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Jakobusbrief

Jakobusbrief. Der Verfasser nennt sich 1,1 nicht einen Apostel, sondern einen „Knecht Gottes und des Herrn Jesu Christi“. Die meisten Ausleger halten dafür, daß es Jakobusbrief der Bruder des Herrn ist, mit dessen oben geschilderter Persönlichkeit und Stellung der Inhalt des Briefes in hohem Grade übereinstimmt. Als die Leser werden 1,1 genannt „die 12 Stämme“, das heißt die Christen (nicht notwendig aus den Juden) „hin und her“, wörtlich: „in der Zerstreuung“, das heißt außerhalb Palästinas. Über den Ort (Jerusalem, Rom?), noch mehr über die Zeit der Abfassung gehen die Ansichten weit auseinander. Während die einen den Brief für die älteste Schrift des Neuen Testaments halten, verlegen andere seine Entstehung in die 60er Jahre, wieder andere noch viel weiter herab. Die Leser befanden sich (1,2) in „mancherlei Anfechtung“; insbesondere seufzten die zahlreichen Armen unter dem Druck der Reichen. Ungeduld, Unfriede, Verweltlichung, Veräußerlichung des Christentums waren in den Gemeinden eingerissen. Deshalb hat Jakobusbrief teils zu trösten, teils aber und hauptsächlich zu mahnen und zu warnen, und so tritt in seinem Brief die christl. Lehre fast ganz hinter dem christl. Leben zurück. Eine durch den ganzen Brief fortlaufende Gedankenentwicklung läßt sich nicht nachweisen, es sind vielmehr einzelne lose aneinander gereihte Gedankengruppen: 1,2-17 Ermahnung zum rechten Verhalten in den Versuchungen; V. 18-27: zum Annehmen und Befolgen des Wortes; 2,1-13: Warnung vor ungerechter Bevorzugung der Reichen; V. 14-26: vor einem toten Glauben; 3,1-12: vor unbefugtem Lehren; 3,13 bis 4,12: vor Unfrieden und weltlichem Sinn; 4,13 bis 5,11: Warnung vor Sicherheit und Erinnerung der Reichen und Armen an das Ende; 5,12-20: Ermahnungen besonders über das Schwören und über gegenseitige Seelsorge. Eine eigentlich lehrhafte Entwickelung finden wir nur in dem Abschnitt vom Glauben, 2,14-26, und hier gerade scheint sich Jakobusbrief in einem unversöhnlichen Gegensatz zu Paulus zu befinden (vgl. V. 21 und 24 mit Röm. 3,28; 4,2-5; Gal. 2,16; Eph. 2,8 f.). Jakobusbrief betrachtet allerdings das Evangelium mehr in seiner Einheit mit dem A. T., als in seinem Unterschied von demselben; er bezeichnet es (entsprechend der Weissagung Jer. 31,33) als das „vollkommene Gesetz der Freiheit“ (1,25). Das Bekenntnis zu dem einen Gott, 2,19, und zu Jesus als dem Herrn der Herrlichkeit, 2,1 nennt er Glauben. In dem Abschnitt 2,14-26 betont er nachdrücklich, daß dieser Glaube sich nicht bloß in dem Bekenntnis des Mundes, sondern in Werken betätigen müsse (2,14). Erst durch diese Betätigung werde der Glaube vollendet (Vers 22), und werde der Mensch gerecht, das heißt erlange das göttliche Wohlgefallen (Vers 21. 23), während ohne dieselbe der Glaube ein toter sei (Vers 26). Diese Lehren widerstreiten aber der Lehre des Paulus nur insofern, als Jakobusbrief nicht den tiefen, prinzipiellen Begriff von Glauben, sondern einen sozusagen mehr populär-praktischen hat. Von dem, was Paulus Glauben nennt, worin das Ergreifen der Gnade Gottes in Christo, und von dem, was Paulus Rechtfertigung nennt, worin die Sündenvergebung Hauptsache ist, redet Jakobusbrief nicht. Beide Männer hatten auch ganz verschiedene Bedürfnisse ihrer Leser zu berücksichtigen. Paulus hatte es mit solchen Gegnern zu tun, welche die Notwendigkeit äußerer Gesetzeswerke zur Seligkeit behaupten, Jakobusbrief mit solchen Christen, welche sich mit dem „Herr-, Herrsagen“ begnügen, ohne doch entsprechende Werke aufzuweisen. Demnach ist nicht anzunehmen, daß Jakobusbrief die Lehre des Paulus bekämpft, möglich aber, daß er einem Christentum entgegentritt, das seine sittliche wahrscheinlich „Unfruchtbarkeit“? mit mißverstandenen oder mißdeuteten paulinischen Formeln entschuldigte. Immerhin darf gesagt werden, daß Jakobusbrief nicht ebenso wie Paulus in die Tiefen der menschlichen Sünde und der göttlichen Gnade eingedrungen ist, und darum können wir es begreifen, daß seine Abfassung durch Jakobusbrief und seine Aufnahme in den Kanon schon in der alten Kirche auf Bedenken gestoßen ist. Luther (so dann auch die älteren Lutheraner) hat den für praktisches Christentum doch so fruchtbaren Brief nicht nach Gebühr gewürdigt, sondern ihn „ein recht strohern Epistel“ genannt. Jakobusbrief gründet sich ganz auf die Lehre Jesu Christi selbst; der aufmerksame Leser des Briefes findet darin besonders zahlreiche Anklänge an die Bergpredigt (vgl. zum Beispiel zu 1,2 Mt. 5,10-12; zu 1,4 Mt. 5,48; zu 1,5 Mt. 7,7; zu 2,22 Mt. 7,24 ff.; zu 2,13 Mt. 5,7; zu 2,14 ff. Mt. 7,21; zu 3,12 Mt. 7,16; zu 4,11 f. Mt. 7,1; zu 5,2 f. Mt. 6,19; zu 5,10 Mt. 5,12; zu 5,12 Mt. 5,33 ff.).

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