Das Passah verstehen (22,7-13)
Die Tage der ungesäuerten Brote sind im Volk Israel sehr bedeutungsvoll.
Es handelt sich um das Passafest.
Jedes Jahr musste in Israel dieses Fest gefeiert werden. Aus der ganzen
Welt reisten die Juden nach Jerusalem. Über 2 Mio. Menschen versammelten
sich, nach Aussagen des Josephus, in Jerusalem.[1]
Passa ist ein Fest zur Erinnerung. Israel denkt an die Zeit zurück, als
sie in Ägypten aus ihrer Unterdrückung befreit wurden.
Historischer Hintergrund
Anlässlich dieser Feier wurde ein Lamm geschlachtet. Es ist das
Passalamm. Vielen sind die Ereignisse bekannt, als Gott mit der Rettung
Israels aus der Unterdrückung der Ägypter begann.
Mit verschiedenen Katastrophen, versuchte Gott den Pharao dazu zu
bewegen, das Volk wegziehen zu lassen. Das sind die zehn Plagen.
Selbst nach der 9 Plagen liess sich der Pharao nicht dazu bringen,
Israel ziehen zu lassen. Das Lamm hat nun mit der 10. Plage zu tun, die
Plage, die dann den Pharao doch dazu brachte Israel ziehen zu lassen.
Die Katastrophe, die mit der zehnten Plage über Ägypten kam war, dass
von Menschen und Tieren in einer Nacht die Erstgeburten starben.
Mose sagte: So spricht Jahwe: Um Mitternacht will ich mitten durch
Ägypten gehen. (Ex 11,4) Dann wird jeder Erstgeborene in Ägypten
sterben, vom Erstgeborenen des Pharao, der auf dem Thron sitzt, bis zum
Erstgeborenen der Magd an der Handmühle und bis zu den Erstlingen unter
dem Vieh. (Ex 11,5)Um sich vor dieser Plage zu schützen, mussten die Juden ein Lamm nach
ganz bestimmten Kriterien aussuchen. Das Tier wurde geopfert und mit dem
Blut bestrich man die Türschwelle und –pfosten.
Wer diese Anweisungen befolgte, der wurde von der Plage verschont. So
sagte Gott zu Mose:
Das Blut an den Häusern, in denen ihr wohnt, soll ein Zeichen zu eurem
Schutz sein. Wenn ich das Blut sehe, werde ich an euch vorübergehen,
und das vernichtende Unheil wird euch nicht treffen, wenn ich Ägypten
schlage. (Ex 12,13)Dadurch wurde Israel von dieser Plage verschont, aber nicht nur das,
sie wurden aus der Unterdrückung befreit.
Gott wollte, dass sich das Volk jedes Jahr wieder an diese Befreiung
erinnert. Denn aus eigener Kraft hätte Israel das nie und nimmer
geschafft. Diese Nation gäbe es heute gar nicht mehr, hätte sie Gott
nicht befreit.
Dieses Fest stand nun bevor. Daran wollte Jesus natürlich teilnehmen.
Wie die Feier verläuft
Jetzt wollen wir uns kurz mit der Feier beschäftigen.
Pro Lamm waren mindestens 10 Leute erforderlich. Die Feierlichkeit
lässt sich in vier Teile gliedern.
- Becher des Segens. Nach dem Gebet läßt der Familienvater einen Becher voll Wein umgehen, sozusagen den Eingangsbecher, mit den Worten: "Gepriesen seist du, Herr unser Gott, du König der Welt, der du die Frucht des Weinstocks geschaffen hast!"
- Dann gibt man die bitteren Kräuter umher (eine Art Salat), zur Erinnerung an die Leiden der Knechtschaft in Ägypten. Man taucht sie in eine rötliche süße Brühe aus Mandeln, Nüssen, Feigen und anderen süßen Gerüchen, welche durch ihre Farbe, wie man sagt, an die den Israeliten auferlegte harte Arbeit mit den Ziegeln und durch ihren Geschmack an die Freundlichkeit Jahwes erinnerte, welche seinem Volk das Bittere versüsst. Der älteste Sohn fragt den Vater nach der Bedeutung dieses Mahls und der einzelnen Gebräuche, welche sich daran knüpfen (Ex.12,14); dieser erzählt nach Ex.12 die Einsetzung des Passah und die Befreiung aus Ägypten, wahrscheinlich nach einer mehr oder weniger festen liturgischen Formel; dann singt man Ps.113 und 114, und der Vater läßt den zweiten Becher umgehen. Becher der Plagen (10 Plagen).
- Hauptmahl. Der Vater nimmt zwei ungesäuerte Brote, bricht einen derselben und legt die Stücke desselben auf den andern. Dann nimmt er unter dem Aussprechen einer Danksagung eines der Brotstücke, taucht es in die Brühe und ißt es, indem er ein Stück von dem Lamm nebst bitteren Kräutern dazu nimmt. Alle folgen seinem Beispiel. Dies ist das eigentliche Mahl. Das Lamm ist das Hauptgericht. Die Unterhaltung ist unbeschränkt.
- Becher der Erlösung. Es schließt mit dem Austeilen eines dritten Bechers, der der Becher des Segens oder Becher der Erlösung heißt, begleitet mit einem Dankgebet des Hausvaters. Becher des Lobpreises. Der Vater teilt einen vierten Becher aus und dann singt man das Hallel (Ps.115-118).[2]
Jesus sucht Gemeinschaft (22,14-18)
Dieses Fest wollte Jesus unbedingt mit seinen Jüngern feiern. Als sie
vor dem vorbereiteten Passamal sassen sagte Jesus:
Wie sehr habe ich mich danach gesehnt, dieses Passamahl mit euch zu
feiern, bevor ich leiden muss. 15.
Jesus wusste, dass er das letzte Mal mit seinen Jüngern zusammen sein
wird, nachher wird er die letzte und schwierigste Strecke seines Lebens
durchstehen müssen.
Jesus sagte schon früher zu seinen Jüngern:
Ich bin gekommen, um auf der Erde ein Feuer anzuzünden; ich wünschte,
es würde schon brennen! / Aber vor mir steht eine Taufe, mit der ich
noch getauft werden muss, und wie schwer ist mir das Herz, bis sie
vollzogen ist! Lk.12,49-50.
Nur noch wenige Stunden trennen Jesus von dieser schrecklichen Taufe,
den Tod am Kreuz. Jesus sucht die Nähe zu seinen Jüngern. Er möchte noch
ein letztes Mal mit ihnen allein sein. Das zeigt uns, wie Jesus ganz
Mensch war, er suchte die Nähe und Gemeinschaft mit seinen Freunden. So
ist das übrigens bis heute. Jesus möchte auch heute mit uns ganz eng
verbunden sein.
Jesus eröffnet das Passamal mit dem ersten Becher indem den Becher
nimmt, dankt und sagt:
Nehmt, und trinkt alle daraus! / Denn ich sage euch: Von nun an werde
ich nicht mehr vom Saft der Reben trinken, bis das Reich Gottes
gekommen ist. Lk.22,17b-18.
Jesus zeigt damit den Jüngern, dass sein Tod kurz bevorsteht. Er lässt
sie aber auch wissen, dass mit seinem Tod nicht alles vorbei ist, sondern
dass er, wenn das Reich Gottes aufgerichtet wird, wieder mit ihnen feiern
wird.
Jetzt folgt der zweite Teil des Passa, der in unserem Abschnitt nicht
berichtet wird. Jemand erzählt die Geschichte der Erlösung aus Ägypten.
Ich nehme an, dass dies hier Jesus tat, denn er war ihr Lehrer. Zum
Schluss tranken sie aus dem zweiten Becher, der Becher, der an die zehn
Plagen erinnert.
Das erste Abendmahl (22,19-20)
Jesus nimmt nun das ungesäuerte Brot, dankte und brachs und gab's
ihnen. Er sprach:
Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut das, um euch an
mich zu erinnern! 19.
Das ungesäuerte Brot ist ein Zeichen für die Reinheit. Der Leib von
Jesus ist rein. Er ist ohne Sünde, wie wir im Hebräer lesen:
Jesus ist ja nicht ein Hohepriester, der uns in unserer Schwachheit
nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen
aller Art ausgesetzt, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied,
dass er ohne Sünde blieb. Hebr.4,15.
Dieser sündlose Leib Jesu, wird gebrochen werden.
In Zukunft sollen sie das Brot brechen und sich daran erinnern, dass
Jesus als sündloser Mensch gebrochen, ja hingerichtet wurde.
Das Essen nimmt seinen Verlauf, das Passahlamm wird gegessen und Jesus
nimmt den Becher und dankt und sagt den Jüngern:
Dieser Kelch ist der neue Bund, besiegelt mit meinem Blut, das für euch
vergossen wird. Lk.22,20.
Dies war der dritte Becher, der herumgereicht wurde. Jeder Becher hatte
seine eigene Bedeutung.
Der dritte Becher ist der Becher der Erlösung. Der Becher wies auf die
Erlösung durch das Blut des Lammes hin. Wie Israel durch dieses Blut aus
Ägypten gerettet wurde.
Jesus weist nun auf den neuen Bund hin. Nicht mehr das Blut des Lammes,
das Israel erlöst, sondern sein Blut dient zur Erlösung des Menschen
schlechthin.
Einen neuen Bund richtet Jesus auf, wie bereits in Jeremia zu lesen
ist:
»Gebt acht!« sagt der HERR. »Die Zeit kommt, da werde ich mit dem Volk
von Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließen. (Jer
31,31)
Jesus ist nun das wahre Passahlamm, wie Paulus den Korinthern sagt:
Reinigt euch also! Entfernt den alten Sauerteig, damit ihr wieder ein
frischer, ungesäuerter Teig seid! Denn das seid ihr doch, seit Christus
als unser Passalamm geopfert wurde. (1.Kor 5,7)
Anwendung
Wir denken nicht mehr an das Passahlamm in Agypten zurück, unser
Passahlamm ist Jesus Christus, der am Kreuz für unsere Sünden gestorben
ist.
Was Jesus getan hat ist viel umfassender und vollkommener. So spricht
auch der Hebräerschreiber von einem besseren Bund:
Dieser Schwur macht unmissverständlich deutlich, dass Jesus der Garant
eines besseren Bundes ist. Hebr.7,22.
Israel war von Gott angehalten über Jahre hinweg an die Rettung aus
Ägypten zu denken. Darin sollen sie immer wieder die Grösse Gottes
erkennen.
Dieses Ereignis lag damals bereits über 1'400 Jahre zurück und noch
immer sollten sie dieses Fest feiern.
Nie sollten sie dieses Ereignis vergessen, denn wenn sie Gott nicht aus
Ägypten geführt hätte, so gäbe es kein Volk Israel mehr.
Israel lebt aus der Vergangenheit. Sie erinnern sich an ein Ereignis,
das sie selbst nicht erlebt haben. Obwohl sie selbst die Gerichte und
Wunder nicht sahen, sollen sie aus der Erzählung die Grösse und
Heiligkeit Gottes erkennen. Und ihm für die Rettung danken.
Genauso ist es für uns. Jesus hat dem Passa eine tiefere Bedeutung
gegeben. Wir denken nicht an die Rettung aus Ägypten zurück, sondern an
die Rettung, durch den Tod Jesu am Kreuz.
Unser Leben und glaube gründet in der geschichtlichen Tatsache, dass
Jesus vor den Toren Jerusalem hingerichtet wurde. Das sollen wir nie
vergessen.
Das Verlangen nach neuen und grossen Erfahrungen im Glauben ist gross.
Dieser Hunger kann uns aber auf Abwege führen, wenn wir meinen unsere
Rettung müsse sich in der Gegenwart durch besondere Ereignisse beweisen.
Unsere Rettung gründet nicht auf unseren persönlichen Erfahrungen,
sondern einzig in der geschichtlichen Tatsache, dass Jesus für unsere
Sünden gestorben und am dritten Tag auferstand. Wer das glaubt und seine
Sünden bekennt, der ist gerettet, egal was für Erfahrungen und Gefühle er
hat.
Unser Glaube lebt aus der Erinnerung, so altmodisch dies klingen mag.
Petrus weist auf diese Sache hin, wenn er sagt:
Wer dagegen all das nicht hat, ist kurzsichtig und geistlich blind. Ein
solcher Mensch hat völlig vergessen, was es bedeutet, daß er von seinen
früheren Sünden gereinigt worden ist. (2.Petr 1,9)Er hat vergessen, dass er durch das Sterben Jesu rein geworden ist. Wir
sollen dies nie vergessen, darum feiern wir auch das Abendmahl, das uns
diese wunderbare Tatsache immer wieder vor Augen führt.
Und Paulus zeigt wie viel besser das Opfer Jesu ist, er sagt den Juden:
Ihr sollt daher wissen, Geschwister, dass es durch Jesus Vergebung der
Sünden gibt; das ist die Botschaft, die Gott euch verkünden lässt. Wozu
das Gesetz des Mose nie imstande war, das hat Jesus möglich gemacht:
Jeder, der an ihn glaubt, wird von aller Schuld freigesprochen.
Apg.13,38-39.
Das Gesetz des Mose vermochte nicht von allen Sünden frei zu machen,
aber das Sterben Jesu macht von jeder Sünde frei.
Das ist die Frohe Botschaft, das Evangelium.
Schluss
Wenige Stunden später, am anderen Morgen um ca. 9.00 Uhr wurde Jesus
bereits ans Kreuz geschlagen.
Für Dich und mich hat er diese Erlösung vollbracht, damit wir für alle
Ewigkeit gerettet werden. Was Jesus für uns gemacht hat, fasst Paulus in
wenigen Sätzen zusammen:
Einst wart ihr tot, denn ihr wart unbeschnitten, das heißt in ein Leben
voller Schuld verstrickt. Aber Gott hat euch mit Christus zusammen
lebendig gemacht. Er hat uns unsere ganze Schuld vergeben. (Kol 2,13) Den Schuldschein, der uns wegen der nicht befolgten
Gesetzesvorschriften belastete, hat er für ungültig erklärt. Er hat ihn
ans Kreuz genagelt und damit für immer beseitigt. (Kol 2,14)Wenn wir das begriffen haben, können wir in den anbetenden Jubel
einstimmen:
Würdig ist das Lamm, das geopfert wurde, Macht und Reichtum zu
empfangen. Weisheit und Stärke, Ehre, Ruhm und Anbetung! Offb.5,12.
Jesus ist unser Leben, ohne ihn wären wir hoffnungslos verloren.
Amen
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[1]Jos.bell., VI, 420ff.
[2]Frédéric Godet: Kommentar zu dem Evangelium des Lukas (Gießen/Basel:
Brunnen, 1986), S.537-538.
