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Fortsetzung der Passionswoche, das Gleichnis der 2 Söhne

Das Matthäusevangelium mit Roger Liebi, Teil 47/90
19.06.2022Matthäus 21,18-27
SERIE - Teil 47 / 90Das Matthäusevangelium mit Roger Liebi

Ich möchte alle ganz herzlich zu dieser Bibelklasse begrüßen. Heute setzen wir unser Studium in der Passionswoche fort. Dabei beschäftigen wir uns mit Matthäus 21.

Wir haben bereits die Verse 1 bis 11 betrachtet. Diese beschreiben den Palmsonntag, den königlichen Einzug des Messias nach Jerusalem.

Anschließend haben wir die Verse 12 bis 17 studiert. Dort wird die Tempelreinigung beschrieben, die zweite Tempelreinigung. Die erste Reinigung fand ganz am Anfang des Dienstes des Herrn Jesus statt. Diese hier geschieht am Ende der drei Jahre seines öffentlichen Auftretens.

Unterschiedliche Zeitangaben in den Evangelien

Aber er möchte in Erinnerung rufen: Wir haben gesehen, dass Matthäus wiederholt die Methode der unbestimmten Zeitangabe benutzt. Wenn man nämlich über Palmsonntag liest, in Matthäus 21,10, da rufen sie „Hosanna in der Höhe“, und als er in Jerusalem einzog, kam die ganze Stadt in Bewegung und sprach: „Wer ist dieser?“ Die Volksmengen aber sagten: „Dieser ist der Prophet, Jesus, der von Nazareth in Galiläa.“

Und jetzt Vers 12: „Und Jesus trat in den Tempel ein und trieb alle hinaus, die im Tempel verkauften und kauften.“ Man könnte denken, das war am gleichen Tag, also am Palmsonntag. Das ist es aber eindeutig nicht. Das heißt, Matthäus sagt nicht, wann es war, sondern er sagt, in der Folge war das so. Er betont nicht die Zeitangabe.

Im Gegensatz dazu steht Markus. Das Markus-Evangelium ist ganz stark in der genauen chronologischen zeitlichen Angabe. Da können wir kurz aufschlagen bei Markus 11. Vers 11. Darf ich bitten, Pascal, dass du mal liest?

 Markus 11,11: „Und er zog in Jerusalem ein, in den Tempel, und als er über alles umhergeblickt hatte, ging er, da es schon spät an der Zeit war, mit den Zwölfen hinaus nach Bethanien.“

Und jetzt in Vers 12, man beachte die Zeitangabe: „Und am folgenden Tag, als sie von Bethanien weggegangen waren, hungerte er ihn, und als er von weitem einen Feigenbaum sah, der Blätter hatte, ging er hin, ob er vielleicht etwas an ihm fände. Und als er zu ihm kam, fand er nichts als Blätter, denn es war nicht die Zeit der Feigen. Und er hob an und sprach zu ihm: ‚Nie mehr esse jemand Frucht von dir in Ewigkeit.‘ Und seine Jünger hörten es.“

Und sie kommen nach Jerusalem, und als er in den Tempel eingetreten war, fing er an, hinauszutreiben, die im Tempel verkauften und kauften.

Danke. Also jetzt ist klar: Markus betont in Vers 11, dass der Einzug nach Jerusalem am Ende des Nachmittags stattgefunden hatte. Der Herr ging in den Tempel, schaute den Tempel nochmals genau an. Er liebte das Haus seines Vaters.

Und wir wissen das schon aus Lukas 2, wo der Zwölfjährige den Eltern sagt: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ Als sie ihn vorausvoll im Tempel antrafen und sich wunderten, warum er nicht mit ihnen nach Hause gekommen war. Er liebte den Tempel, und diesen geliebten Tempel schaut er da nochmals an.

Es heißt ausdrücklich, es war schon spät an der Zeit, und er ginge nach Bethanien. Vers 12 markiert dann: „Und am folgenden Tag, als sie von Bethanien weggegangen waren, hungerte ihn.“ Also jetzt ist nicht mehr Sonntag, der erste Tag der Woche, sondern Montag.

Wir sehen dann in Vers 15: „Und sie kommen nach Jerusalem, und als er in den Tempel eingetreten war“, also eben noch an diesem Montag, da findet die Tempelreinigung statt.

In Markus haben wir die genauen Zeitangaben für die gesamte Passionswoche, und darum kann man ganz klar am Text hieb- und stichfest zeigen: am Sonntag, dann Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und die Kreuzigung am Freitag.

Bedeutung der Zeitangaben und die Absicht von Matthäus

Warum betone ich das? Weil viele sagen, das sei alles falsch und nur katholische Tradition. Sie behaupten, das mit Karfreitag stimme gar nicht. Natürlich stimmt es. Das ist keine katholische Tradition, sondern das lehrt das Wort Gottes. Man kann nicht einfach über die ganz präzisen Zeitangaben bei Markus hinweggehen.

Was ist der Grund, warum Matthäus diese Methode der unbestimmten Zeitangabe verwendet? Bei Matthäus ist das ganze Evangelium so aufgebaut, dass es grundsätzlich in zeitlicher Reihenfolge erzählt wird. Die Geburt steht nicht am Schluss, und die Auferstehung nicht am Anfang, das ist klar.

Doch im Verlauf des Lebens des Herrn Jesus, das geschildert wird, werden oft Abschnitte miteinander verbunden, nicht nach der genauen zeitlichen Reihenfolge, sondern nach inhaltlichen Kriterien. Dabei ist wichtig zu betonen: Der König kam nach Jerusalem, und dann machte er als König in Jerusalem Ordnung.

Diese Tempelreinigung sollte ihn als König bestätigen. Darum wird das auch so direkt verknüpft. Matthäus sagt ja nicht, dass es am gleichen Tag geschah. Nein, er berichtet, dass Jesus nach Jerusalem kam und beschreibt dann, wie er in den Tempel ging und den Tempel reinigte. Aber das geschah genau gesagt schon am nächsten Tag. Trotzdem gehören diese Ereignisse eng zusammen.

Die königliche Säulenhalle und die Bedeutung der Tempelreinigung

Wie heißt eigentlich diese Halle, in der man Opfertiere verkaufte? Diese Halle im Tempel hat einen bestimmten Namen.

Die königliche Säulenhalle war im Stil einer antiken Basilika gebaut. Das entspricht auch der Art späterer Kirchenbauten, denn diese wurden nach dem Vorbild der königlichen Säulenhalle errichtet. Solche Kirchen entstanden in späteren Zeiten. Die Basilika gab es in verschiedenen großen Städten im Römischen Reich. Dort befand sich der Sitz des Marktes und des Gerichts.

Im Tempel war die Basilika der Ort, an dem die Opfertiere verkauft wurden. Außerdem war sie der Sitz des Sanhedrins, des obersten Gerichtshofs. Die Basilika war auch dazu geeignet, wenn ein König eine Stadt besuchte. Dann machte er dort seinen majestätischen Auftritt als König – in der Basilika, der Königshalle.

Darum tritt hier am Montag der Herr Jesus als König in der Basilika auf und sagt: „Hinaus, alle hinaus, alle Verkäufer!“ Damit stellt er sich gegen den Sanhedrin, das oberste Gericht. Denn diese hatten die Erlaubnis gegeben, hier zu verkaufen – und zwar oft zu überteuerten Preisen. Der Herr sagt: „Ihr habt das Haus Gottes zu einer Räuberhöhle gemacht.“

Deshalb musste der Sanhedrin Stellung gegen den Herrn Jesus beziehen. Das haben wir beim letzten Mal schon betrachtet. Wir haben nämlich die Verse 23 bis 27 gelesen. Wollen wir sie nochmals ansehen? Dort heißt es: Als er in den Tempel kam und lehrte, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und sprachen: „In welchem Recht tust du diese Dinge, und wer hat dir dieses Recht gegeben?“

Das haben wir schon besprochen, deshalb möchte ich das nicht noch einmal ausführlich erklären. Man kann das im letzten Livestream nachhören. Mir geht es hier vor allem darum, den Zusammenhang klarzumachen.

Übrigens sind wir hier schon am Dienstag. Ich werde das gleich noch anhand des Markus-Evangeliums zeigen. Dort kommen also die führenden Priester und die Ältesten des Volkes – die Mitglieder des Sanhedrins – und fragen: „In welcher Autorität tust du diese Dinge?“

Die Autoritätsfrage und die Taufe Johannes'

Ja, man muss wissen, dass nach 5. Mose jeder Israelit auf die Rechtsprechung an dem Ort hören musste, den der Herr eingesetzt hat, um seinen Namen dort wohnen zu lassen. Wer diesem Rechtsspruch widersteht, musste sterben.

Nun kommt ein Mann aus Nazareth und handelt völlig gegen die Entscheidung des Sanhedrins. Darauf stand die Todesstrafe – außer er wäre höher als der Sanhedrin. Wenn er nämlich der Messias wäre, hätte er das Recht, diese Entscheidung zu korrigieren.

Deshalb fragen sie: In welcher Autorität tust du diese Dinge? Der Herr hat, wie wir beim letzten Mal gesehen haben, geantwortet: Ich habe auch eine Gegenfrage. Johannes der Täufer – in welcher Autorität hat er getauft? War das von Gott oder von den Menschen?

Sie wussten genau, dass Johannes der Täufer erklärt hatte, Jesus von Nazareth sei der Messias. In Johannes 1,29 sagt er: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt.“ Damit sagt Johannes als Prophet, dass dieser Jesus von Nazareth der Messias ist, wie er in Jesaja 53 beschrieben wird – das Lamm Gottes, das für unsere Sünden sterben wird.

Die große Masse der Leute, vor allem aus der Unterschicht, ließ sich von Johannes taufen. Die Pharisäer und die Führer jedoch ließen sich nicht taufen.

Wenn sie also fragen: „In welcher Autorität tust du das?“ – Johannes der Täufer hatte es ja bereits klargemacht. Die große Masse des Volkes war überzeugt, dass er ein Prophet ist. Damit gilt, was Johannes gesagt hat: „Das ist der Messias.“

Doch die Führer haben gelogen und gesagt, sie wüssten es nicht. Sie wussten genau: Wenn sie sagen, die Taufe von Johannes sei nicht von Gott, dann würde das Volk einen Aufstand machen und sie selbst kämen in Schwierigkeiten. Wenn sie aber sagen, es sei von Gott, dann würde Jesus fragen, warum sie nicht geglaubt haben.

Daraufhin sagte der Herr: Dann sage ich euch das auch nicht.

In Matthäus wird dies alles sehr eng zusammengefasst, ohne die zeitlichen Verhältnisse genau zu betonen und den inhaltlichen Zusammenhang detailliert zu zeigen.

Das Wunder des verfluchten Feigenbaums

Jetzt haben wir aber noch etwas ausgelassen, und zwar die Verse acht bis zweiundzwanzig. Achtzehn, oder? Acht? Achtzehn, ja, natürlich.

Frühmorgens, als er in die Stadt zurückkehrte, hungerte ihn. Als er einen Feigenbaum am Weg sah, ging er auf ihn zu und fand nichts daran als nur Blätter. Er sprach zu ihm: „Nie mehr komme Frucht von dir in Ewigkeit!“ Und sogleich verdorrte der Feigenbaum.

Als die Jünger das sahen, verwunderten sie sich und sprachen: „Wie ist der Feigenbaum sogleich verdorrt?“ Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: „Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, werdet ihr nicht allein das mit dem Feigenbaum geschehen tun, sondern selbst wenn ihr zu diesem Berg sagt: ‚Werde aufgehoben und ins Meer geworfen!‘, so wird es geschehen. Und alles, was ihr im Gebet glaubend erbittet, werdet ihr empfangen.“

Im Markus-Evangelium haben wir bereits gesehen, dass diese Verfluchung des Feigenbaums am Montag stattfand (Markus 11,12-14). Von Vers 15 bis 19 wird die Tempelreinigung beschrieben. In Vers 20 heißt es dann: „Und als sie frühmorgens vorbeigingen, sahen sie den Feigenbaum verdorrt von den Wurzeln an.“ Petrus erinnerte sich und sprach zu Jesus: „Rabbi, siehe, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.“

Der Herr gibt dann eine Erklärung dazu: „Und als sie frühmorgens vorbeigingen“ – das macht klar, dass dies am nächsten Tag war. Jetzt sind wir also schon beim Dienstag angelangt.

Bei Matthäus wird hingegen nicht deutlich, dass es an zwei verschiedenen Tagen geschah. Dort wird einfach zusammengefügt, was geschehen war, und dann folgt die Frage. Dabei ist nicht das Zeitliche wichtig, sondern dass die Ereignisse zusammengehören.

Symbolik des Feigenbaums und die Schöpfungstage

Müssen wir uns fragen: Was hat das zu bedeuten? Dieses Wunder ist ein einzigartiges Ereignis im Leben des Herrn Jesus. Warum? Der Herr hat viele Wunder vollbracht, aber warum ist dieses Wunder besonders? Normalerweise hat der Herr Leben geschenkt und Segen gebracht. Hier jedoch sehen wir ein Zeichen des Fluches.

Der Herr tritt hier als Richter auf. Genau das haben wir beim letzten Mal gesehen: An jedem Wochentag wurde im Tempel ein bestimmter Psalm vorgetragen. Am Sonntag war es immer Psalm 24. Das passt genau zum Palmsonntag, wo es heißt in Psalm 24: „Wer ist dieser König der Herrlichkeit, der da einzieht durch die Tore der Urzeit in Jerusalem, durch die uralten Tore?“ Dieses Bild passt exakt zum Einzug Jesu.

Am Montag wurde Psalm 48 vom professionellen Chor und Orchester im Tempel aufgeführt. In Psalm 48 wird der Messias als König und Richter vorgestellt. Deshalb passt es genau, dass der Herr dieses Wunder als Richter vollbracht hat.

Noch etwas wird hier deutlich: Er macht eine klare Scheidung zwischen einem Feigenbaum, der Frucht bringt, und einem Feigenbaum, der keine Frucht trägt. Wir haben gesehen, dass an jedem Wochentag in den Synagogen im Land Israel die Abschnitte des Schöpfungsberichts gelesen wurden.

Am Sonntag las man, wie Gott sprach: „Es werde Licht“, und es ward Licht. Tatsächlich kam der Herr Jesus am Sonntag vom Ölberg, dem Ort, wo morgens die Sonne aufgeht in Jerusalem. Er brachte das Licht in diese finstere Stadt, die ihn wenige Tage später kreuzigen würde.

Am Montag wurde der zweite Schöpfungstag gelesen, an dem Gott eine Scheidung zwischen dem Wasser oben und dem Wasser unten machte. Der Herr vollzog im Tempel eine Scheidung zwischen Heiligem und Unheiligem. Deshalb wurden alle Verkäufer hinausgeworfen.

Er trennt auch zwischen einem Feigenbaum, der Frucht bringt und unter dem Segen steht, und einem Feigenbaum, der keine Frucht bringt und unter den Fluch fällt. Das passt genau zu den Schöpfungstagen.

So geht es weiter durch die gesamte Passionswoche.

Der Feigenbaum als Symbol für Israel

Und jetzt müssen wir uns fragen: Was ist der tiefere Sinn? Was bedeutet der Feigenbaum in der Bibel symbolisch? Ist er ein Bild für Israel? Das ist nämlich eine Sache, bei der man manchmal weiß, was es ist, aber wenn dann jemand fragt, wird es nicht immer geglaubt.

In Lukas 13 können wir das Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum nachlesen. Lukas 13,6-9 erzählt die Geschichte von einem Feigenbaum, der keine Frucht trägt. Er hatte jemand in seinem Weinberg gepflanzt. Der Besitzer kam und suchte Frucht daran, fand aber keine. Er sprach zum Weingärtner: „Siehe, seit drei Jahren komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. Hau ihn ab! Wozu macht er auch das Land unnütz?“

Der Weingärtner antwortete: „Herr, lass ihn noch dieses Jahr stehen, bis ich um ihn herum gegraben und Dünger gelegt habe. Wenn er etwa Frucht bringt, gut, wenn aber nicht, kannst du ihn künftig abhauen.“

Jetzt könnte natürlich jemand sagen: Aber da steht ja nicht, dass der Feigenbaum Israel ist. Das werden wir aber noch sehr deutlich sehen. Man sollte die Stelle in Lukas 13 offenhalten, und wir schlagen noch eine andere Stelle auf: den Propheten Hosea. Hosea 9,10 – jetzt raschelt es wieder, denn nicht jeder hat das offen. Es raschelt, wenn man kleine Propheten aufruft, aber ein Tipp ist, sich das mal auswendig zu merken, dann findet man es später immer.

 Hosea 9,10 sagt: „Ich fand Israel wie Trauben in der Wüste, wie eine Frühfrucht am Feigenbaum, in seinem ersten Trieb.“ Er sah eure Väter, sie aber gingen... Ja, das reicht schon. Hier wird Israel mit Trauben verglichen. Darum ist auch der Weinstock in der Bibel ein Bild für Israel.

In Psalm 80 heißt es sogar ausdrücklich, dass Israel der Weinstock ist. Hier wird Israel mit Trauben und einer Frühfrucht am Feigenbaum verglichen, in seinem ersten Trieb. Also wird Israel mit einem Feigenbaum verglichen.

Nun zurück zum Gleichnis in Lukas 13,6-9: Drei Jahre lang wird Frucht gesucht. Jesus hatte einen öffentlichen Dienst von etwa drei Jahren, vom Jahr 29 bis 32. Das kann man sehr genau datieren. Er reiste durch ganz Israel und predigte in den Synagogen. Die Masse lehnte ihn schließlich ab. Israel brachte keine Frucht für Gott hervor, und deshalb kam das Urteil: Der Feigenbaum ist unnütz und soll umgehauen werden.

Der Weingärtner bittet jedoch um ein weiteres Jahr besondere Pflege. Wenn das nichts nützt – Graben und Dünger legen –, dann kann man ihn künftig abhauen. Dieses eine Jahr entspricht dem Zeitraum von 32 bis 33 n. Chr. Am Ende dieses Jahres wurde Stephanus durch den Sanhedrin gesteinigt.

In diesem Jahr legten die Apostel und die Gläubigen ein wirkungsvolles Zeugnis vor Israel ab. Die Gemeinde kam jeden Tag in welcher Halle zusammen? Im Tempel? Nein, nicht in der Königensäulenhalle, sondern in der Salomonshalle. Apostelgeschichte 5 beschreibt diese Halle, die nicht am Südende des Tempelbergs liegt, sondern entlang der Ostmauer, wo das goldene Tor ist.

Dort versammelte sich die Gemeinde jeden Tag, predigte und evangelisierte. So wurde an diesem Feigenbaum Dünger gelegt und gegraben. Schließlich wurde das Zeugnis des Heiligen Geistes verworfen. Ab diesem Moment begann eine Verfolgung. Die ganze Gemeinde wurde zerstreut und predigte das Wort in Samaria und schließlich in der ganzen Welt.

Dieses besondere Jahr für Israel war vorbei, und das künftige Abschlagen des Baumes geschah im Jahr 70 n. Chr. Damals wurde Jerusalem, die Hauptstadt, dem Erdboden gleichgemacht, und der zweite Tempel versank in Schutt und Asche. Das war das Umhauen des Feigenbaums. In der Folge ging auch der Staat Israel unter.

Jetzt sehen wir den Zusammenhang deutlicher: In Matthäus 21 symbolisiert der Feigenbaum Israel.

Weitere prophetische Belege für die Symbolik

 Joel 1,7 können wir gerade aufschlagen. Schlagen wir doch gerade auf Joel 1 auf. Dort wird der künftige Angriff des Königs des Nordens über Israel beschrieben.

Liest du, Pascal? „Sie hat meinen Weinstock zu einer Wüste gemacht und meinen Feigenbaum zerknickt, sie hat ihn vollständig abgeschält und hingeworfen, seine Ranken sind weiß geworden.“ Jawohl, also von Norden her völlig überrannt.

Das wird dann auch weiter in Kapitel 2 detailliert beschrieben. Es wird klar, dass es hier um eine riesige Armee geht, die gegen Israel kommt und das Land vernichtet. Und eben, wie Andreas sagt, Gott sagt hier: „Sie hat meinen Weinstock zur Wüste gemacht.“ Dieser Weinstock ist Israel. Und dann eben „meinen Feigenbaum zerknickt“ – das ist Israel.

Also, es ist nicht einfach so Fantasie bei dieser Deutung der Symbole. Nun wird klar, wenn der Herr Jesus da Frucht sucht beim Feigenbaum und nichts findet, dann bedeutet das, er hat bei der Nation Israel Frucht gesucht, keine gefunden, und darum kommt der Fluch.

Dieser Fluch hat sich im Jahr siebzig mit dem Untergang Jerusalems und des Tempels erfüllt: „Nie mehr komme Frucht von dir in Ewigkeit.“ Das heißt, er erwartete also nicht mehr, dass aus dem jüdischen Volk von damals noch Frucht kommen würde.

Die biblische Sicht auf Israel und die Gemeinde

Aber schlechte Nachricht für die Ersatztheologie: Die Ersatztheologie behauptet, Israel sei verworfen, und nun habe die Gemeinde oder die Kirche alles geerbt. Doch in Römer 9 bis 11 lesen wir etwas ganz anderes. Können wir kurz aufschlagen?

Man muss sich vorstellen, dass der Römerbrief im Jahr 57 geschrieben wurde, also noch dreizehn Jahre vor dem Jahr 70, als alles unterging. Bereits dort wird die Frage gestellt, und zwar in Römer 11, Vers 1: „Ich sage nun: Hat Gott etwa sein Volk verworfen? Das sei ferne! Denn auch ich bin ein Israelit, vom Geschlecht Abrahams, vom Stamm Benjamin.“

Gott hat sein Volk nicht verworfen, das er zuvor erkannt hat. Jawohl, das ist so klar. Wie kann man daran vorbeigehen? Die weiteren Ausführungen in Römer 11 machen deutlich, dass Israel als Nation für eine Zeit, was das Zeugnis betrifft, auf die Wartebank gestellt wurde. Aber dann, in der Endzeit, wenn die Zeit der Gemeinde vorbei ist und die Vollzahl der Nationen eingegangen ist, wird Israel wieder an seinen Platz eingesetzt als spezielles Zeugnis.

Darum bedeutet der Satz „Von dir komme keine Frucht mehr in Ewigkeit“, dass nicht zu erwarten war, dass es noch eine nationale Umkehr geben würde. Trotzdem hat Gott die Gelegenheit gegeben. Dieses zusätzliche Jahr wurde gewährt, und auch in den weiteren Jahren wurde ständig das Zeugnis weitergegeben. Damit wurde deutlich, dass der Herr Recht hatte.

Es kam zu keiner nationalen Umkehr – und das nicht etwa, weil es einfach Schicksal war, sondern weil es die Verantwortung des Menschen war. Jesus sagt nämlich in Matthäus 23 – wir greifen hier schon ein bisschen vor –, in Vers 37: „Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tötest und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel sammelt. Aber ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen. Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: ‚Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!‘“

Der Herr sagt also, dass er sich so um Jerusalem bemüht hat, und dann macht er den Vorwurf: „Ihr habt nicht gewollt.“ Man sieht daran, dass der Mensch nicht einfach ein Opfer einer Prädestination ist, dem alles vorbestimmt ist. Nein, der Mensch hat einen Willen bekommen und trägt Verantwortung vor Gott. Darum wird der Vorwurf gemacht: „Ihr habt nicht gewollt.“

Die Schuld liegt nicht beim Herrn. Er hätte gewollt. Und Gott ist ein Gott, der möchte, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1. Timotheus 2,4). Petrus formuliert es noch anders: In 2. Petrus 3,9 heißt es, dass Gott nicht will, dass irgendjemand verloren geht, sondern dass jeder zur Buße kommt.

Von Gottes Seite ist hier also die Möglichkeit gegeben. Aber der Herr wusste, dass es zu keiner nationalen Wiederherstellung kommen würde.

Die Bedeutung des Glaubens und der Berg als Symbol

Und dann waren die Jünger natürlich sehr verwundert über dieses ungewöhnliche Zeichen des Gerichts.

In Vers 21 sagt der Herr: „Wenn ihr Glauben habt, könnt ihr das auch, und ihr könnt zu diesem Berg sagen: Werde aufgehoben und ins Meer geworfen.“

Jetzt stellt sich die Frage: Ist das wörtlich gemeint? Dass seine Nachfolger ab und zu mal einen faulen Baum verdorren lassen, als Gericht, oder eben einen Berg umstürzen? Das wäre denkbar.

Man könnte sich aber auch überlegen, ob es im geistlichen, übertragenen Sinn gemeint ist. Die Antwort ergibt sich eigentlich dadurch, dass man weiterlesen muss, die Bibel und die Apostelgeschichte lesen.

Dort finden wir die ersten drei Jahrzehnte des christlichen Zeugnisses der Apostel und derer, die durch die Apostel zum Glauben gekommen waren, und zwar genau vom Jahr 32 bis ins Jahr 62.

Die Apostelgeschichte endet mit Paulus nach zwei Jahren Gefangenschaft in Rom.

Wir sehen nie ein Beispiel, in dem die Jünger einen faulen Baum oder sonst einen Baum verflucht hätten oder einen Berg ins Meer stürzen ließen.

Das ist ein starkes Argument dafür, dass der Herr das im übertragenen Sinn meinte.

Er fügt dann hinzu, in Vers 22: „Und alles, was ihr in eurem Gebet glaubend erbittet, werdet ihr empfangen.“

Es geht also nicht einfach darum, Macht zu zeigen, sondern darum, mächtige Dinge im Gebet zu erbitten.

Es ist eine Mutmachung für erhörtes Gebet.

Das Beispiel aus Sacharja und die Bedeutung des Schlusssteins

Im übertragenen Sinn hilft uns Zacharja 4 weiter. Es war ganz am Anfang der Zeit des zweiten Tempels, nach der Rückkehr aus Babylon. Damals wurde ein bescheidener Tempel aufgebaut, doch es gab viele Probleme im Volk Gottes.

Zerubbabel, der damalige Führer des jüdischen Volkes, war wie ein Esel am Berg. In Zacharja 4, Verse 6 bis 7 lesen wir: „Da antwortete er und sprach zu mir und sagte: Dies ist das Wort des Herrn an Zerubbabel: Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist spricht der Herr der Herrscharen. Wer bist du, großer Berg, vor Zerubbabel? Zur Ebene sollst du werden, und er wird den Schlussstein herausbringen unter lautem Zuruf: Gnade, Gnade ihm!“

Der Tempelbau stieß auf große Schwierigkeiten. Ein riesiger Berg stand vor Zerubbabel. Gott sagt, die Lösung der Probleme im Volk Gottes geschieht nicht durch Heeresmacht oder Gewalt – so kann man auch übersetzen –, sondern durch seinen Geist. Der Herr wirkt durch seinen Geist und kann scheinbar unüberwindliche Probleme, die vor uns stehen, zur Ebene machen.

Dann wird Zerubbabel die Verheißung gegeben, dass er den Schlussstein herausbringen wird. Was ist der Schlussstein? Es ist der Stein, der oben im Bogen eingesetzt wird, damit der ganze Bogen stabil bleibt. Der Schlussstein ist der Abschlussstein des Gebäudes, aber oben, nicht der Eckstein.

Was ist der Eckstein? Manche sagen, das Fundament oder der Grundstein. Der Eckstein ist der erste Stein, der auf das Felsfundament gelegt wird. Durch seine Position gibt er schon zwei Mauerrichtungen vor. Darum ist er so wichtig. Auf Hebräisch heißt er Rosh Pina, der Kopf der Ecke. Er ist der Kopfstein, der die Ausrichtung ganz am Anfang vorgibt – im Gegensatz zum Schlussstein.

Den Eckstein hatten sie schon längst, von ihm aus begann damals der ganze Tempelbau. Aber wie bringt man es fertig, den Schlussstein zu setzen? Das war die große Sorge. Es wird gesagt, der große Berg soll zur Ebene werden. Schließlich wird Zerubbabel den Schlussstein herausbringen, und man wird unter lautem Zuruf sagen: „Gnade, Gnade ihm!“ Durch die Gnade Gottes werden unüberwindliche Probleme überwunden.

Ein schönes Bild: Der Tempelbau ist eine Vorschattung der Gemeinde, die aus lebendigen Steinen besteht (1. Petrus 2). Jeder Gläubige ist ein lebendiger Stein. Wir warten darauf, dass der Letzte zum Glauben kommt, der zur Gemeinde gehören soll. Gott hat in seiner Weisheit festgelegt, wie viele Menschen zur Gemeinde gehören.

Das ist übrigens nicht dasselbe wie die Frage, wer gerettet wird und wer nicht. Auch Menschen, die nach der Entrückung der Gemeinde zum Glauben kommen, werden gerettet. Der Überrest aus Israel, die 144.000 oder die unzählbare Schar aus den Heidenvölkern in Offenbarung 7, die nach der Entrückung zum Glauben kommen, weil sie vorher das Evangelium noch nicht gehört hatten, werden ebenfalls gerettet. Aber sie gehören nicht zur Gemeinde.

Es gibt eine festgelegte Zahl, die Paulus in Römer 11 nennt: Wenn die Vollzahl der Nationen eingegangen ist, wird ganz Israel gerettet werden. Dann kommt die große Erweckung in Israel – eben die Vollzahl. Der Letzte, der zu dieser Zahl gehört und sich bekehrt – das wäre heute wunderbar –, dann würde der Herr kommen und die Gemeinde wegnehmen. Er würde eingefügt als Schlussstein unter lauten Zurufen: „Gnade, Gnade ihm!“

Der Herr macht Mut, dass durch Gebet Gewaltiges geschieht und Berge aufgehoben und ins Meer geworfen werden können.

Gleichnis vom ungehorsamen Sohn und die Reaktion der Führer

Jetzt machen wir weiter und überspringen die Verse 23 bis 27, da wir diese bereits behandelt haben. In diesen Versen ist der Herr weiterhin im Gespräch mit den führenden Personen des Sanhedrins und fügt ein weiteres Gleichnis hinzu.

Pascal, darfst du bitte die Verse 28 bis 32 lesen?

Jesus fragt: „Was meint ihr, der Weinbergbesitzer?“ Er erzählt von einem Mann, der zwei Söhne hatte. Er ging zum ersten Sohn und sagte: ‚Mein Sohn, geh heute in den Weinberg und arbeite!‘ Der Sohn antwortete: ‚Ich will nicht.‘ Später reute es ihn, und er ging doch hin. Dann ging der Vater zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der antwortete: ‚Ich gehe hin,‘ aber er ging nicht.

Jesus fragt: „Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan?“ Die Antwort lautet: „Der Erste.“

Jesus erklärt weiter: „Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und die Huren euch vorangehen werden in das Reich Gottes. Denn Johannes kam zu euch auf dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht. Die Zöllner aber und die Huren glaubten ihm. Ihr aber, als ihr es sahet, habt ihr euch danach nicht geändert, sodass ihr ihm geglaubt hättet.“

Dieser Richter, in welchem Recht urteilt er? Es geht hier um die Tempelreinigung. Der Herr weist auf die Taufe Johannes' hin und möchte von ihnen als Richtern wissen, ob sie von Gott oder nicht war. Sie wussten genau, was sie denken, aber sie lügen. Das ist besonders schlimm, wenn Führer im Volk Gottes lügen. Dann ist die Katastrophe perfekt.

In Vers 27 sagen sie: „Wir wissen es nicht.“ Daraufhin fügt der Herr ein Gleichnis hinzu, das von zwei Kindern handelt. Wir kennen solche Kinder auch heute noch: Kinder, die zuerst „Nein“ sagen und später „Ja“, und solche, die „Ja“ sagen, aber eigentlich „Nein“ meinen.

Jesus vergleicht jene, die zuerst „Nein“ gesagt haben, dann aber umkehrten und „Ja“ sagten, mit Menschen wie Ehebrechern, Zöllnern und Huren. In Vers 31 nennt er Zöllner, die als Volksverräter galten, weil sie mit der römischen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten und von der Unterdrückung Israels profitierten. Die Huren waren Menschen, die Gottes Gebote bewusst missachteten.

Doch gerade diese Menschen reagierten auf die Predigt Johannes' des Täufers. Sie mussten nicht nur getauft werden, sondern zuerst ihre Schuld bekennen. Johannes taufte sie als Zeugnis ihrer Reue und der Vergebung, die sie empfingen. Diese Menschen sagten also zunächst „Nein“ zu Gott, kehrten aber um und sagten „Ja“.

Dann gibt es jene, die sagen „Ich gehe“, aber nicht gehen. Das symbolisiert – entschuldigt die Vereinfachung – die Führer des Volkes, also die Sanhedrin-Leute. Sie taten so, als ob sie Gott und seinem Wort zustimmen, aber in Wirklichkeit sagten sie „Nein“.

Es ist bemerkenswert, wie der Herr mit den Leuten spricht. Wir können davon lernen. Er hätte sie hart und direkt angreifen können, besonders den Hohenpriester, den Vorsitzenden des Sanhedrins, der insgesamt 71 Männer leitete. Stattdessen erzählt er ein Gleichnis. So mussten sie selbst herausfinden, auf wen es sich bezieht – auf sie selbst.

Das ist leichter zu ertragen. Wenn man jemanden direkt angreift, kommt oft Widerstand zurück. Newtons Gesetz von actio gleich reactio gilt auch im Zwischenmenschlichen: Wenn ich mit der Faust gegen die Wand schlage, prallt die Kraft zurück. So ist es auch bei direkten Konfrontationen.

Doch wie der Herr es macht, ist wunderbar. Er verpackt die Wahrheit in eine Geschichte, sodass sie darüber nachdenken können.

Das Gleichnis handelt erneut von einem Sohn. Diesen Sohn werden wir gleich nach der Pause betrachten. Er ist ganz anders als die zuvor genannten: Er sagt „Ja“ und meint es auch so.

Es geht um den Sohn Gottes, den Messias, der vor ihnen stand. Zuerst sprach Jesus über die Führer und das Volk, jetzt spricht er über sich selbst – aber in einem Gleichnis. So lässt es sich besser ertragen, weil man darüber nachdenken muss und es nicht so brutal direkt ist.

Jetzt machen wir zwanzig Minuten Pause.

Vielen Dank an Roger Liebi, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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