschnur und Quellgrund ist, mit dem man lebt. Und dazu gehören wir, ganz gleich, welche Konfession das ist.

Wir sind schon Bürger mit den Heiligen, schon Gottes Hausgenossen. Wir haben heute schon Zugang zu den himmlischen Schätzen. Jesus Christus ist der Eckstein dieses Baus. Wir haben Miteigentumsrecht im Himmel, wir gehören dazu, wir sind begünstigt und begnadigt. Oft nehmen wir uns diesen Schatz gar nicht richtig bewusst.

Gemeinde als Ort des Wohlfühlens und der Gottesnähe

Noch ein letzter Punkt: Ein Platz zum Wohlfühlen ist die Gemeinde. Ein Platz zum Wohlfühlen spielt heute eine ganz große Rolle – das Wohlfühlen in unserer Gesellschaft.

Ich komme aus Heslach. In meiner Umgebung gibt es 80 Ausländer, in ganz Heslach insgesamt sogar 60 Ausländer. Dort hat Lenin 1907 schon beim Sozialistenkongress gewohnt. Das ist ein traditionsreicher Fleck in Stuttgart. Die Altbürger haben es dort ein bisschen schwer. Sie sammeln sich bei der Hucketze. Wissen Sie, was eine Hucketze ist? Das ist etwas zum Wohlfühlen.

Ein Erschäufelfest heißt es. Dort sitzt man auf Bänken und Schrannen, und es gibt etwas zu essen, zum Beispiel Braten und Spätzle. Dann spielt jemand auf der Ziehharmonika – so ein Platz zum Wohlfühlen. Sie kennen das auch von den Vereinsfesten, ob bei den Kaninchenzüchtern, Hasenzüchtern oder beim Liederkranz – überall gibt es einen Platz zum Wohlfühlen.

Jetzt sagen Sie vielleicht: Das ist nicht meine Kultur. Ich bin junger Mensch, ich will mehr wie die Rocker, ich will eine Lichtorgel und laute Musik haben, ich will Beatbetrieb, damit ich mich wohlfühle. Aber passen Sie mal auf: In der Gemeinde ist es gar nicht so wichtig, ob Sie sich wohlfühlen.

Ich glaube, die ganze Diskussion ist heute verkehrt. Natürlich ist es nett, wenn man schön vorbereitet, das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber das Entscheidende ist, ob Gott sich wohlfühlt. Eine Behausung Gottes, eine Gemeinde, ist eine Wohnung Gottes. Ob Gott sich heute Mittag in unserer Nähe wohlfühlt, ist entscheidend.

Oh, dann will ich davonrennen, ich kann doch gar nicht in die Nähe Gottes gehen! Ah, da müssen wir mit dem Wohlfühlen aufpassen: Es sollte unsere ganze Anstrengung sein, dass Gott sich in unseren Gemeinden wohlfühlt. Dass er kommen kann, dass er redet, damit er in unseren Herzen wirkt.

Dafür ist es nötig, dass wir Schuld ablegen, uns reinigen lassen und erneuern lassen, damit Gott sich wohlfühlt bei uns. Damit er uns beschenken kann und durch seinen Geist Wohnung bei uns macht.

Viele junge Leute heute wollen die Gemeinde nach einem Ideal konstruieren. Ihr lieben jungen Leute, das funktioniert nicht. Es gibt nirgendwo eine reine Gemeinde, auch keine ideale Gemeinde. Auch die Gemeinde von Ephesus hatte, wie die von Korinth, viele Mängel.

Aber das Wichtigste ist, dass Gott dort Wohnung macht, mit Menschen arbeitet und an Menschen seine Liebe und Güte ausbreitet. Darum sind wir so dankbar, dass es diesen Platz hier in Eichlingen gibt. Und wir sind dankbar, dass es unzählige andere Plätze gibt, irgendwo auf der Welt, im Kongo oder in Indonesien.

Zeugnisse von Gemeindeerfahrungen weltweit

Einer der ersten Missionare, die nach Feuerland ausgereist sind, war Gardiner. Ihm lagen die Pescheren besonders am Herzen. Charles Darwin hatte über diese Tiere gesagt, sie seien eigentlich nicht veredelungsfähig. Gardiner, ein ehemaliger Offizier, meinte jedoch: „Denen möchte ich von Jesus erzählen, ich möchte sie zur Jesusgemeinde bringen.“

Als es dort schließlich eine Gemeinde gab, schrieb Gardiner an Darwin: „Ich möchte Ehrenmitglied in Ihrem Missionsverein werden. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich ist, dass Menschen so verändert werden können.“

Wenn wir bei der gefährdeten Hilfe Wegscheide sind, die sich um Gefangene kümmert, müssen Sie sich einmal anschauen, wie junge Leute dort kommen, die schon von ihrer Familie und Herkunft her viel Dunkelheit in sich tragen. Diese jungen Menschen nehmen sie mit in die Jesusgemeinde. Gott freut sich, wenn er Menschen verändern kann. Und wir gehören mit dazu.

Denkt niemand, er sei besser als andere. Wir dürfen dabei sein, wir dürfen an all diesen Orten dabei sein. Ich vergesse nie, wie ich einmal in Uganda das Samit erlebt habe, bei einer Gemeinde von Aussätzigen. Sie saßen dort mit verfaulten Gliedmaßen, unappetitlich und eklig. Es waren die Letzten auf einer Insel an der Grenze zu Ruanda. Doch dann sangen sie: „Welch ein Freund ist unser Jesus.“

In diesem Moment waren wir uns plötzlich ganz nahe. All das Andere war vergessen, auch die ekligen Wunden. In Jesus fühlten wir das größte Geheimnis.

Einladung zur Gemeinschaft trotz persönlicher Schwächen

Wenn du das erleben kannst – in deinen Nöten, in deinen Anfechtungen, in deinen Zweifeln – suche die Jesusgemeinde. Suche dort, wo Jesus, der Gekreuzigte, an dir wirken kann. Lass dir alles abbrechen, was dich hochmütig und stolz macht.

Dann wirst du für dein Leben diese herrliche Erfahrung machen: Trotz aller Mängel, Fehler, vieler Schwierigkeiten und Enttäuschungen geschieht immer wieder genau dieses Wunder. Jesus nimmt uns hinein in seine große Gemeinde, die heute schon in der Ewigkeit um seinen Thron versammelt ist. Es dauert ja nicht mehr lange, dann sind wir hoffentlich dabei.

Wir wollen diesen Schatz hier in dieser Welt schon genießen. Wir wollen beten: Danke, Herr, dass du uns zu deiner Gemeinde gerufen hast. Verzeih uns, wo wir uns immer wieder für besser, für frömmer oder für überlegen gehalten haben. Dabei ist es das Wunder, dass du uns haben willst, uns dazu nimmst und uns brauchst.

Wir möchten dich bitten, dass deine Gemeinde auch durch unseren Dienst wächst, auch an den Orten, wo wir sind. Dass wir Menschen immer wieder dorthin führen können, wo du bauen und erneuern kannst. Lass uns deine Herrlichkeit sehen.

Wir denken jetzt auch an die, die abgeschnitten sind, an die Kranken, die sich sehnen, jetzt unter uns zu sein. Die traurig sind, dass wir die Jesusgemeinde zu ihnen hintragen, an ihr Krankenbett. Dass wir sie trösten, mit ihnen beten und Lieder singen. Dass sie wissen: Sie sind nicht allein, sondern du bist da und hältst sie. Du bist ihr Friede, sonst nichts.

Und dann, Herr, gebrauche uns, dass wir deine Zeugen sein können. Amen.