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Einführung in den Hebräerbrief

Hebräer 1,1-13,2521.09.2002
Jesus ist mehr als Religion: echt, größer, endgültig. Wer an ihm festhält, verliert nicht – sondern findet Ruhe, Gewissheit und einen Weg, der trägt, wenn alles andere wankt.

Einführung in den Hebräerbrief

Heute Nachmittag wollen wir uns im Sinne einer Einführung mit dem Hebräerbrief beschäftigen. Zu Beginn lese ich Kapitel 1 vor.
 Hebräer 1,1: Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn, den er gesetzt hat zum Erben aller Dinge, durch den er auch die Welten gemacht hat, welcher die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens seiend und alle Dinge durch das Wort seiner Macht tragend, nachdem er durch sich selbst die Reinigung der Sünden gemacht, sich gesetzt hat zu Rechten der Majestät in der Höhe, indem er um so viel besser geworden als die Engel, als er einen vorzüglicheren Namen vor ihnen ererbt hat. Denn zu welchem der Engel hat er je gesagt: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt? Und wiederum: Ich will ihm zum Vater, und er soll mir zum Sohn sein. Und wiederum: Wenn er den Erstgeborenen in den Erdkreis einführt, spricht er: Und alle Engel Gottes sollen ihn anbeten. Und in Bezug auf die Engel zwar spricht er: Der seine Engel zu Winden macht und seine Diener zu einer Feuerflamme, in Bezug auf den Sohn aber: Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, und ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter deines Reiches. Du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst. Darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit Freudenöl über deine Genossen. Und: Du, Herr, hast im Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind Werke deiner Hände. Sie werden untergehen, du aber bleibst. Und sie alle werden veralten wie ein Kleid, und wie ein Gewand wirst du sie zusammenwickeln, und sie werden verwandelt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht vergehen. Zu welchem der Engel aber hat er je gesagt: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße? Sind sie nicht alle dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um der willen, welche die Seligkeit ererben sollen?
Bis dahin.
Das Thema des Hebräerbriefes habe ich auf dem Blatt so umschrieben. Zunächst aber noch eine Frage: Kann jeder auf ein Blatt schauen? Nein? Also, wir können uns sicher gegenseitig aushelfen, dass zum Beispiel Ehepaare zusammenschauen. Das ist eine gute Übung, und so kriegen wir das Problem gelöst. Ich habe nämlich 150 Kopien gemacht und bin ausgegangen von der Zahl der zum Mittagessen angemeldeten. Aber das ist offensichtlich nicht die richtige Zahl, denn nicht alle essen, und das ist auch recht so, wie einem geht. Also, nächstes Mal werde ich dann zweihundert Kopien machen. Aber es ist schon wichtig, dass jeder auf ein Blatt schauen kann, sonst ist es schwierig zu folgen. Können jetzt alle schauen? Hand hoch, wer noch nicht? Da gibt es noch übrige Blätter. Also schnappt sie euch selber!
Das Thema des Hebräerbriefes kann man umschreiben mit: Wir sehen Jesus. Das ist ein guter Titel, denn fünfmal wird im Hebräerbrief über das Jesus sehen gesprochen.
 Hebräer 2,9: Wir sehen aber Jesus, der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
 Hebräer 3,1: Daher, heilige Brüder, Genossen der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und Hohen Priester unseres Bekenntnisses, Jesus, der treu ist dem, der ihn gesetzt hat.
Weiter in Hebräer 7,4. Da geht es um Melchisedek, der ein Hinweis ist auf Jesus Christus. Schaut aber, wie groß dieser war!
Und weiter in Hebräer 12,2: Hinschauend auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher der Schande nicht achtend für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zu Rechten des Thrones Gottes.
Und dann gleich in dem folgenden Satz: Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet, indem ihr in euren Seelen ermattet.
Also, ich wiederhole: Wir sehen Jesus, betrachtet Jesus, schaut, wie groß dieser ist, hinschauend auf Jesus und schließlich betrachtet den, der so großen Widerspruch erduldet hat. Jesus sehen – es geht um die Herrlichkeit des Sohnes Gottes in diesem Brief.
Darum heißt ein Hebräerbriefkommentar als Titel: Wir sehen Jesus. Aber ein anderer Hebräerbriefkommentar hat den Titel Vom Schatten zur Wirklichkeit sehr treffend, denn der Hebräerbrief macht deutlich, dass so viele Geschichten im Alten Testament und auch Einrichtungen in Verbindung mit dem jüdischen Tempel eigentlich Vorausdarstellungen, Schattenbilder von dem sind, was der Messias einmal bringen sollte. Der Hebräerbrief zeigt, wie diese Vorausdarstellungen, diese Schattenbilder, in Jesus Christus zur Wirklichkeit geworden sind. Schatten sind zweidimensional, der Körper dreidimensional. Also haben wir in Christus den Körper, die Verwirklichung von all diesen alttestamentlichen Hinweisen. Wir kommen also vom Bild zur Wirklichkeit, zur Realität.
Die gesamte Botschaft des Hebräerbriefes kann man wie folgt umschreiben: Das Neue, das der Messias Jesus eingeführt hat, steht erhaben über dem alten System des sinaitischen Gesetzes. Die Einrichtungen des Gesetzes waren nur eine umrissartige, schattenhafte Vorausdarstellung dessen, was der verheißene Erlöser einführen sollte.
Und nun Bemerkungen in Bezug auf die Empfänger dieses Briefes: Wegen des Druckes und der Verfolgung durch Volksgenossen standen gewisse jüdische Christen, wenn man will, kann man auch sagen messianische Juden, das heißt Juden, die glauben, dass Jesus der Messias ist, also durch diesen Druck und diese Verfolgung standen gewisse dieser messianischen Juden, die sich nur äußerlich bekehrt hatten, in Gefahr, Jesus als Messias wieder abzulehnen und in ein christusloses Judentum zurückzukehren. Dies würde allerdings katastrophale Konsequenzen haben. Diese Juden mussten daher ermutigt werden, durch den Hebräerbrief die Erhabenheit von Jesus Christus und seinem Werk zu erfassen und völlig zum echten Glauben durchzudringen. Die übrigen, die echt Bekehrten, sollten durch den Blick auf die Herrlichkeit Jesu ermutigt und angespornt werden, auf dem Weg bis zum Ziel durchzuhalten.

Wer den Brief schrieb und an wen er sich richtete

Und nun machen wir uns ein paar Gedanken über den Autor, die Adressaten, also die Briefempfänger, sowie auch über den Zeitpunkt der Abfassung dieses Briefes.
Der Autor wird im Brief selber nicht genannt. Wir haben ja den Anfang gelesen: Da wird nichts davon berichtet, wie sonst bei Briefen im Neuen Testament üblich. Der Empfänger stellt sich mit Namen vor. Er nennt auch die Adressaten, an die er sich richtet, wünscht gute Grüsse, Frieden und Gnade. Davon finden wir im Hebräerbrief nichts. Stattdessen beginnt er gleich mit der Erhabenheit von Jesus Christus. Der Autor wird nicht genannt, es geht eben nicht um ihn, sondern allein um Jesus Christus in seiner Erhabenheit. Das hat nun dazu geführt, dass man vorsichtigerweise, wenn man diesen Brief zitiert, jeweils sagt: der Schreiber des Hebräerbriefes.
Nun ist die Frage, ob wir nicht doch etwas über den Autor erfahren könnten. Allein aus dem Brief heraus kann man feststellen: Er spricht ein wunderschönes literarisches Griechisch. Das Neue Testament wurde ja in einem bestimmten Dialekt abgefasst, im sogenannten Koine-Griechisch. Alexander der Grosse hatte ja um 336 bis 323 v. Chr. die ganze Welt von Griechenland bis nach Indien erobert, auch Teile von Afrika. So wurden die griechische Kultur und auch die griechische Sprache in diesem ganzen Gebiet verbreitet. Sie wurde zur Verkehrssprache, zum Englisch von damals.
Das hatte Konsequenzen für die Sprache. Es gab ja verschiedene griechische Dialekte, wie zum Beispiel das attische Griechisch usw. Dadurch, dass das Griechisch in diesem ganzen Weltreich gesprochen wurde, verschmolzen diese Dialekte. Es entstand dadurch ein allgemein gebräuchliches Griechisch, und das heisst eben Koine. Koine heisst gemeinsam, also das allgemein gebräuchliche Griechisch. Es wurde in verschiedenen Hinsichten abgeschliffen, und so entstand ein Dialekt, der ideal war als Verkehrssprache. In diesem Dialekt wurde das Neue Testament geschrieben, aber der Schreibstil ist je nach Autor im Neuen Testament unterschiedlich.
Der Hebräerbrief ist eines der neutestamentlichen Bücher, das am nächsten noch zum literarischen, klassischen Griechisch steht. Zum Beispiel hat auch Lukas sehr klassisch geschrieben. So können wir also daraus folgern: Der Schreiber des Hebräerbriefes konnte sehr schön Griechisch sprechen, eben sehr schriftstellerisches Griechisch. Aber Gott hat nicht die Sprache der Philosophen verwendet. Das Neue Testament ist eben nicht in einer hochgestochenen Sprache geschrieben. Das will uns viel sagen, das ist eigentlich Programm: Das Evangelium ist für alle Menschen, nicht für eine bestimmte Schicht. Darum wurde im Neuen Testament durch den Heiligen Geist eine Sprache gewählt, die allgemein verständlich sein konnte, aber doch mit deutlichen Unterschieden je nach Schreiber.
Ferner stellt man auch fest: Er war eng vertraut mit der Septuaginta-Übersetzung aus Ägypten. Die Septuaginta ist die älteste Bibelübersetzung des Alten Testaments, und zwar auf Griechisch. Sie wurde im dritten Jahrhundert vor Christus abgefasst. Das war die Bibel der Apostel. Sehr oft wurde bei Zitaten aus dem Alten Testament im Neuen diese Septuaginta verwendet. Nicht immer, nicht bei allen Zitaten, aber sehr oft. Gerade in der Sprache des Hebräerbriefes ist der Bezug zu dieser Übersetzung sehr, sehr deutlich.
Weiter ist klar aus dem Brief, dass der Autor ein Jude war. Denn er sagt in Hebräer 1,1: Nachdem Gott vielfältig und auf mancherlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn. Da macht er sich also mit den Juden eins, die den Messias eben im Land hätten empfangen sollen.
Er gehörte nicht zum Kreis der engen Jünger oder der zwölf Apostel, denn in Hebräer 2,3 spricht er über die Errettung, die Jesus Christus gebracht hat, und erklärt: Wie werden wir entfliehen, wenn wir eine so grosse Errettung vernachlässigen? welche, nachdem sie den Anfang der Verkündigung durch den Herrn empfangen, uns von denen bestätigt worden ist, die es gehört haben, indem Gott ausserdem mitzeugte, sowohl durch Zeichen als durch Wunder und mancherlei Wunderwerke und Austeilungen des Heiligen Geistes nach seinem Willen. Er sagt hier: Die Errettung wurde zuerst durch Jesus Christus verkündigt, und dann wurde sie uns von denen bestätigt, die es gehört hatten. Da nimmt er Bezug auf die ersten Zeugen Jesu, die Apostel, die auch Zeichen und Wunder als Bestätigung getan hatten. Also, er gehört nicht zu diesem engen Kreis, sondern sagt: Wir haben es eben von diesen Zeugen mitbekommen.
Ferner wird aus Hebräer 13,23 deutlich, dass er ein Freund von Timotheus war oder Timotheus ein Freund von ihm. Es heisst am Briefende: Wisst, dass unser Bruder Timotheus freigelassen ist, mit welchem, wenn er bald kommt, ich euch sehen werde.
Ferner sendet er in diesem Brief Grüsse aus Italien. Im nächsten Vers heisst es: Grüsst alle eure Führer und alle Heiligen. Es grüssen euch die von Italien. Also, wenn er Grüsse aus Italien schickt, dann ist der Schreiber des Hebräerbriefes in Italien. Das ist ein italienischer Brief, aber eben auf Griechisch geschrieben.
Die wichtigsten Vorschläge, die so in der Auslegungsliteratur gemacht worden sind – wir wollen uns ja nicht mit allen Unmöglichen abgeben – waren Barnabas und Paulus. Nun, ich meine, es gibt auch Vorschläge, die gemacht worden sind, es sei Priscilla gewesen. Aber es gibt ja wichtige Dinge, mit denen wir uns beschäftigen können, statt mit solchen etwas wirren Ideen. Also Barnabas und Paulus, das sind Autoren, für die es gute Argumente gibt.
Aber weiter kommt hinzu die Handschrift P46, das heisst Papyrus mit der Siegelnummer 46. Es gibt ja heute etwa 5300 griechische Handschriften vom Neuen Testament, und gerade im zwanzigsten Jahrhundert wurden immer ältere entdeckt. In den Dreissigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde der P46 entdeckt, und das ist eine Sammlung von Paulusbriefen. Sie umfasst nahezu alle Paulusbriefe. Damals hat ein Wissenschaftler die Handschrift so angeschaut und aufgrund des Schreibstils der Buchstaben gesagt, das ist wahrscheinlich etwa um zweihundert nach Christus geschrieben worden. Und da können Sie also überall in der Literatur nachlesen: P46 circa zweihundert. Das haben sie alle abgeschrieben.
Aber vor ein paar Jahren hat ein Mann namens Kim eine gründliche Arbeit gemacht. Er hat diese Handschrift ganz neu datiert, und zwar nicht so schnell aufgrund von einer Seite. Er ist zum Schluss gekommen, diese Handschrift stammt aus dem letzten Viertel des ersten Jahrhunderts, ich will sagen 75 bis 100 nach Christus. Das hat natürlich einige Unruhe bewirkt. Gerade unter kritischen Theologen hört man solche Erkenntnisse nicht sehr gerne, aber lassen wir es.
Der hat das also zum ersten Mal wirklich gründlich gemacht, und in dieser Sammlung ist der Hebräerbrief eingeordnet, nach dem Römerbrief und vor dem ersten Korintherbrief. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Bauern in Ägypten im ersten Jahrhundert überzeugt waren, dass Paulus der Autor des Hebräerbriefes war. Und das ist natürlich ein sehr, sehr altes Zeugnis. Übrigens, die Handschrift ist natürlich sowieso sensationell: 75 bis 100 nach Christus bereits eine Sammlung von den Paulusbriefen beieinander. Und wenn man denkt, der Römerbrief ging nach Italien, der Epheserbrief in die Türkei, die Korintherbriefe nach Griechenland, und da sind sie schön alle gesammelt in Ägypten. Da ging es nicht so lange, bis man wusste, welche Bücher eigentlich zum Neuen Testament gehören. Da musste man nicht warten, bis irgendwelche Konzilien das entschieden hätten, sondern man hat diese Briefe sehr früh gesammelt und als apostolisches Wort Gottes aufgenommen.
Nun gibt es noch einen Hinweis im Neuen Testament selbst, 2. Petrus 3,15. Der alte Petrus schreibt aus der Todeszelle um 66, 67 nach Christus. Das ist der letzte Brief, sein Testament, und da erwähnt er die Paulusbriefe. Ach, das ist sensationell, nicht wahr? Im Neuen Testament werden die Paulusbriefe zitiert. 2. Petrus 3,15: Und achtet die Langmut unseres Herrn für Errettung, so wie auch unser geliebter Bruder Paulus, nach der ihm gegebenen Weisheit, euch geschrieben hat, wie auch in allen seinen Briefen, wenn er in denselben von diesen Dingen redet, von denen etliche schwer zu verstehen sind, welche die Unwissenden und Unbefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben.
Also da erwähnt Petrus, der ja einmal von Paulus öffentlich gemassregelt wurde, damals in Antiochia, Gal. 2, unseren geliebten Bruder Paulus. Schön, ja, er hat euch geschrieben. Wer ist euch, an wen richten sich die Petrusbriefe? Das ist nicht schwer: 1. Petrus 1,1: Petrus, Apostel Jesu Christi, den Fremdlingen von der Zerstreuung, Diaspora, von Pontus, Galatien, Kappadokien, Asien und Bithynien, auserwählt nach Vorkenntnis Gottes des Vaters. Er spricht hier Leute an, die in der Diaspora leben, und zwar in verschiedenen Provinzen der heutigen Türkei: Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien. Diaspora, Zerstreuung, ist übrigens ein technischer Ausdruck für die im Ausland lebenden Juden. Also zum Beispiel die Juden in New York heute, das sind Diaspora-Juden, im Gegensatz zu denen, die in Jerusalem oder sonst wo in Israel wohnen. Also er spricht an Diasporajuden, nicht an eine bestimmte Gemeinde.
Nun, der zweite Petrusbrief richtet sich an die gleichen Leute, denn 2. Petrus 3,1 besagt: Diesen zweiten Brief, Geliebte, schreibe ich euch, bereits, in welchen beiden ich durch Erinnerung eure lautere Gesinnung aufwecke. Das ist also klar, beide Briefe richten sich an dieselben Leute. Mit den beiden Briefen wollte er nämlich dasselbe bewirken: das Denken der Gläubigen aufwecken. Und da schreibt er: Unser geliebter Bruder Paulus hat euch geschrieben.
Ja, nun suchen wir einen Paulusbrief, der sich nicht an eine Gemeinde richtet, sondern ein Rundschreiben darstellt, und zwar insbesondere an Juden, an Juden in der Diaspora. Ja gut, da haben wir Probleme. Den Römerbrief können wir abschreiben, die Korintherbriefe, die Galaterbriefe und so weiter und so fort. Wir finden einfach keinen im Neuen Testament, der unter den dreizehn paulinischen Briefen zu finden wäre und der auf dieses Format passt. Ja gut, wir können sagen: Ja, vielleicht spricht er von einem Brief, der eben nicht zum Neuen Testament gehören sollte und darum auch nicht überliefert wurde. Aber der Text hier spricht davon, dass das zu den Schriften gehört. Petrus sagt: Die Paulusbriefe sind ja allgemein schwierig, besonders wenn er von diesen Dingen spricht, also diesen prophetischen Dingen. Sie werden durch die Unwissenden und Unbefestigten verdreht, wie auch die übrigen Schriften.
Der Ausdruck „die Schriften“ im Judentum meint die kanonischen Heiligen Schriften, die zur Bibel gehörenden Schriften. Und Petrus sagt, sie verdrehen die Paulusbriefe genauso wie die übrigen Schriften. Das will sagen: Der Brief an die Diasporajuden gehört zur Heiligen Schrift. Also wir müssen unter den Heiligen Schriften einen Brief finden, der auf diese Kennzeichen passt, und da bleibt leider nur noch der Hebräerbrief. Ich sage leider für die, denen das einfach widerstrebt, dass Paulus der Autor gewesen sei.
Und damit haben wir ein innerbiblisches Argument für die Autorschaft des Hebräerbriefs. Und der Hebräerbrief wird übrigens hier charakterisiert: Achtet die Langmut unseres Herrn für Errettung, wie auch unser Bruder Paulus euch geschrieben hat. Ja, ist das das Thema im Hebräerbrief? Ja, sicher. Ich habe hier auch ein paar Verse hingeschrieben: Hebräer 3,7.15; 4,7. Da wiederholt der Apostel immer wieder dieses Psalmwort: Heute, wenn ihr seine Stimme höret, verhärtet eure Herzen nicht. Gott ist geduldig, jetzt habt ihr noch Chance, wirklich zum vollen Glauben durchzudringen. Wenn ihr das nicht tut, wird der Tag kommen, wo ihr euch verhärten werdet. Also achtet die Langmut des Herrn als Chance für die Errettung. Das ist genau das Thema, das im Hebräerbrief eine ganz entscheidende Rolle spielt.
Und zudem fügt Petrus noch hinzu: So wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat. Natürlich, die Weisheit von Paulus, die finden wir in allen seinen Briefen, aber ich hoffe, wir werden das noch ein bisschen deutlicher sehen im Hebräerbrief. Es ist in ganz besonderer Weise schlicht verblüffend: diese Weisheit, diese Kenntnis des Alten Testaments und diese messianische Anwendung des Alten Testaments nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben.
Nun können wir sagen: Ja, wenn der zweite Petrusbrief um 66, 67 verfasst worden ist, dann der Hebräerbrief noch etwas vorher, also vor diesem Datum.
Nun, in Hebräer 13,18 sagt Paulus zuerst: Betet für uns. Dann Vers 19: Ich bitte euch aber umso mehr, dies zu tun, damit ich euch desto schneller wiedergegeben werde. Also er sagt, man soll für ihn beten, und das würde dazu führen, dass er schneller wieder zu ihnen kommen könnte. Und dann sagt er noch: Übrigens, Timotheus ist bereits aus dem Gefängnis, ja, Vers 23. Und wir haben schon gemerkt, er ist in Italien, Vers 24. Ja, worauf passt das? Das passt auf die erste Gefangenschaft des Paulus in Rom.
Am Ende der Apostelgeschichte, um sechzig nach Christus, gelangte ja Paulus als Gefangener nach Rom, weil er vor den Kaiser Nero gestellt werden sollte. Aber da wartete man noch, bis die Ankläger aus Jerusalem auch kommen würden. Aber die kamen nicht. Paulus war als Gefangener in einer Mietwohnung in Rom, also mit einem Soldaten zusammengekettet, konnte da frei die Leute empfangen und über das Reich Gottes sprechen. So endet die Apostelgeschichte. Lukas sagt, dass er das getan hat zwei volle Jahre. Dieser Ausdruck, dietia, zwei volle Jahre, ist ein juristischer Ausdruck der damaligen Zeit. Die zwei vollen Jahre waren nämlich die Frist, während der man auf Anklagen warten konnte, und dann war es verjährt. Wenn die Anklagen in dieser Frist nicht antraten, wurde der Angeklagte freigegeben.
Und in dieser Zeit hat ja Paulus mehrere Briefe geschrieben: den Epheserbrief, den Kolosserbrief, den Philipperbrief und auch den Philemonbrief. Er unterschreibt effektiv von seiner baldigen Freilassung. Ich lese aus Philipper 1 zunächst einmal in Vers 12: Ich will aber, dass ihr wisst, Brüder, dass meine Umstände mehr zur Förderung des Evangeliums geraten sind, so dass meine Bande in Christus offenbar geworden sind, in dem ganzen Prätorium und allen anderen. Also da, in der kaiserlichen Garde, im Prätorium in Rom, wurde deutlich: Paulus ist eigentlich nur ein Gefangener wegen der Sache des Evangeliums, er ist kein Krimineller.
Und weiter im gleichen Brief, Vers 26, da spricht er von Zuversicht, auf das euer Rühmen in Christus Jesus meine Talben überströme, durch meine Wiederkunft zu euch. Er sagt: Ich komme wieder nach Philippi. Und dann Kapitel 2, Vers 24: Ich vertraue aber im Herrn, dass auch ich selbst bald kommen werde. Gerade kurz vorher schrieb er, Vers 19: Ich hoffe aber in dem Herrn Jesus, Timotheus bald zu euch zu senden. Timotheus kann früher gehen, und nachher sagt er: Ich hoffe, dass auch ich bald kommen werde. Das passt genau mit Hebräer 13: Timotheus ist freigekommen, und ich werde euch auch bald geschenkt werden, wenn ihr für mich betet.
Und dann noch Philemon: Da schreibt Paulus an seinen Freund in Kolosse, Vers 22: Zugleich aber bereite mir auch eine Herberge, denn ich hoffe, dass ich durch eure Gebete euch werde geschenkt werden. Freizukommen, und zwar bewirkt durch die Gebete der Gläubigen. Das entspricht genau Hebräer 13: Betet für mich, damit ich umso schneller euch wiedergegeben werde.
So kam Paulus also offensichtlich wieder frei. Es gibt auch noch einen ausserbiblischen Hinweis aus der alten Kirche, dass Paulus wieder freigekommen war und sogar bis nach Spanien gereist sei. Das war ja schon einmal sein Reiseziel, das er in Römer 15 formuliert hatte, dass er bis nach Spanien kommen möchte, um das Evangelium zu verkündigen. Das hätte er also gemacht, bis an die äusserste Grenze im Westen sei er gegangen. Nachher wurde er wieder verhaftet und kam dann in die Todeszelle nach Rom. Da hat er dann noch seinen letzten Brief, 2. Timotheus, abgefasst und wurde dann um 66, also in der gleichen Zeit wie Petrus, hingerichtet durch Köpfung, weil er römischer Bürger war. Also, das hilft uns, den Hebräerbrief effektiv auf circa 62 nach Christus zu datieren, am Ende der ersten Gefangenschaft.

Warum der Verfasser nicht als Apostel auftritt

Nun, wieso nennt er sich nicht Apostel? Wie sonst in seinen Briefen? Ja, er spricht zu Juden. Ist er ein Apostel der Juden? Nein, wir wissen ganz genau, dass die Zwölf Apostel Apostel für die Gläubigen aus den Juden waren, aber Paulus war Apostel für die Nichtjuden, für die Heiden. So wird das auch in Galater 2 ganz klar formuliert.
 Galater 2,7: Da spricht er von den führenden Christen in Jerusalem und davon, was sie erkannt haben beim Kontakt mit Paulus: „sondern im Gegenteil, als sie sahen, dass mir das Evangelium der Vorhaut anvertraut war“ – also das Evangelium für die Heiden, die sich nicht beschnitten haben –, „gleich wie Petrus das der Beschneidung“, also das für die Juden, „denn der, welcher in Petrus für das Apostelamt der Beschneidung gewirkt hat, hat auch in mir in Bezug auf die Nationen gewirkt. Und als sie die Gnade erkannten, die mir gegeben ist, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen wurden, mir und Barnabas die rechte Hand der Gemeinschaft, auf dass wir unter die Nationen, sie aber unter die Beschneidung gingen.“
So hatte also Paulus seinen Hauptauftrag in Bezug auf die Nichtjuden. Aber wie wir aus der Apostelgeschichte wissen, hat er daraus kein Steckenpferd gemacht, sondern er ist immer strategisch vorgegangen. Wenn er an einen neuen Ort gekommen war, ging er in die Synagoge und hat bei den Juden einen Brückenkopf gefunden. Dort hat er mit der Evangelisation begonnen. Also immer das Evangelium dem Juden zuerst, Römer 1,16, und dann auch dem Heiden. Aber er war kein Apostel für die Juden, und darum nennt er sich auch nirgends Apostel im Hebräerbrief.
Und es kommt noch etwas hinzu, was sonst nie vorkommt im Neuen Testament: In diesem Brief wird Jesus Christus Apostel genannt, das heißt der Gesandte, Hebräer 3,1: „Daher, heilige Brüder, Genossen der himmlischen Berufung, betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus, der treu ist dem, der ihn gesetzt hat.“ Apostel heißt Gesandter. Der Sohn Gottes wurde vom Vater in die Welt gesandt, und insofern nennt der Hebräerbrief ihn Apostel. Aber wenn das Wort Apostel gebraucht wird für den Sohn Gottes, dann soll man das gar nicht in Verbindung bringen mit dem, wie Menschen Apostel waren, die zwölf Apostel und der Apostel Paulus.
Darum wird das Wort Gottes überhaupt nicht weiter gebraucht, eben gerade um die Erhabenheit Christi und das Unvergleichliche damit deutlich zu machen.
Was aber sehr typisch ist: Dauernd wird in diesem Brief gesagt: Lasst uns, lasst uns, lasst uns! Das sind keine so scharfen Befehle wie zum Beispiel im ersten Korintherbrief, wo Paulus schreibt, dass er der Gemeinde effektiv befiehlt, im Namen Jesu Christi. Das tut er bei den Hebräern nicht, weil er nicht ein Apostel für die Juden war. Aber die Sprache „Lasst uns, lasst uns, lasst uns“ geht wie ein roter Faden durch den Brief hindurch. Das ist die Sprache eines Lehrers. Der Lehrer stellt die Lehre Gottes, seinen Heilsplan und die Größe Jesu Christi vor. Und dann ist es nicht, weil er eine besondere amtliche Autorität hätte, sondern eben als Lehrer, der durch die Lehre überzeugt, macht er Mut und sagt: Lasst uns! Indem er sich selbst mit einschließt, sagt er: Wenn wir das sehen, dann sollen wir doch Mut haben, um das und das zu tun.
Also der Schreiber tritt nicht als Apostel, sondern als Lehrer auf, nicht für die Heiden, sondern für Juden.
Nun noch einige Schlüsselbegriffe in diesem Brief: Wir finden das Wort besser, größer sehr oft. Ich habe hier eine ganze Liste gemacht. Das Wort besser, griechisch kreisson, kommt durch den ganzen Brief hindurch vor, oder größer, pleion; ein anderes Wort, das auch größer heißt, meidzon. Da spricht der Brief über eine bessere Hoffnung im Gegensatz zu der Hoffnung, die man unter dem alten Bund hatte, Hebräer 7,19. Er spricht über einen besseren Bund, Kapitel 7,22 und 8,6. Der neue Bund, das Neue Testament, ist besser als der alte Bund. In Verbindung mit diesem neuen Bund gibt es bessere Verheißungen, Hebräer 8,6, als die, die Gott in Verbindung mit dem sinaitischen Bund gegeben hatte.
Er spricht von dem Opfer Jesu Christi als von besseren Schlachtopfern, weil das Opfer Christi all diese verschiedenen Opfer des Alten Testaments in sich vereinigte, wie das hier in der Mehrzahl genannt wird: bessere Schlachtopfer, Hebräer 9,23. Er spricht auch über einen besseren Besitz, den die Gläubigen jetzt haben, wenn ihnen alles gestohlen wird, über ein besseres Vaterland im Himmel, Hebräer 11,16, das noch besser ist als das verheißene Land am Knotenpunkt der drei Kontinente Europa, Asien und Afrika. Ferner, Hebräer 11,35, spricht er über die bessere Auferstehung.
Vielleicht waren bereits im Alten Testament Leute auferweckt worden, aber die sind wieder gestorben. Auch Lazarus wurde auferweckt, immer noch unter dem Alten Testament, aber auch er ist wieder gestorben. Das waren eben nur Vorausdarstellungen von dem, was Gott eigentlich einmal tun wird. Die künftige Auferstehung ist die bessere Auferstehung, weil man, wenn man einmal auferstanden ist, nie mehr sterben wird.
Dann, nebst vielen weiteren Schlüsselwörtern, möchte ich aber ganz besonders den Ausdruck „ein für allemal“ herausstreichen. Griechisch: ephapax. Das Opfer, das Jesus Christus gebracht hat, ist ein für allemal. Die alttestamentlichen Opfer wurden ständig wiederholt, dauernd wiederholt, weil sie niemanden innerlich zur Ruhe bringen konnten. Aber das Opfer von Jesus Christus ist ein für allemal, und es wirkt in alle Ewigkeit.
Nirgends im Neuen Testament wird Jesus Christus hoher Priester genannt, aber zwölfmal im Hebräerbrief. Dann wird er genannt archierois, hoher Priester. Dann wird er genannt großer hoher Priester, archierois megas. Das ist übrigens ein völlig überhöhter Ausdruck. Archierois, hoher Priester, ist die Übersetzung von griechisch kohen gadol. Priester groß. Hebräisch schreibt man nicht nur rückwärts, sondern man spricht es auch rückwärts, ja? Ja, also es ist nur ein Witz. Also: kohen gadol, Priester großer. Aber hier wird der Herr Jesus genannt großer hoher Priester. Er überhöht den an sich schon erhöhten Ausdruck hoher Priester noch mehr, um zu zeigen, dass Jesus Christus überall den Hohen Priestern des alten Bundes gegenübersteht. Schließlich noch einfach großer Priester, hier reus megas, in Hebräer 10,21.
Das zeigt uns also: Das hohe Priestertum von Jesus Christus spielt im Hebräerbrief eine ganz zentrale Rolle. Dieser Brief soll uns zeigen: Schaut, was wollt ihr in ein christusloses Judentum zurückkehren und den Messias aufgeben? Es ist ja hier alles besser, alles größer, alles herrlicher, alles einzigartiger. Wenn ihr da zurückkehrt, habt ihr natürlich das, was Gott seinem Volk gegeben hat. Aber das waren nur Schatten, und diese Schatten hatten in sich keinen Wert. Sie haben nur Wert, insofern sie eben auf die Realität hinweisen.
Aber es ist doch völlig unsinnig, wenn die Realität da ist, dass man das Schattenhafte vorzieht gegenüber der Realität und Jesus Christus neu verwerfen würde. Das ist die größte Dummheit, die jemand begehen könnte.

Der Ruf, das alte System zu verlassen

Jetzt möchte ich noch über ein paar Besonderheiten des Briefes sprechen. Dieser Brief ruft zum Verlassen des Tempels in Jerusalem auf, Hebräer 13,12. Ich lese aber schon ab Vers 11. Es geht um den Jomkippur, den großen Versöhnungstag. Denn von den Tieren, deren Blut für die Sünde in das Heiligtum hineingetragen wird, werden durch den Hohen Priester die Leiber außerhalb des Lagers verbrannt.
Nicht wahr, die Sündopfer, von denen man das Blut ins Allerheiligste brachte, wurden nicht auf dem Altar geopfert. Man musste sie außerhalb des Tempels, sogar außerhalb der Stadt, an einem ganz bestimmten Ort verbrennen. Damit wollte Gott zeigen: Sünde ist etwas Schreckliches. Und wenn die Sündopfer mit der Sünde beladen wurden von Israel, dann konnte Gott sie nicht mehr in seiner Gegenwart ertragen. Sie sollten hinaus, aus dem Tempel und aus der Stadt, außerhalb des Lagers.
Und jetzt wird hier eine Anwendung gemacht: Darum hat auch Jesus, auf dass er durch sein eigenes Blut das Volk heiligte, außerhalb des Tores gelitten. Hier sehen wir die Verbindung zu dem Opfer Jesu. Er wurde nicht in Jerusalem, sondern vor den Toren Jerusalems gekreuzigt. Er wurde im Tempel verurteilt, dann hinausgetan aus dem Tempel und dann hinausgetan aus der Stadt. Außerhalb des Lagers hat er gelitten, wie die Sündopfer des Jomkippur.
Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend. Jetzt wird daraus eine Ableitung gemacht. Ja, wenn der Messias in Jerusalem und im Tempel keinen Platz hatte, man hat ihn ja hinausgeworfen, wie können wir als jüdische Gläubige weiterhin an diesem Gottesdienst in Jerusalem teilnehmen? Wenn Jesus da keinen Platz hat, dann haben wir doch auch keinen Platz. Die Konsequenz ist: Wir sollten eigentlich auch Jerusalem und den Tempel mitsamt seinem Gottesdienst verlassen, aufgeben.
Natürlich, das ist nicht einfach, denn das wird uns Schmach einbringen. Wenn wir uns in dieser Weise trennen, trennen wir uns von einem christuslosen Judentum und gehen hinaus zu dem Platz der größten Schmach. Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend. Also, die Juden werden aufgerufen, nun den Opferdienst und den Tempeldienst aufzugeben.
Jetzt muss ich aber noch erklären: Die ersten Christen, die Gemeinde ganz am Anfang, Apostelgeschichte 5,12, die haben sich ja im Tempel versammelt, tagtäglich, und zwar in der Osthalle, in der Säulenhalle Salomos. Und die jüdischen Christen haben weiterhin am Opferdienst teilgenommen im Tempel. Darum lesen wir, wie Paulus Apostelgeschichte 21 nach Jerusalem kam. Und da haben ihm die Brüder dort und auch Jakobus, der Bruder des Herrn, gesagt: Schau, man erzählt überall, du würdest in aller Welt Abfall vom Judentum predigen. Und jetzt kannst du beweisen, dass das überhaupt nicht stimmt. Wir haben hier vier Brüder, die haben ein Asyriergelübde, und die müssen Opfer darbringen. Übernimm doch die Opfer für sie. Und Paulus ist bereit, und er reinigt sich rituell. Die führen sogar die Reinigung, diese Naziräer-Christen, mit der Asche der roten jungen Kuh durch. Die geht nämlich sieben Tage, findet man alles angedeutet in der Apostelgeschichte.
Das war kein Problem für Paulus. Er als Jude konnte das tun. Obwohl es gute Argumente dafür gibt, dass der Galaterbrief der erste Brief war, den er geschrieben hatte. Der Galaterbrief ist einer der schärfsten Briefe überhaupt im Neuen Testament. Da sagt er den nichtjüdischen Galatern: Ihr feiert wieder Feste, oder ihr feiert jüdische Feste. Ich fürchte, ob ich etwa vergeblich für euch gearbeitet habe. Das war schon ein hartes Wort. Also, der Galaterbrief verbietet völlig, dass nichtjüdische Christen ins Judentum hineingeführt werden. Also wer nichtjüdische Christen einlädt, Laubhüttenfest zu feiern und so weiter und so fort, der ist nicht auf dem richtigen Weg. Das muss ganz klar getrennt werden.
Aber Paulus konnte das tun als Jude, ja. Und er hat sogar Timotheus beschnitten, Apostelgeschichte. Nachdem am Apostelkonzil in Jerusalem, Apostelgeschichte 15, geklärt wurde, dass Menschen, die aus dem Heidentum zum Glauben kommen, nicht beschnitten werden müssen, sie brauchen nicht solche Dinge zu beobachten, wurde ganz genau geklärt, welche Forderung das Alte Testament an Heiden richtet, aber nicht die vom Gesetz des Sinai. Und gleich darauf beschneidet Paulus den Timotheus. Aber es wird ausdrücklich gesagt, weil seine Mutter eine Jüdin war, und darum war das möglich. Paulus sagt ja auch den Grundsatz in 1. Korinther 9 am Schluss: dass er allen alles geworden ist. Dem Juden ist er ein Jude geworden, also dem, der unter Gesetz ist, wie unter Gesetz, obwohl er selber nicht mehr unter Gesetz war.
Und die anderen jüdischen Christen konnten das auch. Das war nicht ein Bruch mit dem Evangelium. Aber nun, nach drei Jahrzehnten, ist ja interessant: Die Kreuzigung Jesu kann man am allerbesten datieren auf 32 nach Christus. Und hier sind wir 62 nach Christus, nach drei Jahrzehnten Christentum. Da sagt der Hebräerbrief: Die Masse kehrt nicht um im Judentum. Die Masse nimmt Jesus nicht als Messias an. Darum müssen wir uns vom Tempeldienst trennen. Wir müssen auch hinaus, außerhalb des Lagers, denn sonst werden wir schlussendlich mitschuldig. Wenn wir da weiterhin dazugehören zu denen, die das Opfer des Messias gar nicht annehmen, mit denen zusammen opfern, da müssen wir nun einen Schnitt vollziehen. Und so rief der Hebräerbrief eben auf zum Verlassen.
Jetzt sehen wir auch, warum das kein örtlicher Brief sein konnte, sondern ein Rundschreiben an die Juden in der Diaspora und selbstverständlich auch an die in Jerusalem, im Land. Die ganze messianische Judenheit sollte aufgerufen werden zum Bruch mit dem Tempeldienst. Jetzt kommt das prophetische Wort Hebräer 13,14: Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige. Wir haben hier keine bleibende Stadt. Meint ja nicht, Jerusalem werde noch weiter bleiben und bestehen. Und tatsächlich, acht Jahre nach dem Hebräerbrief war Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht.
Im Frühjahr 70 kamen aus dem ganzen Land Israel die Juden zum Passafest und natürlich auch aus dem Ausland, aus der Diaspora. Titus, General der Legionen in Israel, wartete ab, bis sie alle in Jerusalem waren, und dann schloss er den Belagerungsring und vernichtete die Stadt und den Tempel in 140 Tagen mit mehr als einer Million Toten. Aber die messianischen Juden wussten: Wir dürfen nicht mehr gehen. Ich meine, das war ja an sich ein Gewissenskonflikt, denn in 4. Mose 9 wird gesagt, dass man das Passa ganz genau am richtigen Datum feiern muss. Es gibt eine Ausnahme: Wenn man im Ausland war, durfte man das Passa um einen Monat verschieben, den nächsten Monat aber wieder am gleichen Kalendertag. Das war eine Ausnahme. Aber das Gesetz setzte eigentlich die Todesstrafe fest bei Nichteinhalten des Passafestes. Ist ja schon ernst, oder?
Und jetzt waren diese jüdischen Christen immer noch gewohnt, die Feier mitzumachen, und jetzt plötzlich sollen wir nicht mehr gehen. Ja, aber es ist doch ein Konflikt, wenn Gott uns im Gesetz befohlen hat. Ja, die mussten jetzt in diesen drei Jahrzehnten lernen, dass ein Wechsel, ein geschichtlicher Wechsel, gekommen war. Sie brauchten diese Zeit, um das verarbeiten zu können. Das ist die Geduld Gottes. Der Hebräerbrief war ein göttlicher Befehl: Geht hinaus. Dann war klar, Frühjahr 70: Wir müssen nicht mehr ans Passafest gehen.
Tatsächlich sind die jüdischen Christen schon im Jahr 68 aus dem Kriegsgebiet geflohen. Israel war ja schon Kriegsgebiet ab 66, da hat ja der Aufstand der Juden gegen die Römer begonnen. 68 wurde der Krieg gestoppt, weil Kaiser Nero Selbstmord begangen hatte. Interessant: 68 begeht der Mörder an Petrus, dem Apostel der Beschneidung, und Paulus, dem Apostel der Heiden, Selbstmord. Ein Gericht Gottes. Der Krieg wird gestoppt, und die messianischen Juden wissen: Jetzt müssen wir fliehen.
Ich habe hingeschrieben: Lukas 21,20. Da hat der Herr in der Ölbergrede Vorbereitungen getroffen: Wenn ihr aber Jerusalem von Heerscharen umzingelt seht oder von Armeelagern umzingelt seht, alsdann erkennt, dass ihre Verwüstung nahegekommen ist. Dass alsdann die Judäer sind, auf die Berge fliehen, und die in ihrer Jerusalems Mitte sind, daraus entweichen, und die auf dem Lande sind nicht in sie, also nach Jerusalem hineingehen. Denn dies sind Tage der Rache, dass alles erfüllt werde, was geschrieben steht. Wehe aber den Schwangeren und den Säugenden in jenen Tagen, denn große Not wird in dem Land sein und Zorn über dieses Volk. Und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt werden unter alle Nationen, und Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden.
Im Jahr 68 war das so weit. Die römischen Legionäre bauten die Armeelager rund um Jerusalem auf. So erkannte man: Jetzt ist die Zerstörung nahe. Die flohen alle auf die Berge, ins Westjordanland, und dann gingen sie hinüber über den Jordan nach Pella, und dort wurden sie in Sicherheit untergebracht. Sie gingen nicht mehr ans Passa, Frühjahr 70, und das hat ihnen das Leben gerettet.
Aber der Hebräerbrief, einige Jahre noch vorher, also das wäre sechs Jahre vor dieser Flucht, hat das vorbereitet und nochmals ganz klar gemacht: Wir müssen hinaus. Es ist nicht fakultativ, es ist eine Notwendigkeit. Jesus hat außerhalb gelitten, wir müssen jetzt auch hinaus. Es wird schmachvoll sein, dieser Weg, denn dadurch hätten wir von unseren Volksgenossen noch mehr Ablehnung erfahren. Aber es muss geschehen. Und er sagt hier: Wir haben hier keine bleibende Stadt, Jerusalem bleibt nicht.
Und dann kommt Vers 15: Durch ihn nun lasst uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Des Wohltuns aber und Mitteilens vergesst nicht, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen. Ja, wenn wir den Tempel nicht mehr haben, haben wir keine Opfer mehr. Ja, sicher. Nicht mehr die Tieropfer, aber wir können Gott stets Opfer des Lobes darbringen. Dieser Ausdruck Opfer des Lobes ist ein Fachausdruck in 3. Mose 3 für ein Friedensopfer, das Opfer der Gemeinschaft. Und dieses wird hier aufgenommen: Opfer des Lobes. Wir sollen Gott Opfer des Lobes darbringen, Friedensopfer. Das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen preisen. Also wir bringen keine Tieropfer mehr, sondern wir bringen Opfer durch das Lob der Anbetung mit unseren Lippen.
Aber es gibt noch eine andere Art von Opfern: Des Wohltuns aber und Mitteilens vergesst nicht, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen. Wohltun hat besonders Bezug auf Wohltätigkeit an Armen, und Mitteilen hat besonders Bezug im Neuen Testament auf Unterstützung gegenüber Mitchristen und Missionaren. Es sind also soziale und missionarische Opfer, die hier zusammen mit den Anbetungsopfern der Lippen erwähnt werden. Es gibt eine neue Art von Gottesdienst. Gut, es ist eigentlich der Gottesdienst, den sie schon lange kannten. Parallel zum Tempel gab es den Gottesdienst in den christlichen Gemeinden, und das war so drei Jahrzehnte lang ein zweigleisiger Weg, der nun aber in die Eingleisigkeit überführt werden sollte.
Aber hier ist etwas Wichtiges. Wir wissen ja vielleicht: Seit dem Jahr 70 kennt das Judentum keine Tieropfer mehr. Nicht, weil sie sich so erwählt haben, sondern weil der Tempel zerstört wurde im Jahr 70. Und dann haben wir gelesen Lukas 21: Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden. Und tatsächlich, in den weiteren Jahrhunderten war Jerusalem immer unter Fremdherrschaft, nicht jüdischer, heidnischer Fremdherrschaft: Römer, Byzantiner, dann die Araber und so weiter, die Türken, dann die Engländer, dann die Jordanier, und 1967, Sechs-Tage-Krieg, wieder in jüdischer Hand. Jerusalem zertreten bis nicht für immer, bis die Zeiten der Nationen beendet sein werden, also bis vor der Wiederkunft Christi. In diese Zeitperiode hinein konnte das Judentum nicht mehr opfern, weil sie den Tempelplatz nicht mehr hatten.
Und nach 5. Mose 12,13-14 darf man nur an diesem auserwählten Ort opfern und sonst nirgends. Aber weil sie diese Quadratmeter des Altars, gerade etwas südöstlich von der Omar-Moschee, vom Felsendom, da war der Altar, weil sie diese Quadratmeter nicht mehr hatten, konnten sie nicht mehr opfern. Und so war das eine grundlegende Krise des Judentums. Man musste eigentlich die Religion völlig umgestalten. Als eine Religion, wo das Opfer so zentrale Bedeutung hatte, musste man eine blutlose, opferlose Religion machen. Da hat man sich dann beholfen, indem man erklärt hat: Ja, unsere Gebete sind der Ersatz für die Opfer. Oder indem wir 3. Mose 1 bis 7 lesen und studieren, ist es, wie wenn wir in unseren Herzen diese Opfer, Brandopfer, Friedensopfer und so weiter, Gott darbringen würden.
Aber sehen wir den Unterschied: Der Hebräerbrief hat, bevor der Tempel weg war, gezeigt, jetzt kommt ganz klar dieser Scheideweg. Jetzt müsst ihr euch davon trennen, das ist nun der Weg dieser geistlichen Opfer des Lobes und nicht mehr die Tieropfer. Das war also nicht, weil man nicht mehr anders konnte, sondern weil Gott es so gesagt hatte. Aber das christuslose Judentum musste sich dann anders entscheiden, weil sie einfach nicht mehr den Tempel hatten. Und darum ist der Hebräerbrief natürlich schon etwas ganz Gewaltiges, denn er zeigt die prophetische Autorität, die war im Christentum da. Und da wurde schon vorher gesagt: Jetzt geht Jerusalem zur Seite, jetzt wird alles anders werden.
Der Herr Jesus hatte das eigentlich schon angekündigt gegenüber der samaritanischen Frau in Johannes 4. Sie hatte ja die Frage: Ihr Juden, ihr sagt, man müsse in Jerusalem anbeten, dort sei der auserwählte Ort, und wir Samariter sagen, das sei auf dem Garizim. Was ist nun recht? Der Herr Jesus sagt in Johannes 4,21: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde oder die Zeitperiode, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr Samariter betet an und wisst nicht was, wir Juden beten an und wissen was, denn das Heil ist aus den Juden. Es kommt aber die Stunde oder die Zeitperiode, und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden. Denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die, die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten.
Die wahrhaftigen Anbeter, das heißt, die nicht nur symbolisch anbeten mit Opfern, die symbolische Bedeutung hatten, sondern die das Eigentliche nun tun, das sind die wahrhaftigen Anbeter. Also wahrhaftig ist nicht das Gegenteil von lügnerisch, ja? Sondern das heißt eigentlich die Wirklichen, die es mit der Erfüllung und der Realität zu tun haben. Das ist jetzt, und die werden in Geist und Wahrheit anbeten. Jerusalem wird seine Bedeutung als Anbetungsort verlieren für diese Stunde, diese Periode des Christentums. Übrigens, der Herr sagt nicht, dass nun eine Ewigkeit anbricht, wo das ändert, sondern die Stunde, die Periode des Christentums. Es wird ja einen dritten Tempel geben für Israel, aber das ist nicht jetzt.
Gut, also das zeigt uns die fundamentale Bedeutung des Hebräerbriefes für die ersten Christen, ganz speziell aus dem Judentum. Hier wurden bedeutende Weichen, die zweitausend Jahre von Bedeutung werden sollten, gestellt und geregelt.

Warnungen, Glaubensgewissheit und die Frage des Abfalls

Ja, wir sind immer noch bei den Besonderheiten. In diesem Brief wird immer wieder über die Gefahr des Abfalls gesprochen. In Hebräer 6,4 heißt es: Denn es ist unmöglich, diejenigen, welche einmal erleuchtet waren und geschmeckt haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind Heiligen Geistes und geschmeckt haben das gute Wort Gottes und die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters und abgefallen sind, wiederum zur Buße zu erneuern, indem sie den Sohn Gottes für sich selbst kreuzigen und ihn zur Schau stellen.
Also hier wird gezeigt: Es ist ganz gefährlich, wenn jemand von euch Hebräern abfällt. Sind das Wiedergeborene, von neuem Geborene? Hier heißt es nicht: Es ist unmöglich diejenigen, welche einmal ewiges Leben bekommen haben, oder welche Kinder Gottes geworden sind, oder welche von neuem geboren sind, sondern welche erleuchtet waren. Erleuchtet wurde ich vor der Bekehrung, und jeder andere auch, der bekehrt wurde. Zuerst müssen wir einmal sehen, wo wir stehen. Wer ist Jesus Christus? Was ist das Evangelium? Das ist Erleuchtung.
Und dann haben wir geschmeckt. Wir haben etwas erfahren von der Bibel, den Geschmack des Wortes Gottes haben wir bekommen. Aber schmecken ist übrigens noch nicht einmal dasselbe wie essen. Das heißt noch nicht, dass wir uns das angeeignet haben. Das Passa musste man ja nicht nur schmecken, das Passalam, sondern essen. Das Lamm musste man sich aneignen.
Aber hier wird gesagt: die, welche geschmeckt haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind Heiligen Geistes. Übrigens ohne den bestimmten Artikel, nicht teilhaftig des Heiligen Geistes, sondern ohne Artikel im Griechischen: teilhaftig Heiligen Geistes. Wenn der Artikel steht, betont das mehr die Person des Heiligen Geistes. Wenn der Artikel fehlt, Heiliger Geist einfach, dann ist die Betonung auf seiner Kraft. Also ihr habt Anteil bekommen an seinem kräftigen Wirken. Das ist bereits der Fall, wenn jemand unter den Einfluss des Wortes Gottes kommt und davon ergriffen ist, überwältigt ist, noch nicht bekehrt.
Aber der Herr Jesus sagt in Johannes 16,13: Der Heilige Geist wird die Welt überführen von Sünde, Gericht usw. Das heißt, die Wirkung des Heiligen Geistes wird man bereits vor der Bekehrung teilhaftig. Hier ist nicht gemeint die Innewohnung des Heiligen Geistes. Das geschieht erst nach der Bekehrung, Epheser 1,13-14: versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, nachdem ihr geglaubt habt. Aber ihr habt Anteil bekommen an dem Wirken des Heiligen Geistes und habt geschmeckt das gute Wort Gottes und die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters. Auch wieder: geschmeckt.
Und wenn nun solche abfallen und quasi den Sohn Gottes wieder so schmählich verwerfen und sagen, der müsste gekreuzigt werden, dann sagt man: So jemand kann nicht mehr umkehren. Das ist ein bewusstes, definitives Verwerfen der Erlösung durch Jesus Christus.
Nun, in der Seelsorge kommt es immer wieder vor, dass sich die Kinder Gottes sagen: Ich habe das gemacht, ich kann nicht mehr errettet werden, ich kann nicht mehr zurück. Und dann kann man sie fragen: Ja, tut dir das leid, dass du dem Herrn untreu gewesen bist? Es geht ja gar nicht um den Abfall oder Jesus Christus kreuzigen. Nun, natürlich ist es mir so leid. Hast du das bekannt als Sünde im Gebet? Ja, natürlich schon, mehr als einmal. Ja, aber hier steht: Die können nicht mehr zur Buße erneuern. Die bekommen nicht die gottgewirkte Reue über die Sünde.
Denn dass wir Reue empfinden können über Sünde, ist bereits ein Wirken des Heiligen Geistes an uns. Sonst würden wir nämlich nie wirklich Reue empfinden, gottgemäße Reue. Schon vielleicht so wie Judas: Ich habe unschuldiges Blut vergossen. Aber diese innere Reue Gott gegenüber, da kann man sagen: Du gehörst gar nicht zu dieser Gruppe, das hat nichts mit dem zu tun.
Dasselbe auch in Kapitel 10,26: Denn wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig, sondern ein sicheres, furchtvolles Erwarten des Gerichts und ein Feuereifer, der die Widersacher verschlingen wird. Auch hier heißt es nicht: nachdem wir von neuem geboren oder was auch immer, sondern nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben. Und wenn dann jemand definitiv den Sohn Gottes verwirft, wie Vers 29: Wie viel ärgere Strafe, meint ihr, wird der wert geachtet werden, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch welches er geheiligt worden ist, für unrein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?
Also hier geht es um jemanden, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und der jetzt plötzlich sagt: Dieser messianische Jude hat ja vorher gesagt, Jesus Christus war kein Krimineller, sein Blut war unschuldiges Blut. Und jetzt achtet er plötzlich das Blut des Bundes, das ihn früher geheiligt hat. Heiligen heißt absondern. Jeder Jude, der sagte: Jesus ist der Messias, der war damit schon auf die Seite gestellt. So hat sein Blut ihn äußerlich geheiligt.
Aber wenn er jetzt plötzlich sagt, es ist unreines Blut, und den Geist der Gnade lästert, schmäht, dann sagt er: Da gibt es nur noch das Gericht. Es ist ein endgültiges Verwerfen der Gnade Gottes. Wann das bei einem Menschen eintritt, zu beurteilen ist nicht an uns. Aber wir müssen aus dem Hebräerbrief wissen, dass es diese Möglichkeit gibt. Es gibt Menschen, deren Gnadenzeit vor dem Tod abläuft. Es ist uns klar: Mit dem Tod ist es definitiv. Nach dem Tod gibt es keine Bekehrung mehr. Aber es ist so, dass es möglich ist, noch zu Lebzeiten die Gnadenzeit ablaufen zu lassen.
Wie beim Pharao in Ägypten: Sechsmal hat er sich verhärtet, und dann vom siebten bis zum zwölften Mal war es immer Gott. Ab dem siebten Mal konnte er sich nicht mehr bekehren, und vorher hätte er sich bekehren können. Das entspricht dieser Situation.
Aber das ist nun eben auch etwas ganz Besonderes im Hebräerbrief, wie hier messianische Juden, die nicht wirklich durchgedrungen waren, ermahnt werden, nun wirklich ernste, totale Sache zu machen, in ihrem Leben aufzuräumen, ihre Schuld zu bekennen und so wirklich durchzudringen zum Glauben. Nicht nur Erkenntnis haben, sondern das Aneignen. Nicht nur schmecken, sondern das Passalam essen.
Ja, es ist jetzt halb und nun haben wir die große Pause vor uns bis um 4.00 Uhr. Vor der Pause waren wir immer noch bei den Besonderheiten des Hebräerbriefes. Wir haben uns besonders noch mit dem Problem beschäftigt: Warnung vor Abfall im Hebräerbrief. Und ich habe versucht, deutlich zu machen, dass die Ausdrücke, die dort verwendet werden, allesamt nicht einen von Neugeborenen, Christen, der ewiges Leben hat, bezeichnen, sondern jemand, der eigentlich ganz deutlich knapp davor steht, entsprechend im Gleichnis des Herrn über das vierfache Ackerfeld.
Da erklärt der Herr beim steinigen Boden: Das sind die, die das Wort mit Freuden aufnehmen. Und sie glauben für eine Zeit, und wenn dann Verfolgung kommt, dann ärgern sie sich und fallen ab. Da ist deutlich: Das ist nicht die gute Erde, die Frucht bringt dreißig-, sechzig-, hundertfältig, sondern es geht ganz klar um einen schlechten Boden, steinigen Boden. Aber es heißt trotzdem: Sie glauben, aber nur für eine Zeit.
Es ist ganz wichtig zu sehen: Der echte Glaube, der Glaube, bei dem das neue Leben, das ewige Leben vorhanden ist, der bleibt bis zum Ende. Und das nicht, weil wir irgendwie so besonders stark wären im Glauben, sondern hier geht es um die Gabe des Beharrens, die Gott den Erlösten gibt.
In 1. Petrus 1 ist das noch eine ganz wichtige Sache, die das noch mehr klären könnte. Da spricht Petrus ausdrücklich über solche, die von neuem geboren worden sind, 1. Petrus 1,3. Und von denen sagt er in Vers 5, die ihr durch Gottes Macht durch Glauben bewahrt werdet, zur Errettung hin, die bereit ist, in der letzten Zeit geoffenbart zu werden. Also von den Neugeborenen sagt er: Ihr werdet durch Gottes Macht bewahrt. Und diese Bewahrung geschieht durch Glauben, das heißt, indem ihr fortdauernd im Glauben bleibt. Und zwar bis dann die Errettung bei der Wiederkunft Christi, bei der Entrückung, aus aller Not heraus geschieht.
Also es ist Gottes Gabe des Beharrens im Glauben. Das hat übrigens Augustin schon sehr schön beschrieben in seinen Werken, diese Gabe des Beharrens. Dieser Gedanke ist eigentlich unter den Evangelikalen völlig verloren gegangen. Es ist eine ganz wichtige Sache: Gott ist es, der dem wahrhaft Wiedergeborenen die Kraft gibt, den Glauben zu haben, und zwar bis er ans Ziel kommt. In Gott ist die Garantie, dass ich das Ziel erreiche. Es hängt nicht davon ab, ob ich immer glaubensstark wäre von meiner Verantwortung her.
Und es kommt ja noch dazu, dass diejenigen, die wiedergeboren sind, das sind ja die Auserwählten. Ich werde vielleicht ein anderes Mal das Thema zur Vorbestimmung, Auserwählung, mal drannehmen, um das auch abzugrenzen gegen das calvinistische Missverständnis in dieser Sache. Gott hat nie Menschen für die Hölle bestimmt, aber die Auserwählten, die das Ziel auch erreichen werden, die stehen im Gegensatz zu denen, die das Heil eben nie erfasst haben.
Und kann man sich vorstellen, dass Gott Menschen auserwählt und dann gehen die wieder verloren? Die Auserwählten gehen nie verloren. Und die Auserwählten, das sind auch die, die wirklich zur Wiedergeburt kommen, und es ist Gottes Macht, die sie bis ans Ziel bringt. Und so kann ich als Wiedergeborener auch selber die Gewissheit haben, dass ich ewiges Leben habe. Da brauche ich also nicht, in den Himmel zu gehen und die Bücher einzusehen, ob ich unter den Auserwählten bin, denn Johannes schreibt in 1. Johannes 5,13 dies, also den ersten Johannesbrief: Habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes. Und hier ist Glauben im Griechischen ein Durativ, die ihr fortdauernd glaubt, nicht nur punktuell, momentan.
Also das sind gerade diejenigen, die ewiges Leben haben, das sind auch die, die einen fortgesetzten Glauben haben, der schließlich bis ans Ziel kommt. Natürlich kann man in Tiefs hinunterfallen und so weiter, und der Herr richtet wieder neu auf, das ist eine andere Sache, aber man hat den Glauben schließlich bis zum Ziel. Aber hier im Hebräerbrief geht es um solche, die waren noch nicht durchgedrungen, die hatten zwar Freude, die glaubten für eine Zeit, aber gerade in der Verfolgung, der Herr sagt, und wenn Verfolgung kommt, fallen sie ab. Die waren gerade in der Verfolgung in der Gefahr, schließlich alles ganz bewusst und endgültig zu verwerfen.

Melchisedek als Schlüssel zur höheren Priesterschaft

Nun spielen für den Hebräerbrief noch zwei Bibelstellen aus dem Alten Testament eine besondere Rolle. Die Stelle über Melchisedek in 1. Mose 14 stammt aus der Geschichte Abrahams. Dort gab es diesen Nahostkrieg, in dem Abraham mit seiner Privatarmee einen überwältigenden Sieg errungen hatte. Danach kam er müde nach Jerusalem, nach Salem.
Ich lese 1. Mose 14,17: Und als er zurückgekehrt war, nachdem er Kedorlaomer und die Könige, die mit ihm gewesen waren, geschlagen hatte, zog der König von Sodom ihm entgegen in das Tal Schawe, das ist das Königstal, sehr wahrscheinlich das Kidrontal. Und Melchisedek, König von Salem, dem alten Namen für Jerusalem, brachte Brot und Wein heraus. Er war Priester Gottes des Höchsten, und er segnete ihn und sprach: Gesegnet sei Abram von Gott, dem Höchsten, der Himmel und Erde besitzt! Und gepriesen sei Gott, der Höchste, der deine Feinde in deine Hand geliefert hat! Und Abram gab ihm den Zehnten von allem.
Dann noch Psalm 110,4. Tausend Jahre später schreibt David in einem seiner Psalmen einen Psalm, der auf den Messias hinweist: Geschworen hat der Herr, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist Priester in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks.
Nun nimmt Paulus diese Texte im Hebräerbrief auf. Und was er daraus macht, das ist eben überwältigend, diese Weisheit, von der schon Petrus geredet hatte. Damit will er nämlich zeigen, dass das Priestertum des Messias Jesus auf einer höheren Stufe steht als das Priestertum, das Gott unter dem Sinai eingesetzt hatte.
Dazu lesen wir etwas aus Hebräer 7, ab Vers 1: Denn dieser Melchisedek, König von Salem, Priester Gottes des Höchsten, der Abraham entgegenging, als er von der Schlacht der Könige zurückkehrte, und ihn segnete, welchem auch Abraham den Zehnten zuteilte von allem.
Da lernen wir, wie man predigt. Wir haben doch gerade vorhin diese Geschichte im Alten Testament gelesen. Und jetzt wird sie hier im Hebräerbrief noch einmal kurz mit anderen Worten zusammengefasst. Beim Predigen ist es wichtig, dass man manchmal noch einmal ganz kurz erklärt, was eigentlich im Text steht. Das ist nichts Neues, es ist einfach eine kurze Zusammenfassung, damit der Hörer realisiert: Aha, ja, eigentlich geht es in dem Text darum. Melchisedek ist König von Salem, er ist Priester Gottes des Höchsten, er ging Abraham entgegen, das war bei der Schlacht der Könige, nachdem diese vorüber war, dann hat er Abraham gesegnet, und Abraham hat ihm den Zehnten gegeben. So ist klar, was der Text überhaupt sagt.
Und jetzt geht er zur Auslegung über: erstlich verdolmetscht, König der Gerechtigkeit. Jetzt übersetzt Paulus Melchisedek. Malkisedek heißt auf Hebräisch „König der Gerechtigkeit“. Also er übersetzt den Namen und sagt, darin ist eine geistliche Aussage enthalten. Das weist nämlich hin auf Jesus Christus, der ganz am Ende im Tausendjährigen Reich einmal der König der Gerechtigkeit sein wird in Jerusalem. Das ist der erste König, den wir aus der Heilsgeschichte kennen, und er weist hin auf den letzten König von Jerusalem, wenn es ein Reich der Gerechtigkeit sein wird.
Dann aber auch König von Salem, das ist König des Friedens. Im Bibeltext wird Melchisedek König von Salem genannt, und jetzt übersetzt Paulus auch noch den Namen der Stadt Salem, verwandt mit Schalom, das heißt Frieden. Also König von Salem heißt König des Friedens. Und so weist er auch hin auf Jesus Christus, der einmal als Friedefürst in Jerusalem regieren wird.
Weiter sagt er: ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister, weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens habend. Tatsächlich, im Text in 1. Mose 14 haben wir nichts davon gelesen, wie der Vater von Melchisedek hieß. Auch seine Mutter wird nicht erwähnt. Und dann wird auch kein Geschlechtsregister angeführt, wie zum Beispiel bei Abraham oder Noah. Bei ihm nicht. Ja, es wird auch nichts darüber berichtet, dass er jemals geboren worden wäre, und sein Tod wird auch nicht erwähnt.
Natürlich hatte er einen Vater, er hatte eine Mutter, er hatte eine Abstammungslinie, er war einmal geboren worden, und er starb dann auch einmal. Sonst wäre er ja immer noch da, oder? Aber im Text selbst wird das alles vom Heiligen Geist nicht erwähnt. Und nun zeigt Paulus: Schaut mal, wenn der Heilige Geist, der Gottes Wort inspiriert hat, etwas nicht sagt, dann hat das auch seine Bedeutung.
Und darum geht er weiter: aber dem Sohn Gottes ähnlich gemacht oder dem Sohn Gottes verglichen bleibt Priester auf immer da. Durch die Beschreibung, durch die Darstellungsweise des Heiligen Geistes, ist Melchisedek dem Sohn Gottes ähnlich gemacht. Denn der Sohn Gottes hat keinen Anfang, er ist ewiger Sohn von aller Ewigkeit her, und er hat auch nie ein Ende.
Wir sehen: Es geht da nicht um die Menschheit Jesu. Natürlich hat er als Mensch eine Mutter, Maria. Und als Mensch wurde er von Gott gezeugt. Das ist auch eine Wahrheit, dass Jesus Christus als Mensch Gottes Sohn ist, durch Zeugung. Aber er ist auch ewiger Sohn. Als Gott ist er als Sohn in einer ewigen Beziehung der Liebe zum Vater. Der Vater ist seit Ewigkeit sein Vater, und er ist von Ewigkeit her sein Sohn.
Durch die Darstellung von Melchisedek wird er also so, als Vorausschattung, als Typos, dem Sohn Gottes verglichen, als wäre er immer Priester. Und dann argumentiert er weiter, Vers 4: Schaut aber, wie groß dieser war, welchem selbst Abraham, der Patriarch, den Zehnten von der Beute gab.
Abraham hat Melchisedek den Zehnten abgegeben, und damit wird eigentlich deutlich, dass Melchisedek in seiner Position vor Gott auf einem höheren Rang stand als Abraham. Das ist klar. Also nicht Melchisedek hat den Zehnten gegeben, sondern Abraham hat ihm den Zehnten gegeben. Also schaut mal, wie groß Melchisedek war, er stand in seiner Position über Abraham.
Und dann geht er weiter, Vers 5: Und zwar haben die von den Söhnen Levi, welche das Priestertum empfangen, ein Gebot, den Zehnten von dem Volk zu nehmen nach dem Gesetz, das ist von ihren Brüdern, wiewohl sie aus den Lenden Abrahams gekommen sind.
Die Leviten: Aus diesem Stamm kamen ja die Priester in Israel. Hoher Priester Aaron war ein Levit. Und wir wissen aus 4. Mose 18, dass die übrigen Stämme von Israel, die ja alle von Abraham abstammten, den Zehnten an den Stamm Levi abgeben mussten. Und damit stand der Stamm Levi in seiner Position vor Gott über den anderen Stämmen.
Jetzt kommt die Argumentation: Er aber, Vers 6, Melchisedek, der sein Geschlecht nicht von ihnen ableitete, hat den Zehnten von Abraham genommen. Schaut mal, Melchisedek als Priester hat von Abraham den Zehnten genommen. Aber von Abraham stammen ja schließlich die levitischen Priester ab. Ja, was heißt das? Das heißt, das Priestertum von Melchisedek steht auf einer höheren Stufe als das Priestertum der Leviten vom sinaitischen Bund.
Es ist nicht ganz einfach, aber in Hebräer 5 wird gesagt: Wir haben eigentlich so vieles zu sagen über Melchisedek, Hebräer 5,11, über welchen wir viel zu sagen haben, aber was mit Worten schwer auszulegen ist, weil ihr im Hören träge geworden seid. Er sagt also, es ist sehr kompliziert, über diese Dinge zu sprechen, und ihr habt da ein bisschen Mühe damit. Eigentlich solltet ihr schon längst Bibellehrer sein, aber ihr braucht immer noch Babymilch und noch nicht feste Speise. Also diese Art von Auslegung ist für gereifte Christen.
Nun, wir gehen aber trotzdem weiter in Kapitel 7, Vers 6: Er hat den Zehnten genommen von Abraham und den gesegnet, der die Verheißungen hatte. Melchisedek hat Abraham gesegnet, ohne allen Widerspruch. Aber das Geringere wird von dem Besseren gesegnet. Das heißt: Wenn Melchisedek Abraham segnete, dann bedeutet das, dass er in seiner Position vor Gott höher war. Da spricht niemand dagegen. Ohne allen Widerspruch, das ist eine ganz klare Sache.
Zum Beispiel Simeon in Lukas 2: Als er das kleine Kind Jesus auf die Arme nahm, als Maria und Josef zum Tempel kamen, heißt es, er hat die Eltern gesegnet. Er hat das Kind nicht gesegnet, aber er hat Maria und Josef gesegnet. Damit stand Simeon als Priester über Maria und Josef. Aber es war ihm klar: Ich darf den Messias nicht segnen, obwohl er ein Kindlein war. Er segnete nur die Eltern. Auch interessant im Blick auf die Position von Maria: Ohne allen Widerspruch wird das Geringere von dem Besseren gesegnet.
Und damit zeigt Hebräer 7, dass das Melchisedek-Priestertum eindeutig über dem levitischen Priestertum steht. Nun, Jesus Christus, sagt er weiter, ist aus dem Stamm Juda gekommen. Also so hätte er nie ein levitischer Priester sein können, ein Hoherpriester oder irgendein Priester im Tempel. Er kam aus dem Stamm Juda. Aber von dem Messias wird gesagt, in Psalm 110,4, und so wird das hier zitiert in Vers 17: Denn ihm wird bezeugt: Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.
Plötzlich, also tausend Jahre nach Abraham, schreibt David, dass der Messias Priester sein wird, aber nicht nach der levitischen Ordnung, sondern er wird Priester sein nach der Ordnung von Melchisedek. Und das heißt, sein Priestertum steht im Heilsplan Gottes hoch erhaben über dem Priestertum aus dem Stamm Levi, dem aronitischen Priestertum.
Also, wir sehen: Diese Sache mit Melchisedek spielt eine wichtige Rolle im Hebräerbrief, und sie kommt immer wieder vor. Immer wieder wird das im Hebräerbrief erwähnt. Das heißt also, diese Stellen aus 1. Mose 14 und Psalm 110 sind Schlüsselstellen in der ganzen Argumentation. Und sie zeigen: Schaut, ihr hängt immer noch am Tempel in Jerusalem, der nun bald verschwinden wird. Aber in Verbindung mit dem Messias, der gekommen ist, haben wir ein höheres Priestertum, das alttestamentlich ganz klar beweisbar auf einer erhabenen Ebene steht im Vergleich zu dem, was ihr bis jetzt gehabt habt und was ihr bald verlieren werdet.
Ab dem Jahr siebzig war es ja aus. Was konnten die Priester noch tun? Es war aus, der Priesterdienst hat ja aufgehört bis heute. Und gut, wenn zum Beispiel einer jüdischen Familie eine Einladung gemacht wird und da kommt ein Herr Lewy auf Besuch, dann ist es normal, dass der Familienvater sagt: Herr Lewy, machen Sie bitte das Tischgebet. Ja, da macht es nicht der Vater, sondern da macht es Herr Levi oder Herr Levinson oder Herr Cohen. Priester, die machen das quasi immer noch als Erinnerung, dass sie eigentlich eine besondere Position hätten. Aber sie haben sie verloren, und der Hebräerbrief zeigt: Schaut, das geht jetzt verloren, aber wir haben etwas viel Höheres, das Priestertum des Messias. Und da geht es nicht um jemanden, der geboren wird und dann stirbt, wie die levitischen Priester, sondern es ist der ewige Sohn Gottes, ohne Anfang, ohne Ende.
Also diese Art von Argumentation finde ich schlicht umwerfend.

Der neue Bund und die Gliederung des Briefes

Nun eine andere Stelle, die sehr, sehr wichtig ist: Jeremia 31,31. Im Alten Testament wird gesagt, dass Gott einmal einen neuen Bund, ein neues Testament, schaffen wird.
 Jeremia 31, Vers 31: Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Judah einen neuen Bund, das lateinische Wort für Bund ist Testament, einen neuen Bund, ein neues Testament, machen werde; nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern gemacht habe an dem Tag, da ich sie bei der Hand fasste, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen, welchen meinen Bund sie gebrochen haben. Und doch hatte ich mich mit ihnen vermählt, spricht der Herr.
Also wird im Alten Testament, um 600 vor Christus, hier bereits von einem neuen Bund gesprochen. Das ist doch schon auffällig. Wieso braucht es einen neuen Bund? Der alte Bund war doch gut, und er war ja von Gott. Und all die Gebote und Einrichtungen, die waren alle von Gott. Warum dann ein neuer Bund?
Nun, die Argumentation im Hebräerbrief, Kapitel 8, die ist wiederum schlicht umwerfend. Da wird also in Hebräer 8,8 wörtlich zitiert aus Jeremia 31, ab Vers 31. Und dann wird so konzentriert in Vers 13, als Kommentar über den zitierten Bibeltext, gesagt: Einen neuen hat er den ersten alt gemacht. Ja, ist ja logisch. Wenn Gott sagt: einen neuen Bund, dann ist der Bund vom Sinai als Gegensatz dazu ein alter Bund. Also allein durch die Aussage „ein neuer Bund“ macht das den ersten vom Sinai alt.
Weitere Argumentation: Was aber alt wird und veraltet, ist dem Verschwinden nahe. Läuft auch ein, was alt wird, veraltet, und dann geht es weg, verschwindet. Ja, und acht Jahre nach dem Hebräerbrief war der ganze Priesterdienst weg. Im Jahr 70 war der Tempel am Boden und nie mehr aufgebaut bis heute.
In einem Satz fasst das zusammen, indem er sagt: Einen neuen hat er den ersten alt gemacht; was aber alt wird und veraltet ist, ist dem Verschwinden nahe. Sache ist erledigt. Das wird vergehen, sehr bald, und das Priestertum des Messias, das bleibt.
Schaut mal: Wenn ihr den Messias jetzt plötzlich verwerfen würdet und wieder zurückgeht in ein christusloses Judentum, dann geht ihr in ein Judentum zurück, das in Kürze ohne Tempel und ohne Opferdienst dastehen wird. Stellen aus dem Alten Testament, die jeder kennen konnte, aber Paulus nimmt sie in seiner Weisheit auf und beweist damit etwas, was wirklich jedes Argument wegnimmt.
Nun gehen wir weiter zum Aufbau des Briefes. Der Brief besteht aus drei Hauptteilen, und zwar habe ich die Hauptteile so formuliert:
Erstens, Römisch I, Kapitel 1 bis 7: Die Erhabenheit des Messias. Die Person des Herrn Jesus Christus wird hier in ihrer Erhabenheit vorgestellt.
Dann zweitens, Römisch II, das ist Kapitel 8 bis hin zu 10, Vers ... Da wird die Erhabenheit des messianischen Bundes vorgestellt. Hier wird erklärt: Der Messias sollte kommen, wie angekündigt, und einen neuen Bund bringen. Aber dieser neue Bund ist deutlich überlegen gegenüber dem Bund von Sinai, dem alten Bund.
Übrigens, im Judentum sagt man ja zu den Schriften des Alten Testaments niemals „altes Testament“. Man sagt „Tanach“, das ist die Abkürzung für Gesetz, Propheten und Schriften. Das ist auch richtig so; der Herr nennt das Alte Testament gewissermaßen auch so. Aber wenn man sagt „altes Testament“, das ist immer eine Beleidigung. Also wenn man mit Juden spricht, sollte man diesen Ausdruck so vermeiden, um nicht unnötig einen Anstoß zu geben. Aber wenn man dann einmal Gelegenheit hat, kann man schon erklären, dass der Ausdruck eigentlich korrekt ist. Und das steht ja schließlich im Tanach: Jeremia 31, es kommt ein neuer Bund. Also dann ist der frühere Bund alt gemacht. Wenn wir vom neuen Bund sprechen, dann müssen wir vom alten Bund, vom alten Testament, sprechen. Gut, das leuchtet eben ein.
Und so, der zweite Hauptteil, dieser messianische Bund, also der Bund, den der Messias Jesus gründet, ist erhaben über dem früheren Bund.
Dann kommt Teil drei, die Erhabenheit des messianischen Glaubensweges. Hier geht es um den Lebensweg derer, die an den Messias Jesus glauben. Und das ist ein ganz neuer Weg. Darum wird in Hebräer 10,19 und folgende gesprochen über den neuen Weg, den es jetzt gibt, ins Allerheiligste hinein. Das ist völlig neu, denn im Alten Testament war eben das Allerheiligste abgeschlossen. Niemand konnte hinein. Gott war der verborgene Gott hinter dem Scheidevorhang. Das ist nicht zu machen. Und Jom Kippur, das war eine Ausnahme, dass der Hohepriester einmal im Jahr mit Furcht und Zittern ins Allerheiligste hineingehen durfte. Aber im zweiten Tempel war die Angst so groß, dass man dem Hohen Priester jeweils ein Seil um den Fuß band am Jom Kippur, damit man ihn, wenn er tot umgefallen war, im Allerheiligsten wieder evakuieren konnte.
Also, das Heiligtum war geschlossen, und darum spricht nun Hebräer 10,19-22: Jetzt haben wir ein geöffnetes Heiligtum, denn seit dem Tod Jesu, Matthäus 27, zerriss der Vorhang im Tempel von oben nach unten in zwei. Jetzt ist der Zugang zu Gott an sein Herz offen. Und das ist der neue messianische Glaubensweg. Wir haben freien Zugang zu Gott.
Und dann im Kapitel 11 kommt das Kapitel mit den Glaubenshelden. Da wird erklärt: Schaut mal, schon im Alten Testament sind Gläubige durch den Glauben vorangegangen, und sie sind meistens durch sehr große Schwierigkeiten in ihrem Leben hindurchgegangen. Das war ihr Weg. Aber jetzt haben wir eine viel bessere Ausgangslage. Nun ist es so, dass Jesus, der Messias, uns vorausgegangen ist als der Anfänger und Vollender des Glaubens. Er ist bis ans Ziel gegangen, und jetzt können wir sein vollkommenes Beispiel anschauen und können nun in der Rennbahn den gleichen Weg, den Glaubensweg, gehen, wie er ihn uns vorgelebt hat.
Ich lese Hebräer 12, ab Vers 1. Nachdem diese vielen Glaubenshelden des Alten Testaments vorgestellt worden sind, heißt es: Deshalb nun lasst auch uns, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, indem wir jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde ablegen, mit Ausharren laufen den vor uns liegenden Wettlauf, hinschauend auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, der Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
Nun wird das Bild vom Stadion gewählt, wo die Sportler rennen müssen. Jetzt wird gesagt: Wir haben eine große Wolke von Zeugen um uns her. Das will sagen: All die alttestamentlichen Glaubenshelden, die sind jetzt da auf den Tribünen, eine Wolke von Leuten, also eine riesige Schar. Die sind alle schon den Weg gegangen, aber sie haben nie den Messias gesehen hier auf Erden oder von ihm gehört, wie er diesen Weg gegangen ist. Es war ja noch zukünftig. Aber jetzt, wir als Gläubige seit dem Kommen des Messias, wir können das Beispiel Jesu anschauen. Er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens.
Das Wort Anfänger bedeutet Urheber, Anführer, einer, der in einer Sache den ersten Schritt tut und anderen vorangeht. Also der Anfänger des Glaubens heißt derjenige, der uns das Beispiel gegeben hat, und er ist bis ans Ziel gekommen. Darum ist er der Vollender des Glaubens. Jetzt können wir in der Rennbahn voranbrechen, und zwar schauen wir auf das Beispiel Jesu, des Messias, wie er das auf Erden gemacht hat. Und er ist durch die größte Not, durch das Kreuz des Leidens hindurchgegangen, aber er hat geschaut auf die Freude, die nachher kommt, wenn das Ziel erreicht ist. Und das hat ihn mit Freude erfüllt in diesem Gang durch die schwersten Leiden hindurch.
Also die alttestamentlich Gläubigen, die sagen: Schaut mal, wir haben nicht diesen Vorteil gehabt wie ihr. Ihr habt den Messias, wir haben die Beschreibung in den Evangelien. Wir haben keine Evangelien gehabt, wir haben das Beispiel nicht gesehen, und wir sind trotzdem ans Ziel gekommen. Für uns war es eigentlich viel schwieriger. Und jetzt habt ihr es so gut. Also die sind da, die feuern uns an, die Glaubenshelden aus Kapitel 11, damit wir nun das messianische Beispiel nachahmen und rennen.
Und dabei müssen wir jede Bürde und dann auch die leicht umstrickende Sünde ablegen. Es ist uns klar, dass niemand einen Rucksack mitnimmt, obwohl das heute modern ist, aber nur für den Städtebummel, nicht im Stadion. Also alles, was irgendwie Gewicht ist, das können wir nicht brauchen. Was uns einfach belastet, das brauchen wir nicht. Und dann die leicht umstrickende Sünde: Das sind also Dinge, die uns da irgendwie in die Beine geraten könnten. Das kann man auch nicht gebrauchen beim Wettkampf. Also alles weg. Sünde kann uns so leicht umstricken wie etwas, das uns zwischen die Beine gerät. Das müssen wir wegtun. Bürde, das ist keine Sünde, aber wir können die Belastungen so nicht brauchen, die müssen wir dem Herrn abgeben. Alle unsere Sorgen werfen wir auf ihn. Hier ist 1. Petrus 5,7.
Gut, das ist also der große Gedanke hier in diesem neuen Glaubensweg, neu, indem wir eben das Beispiel des Herrn Jesus Christus haben. Und dieser Glaubensweg steht hoch erhaben über dem Glaubensweg, den die Gläubigen früher vor dem Kommen des Messias gehen konnten. Sie hatten kein offenes Heiligtum, wo sie hineinkonnten, und sie hatten nicht den Messias, der das Beispiel schon gegeben hat.
Unter diesem Blickpunkt liest man die vier Evangelien ganz neu. Das ist wirklich geschrieben, damit wir dieses Beispiel nachahmen und durch die Nöte des Lebens zum Ziel hingehen. Also so ganz grob mal die drei Teile des Hebräerbriefes.
Wenn es um die Erhabenheit im ersten Teil, der Person des Messias, geht, dann haben wir zuerst Kapitel 1: Erstens, Jesus, der Gottessohn, ist größer als die Engel. Und dann kommt ein kleiner Einschub von vier Versen. Und da werden nun praktische Ableitungen gemacht: Warnung vor Abfall. Dieser Gottessohn hat eine große Errettung gebracht. Und wenn wir diese Errettung einfach so gleichgültig an uns vorübergehen lassen, dann werden wir vor Gott schuldig, schwer schuldig.
Dann kommt Teil 2: Jesus, der Menschensohn, ist größer als alle Menschen auf Erden, Kapitel 2,5-18.
Drittens kommt wieder ein Abschnitt: Jesus ist größer als Mose, der ja den Bund, den alten Bund, vermittelt hatte, Hebräer 3,1-6. Und dann kommt ein längerer Einschub, da wird wieder gewarnt vor Abfall vom Glauben. Und gleichzeitig wird erklärt: Jesus ist übrigens auch größer als Joshua. Joshua, der das Volk ins Land führte, ist nicht zu vergleichen mit Jesus, der sein Volk in die messianischen Segnungen hineinführt.
Dann haben wir viertens: Jesus ist größer als Aaron, der erste levitische Hohepriester, 4,14-5,10. Und dann kommt wieder eine Einschaltung: Warnung vor Abfall. Und zwar geht es hier darum, die Hebräer werden ermutigt: Ihr müsst im Glauben Fortschritt machen. Weil wenn kein Fortschritt da ist, ist es eben fraglich, ob die Person echt von neuem geboren ist.
Ja, es ist ja so: Wenn kleine Babys, wenn die nicht wachsen, und wenn wir bei fünfzig Zentimeter bleiben, ja, dann ist da echt etwas nicht in Ordnung. Aber wir nehmen das so selbstverständlich, dass Babys wachsen. Und dann werden sie einen Meter und dann einen Meter fünfzig und dann größer als der Vater, so geht das. Ja, das ist ganz normal. Aber wenn das Wachstum nicht da ist, dann ist die Frage, ob da etwas grundsätzlich nicht stimmt. Und so wird hier erklärt: Fortschritt im Glauben und Durchdringen bis zur völligen Errettung, das braucht es.
Fünftens: Jesus, der Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks. Da wird nun erklärt, warum dieser Gottessohn und Menschensohn so erhaben ist über Mose, Joshua und Aaron, weil er eben Hohepriester ist nach der Ordnung Melchisedeks.
Fällt uns auf, wir haben immer diesen Unterbruch mit den Einschüben, und da wird es so richtig persönlich. Zuerst wird einfach mal erklärt, wer Jesus Christus ist, und auch lehrmäßig werden die Unterschiede gezeigt zwischen altem Testament und jetzt neuem Testament. Und dann plötzlich kommen diese Einschübe, wo ganz eindringlich der Einzelne angesprochen wird und er gewarnt wird.
Wir können sagen, diese Einschübe entsprechen ganz besonders dem, was eine Predigt sein soll. Nicht wahr, eine Predigt hat weniger das Ziel, einfach lehrmäßig die heilsgeschichtlichen Zusammenhänge darzustellen, sondern die Predigt hat mehr die Aufgabe, nun bestimmte Schriftstellen ganz auf das persönliche Leben, auf die persönliche Situation anzuwenden. Es ist so wichtig, wenn wir das nicht hätten, Predigt, ja, dann wäre das alles irgendwie so wie in der Schule. Wir könnten da zurücklehnen und hätten immer eine Distanz dazu. Aber Gottes Wort will keine Distanz, sondern das muss auf unser persönliches Leben, jetzt 2002, angewendet werden. Und so können wir lernen von diesen Einschüben, was heißt das Predigen, also das Wort Gottes nehmen und übertragen.
Aber es zeigt uns auch, dass andere Lehre ganz wichtig ist, denn diese praktische Anwendung der Predigt beruht auf der Darstellung der heilsgeschichtlichen Zusammenhänge. Es wird nicht einfach gepredigt, und das ist vielleicht ein Problem der heutigen Zeit: Es wird so viel gepredigt, aber so wenig gelehrt, und wir brauchen beides. Wir brauchen die Lehre als Grundlage und dann die Anwendung. Und wenn wir nur Lehre hätten, das ist gefährlich. Wir wissen das ja: Wenn der Kopf immer größer wird, immer größer, und die Füße sind so klein, dann kommt ja der Schwerpunkt immer weiter rauf und dann kippt man. Ja, also wenn jemand einfach die ganze Zeit nur Bibelstudium macht, aber was das Wort Gottes für das persönliche Verhalten und den Umgang in der Familie, mit Mitgeschwistern, am Arbeitsplatz, wenn das alles nicht so wichtig ist, dann muss man nur abwarten, bis er kippt. Wir brauchen beides, es geht ums Gleichgewicht.
Aber ich würde nie sagen, die nummerierten Teile, das ist Theorie, und das andere ist Praxis. Diese Ausdrücke Theorie und Praxis, die haben wir ja nicht aus der Bibel gelernt, oder? Aber die sind eigentlich sehr gefährlich, weil viele heute, gerade die neue Generation, die postmodern beeinflusst ist im Denken, die sagt: Theorie, das brauchen wir nicht. Was uns interessiert, ist, wie es wirkt. Und wir wollen Taten, Theorie brauchen wir nicht. Das haben die früheren Christen, die haben dauernd Theorie gemacht, brauchen wir nicht. Ja, so kommen sie nicht zum Ziel, die haben ja überhaupt keine Basis.
Ja, die wollen Taten, aber was für Taten? Ja, wir wollen Christentum leben, aber was? Ja, wieso ist zum Beispiel Geschlechtsverkehr vor der Ehe eine schwere Sünde? Zeigen wir das aus der Bibel. Ja, und dann wissen sie es, ich kann sie nicht, ja, na gut, das haben uns die Alten immer gesagt, ja, und vielleicht stimmt es auch nicht ganz so genau. Die haben ja keine Grundlage mehr, wo sie das wirklich aus der Bibel ganz klar darlegen können, klipp und klar, dass es wirklich überzeugend ist. Ja, die haben die Lehre vernachlässigt. Das ist so wesentlich, denn sonst kann man ja gar nicht leben, weil man weiß ja letztlich gar nicht, was Recht und was Unrecht ist. Und von welchen neuen Trends in der Gesellschaft müssen wir uns absolut hüten? Ja, man kann nicht einfach sprechen über Praxis, Praxis, Praxis und sagen, mit Theorie wollen wir nichts zu tun haben. Es ist so, dass wir die Grundlage brauchen aus der göttlichen Lehre, um zu wissen, wie wir wandeln, wie wir leben sollen.
Im Judentum heißen diese beiden Bereiche ganz anders. Das, was wir sagen Predigt, das ist Haggadah. Und das, was wir sagen Wandel, das ist Halacha. Das kommt übrigens von Halach, wandeln, die Halacha. Also wenn Juden zum Beispiel festlegen, so und so muss man als Jude leben, diese Gesetze muss man einhalten, das sind alles halachische Anordnungen. Die Rabbiner haben die Halacha festgelegt. Aber wenn es zum Beispiel um Themen wie Prophetie oder irgendwie Heilsgeschichte oder Predigt geht, das nennt man Haggadah. Haggadah heißt Erzählung.
Und diese Unterscheidung finden wir im Neuen Testament im Prinzip auch. Haggadah ist das, was dargelegt wird als Lehre, und dann Halacha ist dann die Übertragung aufs konkrete Leben, die Praxis, wenn man will.
Ein Beispiel: Im Epheserbrief haben wir eine Darstellung der göttlichen Heilspläne, Kapitel 1 bis 3, und dann kommt die Schlussfolgerung 4 bis 6, dann ist der Brief am Ende. Aber schauen wir mal diesen Knotenpunkt, diesen Wendepunkt, Kapitel 4, Vers 1, Epheser 4,1: Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit welcher ihr berufen worden seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe usw. usf.
Merken wir das: Nun, ich ermahne euch nun, das ist die Schlussfolgerung aus Kapitel 1 bis 3. Und in diesen Kapiteln hat er über die Berufung der Gläubigen gesprochen, in lehrmäßiger Art und Weise. Und jetzt sagt er: Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt. Hebräisch wäre das Halach. Und nun kommt Kapitel 4 über das Verhalten in der Gemeinde, dann das Verhalten auch in der Gesellschaft gegenüber den Problemen wie Unmoral und sonst böse Dinge, dann wird gesprochen über das Eheleben, über die Beziehung in der Familie und dann die Beziehung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Das ist die Halacha. Also der Wandel, der aus der Lehre, aus der Haggadah kommt.
Wer es noch nicht glaubt: Römer 12. Man hat im Römerbrief elf Kapitel Lehre, und dann heißt es in Kapitel 12, Vers 1: Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmung Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, gottwohlgefälliges Schlachtopfer. Und von Kapiteln 12 bis 16 wird uns gezeigt, wie wir das Christsein ausleben sollen. Wieder nun Schlussfolgerung aus Kapiteln 1 bis 11, das war Haggadah, und jetzt kommt die Halacha.
Aber das gehört zusammen. Wer es noch nicht glaubt: Kolosserbrief. Da haben wir auch diese lehrmäßige Darstellung, Kapitel 1 und 2, und dann kommt der Wendepunkt, Kapitel 3: Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist. Nun die Zusammenfassung: Jetzt wollen wir mal anschauen, was das für den Lebenswandel für Auswirkungen hat. Haggadah und Halacha.
Also, ich denke, besser als zu sagen Theorie und Praxis, weil für viele, gerade von den neuen Generationen, der Ausdruck Theorie einen ganz schlechten Klang hat. Da können wir mal sagen: Nun, vergessen wir das mal mit der Theorie. Aber es geht eben um lehrmäßige Darstellung und dann die Übertragung aufs praktische Leben.
Und das haben wir im Hebräerbrief sogar noch besonders eindrücklich, weil hier nicht ein Teil und ein Teil ist, sondern immer wieder eine Darstellung und dann die Übertragung, Einschub, wieder Darstellung, Einschub, Darstellung, Einschub. So wechselt das dauernd ab und hilft uns eben, dieses Gleichgewicht zwischen Lehre und Anwendung zu betonen und auch einzuhalten.

Der himmlische Tempel und das vollendete Opfer

Jetzt gehen wir zum zweiten Teil, der Erhabenheit des messianischen Bundes.
Erstens: Kapitel 8. Jesus ist der Mittler eines besseren Bundes. Das wird hier erklärt, indem auf das im Jeremia angekündigte Neue Testament hingewiesen wird.
Dann wird in Kapitel 9,1-12 gezeigt, dass Jesus zwar nicht Priester auf Erden ist, dass er aber auch einen Tempel hat, und zwar den himmlischen Tempel. Und dort ist er als Hoher Priester hineingegangen. Also: Wir Christen haben auch einen Tempel, aber das ist der Tempel Gottes im Himmel. Und in diesen ist Jesus Christus eingegangen. Jesus und der himmlische Tempel.
Ich will dazu etwas lesen aus Kapitel 8. Da heißt es von den Priestern im Tempel, Vers 4: Wenn er, Jesus, nun auf Erden wäre, so wäre er nicht einmal Priester, weil solche da sind, die nach dem Gesetz die Gaben darbringen, das sind die levitischen Priester in Jerusalem damals, welche dem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge dienen, gleich wie Mose eine göttliche Weisung empfing, als er im Begriff war, die Stiftshütte aufzurichten. Denn siehe, spricht er, dass du alles nach dem Muster machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist.
Das heißt: Der Tempel auf Erden war nur eine Kopie von einem himmlischen. Mose machte eine Kopie auf Erden, und alle späteren Tempel waren auch eine Kopie dieses himmlischen Tempels.
Und in Hebräer 9,11 wird erklärt: Christus aber, gekommen als Hoher Priester der zukünftigen Güter, in Verbindung mit der größeren und vollkommeneren Stiftshütte, die nicht mit Händen gemacht ist, das heißt, nicht von dieser Schöpfung ist.
Was ist diese vollkommenere Hütte, Stiftshütte? Das ist der Tempel Gottes im Himmel. In Offenbarung 11,19 heißt es ausdrücklich: Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet. Also: Die Christen haben es zu tun mit einem himmlischen Tempel. Das ist übrigens der Tempel, den der Herr Jesus in Johannes 14 vor seinem Abschied nennt: das Haus meines Vaters. Ich gehe in das Haus meines Vaters, es gibt dort viele Wohnungen, ich werde dort euch eine Stätte bereiten, und dann komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen. Also: Die Christen gehören zum himmlischen Tempel.
Und jetzt sehen wir: Das Judentum ist eigentlich nur eine Abbildung des Christentums. Wir haben den Tempel im Himmel, sie haben die Kopie auf Erden gehabt.
Und nun drittens: Jesus und sein besseres Opfer, 9,13-18. Da wird gezeigt: Die Opfer mussten in der Dauer wiederholt werden, und das beweist, dass sie das Sündenproblem nicht lösen konnten. Sonst wären sie einmal dargebracht worden, und alle Sünden aus der Vergangenheit und der Zukunft wären weggetan. Aber es war nie so. Sobald das Opfer vorüber war, begann das Problem wieder von Neuem. Und man wartete auf den nächsten Jom Kippur. Und wenn er dann vorüber war, dann musste man wieder auf den nächsten Herbst warten. So ging das.
Aber in diesem Teil wird gezeigt, Hebräer 10,10: Durch welchen Willen wir geheiligt sind, durch das ein für allemal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi. Und dann noch Vers 14: Denn durch ein Opfer hat er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden.
Der Herr Jesus machte nur ein Opfer, und damit hat er die Sünden gesühnt von den Gläubigen im Alten Testament. Und zur gleichen Zeit hat er auch die Sünden gesühnt von all denen, die später zum Glauben kommen würden. Das ist schon etwas Gewaltiges.
Dann kann jeder von sich überlegen: Welche Sünden hat der Herr Jesus getragen? Die bis zur Bekehrung? Ja, bestimmt. Er hat uns unser ganzes altes Leben vergeben. Da können wir durchstreichen. Ja, und dann gab es auch noch einige Probleme, oder? Ja, er hat uns alles vergeben bis zum heutigen Tag. Ja, natürlich, denn er hat ja vor fast zweitausend Jahren die Sünden getragen, also nicht nachträglich getragen, sondern im Voraus getragen. Ja gut, also bis heute. Ja, und wie ist es mit nächste Woche, morgen? Ja, die muss er auch getragen haben, bis ans Lebensende. Ja, weil er würde nicht noch einmal sterben. Dann hat er alles schon gemacht, und wir waren gar noch nicht geboren.
Dann realisieren wir: Das ist so anders als die Jom-Kippur-Opfer. Die waren immer nur für die Sünden im vergangenen Jahr, aber nicht für die zukünftigen. Aber der Herr Jesus ist gestorben, ein Opfer für Vergangenheit und Zukunft.
Ja, und wie konnte er denn alles tragen? Ja, weil Gott allwissend ist. Und er hat in seiner Allwissenheit alle Sünden auf ihn getan, sogar die zukünftigen, und ihn damals gerichtet.
Ja, aber er hat doch die Sünden aller Menschen getragen, auch die, die verloren gehen, oder? Das wird auch oft gesagt. Aber wo steht das in der Bibel? Ja, im Hebräerbrief lesen wir Hebräer 9,28: Also wird auch der Christus, das ist griechisch der Messias, also wird auch der Messias, nachdem er einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen, zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Seligkeit. Um vieler Sünden zu tragen, nicht um aller Sünden zu tragen.
Ja, und in Jesaja 53,12 steht es auch: Er hat die Sünden vieler getragen, nicht aller.
Ja, aber es steht doch in 1. Timotheus 2,4 ... jetzt widerlege ich mich selbst. 1. Timotheus 2,5: Denn Gott ist einer und einer Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gab zum Lösegeld für alle.
Ja, das ist doch klar: zum Lösegeld für alle. Gut, dann sagen wir: Ja, halt, aber in Markus 10,45, da steht es anders. Markus 10,45 kennen wir gut, hoffentlich auswendig: Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.
Jetzt haben wir ja effektiv fast den gleichen Ausdruck: Lösegeld für alle, Lösegeld für viele. Wie bringen wir das zusammen? An solchen Stellen lohnt es sich, das griechische Neue Testament beizuziehen, denn da gibt es einen Unterschied, den es auf Deutsch nicht gibt. „Für“ in Markus 10 ist anti, und „für“ in 1. Timotheus 2,5 ist hyper. Gibt es da eine Nuance?
Ja, anti können wir übersetzen mit dagegen oder an Stelle von. Zum Beispiel in Matthäus 2 heißt es von dem König Archelaus: Er wurde König an Stelle seines Vaters. Dann heißt es anti seines Vaters, an Stelle.
Hyper hat weniger den Sinn von Stellvertretung, sondern „im Blick auf“, „zugunsten“.
Also: Der Herr Jesus Christus ist ans Kreuz gegangen, und das wollte er tun im Blick auf alle Menschen. Niemand ist ausgeschlossen. Wie gesagt, es gibt keine kalvinistische doppelte Prädestination für die Herrlichkeit und für die Hölle. Das ist der Bibel absolut fremd. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden. Das ist Gottes Wille und Wunsch für die ganze Menschheit. Aber es werden nicht alle das Heil annehmen wollen.
Und so ist der Herr Jesus aber ans Kreuz gegangen als Lösegeld im Blick auf alle. Aber Markus 10 mit anti meint die effektive Stellvertretung, das heißt: Der Herr Jesus hat am Kreuz in den drei Stunden der Finsternis effektiv stellvertretend die Sünden nur von denen getragen, die wirklich einmal zur Bekehrung gekommen waren im Alten Testament und die zur Bekehrung kommen werden in der Zukunft.
Wenn nämlich der Herr Jesus auch von denen, die verloren gehen, getragen hätte, dann könnten sie gar nicht mehr bestraft werden für ihre Sünden. Gott bestraft nicht für das Gleiche zweimal. Aber in Offenbarung 20 vor dem großen weißen Thron heißt es, dass die Menschen nach ihren Werken gerichtet werden. Gott macht Unterschiede zwischen Terroristen und normalen Menschen. Ja, bestimmt, er wird nach ihren Werken richten. Aber wenn der Herr Jesus das Gericht schon getragen hat, dann könnten sie nicht mehr für ihre Taten nochmals bestraft werden.
Aber das macht für die Erlösten die Sache noch wunderbarer. Dann weiß ich ja: Der Herr Jesus hat ja die Sünden meines ganzen Lebens getragen. Dann kann ich gar nicht mehr in die Hölle kommen, denn es wäre ja nicht mehr Gerechtigkeit Gottes.
Ja, vergibt Gott aus Gerechtigkeit oder aus Liebe? Beides. Es heißt doch in 1. Johannes 1,9: Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit. Gott ist treu, er ist gerecht, weil Jesus Christus bereits alles getragen hat. Darum: Jedes Mal, wenn wir uns beugen und bereuen, dann wird die Gemeinschaft mit dem Vater wieder neu hergestellt, und diese Vergebung geschieht aus Gerechtigkeit.
Und diese Dimension wird uns im Hebräerbrief so eindrücklich gezeigt. Nochmals Hebräer 10,14: Denn durch ein Opfer hat er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden. „Immerdar“ – das griechische Wort heißt sogar ununterbrochen. Das heißt: Als Mensch vor Gott bin ich heute vollkommen, nicht weil mein Leben vollkommen wäre, überhaupt nichts mit dem zu tun, sondern weil Jesus Christus vor fast zweitausend Jahren, im Jahr 32 im Passamonat Nisan, alle Sünden von meinem ganzen Leben bis zum Tod oder bis zur Entrückung getragen hat. Das ist Vollkommenheit.
Und wenn man das wirklich einmal erfasst hat, dann versteht man, warum es kein Opfer mehr braucht. Das Opfer hat aufgehört. Ein für allemal mehr brauchen wir nicht mehr. Und das bringt uns eigentlich innerlich völlig zur Ruhe im Glauben. So bekommt man wirklich Ruhe und Heilsgewissheit. Er hat alles getragen, und ich habe das geglaubt, ich habe das für mich in Anspruch genommen.
Schauen wir nochmals einen Unterschied. In Hebräer 10,11 heißt es: Und jeder Priester steht täglich da, den Dienst verrichtend und oft dieselben Schlachtopfer darbringend, welche niemals Sünden hinwegnehmen können. Merken wir: Paulus spricht hier immer noch in der Gegenwartsform. Im Jahr 62 waren die Opfer ja immer noch aktuell in Jerusalem. Nicht: Jeder Priester stand täglich da, sondern: Jeder Priester steht, der Opferdienst läuft, und die messianischen Juden sind immer noch gegangen. Dann sagt er: die stehen, die stehen.
Aber der Herr Jesus, Vers 12: Er aber, Gegensatz, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht, hat sich auf immer da gesetzt zu Rechten Gottes.
Ja, jetzt nimmt er hier eben nochmals auf Psalm 110 Bezug. Dort sagt Gott zu seinem Messias: Setze dich zu meiner Rechten, auch so ein Schlüsselvers im Hebräerbrief, bis ich gelegt habe alle Feinde zum Schemel deiner Füße. Der Messias sollte sich setzen auf den Thron Gottes.
Aber die Priester im Tempel, die standen immer, und es gab keine Stühle im inneren Vorhof. Wehe, die durften gar nicht sitzen, das können Sie im Talmud nachlesen. Ausdrücklich: Kein Priester darf sitzen im Bereich des innersten Vorhofes, und schon gar nicht im Tempelhaus. Das ist ja klar, niemand.
Und jetzt wird hier gesagt: Aber Jesus Christus ist in den Tempel gegangen, in den Himmel. Und da hat er sich gesetzt. Wo? Auf dem Thron Gottes. Wo ist der Thron Gottes? Ja, die Bundeslade gehört zum Thron Gottes. Im Allerheiligsten hat er sich gesetzt.
Ja, nun, das hat einen tiefen bildlichen Sinn: Sie stehen, sie kommen nie zur Ruhe. Sie können das Problem nie lösen. Die Juden im Tempel waren wie die Katholiken. Ja, ein Katholik geht zum Priester, bekennt, beichtet, bekommt Absolution, und dann am nächsten Tag ... jetzt kann er wieder gehen. Die kommen nie zur Ruhe. Darum ist das ein Grunddogma der katholischen Kirche: Es gibt keine Rechtfertigung aus Glauben, so von Gott geschenkt, sondern sie ist nur tröpfchenweise. Du gehst an die Messe, dann bekommst du wieder etwas von der Gnade Gottes eingeträufelt, und du machst alle Vorschriften, Firmung und so weiter, es gibt wieder ein Tröpfchen, immer ein Tröpfchen, aber du hast nie genug. Und wehe, man begeht eine Todsünde, dann ist alles aufgelöst, dann kann man wieder von vorne anfangen. Es gibt keine Ruhe.
Aber es ist genau das Prinzip im Alten Testament. Da muss man wieder ein Opfer bringen, wieder ein Opfer, es gibt nie Ruhe. Die Priester müssen alle stehen, die dürfen nie sitzen.
Aber der Herr Jesus ist in den Himmel gegangen, in den himmlischen Tempel, und hat sich gesetzt zur Rechten Gottes. Das heißt: Jetzt braucht es nichts mehr. Es ist alles vollendet. Und sein Sitzen zur Rechten Gottes gibt mir die Garantie: Jetzt kann ich endlich auch mal wirklich zur Ruhe kommen. Gott hat alles, mein ganzes Leben, geordnet.
Und dann kommt der Schlaumeier und sagt: Jetzt kann man leben, wie man will. Lesen wir mal Hebräerbrief ein bisschen genauer. Hebräer 10,14: Denn durch ein Opfer hat er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden. Es steht sicher in keiner Bibel: die geheiligt worden sind. Das wäre total falsch. Die geheiligt werden – und das drückt im Griechischen einen Prozess aus, der andauert.
Also: Die praktische Heiligung, das ist etwas ganz Wesentliches, dass wir unser Leben jeden Tag neu im Licht des Wortes Gottes prüfen und dass wir jedes Mal, wenn wir gesündigt haben, den neu bekennen, bereinigen, nicht stehen lassen. Das ist fortschreitende praktische Heiligung.
Und so haben wir in diesem Vers so geballt: Da gibt es Menschen, die sind vollkommen vor Gott, ununterbrochen, und dieselben müssen dauernd geheiligt werden. Wie geht das zusammen? Eben, das ist die Sache. Ich weiß, die Schuld meines ganzen Lebens ist endgültig vor Gott geregelt. Aber wenn ich ein Unrecht begehe, zum Beispiel meinen Kindern gegenüber oder irgendwem, dann muss ich das jedes Mal wieder ordnen, und nicht nur mit dem Kind, sondern eben mit Gott. Und jedes Mal wird mir das wieder vergeben, und das ist fortschreitende Heiligung.
Also da haben wir zwei ganz wichtige Dinge: unsere Stellung vor Gott und unser praktischer Zustand jetzt im September 2002. Das sind zwei verschiedene Dinge, aber die gehören zusammen.
Was ist es eigentlich, was mir so Mut macht, dann immer wieder zu ordnen und auch wieder aufzustehen? Das ist die Gewissheit, dass der Herr wirklich mein ganzes Leben geordnet hat. Ich habe nicht wieder Angst, ich gehe doch noch verloren, weil ich weiß, dass ein Opfer genügt, und ich darf darin ruhen, in diesem Opfer. Da, wo Gott mit Wonne ruht, heißt es in dem Lied, bin auch ich zur Ruh gebracht. Gott hat dieses Opfer angenommen, er hat den Beweis gegeben: Am dritten Tag ist der Herr Jesus auferstanden. Dieses Opfer hat Gott vollkommen genügt. Dann darf ich auch ruhen.
Aber das ist dann selbstverständlich, dass der Prozess der Heiligung eben eine tagtägliche, ganz normale, zum ABC des Christen gehörende Angelegenheit ist.
Das führt dann eben hinüber zum dritten Teil, wo es um die Erhabenheit des messianischen Glaubensweges geht. Das ist mit Problemen, mit Schwierigkeiten, mit Fallen verbunden, aber Fallen und Aufstehen, so wie die Glaubenshelden in Hebräer 11, und schließlich sind sie alle zum Ziel gekommen.
Gezeigt wird: Wir haben einen ganz neuen Weg in die Nähe Gottes, ins himmlische Heiligtum. Dann kommt wieder eine Einschaltung, Warnung vor Abfall, und da wird gesagt: Schaut, ihr seid von euren Glaubensgenossen, seid ihr beraubt worden, von euren Volksgenossen beraubt worden, weil ihr an den Messias Jesus glaubt, und diesen Raub habt ihr mit Freuden aufgenommen, Vers 34. Da ihr wisst, dass ihr für euch selbst eine bessere und bleibende Habe besitzt.
Die haben sich also nicht mehr an ihr Habengut gekettet. Natürlich war das furchtbar, wenn ihnen das quasi geraubt worden ist. Ich habe gerade vor kurzem in Belgien einen Afrikaner kennengelernt. Er hat mir gesagt, sie haben in Kinshasa gewohnt, in der Hauptstadt, und im Krieg wurde viermal ihre Straße geplündert von Soldaten und Kriminellen. Es ist ja totaler Wilder Westen dort, und dreimal sind sie ausgerechnet verschont gewesen. Die haben also vor ihrem Haus ausgeraubt und nach ihrem Haus ausgeraubt. Und die Ungläubigen haben dann gesagt: Wow, und euer Haus ist nicht ausgeraubt worden. Ja, wenn der Herr das so wollte. Aber das vierte Mal wurden sie ausgeraubt. Alles verloren, das ist furchtbar. Die ganze Garage, über einem Garagist, alles kaputt und zerstört und ausgeraubt und wegtransportiert. Das ist schrecklich.
Aber der Apostel Paulus sagt hier eben als Lehrer der jüdischen Gläubigen: Ihr habt das alles so erduldet, und ihr habt die Gewissheit, ihr habt im Himmel eine bessere und bleibende Habe. Und damit will er sagen: Eigentlich sehe ich ja bei euch ganz deutliche Auswirkung, dass euer Glaube echt ist, wenn ich auch eben im Blick auf gewisse so ernst über Abfall sprechen muss.
Und dann kommt eben zweitens Jesus, der Anfänger und Vollender des Glaubens. Darüber haben wir gesprochen. Die Glaubenshelden sind nun die Zuschauer in der Arena. Wir rennen und ahmen das Beispiel unseres Herrn an, hinschauend auf Jesus. Übrigens: Das Wort „hinschauen“ ist ganz interessant im Griechischen. Es ist ein Wort, das ursprünglich bedeutet „wegschauen“, aber es meint „wegschauen von allem anderen auf einen Punkt hin“, auf eine Sache hin, also fixiert auf Jesus. Wir lassen den Rest. So macht man ja Sportkampf, oder? Nicht: „Frau mich da“ und „hallo die in der Tribüne“, sondern es gibt nur eins: das Ziel. Und dann hin, ohne Rucksack und ohne Seil zwischen den Füßen. So geht das. Also: wegschauend von allem anderen auf Jesus. Das ist die Zentralität Jesu in unserem Leben.
Und dann kommt wieder eine Einschaltung, Warnung auch da wieder, Warnung vor Abfall. Aber dann wird erklärt: Schaut, das Volk Israel früher kam doch zum Berg Sinai, der rauchte. Es war furchtbar, diese Erscheinung bei der Gesetzesübergabe. Und sogar Mose musste sagen: Ich bin voll Furcht und Zittern. Aber schaut, ihr seid gekommen zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, 12,22. Das ist der himmlische Berg Zion. Zion auf Erden ist nur ein Abbild vom himmlischen Berg Zion. Dann gibt es den himmlischen Tempelberg, den himmlischen Tempel, und darum herum die himmlische Stadt, das himmlische Jerusalem.
Und so zeigt Paulus: Schaut, ihr seid nicht mehr verbunden mit dem Bund, der schon mit Angst begonnen hat, weil er nicht das Heil bringen konnte, sondern der erste Bund sollte nur zeigen: Wir brauchen das Heil, wenn der Messias kommt. Und jetzt seid ihr verbunden mit dem Himmel und mit dieser himmlischen Stadt. Wir haben ein ewiges Reich empfangen, das unerschütterlich ist.
Ich möchte da noch lesen aus Hebräer 12,28: Deshalb, da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns Gnade haben, durch welche wir Gott wohlgefällig dienen mögen, mit Frömmigkeit und Ehrfurcht; denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.
Wir haben ein unerschütterliches Reich. Das sagte er acht Jahre, bevor der Judenstaat zusammengeschlagen wurde. Das muss man wirklich immer unter diesem Hintergrund sehen. Wir haben ein unerschütterliches Reich, und das, was der Herr Jesus gebracht hat, das wird nicht später wieder abgelöst durch etwas anderes.
Vielleicht haben die einen oder anderen in der Schule Lessing gelesen. Und Lessing, dieser Verführer, hat ja auch gesagt: Es gab ja einen ersten Bund, es gab einen neuen Bund, und dann später wird es wieder etwas Weiteres geben, das ist quasi die Erziehung des Menschengeschlechts, das geht immer weiter. Wissen wir: Das Christentum ist auch nur so eine Phase, und dann kommt noch etwas anderes, ja? Nein.
Dann können wir sagen: Das Neue Testament macht klar, der neue Bund ist ein ewiger Bund, und wir haben ein unerschütterliches Reich, das nie mehr zusammenbrechen wird. Darum: Das macht uns Mut, eben Gott treu zu dienen in Hingabe und Ehrfurcht.
Und dann kommt dieser dritte Teil: Jesus und der Weg hinaus aus dem Lager. Das konnte nicht in Kapitel 1 kommen, oder? Es brauchte diese Lehre, um zu zeigen: Schaut mal, was ihr in Jesus Christus heute habt. Und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Weichen sind gestellt. Ihr müsst das christuslose Judentum verlassen. Wir können nicht da bleiben, wo Christus verworfen ist.
Natürlich gilt das auch für alle weiteren Zeiten, dieser Grundsatz: Wenn wir in einer Kirche sind, wo Christus verworfen ist und sein Wort, ja, was wollen wir da noch? Ja gut, es ist vielleicht schwierig, hinauszugehen, weil es mit Schmach verbunden ist. Aber es ist im Prinzip genau das: Wenn eine Kirche die Inspiration und Autorität der Bibel verwirft und wenn es möglich ist, eben liberale Theologie zu vertreten, dann ist das Verwerfen von Christus. Dann gilt das Prinzip: Lasst uns hinausgehen außerhalb des Lagers.
Und dann kommt noch ein Schlusswort, Kapitel 13,17-25: Jesus, der große Hirte der Schafe, der uns eben bis zum Ziel hinbringen wird.
Und dann kommt die große Überraschung. Was sagt Paulus in Vers 13,22? Ich bitte euch aber, Brüder, ertragt das Wort der Ermahnung, denn ich habe euch mit kurzen Worten geschrieben.
So kurz war es ja auch wieder nicht, oder? Dreizehn Kapitel ist ja schon eher unter den längeren Briefen des Neuen Testaments, würde ich sagen. Aber warum kommt es dem Schreiber so kurz vor? Ja, weil das Thema eben sein Herz so erfüllte. Das war für ihn eine kurzweilige Sache, diese Dinge hier zu schreiben und so dem Gläubigen Mut zu machen, mit Christus verbunden zu sein, an ihm zu bleiben und sich zu freuen in diesem Reichtum, den wir haben, im Glauben. Und auch diese Hoffnung, die wir haben, so dass wir durch die Schwierigkeiten des Lebens mit ihm vorangehen können.
Ja, wir sind am Ende, wir haben noch eineinhalb Minuten Zeit. Gibt es noch Fragen? Ja, da? Sie haben eine Merkung nach welcher? Ja, also meine Merkung zum Calvinismus: Nein, ich habe es noch nicht ausführlich geschrieben, aber ich möchte das gerne mal als Bibelstudientag nehmen, das Thema „Auserwählung und Vorbestimmung“ und das Darstellen in seiner ganz positiven Bedeutung. Es ist wirklich etwas ganz Schönes, wo wir uns als Gläubige darüber freuen können.

Vielen Dank an Roger Liebi, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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