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Gleichnis

1) = Abbildung, Nachbildung, als Werk der bildenden Künste, zum Beispiel Gleichnis eines Altars, Jos. 22,28; 2 Kö. 16,10; eines Tiers, Ps. 106,20. Eine solche Abbildung kann selbst wieder sinnbildliche Bedeutung haben, wie zum Beispiel die meisten Götzenbilder, deren Anfertigung 2 Mo. 20,4; 5 Mo. 4,23 verboten wird.

2) = eine bildliche Ausdrucks- und Darstellungsweise dessen, was man sagen will. Gleichnisse in diesem weitesten Sinn des Worts finden sich auf jedem Blatt der Bibel, 1) weil ihre Darstellung vorherrschend eine volkstümliche ist (am wenigsten ist dies der Fall bei den Briefen des Paulus, daher hier verhältnismäßig wenig Gleichnisse); 2) weil sie vielfach eine dichterische ist, nicht bloß in den eigentlich poetischen Büchern des Alten Testaments; 3) weil ihr Hauptinhalt übersinnliche Wahrheiten sind, die nur durch Gleichnisse dem Verständnis der Menschen sich erschließen lassen; 4) weil die Verfasser der bibl. Schriften Morgenländer sind, deren lebhafte Phantasie ohnedies gerne die bildliche Redeweise verwendet. Um mit dem letzteren zu beginnen, so tritt uns in den Gleichnisausdrücken der Bibel das ganze Morgenland entgegen — seine Tierund Pflanzenwelt (zum Beispiel 1 Mo. 49,9: Juda ist ein junger Löwe; 14: Isaschar wird ein knochiger Esel sein. 2 Kö. 14,9: der Dornstrauch, der im Libanon ist, sandte zur Zeder im Libanon; Hi. 8,11, Grundtext: Kann auch Papierschilf aufwachsen, wo es nicht feucht stehet? oder Nilgras wachsen ohne Wasser? usw.), sein Klima (Ps. 1,3: wie ein Baum, gepflanzet an den Wasserbächen; 91,1: wer unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet usw.) und seine Sitten (Luk. 3,16: dem ich nicht genugsam bin, daß ich die Riemen seiner Schuhe auflöse; Mt. 25,1: zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen aus dem Bräutigam entgegen usw.). Daher ist es für den Bibelausleger so notwendig, Sitten und Verhältnisse des Morgenlands zu verstehen. Einfach volkstümliche Vergleichungen finden sich überall in die Erzählungen der Bibel eingestreut zur Belebung und Veranschaulichung der Rede, zum Beispiel 1 Sa. 25,29; 26,20; Jes. 7,2. Namentlich kleidet die Weisheit auf der Gasse, wie sie im volkstümlichen Sprichwort sich kundgibt, ihre Beobachtungen gerne in ein kurzes, treffendes Gleichnis; — eine Redeweise, die von den „Weisen“ in mehr kunstmäßiger Form gepflegt wurde (s. weiter Art. Sprüche). Beispiele bieten die Sprüche und auch manche Psalmen in Fülle. Aber selbst länger ausgeführte Gleichnisreden finden sich manchmal in volkstümlicher Redeweise, um den Eindruck einer Rede zu verstärken, auch etwa um derselben eine spöttische Wendung zu geben (vgl. zum Beispiel 2 Kö. 14,9; 18,21). Diesen Zweck verfolgt einmal sogar eine abgeschlossene Erzählung rein bildlichen Charakters, die mit den Fabeln anderer Völker das gemein hat, daß in ihr leblose Wesen (Bäume) redend eingeführt werden (Ri. 9,8-15). Zur Dichtersprache gehören überall Gleichnise; sie gewähren der Einbildungskraft freien Spielraum und vermögen eine tiefe Wirkung auf Gefühl und Empfindung hervorzurufen. Von den volkstümlichen Gleichnisen unterscheiden sie sich nur durch kunstmäßigere Ausgestaltung und durch häufigere, gewähltere Verwendung. Derartige Gleichnise, bald nur kurz angedeutet, bald weiter ausgeführt, bieten die Psalmen und Hiob in Menge und oft in ergreifender Schönheit. Vgl. von kürzeren zum Beispiel Hi. 14,2: der Mensch gehet auf wie eine Blume und fällt ab; fleucht wie ein Schatten und bleibt nicht; Ps. 42,2: wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir. Weiter ausgeführte Gleichnise dieser Art s. zum Beispiel Hi. 6,15-21 die Vergleichung der treulosen Freunde mit den versiegten Bächen, auf welche die Karawanen sich verlassen hatten; Ps. 23,1-4 das Glück des Schäfleins unter einem guten Hirten als Bild des Glücks des Frommen in Gottes Hut usw. Die Propheten benützen sowohl das volkstümliche als auch das dichterische Gleichnis sehr gerne in ihren Reden. Ersteres zum Beispiel Jes. 9,9: Ziegelsteine sind gefallen, aber wir wollen’s mit Werkstücken wieder bauen; 10,15: Mag sich auch eine Axt rühmen wider den, so damit hauet? Letzteres Jes. 28,1 ff.: Wehe der prächtigen Krone der Trunkenen von Ephraim, der welken Krone ihrer lieblichen Herrlichkeit! Die meisten prophetischen Gleichnise aber haben noch einen tieferen Zweck als den, die Darstellung eindringlicher und ergreifender zu machen, — sie sollen die übersinnlichen Wahrheiten udd Gesetze des göttl. Reiches anschaulich und faßlich machen durch Vergleichung mit Vorgängen des gewöhnlichen Lebens. So wird die Liebe Gottes zum Volk Israel verglichen mit der Liebe eines Bräutigams zu seiner Braut (Jer. 2,2; Jes. 62,5), seine Bemühungen um dasselbe mit den Vorkehrungen eines Weinbergbesitzers usw. (Jes. 5,1-6); seine Gerichte mit dem Dreschen usw. (Jes. 28,27 f.). Die Bedeutung solcher Gleichnise wird um so tiefgreifender, wenn die Ähnlichkeit sich nicht bloß auf Einen Punkt bezieht, sondern eine ganze Reihe von Ähnlichkeiten zusammenkommen; wenn ein ganzer Abschnitt in der Geschichte des Reiches Gottes abgebildet wird von dem Verlauf einer Reihe zusammenhängender Begebenheiten, zum Beispiel die Geschichte des Verhältnisses Gottes zu Israel findet ihr Gleichnis in der Geschichte einer Ehe mit Werbung, Versorgung der Frau durch den Mann, Untreue der Frau, Verstoßung und Wiederannahme derselben (Hes. 16). Solche belehrende Gleichnise, bald kürzer, bald länger, kommen auf jeder Seite der Propheten. Dazu kommt noch, daß die Gesichte, welche Gott die Propheten schauen läßt, meist auch eine Art Gleichnise sind, Sinnbilder von Ereignissen, die kommen sollen u. dgl. Vgl. zum Beispiel Am. 7 u. 8. Weiteres darüber s. Propheten. So findet sich also schon im Alten Testament eine Fülle von Gleichnisreden, die sich einteilen lassen in volkstümliche, dichterische und prophetische. Blicken wir nun von hier auf die Reden des Herrn, so sehen wir auch bei ihm einen Reichtum von bildlicher Darstellung. Kurze, treffende Vergleichungen im Ton der volkstümlichen Rede (Mt. 6,3: laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut; 7,16: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen; 15,14: wenn ein Blinder den andern leitet, so fallen sie beide in die Grube usw.) finden sich neben schönen dichterischen Gleichnisen (Mt. 23,37: wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; 16,18: auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen). In eigentümlicher Weise aber hat der Herr das prophetische Gleichnis weitergebildet zu geschlossenen, schön abgerundeten Erzählungen, die die Geheimnisse des Reiches an Vorgängen aus der Natur oder dem Menschenleben zur Darstellung bringen; dies die gewöhnlich so genannten Gleichnise im engeren Sinn. Vorbilder dafür können nur in dem Gleichnis Jes. 5,1-6, und in der Erzählung Nathans, 2 Sa. 12,1-4, gefunden werden. Jesus hat in dieser mit unübertroffener Meisterschaft gehandhabten Darstellungsweise das Mittel gefunden, die tiefsten Wahrheiten in der einfachsten, anschaulichsten und zugleich anmutigsten Form wiederzugeben. Seine Gleichnise atmen etwas von dem Kindessinn, dem die höchste Größe im Himmelreich zugeschrieben wird (Mt. 18,4). Sie zeigen den offenen Blick, mit dem Christus in das Leben um ihn hineinschaute, aber zugleich das Licht von oben, das für ihn alles beleuchtete. Die Gesetze des Himmelreichs spiegeln sich so ungesucht wieder in diesen Erzählungen, daß man den Eindruck erhält, Natürliches und Geistliches seien nur zwei Stufen einer von gleichmäßigen Ordnungen beherrschten Welt. Und so sind diese Erzählungen gleich geeignet, dem schwachen Verständnis entgegenzukommen, wie den widerstrebenden Willen zu überführen. Wenn übrigens Jesus selbst, Mt. 13,11 ff., zwischen den Empfänglichen, denen die Gleichnise die Wahrheit enthüllen, und den Unempfänglichen, welchen sie dieselbe verhüllen, unterscheidet, so ist darin nicht die ursprüngliche Absicht aller Gleichnise, sondern nur eine Nebenabsicht der gerade damals gesprochenen Gleichnise zu finden. Neben den eigentlichen Gleichnisen, welche die beabsichtigte Wahrheit in einen Vorgang aus anderem Gebiet einkleiden, hat Jesus auch andere freigedichtete Lehrerzählungen vorgetragen, welche an einem einzelnen Beispiel eine Pflicht anschaulich machen, oder die Gesinnungen und Handlungen ins rechte Licht stellen. Hieher gehören die Geschichten vom barmherzigen Samariter, vom reichen Toren, vom reichen Mann und vom armen Lazarus, vom Pharisäer und Zöllner (Luk. 10. 12. 16. 18). Doch führen auch diese Erzählungen im weiteren Sinn den Namen Gleichnise (Luk. 12,16; 18,9). Sie bedürfen nur der rechten Anwendung, die eigentlichen Gleichnise bedürfen der Auslegung. Letztere hat auszugehen von dem einheitlichen Grundgedanken jedes Gleichnises, den Christus selbst häufig durch ein Wort am Schluß oder am Anfang hervorgehoben hat (zum Beispiel Luk. 15,7. 10: Also wird auch Freude im Himmel sein usw. Mt. 22,14: Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt usw.); während er die ausgeführte Deutung nur bei zweien seiner Gleichnise beigefügt hat (Säemann und Unkraut unter dem Weizen). Doch geben diese Musterdeutungen das Recht, auch für die einzelnen Züge der Erzählungen insoweit eine Deutung zu suchen, als sie in der Erzählung selbst eine bedeutsame Stellung einnehmen. Denn „bloßes Beiwerk und müßiges Schmuckwerk gibt es genau genommen in den Gleichnisen Jesu überhaupt nicht“.“ Aber die Deutung des Einzelnen muß sich dem Grundgedanken des Ganzen ungesucht unterordnen. Demgemäß ist es zum Beispiel wohlberechtigt in dem Gleichnis von den Weingärtnern die nach dem Ertrag fragenden Knechte zu deuten, dagegen unberechtigt, im Gleichnis vom verlorenen Sohn auch für die beiläufig erwähnten Knechte (Luk. 15,22. 26) oder im Gleichnis vom Hochzeitmahl auch für die gar nicht erwähnte Braut eine Deutung zu suchen. Als Übersicht über die Gleichnis Jesu geben wir im wesentlichen die von Göbel in seinem trefflichen Buche: die Parabeln Jesu, vorgeschlagene Einteilung wieder.

I. Wesen und Werden des Reiches Gottes.

1) Die Reichsgründung. Mancherlei Acker: der Erfolg der Verkündigung abhängig von den Hörern, Mt. 13,3-8.

 2) Die Reichsentwicklung.

a. Die nächste Zukunft. Der Feigenbaum: Letzte Frist für Israel, Luk. 13,6-9. Von den Juden zu den Heiden.

b. Die gesamte Entwicklung bis zum Ende. Die fruchtbringende Erde: Durch die eigene Arbeit der Reichsgenossen, Mk. 4,26-29. Das Unkraut: Einmischung unlauterer Elemente, Mt. 13,24-30. Das Senfkorn: Wachstum bis zur Weltumfassung, Mt. 13,31-32. Der Sauerteig: Wachstum bis zur Weltdurchdringung, Mt. 13,33. Das Fischnetz: Erst Sammlung dann Sichtung, Mt. 13,47-50. Das königliche Hochzeitmahl: Erstberufen und doch verworfen, Mt. 22,1-14.

 3) Die Reichsvollendung. Die zehn Jungfrauen: Ausschließung der nicht bereit Erfundenen in der Stunde der Zukunst Christi, Mt. 25,1-13. Die Arbeiter im Weinberg: Wunderbare Zumessung des Gnadenlohnes im künftigen Gottesreich, Mt. 20,1-16. Die Belohnung der Treue und Bestrafung der Untreue im künftigen Gottesreich.

II. Das rechte Verhalten der Reichsgenossen.

1) Gegen Gott. Der Pharisäer und der Zöllner: Die Demut vor Gott, Luk. 18,9-14. Die Freude an Gott, die alles opfert für das höchste Gut. Das Ausharren im Gebet zu Gott.

2) Gegen Christus). Der kluge und der törichte Mann: Nur das Tun, nicht das Hören der Rede Jesu macht selig, Mt. 7,24-27. Die beiden Schuldner: Die heiße Dankbarkeit des Begnadigten, Luk. 7,40-43.

3) Gegen die Welt.

a. Zu den Menschen. Der barmherzige Samariter: Tatbeweis der Nächstenliebe an dem Hilfsbedürftigen, Luk. 10,25-37. Der unbarmherzige Knecht: Unbegrenzte Versöhnlichkeit gegen den Beleidiger, Mt. 18,21-35. Selbstlose Mitfreude an der Bekehrung des Sünders.

b. Zum irdischen Gut. Der reiche Tor: Torheit des Vertrauens auf vergängliches Gut, Luk. 12,16-21. Der reiche Mann: Verwerflichkeit der selbstsüchtigen Ausnützung irdischen Reichtums, Luk. 16,19-31. Der ungerechte Haushalter: Kluge Verwertung der zeitlichen Güter für die Ewigkeit, Luk. 16,1-9. Besonders zu betrachten sind noch die Gleichnise des Evangeliums Johannis. Solche abgeschlossene Erzählungen wie in den drei ersten Evangelien finden sich hier nicht; auch keine im volkstümlichen Ton gehaltenen Sprüche (außer etwa 3,29 im Munde des Täufers); wohl aber eine eigentümliche Art von halbrätselhaften Gleichnisreden, die alle auf der Anschauung ruhen, daß die irdischen, sichtbaren Dinge und Vorgänge nur schwache Abbilder höherer wesenhafter Dinge und Ereignisse sind. So redet Jesus mit der Samariterin von einem Wasser, das er geben könne, gegen welches alles irdische Wasser nur ein unvollkommenes und unbefriedigendes Ding sei (4,10-15); von einem Himmelsbrot, dem gegenüber selbst das Manna diesen Namen nicht verdiene (6,32 ff.); er nennt sich das Licht der Welt (8,12), den guten Hirten (10,14), den rechten Weinstock (15,1) u. dgl. Alle diese Gleichnise kommen darauf hinaus, daß in Christus alles uns von Gott geschenkt ist, was wir als wahre Bedürfnisse unserer Seele erkennen, daß er alles in sich wesenhaft vereinigt, was abbildlich uns in der Welt erfreut, nährt und erquickt. Man wird nicht irren in der Annahme, daß in dieser Gestalt der Gleichnise Johannes die Worte Jesu nach seinem späteren Geistesverständnis eigentümlich umgeformt hat (s. Evangelien), da er auch im Eingang des Evangeliums den Ausdruck: „Gottes Kinder“ (1,12 f.) so deutet, daß dies eine Kindschaft sei, gegen welche alle irdische Abstammung in ihrem Wert erblasse. Wenn wir auch nicht mehr zu sagen vermögen, wie die Worte Christi ursprünglich gelautet haben, so ist doch die innere Wahrheit der Fassung, die ihnen Johannes gegeben hat, durch die Worte verbürgt, die auch in den ersten Evangelien stehen, wie zum Beispiel Mt. 11,28: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig u. beladen seid, ich will euch erquicken. Von anderen Büchern des Neuen Testamentss ist noch der Jakobusbrief wegen der Fülle von Gleichnisausdrücken zu erwähnen, die viel Ähnlichkeit teils mit den Sprüchen, teils mit prophetischen Gleichnisreden haben. (Ersteres zum Beispiel 3,3-5; letzteres 1,9-11 usw.) Über die Bildersprache der Offenbarung s. d. Art.

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