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Die PRedigt des Wortes - Die PRägung der Heiligen

Epheser Reihe, Teil 27/49
09.04.2006Epheser 4,11-13
SERIE - Teil 27 / 49Epheser Reihe

Einführung: Gemeindewachstum als göttlicher Wunsch

Von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde, jede lebendige Gemeinde sehnt sich danach zu wachsen. Und es ist Gott selbst, der will, dass seine Gemeinde wächst. Der Begriff Gemeindewachstum wurde in Deutschland in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts populär. Vor allem durch die sogenannte Gemeindewachstumsbewegung, die aus den Vereinigten Staaten mit ihren Ausläufern zu uns herüberkam.

Man muss jedoch sagen, dass die Gemeindewachstumsbewegung den Gemeindebau und das Gemeindewachstum nicht erfunden hat. Die Bibel berichtet davon. Wir lassen uns jetzt nicht von dem kleinen Mann stören: Dein Papa kommt gleich wieder, notfalls läufst du einfach hinterher. Okay.

Die Bibel selbst berichtet voller Freude vom Geburtstag der Gemeinde an Pfingsten. Dort heißt es in Apostelgeschichte 2,41: An diesem Tag wurden etwa dreitausend Menschen hinzugefügt. Das nenne ich Gemeindewachstum.

Schon Jesus hatte das Wachstum des Reiches Gottes und damit auch das Wachstum seiner Gemeinde angekündigt und dargestellt. Zum Beispiel mit dem Gleichnis vom Senfkorn in Matthäus 13,31. Dort sagt Jesus selbst: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste unter allen Samenkörnern. Wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, sodass die Vögel unter dem Himmel kommen und in seinen Zweigen wohnen.

Das kleine Senfkorn wächst – so auch das Gemeindewachstum.

Paulus, der Apostel Paulus, verglich die Gemeinde in 1. Korinther 3 mit einem wachsenden Ackerfeld. Er schrieb in 1. Korinther 3,6: Ich habe gepflanzt, also die Gemeinde praktisch gegründet, Apollos, ein anderer Mitarbeiter, hat begossen, und Gott hat das Wachstum gegeben.

Und in Vers 9 heißt es: Wir sind Gottes Mitarbeiter, ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.

Also halten wir fest: Gott will Gemeindewachstum.

Qualität und Quantität im Gemeindewachstum

Und wenn die Bibel von Wachstum spricht, meint sie damit immer ein qualifiziertes Wachstum. Es geht nicht nur darum, dass die Zahlen steigen, sondern auch um ein Wachstum in die Tiefe.

Die Bibel stellt Qualität und Quantität, also Tiefgang und Menge, niemals gegeneinander. Gott will beides. Leider haben viele gut gemeinte Wachstumskonzepte und Wachstumsmodelle diesen Zusammenhang von Qualität und Quantität aus den Augen verloren – meist zulasten der Qualität und des Inhalts.

Zum Beispiel wurde über das Konzept von Willow Creek einmal gesagt: Diese Gemeinde sei einen Kilometer breit, aber nur einen Zentimeter tief. Das ist Quantität auf Kosten der Qualität. Dahinter steckt meist ein guter Wille.

Oft liegt die Absicht darin, besonders viele Menschen zu gewinnen. Dabei kann es schnell passieren, dass man in die Falle des Pragmatismus tappt. Um bestimmte Ziele zu erreichen, werden dann Grundsätze aufgegeben. Der Zweck heiligt die Mittel.

Um mehr Quantität zu erzielen, opfert man an manchen Stellen vielleicht etwas von der biblischen Qualität. Man möchte zahlenmäßige Resultate sehen – und das möglichst schnell und in großer Menge. Dafür nehmen manche gewisse inhaltliche Kompromisse in Kauf und bedienen sich teilweise fragwürdiger PR-Methoden, also Public-Relations-Werbemaßnahmen.

Gegen Werbung ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Auch wir machen Werbung, wenn wir unsere Zettel verteilen oder Anzeigen in Zeitungen schalten. Aber es stellt sich immer die Frage, ob die Art der Werbung dem Inhalt, für den geworben wird, auch wirklich angemessen ist.

Manche orientieren sich stärker an Managementprinzipien als an biblischen Grundlagen. Andere versuchen, die Hörer mit Marketingmethoden gezielt anzusprechen, um dann zu wissen, wie sie predigen sollen und diese Marketingerkenntnisse entsprechend anzuwenden.

Kritische Auseinandersetzung mit modernen Gemeindemodellen

Zum Thema Gemeindewachstum ist in der Christenheit inzwischen ein stärkeres Problembewusstsein gewachsen. Einer unserer Freunde, Wilfried Glock, hat dazu vor einiger Zeit ein Buch geschrieben, das den Titel „Gott ist nicht pragmatisch“ trägt. Darin setzt er sich mit solchen Tendenzen auseinander und bezieht sich vor allem auf die Bücher von Rick Warren, die in letzter Zeit ziemlich viel Furore gemacht haben. Einmal ist dies „Kirche mit Vision“ und dann das noch häufiger verkaufte „Leben mit Vision“.

Wer sich mit dieser Problematik auseinandersetzen möchte, dem sei Wilfried Glock sehr empfohlen. Ebenso die letzte Ausgabe unserer bekennenden Kirche, in der Wilfried Glock und ich jeweils einen Aufsatz zum Stichwort Rick Warren geschrieben haben.

Ein anderes Beispiel für Gemeindemodelle und Gemeindewachstumskonzepte ist die berühmte Vorlage von Willow Creek. Auch dazu gibt es inzwischen eine sehr gründliche, gute und kritische Untersuchung von G. A. Pritchard, die den Titel „Willow Creek – die Kirche der Zukunft?“ trägt.

Ein drittes, zurzeit ziemlich verbreitetes Modell, das an manchen Stellen leider auch mit dem Problem des Pragmatismus zu tun hat, ist der sogenannte Alpha-Kurs. Auch dazu sind inzwischen hilfreiche Untersuchungen erschienen, etwa die von Patrick Tchui mit dem Titel „Die Alphabälle“ oder ein relativ kurzer Aufsatz von Steffen Denker, der im Bibelbund Verlag erschienen ist.

Wenn man sich mit diesen Themen auseinandersetzen möchte, kann ich gerne einiges an Literatur empfehlen und zur Verfügung stellen.

Die Gefahr des Pragmatismus und die Balance zwischen Wachstum und Inhalt

Worauf ich hinaus will: Die große Gefahr besteht darin, dass dort, wo eine tiefe Sehnsucht nach Wachstum vorhanden ist, der Pragmatismus gewissermaßen durch die Hintertür Einzug hält. Das Gespenst des Pragmatismus lauert bereits um die Ecke. Aus Angst, das Wachstum der Zahlen zu gefährden, gibt man Inhalte auf oder drängt sie an den Rand.

Ein Beispiel dafür ist Willow Creek. Dort wurde die Frage der Heiligkeit sowie des Ernstes und Zorns Gottes in den Predigten irgendwann nicht mehr in ausreichendem Maße behandelt, um die Menschen nicht zu verschrecken. Doch der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Da diese Entwicklung existiert, reagieren manche wachen Christen empfindlich, wenn sie das Wort Gemeindewachstum hören. Sie bekommen rote Ohren oder feuchte Hände und denken: „Brrr, was mag das sein? Was kommt da schon wieder an pragmatischen Fehlentwicklungen durch die Hintertür zu uns herein?“

Allerdings kann es dabei auch passieren, dass man das Kind mit dem Bade ausschüttet. Es kann sehr schnell passieren, dass man irgendwann überhaupt kein Interesse mehr am Gemeindewachstum hat.

Es ist ja auch so gemütlich im kleinen Kreis, wo uns keiner stört. Dort kennt man sich, und man braucht oder will gar nicht unbedingt Wachstum. Es ist doch so schön und vertraut. Man möchte nicht in seiner Ruhe gestört werden. Und wenn schon, dann sollen höchstens solche zu uns kommen, die auch von ihrer ganzen Anlage her zu uns passen, wie wir meinen.

Deshalb gilt: Vorsicht vor Wachstum, denn es könnte unbequem werden.

Gottes Auftrag zum Wachstum und das Festmahl als Bild

Liebe Gemeinde,

wir sollen an Gemeindewachstum interessiert sein, weil Gott selbst daran interessiert ist. In Lukas 14 vergleicht Jesus seinen Vater im Himmel mit einem Hausherrn, der ein großes Festmahl organisiert.

Dazu schickt er einen Knecht mit einem klaren Auftrag hinaus. In Lukas 14, Vers 23 heißt es: „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune“, also zu den Menschen, die normalerweise nicht hereinkommen. Er soll sie nötigen, drängen und dringend einladen, hereinzukommen, „damit mein Haus voll werde“.

Das ist ein ganz bewegendes Wort Jesu. Gott will ein volles Haus. Er möchte, dass sein Haus voll wird.

Darum ist es für uns heute ein großes Vorrecht, dass wir in unserer Predigtreihe im Epheserbrief auf eine der entscheidenden Stellen zum Thema Gemeindewachstum stoßen. Diese Passage ist eine der Schlüsselstellen zum Thema Gemeindewachstum: Epheser 4, Verse 11-16.

Einführung in das Konzept des Gemeindewachstums nach Paulus

Wir beginnen heute mit unserer Untersuchung und werden sie in zwei Wochen abschließen, da Ostern in 14 Tagen ist. Dabei betrachten wir diese sechs Verse ausführlich.

Lesen wir den Text gemeinsam: „Sie haben ihn vor sich, und er, nämlich Gott, hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden.“

Hier finden wir bereits den ersten Hinweis auf Wachstum: Der Leib Christi soll erbaut werden. Weiter heißt es: „Erbaut werden, bis wir alle hingelang zu Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig sind und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.“

Dann folgt der Aufruf: „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und Macht, dass der Leib wächst und sich selbst auferbaut in der Liebe.“

Dies sind nicht nur Stichworte, die klassisch für Gemeindebau und Wachstum stehen. Paulus gibt uns hier ein Konzept an die Hand. Er zeigt, wie Gemeindewachstum funktioniert, wenn ich das so ausdrücken darf.

Man hätte sich viele Handbücher zum Gemeindewachstum ersparen können, wenn man diese Verse etwas ausführlicher studiert hätte. Unser Thema heute lautet daher: Göttliche Prinzipien des Gemeindewachstums. Heute behandeln wir Teil 1, in 14 Tagen folgt Teil 2.

Prinzipien bedeuten nicht göttliche Schnellrezepte für Gemeindewachstum. Es heißt nicht, dass wir heute etwas anwenden und morgen die Gemeinde voll ist. Prinzipien sind Aufträge, die Gott uns gibt, eine Richtung, die er uns weist.

Er sagt, dass er zu seiner Zeit die Früchte schenken und erkennbar machen wird – zu Gottes Zeit und nach Gottes Plan. Das können wir nicht berechnen. Wir können nicht einfach sagen, wir haben die richtigen Prinzipien und erwarten sofort sichtbare Ergebnisse.

Wir sind in der Hand des souveränen Gottes – das müssen wir bei allem bedenken. Dennoch sind diese Prinzipien ungemein wichtig für die langfristige Ausrichtung unserer Gemeindearbeit.

Wenn wir fragen, wohin wir gehen und worauf wir setzen, ist es entscheidend, diese Prinzipien wirklich zu verstehen und Schritt für Schritt in die Praxis unserer Gemeinde umzusetzen.

Vielfalt der Gaben und Einheit der Gemeinde

Vor vier Tagen haben wir gesehen, was diesen göttlichen Prinzipien des Gemeindewachstums vorausgeht. Paulus beschreibt dort die Vielfalt der Gaben und Begabungen in der Gemeinde. Er macht deutlich, wie sehr Jesus auf die Einheit der Gemeinde achtet. Das finden wir in Epheser 4,1-6, wo es um die Einheit der Gemeinde geht.

So sehr der Herr die Gemeinde auf dem Fundament der einen gemeinsamen Wahrheit gründet und erbaut, so vielfältig sind die Begabungen und Fähigkeiten, mit denen er uns ausrüstet. Dieses Thema behandeln die Verse 7 bis 11, die wir uns vor vierzehn Tagen angeschaut haben.

Ihr seid Handarbeit Gottes, keine Massenware. Einheit bedeutet nicht, dass alle gleich aussehen und nur noch Kopien eines christlichen Prototyps darstellen. Gott geht mit jedem seiner Kinder einen maßgeschneiderten Weg.

Deshalb hatte Paulus in Vers 7 das so ausdrücklich auf den Einzelnen bezogen. Er sagt: Einerseits gibt es die große Einheit, aber in Vers 7 heißt es: „Jedem einzelnen ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi“, also jedem ganz speziell.

Die Gnade, von der Paulus hier spricht, ist nicht die Erlösungsgnade. Diese ist für jeden Christen gleich. Jeder wird durch die Gnade Gottes aufgrund seines Glaubens an Jesus Christus gerettet und wird Gottes Kind. Das gilt für alle gleichermaßen.

Aber die Gnade, von der Paulus hier spricht, ist sozusagen die Dienstgnade. Gott gibt dem, den er durch seine Gnade zu seinem Kind macht, auch eine bestimmte Ausstattung, eine bestimmte Ausrüstung mit. Diese hat Christus jedem seiner Nachfolger in ganz spezieller Weise zugeteilt.

Du bist speziell begabt – das hat Paulus jedem der Epheser ins Stammbuch geschrieben, und das gilt genauso für uns. Das macht die Vielfalt der Gemeinde aus. Wir haben bereits gesagt: Wir sind keine eintönige Behörde, sondern als Gemeinde eine abwechslungsreiche, lebhafte Familie. Manchmal ist sie schwierig, aber immer spannend – so wie das eben mit Familien so ist.

Jeder hat etwas dazu beizutragen, sagt Paulus. Du bist speziell begabt. Gott hat für jeden von uns einen Platz, an dem er uns haben will. Jeder von uns muss sich immer wieder fragen: Bin ich ein treuer Haushalter über die Gaben und Begabungen, die Gott mir anvertraut hat?

Die Dynamik des Gemeindewachstums durch Gaben

Paulus hat das in den Versen 7 bis 11 geklärt. Er erklärt, wie Gott den Einzelnen mit Begabungen ausstattet. Nun geht er einen Schritt weiter. Er zeigt, wie Gott mit diesen Gaben, die er seinen einzelnen Menschen schenkt, seine Gemeinde baut.

Paulus macht deutlich, wie Jesus Christus durch die Dynamik dieser Gaben das Wachstum seiner Gemeinde bewirkt. Wenn wir also möchten, dass unsere bekennende evangelische Gemeinde im Sinne Gottes wächst, müssen wir verstehen, wie diese Dynamik funktioniert.

Deshalb wollen wir uns jetzt in den nächsten Minuten mit den göttlichen Prinzipien des Gemeindewachstums beschäftigen. Man könnte diese Predigt auch mit dem Titel „PR-Maßnahmen nach Paulus“ überschreiben. PR steht hier nicht für „Public Relations“, sondern für etwas anderes, das Sie gleich erkennen werden.

Zunächst lesen wir noch einmal die Verse 11 und 12: Paulus sagt, dass einige als Apostel eingesetzt wurden, andere als Propheten, wieder andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer. Das geschieht, damit die Heiligen ausgerüstet werden zum Werk des Dienstes.

Die Ämter der Gemeinde und ihre Bedeutung

Das ist auch interessant. Am Anfang der Gemeinde hat Jesus die Apostel und Propheten eingesetzt. Sie legten das Fundament zu einer Zeit, als es noch keine Bibel gab.

Mit den Propheten sind hier nicht die Propheten des Alten Testaments gemeint, sondern jene Propheten, die zur Zeit der ersten Gemeinde ihren Dienst noch taten. Das haben wir bereits in Epheser 3,5 gesehen. Paulus sagt dort, dass Gott, was früher nicht bekannt war, jetzt seinen Aposteln und Propheten durch den Heiligen Geist offenbart hat. Es handelt sich also um neutestamentliche Propheten.

So wie „Gesetz und Propheten“ ein Sammelbegriff für das Alte Testament ist, so ist „Apostel und Propheten“ ein Sammelbegriff für das Neue Testament. Diesen Männern, den Aposteln und Propheten, hat Gott seinen Willen offenbart. Ihnen hat er den Auftrag gegeben, seine Offenbarung zu empfangen und weiterzugeben.

Durch diese Männer bringt Gott den Inhalt der Bibel zum Abschluss, den biblischen Kanon in seiner Substanz. Nun ist klar: Ein Fundament muss nur einmal gelegt werden. Jeder Mensch hat nur einen echten Geburtstag. Man wird also irgendwann, zum Beispiel am 17.3.1960, geboren – nur diesen einen Geburtstag.

Das Fundament eines Hauses wird ebenfalls nur ein einziges Mal gelegt. Deshalb sind diese speziellen Gaben und Aufgaben der Apostel und Propheten auch auf jene Anfangszeit der Gemeinde beschränkt.

Im letzten Buch unseres Neuen Testaments stehen kurz vor Schluss Sätze, die nicht nur für dieses letzte Buch gelten, sondern für die ganze Bibel. In Offenbarung 22,18-19 heißt es:

„Ich bezeuge allen, die die Worte der Weissagung in diesem Buch hören: Wenn jemand etwas hinzufügt, wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben sind. Und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buchs dieser Weissagung, wird Gott ihm seinen Anteil am Baum des Lebens wegnehmen.“

Das bezieht sich zunächst auf das Offenbarungsbuch, gilt aber für die gesamte Bibel. Wir sollen nichts wegnehmen, aber auch nichts hinzufügen. Die Bibel ist abgeschlossen. Gott hat seinen Willen verbindlich und endgültig durch die Apostel und Propheten mitgeteilt.

Die fortdauernden Ämter: Evangelisten, Hirten und Lehrer

Als dieser Schritt vollzogen war, setzte Gott weitere Ämter ein, die auf diesem Fundament aufbauen. Diese Ämter gibt es bis heute noch. Dazu gehören die Evangelisten sowie die Hirten und Lehrer.

Evangelisten sind diejenigen, die das Evangelium an Nichtchristen weitergeben. Das ist ihre vordringliche Aufgabe. Hat Gott jeden Christen prinzipiell damit beauftragt? Ja, wir alle sollen seine Zeugen sein und in unserem Umfeld Menschen mit dem Evangelium erreichen. Dennoch hat Gott auch spezielle Evangelisten berufen, die diese Aufgabe als ihren Schwerpunkt und besondere Gabe haben. Sie rufen die Menschen gewissermaßen in die Gemeinde hinein.

Dann folgen die Hirten und Lehrer, die für diejenigen zuständig sind, die bereits zur Gemeinde gehören. Diese Menschen müssen unterwiesen, weitergeführt, gestärkt und geistlich ernährt werden. Wahrscheinlich handelt es sich bei Hirten und Lehrern um ein und dasselbe Amt. Das erkennt man schon an der griechischen Grammatik: Es steht nur einmal der bestimmte Artikel. Wenn Hirten und Lehrer zwei getrennte Ämter wären, müsste der Artikel zweimal vorkommen. Deshalb meint die Formulierung wahrscheinlich ein Amt, das beide Funktionen vereint.

Das ist auch logisch: Wie weiden die Hirten die Gemeinde? In erster Linie dadurch, dass sie sie lehren. Sie versorgen und ernähren die Gemeinde durch die biblische Wahrheit, führen sie durch diese Wahrheit und schützen sie vor Angriffen von außen. Hirten sind also Lehrer.

In amerikanischen Gemeinden wird der Pastor, der die Hauptpredigt hält, oft als Pastor Teacher bezeichnet, also Hirte und Lehrer. Diese Bezeichnung orientiert sich an der Formulierung bei Paulus. Evangelisten sowie Hirten und Lehrer gibt es bis heute.

Schon an diesen Ämtern, die den Aposteln und Propheten folgen, zeigt Gott den engen Zusammenhang zwischen Evangelisten und Hirten. Es gibt eine Verbindung zwischen Evangelisation und der Einfügung in eine Gemeinde. Diese darf man nicht trennen.

Jesus hat das im Matthäus 28 deutlich gemacht: Der Missionsbefehl, der in alle Welt geht, ist zugleich ein Lehrbefehl. Die, die gerufen werden, sollen alles halten, was Jesus geboten hat. Mission, Evangelisation und Lehre dürfen nicht auseinandergerissen werden.

John Wesley hat es sehr treffend formuliert: Wer Menschen zum Glauben ruft, aber nicht dafür sorgt, dass sie im Glauben gestärkt und versorgt werden und wachsen können, der zeugt Kinder für den Mörder.

Wir tragen daher die Verantwortung, nicht Kinder für den Mörder zu zeugen, sondern sowohl für Evangelisation als auch für die Hirtenverantwortung. Das bedeutet, die Menschen, die gewonnen wurden, weiterzuführen und im Glauben zu stärken.

Erste Erkenntnis: Die Predigt des Wortes als Grundlage

Nun wenden wir uns unserem ersten Ergebnis zu. Wenn wir fragen, was all diesen vier Ämtern gemeinsam ist – den Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern – und wo das Prinzip für das Gemeindewachstum liegt, dann erkennen wir Folgendes:

Alle diese Ämter und Dienste wirken in erster Linie durch die Predigt des Wortes Gottes. Dies ist die erste Maßnahme für Gemeindewachstum nach Paulus. Die Predigt des Wortes Gottes ist also die erste und wichtigste Grundlage für das Wachstum der Gemeinde.

Alle vier Ämter sind dadurch geprägt, dass sie der Predigt des Wortes Gottes dienen. Die Apostel haben zwar auch Wunder gewirkt, doch diese dienten dazu, ihre Predigt zu bestätigen und die Offenbarung, die sie im Auftrag Gottes niedergeschrieben haben, zu unterstreichen.

Das ist die entscheidende Methode, mit der Gott seine Gemeinde baut und gesund wachsen lässt. Er setzt Menschen ein, die sein Wort predigen und lehren. Das kann man gewissermaßen als Paragraph 1, Absatz 1 des Gemeindewachstums bezeichnen.

Ich werde häufig von Menschen gefragt, die aus Süddeutschland oder anderen Gegenden anrufen: „Können Sie mir eine Gemeinde empfehlen, zu der ich am Sonntag gehen kann?“ Das ist oft schwer zu beantworten. Der Rat, den ich dann gebe – auch wenn ich die Menschen oft nicht persönlich kenne –, lautet: Suchen Sie eine Gemeinde, in der vor allem eines gewährleistet ist: eine treue und gründliche Predigt der biblischen Botschaft.

Das sollte Ihr Maßstab und Kriterium sein. Suchen Sie eine Gemeinde, in der das Wort Gottes treu und gründlich gepredigt wird.

An vielen Orten unseres Landes – und nicht nur hier – begegnet man einer gewissen Geringschätzung der Predigt. Die Predigt wird immer mehr aus dem Mittelpunkt des Gottesdienstes verdrängt. Sie wird zunehmend ersetzt durch Theaterstücke, Dialoge oder andere Elemente, mit denen man meint, den Gottesdienst auflockern zu müssen.

Oft gibt es dann vielleicht noch zehn oder zwölf Minuten Predigt, aber sie ist nicht mehr der eigentliche Schwerpunkt, die Auslegung des Wortes Gottes. Diese Entwicklung ist an vielen Stellen zu beobachten.

Gleichzeitig gibt es aber auch das genaue Gegenteil: An vielen Stellen unseres Landes entsteht ein Hunger nach Predigt. Es ist nicht selten, dass mir jemand sagt: „In meiner ganzen Umgebung ist es so schwer, eine treue Verkündigung zu finden.“ Es gibt einen echten Hunger nach Predigt.

Wenn eine Gemeinde wachsen soll, dann braucht sie zuallererst die Predigt des Wortes. Deshalb beruft Gott Evangelisten, Hirten und Lehrer.

Die Bedeutung der Predigt als Ausdruck der Hirtenstimme

Luther hat in den Schmalkaldischen Artikeln etwas sehr Interessantes gesagt. Er fragte: Was ist die Kirche, was ist die Gemeinde Jesu Christi?

Dann erklärte er: Es weiß Gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche ist, nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören. Die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören, sagt Luther, das ist die Kirche Jesu Christi.

Das heißt: Die Christen sind dadurch ausgezeichnet, dass sie in der Regel erkennen, ob in der Predigt die Stimme des guten Hirten durchklingt oder nicht. Die Stimme des guten Hirten ist ja nicht die Stimme des Pastors, sondern die Stimme Jesu.

Luther betont, dass dies die Christen kennzeichnet: Sie erkennen die Stimme des guten Hirten. Und das ist immer die entscheidende Frage, wenn ich eine Predigt höre: Spricht aus dieser Predigt die Stimme Jesu? Spricht aus dieser Predigt die Stimme des guten Hirten oder nicht?

Jesus als Vorbild der Predigt

Und noch etwas Interessantes sehen wir an Jesus selbst. Jesus, der gute Hirte, hat uns dieses Prinzip vorgelebt: das erste PR-Prinzip nach Paulus, die Predigt des Wortes.

Was war der Schwerpunkt von Jesu Dienst? Wir sind ja zurzeit im Markus-Evangelium in der Bibelstunde und gehen ziemlich gründlich die einzelnen Passagen durch. Dabei haben wir ganz klar festgestellt: Der Hauptschwerpunkt des Dienstes Jesu lag auf der Predigt.

Das hat er immer wieder betont, zum Beispiel in Markus 1,38. Dort sagt er: „Lasst uns nun von Kapernaum aus gehen in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“ (Markus 1,38) Er ist auch gekommen, um Wunder zu tun, und er ist auch gekommen, um andere Dinge zu sagen und zu tun. Aber sein Hauptziel war es, zu predigen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es manche Berater Jesu gab, die ihm rieten, eine andere Methode zu wählen: „Lass die Leute nicht so lange zuhören, setze mehr auf deine Wundertätigkeit, stelle diese mehr in den Vordergrund und mache eine kurze Anwendung. Dann wirst du die Leute schon auf deine Seite ziehen.“ Doch Jesus sagte klar: „Ich bin gekommen, um zu predigen.“

Oft wird berichtet, dass er lange Predigten hielt. Manchmal predigte er sogar so lange, dass die Leute nichts mehr zu essen bekamen. Diese Gefahr droht vielleicht auch heute noch.

Jesus hat gepredigt, und dieses Grundmodell hat er nicht nur vorgegeben und vorgelebt, sondern auch weitergegeben. Die Prediger der zweiten Generation waren anders. Das waren seine Apostel, die Apostel der ersten Stunde. Er sandte sie vor allem zum Volk Israel aus. Und wissen Sie, was er ihnen bei dieser Aussendung mit auf den Weg gab? In Matthäus 10 gab er ihnen viele Anweisungen. Das eigentliche Ziel war jedoch, dass er ihnen deutlich machte: Ihr sollt gehen, um zu predigen.

 Matthäus 10, Vers 7 sagt: „Geht hin und predigt und sagt: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ So war die zweite Generation.

Die dritte Generation der Prediger wird angeführt von wem? Natürlich vom Apostel Paulus, der später nach der Auferstehung dazukam. Und wissen Sie, was Paulus über seinen Dienst sagt? In 1. Korinther 1,17 sagt er: „Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen.“ Dazu sei er gesandt worden. Er sei als Prediger gekommen.

Sie sind alle sozusagen im Gefolge Jesu in diesen Dienst hineingezogen worden. Ein Pastor hat einmal gesagt: „Gott hatte nur einen Sohn, und er machte einen Prediger aus ihm.“ So hat Jesus es dann an seine Apostel weitergegeben, und so hat es Paulus in der dritten Generation erreicht.

Ja, und wer ist dann der Prediger der vierten Generation? Da fällt uns zunächst natürlich Timotheus ein, genau, Timotheus, der Schüler des Paulus. Was schreibt Paulus ihm in diesem großen persönlichen Brief, seinem Vermächtnis, dem zweiten Timotheusbrief? Dort sagt er in 2. Timotheus 4,2: „Predige das Wort! Stehe dazu, zur Zeit oder zur Unzeit, aber predige das Wort!“

Timotheus sollte nicht nur der Prediger der vierten Generation sein, sondern auch Prediger der fünften, sechsten und siebten Generation heranziehen. Paulus gab ihm an einer anderen Stelle folgenden Auftrag: In 2. Timotheus 2,2 heißt es: „Was du von mir gehört hast, Timotheus, vor vielen Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die ihrerseits tüchtig sind, auch andere zu lehren.“

Also soll Timotheus das, was er gelernt hat, an andere weitergeben und sie ausrüsten, damit sie wiederum Verkündiger werden und andere lehren. Das sind dann die Prediger der fünften und aller folgenden Generationen.

Ich denke, diese Ahnenreihe spricht eine laute und deutliche Sprache. Sie sagt uns, dass das erste Grundprinzip des Gemeindewachstums die Predigt des Wortes ist. Darin liegt nicht nur eine Aufgabe für jene Männer, die berufen sind zu predigen, sondern auch eine Aufgabe für die Gemeinde, die berufen ist zu hören.

Verkündigung zu hören ist eine ausgesprochen aktive Arbeit – auch für alle, die im Gottesdienst sitzen. Sören Kierkegaard, der dänische Philosoph, hat das einmal sinngemäß so beschrieben: Er sagt, Christen verhalten sich manchmal, als säßen sie wie Theaterbesucher im Publikum. Vorne auf der Bühne steht der Prediger, der das vorführt. Alle sitzen und, wenn es gut läuft, klatschen sie am Ende Beifall und gehen fröhlich nach Hause.

Von Gott her ist es aber anders gedacht, sagt Kierkegaard. Die Schauspieler auf der Bühne, dort, wo die eigentlichen Dinge geschehen, und zwar die ganze Woche über und nicht nur am Sonntag, das sind alle Christen. Und was ist der Pastor? Der Pastor ist wie der Souffleur am Sonntag, der sie an ihre vergessenen Sätze erinnert. Der Verkündiger ist der Souffleur.

Die eigentlichen Protagonisten, die die Arbeit zu tun haben, das ist die Gemeinde, die die ganze Woche über auf der Bühne des Lebens als Zeugen Gottes agiert. Der Pastor hat die Aufgabe, als Souffleur zu wirken, der sich an die Zeilen erinnert, die Gott ihm vorgegeben hat.

Predigt hören ist genauso Arbeit wie Predigt halten. Darauf zielt Paulus hier ab. Er sagt, einige seien eingesetzt als Hirten und Lehrer, und zwar damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.

Darum ist es zunächst für jeden Christen eine Aufgabe, Verkündigung zu suchen, damit er in diesen Prozess, von dem Paulus spricht, hineinkommt. Es ist eine Aufgabe jedes Christen, mit offenem Herzen und aufgeschlagener Bibel Verkündigung zu hören.

Martin Luther hat gesagt: Die Predigt von Gottes Wort ist die höchste Form, ihn zu verehren. Und das gilt nicht nur für das aktive Predigen des Predigers, sondern auch für das aktive Predigthören der Gemeinde.

Predigt hören mit gehorsamsbereitem Herzen ist Anbetung Gottes.

John MacArthur wurde einmal von einem Kollegen gefragt, wie bei ihm der Gottesdienst abläuft. Er sagte: „Bei mir halte ich eine kurze Predigt, so zwölf, dreizehn Minuten, und dann singen wir viel und machen viel anderes.“ Darauf fragte der Kollege: „Wie ist es denn bei Ihnen?“ MacArthur antwortete: „Wir singen natürlich und beten, und dann kommt die Predigt. Die Predigt ist ziemlich lang, sie kann 45 Minuten dauern, manchmal auch ein bisschen länger.“

Der Kollege sagte daraufhin: „Aber Mensch, mit Ihrem vielen Reden unterbrechen Sie doch die Anbetung Gottes.“ MacArthur versuchte ihm klarzumachen: „Nein, das ist ein wichtiger Teil der Anbetung Gottes. Wir ehren Gott, wir beten ihn an, wenn wir uns gemeinsam auf sein Wort ausrichten, ihm zuhören und mit gehorsamsbereitem Herzen nach seinem Willen fragen.“

Damit unterbrechen wir nicht die Anbetung, sondern wir praktizieren Anbetung, wenn wir predigen und Predigt hören.

Also, das ist das Erste: die Predigt des Wortes.

Zweites Prinzip: Die Prägung der Heiligen zum Dienst

Und nun das Zweite – das schaffen wir noch. Es ist etwas kürzer als das Erste für heute.

Die Predigt des Wortes ist kein Selbstzweck, sondern geschieht mit einem ganz bestimmten Ziel. In Vers 12 heißt es, dass die Heiligen zugerüstet werden sollen zum Werk des Dienstes. Das ist das zweite Prinzip des Gemeindewachstums. Oder wir könnten sagen: Das ist die zweite Maßnahme nach Paulus, nach der Predigt des Wortes, nämlich zweitens die Prägung der Heiligen.

Die Heiligen sollen die Predigt nicht nur genießen und dann in ihrem Herzen bis zum nächsten Sonntag verschließen. Vielmehr sollen sie durch die Predigt gestärkt, ausgerichtet, ermutigt und instruiert werden – und zwar zu ihrem eigenen Dienst. Der Prediger ist nicht der Vortänzer, sondern eher ein kirchlicher Souffleur.

Vers 12 zeigt einen revolutionären Grundsatz, der in vielen Epochen der Kirchengeschichte verschüttet war. Schauen wir genau hin: Was sagt Gott da? Wozu gab er diese Ämter? Wenn man nicht genau hinsieht, kann man diesen Satz auch anders übersetzen – und so ist er oft übersetzt worden im Lauf der Kirchengeschichte.

Man hat gesagt, Vers 12: Die Ämter sind zur Zurüstung der Heiligen, zum Werk des Dienstes. Verstehen Sie, da wird es ganz schief. Dann sind die Ämter dazu da, die Heiligen zuzurüsten und selbst das Werk des Dienstes zu tun. Das sagt der Satz aber nicht.

Der Satz sagt: Die Ämter sind dazu da, die Heiligen zuzurüsten, damit sie das Werk des Dienstes tun. Verstehen Sie? Das sind zwei völlig verschiedene Aussagen. Entweder: Die Ämter tun das Werk des Dienstes. Oder: Die Ämter rüsten die Heiligen aus, damit diese selbst das Werk des Dienstes tun.

Man nennt das fatale Komma, das fälschlicherweise gesetzt wurde. Wenn man den Satz richtig übersetzt, heißt es: Die Heiligen werden zugerüstet zum Werk des Dienstes, damit sie selber das Werk des Dienstes tun. Kein Komma dazwischen.

Die Ämter sind also dazu da, die Heiligen zuzurüsten, damit diese dann das Werk des Dienstes tun. So ist das hier gemeint. Das heißt, das Werk des Dienstes ist überhaupt nicht auf die Ämter beschränkt.

Paulus zieht genau das Gegenteil davon. Die Arbeit im Gemeindebau ist die Sache aller Heiligen – aller Christen. Und dazu sollen Hirten und Lehrer sie zurüsten. So ist es gemeint.

Die Prägung der Heiligen soll durch das Wort geschehen. In diesem einen Vers ist eine ganze Amtstheologie enthalten. Nicht so, dass es den Klerus gibt und hier die Laien, und die einen machen alle Arbeit, während die anderen nur zuhören.

Sie wissen wahrscheinlich, dass die Gemeinde Jesu in ihrer Geschichte immer wieder auf der einen oder anderen Seite vom Pferd gefallen ist. Es gab Zeiten, in denen der Klerikalismus herrschte. Da wurde alles auf die Amtsträger konzentriert, und es durfte nur einer den Mund aufmachen, wenn er einen Talar anhatte. Das ist eine Fehlentwicklung.

Dann gab es Gegenbewegungen, die sagten: Wozu brauchen wir überhaupt diese ganzen speziellen Ämter und Aufgaben? Wozu brauchen wir Hauptamtliche? Wozu lohnt es sich überhaupt, Theologie zu studieren? Wir können doch alle dasselbe machen.

Das war eine Form von Antiklerikalismus. Dieser Vers zeigt, dass beides verkehrt ist. Beides verhindert die Dynamik, durch die Jesus seine Gemeinde wachsen lassen will.

Vers 11 spricht von den speziellen Ämtern. Paulus sagt, diese Ämter sind gegeben, nicht damit sie die ganze Arbeit tun oder einsam an der Spitze stehen. Sondern sie sind dazu da, dass die Heiligen – also alle Christen – ausgerüstet werden, damit sie den entscheidenden Teil des Dienstes tun.

So ist das gemeint. Und das heißt nun: Wenn Jesus Christus dich begabt und du zu ihm gehörst, dann hat er dich auch begabt. Er lässt dich mit dieser Gabe nicht allein, sondern hilft dir, deine Gaben auszubilden.

Dazu setzt er die Dienste ein. Es ist im Grunde die Aufgabe der Gemeindeleiter, der Hirten und Lehrer, den Einzelnen zu helfen, ihre Gaben zu entdecken, weiter auszubilden und einzusetzen.

Dadurch wächst Gemeinde – durch die Predigt des Wortes und durch die Prägung der Heiligen. Damit die Heiligen zum Werk des Dienstes zugerüstet werden. So soll der Leib Christi erbaut werden.

Bedeutung der Bibelstunde als Lehrveranstaltung

Wissen Sie, das ist ein Grund, warum uns in unserer Gemeinde die Bibelstunde am Donnerstagabend so wichtig ist. In vielen Gemeinden wurde die Bibelstunde einfach gestrichen. Dort sagt man: Wir haben so viele Aktivitäten, warum sollten wir noch eine Bibelstunde anbieten?

Die Bibelstunde ist uns wichtig, weil sie neben dem Gottesdienst eine zentrale Lehrveranstaltung der Gemeinde darstellt. Sie ist ein Angebot für alle Heiligen, um sich vertieft mit der Auslegung der Bibel zu beschäftigen. So kann das Wort Gottes immer besser verstanden werden. Außerdem gibt die Bibelstunde Anregungen zum eigenen Bibelstudium und hilft, die Hintergründe der Bibel besser zu erkennen.

In meiner früheren Gemeinde in Osnabrück habe ich ein gutes Prinzip kennengelernt, an dem wir hier auch festhalten: Am Donnerstagabend, wenn die Bibelstunde stattfand, gab es grundsätzlich keine andere Gemeindeveranstaltung. Das bedeutet, dass an diesem Abend prinzipiell keine weiteren Veranstaltungen lagen.

Das war nicht dazu gedacht, alle zu zwingen, zur Bibelstunde zu kommen. Vielmehr sollte deutlich gemacht werden, dass jeder Mitarbeiter in der Gemeinde – und jeder ist ja irgendwo ein Mitarbeiter – die Chance haben sollte, an der Bibelstunde teilzunehmen. So kann man im Glauben gestärkt und in der Erkenntnis des Wortes Gottes gefestigt werden.

Nach diesem Grundsatz bieten wir auch hier unsere Bibelstunde an. Das ist kein Zwang und kein Druck. Viele Leute haben gute Gründe, warum sie es zurzeit einfach nicht schaffen, daran teilzunehmen, und das ist auch nicht schlimm.

Aber es ist ein ernstes und sehr ernst gemeintes Angebot, das allen in der Gemeinde eine weitere Hilfe im Sinne des Gemeindeaufbaus sein soll. Wo diese Dynamik greift, von der Paulus hier redet, da kann eine Gemeinde reifen, innerlich wachsen und stark werden.

Ziel des Wachstums: Reifung zur Einheit und Erkenntnis Christi

Und das ist das Letzte, was ich Ihnen heute zeigen möchte.

Was bedeutet nun diese Prägung der Heiligen im Einzelnen? Das zeigt uns Paulus zum Schluss in Vers 13. Er sagt, der Leib Christi werde gebaut, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi.

Hier geht es um eines: um Reifung. Paulus sagt, das Ganze zielt darauf ab, dass die Gemeinde, dass die einzelnen Christen geistlich reifen sollen. Er spricht vom vollendeten Mann, das heißt vom voll ausgewachsenen Mann. Paulus spricht hier also nicht über die Schönheit der Gemeinde, sondern über die Reife der Gemeinde. Deshalb spricht er vom voll ausgewachsenen Mann.

Die Gemeinde ist der Leib Christi, und die reife Gemeinde ist der voll ausgewachsene Männerkörper – so etwas sagt Paulus hier. Er spricht von einer ausgewachsenen Reife und sagt, das ist die Bestimmung der Gemeinde. Dorthin soll sie wachsen.

Die Gemeinde soll ausreifen. Sie soll Christus immer ähnlicher werden. Die Gemeinde soll in ihrem Zusammenleben immer stärker bestimmt werden von den biblischen Maßstäben. Sie soll sich immer bewusster werden ihrer höchsten Bestimmung, nämlich den lebendigen Gott zu ehren, ihn zu loben und zu seiner Ehre zu leben – mit ihrer ganzen Existenz.

Aber eine Gemeinde kann nur als Ganzes reifen, wenn die einzelnen Glieder der Gemeinde reifen. Darum zeigt Paulus hier, wie das praktisch geht: Schafft Reife! Er sagt: bis wir alle – und da bindet er die Leute von Vers 11 und Vers 12 zusammen.

Wir alle – und damit meint er die Leute aus Vers 11 und Vers 12 –, wir Evangelisten, und vorausgesetzt wir sind ja noch Apostel, wir Apostel und Evangelisten und Hirten und Lehrer und alle Heiligen aus Vers 12, wir alle wollen reifen zur Einheit des Glaubens hin.

Das heißt, wir wollen immer mehr fest werden in dieser Einheit. Und wodurch werden wir das? Durch die Erkenntnis des Sohnes.

Bis wir alle immer mehr hinwachsen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes.

Schauen Sie, das ist der Schlüssel zur geistlichen Reife: die Erkenntnis des Sohnes Gottes. Die ganze Zurüstung der Heiligen zielt darauf ab, dass wir alle wachsen in der Erkenntnis des Sohnes Gottes.

Das Wort, das hier im Griechischen für Erkenntnis steht, ist ein besonders starkes Wort. Es ist nicht einfach „Gnosis“ für Erkenntnis, sondern „Epignosis“ – also richtig eine Durcherkenntnis, eine vertiefte Erkenntnis, eine verstärkte Erkenntnis.

Das heißt immer zweierlei Erkenntnis Christi:

Erstens, dass wir mehr über ihn wissen, dass wir ihn als Person immer besser kennen.

Deshalb bin ich so dankbar, dass wir zurzeit in der Bibelstunde intensiv das Markus-Evangelium studieren und immer wieder studieren, wer Jesus ist, was Jesus tut, wie Jesus sich verhält, und welche neuen Aspekte wir von Jesus lernen.

Zweitens heißt kennen und erkennen dann auch, in der persönlichen Verbindung zu ihm zu wachsen, im Vertrauen zu ihm zu wachsen, in der Hingabe an ihn zu wachsen, im Gehorsam zu ihm zu wachsen und im Leben mit ihm zu wachsen.

Paulus sagt, das ist der Weg zur Reife des einzelnen Christen und der einzelnen Gemeinde: dass wir in der Erkenntnis Christi wachsen.

Und dass wir so immer stärker werden in der Einheit des Glaubens und dadurch als ganze Gemeinde immer mehr hinwachsen zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi.

Dadurch kommt es zu innerem Gemeindewachstum. Und das drängt dann immer mehr nach außen. Es will immer mehr Menschen in diesen Prozess hineinziehen.

Zusammenfassung der ersten beiden göttlichen Prinzipien

Zwei göttliche Prinzipien haben wir heute Morgen kennengelernt – zwei PR-Maßnahmen nach Paulus. Das eine ist die Predigt des Wortes, und das zweite ist die Prägung der Heiligen.

Wissen Sie, was Prägung bewirkt? Prägung bewirkt Profil. Gott will, dass wir wirklich profilierte Menschen sind. Er möchte, dass wir im besten Sinne des Wortes gezeichnete Menschen sind, deren Leben etwas von der Erkenntnis Christi widerspiegelt. Dass wir ihm ähnlicher werden, dass wir geprägt und profiliert werden durch Christus.

Was Profil bedeutet, kann man sich gut an unseren Autoreifen verdeutlichen. Neulich sprach mich ein Garagennachbar an und sagte: „Also, bei Ihren Reifen ist überhaupt kein Profil mehr drauf. Wenn die Polizei Sie das nächste Mal sieht, kassieren die den Wagen ein.“ Ohne Profil kann man schnell ausrutschen und ins Schleudern geraten.

Bei der nächsten Gelegenheit habe ich neue Reifen aufziehen lassen, sogar noch kurz vor den Bibeltagen. Aber es musste sein. Vor wenigen Tagen kam mir ein anderer Garagennachbar freudestrahlend entgegen und sagte: „Na, Sie haben ja neue Reifen, gerade rechtzeitig zum Sommer.“

Ich habe nur gedacht: Meine Zeit, was die lieben Nachbarn so alles mitbekommen! Ich hatte das mit dem Profil nicht einmal selbst bemerkt, aber die Nachbarn hatten es genau gesehen und gewartet, wann ich endlich neue, profilierte Reifen bekomme – und nun waren sie da.

Später habe ich mich gefragt: Welches Profil erkennen die sonst an dir? Nicht das Profil der Reifen, sondern welche Prägung erkennen sie an dir? Welche Prägung erkennt die Welt an uns als Gemeinde?

Einen gründlich profilierten Reifen kann man schnell kaufen. Die Prägung der Heiligen gibt es jedoch nur auf dem Weg, den Paulus hier aufzeigt. Nur so gibt es gesundes Gemeindewachstum.

Das ist auch ein schöner Gedanke: Während der Reifen bei häufiger Benutzung immer mehr vom Profil verliert, macht Gott es mit uns genau umgekehrt. Je länger unsere Fahrt dauert, desto stärker wird unser Profil. Je länger wir mit Jesus leben und je länger er unser Leben durch Schneegestöber, Geröll, Schlamm, Wüstensand, Wasser und vieles mehr hindurchfahren lässt, desto mehr prägt er sein Wesen und seine Nähe in unser Leben ein.

Das ist das Ziel. So will er uns als Heilige zurüsten. Diese Prägung wollen wir uns von ihm schenken lassen.

In 14 Tagen, also nach Ostern, werden wir in den übrigen Versen noch vier weitere PR-Maßnahmen zum Gemeindewachstum finden. Vielleicht fällt Ihnen die eine oder andere auch schon ein.

Für heute wollen wir diese beiden Prinzipien wirklich festhalten – diese beiden göttlichen Prinzipien des Gemeindewachstums: Das erste ist die Predigt des Wortes, das zweite die Prägung der Heiligen und wie diese geschieht.

Lassen Sie uns für beides immer wieder beten. Bitten wir Gott, dass das in unserer Gemeinde so geschieht, dass er uns dabei festhält und uns immer wieder die Kraft dazu gibt.

Und lassen Sie uns auch darum beten, dass Gott, wenn er es will, uns weiterhin zahlenmäßiges Wachstum schenkt. Dass er Menschen dazu führt – nicht damit wir groß herauskommen, nicht damit unsere Statistik stimmt und wir damit prahlen können, sondern weil noch viele Menschen Gemeinde brauchen.

Gott will, dass sein Haus voll werde. Amen.