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Psalm 9

Die Psalmen - das Gesang- und Gebetbuch der Bibel, Teil 5/26
30.05.2016Psalm 9
SERIE - Teil 5 / 26Die Psalmen - das Gesang- und Gebetbuch der Bibel

Einführung und Psalmvorstellung

Wer das Programm verfolgt hat, weiß, was heute Abend dran ist. Ich weiß nicht, ob ihr den Psalm schon gelesen habt, damit ihr ein wenig vorbereitet seid. Das ist der Vorteil, wenn man weiß, was kommt.

Wir sind heute Abend bei Psalm neun, der einundzwanzig Verse umfasst. Ich lese ihn zu Beginn einmal vor. Ich habe den Vortrag überschrieben mit „Wie man Riesen besiegt“. An der Illustration könnt ihr erkennen, worum es symbolisch geht: David gegen Goliath.

Ich lese Psalm neun, dem Chorleiter Almut Labben, ein Psalm von David:

„Ich will dich preisen, Herr, mit meinem ganzen Herzen. Ich will alle deine Wundertaten zählen. In dir will ich mich freuen und jauchzen, will deinen Namen besingen, du Höchster, während meine Feinde zurückweichen, stürzen und umkommen vor deinem Angesicht.

Denn du hast mein Recht und meine Rechtssache ausgeführt. Du hast dich auf den Thron gesetzt, ein gerechter Richter! Du hast Nationen gescholten, den Gottlosen verloren gegeben, ihren Namen ausgelöscht für immer und ewig. Der Feind ist erledigt, zertrümmert für immer.

Du hast Städte zerstört, ihre Namensnennung verschwindet. Der Herr lässt sich nieder auf immer, er hat einen Thron aufgestellt zum Gericht. Er wird die Welt in Gerechtigkeit richten und über die Völkerschaften Gericht halten in Geradheit.

Doch dem Unterdrückten ist der Herr eine hohe Feste, eine hohe Feste in Zeiten der Bedrängnis. Auf dich vertrauen die deinen Namen kennen, denn du hast die nicht verlassen, die dich suchen, Herr.

Singt dem Herrn, der Zion bewohnt, verkündet unter den Völkern seine Taten! Denn der dem vergossenen Blut nachforscht, hat ihrer gedacht, er hat das Schreien der Elenden nicht vergessen.

Sei mir gnädig, Herr, sieh an mein Elend vonseiten meiner Hasser, indem du mich emporhebst aus dem Toren des Todes, damit ich all dein Lob erzähle in den Toren der Tochter Zion und jauchze über deine Rettung.

Versunken sind die Nationen in die Grube, die sie gemacht. In dem Netz, das sie versteckt haben, hat sich ihr eigener Fuß gefangen. Der Herr hat sich zu erkennen gegeben, er hat Gericht ausgeübt. Der Gottlose hat sich verstrickt im Werk seiner Hände. Higajon.

Mögen sich zum Scheol wenden die Gottlosen, alle Nationen, die Gott vergessen! Denn nicht für immer wird der Arme vergessen, noch geht der Elenden Hoffnung für ewig verloren.

Steh auf, Herr, dass nicht der Mensch Gewalt habe! Mögen die Nationen vor deinem Angesicht gerichtet werden. Lege Furcht auf sie, Herr, mögen die Nationen erkennen, dass sie Menschen sind.“

Soweit Gottes Wort.

Erste Eindrücke und Psalmstruktur

Wahrscheinlich geht es euch ähnlich wie mir. Zuerst habe ich gedacht: Ach nein, über diesen Psalm sage ich nichts. Nicht jeder Psalm, den man liest, ist sofort so, dass man eine Beziehung dazu aufbaut. Manchmal dauert es etwas, und erst wenn man ihn ein paar Mal liest und versucht, sich in die Situation des Psalmdichters hineinzuversetzen, entsteht ein Zugang.

Wir haben im ersten Vers gelesen, dass der Psalm von David ist. Es wird wieder gesagt, dass es ein Psalm ist. Wenn das darüber steht, dann handelt es sich also um ein Lied, wie ich schon einmal erklärt habe, das mit Instrumentenbegleitung vorgetragen wurde. Es wird nicht angegeben, welche Instrumente genau verwendet wurden, aber die Melodie wird genannt.

Es wird auch erwähnt: „Dem Chorleiter“. Das bedeutet, dass dieser die Aufgabe hatte, vorzusingen oder die Aufführung entsprechend zu dirigieren. Dann steht ein ungewöhnliches Wort dazwischen. Ich weiß nicht, ob das in allen Übersetzungen so unübersetzt bleibt. In der Albrecht-Alberfelder-Übersetzung mit Anmerkungen steht, dass es „Almut Labben“ heißt, was vermutlich ein nicht mehr verständlicher Hinweis für den musikalischen Vortrag ist. Man muss sich das so vorstellen: In manchen Liederbüchern steht über einem Lied zum Beispiel „Amazing Grace“. Alle wissen dann, welche Melodie gemeint ist. Der Text ist nicht „Amazing Grace“, aber die Melodie wird angegeben.

So scheint es hier auch zu sein. Es wird Bezug genommen auf ein bekanntes Lied, sodass alle, die mitgesungen haben, wussten, nach welcher Melodie gesungen wurde.

Eine weitere Besonderheit bei diesem Psalm ist, dass es allgemein nicht als Akrostichon gekennzeichnet ist. Das ist ein Fremdwort und bedeutet, dass der Psalm in alphabetischer Reihenfolge gedichtet ist. Das heißt, jede Zeile beginnt mit einem neuen Buchstaben des hebräischen Alphabets. Das geht natürlich aus der deutschen Übersetzung nicht hervor.

Es ist schwer, das so ins Deutsche zu übertragen, dass diese Ordnung erhalten bleibt. Trotzdem ist es häufig der Fall. In der Bibel finden wir nicht nur diesen neunten Psalm, sondern auch den zehnten Psalm in dieser Form. Manche sagen, diese beiden Psalmen gehören irgendwie zusammen.

Auch Psalm 25, Psalm 34, Psalm 37, Psalm 111 und 112 sind alphabetische Psalmen. Der bekannteste dieser alphabetischen Psalmen ist der lange Psalm 119. Dort ist die Ordnung so, dass immer acht Verse oder acht Zeilen einen Block oder eine Strophe bilden. In jedem Block fängt jede Zeile mit dem gleichen Buchstaben an. Jeder neue Block beziehungsweise jede neue Strophe beginnt dann mit einem neuen Buchstaben des hebräischen Alphabets.

Man merkt also, dass dies nicht einfach nur eine zufällige Untergliederung ist, sondern ein wirkliches Kunstwerk. Leider geht diese Besonderheit in Übersetzungen verloren, weil man das so nicht übertragen kann. Trotzdem ist es gut zu wissen, dass man es hier mit einem solchen kunstvollen Lied zu tun hat.

Gliederung des Psalms und seine doppelte Funktion

Man könnte eine Gliederung über diese 21 Verse machen. Dieser Psalm ist sowohl ein Bekenntnis von David als auch ein Gebet. Das habt ihr wahrscheinlich beim Lesen bemerkt. An manchen Stellen spricht David Gott direkt an, an anderen hingegen spricht er in der dritten Person über ihn.

Dadurch wird deutlich: Wo die direkte Ansprache ist, handelt es sich um ein Gebet. Das, was in der dritten Person formuliert ist, ist eher ein Lehrstück oder ein Bekenntnis, das David abgibt.

Ich habe es einmal so unterteilt: Die Verse 2 bis 5 könnte man als erste Strophe bezeichnen. Hier preist David Gott, weil er Rettung gegeben hat. Die zweite Strophe umfasst die Verse 6 bis 13. Vielleicht hilft es euch, wenn ihr mit einem Kugelschreiber jeweils einen kleinen Strich setzt, um die Gliederung sichtbar zu machen.

Diese Strophe beinhaltet den Aufruf, dass alle Gerechten Gott preisen sollen und somit in das Lob Gottes einstimmen, das David in der ersten Strophe angeregt hat.

Die dritte Strophe besteht aus den Versen 14 bis 15. Hier ist ein Gebet an den Herrn um Hilfe enthalten.

Die Verse 16 bis 19 bilden die vierte Strophe. Darin wird beschrieben, dass der Herr die Nationen richten wird.

Die fünfte Strophe umfasst die Verse 20 bis 21. Hier findet sich noch einmal ein direkter Aufruf an Gott: „Stehe auf, Herr!“

Man erkennt, dass die erste, die dritte und die fünfte Strophe Gebete sind, also direkte Ansprachen an Gott. Dazwischen wird praktisch in der dritten Person über Gott und sein Handeln geschrieben.

Diese Einteilung hilft, wenn man solch einen Psalm liest. Wenn man sich an der Seite jeweils einen kleinen Strich macht, kann man ihn leichter einteilen und den gedanklichen Zusammenhang besser erfassen.

Die erste Strophe: David preist Gott

Schauen wir uns also einmal die erste Strophe an: David preist Gott. Die Verse zwei bis fünf.

Dabei fällt etwas auf: Er sagt „Ich will dich preisen, Herr, mit meinem ganzen Herzen. Ich will erzählen alle deine Wundertaten. Ich will mich in dir freuen und jauchzen. Ich will deinen Namen besingen, du Höchster.“ Viermal sagt er „ich will“. Das fällt mir in diesem Psalm häufig auf: Wenn es um Preisen, Loben oder Anbeten geht, wenn es um sich freuen geht, sagt David immer „Ich will“.

Wir meinen ja oft, Freude komme, wenn man etwas Schönes erlebt hat. Oder man könne Gott preisen, wenn es einem gut geht. Aber David macht deutlich – und an vielen Stellen in der Bibel wird das betont –: Sich freuen oder Gott preisen ist nicht unbedingt an eine Ursache gebunden, sondern es ist eine Willensentscheidung. Man kann sich entscheiden, ob man griesgrämig oder fröhlich ist.

Martin wird das bestätigen: Das ist eine Grundeinstellung, die ein Mensch hat. Natürlich gibt es viele Gründe, verärgert oder missmutig zu sein. Ich glaube, ich habe Vogels ja schon mal zitiert und einen schönen Spruch gefunden, den ich mir gemerkt habe: Man kann sich über alles ärgern, aber man ist nicht verpflichtet dazu.

Ich glaube, das ist ein Spruch, den man sich merken sollte – vielleicht groß über das Ehebett hängen, auf die Kühlschranktür kleben oder als Bildschirmschoner auf dem Computer verwenden. Man kann sich über alles ärgern, aber man ist nicht verpflichtet dazu. Das macht deutlich: Wie ist meine Grundeinstellung?

Bei David – und das imponiert uns ja eigentlich immer an seiner Person – ist er ein Mensch wie du und ich. Er ist kein Heiliger, nicht jemand, der alles richtig gemacht hat, sondern hat genauso Fehler gemacht wie du und ich. Aber seine Grundeinstellung ist: Ich will Gott preisen. Und ich wünschte, das könnte man jedem Christen so richtig einimpfen.

Das Neue Testament sagt uns im Galaterbrief, dass das zur Frucht des Geistes gehört. Es gehört sozusagen zu den Genen des neuen Menschen. Wenn jemand, der nicht an Gott glaubt, sich nicht freut, habe ich dafür Verständnis. Natürlich gibt es auch viele Situationen im Leben, auch als Gläubige, in denen man nicht gerade „Hurra!“ schreit.

Aber das, was David hier sagt, ist, glaube ich, eine ganz wichtige Sache für uns Christen: „Ich will dich preisen, Herr, mit meinem ganzen Herzen.“ Also nicht nur mit dem Mund. Er meint damit, dass sein ganzes Inneres darauf ausgerichtet sein soll, Gott zu preisen.

Und zweitens sagt er: „Ich will erzählen alle deine Wundertaten.“ Habt ihr das auch schon mal gemerkt? Wenn man ein Zeugnis gibt, wenn man anderen etwas vom Herrn Jesus erzählt, wird das eigene Herz fröhlich. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Gott einen Trick anwendet: Gerade dann, wenn man niedergeschlagen ist, führt er einem jemanden zu, dem man ein Zeugnis geben soll.

Und man denkt: „Hm, passt nicht, eigentlich bin ich gar nicht drauf.“ Doch man wird gefordert, und danach ist man glücklich. Das ist eine Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe. Manche sagen mir: „Eber, warum bist du immer so fröhlich?“ Und ich antworte: „Ich habe nicht immer Grund dazu, aber ich habe einen wunderbaren Herrn.“

David sagt ja auch nicht: Ich preise meine Situation, die ich habe. Wenn wir den Psalm lesen, merken wir, dass er nicht gerade in einer rosigen Lage ist. Er schreit zwischendurch um Hilfe. Trotzdem sagt er: „Ich will dich preisen, Herr, mit meinem ganzen Herzen. Ich will erzählen alle deine Wundertaten. Ich will mich freuen und jauchzen. Ich will deinen Namen besingen, du Höchster.“

Ich weiß nicht, wie du das machst, dem Herrn zu jauchzen. Das kann man am besten, wenn man allein ist. Dann fällt es nicht so auf, wenn man nicht gut singen kann. Ich finde es prima, wenn ich alleine unterwegs bin, mit dem Auto und lange Strecken fahre, dann schmettere ich los. Das hört ja keiner zu, und es ist auch egal, ob es richtig oder falsch ist.

Früher sagte man immer, man singe am besten in der Badewanne, aber das ist nicht immer angenehm für die Mitbewohner. David freut sich und jauchzt. Er besingt den Namen Gottes. Wir haben uns heute Morgen daran erinnert, wie bedeutend der Name unseres großen Gottes und Herrn ist.

Genauso können wir jauchzen, jubeln und den Namen des Herrn Jesus besingen. In unseren Liederbüchern gibt es etliche Lieder, die das tun. Der Name unseres Herrn heißt „Gott ist Rettung“, und das ist wirklich ein Grund zur Freude und zum Jubeln.

Interessanterweise sagt David in Vers vier: „Während meine Feinde zurückweichen, stürzen und umkommen vor deinem Angesicht.“ David singt, dankt und preist nicht, wenn er abends auf seiner Couch in seinem Palast liegt und den Sonnenuntergang über sein Land beobachtet. Er singt und freut sich, während seine Feinde zurückweichen.

Ihr kennt vielleicht die Geschichte aus 2. Könige 20, wo König Josaphat gesagt wird, dass Feinde kommen. Er fühlt sich völlig überfordert und weiß nicht, was er tun soll. Er betet zu Gott, und Gott sagt ihm: „Morgen werde ich kämpfen, und du brauchst nur zuzusehen.“

Was tut Josaphat dann? Wir fragen uns: Was ist das für ein König? Er lässt die Chorsänger vom Tempel auftreten. Vor seiner Heeresmacht geht der Chor, und er lässt den Chor singen: „Gott ist groß, und er ist gnädig und barmherzig.“ Erst danach kommen die Soldaten.

Man sagt: „Aber lieber Mann, das ist strategisch nicht gerade sinnvoll.“ Er lässt also vorne die Chorsänger laufen, und dann kommt das Militär. Doch während die Sänger singen, wird der Feind von Gott vernichtet. Die Soldaten müssen gar nicht eingreifen.

Oder denken wir an die Eroberung von Jericho. Die ziehen die Stadt sechsmal im Schweigemarsch um. Am siebten Tag sollen sie sieben Mal drumherum ziehen und dann mit Posaunen losposaunen. Es wird ihnen nicht gesagt, Rammböcke zu benutzen und die Stadtmauer einzureißen, sondern sie fangen an zu jubeln und zu trompeten.

Gott hat wirklich eine ungewöhnliche Militärstrategie, oder? Offensichtlich hat David davon etwas erlebt. Er singt, preist Gott, und ich möchte davon lernen. Vielleicht geht es euch ähnlich: Wenn Schwierigkeiten kommen, dann bibbert man, hat Angst, und nach Singen ist einem überhaupt nicht zumute.

David singt, während seine Feinde zurückweichen und stürzen. Dann begründet er in Vers fünf, warum: „Denn du hast ausgeführt mein Recht und meine Rechtssache. Du hast dich auf den Thron gesetzt, ein gerechter Richter.“

Merken wir hier: Es ist kein Bericht über Gott, sondern er spricht Gott selbst an. Das finde ich bei David immer hervorragend. Er ist mit Gott per Du. Gott ist nicht fern und unnahbar, sondern er steht mit Gott auf Du und Du.

Deswegen sage ich manchmal, vielleicht wundern sich manche, dass ich die meisten von euch duze. Ich sage mir immer: Wenn wir den Herrn Jesus duzen, dann können wir uns auch duzen. Wenn jemand meint, er sei mehr als der Herr Jesus, kann er mir das sagen. Er darf mich dann siezen, aber ich werde ihn weiter duzen.

Ich denke, das ist es: David ist mit Gott per Du.

Die zweite Strophe: Gottes Gericht und Schutz

Ab Vers sechs bis Vers dreizehn lesen wir sozusagen die zweite Strophe. Das, was David in den ersten fünf Versen deutlich macht – seine Grundeinstellung – möchte er auch den anderen vermitteln.

Du hast Nationen gescholten, den Gottlosen verloren gegeben, ihren Namen ausgelöscht für immer und ewig. Der Feind ist erledigt, zertrümmert für immer. Du hast Städte zerstört, ihre Namensnennung verschwindet. Der Herr lässt sich nieder auf immer, er hat seinen Thron aufgestellt zum Gericht. Und er wird die Welt in Gerechtigkeit richten und über die Völkerschaften Gericht halten in Geradheit.

Viele neutestamentliche männliche Gläubige haben mit solchen Aussagen etwas Mühe. Wir sind spätestens seit dem letzten Krieg möglichst Pazifisten, weil wir den Krieg hassen. Trotzdem leben wir in einer Zeit, in der es noch nie so viele Kriege gegeben hat wie heute.

Damals bei David war die Situation jedoch eine völlig andere. Gott hatte bereits 400 Jahre vorher, bei dem Einzug der Kinder Israel in das Land Kanaan, ihnen ausdrücklich gesagt, dass sie alle Völker, die dort wohnten, ausrotten sollten. Das klingt für uns brutal und vielleicht auch ungerecht, aber Gott begründet das. Er sagt: Die Sünde dieser Völker ist voll.

Ich habe mir die ganzen Jahre, nämlich 420 Jahre, seit Abraham, Isaak und Jakob im Land gelebt hatten, und Jakob dann mit seinen Söhnen nach Ägypten zog, überlegt. Gott hat diesem Land und den Völkern dort eine Gnadenzeit gegeben. Als er dann das Volk Israel auffordert, dieses Land zu erobern, begründet er das mit der Aussage: Die Sünde dieser Völker ist voll. Er hat über 400 Jahre Geduld gehabt.

Doch das Volk Israel hat diese Völker nicht alle ausgerottet. Zeitlebens hatten die Israeliten durch die zurückgebliebenen Einwohner Schwierigkeiten. Gott gibt David praktisch den Auftrag, das zu vollenden, was damals unter Josua und den Ältesten danach versäumt worden ist. Deshalb hat er David auch die Verheißung gegeben, dass er siegen wird.

Zwar waren die Kämpfe, die David führen musste, durchaus schwieriger als damals, als sie das Land eroberten. Damals hatte Gott ihnen die Verheißung gegeben, dass er sie alle in ihre Hand geben würde. Aber sie ließen einige übrig, und Gott hat ihnen gesagt, das wird ihnen zur Falle werden.

Wenn wir dann die Geschichtsbücher durchlesen – das Buch der Richter, die Bücher Samuel und die Bücher der Könige – merken wir, dass das alles Spätfolgen ihres Ungehorsams damals sind, als sie ins Land eingezogen sind.

Von daher ist hier, wenn David etwas über die Nationen sagt, dieser Blickwinkel immer noch da. Gott hatte ihnen gesagt, sie sollten die Nationen ausrotten, weil diese bewusst Götzen nachgefolgt sind und weil dadurch die Kinder Israel immer wieder in Gefahr kamen.

Wie können wir leicht die Anwendung auf uns machen? Wie leicht ist das, wenn wir uns bekehren? Gott gibt uns neues Leben, aber wir haben den alten Menschen trotzdem noch. Es ist immer die Frage, wie viel Raum ich dem alten Menschen gebe. Viele meinen, wir können das irgendwie miteinander ausbalancieren. Doch dann werden wir immer wieder vom Alten angegriffen.

Ihr wisst, wir haben bei uns eine Gefährdetenhilfenarbeit. Wir kümmern uns um solche, die aus dem Knast und aus der Droge kommen. Wir stellen immer wieder fest: Häufig ist es so, dass sie sehr bald, wenn sie zu uns ziehen, zum Glauben kommen, frei werden von der Droge und sich stark fühlen. Wenn sie dann gut satt gegessen haben, meinen sie, sie können alleine wieder.

Manch einer verlässt die Gefährdetenhilfe, und in den meisten Fällen kommt es zu Rückfällen. Warum? Weil sie sich nicht wirklich von der Vergangenheit getrennt haben. Das ist auch neutestamentlich gesehen wesentlich für uns Gläubige: Wenn wir einen Weg mit dem Herrn gehen, bedeutet das eine Trennung vom Vergangenen. Sonst wird uns das immer wieder angreifen.

Wir brauchen nur in Frustsituationen zu kommen, und wir handeln nach den alten Schemata. Vor vier Wochen hatten wir den Fall, dass ein Junge, der zwei Jahre in der Gefährdetenhilfe gewesen war, plötzlich abgehauen ist. Wir wissen nicht, was passiert ist, ob er vielleicht einen alten Kumpel kennengelernt hat.

Wir merken, das ist hier auch das Prinzip bei Israel. Die meisten Probleme, die Israel hatte – auch zur Regierungszeit Davids – waren unbewältigte Vergangenheit. Oft bittet David in seinen Psalmen Gott, die Feinde auszulöschen, weil er weiß, dass die feindlichen Völker in der Umgebung Israels eine große Gefahr sind. Wie oft sind die Israeliten durch die Götzen der umliegenden Völker verführt worden!

Selbst Davids Sohn Salomo begann gut, aber im Alter neigten seine vielen Frauen aus den fremden Völkern ihn zu den Götzen dieser Völker.

In Vers 10 und 11 wird in dieser Strophe dann etwas deutlich gemacht, das man sich sehr gut merken kann. Es ist genau die Mitte dieses Psalms: „Dem Unterdrückten ist der Herr eine hohe Feste, eine hohe Feste in den Zeiten der Bedrängnis.“ Dieses Bild wird häufig in der Bibel gebraucht.

Ich habe hier einige Stellen aufgeschrieben, in denen Gott mit einer Burg, einer hohen Feste oder einem Bergfried verglichen wird. David sagt: „Auf dich trauen, die deinen Namen kennen, denn du hast nicht verlassen, die dich suchen, Herr.“ Diesen Vers habe ich mir unterstrichen. Er ist sozusagen eine Insel in diesem ganzen Psalm. Er ist eine Verheißung: Ich darf mich bei Gott bergen. Gott ist wie eine Burg.

Vor vielen Jahren, als unsere Kinder noch kleiner waren, haben wir einmal Urlaub am Rhein gemacht, in Sankt Goarshausen. Wir haben Rheintouren mit ihnen unternommen und all die Burgen am Mittelrhein besucht. Dabei haben wir ihnen die Aufgabe gegeben, Verse aus der Bibel herauszusuchen, in denen von Burg, Burgfried oder Festung die Rede ist. Sie waren verwundert, wie viel davon in der Bibel steht.

Das war für unsere Kinder sehr eindrucksvoll. Wenn man dann auf der Burg stand und den Bergfried sah, wie gefestigt er war und wohin die Menschen in Gefahr geflohen sind. Dieses Bild wird hier als Vergleich gebraucht. Wir dürfen uns bei unserem Herrn bergen und wissen, dass wir bei ihm geborgen sind.

Ich sagte, ich hatte am ersten Tag etwas aus einem Büchlein von Ulrich Barzani über die Psalmen gelesen. Zu Psalm 9 sagt er, dass er sich besonders an Vers 11 erinnert. Ganz besonders wurde er an diesem Datum erinnert, das die Amerikaner mit 9/11 markieren. Wer weiß, was da passiert ist? Das Attentat auf die beiden Tower in New York, 9/11.

Er sagt, genauso gut können wir uns das hier merken: 9/11, Psalm 9, Vers 11. Dort steht: „Auf dich trauen, die deinen Namen kennen, denn du hast nicht verlassen, die dich suchen, Herr!“ Vielleicht hilft so eine Eselsbrücke, um sich diesen Vers zu merken und zu wissen: Wenn Not ist, darf ich zu ihm kommen.

Die dritte Strophe: Aufruf zum Lobpreis und Gottes Gedenken an die Elenden

Dann die Verse 14 bis – nein, es ist noch einer hier – Vers 12: Singt dem Herrn, der Zion bewohnt, verkündet unter den Völkern seine Taten. Denn der dem vergossenen Blut nachforscht, hat ihrer gedacht; er hat das Schreien der Elenden nicht vergessen.

Hier merken wir auch noch einmal, dass David begründet, warum er diese Aussage macht, nämlich in Vers 11: Denn der dem vergossenen Blut nachforscht, hat ihrer gedacht. Vielleicht sagt man sich: All das Blut, das in der Gegenwart geflossen ist und fließt – bei all den Christenverfolgungen und all der Not, in der wir leben – Gott behält das. Gott weiß, wer leidet, und er geht nicht einfach darüber hinweg.

Es wird hier deutlich gesagt, dass er derer gedenkt, alle, die um des Herrn Willen leiden und sterben müssen. Es ist nicht umsonst. Unser Herr denkt daran, er hört das Schreien der Elenden. Wir sind vielleicht noch nicht in solche Situationen gekommen, aber auch deine Notsituation weiß der Herr, und du darfst dich auf ihn verlassen.

Danach folgt noch ein persönliches Gebet. David hatte gerade von den Elenden gesprochen und den anderen Mut gemacht, dass der Herr wie eine Festung ist, wie eine Burg. Dann sagt er also in der nächsten Strophe: Sei mir gnädig, Herr, sieh an mein Elend vonseiten meiner Hasser, indem du mich emporhebst aus den Toren des Todes, damit ich all dein Lob erzähle in den Toren der Tochter Zion, dass ich jauchze über deine Rettung.

Fällt euch an dem Gebet von David etwas auf? Wir würden in Notsituationen beten: Herr, hilf du mir, führ mich aus der Situation heraus. Aber David hat ein anderes Argument noch. Er sagt: Führ mich daraus, damit ich all dein Lob in den Toren der Tochter Zion verkündige. Er bittet nicht nur darum, dass es ihm besser geht, sondern er bittet darum, dass es ihm besser geht, damit er anderen etwas erzählen kann.

Leider ist das heute oft so, auch unter Christen: Unsere meisten Gebete beziehen sich nur auf uns. Oder wenn wir in den Gebetsstunden in unseren Gemeinden hineinhören, beten wir für alle Kranken – das ist auch gut und richtig. Aber was soll dadurch erreicht werden? Weshalb soll jemand gesund werden?

Wir beten selbst, wenn Altgewordene krank werden. Manche alt gewordene Kranke hat mir gesagt: Eberhard, bete nicht, dass ich gesund werde, sondern dass ich bald beim Herrn bin. Ich weiß um eine 102-Jährige bei uns in der Gemeinde, die mir sagte: Eberhard, es ist schrecklich, der Jesus scheint mich vergessen zu haben. Wenn ich mir vorstelle, ich könnte schon zwanzig Jahre im Himmel sein. Und sie sagte das wirklich mit einem strahlenden Gesicht. Sie hat sich gefreut.

David möchte, dass Gott ihm hilft, damit er die Sache weiter erzählen kann. Und ich möchte von David lernen.

Die vierte Strophe: Gottes Gericht über die Nationen

In der nächsten Strophe kündigt David das Gericht Gottes an. Die Nationen sind in die Grube gefallen, die sie selbst gegraben haben. In das Netz, das sie versteckt haben, ist ihr eigener Fuß geraten.

Der Herr hat sich zu erkennen gegeben und Gericht ausgeübt. Der Gottlose hat sich im Werk seiner eigenen Hände verstrickt.

Dann folgt ein ungewöhnliches Wort. Steht das in eurer Übersetzung auch? Hegajon. In der Anmerkung findet sich außerdem diese symbolische Abkürzung für Sela (//). Davor steht das Wort „Higayon“, das in der Anmerkung vermutlich als Anordnung für ein instrumentales Zwischenspiel erklärt wird. Demnach gab es an dieser Stelle ein musikalisches Zwischenstück, das zum Nachdenken anregen sollte. Es gibt Zeit, über das zuvor Gesagte nachzudenken.

Das macht deutlich: Man soll über das Wort Gottes nachdenken und es nicht einfach nur hintereinander weg lesen. Hier wird gezeigt, dass die Nationen Gruben gegraben und Netze gespannt haben – und selbst hineingefallen sind. Dieses Sprichwort „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ steht nicht nur in den Sprüchen, sondern auch hier sozusagen.

David hat dies ebenfalls erfahren und erlebt. Die umliegenden Völker wollten Israel schaden, doch sie verstrickten sich selbst darin. Man hat manchmal den Eindruck, dass bis heute, wer sich gegen Israel stellt und meint, es besiegen zu können, selbst in die Falle gerät.

Dann fährt David fort: „Sela, sich wenden die Gottlosen, alle Nationen, die Gott vergessen, denn nicht für immer wird der Arme vergessen, noch die Elenden für ewig verloren sein.“

Dies ist ein Ausblick und ein Hoffnungsschimmer für diejenigen, die sich an Gott wenden.

Die fünfte Strophe: Aufruf zum göttlichen Eingreifen

Und dann fürchtet er noch einmal. Ein ganz persönliches Gebet wird hinzugefügt. Die Verse 20 bis 21 lauten: Steh auf, Herr, damit nicht der Mensch Gewalt habe. Mögen die Nationen vor deinem Angesicht gerichtet werden. Lege Furcht auf sie, Herr, damit die Nationen erkennen, dass sie Menschen sind.

Ich sagte in diesen Tagen schon, manchmal hat man den Eindruck, dass man verschiedene Verse der Bibel unseren Politikern vorlegen sollte. Lass sie erkennen, dass sie Menschen sind und nicht Götter, wie viele sich etwas anmaßen, was ihnen nicht zusteht.

Wenn wir diese Verse lesen, werde ich daran erinnert, wie es einmal sein wird, wenn unser Erlöser den endgültigen Sieg über alle Nationen davontragen wird, wenn das Endgericht da sein wird. Er wird sie in Gerechtigkeit richten, und er drückt dabei kein Auge zu. Gott ist gerecht, Gott ist heilig.

Wir merken immer wieder bei David, dass es die Gottlosen gibt und diejenigen, die sich an Gott halten. Und wir können wählen. David ist einer, der sich an Gott gehalten hat, auch wenn er oft versagt hat. Aber er hat sich an Gott gehalten.

Schlussgedanken: Vertrauen auf Gottes endgültigen Sieg

Und deswegen möchte ich uns das als Fazit mitgeben: Unser Herr wird den Sieg behalten. Er kommt zu seinem Ziel – auch mit dir, auch mit dieser Welt. Und wir dürfen ihm vertrauen.

Wir merken oft nicht, dass wir diejenigen sind, die gegen Riesen gewinnen. Tatsächlich ist es unser Herr, der den Sieg erringt. Darauf darf ich mich verlassen: Er wird am Ende den Sieg behalten.

Das macht mich getrost und ruhig, auch wenn man darüber nachdenkt und meint, die Welt werde immer schlimmer. Ich beneide meine Enkelkinder nicht, in was für eine Welt sie hineingeboren werden. Aber ich bin dankbar, dass am Ende unser Gott den Sieg hat.

Unser Herr wird als der erscheinen, der in Macht und Herrlichkeit einmal kommen wird und dann den Sieg davontragen wird. Alle werden sich beugen müssen – ob sie wollen oder nicht. Amen.

© Autor, Referent: Eberhard Platte

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