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Unser Glaube muss lebendig werden! Wie dies damals im Allgäu geschah und heute geschehen kann

Allgäuer Glaubenskonferenz 2016, Teil 1/3
31.10.2016
SERIE - Teil 1 / 3Allgäuer Glaubenskonferenz 2016

Dass ich hier sein darf, zusammen mit meiner Frau, freut mich sehr. Ich freue mich auch, Ihnen diesen Vortrag halten zu können und dabei einiges über die Geschichte im Allgäu zu berichten.

Ich komme selbst immer gern nach Memmingen, weil hier liebe Freunde leben, die ich sehr schätze und die mir viel bedeuten. Außerdem durfte ich hier schon viele Vorträge halten. Den ersten zum Beispiel vor 15 Jahren, ebenfalls hier. Wie schnell doch die Zeit vergeht! Umso mehr freut es mich, wieder in so schöne Gegenden zu kommen.

Die ersten Bilder, die ich Ihnen zeigen werde, habe ich vor zwei Jahren fotografiert. Immer wieder bin ich fasziniert von dieser herrlichen, wunderbaren Landschaft. Memmingen mit seiner wunderschönen Umgebung ist für mich schon deshalb immer ein Genuss, weil meine Frau und ich in der Schweiz aufgewachsen sind und dort ebenfalls diese herrlichen Landschaften genießen konnten.

Einführung und Überblick zur Reformationsgeschichte im Allgäu

Der Vortrag von heute Abend behandelt ein sehr wichtiges Thema: die Reformation im Allgäu. Ich möchte Ihnen einen Zeitraum von 377 Jahren näherbringen und aufzeigen, was in diesem Zeitraum besonders hier im Allgäu geschehen ist.

Die Landschaft hier ist einmalig und ein Erholungsgebiet besonderer Art. Immer wieder, wenn ich hierher gekommen bin, habe ich mir die Zeit genommen, Orte aufzusuchen, an denen sich bedeutende historische Ereignisse zugetragen haben. Die Reformation begann im Jahr 1517 und reicht bis etwa ins Jahr 1800. Das sind 383 Jahre, zu denen ich Ihnen auch einiges erzählen werde.

In diesen ganzen Zeitepochen gäbe es sehr viel zu berichten. Es erscheint mir unmöglich, an diesem Abend alles umfassend darzustellen. In meinem Privatarchiv habe ich für diese Vorträge, die insgesamt drei Abende umfassen, etwa zweitausend Seiten beziehungsweise zweitausend A4-Kopien gesammelt. Diese Dokumente beschäftigen sich ausschließlich mit der Geschichte – und das ist längst nicht alles. Es gäbe noch viel mehr Material zu finden und zu zeigen.

Wenn man an diesen historisch so bedeutenden Ort denkt und was dort geschehen ist, lohnt es sich durchaus, einiges Wichtiges darüber auszusprechen.

Zu Beginn möchte ich auch erwähnen, dass mir eine liebe Person aus Ottobeuren, Frau Gabriele Singer, sehr geholfen hat. Sie hat sich intensiv bemüht, sodass wir gemeinsam ein Buch zu unserem Thema heute Abend schreiben konnten. Sie hat dabei eine große Leistung erbracht, und das sollte in diesem Zusammenhang gewürdigt werden.

Vielleicht interessiert es Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wo ich hauptsächlich studiert und Material recherchiert habe. Das war im Stadtarchiv Memmingen, im Stadtarchiv Leutkirch, in Kempten und in Wiggensbach. In diesen Orten habe ich wirklich umfangreiche Quellen gefunden. Wie gesagt, es wäre sehr lohnenswert, viel mehr darüber zu berichten, als es die kurze Zeit heute Abend zulässt.

Die Anfänge der Reformation im Allgäu: Christoph Schappeler und Memmingen

Ich komme jetzt zur Geschichte und beginne mit Christoph Schappeler aus Sankt Gallen. Dieser Christoph Schappeler wurde 1513 vom Rat der Stadt Memmingen vorgeschlagen und vom Patronatsherrn berufen.

Interessant ist, dass in der Chronik vermerkt ist, dass Schappeler 1521 in der Martinskirche mit einer freventlichen Predigt auffiel. Genauer heißt es, es war eine freundliche lutherische Predigt. Im Jahr 1523 hielt er dann die erste ganz klare, gut formulierte lutherische Predigt in der Martinskirche.

Bereits 1524 lieferten sich an Weihnachten die evangelischen Gläubigen eine handfeste Auseinandersetzung mit altgläubigen katholischen Priestern. Im Jahr 1532 entschied sich Memmingen für die lutherische Bekenntnisschrift „Confessio Augustana“. Damit wurde hier die evangelische Gemeinde und Kirche gegründet.

Ich möchte an dieser Stelle noch auf ein wichtiges Ereignis hinweisen, das auf diesem Bild dargestellt ist. Am 6. März 1525 versammelten sich in Memmingen fünfzig Vertreter der schwäbischen Bauerngruppen. Sie trafen sich, um ihr gemeinsames Auftreten gegenüber dem Schwäbischen Bund zu beraten.

Am 15. sowie am 20. März desselben Jahres verabschiedeten diese Männer aus dem Bauernbund nach weiterer Beratung die zwölf Artikel, die sogenannte Bundesordnung. Diese löste im Weiteren ganz gewaltige Wellen aus, weit über das Saarland hinaus, und wurde immer wieder erwähnt.

Matthias Weibel: Ein mutiger Reformator und sein tragisches Schicksal

Und somit möchte ich gern zum weiteren Reformator im Allgäu übergehen, der Ihnen sicher ein Begriff ist: Matthias Weibel, der Reformator von Kempten.

Mich hat sehr bewegt, dass dieser Mann in all den alten Schriften ganz energisch und glasklar, ohne Schminke, den Leuten gesagt hat, was die Bibel lehrt. Er sagte, wir können das und jenes, was wir bisher geglaubt und für richtig gehalten haben – zum Beispiel den Ablasshandel oder die Verehrung der Heiligen – nicht länger stehen lassen. Stattdessen halten wir uns ganz treu an Gottes Wort.

Matthias Weibel war dafür, keinen Krieg zu führen, sondern sich mit der Obrigkeit auszusöhnen. Am 27. August wurde der ahnungslose Geistliche trotz der Warnungen seiner Freunde überfallen. Am 7. September 1525 wurde Weibel in Reichenhofen an eine Buche gehängt.

Wie Sie auf dem Bild aus Leutkirch sehen, gibt es eine Bestätigung dafür: Ich habe dort beim unteren Tor eine Tafel fotografiert, die besagt, dass Weibel einige Tage vor seinem Tod aus der Gefängniszelle durch die Eisengitter hindurch einer großen Volksmenge das Evangelium verkündigt hat.

Dieser Mann ist ein wirklich großes Vorbild dafür, was es bedeutet, treu zu sein bis in den Tod um des Evangeliums willen.

Martin Luther und die theologische Grundlage der Reformation

Lasst uns deshalb jetzt ein bisschen weiter zurückblicken, und zwar auf das Jahr 1517, als der Mönch Martin Luther – eben die Reformation – könnte man sagen, nur das erste wirkliche Wirken dahingehend in Gang setzte durch die Thesen, die fünfundneunzig, die er angeblich angeschlagen haben soll in Wittenberg an die Kirchentür.

Ich möchte hier einfach Folgendes sagen: Luther war ein ganz tiefsinniger Mönch. Er hat den Glauben so ernst genommen, dass er sich ungeheuer kasteite. Er wollte einfach Gott gefallen. Er wollte unbedingt die Gewissheit haben, dass er nach seinem Tode vor Gott bestehen könne. Immer wieder sah er: Es reicht nicht, ich kann vor diesem heiligen, ewigen Gott nicht bestehen.

Im Jahr 1513 und 1514, so nimmt man an, erkannte er im Privatstudium des Römerbriefes plötzlich, wie Gottes Gerechtigkeit wirklich anzunehmen und zu glauben ist. Er schreibt: „Da begann ich die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen als die Gerechtigkeit, in der der Gerechte durch Gottes Geschenk lebt, und zwar aus dem Glauben.“

Jesus ist geradezu, sagt er, der persongewordene Freispruch Gottes vor dem endzeitlichen Gericht. Dieses Bild zeigt uns eine Darstellung von Lukas Cranach, wie er das, was Luther in seinem Leben erlebt hat, bildlich dargestellt hat.

Ich will Ihnen das jetzt ein bisschen erklären, damit wir das alles besser verstehen können. Ich nehme einmal die ganze Tafel und werde dann die einzelnen linke und rechte Seite genauer darstellen.

Auf der linken Seite steht oben geschrieben „Gott als Richter“. Gehen wir auf der rechten Seite des linken Bildes etwas weiter hinunter, dann sehen wir dort die Propheten, und dabei ist auch Mose dargestellt. In der Mitte sind Tod und Satan zu sehen, und dann links außen der Mensch ohne Gnade, der einfach in die Hölle hineingestoßen wird. Genau dieses Bild hat, wie gesagt, Martin Luther damals sehr bewegt.

Jetzt zur rechten Hälfte: Oben ist Christus dargestellt, dann die Gnade, die Verkündigung an die Hirten, in der Mitte der Spruch oben bei Jesus, die Rechtfertigung, das Evangelium weiter unten usw.

Lassen Sie mich das vielleicht für Sie bildlich noch etwas klarer darstellen: Das Alte Testament mit seinen Gesetzen und Geboten – das wusste auch Martin Luther – kann kein Mensch erfüllen. Dazu kam die ungeheure Angst vor dem Gericht Gottes, das kommen wird. Kein normaler Mensch kann vor Gottes heiligem Gericht bestehen.

Darum hat seinerzeit Tetzel und andere gesagt: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt.“ Man hat angefangen, Geschäfte mit den menschlichen Seelen zu treiben. Man sagte: Du musst nur genug bezahlen. Aus dem Geld hatte man unter anderem auch den Petersdom in Rom gebaut. Mit dem Geld von armen Seelen.

Diese furchtbare Angst – wissen Sie, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer – früher hatte man eine furchtbare Angstreligion gelehrt. Diese Angstreligion musste man den Leuten so vermitteln: Schau, du kannst etwas tun. Erstens einmal gute Werke, viel Beten, dies und jenes musst du tun, aber vor allem musst du viel Geld geben. Dann wird dir nichts fehlen.

Ihr seht also, in der Religion war viel Angst enthalten. Aber wir wissen, dass eben gerade das andere Bild, dieses Bild hier, einen anderen Weg aufzeigt. Es zeigt den Weg zur Lösung. Es zeigt, wie der Mensch vor Gott gerecht werden kann.

Oben links steht nicht mehr das Wort „Du schaffst es nicht“, sondern wir haben das Wort „Gnade“. Dann sehen wir dort rechts die Himmelfahrt, in der Mitte wieder, wie der Mensch gerechtfertigt wird – durch den Tod Jesu Christi am Kreuz.

Achten Sie einmal links unten: Da steht der Evangelist Johannes und zeigt dem verlorenen Sünder, den wir vorher gesehen haben, der in die Hölle gestoßen wird, den Weg zum Kreuz. Er zeigt hinauf und sagt: „Schau! Das ist deine Rettung, Jesus Christus.“

Dann haben wir auf der rechten Seite das leere Grab und Jesus als den Auferstandenen, der der Schlange den Kopf zertritt, und unten die Erlösung.

Luther hat das einfach begreifen dürfen beim Lesen des Römerbriefes und hatte von da an den Wunsch, den Leuten zu sagen, wie Johannes, dieser Johannes der Täufer, im Johannesevangelium Kapitel 1, Vers 29, auf Jesus hinweist und sagt: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt.“

Oder wie Luther dann auch gesagt und fest betont hat: Römer 3,23-24: „Denn es ist kein Unterschied; denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes. Und werden umsonst gerechtfertigt aus seiner Gnade durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“

Gewaltig – das war ja so eine neue Botschaft und so eine herrliche Botschaft, eine befreiende Botschaft.

Der Einfluss des Geheimprotestantismus und die Salzburger Vertriebenen

Mich hat auch sehr interessiert: Wir verlassen jetzt ein wenig die Reformationszeit, denn verstehen Sie, mich hat im Blick auf die Allgäuer Erweckung etwas sehr beschäftigt. Diese Erweckung ist ja besonders durch drei Männer ins Rollen gekommen: Martin Boos, Johann Michael Fenneberg und Johann Evangelista Gosner. Die Frage ist: Wie ist das geschehen? Was war der Grund? Was hat dazu geführt?

Ich beginne mit etwas ganz Interessantem, sicher auch für Sie alle. Wie Sie auf dem alten Bild sehen, steht dort „Pfronten“. Was hat das mit der Evangelisation im Allgäu, mit der Erweckung zu tun? Dafür müssen wir ins Jahr 1684 zurückgehen.

Damals war in Salzburg der Erzbischof Gandolf an der Macht. Dieser Maximilian Gandolf hatte nur ein Ziel: Er wollte ein rein katholisches Fürststift Salzburg schaffen. Andere Religionen sollten dort keinen Platz haben. Stellen Sie sich vor: Nach der Reformation durch Doktor Martin Luther hatten Tausende Menschen im Salzburger Land die Bibel von Martin Luther und andere Schriften, zum Beispiel von Johannes Arndt, erhalten.

Da es streng verboten war, in einem katholischen Land die Bibel zu lesen, entstand im Salzburger Land der sogenannte Geheimprotestantismus. Dieser Geheimprotestantismus hat sich etwa 150 Jahre lang erhalten. Es gab viele Landesverweisungen, und viele Menschen mussten das Land verlassen.

Was mich besonders bewegt, weil es diese Gegend betrifft, ist Folgendes: 1685 sind viele Menschen aus dem sogenannten Deverkenthal nach Leutkirch, Memmingen, Kempten, Pfronten und in andere Gebiete des Allgäus gekommen. Diese Vertriebenen hatten ihren Glauben verloren, oder besser gesagt: Sie wurden um ihres Glaubens willen vertrieben. Es waren etwa 800 Menschen, denen man allen zusammen die Kinder weggenommen hatte. Kinder unter 15 Jahren mussten im Land zurückbleiben. Die anderen, die sich zu Jesus und zur Bibel bekannten, wurden im eiskalten Winter vertrieben.

Ich habe in Leutkirch, Memmingen, Lindau und an vielen anderen Orten, besonders in Kempten und sogar in Wien, Berichte gelesen, die tief ins Herz gehen. Man wird bewegt, wenn man sieht, wie Menschen kamen, die nichts mehr hatten, denen alles genommen worden war, und die hier liebevoll aufgenommen wurden. Sie kamen als Knechte und Mägde auf Bauernhöfe. Hier durften sie frei und offen die Bibel lesen. Später, wie wir noch sehen werden, auch im Verborgenen.

Diese Menschen, die um Jesu willen alles verlassen mussten, brachten etwas mit. Sie brachten ihre Bücher mit in das Land, das nach der Reformation viele Jahre später nicht mehr so fest im Wort Gottes gegründet war wie noch zur Reformationszeit. Sie hatten das Buch von Johannes Arndt, die Bibel und viele wertvolle Schriften dabei, aus denen sie schöpften und lasen.

So blieben diese Bücher in Kempten, Pfronten, Memmingen, Leutkirch und vielen anderen Orten liegen. Das Volk in der Gegend begann, diese Bücher zu lesen. Ich selbst bin überzeugt – und das schreiben wir auch in diesem Buch –, dass hier der Grund für die spätere Erweckung zu suchen ist.

Wer von Ihnen also Zeit hat, kann in Kempten noch mehr forschen, in Memmingen im Archiv noch viel mehr entdecken. Überall hier: Nehmen Sie sich ein halbes Jahr frei und lesen Sie einfach nur, lesen, lesen. Wird das nicht etwas? Ich meine, für Pensionisten sowieso. Aber auch mir als Pensionistin geht es manchmal so, dass ich viel mehr lesen möchte, als ich es tue.

Schauen Sie einmal: In Österreich, vielleicht können Sie es von Ihrem Platz aus nicht so genau sehen, ist auf der rechten Seite des Bildes eine verbrannte Bibel abgebildet. Den Menschen in Österreich wurde die Bibel in der Heimat weggenommen. Man hat vor den Augen der gläubigen Menschen die Bibeln zerrissen – die dicken Bücher wurden zerrissen, plattgemacht und ins Feuer geworfen.

Die Tränen der Menschen, die das mitansehen mussten, sind verständlich. So ein Buch kostete damals ein Vermögen. Ein Landwirt, der nur vier oder fünf Kühe hatte, musste zwei Kühe verkaufen, um eine Bibel zu erwerben. Wissen Sie, was das bedeutet? Das war das halbe Jahreseinkommen für eine Bibel.

Und wir? Wie sieht es bei uns aus? Lesen wir gern Gottes Wort? Halten wir uns an Gottes Wort?

Die Erweckungsbewegung im späten 18. Jahrhundert: Martin Boos und seine Zeitgenossen

Ich komme in der Geschichte jetzt viel weiter, und zwar von 1517 direkt auf das Jahr 1797. Ihr seht also schon, dass das ein großer Sprung ist.

Morgen werde ich in meinen zwei Vorträgen noch viel genauer darüber berichten, was in diesen Zeiten geschehen ist. Aber mich bewegt diese Geschichte ganz ungeheuer. Ich habe auch viel gelesen und bin immer noch am Lesen. In diesem Buch ist vieles genau beschrieben, zum Beispiel über Martin Boos, einen katholischen Priester, Michael Johann Fenneberg, ebenfalls katholischer Priester aus Seeg, Ignaz Lindl aus Beindelkirch und Johannes Evangelista Gosner. Diese Männer haben hier im Allgäu etwas erlebt, was schon lange nicht mehr geschehen war.

Besonders beschäftigt hat mich die Frage, welche Botschaft diese Männer im Allgäu verkündigt haben. Es lohnt sich, darüber ein wenig nachzudenken und etwas zu hören.

Martin Boos wurde am 25. Dezember 1762 in Huttenried als sechzehntes Kind geboren. Als er fünf Jahre alt war, starben seine Eltern. Ein Onkel nahm ihn auf, und bald entdeckte man, dass Martin Boos begabt war für das Studium der Theologie. Er studierte in Dillingen bei Johann Michael Seiler Theologie und wirkte anschließend an verschiedenen Orten als Kaplan.

Was mich besonders bewegt hat, ist das Erlebnis, das er bei einer sterbenden Frau machte. Er wurde zu ihr gerufen, um sie zu pflegen und die Rituale durchzuführen. Dabei sagte er ihr unter anderem: „Du wirst einmal einen wunderbaren Eingang in den Himmel haben, weil du viele gute Werke getan hast, gut gelebt und ein Vorbild gewesen bist.“

Die Frau antwortete: „Das ist nicht wahr.“ Sie fragte ihn, ob er gläubig geworden sei und erklärte, dass es auf die Vergebung der Sünden durch den Geist und den Sinn der Gerechtigkeit Jesu Christi im Glauben ankomme. Sie sagte: „Was nützen alle guten Werke? Nichts. Der Mensch wird nicht durch seine guten Werke gerettet.“

Genau das hatte Luther beim Lesen des Römerbriefes erkannt. Diese Erkenntnis führte ihn zur Bekehrung: Jesus Christus ist der Einzige, der wirklich rettet und Menschen neu macht.

Die Frau sagte weiter: „Ach, da wäre ich ja wirklich ein armer Mensch, wenn ich mit meiner eigenen Gerechtigkeit vor Gott bestehen müsste. Ich kann allein durch das Blut Jesu Christi, das die Sünden wegwäscht, vor Gott bestehen.“

Boos war so überwältigt von dem, was er bei dieser sterbenden Frau hörte, dass auch er sich bekehrte. Er fand den Weg zum Glauben an den Herrn Jesus Christus. Das ist sehr eindrücklich beschrieben.

Dann sagt er weiter: „Dann musst du dich auf das Gehorchen in der Nachfolge Jesu festlegen.“ Das ist jetzt das, was Martin Boos in seiner Schrift an Johannes Gosner schrieb. Wenn du Jesus im Glauben aufgenommen hast und erkannt hast, dass er deine Gerechtigkeit ist, kannst du dich nicht durch gute Werke rechtfertigen. Auch kannst du die Gerechtigkeit Gottes und die Vergebung deiner Sünden nicht verdienen.

Genau das war die weit verbreitete Lehre: Du musst nur brav sein, viele gute Werke tun, dann wird dir nichts fehlen. Nein, sagte Boos, das genügt nicht. Du musst Jesus Christus im Glauben als deinen Retter aufnehmen, in dein Herz.

Das ist eine bewegende Geschichte. Wenn wir weiterlesen, sagt er auch in seinen Predigten: „Du darfst aus Liebe und Dankbarkeit dem Herrn dienen, weil Gott durch Jesus deine Sünden vergeben hat und dir das ewige Leben geschenkt hat.“

Und wissen Sie, was ich in diesen Predigten alles höre? Genau das, was die Salzburger hierher getragen haben. Es passt alles wunderbar zusammen. Die Menschen, mit denen Boos zusammenkam, hatten oft im Geheimen die Bücher der Salzburger. Das ist etwas Einmaliges.

Ich finde das sehr bewegend. Auf der einen Seite mussten die lieben Leute aus dem Salzburgerland alles verlassen. Aber sie haben auch die Lehre des Wortes Gottes mit in dieses herrliche Land gebracht.

Johann Michael Fenneberg: Ein bewegter Lebensweg und kraftvolle Botschaft

Ich komme zunächst zu Michael Fenneberg. Er wurde am 9. November 1751 in Oberdorf im Allgäu geboren. Fenneberg war katholischer Pfarrprofessor am Gymnasium Sankt Paul in Regensburg und am Gymnasium in Dillingen. Durch die Begegnung mit Martin Boos erlebte er durch das Wort Gottes eine entscheidende Veränderung in seinem Leben. Er wurde zu einem Hauptvertreter der Allgäuer Erweckung.

Es ist bewegend: Er war vom Pferd gestürzt, hatte ein Bein verloren, das amputiert werden musste. Danach wurde er liebevoll in Seeg von seiner Kirchgemeinde „der Stelzen Michel“ genannt. Wenn man in der Literatur nach dem Namen „Stelzen Michel“ sucht, findet man viele Informationen über ihn.

Fenneberg veranstaltete ein Fest, als er wieder in die Gemeinde zurückkehrte – mit seinem Holzbein und als überzeugter, wirklich ganz lieber Christ. Dabei sagte er seiner Gemeinde Folgendes: „Lasst uns also heute oder am heutigen Tag voll Freude sein und frohlocken, denn Jesus ist auferstanden, er lebt.“

Wisst ihr, wie diese Botschaft in kalte Menschenherzen klingt, die keine Hoffnung haben und keinen Frieden mit Gott kennen? Dann steht ein Zeuge, ein Bote Gottes, auf und sagt: „Jesus ist auferstanden, er lebt, er will dein Leben verändern.“ Weiter sagt er in dieser ansprechenden Predigt: „Er lebt für uns alle und ist hier mitten unter uns, wo wir so zahlreich in seinem Namen versammelt sind.“

Ist das nicht eine herrliche Aussage? „Er lebt für uns alle.“ Liebe Leute, habt ihr das jemals gehört? Es wurde doch immer etwas anderes gesagt: „Du musst brav sein, du musst gut sein, du musst hundert gute Werke jede Woche tun, dann vielleicht… ja, und dann bitte nicht nur fünf Euro, sondern hundert Euro geben, dann wirst du…“ Versteht ihr? Das haben die Leute jeden Sonntag gehört.

Und jetzt klingt plötzlich diese Botschaft: „Er lebt für uns alle, er ist hier mitten unter uns, er will uns helfen, er will uns retten.“ Das sind herrliche Botschaften, die hier im Allgäu verkündigt wurden, und das erfreut mein Herz besonders.

Er sagt weiter, Fenneberg: „Er, Jesus, ist unser Heiland und unser Erlöser. Er hat uns von Sünde und Tod erlöst. Er lebt und hat die Welt, den Satan und den Tod überwunden. Welche Befreiung, welche Freude! Er ist unser Erlöser. Können wir das auch alle hier bezeugen? Heute Abend: Jesus Christus ist mein persönlicher Erlöser.“ Das durfte ich schon als zehnjähriger Knabe sagen, als ich mein Leben bewusst dem Herrn Jesus anvertraut habe und wissen durfte, dass er mir alle meine Sünden vergeben hat.

Freilich sündigt man immer wieder, aber man darf zu Jesus kommen und wissen: „Er ist es, der Sünden vergibt.“ Heiland heißt Retter, und das hat Fenneberg seiner Gemeinde in Seeg gesagt: „Er ist unser Retter.“ Es gibt keinen Mittler zwischen Gott und den Menschen außer Jesus Christus – und nicht Maria.

„Nur Jesus allein“, das hat er ganz offen gesagt. Die ganzen Wallfahrten nützen nichts. Die Messe, wie du sie kennst, wo gesagt wird, dass Jesus gegenwärtig ist im Brot und im Wein – das ist auch nicht der richtige Weg. Jesus Christus ist einmal geopfert worden, am Kreuz auf Golgatha, und dieses Opfer gilt in alle Ewigkeit.

„Wenn du, lieber Zuhörer“, sagte Fenneberg, „wenn du gerettet werden willst, dann musst du das glauben. Nein, du darfst es glauben, du darfst es wie ein Geschenk annehmen. Die Gerechtigkeit Gottes ist gratis für alle, die an ihn glauben.“

Und jetzt schauen Sie einmal, wie er weiter gepredigt hat: Er hat gesagt, Jesus ist der wahrhaftige Sohn Gottes, Gottes Wort und das Leben, alles dessen, was lebt. Er ist das Licht der Welt, und zum Beweis davon ist er auferstanden.

Liebe Zuhörer, wie weit möchten Sie gehen, um eine solche Predigt zu hören? Ist es nicht genau das, wonach wir uns sehnen – nach solchen Predigten, die uns zeigen, wo es langgeht, wo Hilfe zu finden ist in einer so kalten, kriegerischen, haltlosen und traurigen Zeit, wie wir sie erleben und fast nicht mehr aushalten?

Dass jemand da ist und sagt: „Schau doch einmal, da ist Hoffnung für dich. Da kannst du kommen zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes, seinem Wort und dem Leben. Er ist es, den wir brauchen.“

Ignaz Lindl und die große Erweckung in Guntremingen

Aber ich möchte noch weitergehen, denn es gab noch andere Männer, die für mich ein großes Vorbild sind. Zum Beispiel Ignaz Lindl. Er wurde am dritten Oktober 1774 in Beindelkirch geboren und hatte acht Geschwister.

Er studierte, wie schon die vorherigen, in Augsburg und in Dillingen. Im Jahr 1818 wurde ihm die Pfarrei entzogen, in der er tätig war. Man sagte: „Durch diesen Mann verlieren wir den Frieden hier, wo er ist.“ Daraufhin kam er nach Guntremingen, und dort geschah durch seine Predigten eine ganz gewaltige Erweckung.

Wenn ich das so lese, in seinen Büchern – er hat selbst mehrere geschrieben, zum Beispiel „Die Wiedergeburt des Menschen“ von Ignaz Lindl –, habe ich auch einige davon gelesen. Stellt euch vor, zu seinen Predigten in Guntremingen kamen zehntausend Menschen zusammen.

Könnt ihr euch das vorstellen? Seine Sonntagspredigt! Ihr fragt vielleicht: Wo hatten die denn Platz? Doch sicher nicht in der Kirche in Guntremingen. Da habt ihr recht, die Kirche hätte nicht gereicht. Er stand auf der Kirchenmauer und verkündete den Massen von Menschen das Evangelium.

Das war so gewaltig, dass Menschen aus dem Schwäbischen zwei Tage unterwegs waren, um das Evangelium zu hören. Es kamen sowohl Evangelische als auch Katholiken. Viele reisten von weit her an und wussten kaum noch, wo sie in den Dörfern der Umgebung schlafen sollten. Sie wollten Gottes Wort hören.

Er sagte: „Wollte Gott, wir könnten alle, die wir heute versammelt sind, mit Wahrheit ausrufen, was sollen wir ausrufen? Der Herr sei gepriesen! Ich bin wiedergeboren aus dem Wort des lebendigen Gottes. Ich bin eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden.“

Die Leute waren so ergriffen, dass sie nicht mehr heimgehen wollten. Das hatte ihnen zuvor noch niemand gesagt: Wie wird man wiedergeboren? Wie wird man ein neuer Mensch? Er erklärte: „Ihr müsst eure Sünden bekennen, und Gott vergibt euch die Schuld. Dann werdet ihr eine neue Kreatur in eurer Seele und in eurem Herzen. Ihr werdet zu Gotteskindern, neue Menschen werdet ihr werden.“

Das löste eine Bewegung aus. Viele Menschen begannen zu weinen über ihre Sünden und bekehrten sich von ganzem Herzen zu Gott. Dann sagte er ihnen: „Ich fühle den Frieden Gottes in meinem Herzen, das nun frei und los von der Liebe zur Welt und angebunden an meinen Herrn und Schöpfer ist. Ich suche nicht mehr, was da unten ist, sondern was droben im Himmel ist.“

Welch eine Aussage! „Mein Herz hängt an etwas anderem. Ich habe einen Schatz kennengelernt, liebe Zuhörer, ich habe einen Reichtum entdeckt, den ich in dieser Welt nicht finde. Hätte ich viele Schätze, sie würden mein Herz nicht erfüllen. Mich erfüllt nur das eine: der Glaube an Jesus Christus.“

Die Leute standen da, staunten und lachten. „Oh, wie wunderbar ist doch diese Botschaft!“

Johannes Evangelista Gosner: Ein Leben für das Evangelium

Ich komme nun weiter zu meinem Freund in der Allgäuer Geschichte – nicht vom Alter her, sondern von der Geschichte her. Johannes Evangelista Gosner wurde am vierzehnten Dezember in Hausen zwischen Günzburg und Krumbach geboren.

Gosner verstand sich seit seinem Leben als Prediger des Evangeliums, zunächst als Priester der katholischen Kirche und später als evangelischer Pfarrer. Sein Denken, Reden und Tun waren inspiriert durch die kirchlichen Erweckungsbewegungen des Landhuter Kreises um Bischof Seiler und Martin Boos. Durch seine Dienste und Predigten wurden viele Menschen mit dem Evangelium erreicht.

Ich frage mich nur Folgendes – und das werdet ihr vielleicht auch in der Geschichte finden: Johannes Gosner hat in seinem Leben so viel geleistet wie andere nicht in vier Leben. Das gibt es ja gar nicht, oder? Aber er hat einen unglaublichen Einsatz für seinen Herrn und Heiland gezeigt. Das ist unfassbar, wirklich unfassbar.

Ich werde morgen noch mehr über ihn berichten, weil es sich lohnt, darüber zu sprechen. Aus seinem Schatzkästchen – vielleicht kann es jemand von euch noch finden. Wenn jemand von euch es hier in Memmingen zu Hause hat, darf er es morgen gerne mitbringen. Ich werde es dann zeigen. Hat jemand von euch dieses Schatzkästchen?

Das ist ein Andachtsbuch aus uralten Zeiten, und darin schreibt er unter anderem am ersten Januar: „Du aber, Herr, bist unser Vater und unser Erlöser, von alters her ist das dein Name“ (Jesaja 63,16).

Dann hat er dort weitergeschrieben – ich kann ja nicht alles zeigen – „Er ist Erlöser, der herrliche Name Jesus Christus, Gott hochgelobt in Ewigkeit.“

Da merken wir etwas von dem großen Frieden, den er erlebt hat. Er schrieb: „In der Dunkelheit bin ich aufgewachsen, in Lehren, die mich geknechtet haben, die mir niemals Frieden gegeben haben. Trotz aller Rosenkranzgebete, trotz aller Wallfahrten, trotz alldem habe ich nie Frieden gefunden. Es war volle Dunkelheit und Finsternis.“

Und dann fand er den Erlöser. Er erkannte, dass er es ist, der ihm die Schuld vergibt. Von diesem Tag an, sagt er, kam Licht in sein Leben. Von da an war er ein anderer Mensch.

Er hat Tausende von Menschen erreicht. Bis heute geht die Botschaft von Johannes Gosner durch seine Literatur und seinen Dienst um die ganze Welt. Weltweit hat seine Botschaft Gehör gefunden, weil es die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus ist.

Er sagte dann weiter: „Wie sollten wir uns seiner nicht freuen, da er der Grund und der Eckstein unseres ganzen Glaubens und Lebensgebäudes ist, unsere einzige Hoffnung, unsere einzige Liebe.“

Die Leute saßen in der Frauenkirche in München, sie saßen im Bürgersaal zu Hunderten, zu Tausenden hörten Menschen seine Botschaft. „Das haben wir noch nie gehört. Bitte, Johannes, erzähl uns weiter von diesem Jesus.“

Das ist genau das, was wir heute wieder brauchen. Wir brauchen Menschen, die den Menschen Frieden verkünden, das Heil verkünden, die Vergebung der Sünden verkünden und ihnen den Weg zum Retter zeigen.

Johannes Gosner hat unter anderem dieses Büchlein hier geschrieben: „Das Herz des Menschen“.

Stellt euch vor: Ich war acht Jahre alt, und mein jüngster Bruder war gerade vier Jahre alt. Mein lieber Vater, der längst im Himmel ist und vor vielen Jahren verstorben ist, nahm meinen jüngsten vierjährigen Bruder auf seinen Schoß und erklärte ihm dieses Herzbüchlein.

Natürlich stand ich auch neben meinem Vater. Er hat das Buch hundertmal erzählt und immer wieder erklärt. „Schau, mein Kind“, sagte der Vater, „hier steht geschrieben, wie man Frieden mit Gott findet.“

Dieses Buch wurde weltweit verbreitet und hat viele Menschen zum lebendigen Glauben an den Herrn geführt.

Die Bedeutung der Erweckungsbewegung für die evangelische Kirche

Ja, zur Erweckungsbewegung im Allgäu möchte ich abschließend noch einige Gedanken äußern. Auch in der evangelischen Kirche hat Gott Großes gewirkt.

So wurde zum Beispiel im Jahr 1818 Christian Kraft zum außerordentlichen Professor an der Universität Erlangen ernannt. Er stellte das alte und doch ewig neue Evangelium in den Mittelpunkt seines Wirkens. Ist das nicht eine herrliche Aussage: das Evangelium in den Mittelpunkt zu stellen?

Wie einst Luther sagte: „Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll mein Glaube ruhen? Mir ist nicht um tausend Welten, sondern um dein Wort zu tun.“

Mit nachdrücklichem Ernst bezeichnete Kraft die ganze Bibel als die einzige Wahrheitsquelle gegen alle Zeitströmungen, die damals, wie wir hier schreiben können, und auch heute viele Menschen bewegen.

Schlussbetrachtung: Persönliche Glaubensprüfung und Lebensentscheidung

Werte Zuhörerinnen und Zuhörer, was bedeutet dieser Vortrag für uns heute Abend? Was können wir aus der Geschichte lernen?

Zum einen sollten wir lernen, über unser persönliches Leben nachzudenken. Wo stehe ich? Was habe ich überhaupt für einen Glauben? An wen glaube ich? Und was ist mir der Glaube wert?

Bin ich ein Mensch, der Jesus Christus an die erste Stelle im Leben setzt? Will ich ganz bewusst mit ihm leben, so wie die Menschen, von denen ich erzählt habe?

Möge dieser Vortrag dazu dienen, dass wir uns alle neu prüfen und fragen: Wo stehe ich? Und was will ich?

Für mich bedeutet das, dass mein Leben ganz dem gehören soll, der gesagt hat: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als allein durch mich.“