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Herrschen oder dienen? – Teil 2

Jesu Leben und Lehre, Teil 653/697
12.12.2025Matthäus 20,20-28
SERIE - Teil 653 / 697Jesu Leben und Lehre

Einführung in das Spannungsfeld von Herrschaft und Dienst

Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter ist, der Weg, die Wahrheit und das Leben verkörpert. Episode 653: Herrschen oder Dienen, Teil 2.

Jesus spricht von seinem bevorstehenden Leiden. Die Jünger, insbesondere Johannes und Jakobus, träumen von Herrschaft, Einfluss und Status.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die beiden bekennen Jesus als Messias. Sie glauben an sein Reich und handeln im Glauben. Doch sie verstehen den Messias falsch. Sie denken an einen strahlenden Eroberer, während Jesus von Verwerfung und Kreuz spricht.

Ihr theologisches System hat keinen Platz für einen Messias mit zerschlagenem Rücken und Spucke im Gesicht. Aus dem wahren Christus wird bei ihnen ein Systemchristus, der sich den Erwartungen unterordnen muss.

Die Herausforderung, die Stimme Jesu unverfälscht zu hören

Für mich persönlich steht beim Lesen die Frage im Raum, wie ich mir die Fähigkeit bewahre, die Stimme Jesu zu hören. Wie schaffe ich es, mein Denken über Jesus oder allgemein über Theologie nicht von einem System, von Vorwissen oder den Erwartungen meiner geistlichen Gemeinschaft dominieren zu lassen?

Was ich ganz konkret tue, ist Folgendes: Ich mache die Tiefe meiner Beziehung zu meinem Herrn abhängig vom Gebet. Ich bin ein Kopfmensch, aber ich habe verstanden, dass eine tiefe Bindung an Christus das Produkt von durchdachtem Gebet sein muss, vor allem von durchdachter Fürbitte. Ich tue das, was ich bei Jesus sehe, und dieser Fokus auf Gebet bewahrt mich davor, meine theologischen Positionen, Identität, Echtheit und Glaubensgewissheit daraus abzuleiten.

Dann verbinde ich theologisches Wissen mit konkreten Bibelstellen. Wenn ich etwas glaube, dann, weil es dafür einen Bibelvers gibt. Außerdem merke ich mir auch solche Bibelverse, die nicht zu meiner Theologie passen oder sie in Frage stellen. Ich lerne solche Verse sogar auswendig, um mich immer wieder daran zu erinnern, dass es noch Lücken in meinem Verständnis gibt.

Drittens beschäftige ich mich mit Positionen, die mir fremd sind. Das mache ich vor allem, indem ich Kommentare lese, die unterschiedliche Sichtweisen auf einen Text präsentieren. Außerdem mag ich Bücher über systematische Theologie. Ich schätze die systematische Behandlung von Themen, weil mich interessiert, mit welchen Bibelstellen Christen ihre Sicht verteidigen.

Viertens beschäftige ich mich viel mit der Frage, wie Texte funktionieren und wie man sie ihrem Literaturtyp gemäß auslegen sollte. Ich weiß, dass dieses Interesse etwas akademisch klingt, wahrscheinlich auch ist, aber ich habe im Laufe der Jahre erkannt, wie wichtig es ist, die eigene Position nicht nur mit einigen guten Bibelversen belegen zu können. Diese Verse müssen auch in der Lage sein, das Gewicht der Argumentation zu tragen. Oft ist das jedoch nicht der Fall.

Zusammenfassung der persönlichen Herangehensweise

Ich fasse noch einmal zusammen, was mir wichtig ist: viel Gebet, die für die eigene Theologie relevanten Bibelstellen kennen, Neugierde und Lust auf Hermeneutik.

Diesen Mix garniere ich dann mit etwas Psychologie. Das heißt, ich gönne mir Humor und Demut.

Humor: Ja, ich kann über mich und meine Grenzen, auch über meine intellektuellen Grenzen, schmunzeln. Es tut mir gut, mich nicht zu ernst zu nehmen.

Und Demut: Ich erlaube mir den Gedanken, dass ich mich irren könnte. Ich weiß um den Sirenengesang von überwertigen Ideen. Ich kenne das Gefühl, Teil einer kleinen Elite zu sein, die mehr verstanden hat als alle anderen.

In der Gemeinde erlebe ich hautnah, wie Ängste und Echokammern den Verstand von Geschwistern vernebeln – um gar nicht erst von Selbstbetrug und Eigenwilligkeit zu sprechen. Dabei halte ich mich selbst bei all dem nicht für immun.

Das ist also mein Rezept, um die Stimme Jesu zu hören: Gebet, Wort, Neugierde, Auslegungskompetenz, Humor und Demut.

Warnung vor der Verführung durch falsche Vorstellungen von Christus

Ein Bibelvers, der mich seit langem herausfordert, findet sich in 2. Korinther 11,3. Paulus schreibt: „Ich fürchte aber, dass, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so vielleicht euer Sinn von der Einfalt und Lauterkeit Christus gegenüber abgewandt und verdorben wird.“

Hier spricht Paulus über die Gefahr der Verführung, in der jeder Christ steckt. Der Teufel ist listig, und sein Ziel besteht darin, dass wir unser Denken von Christus abwenden. Was wir bewahren müssen, sind Einfalt und Lauterkeit.

Was bedeuten diese Begriffe? Einfalt steht für ungeteilte Hingabe und kompromisslose Treue. Lauterkeit bedeutet moralische und geistliche Reinheit. Mein Umgang mit dem Herrn Jesus soll also von Hingabe und Reinheit geprägt sein. Kein anderer Jesus, keine andere Weltanschauung und kein anderes Evangelium darf mein Denken prägen.

Genau das passiert jedoch bei den Korinthern. Paulus schreibt ihnen in 2. Korinther 11,4: „Denn wenn jemand kommt und einen anderen Jesus predigt, den wir nicht gepredigt haben, oder ihr einen anderen Geist empfangt, den ihr nicht empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, das ihr nicht angenommen habt, so ertragt ihr das recht gut.“

Man merkt hier die Gefahr, dass unser Denken sich vom Original-Jesus abwendet und wir uns einen System-Jesus erschaffen. In diesem Zuge verändern wir dann auch noch den Geist, also unsere Haltung zum Leben, unser Wertesystem, und damit auch das Evangelium.

Die Ursache für das Abweichen vom wahren Christus

Aber warum sollte jemand so etwas tun? Die Antwort auf diese Frage ist leider fast trivial: Ihr werdet sein wie Gott. Das war das Versprechen der Schlange – Autonomie, Autonomie im Umgang mit dem Wort Gottes.

Hat Gott wirklich gesagt? fragt die Schlange. Und genau das ist es, was der Teufel will: dass wir nicht genau hinhören auf das, was Gott uns zu sagen hat.

Wer eine Bibel verwendet, die Zwischenüberschriften besitzt, wird feststellen, dass unser aktueller Text in vielen Bibeln eine Überschrift trägt wie „Dritte Leidensankündigung“. Das Weghören der Jünger ist also Programm.

Dies hier ist nicht die erste und auch nicht die zweite, sondern die dritte Leidensankündigung, von der wir lesen. Und doch verstehen die Jünger immer noch nicht, was Jesus ihnen sagen will. So tief kann man in seinen eigenen Vorstellungen und Ideen feststecken.

Wahre Größe im Reich Gottes verstehen

Wenn wir den gesamten Abschnitt lesen, stellen die Jünger zu Beginn die Frage nach den besten Plätzen im messianischen Reich. Daraufhin spricht Jesus mit ihnen darüber, was wahre Größe im Reich Gottes ausmacht.

Woran hängt wahre Größe? Wahre Größe hängt von der Bereitschaft ab, zu leiden und anderen selbstlos zu dienen. Wahre Größe macht sich klein, damit Raum für andere bleibt. Es ist ein Messias, der sein Leben als Lösegeld gibt, der wahre Größe definiert.

Nehmen wir uns diesen Zusammenhang ruhig zu Herzen. Vielleicht sind auch wir besonders dann gefährdet, Jesus falsch zu verstehen, wenn wir aufhören, unser Leben als Dienst an anderen zu sehen und stattdessen beginnen, uns selbst zu dienen.

Dann fällt es uns möglicherweise besonders leicht, Jesus zu verstehen, wenn wir bewusst die Rolle von Menschen einnehmen, die für andere leben – genau so, wie Jesus es vorgemacht hat.

Praktische Anregung zum Abschluss

Was könntest du jetzt tun?

Bewerte dein Gebetsleben. Betest du so viel, dass deine Seele satt wird? Ist dein Gebetsleben der Mittelpunkt deiner Beziehung zu Gott?

Das war's für heute.

Wenn du noch keine Gemeinde hast, suche dir eine. Besuche dort regelmäßig den Gottesdienst und engagiere dich aktiv.

Der Herr segne dich, schenke dir seine Gnade und lasse dich in seinem Frieden leben. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

Seine App "Frogwords" gibt's für Android und iOS.

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