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Jesaja 49, 18 - 50, 9

Jesaja 49,18-50,923.03.1993
Du fühlst dich festgefahren? Hier klingt eine unbequeme Hoffnung: Gott hat dich nicht aufgegeben. Er holt Menschen aus der Enge zurück – stärker als Schuld, Angst und jedes „Es geht nicht anders“.

Der Blick auf die kommende Fülle

Ich lese die Fortsetzung im Jesaja-Buch, Kapitel 49, und zwar die Verse ab Vers 18. Vorhin hieß es: Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet, deine Mauern sind immer vor mir.
Und jetzt: Hebe deine Augen auf und sieh umher. Diese alle sind versammelt und kommen zu dir. So wahr ich lebe, spricht der Herr, du sollst mit diesen allen wie mit einem Schmuck angetan werden und wirst sie als Gürtel um dich legen, wie eine Braut es tut.
Denn dein wüstes, zerstörtes und verheertes Land wird dir dann zu eng werden, um darin zu wohnen, und deine Verderber werden vor dir weichen, sodass deine Söhne, du Kinderlose, noch sagen werden vor deinen Ohren: Der Raum ist mir zu eng, mach mir Platz, dass ich wohnen kann.
Du aber wirst in deinem Herzen sagen: Wer hat mir diese geboren? Ich war unfruchtbar, einsam, vertrieben und verstoßen. Wer hat mir diese aufgezogen? Siehe, ich war allein gelassen, wo waren denn diese?
So spricht Gott: Ich will meine Hand zu den Heiden hin erheben und für die Völker mein Banner aufrichten. Dann werden sie deine Söhne in den Armen herbringen und deine Töchter auf der Schulter hertragen. Und Könige sollen deine Pfleger und ihre Fürstinnen deine Ammen sein. Sie werden vor dir niederfallen zur Erde, auf das Angesicht, und deiner Füße Staub lecken. Da wirst du erfahren, dass ich der Herr bin, an dem nicht zu Schanden werden, die auf mich harren.
Kann man auch einem Starken den Raub wegnehmen, oder kann man einem Gewaltigen seine Gefangenen entreißen? So aber spricht der Herr: Nun sollen die Gefangenen dem Starken weggenommen werden, und der Raub soll dem Gewaltigen entrissen werden. Ich selbst will deinen Gegnern entgegentreten und deinen Söhnen helfen. Und ich will deine Schinder sättigen mit ihrem eigenen Fleisch, und sie sollen von ihrem eigenen Blut wie von süßem Wein trunken werden. Und alles Fleisch soll erfahren, dass ich der Herr, dein Heiland und dein Erlöser, der Mächtige Jakobs bin.
So spricht der Herr: Wo ist der Scheidebrief eurer Mutter, mit dem ich sie entlassen hätte, oder wer ist mein Gläubiger, dem ich euch verkauft hätte? Siehe, ihr seid um eurer Sünden willen verkauft, und eure Mutter ist um eurer Abtrünnigkeit willen entlassen.
Warum kam ich, und niemand war da? Warum rief ich, und niemand antwortete? Ist mein Arm nun zu kurz geworden, dass er nicht mehr erlösen kann, oder ist bei mir keine Kraft mehr zu erretten? Siehe, mit meinem Schelten mache ich das Meer trocken und die Wasserströme zur Wüste, sodass ihre Fische vor Mangel an Wasser stinken und vor Durst sterben. Ich kleide den Himmel mit Dunkel und hülle ihn in Trauer.

Vom Absender des göttlichen Schreibens

Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, damit ich wisse, mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, damit ich höre wie ein Jünger. Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet, und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott, der Herr, hilft mir, darum werde ich nicht zu Schanden. Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein, denn ich weiß, dass ich nicht zu Schanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht. Wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten. Wer will mein Recht anfechten, der komme hier zu mir. Siehe, Gott, der Herr, hilft mir. Wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.
Soweit dieser Text.
Es gibt berühmte Briefwechsel. Zum Beispiel hat Goethe sich lange mit der Freifrau von Stein geschrieben. Das war eine Frau, die wohl sieben Kinder hatte, aber unglücklich verheiratet war. Das soll es auch geben. Deshalb hatte sie eine Beziehung zu diesem Geheimrat von Goethe. Und weil der dann nach zwölf Jahren diese Bande gelöst hat, forderte sie all ihre Briefe zurück und verbrannte sie.
Oder ich denke an den Briefwechsel unseres schwäbischen Denkers und Dichters Hölderlin. Das war ja ein verarmter Pfarrerssohn, er war viel zu klug anscheinend dafür. Nach seinem Examen verdingte er sich in Frankfurt als Hofmeister, wir würden heute sagen: Hauslehrer, bei dem Bankier Gontard. Und dort kam es eben auch zu einer Begegnung mit dessen Frau, der Suzette, geborene Borkenstein. Und diese Frau nennt er in seinen Gedichten die Diotima. Ein ganzer Band ist entstanden: Briefe an Diotima. Berühmter Briefwechsel.
Oder, jetzt vor Weihnachten, ein interessanter Briefwechsel zwischen Dietrich Bonhoeffer und seiner Braut. Er ist ja hingerichtet worden, seine Braut hat sich später in Amerika verheiratet, und nachdem sie gestorben war, ist dieser Briefwechsel zwischen ihm und seiner Braut veröffentlicht worden. Ein gutes Buch, berühmter Briefwechsel.
Aber nun geht es hier noch um einen viel berühmteren Briefwechsel, nämlich um den Briefwechsel zwischen Gott und uns. Dass ein Freiherr einer Freifrau schreibt oder dass ein Adliger einer Adligen schreibt oder dass ein Dichter einer Denkerin schreibt, das ist durchaus denkbar. Aber dass dieser lebendige und ewige Gott und Schöpfer seinen kleinen Geschöpfen schreibt, ist nicht nur der Erwähnung wert, sondern ist in sich schon Evangelium. Dass dieser Gott sich die Mühe macht, mit uns zu korrespondieren, ist Frohbotschaft, die wir auch wieder heute aufnehmen sollten.
Sehen Sie, wie kam ich mir damals vor, als bei der Geburt des siebten Kindes der damalige Bundespräsident Karl Carstens geschrieben hat. Diesen Brief von Onkel Karl habe ich mir oft angeschaut und habe ihn selbstverständlich abgeheftet und aufbewahrt. Der Brief des Bundespräsidenten Onkel Karl ist etwas Kostbares.
Aber hier redet nicht nur ein Onkel Karl vom Bundespräsidialamt, sondern hier redet Gott, der Lebendige, selber. Der schreibt uns, der schreibt Ihnen. Gott schreibt heute Abend. Gott schreibt, genauer: der Knecht Gottes. So wird er uns hier vorgestellt in den letzten Versen, die ich gelesen habe, Kapitel 50, Vers 4 folgende. Und diese Verse sind geschrieben, damit wir uns diesen Absender, diesen Knecht Gottes, besser vorstellen können.
Es wird von ihm gesagt, es wird etwas gesagt von seinem Mund, dass dieser Mund zur rechten Zeit redet. Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben, dass ich wisse, mit den Müden zu reden, zur rechten Zeit. Dieser Gott, dieser Knecht Gottes, redet zur rechten Zeit, und wenn es nicht rechte Zeit ist, dann schweigt er, das ist die Folgerung.
Ich kenne immer wieder Menschen, die sagen: Ich höre nichts von Gott. Ich bete, aber ich habe keine Antwort. Ich habe geschrien, über Monate hinweg, aber der Himmel ist wie verschlossen. Wenn es bei Ihnen auch so ist und Sie in diesem verschlossenen Himmel leiden, dann ist es nicht die rechte Zeit Gottes. Einmal wird auch in Ihrem Leben diese Zeit eintreten, und Sie werden Gottes Stimme hören. Gott redet zur rechten Zeit mit den Müden, Gott rede zur rechten Zeit mit allen Müden, auch mit Ihnen, dem Mund Gottes.
Das Zweite, was von diesem Knecht Gottes gesagt wird, ist etwas von seinem Ohr. Er sagt: Er weckt mir das Ohr, dass ich höre wie ein Jünger. Dieser Knecht Gottes hört. Jeden Morgen. Wir hören auch, aber wir hören nicht wie Jünger, sondern wir hören wie Radiohörer oder wir hören wie Zeitungsleser. Wir hören all das, was um uns herum geredet und geschwätzt wird. Alle Morgen ist das Ohr geöffnet. „Gott gebe ihm über“, das ist Sohn Gottes, der hier schreibt.
Und das Dritte wird genannt: seine Füße. Seine Füße weichen nicht zurück. Er greift nicht die Flucht, wenn es unangenehm wird. Er haut nicht ab, wenn es brenzlig wird, so wie die Jünger in Gethsemane.
Und es wird viertens noch etwas gesagt von seinem Rücken. Bert Brecht hat da geschrieben, man habe seinen Rücken nicht dazu da, um ihn blutig schlagen zu lassen, dazu habe man seinen Rücken nicht von Gott bekommen. Und hier heißt es: Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen.
Liebe Freunde, in diesen Versen über den Knecht Gottes, der hier schreibt, in diesen Versen haben Sie die ganze Leidensgeschichte des Neuen Testaments in Kurzform. Hier steht eine Mini-Passion, hier steht die ganze Passion hineingepresst in wenige Verse. Der Knecht unterstreicht in einer Kurzformel die Sentenz seines Lebens: per crucem ad lucem, so haben die alten Väter gesagt, per crucem ad lucem, das heißt: durchs Kreuz zum Licht. Das ist die Sentenz des Christentums, das ist die Sentenz der Passion, das ist die Sentenz eines jeden Christenlebens: durchs Kreuz zum Licht.
Wir wollen das nicht. Wir müssen nur wieder daran erinnert werden. Wir wollen durch Lob zum Licht, wir wollen durch Preis zum Licht, wir wollen durch Erkenntnis zum Licht. Hier wird uns noch einmal gleichsam eingebrannt: Es geht nur durchs Kreuz, es geht nur durch Tiefe, es geht nur durch den Tod, es geht nur durch die Passion zur Herrlichkeit.
Der Knecht Gottes schreibt uns hier. Das ist der berühmte Briefwechsel, und er schreibt an uns. Zuerst nicht als Einzelperson, sondern er schreibt an die Gemeinde, genauso wie in der Offenbarung an die Sendschreiben. Den Christen allein gibt es gar nicht, das können Sie in der Bibel wieder feststellen. Den Christen allein gibt es gar nicht. Gott kennt den Christen immer nur als Glied einer Gemeinde oder Gemeinschaft. Ein Christ allein gibt es nicht. Der Christ als Glied der Gemeinde oder, wie es hier heißt, der Kirche, der dem Herrn Angehörigen. Nur mit der Gemeinde zusammen sind wir etwas. Und wenn wir allein unseres Glaubens leben wollen und wenn wir allein mit diesem Gott unseren Weg gehen wollen, werden wir ihn nicht finden und nicht gehen können. Entweder man ist Christ und damit Glied einer Gemeinschaft, oder man ist es nicht. Beides ist nicht möglich.
Also: Dieser Gott in der Gestalt des Sohnes Gottes, des Knechtes Gottes, schreibt dem Glaubenden als Glied der Gemeinde. Was schreibt er?
Erstens: Er schreibt einen Liebesbrief. Kapitel 43, Vers 1. Du bist mein, du bist mein Alles, du bist mein Allerliebster. So heißt es in Jesaja 43, das von dort her noch einmal in unseren Text hineinragt. Hören Sie es! Gott schreibt und will Ihnen diesen Liebesbrief schreiben: Du bist mein, du bist mein Alles, du bist mein Allerliebster.
Vielleicht hatten Sie an diesem Tag wieder Zweifel an Ihrem Selbstwert, vielleicht haben Sie Liebesdefizite, vielleicht fühlen Sie sich als nicht geliebt. Hier heißt es wieder: Du bist mein Allerliebster. Und sehen Sie noch einmal: Wir haben das letztes Mal schon erwähnt, aber es muss noch einmal unterstrichen werden. Wenn einer schreibt: Du bist mein, du bist meine Allerliebste, so würde sein Schüler auf einen Zettel schreiben, und er wird diesen Zettel der Angebeteten in die Tasche schmuggeln. So geschehen vor 48 Jahren in der zehnten Klasse der Oberndorfer Oberschule, als der Günther, heute Regierungsdirektor im Innenministerium in Stuttgart, der Marka dies zusteckte in einem Zettel, und es aber Kameraden gefunden haben und diesen Zettel an die Wand der Schule festmachten und ihn damit unendlich blamiert haben. Unvergesslich.
Später schreibt man solche Dinge in einen Brief, natürlich ohne Absender, damit die Eltern nicht gleich Lunte riechen, und wieder später schreibt man es dann schön auf Büttenpapier, heute chlorfrei, selbstverständlich. Aber sehen Sie: Alte Zettel oder Karten oder Briefe, die verrotten, die vergilben, die gehen kaputt. Alles, was auf Papier geschrieben ist, ist auf Zeit geschrieben. Alle Briefwechsel sind vielleicht noch in Museen einige hundert Jahre zu finden, dann sind sie auch nicht mehr da.
Und deshalb steht hier: Wenn Gott sagt: Du bist mein, dann schreibt er das nicht auf Papier und auf keine Karte, sondern er schreibt sich das in die eigene Hand, gleichsam als Durchschlag, gleichsam als Dokument, dass dies wahr ist. Er will Sie immer vor Augen haben, er hat Sie dauernd in der Hand. Dieser Gott will mich vor Augen haben.
Er mag nicht der Prinz das Aschenputtel, der Adlige die Bürgerliche, der König das arme Leutekind. Stoff für Romane und Romanzen. Gott liebt mich und mag mich und trägt mich mit sich herum. Das Schönste: dass dies keine romantische Liebe ist, eine, die unter einem Himmel voller Bassgeigen geschworen wurde, aber dann bei einer bassgeigen Nacht der anderen wurde abgehängt und schließlich steht man zu zweit unter einem wolkenverhangenen Himmel, aus dem nur noch Donner und Blitz kommt. Nein, nur Liebe, nur Liebe, die leitet, ist bleibende Liebe. Nur Liebe, die leitet, ist bleibende Liebe.
Wenn also der, der hier schreibt, ich habe dich in die Hände gezeichnet, dazu schreibt: Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, meine Wangen denen, die mich rauften, also die mich mit Ohrfeigen und Fußtritten traktierten, wenn der das schreibt, dann ist das der, dem ich seine Liebe und seinen Liebesbrief abnehmen kann und heute Abend wieder abnehmen muss.
Er schreibt einen Liebesbrief, das ist das Erste.
Und Zweite: Wir schicken einen Scheidebrief. Hier steht, was Gott sagt: Gott hat nie einen geschickt, obwohl er alle Gründe dafür gehabt hätte. Vers 1, Kapitel 50: Wo ist der Scheidebrief, mit dem ich entlassen hätte? Wo ist der Verkaufsvertrag, mit dem ich euch verkauft hätte? Wo in aller Welt sind denn solche Dokumente? Nein, nicht ich, der Herr, der Knecht Gottes, hat die Scheidung eingereicht, sondern umgekehrt. Ihr habt euch abgewandt, ihr seid weggelaufen, ihr habt euch mit anderen eingelassen. Der Scheidebrief stammt nicht von mir, der Scheidebrief stammt von euch. Nicht mit Tinte geschrieben, aber mit Gedanken, Worten und Wirken.
Das geht und ging nicht knall auf Fall. Jede Scheidungsgeschichte ist eine bitterböse lange Geschichte. Viele wissen das. Jede Scheidungsgeschichte ist eine bitterböse lange Geschichte. Und es fängt damit an, dass man den Worten, die man einmal bekommen hat, dass man den Briefen, die man einmal als Liebesbriefe bekommen hat, dass man denen gar nicht mehr traut.
Es ist ungefähr so, wie wenn ich die Briefe neu durchlese, die ich damals bekommen habe von meiner Mutter, als ich ein Jährling im Ausland studierte. Sie hat mir regelmäßig jede Woche geschrieben, Briefe voller Liebe der Mutter an ihren Sohn. Natürlich habe ich sie aufbewahrt. Manchmal blättere ich darin und lese. Und dann könnte es ja sein, dass ich dann anfange zu fragen: Hat sie es denn wirklich so gemeint? Ist manches nicht doch zeitgeschichtlich so in den sechziger Jahren? Ist es nicht zeitgeschichtlich gemeint gewesen? Ist das nicht doch eigentlich veraltet, was hier steht?
Genau die Fragen, die wir an den Liebesbrief Gottes stellen: Ist das eigentlich so gemeint? Ist nicht vieles zeitgeschichtlich zu verstehen? Ist das nicht veraltet? Müssten wir nicht ganz andere Papiere und Dokumente haben? Das ist zu antik. Diese Liebesbriefe, die der Knecht Gottes geschrieben hat, die bedeuten mir dann nichts mehr. Wir leben uns auseinander, der Scheidebrief steht zwischen uns, jetzt kann ich endlich das tun, was ich selber will.
Endlich das tun, was ich selber will. Die Scheidung wird ja normalerweise als Befreiung empfunden, und in eine solche Scheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf will dieser Gott überhaupt nie hinein. Wir haben sie gewollt und durchgesetzt, am Elend ohne Gott sind wir dann selber schuld.
Sehen Sie, die Frage, die wir gerne auch in diesem Büchlein mitgeben und die mich selber in eurer Weg hat: Wie kann Gott das zulassen? Wie kann Gott das zulassen? Diese Frage ist geradezu frivol und gotteslästerlich. Sehen Sie, Lukas 15, der verlorene Sohn vollzieht die Scheidung. Er geht in die Stadt, und dort landet er schließlich bei den Schweinen. Und wie er dann am Schweinetrog bei den stinkenden, verstampften Kartoffeln sitzt, sagt er sich: Wie kann das eigentlich mein Vater zulassen? Dass ich diesen Schweinefraß vorgesetzt bekomme, dass ich so schweinisch leben muss, dass ich jetzt ein armes Schwein bin, wie kann das eigentlich mein Vater zulassen?
Liebe Freunde, diese Frage ist doch frivol und gotteslästerlich. Gott hat es, der Vater hat es doch nicht gewollt, sondern sein Dickkopf hat ihn dazu gebracht, dort hinzugehen und dann so zu verkommen. Gott hat es doch nicht zugelassen. Wären wir alle beim Vater geblieben in dieser Welt, sähe es anders aus. Aber weil wir Gott den Rücken gekehrt haben, weil wir ihm Scheidebriefe geschrieben haben, deshalb, deshalb müssen wir nun das ausbaden, was wir uns eingebrockt haben. Nein, der Vater wollte es nicht, Gott wollte es nicht, er will es bis heute nicht. Wären wir nur zu Hause geblieben, wären wir bei ihm geblieben, sähe es anders aus. Der Scheidebrief stammt immer von uns.
Drittens: Er schreibt einen Tränenbrief. Hören Sie den Schmerz und die Trauer. Vers 2: Ich kam, und niemand war da. Ich rief, und niemand antwortete. Und dann sehe ich Jesus über Jerusalem, und er weint und sagt: Wie oft habe ich euch versammeln wollen, und ihr habt nicht gewollt!
Liebe Freunde, wissen Sie, der Leidtragende bei der Scheidung ist Gott. Wir bereiten ihm Schmerz. Wissen wir eigentlich noch um diese Gottesnot? Ich kam, und niemand war da.
Wenn ich den Satz höre, dann sehe ich jenen jungen Mann, ein paar Jahre verheiratet hier in Stuttgart, zwei kleine Kinder, und er kam nach Hause, abends, und dann war es so still, und er hat herumgeschaut und merkte: Die Schränke sind eigentlich ausgeräumt. Waren Räuber da? Wo sind meine Kinder? Und dann findet er schließlich einen Brief, auf dem steht: Lieber X, ich bin weggezogen, ich muss mich endlich selbst verwirklichen, leb wohl. Diesen Brief hat er mir gezeigt, und mit diesen Worten, mit diesen Scheidungszeilen hat diese Frau diesem jungen Mann unendlich viel Leid zugefügt.
Wer geht, schneidet dem anderen ins Herz. Wer geht, schneidet dem anderen ins Herz. Wissen Sie das, dass wir solches Leid Gott zufügen? Solche Schnitte führen wir gegen sein Herz. Der Hauptleidtragende der Sünde ist nicht unser Leben, sind nicht wir, sind nicht unsere Kinder, der Hauptleidtragende ist Gott. Du hast mir Mühe gemacht mit deiner Sünde. Und Sünde heißt ja immer Sonderung und Scheidung. Wenn wir dem, der uns in die Hand gezeichnet hat, nicht mehr die Hand geben und sogar seine Hand loslassen, dann ist das Grund für Gottes Tränen. So menschlich wird hier von Gott geredet.
Aber, liebe Freunde, damit ist die Sache noch nicht ad acta gelegt. Die Beziehungskiste zwischen Gott und seinem Geschöpf ist hier noch nicht zu Ende. Es steht hier: Wir schreiben einen Bettelbrief. Jetzt schreiben wir einen Bettelbrief, und der lautet leider nicht: Kyrie eleison, Herr, erbarme dich unser. Nur dein Erbarmen, Herr, könnte mich noch retten. Sondern so weit sind wir noch gar nicht. Sondern die Gemeinde damals, die war ja in Gefangenschaft als Folge der Scheidung, und nun gehen ihnen die Augen auf, so wie dem verlorenen Sohn. Und dann sagen sie eigentlich doch: Eigentlich wollten wir schon anders leben, aber jetzt können wir ja gar nicht mehr. Wir wollten schon in Jerusalem sein, aber jetzt sind wir eben in Babel. Wir wollten schon Gottesdienst feiern, aber hier gibt es keinen Tempel. Wir wollten schon, aber es geht nicht. Die Umstände erlauben es nicht, dass ich anders lebe, oh Herr. Die Umstände sind halt so.
Die babylonische Gefangenschaft ist zu Ende, aber es gibt andere Mauern, die uns trennen von unserer Heimat. Es gibt etwa die medische Mauer der Krankheit. Und ich stehe dahinter und sage: Herr, die Umstände sind halt so. Es gibt eine medische Mauer des Alkohols und der Drogen, und ich sage: Die Umstände sind halt so, ich kann gar nicht anders leben. Es gibt eine medische Mauer der Probleme, und ich sage: Ich kann halt gar nicht anders, Herr. Ich bin ein Gefangener, und ich kann nicht anders, Herr.
Wir schicken einen Bettelbrief. Babel ist mein Schicksal. Die Verhältnisse sind halt so.
Und jetzt kommt das Letzte. Jetzt müsste ja Gott uns total verdammen. Und fünftens: Er schickt in der Tat einen Brandbrief, liebe Freunde, er schickt einen Brandbrief, aber nicht gegen uns, indem schriftlich bescheinigt wird: Ihr seid elende Kreaturen. Was seid ihr für schäbige Liebhaber, mit denen ich nichts mehr zu tun haben will! Nein, so schreibt dieser nicht! Dieser Gott ist unglaublich! Er schreibt einen Brandbrief gegen die Gewalttätigen, er schreibt einen Brandbrief gegen die babylonischen Herren, er schreibt einen Brandbrief gegen Babel, gegen die Sklavenhalter, Vers 17, die dich zerbrochen und zerstört haben, die werden sich davon machen!
Gott holt seine Gemeinde heraus, Gott holt seine Leute zurück, und wenn es sein muss mit Gewalt. Vers 23: Du wirst erfahren, dass ich der Herr bin. Gott fragt: Kann man einem Starken den Raub nehmen, kann man einem Gewaltigen seine Gefangenen entreißen? So spricht der Herr, und ob, die Gefangenen werden weggenommen und der Raub wird entrissen.
So fragen wir: Kann man denn einem Todkranken dem Tode entreißen? Und er sagt: Und ob. Freunde, kann man denn einen Depressiven aus der Tiefe noch holen? Und er sagt: Und ob. Kann man einen Drogenabhängigen von der Spritze holen? Und ob. Kann man einen Verzweifelten von der Verzweiflung wegführen? Und ob. Der Knecht Gottes ist der Beweis dafür! Kann man Jesus töten? Und ob. Aber kann man ihn auch aus dem Grabe holen? Und ob. Kann man ihn dem Tode entreißen? Und ob. Du wirst erfahren, du wirst staunen, du wirst einmal Augen machen, was dieser Gott vollbringen kann.
Er schreibt einen Brandbrief gegen die Mächtigen, die uns einengen, er schreibt einen Brandbrief gegen die Macht, die uns zerstören will. Die Völker müssen eines Tages die Gemeinde Jesu freigeben, und dann wird es ein Staunen geben.
Vers 18: Wie viele es plötzlich sind, so dass der Raum zu eng und der Platz zu wenig ist. Das kleine Häuflein, an dem wir so oft leiden. Diese kleine Gemeinde wird zur großen Schar, das ist das Ziel. Das Kleine, das Schwache, das Angefochtene löst sich einmal, wenn er seine Hand aufhebt, Signal gibt, wenn er kommt.
Wenn Sie zum Schluss heute sagen: Man braucht eine Vision, das muss ja immer amerikanisch sein, schon klingt es ja überhaupt nicht. Also: Man braucht eine Vision, so wie es einmal werden soll. Liebe Freunde, wir haben schon lange eine Vision, wir haben schon lange eine Vision.
Vers 18: Hebe die Augen auf. Die Muttergemeinde steht hier, die sieht plötzlich eine riesige Schar der Kinder Gottes. Woher kommen sie? Wer hat sie geboren? Was ist mit diesen? Die gehören alle dazu. Das ist das Wunder, das ist das Wunder, dass heute und morgen Menschen aus dem Steinbruch dieser Erde herausgehauen werden, aus ihren Mauern und Mächten, und dass sie dann mit diesem Knecht Gottes, mit diesem Herrn, wandern.
Wissen Sie, mit einem Dreifachen, nämlich mit dem Wort Gottes im Rucksack, mit dem Kreuz auf den Schultern und mit dem Tränenkrug in der Hand. So, so sind Christen unterwegs: mit dem Wort Gottes im Rucksack, aber mit dem Kreuz und ihrem Kreuz auf den Schultern und dem Tränenkrug in der Hand. So sind wir unterwegs, aber so kommen wir auch ans Ziel. Zu dem Punkt, zu dem Tag, wo wir es noch einmal aus seinem Munde hören werden: Ich mag dich. Was ich geschrieben habe, stimmt im Liebesbrief. Du bist mir der Allerliebste.
Amen.