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Heuchler

Heuchelei, heucheln, Heuchler. Heuchelei ist die lügenhafte Verstellung, aus welcher Gebärden, Worte und Handlungen hervorgehen, denen die innere Herzensstellung nicht entspricht. Die hebräischen Worte, welche Luther mit Heuchelei übersetzt hat, bedeuten teils Lüge, zum Beispiel Jes. 28,15, teils „glatte Zunge“, die es leicht nimmt, schöne Worte zu machen, von denen das Herz nichts weiß, Ps. 5,10; 12,3. 4; Spr. 28,23; 29,5, teils überhaupt unheilige, frevelhafte Gesinnung, so öfters im Buch Hiob, Spr. 11,9; Jes. 9,16; 10,6; 32,6; Jer. 23,15. Das griechische Wort der Apokryphen und des Neuen Testamentss bezeichnet das Spielen einer fremden Rolle, wie es der Schauspieler übt.

In den Stellen der heiligen Schrift, welche von der Heuchelei reden, tritt uns ein doppeltes Bild entgegen:

1) Das Bild der groben bewußten Täuschung. Sie geht entweder geradezu auf den Schaden des Nächsten aus, Ps. 5,10; 12,3; Spr. 29,5; Mt. 22,18; Mk. 12,15 (arglistige Frage über das Steuergeben), oder verletzt sie doch die schuldige Achtung und Liebe durch schmeichlerische Vorenthaltung der Wahrheit, Spr. 28,23. Aber auch wo sie niemanden unmittelbar Schaden bringt, sondern nur aus dem Wunsch hervorgeht, durch Verbreitung eines falschen Scheins sich in ein günstiges Licht zu setzen, Sir. 1,35, ist sie ein Verbrechen an der Wahrheit, welches die Herrschaft der Lüge im Zusammenleben der Menschen befördert und mit der Weisheit von oben in keiner Weise zusammenbestehen kann, Sir. 15,8; Jak. 3,17. —

 2) Eine feinere Art von Heuchelei ist diejenige, deren Jesus so oft die Pharisäer und Schriftgelehrten beschuldigt, Mt. 23; Luk. 21,1. Wohl waren diese zum Teil auch Heuchler im ordinären Sinn des Worts, welche unter dem Schein der Jrömmigkeit von eitler Ruhmsucht, Mt. 23,5 ff., vgl. auch 6,2. 5. 16, und gemeiner Habsucht, Mt. 13,14, geleitet waren und von anderen verlangten, was sie selbst nicht tun mochten, Mt. 7,5; 23,3. 4. Allein, daß bei vielen Pharisäern ihr äußerliches Verhalten aus redlichem Eifer hervorging, dafür bürgt uns schon das Zeugnis des Paulus, Phi. 3,5. 6. Die Heuchelei, heucheln, Heuchler, die Jesus ihnen vorwirft, besteht im Grunde darin, daß ihr Eifer sich nur auf das Äußerliche wirft, auf religiöse Satzungen und Formen, während sie es versäumen, ihr innerstes Herz in das Licht der göttl. Wahrheit zu stellen. Wäre es nach ihrem Sinn gegangen, so wäre ihr Volk umspannt worden mit einem Netz von religiösen Formen, die doch von keiner wahrhaft frommen Gesinnung getragen gewesen wären. Auch hier also handelt es sich allerdings um einen Widerspruch von Innerem und Äußerem, aber der Widerspruch war wohl bei den wenigsten ein bewußter, es war der Widerspruch ihrer Forderung in sich selber, welche eine Frömmigkeit ohne Erneuerung der Herzen aufrichten wollte, und der Widerspruch dessen, was sie für Frömmigkeit hielten, mit dem was in Gottes Augen wertvolle Frömmigkeit ist. Mit solchen pharisäischen Naturen hat es auch 2 Tim. 3,5 zu tun, wenn dort von Leuten die Rede ist, welche die äußere Gestalt der Gottseligkeit haben, aber ihre Kraft verleugnen. In ähnlichem Sinn wird auch schon Ps. 78,36 eine in der Not geschehene, aber nicht nachhaltige Rückkehr des Volks Israel zu seinem Gott als Heuchelei, heucheln, Heuchler bezeichnet.

— Wenn Sa. 2,13 von einem heuchlerischen Verhalten des Petrus und der ihm folgenden Judenchristen in Antiochien die Rede ist, so ist damit gemeint die aus Menschenfurcht (Vers 12) hervorgegangene Beobachtung jüdischer Lebensformen, welche im Lichte der christl. Wahrheitserkenntnis, die Petrus besaß, kein Recht mehr haben konnten.

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