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Hebräerbrief

Hebräerbrief. Ein unter der Aufschrift „an die Hebräer“ erhaltenes neutestamentliches Sendschreiben schließt sich an die paulinischen Briefe an und wurde von den alexandrinischen Kirchenvätern, denen bis heute einzelne beistimmen, dem Apostel Paulus selbst zugeschrieben. Nach 10,34; 13,8 ff. nahm man an, Paulus habe es in der Gefangenschaft zu Rom verfasst. Allein der Verfasser ist nicht Paulus. Dies ergibt sich schon aus 2,3, wo sich derselbe von den ersten Zeugen unterscheidet, welche die neutestamentliche Offenbarung unmittelbar empfangen haben, während sich Paulus in seinem apostolischen Bewusstsein nachdrücklich zu diesen rechnet. Auch ist der Schreiber dieses Briefes nicht gefangen, sondern befindet sich nach 13,23 in Freiheit. (Nach der besseren Lesart steht 10,34: „ihr habet Mitleid gehabt mit den Gebundenen,“ nicht mit meinen Banden.) Entscheidend ist aber für den Sprachkundigen, dass der Hebräerbrief nicht nur einen fließenderen, reiner griechischen Stil aufweist als die paulinischen Briefe, sondern dass auch die Art der Benützung des Alten Testaments formal eine andere und material eine ziemlich verschiedene ist. Der Verfasser des Hebräerbriefes zeigt sich als Hellenist: er scheint des Hebräischen unkundig, zitiert daher im Unterschiede von Paulus die griechische Übersetzung und folgt dieser auch an solchen Stellen, wo sie von dem hebräischen Grundtext wesentlich abweicht. Auch bewegt er sich in seiner häufigen Verwendung des Alten Testaments freier und gewährt der Allegorie mehr Spielraum als Paulus. Dagegen ist er ein den Lesern wohlbekannter, angesehener Lehrer der apostolischen Zeit, der nicht bloß mit Timotheus befreundet, sondern auch mit der paulinischen Lehrweise bei aller eigenen Selbständigkeit vertraut gewesen sein muss. Sein Name lässt sich nur mutmaßen. So hat man auf Lukas, den Verfasser des Evangeliums und der Apostelgeschichte, oder auch Barnabas, den anfänglichen Begleiter des Paulus, oder auf Klemens von Rom oder auf Silas geraten. Am ansprechendsten ist Luthers Vermutung, dass es Apollos, der alexandrinische Judenchrist, war; was über diesen Apg 18,24-28 gesagt ist, würde trefflich zu der ganzen Art unseres Briefes stimmen.

Wie aber der Verfasser sich selbst zu Anfang des Briefes nicht genannt hat, was Paulus zu tun pflegte, so ist auch die Adresse des Briefes unbestimmt, selbst wenn das „an die Hebräer“ schon von Anfang an über dem Briefe gestanden hätte, was kaum anzunehmen, wenn auch diese Notiz schon alt ist. Wer sind diese Hebräer? Dass dieser Name im Alten Testament in verschiedenem Sinne steht, s. im Art. Ebräer. Die Judenchristen überhaupt, deren es überall in der Christenheit manche gab, könnten so genannt sein. Allein so allgemeinen Charakter hat das Sendschreiben nicht. Vielmehr ist es nach 13,18 ff. und auch früheren Stellen zufolge an eine geographisch bestimmte Einzelgemeinde, höchstens an einige nahe beisammen wohnende Gemeinden von Judenchristen gerichtet. Dass der Hebräerbrief an heidenchristliche Leser gerichtet sei, wird durch seine ganze Tendenz und seine Beweisführung widerlegt. Auch eine so gemischte Gemeinde wie Rom, an welche Neuere denken, passt nicht. Die Judenchristen in dieser Stadt können nicht eine so abgeschlossene Korporation gebildet haben, dass der Verfasser nicht einmal für nötig fand, ihr Verhältnis zu den andern Christen zu berühren. Auch standen sie schwerlich so stark unter dem Bann des Tempelkultus zu Jerusalem. Eher könnte Alexandrien in Betracht kommen. Doch weiß man wenig von der dortigen Christengemeinde in apostolischer Zeit. Meistens hat man an einen palästinischen Leserkreis gedacht, speziell an die Gemeinde von Jerusalem. Hier war die Versuchung zum Rückfall ins Judentum am größten, die Anziehungskraft des Tempels am stärksten. Auch die Überschrift verstände sich dann am leichtesten. Dagegen wird eingewendet, die Gefährten des Paulus hätten mit dieser Gemeinde kaum in so nahem persönlichem Verhältnis gestanden wie zum Beispiel 13,18 f. voraussetzt, und der Verfasser hätte für sein hellenistisches Schreiben doch nicht viel Verständnis erwarten können. Deshalb ziehen andere eine syrische Gemeinde vor, besonders Antiochia, wo nach Gal. 2,11 ff. der Einfluss des Judaismus groß war und Barnabas hohes Ansehen genoss.

Die Zeit der Abfassung des Briefes ist etwas vor das Jahr 70 zu setzen; denn auf die erschütternde Katastrophe der Zerstörung des Tempels, auf welche Bezug zu nehmen der Verfasser bei der Absicht seines Schreibens sich gewiss nicht hätte entgehen lassen, wird mit keinem Worte hingewiesen. Dies wäre bei einer bald nach 70 geschriebenen Epistel (Briefen) unerklärlich. Bis ums Jahr 100 hinabzugehen, verbieten die Beziehungen zum paulinischen Kreis und die Benützung des Hebräerbriefes durch Clemens Romanus. Der Zweck der Epistel ist, solche zur Standhaftigkeit im christlichen Bekenntnis zu ermahnen, die in Gefahr standen, daran irre zu werden, weil sie mit ihrem Volke nicht brechen und auf ihr Anrecht an den Tempel auf dem Zion nicht verzichten wollten, dessen Großartigkeit es ihnen angetan hatte. Der Verfasser sucht ihnen deshalb die den Alten Bund und sein Heiligtum weit übertreffende Herrlichkeit des Neuen Bundes zu vollerem Bewusstsein zu bringen, vorab die Größe des Mittlers in demselben, welcher der Sohn Gottes ist, wie schon die alttestamentlichen Schrift bezeugt, deshalb über allen Engeln erhaben, und das Königtum mit dem Hohepriestertum vereinigt nach der Weise Melchisedeks, also das levitische Priestertum weit überragt. Christus hat aber auch, wie der Brief ausführt, durch seinen Opfertod und seinen Eingang ins himmlische, nicht bloß ins irdische Heiligtum eine weit vollkommenere Versöhnung ein für allemal gestiftet, als je der aaronitische Hohepriester sie mit Tierblut erwirken konnte. Der Brief fordert die Christen aus Israel, an die er schreibt, auf, um solcher großartiger Herrlichkeit willen die Schmach vor den Menschen willig zu tragen und auf dem Wege der Erkenntnis und des Bekenntnisses rüstig vorwärts zu schreiten, statt in das Überwundene zurückzufallen und damit ihr Heil zu verscherzen. Nach der Weise aller frommen Zeugen Gottes sollen sie, statt am Sichtbaren hangen zu bleiben, im Glauben auf das Unsichtbare vertrauen und Christo auch durch Schmach und Leiden nachfolgen ohne Wankelmut und Verzagtheit.

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