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Seelsorge in der Gemeinde

Kolosser 2,8-2,827.01.2018
Serie•Teil 6 / 7E21 Regionalkonferenz Schweiz 2018
Warum hilft guter Rat oft nicht wirklich? Der Kern ist einfacher: Nicht Methoden heilen das Herz, sondern Christus. Wer ihn verliert, bleibt mit seiner Not allein.

Einführung und Grundanliegen der Seelsorge

Herr Präsident! Ich freue mich, heute mit euch mit dem Thema Seelsorge in der Gemeinde unterwegs sein zu dürfen. Ein Thema, das mir sehr, sehr am Herzen liegt und mir wichtig ist, dass wir gerade auch in der Seelsorge erkennen dürfen, wie Christus tatsächlich hilft. Dass es nicht nur eine weitere Übung ist, Christus zu verkündigen, sondern dass dies zu Veränderung führt, nämlich dazu, unsere Schuld zu sehen, wie wir heute Morgen schon gesehen haben, was uns traurig macht, und dann die Freude an dem, was Christus für uns gemacht hat.
Und das ist eben das, was ich immer wieder neu machen darf. Es ist wirklich ein Vorrecht, mit Menschen unterwegs sein zu dürfen, die in grosser Not sind, die verzweifelt sind, die den Boden unter den Füssen verloren haben.
Ich freue mich sehr, euch da ein paar Gedanken mitzugeben, was Seelsorge in der Gemeinde bedeuten könnte oder was das sein könnte, und hoffe, dass ihr da ein paar Anknüpfungspunkte für euch selber als Mitglieder oder Glieder in einer Gemeinde oder in eurer Gemeinde als Älteste oder mit welcher Aufgabe ihr auch immer betraut seid, mitnehmen könnt.

Seelsorge als Wesensmerkmal der Gemeinde

Ja, Seelsorge in der Gemeinde. Seelsorge ist das Wesen der Gemeinde Christi, oder das Wesen der Gemeinde ist Seelsorge. Sind doch alle Glaubenden in Christus durch den Heiligen Geist miteinander verbunden. Dass in Christus sein die Gemeinschaft der Kinder Gottes mit ihrem Herrn und Heiland ist, das Geheimnis der Erlösung, das durch die Schrift der Gemeinde offenbart worden ist, durch Gott offenbart worden ist.
Diese geistliche Verbundenheit der Gläubigen in Christus untereinander im Alltag wird praktisch durch die Seelsorge gelebt. Oder wie wir in der Bibel manchmal auch sehen: Es gibt Stellen, die sogenannten, wir nennen sie die Einanderstellen. Und diese Einanderstellen sind das, was wir eigentlich mit dem Vokabular oder mit dem Wort Seelsorge ausdrücken. Immer wieder bezeugen Stellen in der Bibel dieses seelsorgerliche Einander der einzelnen Glieder, der einzelnen Christen, der einzelnen Gläubigen unter und auch miteinander, eben die sogenannten Einanderstellen.
So ruft uns zum Beispiel Paulus in seinem Brief an die Römer auf, dass wir als Glieder der Gemeinde Christi einander Christus vor die Augen malen sollen. Das Ziel des Einander oder mit dem für uns eben geläufigen Ausdruck Seelsorge ist nicht weniger, als dass wir einander helfen, Jesus Christus noch besser zu erkennen und ihm allein die gebührende Ehre zukommen zu lassen.
Das große Anliegen von Paulus in seinem Gebet für die Gemeinde in Ephesus ist, dass sie die Weisheit, die Herrlichkeit und nicht zuletzt die Erkenntnis Jesu Christi durch die Offenbarung erfahren dürfen. Es ist die Gemeinde, die er da anspricht, also die Gläubigen. Es sind nicht diejenigen Menschen, die nicht zur Gemeinde gehören, für die er betet, dass sie mehr Erkenntnis haben dürfen, sondern es ist für die Gemeinde, für die Kinder Gottes gedacht, was er betet.
In der Erkenntnis Christi wachsend und seine Herrlichkeit reflektierend, gibt die Gemeinde Christi Gott allein die Ehre. Und das ist dann ja auch das Geheimnis der Seelsorge. Was ihm die Ehre bringt, dient seinen Kindern zum Besten.
Daher ist eine biblische Seelsorge nicht einfach eine vergeistlichte Alternative zu einem integrativen Ansatz der Seelsorge, die wir öfter in den Gemeinden antreffen. Es geht um die Ehre Gottes. Die Ehre Gottes steht auf dem Spiel. Die Schrift bezeugt dies, so denke ich, in aller Klarheit.

Christus als Maßstab gegen menschliche Weisheit

Ich möchte euch einen Text von Paulus aus dem Kolosserbrief vorlesen, in dem er ganz klare Worte für diese Situation der Seelsorge in der Gemeinde findet. Es ist ein Brief an die Kolosser, und es ist das zweite Kapitel, Vers acht, den ich euch vorlesen möchte:
Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus gegründet.
Ein Vers, ein wichtiger Vers, in dem uns Paulus darauf aufmerksam macht, worum es in der Verkündigung und damit auch in der Seelsorge in der Gemeinde schlussendlich geht.
Auffallend ist, dass Paulus hier ganz klare und eindeutige Worte braucht, nämlich Lehrerbetrug, Lehre von Menschen und nicht zuletzt das, was nicht auf Christus gegründet ist. Diese Worte verwendet Paulus in einem sehr scharfen Kontrast zu den Schätzen der Erkenntnis und Weisheit, welche wir nur in Christus finden können.
Paulus schreibt nur ein paar Verse zuvor in Vers drei, in welchem, nämlich damit meint er Christus, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.
Überhaupt beschreibt Paulus im Kolosserbrief Jesus Christus als den Herrn der Welt, der über Mächte und Gewalten steht. Er beschreibt Jesus Christus als denjenigen, der auch die Antwort auf das eigentliche Problem des Menschen ist, nämlich die Schuld und die Sünde. Und daraus ergibt sich folgende Notwendigkeit: in Christus vollkommen zu werden.
Im ersten Kapitel des Kolosserbriefs, Vers 28, schreibt er, dass es eine Aufgabe ist, dass wir einen jeden Menschen in aller Weisheit in Christus vollkommen machen. Das ist die Aufgabe, die wir haben dürfen, indem wir Christus verkündigen und was er für uns getan hat. Die Sünde aufzuzeigen, dass wir aber nicht nur darauf sehen, sondern auch auf das, was Christus für uns getan hat.
Menschen kann nur geholfen werden, wenn sie ein Gegenüber haben, und dieses Gegenüber ist unser Schöpfer, Retter und auch Erlöser. Keine noch so durchdachte Methode, Technik, Management oder Philosophie kann den Menschen vor Gott rechtfertigen, ihn heiligen und somit das Heilende gegenüber unseres Retters ersetzen. Der Mensch braucht diese Gemeinschaft mit Gott, seinem Schöpfer. Die Gemeinschaft, die ihn allein erlöst, in der Person Jesu Christi.
Die Erkenntnis in Jesus Christus wird von Paulus als klarer Kontrast zu unseren menschlichen Erkenntnissen und unserem Verstand dargestellt, und auch zu unserem fleischlichen Sinn, des Menschen, der mehr zu seiner eigenen Ehre trachtet als zur Ehre Gottes.
Wir haben bereits gehört, dass Paulus für die Gemeinde in Ephesus betet, dass sie erleuchtete Augen erhalten, um den Geist der Weisheit und Offenbarung zu erhalten. Wofür sollten sie den Geist der Weisheit und den Geist der Offenbarung bekommen? Ja, es liegt auf der Hand: um Jesus Christus und die Macht seiner Herrlichkeit, ich betone seine Herrlichkeit, die Macht seiner Herrlichkeit, der Erlösung zu erkennen.
Und wer diese Person, nämlich Jesus Christus, kennt, hat das Leben, wie Johannes es in seinem Evangelium ausführlich beschreibt. So verwundert es auch nicht, dass Calvin die erste Frage in seinem Genfer Katechismus, sie lautet: „Was ist der Sinn des menschlichen Lebens?“, mit der Erkenntnis Gottes, unseres Schöpfers, beantwortet.
Jesus Christus und damit die wahre Weisheit und Erkenntnis zu kennen, bedeutet aber, Gott zu ehren. Der lange Westminster Katechismus nimmt diesen Gedanken auf, dass die Gemeinde primär zur Ehre Gottes existiert. Er fragt und gibt die Antwort: Was ist das höchste Ziel des Menschen? Und die Antwort lautet: Das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich immer an ihm zu erfreuen.
Zusammengefasst bedeutet das, dass es die Aufgabe der Gemeinde ist, Gott zu ehren und ihm allein zu dienen. Die Glieder der Gemeinde Christi sind dazu berufen, ein Leben zur Ehre Gottes zu führen. Und das heißt aber auch, dass die Gemeinde Jesu in all ihren Nöten die Zuflucht bei Gott finden und das Heil bei ihm allein suchen soll.
Mit anderen Worten: Die Gemeinde Christi soll der Erkenntnis und Weisheit mehr vertrauen, die von Gott kommt, als dem leeren Trug der menschlichen Lehre, wenn es um das Herz des Menschen geht. Deshalb soll die Lehre in der Gemeinde Christi, und damit ist auch die Seelsorge angesprochen, auf Christus und nicht auf Lehrerbetrug oder Trug und leere Menschenweisheit gegründet sein. Denn Christus allein ist das Wort Gottes, in dem alle, und hier betone ich es ausdrücklich, alle Erkenntnis und Weisheit verborgen liegen.
Die Gemeinde Jesu lebt zur Ehre Gottes, und aus diesem Soli Deo Gloria, allein Gott die Ehre, ergeben sich fünf Punkte, die als Grundlage einer biblischen Seelsorge in unseren Gemeinden dienen können, als Grundlage für eine Gemeinde, die zur Ehre Gottes leben will und ihm dienen will.
Die fünf Punkte sind die folgenden, die ich herausgearbeitet habe und gerne mit euch teilen möchte:
Erstens: die Grundlage der Seelsorge, sein Wort und sein Geist. Zweitens: der Ort der Seelsorge, das Herz des Menschen. Drittens: die Person des Seelsorgers, der Seelsorger in Christus. Viertens: das Ziel der Seelsorge, wahre Selbst- und Gotteserkenntnis. Und der letzte Punkt, fünftens: die Praxis der Seelsorge, mit Jesus zu Jesus gehen.

Die erste Grundlage: Gottes Wort und sein Geist

Lass mich mit dem ersten Punkt anfangen, der Grundlage der Seelsorge: sein Wort und sein Geist.
Die Grundlage der Seelsorge ist Jesus Christus, das Wort Gottes in seiner zweifachen Gestalt. Einerseits ist er das geschriebene Wort, das wir in der Form der Bibel haben. Andererseits ist er das fleischgewordene Wort Gottes, das uns erschienen ist und durch seinen Geist in unseren Herzen wohnt.
In der Schrift begegnet uns der Sohn Gottes selbst. Er ist damit auch das Gegenüber unseres notleidenden Nächsten, der uns gegenübersteht oder sitzt. Wir bringen im Gespräch unseren Nächsten durch die Schrift in die Gegenwart Gottes, in die Beziehung zu Jesus Christus.
Dieses Vorgehen unterscheidet sich diametral von den in Seelsorgekursen oft erlernten Methoden oder auch Interventionstechniken, Managementansätzen und anderen Techniken, die erlernt werden sollen und müssen, um einem leidenden Mitmenschen zu helfen. Die Grundlage der Seelsorge ist aber das Vertrauen auf das lebendige Wort Gottes und seinen Geist.
Die Person Gottes, Jesus Christus, die uns in seinem Wort begegnet, ist auch ein scharfer Kontrast zu unserer eigenen menschlichen Weisheit und Vernunft. Denn das Wort Gottes ist die Begegnung mit einer Person, dem lebendigen Sohn Gottes. Menschliche Weisheit und Vernunft sind wie ein Eisen, mit dem wir menschliche Herzen bearbeiten wollen. Aber es ist die Methode der Welt, weil sie den Geist Christi nicht hat.
Im Gegensatz zu einer Beratung, die mit wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeitet und auf menschlichen Verstand vertraut, bringen wir als Seelsorger unseren Nächsten in Beziehung zu Christus, indem wir ihm Jesus Christus vor Augen malen. Im Psalm 17,5 steht eindrücklich formuliert: „Ich aber will schauen dein Antlitz in Gerechtigkeit, und ich will satt werden, wenn ich erwache an deinem Bilde“, an dem Bilde Jesu Christi.
Eine christuszentrierte und damit biblische Seelsorge orientiert sich an der Erkenntnis und Weisheit, die in Christus liegen. Die zwei, nämlich wahre Erkenntnis und wahre Weisheit, findet man nur in der Schrift, dem lebendigen Wort Gottes, Jesus Christus allein, und im Gebet vor einem souveränen Gott und himmlischen Vater. Es ist das sola scriptura: Jesus Christus leitet, führt und regiert seine Kinder durch sein Wort und seinen Geist allein.
Martin Luther bringt es in seiner Schrift Von der weltlichen Obrigkeit auf den Punkt. Er schreibt dort: „Darum hat Christus kein Schwert geführt und hat auch in seinem Reich keines eingesetzt, denn er ist König über Christen und regiert ohne Gesetz, sondern nur durch Gottes Wort und Geist, denn damit werden die Seinen von innen regiert.“
Auch der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli kommt zum gleichen Schluss. An der Wand der Kirche in Zwinglis Geburtsort in Wildhaus im Toggenburg steht: „Lasset dem Wort Gottes, das wird euch allein wieder zurechtbringen.“ Wie recht hat er?
Wir haben auch eine eindrückliche Illustration im Alten Testament, wie Gott seine Gemeinde durch sein Wort und seinen Geist baut. Es ist der Bau des Tempels. Am Ort des Bauens wurde kein Eisen, also kein Werkzeug gebraucht, um die Steine herzurichten. Der Bau des Tempels in Jerusalem ist ein Sinnbild dafür, dass unser dreieiniger Gott nur sein Wort und seinen Geist zum Bau der Gemeinde benutzt.
In 1. Könige 6,7 steht: „Und als das Haus, das ist der Tempel, gebaut wurde, waren die Steine bereits zugerichtet, so dass man weder Hammer noch Beil noch irgendein eisernes Werkzeug beim Bauen hörte.“ Ja, nicht mit Eisen, nicht mit Methoden, sondern allein mit dem Wort Gottes und Gottes Geist wird die Gemeinde gebaut.
Wir wissen, dass die Kinder Gottes die lebendigen Steine sind, aus denen der Tempel Jesu Christi gebaut ist. Auf dieses Bild wird im Neuen Testament wiederholt hingewiesen, zum Beispiel im Epheserbrief. Auch Petrus nimmt dieses Bild immer wieder auf. Wir sind die lebendigen Steine, und Jesus ist der Eckstein, der alles zusammenhält durch seinen Geist.
Dieses lebendige Wort Gottes ist kein leerer Betrug oder eine menschliche Weisheit, sondern Gott teilt sich durch seinen Sohn, der die Wahrheit, der Weg und das Leben ist, auf persönliche Weise mit. Er offenbart sich durch seinen Sohn, dem fleischgewordenen Wort Gottes. Diese persönliche Begegnung mit der Person Jesu Christi, dem Wort Gottes, steht in keinem Vergleich zu einer menschlichen Lehre, erlernten Interventionstechniken oder psychologischen Methoden. Ebenso schreibt Paulus es im Brief an die Kolosser.
Das Wort Gottes bewirkt das, wofür es ausgesendet ist, schreibt der Prophet Jesaja. Erst die Begegnung mit dem fleischgewordenen Jesus Christus, mit dem Wort Gottes, hinterlässt veränderte Menschen. Denn er selbst ist unsere Rechtfertigung und auch unsere Heiligung. Und durch ihn und in ihm allein werden wir zu einem Tempel, zu einem heiligen Tempel, zusammengebaut und zusammengefügt.
Darum wird es auch in der Ewigkeit keinen Tempel mehr geben, weil die Erlösten alle in Christus, dem lebendigen Tempel, vereint sind.

Der zweite Ort: Das verborgene Zentrum des Menschen

Aspekt der Seelsorge in der Gemeinde, nämlich der Ort der Seelsorge: Der Ort der Seelsorge ist das Herz des Menschen. Man kann es auch so ausdrücken, dass der Ort der Seelsorge die Gemeinde Jesu ist, aber das muss noch etwas differenzierter betrachtet werden. Es ist das Herz des Menschen, denn die lokale Gemeinde ist der sichtbare Teil der Erlösten, der Kinder Gottes, während das Herz des Menschen verborgen liegt, unsichtbar vor unseren eigenen Augen und vor der Welt, aber sichtbar vor Gott.
Wir kennen vielleicht John Bunyans Geschichte von Christian, die Pilgerreise. Christian ist ein Pilger in dieser Welt, und von der Stadt des Verderbens macht er sich auf den Weg zur Stadt Zion in der Ewigkeit. Er wandert durch viele, viele Gegenden, bis er endlich ankommt. Und die Bibel, die das Leben der Christen beschreibt, die in einer gefallenen Welt leben und deshalb auf dieser Erde nur Pilger auf dem Weg zu ihrer himmlischen Heimat sind, sagt selbst: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.
Christen haben das Wort Gottes, sie haben das Reich Gottes in ihren Herzen. Das fleischgewordene Wort Gottes, der lebendige Christus, hat durch seinen Geist Wohnung in uns genommen. Das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi hat in den Herzen der Gläubigen Wohnung gefunden.
Seit den Anfängen des Christentums war die Mission, oder man könnte auch sagen die Verkündigung und die Lehre des Wortes Gottes innerhalb der Gemeinde und an die Menschen, die Christus nicht kennen, ein zentraler Auftrag. Der Gedanke der Verkündigung hat sich aber, ich denke, seit dem letzten Jahrhundert, vielleicht auch schon früher, besonders in der Seelsorge stark verändert. Vor allem in der Seelsorge wurde nicht mehr, oder mindestens zu wenig, das Evangelium verkündet, sondern menschliche Weisheit in die Gemeinde Christi integriert. Paulus nennt das Lehren von Trug und Menschenlehre. Das wurde in die Gemeinde hineingebracht, um damit die Herzen der Gläubigen zu behandeln.
Dies geschah mit der Begründung, dass das Wort Gottes, oder anders gesagt das Erlösungswerk Jesu Christi, für die Not, die Themen und die Probleme geistlicher oder anderer Natur im Alltag der Kinder Gottes nicht mehr genügen würde. Weil anscheinend das Wort Gottes, sein Geist und das Erlösungswerk Jesu Christi nicht mehr genügen, wurde das Wort Gottes ersetzt durch die Integration menschlicher Lehre. Und das ist, wie Paulus sagt, nicht mehr auf Christus gegründet.
Das Wort Gottes und sein Geist, welche das Herz der Gläubigen regieren und leiten sollen, wurden in der Seelsorgepraxis durch Methoden, Management, wissenschaftliche Erkenntnisse und andere psychologische Interventionstechniken ersetzt. Das Heil in Christus wurde durch ein Menschenwerk ersetzt, nämlich durch das Doktorat und die Diagnose, wie Thomas Szasz feststellt. Man könnte auch sagen: Wo die Weisheit und die Erkenntnis Christi verlassen werden, ist die Verkündigung und damit auch eine Seelsorge in der Gemeinde Jesu nicht mehr in Christus gegründet.
Die Veränderung der Herzen geschieht aber nur durch die Begegnung mit Jesus Christus. Das ist das Zentrum der Verkündigung, denn ihn sollen wir verkündigen. Und darum ermahnen wir alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen, so schreibt Paulus im Kolosserbrief.
Lass mich aber an dieser Stelle einen wichtigen Einschub machen, weil ich denke, dass es hier, wenn wir das hören, zu zwei verschiedenen Missverständnissen kommen könnte. Zum einen das Wort ermahnen: Das griechische Wort, das Paulus hier verwendet, ist nicht etwa der moralische Zeigefinger. Es ist nicht die Ermahnung, das Levitenlesen, wie man so sagt, sondern das griechische Wort hat eine ganz andere Bedeutung. Es bedeutet, jemanden Christus und sein Erlösungswerk vor Augen zu malen, so wie Paulus es im Galaterbrief beschreibt.
Dann gibt es oft noch ein zweites Missverständnis, nämlich dass biblische Seelsorge gegen jegliche wissenschaftliche Erkenntnis, Medikamente und andere notwendige Unterstützung sei, wie zum Beispiel Psychopharmaka. Ich denke nicht, dass das der Fall ist. Sie können und sollen in Weisheit angewendet werden und sind eine große, ja sogar notwendige Hilfe bei der Betreuung notleidender Menschen.
Doch um die Erlösung in Christus zu verstehen, müssen wir das Wesen des menschlichen Herzens erkennen. Das menschliche Herz sündigt, indem es falsche Götter anstelle des lebendigen Gottes anbetet. Und das hat bereits Aurelius Augustinus schon klar gemacht. Er schreibt in seinem Buch Von der christlichen Bildung, dass alle Schätze Ägyptens dem Menschen zuletzt nicht helfen können, sondern dass die Schätze Ägyptens zu unseren falschen Göttern werden, denen wir anstelle des lebendigen Gottes dienen, sie anbeten und ihnen vertrauen.
Wir erinnern uns: Als die Israeliten ausgezogen sind, als ihnen die Errettung zuteilwurde, mussten sie Gold, Silber und Schmuck von den Ägyptern mitnehmen. Auf die heutige Zeit übertragen bedeutet das, dass sie die Lehre der Menschen und wissenschaftliche Erkenntnisse mitgenommen haben, denen wir mehr vertrauen als der Erkenntnis und Weisheit in Christus. Helfen kann aber nur allein die Anbetung des lebendigen Gottes: Ich bin der Herr, der euch errettet hat.
Er schreibt, so merkte nämlich der Mensch, dass er, obgleich er reich aus Ägypten herausgeht, dennoch, wenn er das Passamal nicht feiert, nicht geheilt werden kann. Augustinus hat Recht: Der lebendige Gott, der sie aus Ägypten herausgeführt hat, wurde verlassen. Und die Schätzergebnisse wurden zu einem falschen Gott verarbeitet und anstelle des lebendigen Gottes angebetet.
Der Ort der Seelsorge ist das menschliche Herz. Darum betet Augustinus und bekennt: Du verlässest den Menschen in deinem Preis und Anbetung eine Wonne zu suchen, denn geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, und unruhig ist unser Herz, bis es endlich Ruhe findet in dir.
Das menschliche Herz ist der Ort der Seelsorge, weil es keine Ruhe finden kann, ohne dass es seine Ruhe in Gott findet. Denn das menschliche Herz ist das Organ, welches primär zum Vernehmen des Wortes Gottes geschaffen ist und berufen ist. Und zweitens findet das menschliche Herz nur in der Gnade unseres dreieinigen Gottes, das ist die sola gratia, seine Ruhe.

Die Person des Seelsorgers in Christus

Das führt uns zum dritten Punkt: die Person des Seelsorgers, der Seelsorger in Christus.
Jeder Christ ist auch Seelsorger, zu jeder Zeit, in jeder Position, in jeder Stellung und an jedem Ort. Als Vater, als Mutter, als Arbeitnehmer, als Arbeitgeber, als Pastor oder Gemeindeglied, als Kind unter seinen Geschwistern und Gleichaltrigen. Das heißt nicht, dass jeder Christ für seinen Nächsten oder für alle gleichermaßen verantwortlich ist. Aber jeder Christ, jedes Kind Gottes, spiegelt entweder die Herrlichkeit seines Herrn oder seine eigene Selbstgerechtigkeit wider.
Menschen, wir hinterlassen alle Spuren im Leben unseres Nächsten und prägen sein Herz. Was soll nun das Herz meines Nächsten prägen? Meine sündhafte Selbstgerechtigkeit, die den Nächsten verschmutzt und ihm Leid antut? Oder die Gerechtigkeit Gottes, welche es zum Leben führt?
Paulus ist da ganz klar: Wir brauchen sein Wort und seine Gerechtigkeit, damit wir seine Gerechtigkeit weitergeben können. Und diese Gerechtigkeit hat Einfluss auf meinen Nächsten.
Petrus beschreibt in seinem Brief dann die drei Ämter, zu denen wir als Seelsorger beziehungsweise als Kinder Gottes berufen sind: Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, damit ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.
Die drei Ämter, das ist der König, den wir hier finden, es ist der Priester und der Prophet, die Verkündigung. Der König: Jesus ist der König, der Herr der Welt, dem alle Macht gegeben ist, nämlich über die Sünden, den Tod und die ganze Welt. Der Priester: Dies ist Jesus Christus, der Priester, der uns mit seinem Leben teuer erkauft hat. Wir gehören nicht mehr uns, sondern unserem getreuen Heiland Jesus Christus, der uns vollkommen erlöst hat. Und er ist auch unser Prophet, der uns bedeckt. Jesus Christus ist auch das fleischgewordene Wort Gottes, das uns den hellen Schein der Herrlichkeit Christi in unser Herz bringt und uns führt und leitet als guter Hirte. Himmel und Erde werden einmal vergehen, und damit auch die menschliche Weisheit, aber seine Worte werden niemals vergehen.
Christus dient uns mit diesen drei Ämtern, und wir dürfen dies durch ihn wirken lassen. Wir können nämlich daraus schließen, dass wir als Kinder Gottes und damit eben auch Seelsorger sind. Nicht versuchen, für Gott zu leben, ich hoffe, ihr schreckt nicht, sondern Gott durch uns leben zu lassen, Jesus Christus durch uns leben zu lassen. Nicht wir, sondern er. Ich muss abnehmen, er muss zunehmen.
Erst, das ist ein Beispiel, das für mich hilfreich ist, erst wenn unsere Hand in einen Handschuh schlüpft, macht der Handschuh ja genau das, was ich machen wollte, macht er das, was ich mir wünschte. Und genau so sind wir in Christus, der uns durch seinen Geist führt und das Amt ausführt, das diese drei Ämter umfasst, und das nachher macht, was wir nicht können, nämlich die Verkündigung. Das Wort Gottes weitergeben, den Trost, das Priestersein, die Vergebung und die Macht über die Sünde und den Tod.
Im Vertrauen und Glauben auf das, was Christus als König, Priester und Prophet durch uns wirkt, sind wir Seelsorger an Christi statt. Wir sind voller Güte, erfüllt mit aller Erkenntnis, nicht ich, sondern Christus in mir und um mich. Das ist das große Geheimnis der Seelsorger in Christus, dass wir ihn durch uns wirken lassen müssen und nicht etwas Perfektes wissen müssen. Wir müssen keine Interventionstechniken kennen, sondern wir dürfen wissen, dass er uns führt und leitet als König, Priester und auch Prophet.

Das Ziel der Seelsorge: Erkenntnis statt bloßer Veränderung

Viertens: Was ist denn das Ziel der Seelsorge? Wahre Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis.
Das Ziel der Seelsorge ist nicht Selbstwert. Mit Selbstwert denke ich an Verhaltensänderung, kognitive Rekonstruktionen, also an die Veränderung unserer Gedanken, an einen höheren Selbstwert oder an die Fähigkeit, jetzt endlich Konflikte bewältigen zu können. Oder ich denke zum Beispiel an das Ziel, endlich wieder eine gut funktionierende Ehe zu haben.
Ich hoffe, dass ihr das jetzt nicht falsch versteht. Ihr werdet gleich verstehen, warum eine gut funktionierende Ehe nicht das Ziel der Seelsorge sein kann. Denn das, was ich aufgezählt habe, das sind die Früchte der Seelsorge. Die Frucht darf aber niemals mit dem Ziel der Seelsorge verwechselt werden. Um das Ziel der Seelsorge zu erreichen, ist es notwendig, das Ziel von der Frucht zu unterscheiden.
Ein Apfelbaum kann nur Äpfel bringen. Ein Birnbaum nur Birnen. Erst wenn der Baum ein anderer Baum geworden ist, zum Beispiel ein Zwetschgenbaum oder ein Aprikosenbaum, dann kann er andere Frucht bringen.
Wir wissen, dass die Früchte des Heiligen Geistes, wie sie im Galaterbrief beschrieben sind, ja, die kennen wir wahrscheinlich. Aber wir wissen auch, dass wir genau das nicht produzieren können.
John Piper formuliert diesen Unterschied zwischen Frucht und Ziel sehr herausfordernd. Er schreibt: „Unser Ziel in der Seelsorge ist nicht, unseren Mitmenschen zu helfen, dass sie sich wertvoll ansehen, sondern dass sie Christus als Schatz ihres Lebens umfassen.“ Erst wenn Gott unser Höchstes Gut ist, wenn Christus als Schatz unseres Lebens umfasst wird, verändert sich unser Herz.
Und jetzt verstehen wir vielleicht, warum das Ziel der Seelsorge nicht eine veränderte Frucht sein kann, nicht eine angestrebte Verhaltensänderung, sondern die Veränderung unseres Herzens. Und das heißt wahre Selbsterkenntnis und wahre Gotteserkenntnis.
Je mehr ich Christus erkenne, desto mehr sehe ich, wie nötig ich ihn habe. Je mehr ich sehe, wie nötig ich ihn habe, desto mehr sehe ich, wie sündhaft ich bin, wer ich bin und was er für mich getan hat. Und diese Umkehr führt, das haben wir heute schon bereits gehört, einerseits zur Trauer und dann zu der größten Freude, die nur Gott machen kann.

Die Praxis der Seelsorge: Mit Jesus zu Jesus gehen

Ja, der fünfte Punkt: Was ist dann die Praxis der Seelsorge? Mit Jesus zu Jesus gehen.
Der Seelsorger ist ein Werkzeug Gottes in Gottes Hand. Ein Kind Gottes, das bereits in der Hand Gottes ist, benutzt daher nicht selbst ein Werkzeug, um seinen Nächsten zu verändern. Vielmehr lässt sich ein Kind Gottes und damit ein Seelsorger als Werkzeug in der Hand Gottes gebrauchen.
Er wendet nicht eine erlernte Methode an, kein Management, keine Interventionstechnik, um das Herz seines Nächsten zu bearbeiten, manchmal vielleicht sogar zu manipulieren. Denn mit der Methode bringt der Seelsorger das Herz seines Bruders oder seiner Schwester Christus wieder unter die Knechtschaft des Gesetzes und nicht in die Beziehung zu seinem Erlöser. Denn jede Methode untersteht wieder dem Zwang des Gesetzes, das erfüllt werden muss.
Ich versuche das mit einem kleinen Bild hoffentlich hilfreich darzustellen. Stellen wir uns vor, wir sind das Werkzeug, das Gott in seiner Gnade braucht, um sich unserem Nächsten zu offenbaren. Zum Beispiel gebraucht Gott mich als einen Hammer, um einen Nagel einzuschlagen. Dieser Nagel wird gebraucht, um das gemalte Bild, das wir bereits heute von Jesus Christus im Herzen meines Nächsten gehört haben, zu befestigen.
Stellen wir uns weiter vor: Ich, der Hammer Gottes in Gottes Hand, sage mir: Hm, so, ich will diesen Nagel selber in die Wand schlagen. Ich nehme mir in meinem Stolz aus der Kiste der Seelsorgentechniken, der Methoden und der Interventionskiste einen selbstgebastelten Hammer in die Hand. Ich sage mir: So, jetzt schlage ich den Nagel selber bei meinem Nächsten ein.
Stellt euch das Bild vor: Wir sind in Gottes Hand, er gebraucht uns als sein Werkzeug, und jetzt kommt da einer, der sagt: Nein, nein, ich mache das selber, ich kann das selber. Und er schwingt sein selbstgebasteltes Hämmerlein, verzweifelt, und versucht, den Nagel einzuschlagen. Ist das nicht ein lächerliches Bild von Gottes Gemeinde, wenn sie sich so verhält, wenn wir selber einen Hammer in die Hand nehmen, etwas Selbstgebasteltes, und nicht auf Gottes Gnade, Barmherzigkeit und auf sein Wort vertrauen?
Das ist einerseits Stolz und andererseits Werksgerechtigkeit. Die Folge aus einem solchen Verhalten ist, dass wir unseren Nächsten ohne Christus ganz auf uns allein gestellt lassen. Was ist das für ein trauriges Bild: eine Gemeinde ohne Christus.
Die Praxis der Seelsorge hingegen ist von Demut und Weisheit geprägt. Demut bedeutet, dass ich Gott das Einschlagen des Nagels überlasse. Wenn er mich dazu braucht, dann dürfen wir ihm danken und können ihn loben und preisen für das, was er im Leben, in meinem Leben und im Leben meines Nächsten tut.
Das, was ich tun kann, ist, dass ich um Weisheit und Demut bete, damit ich nicht ein selbstgebasteltes Hämmerlein schwinge, sondern dass ich noch besser in die Hand Gottes passe, damit er mich gebrauchen kann. Es ist Weisheit, um die wir bitten dürfen und auch sollen, wie wir unseren Nächsten in die Gegenwart unseres himmlischen Vaters bringen dürfen.
Im Wissen darum, dass wir unseren Nächsten nicht ohne Jesus Christus vor den Thron Gottes bringen. Es ist ein Paradox, und trotzdem ist es die Wahrheit: Wir können unseren Nächsten nur mit Jesus Christus zu Jesus Christus, dem Thron Gottes, bringen. In diese veränderte Gemeinschaft unseres Gottes hinein nehmen wir ihn hinein und überlassen das treue Wirken Gottes an meinem Nächsten allein, ich betone: allein seiner Souveränität und seiner Barmherzigkeit. Und das macht das Coram Deo, das Leben aus der Gnade des gerechtfertigten Sünders vor Gott, aus.
Dieses Hineinnehmen des Nächsten in die Gemeinschaft des Sünders in Christus ist die Aufgabe, ist die Praxis der Seelsorge. Es ist die Demut und die Sanftmut Jesu Christi, mit der uns Jesus Christus selbst bekleidet, die unsere notleidenden Brüder und Schwestern zurück in die Gemeinschaft der gerechtfertigten Sünder in Jesus Christus bringt.
Dieses Coram Deo, dieses Vor-Gott-Stehen, fasst Paulus zusammen in einem ganz kurzen Satz: Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

Schlussgebet

Lass mich noch beten.
Vater im Himmel, wir bekennen, dass wir oft von unserer eigenen Not und unserer eigenen Sünde so eingenommen sind, dass wir nicht mehr die Kraft haben, dich zu suchen. Wir erinnern uns nicht mehr daran, was du für uns getan hast, und suchen unseren eigenen Weg.
Wir bekennen auch, dass wir Menschen oft nicht zu dir gebracht haben, sondern unsere eigenen Wege eingeschlagen haben.
Und wir bitten dich, dass du uns die Weisheit und die Demut gibst, dich zu suchen und in deinem Wort zu forschen. Hilf uns zu verstehen, was mein Nächster braucht, der notleidet, der verzweifelt ist und dich in seiner Angst nicht mehr sehen kann. Öffne ihm die Augen, damit er dich wieder sieht und mit dir gehen kann.
Schenk uns diese Gnade. Schenk uns auch diese Barmherzigkeit in deinem barmherzigen Handeln, in unserem Leben und im Leben unserer Gemeinde.
Wir beten dich an und wir danken dir für das, was du getan hast und weiterhin tun wirst in deiner Gemeinde, bis du wiederkommst.
Amen.