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Lass uns umkehren

die Predigt zum Reformationstag
27.10.2023

Eine kurze Geschichte zum Einstieg

Es war einmal ein kleiner Junge, der jeden Tag mit großer Neugier die Welt um sich herum entdeckte. Eines Tages fand er im Wald eine geheimnisvolle Truhe. Neugierig öffnete er sie und entdeckte darin alte Briefe und Karten, die von Abenteuern und fernen Ländern erzählten.

Fasziniert von diesen Geschichten begann er, die Karten zu studieren und träumte davon, selbst einmal solche Abenteuer zu erleben. Diese Entdeckung veränderte sein Leben, denn sie weckte in ihm den Wunsch, die Welt zu erkunden und Neues zu lernen. So begann seine Reise, die ihn an viele spannende Orte führen sollte.

Einstieg mit einer persönlichen Erfahrung

Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als du Fahrschule gemacht hast? Mir ist das damals sehr, sehr schwer gefallen. Normalerweise braucht man ungefähr zwanzig Fahrstunden, um bereit für die praktische Prüfung zu sein. Ich habe fast sechzig gebraucht.

Bei der praktischen Prüfung bin ich quasi durchgefallen. Nur weil mein Fahrlehrer ein Kumpel vom Fahrprüfer war, hat dieser zwei Augen zugedrückt. Außerdem musste ich versprechen, nach dem Führerschein weitere Fahrstunden zu nehmen. Das habe ich dann auch gemacht.

Irgendwann hatte ich dann ein eigenes Auto. Dieses Auto musste ich damals aus Heidelberg abholen. Das bedeutete, von Heidelberg nach Hause zu fahren – über die Autobahn, alleine im Auto. Ich hatte Panik und war völlig nassgeschwitzt. Wieder zu Hause angekommen, bin ich über Wochen und Monate nur wenige Strecken gefahren. Immer nur im Stadtverkehr, in der Dreissigerzone, keine Berge. Immer die gleichen fünf Strecken, einfache Routen.

Irgendwann, so in meinem Alltagstrott, dachte ich: Okay, ich glaube, jetzt kann ich wahrscheinlich langsam Auto fahren.

Dann hatte meine Mama die Idee, zusammen ein Konzert in Berlin zu besuchen. Ich sagte sofort: Klar, logisch! Also habe ich meine Mama mit dem Auto besucht, und wir sind gemeinsam zu dem Konzert nach Berlin gefahren. Als Fahranfänger durch den Hauptstadtverkehr.

Meine Mama auf dem Beifahrersitz war vor Panik fast gestorben. Ich selbst war zwischendurch auf dem Berliner Stadtring so verzweifelt, dass ich mehrfach überlegt habe, einfach auszusteigen und das Auto abschleppen zu lassen. Es ist wirklich passiert.

So haben wir uns durchgekämpft, und die Fahrt ist mir mehr in Erinnerung geblieben als das Konzert. Bis dahin dachte ich, dass ich Autofahren kann. Aber in Wahrheit bin ich immer nur die gleichen fünf Strecken gefahren, auf denen ich es mir irgendwie gemütlich gemacht hatte. Ich war ein Gewohnheitsstreckenfahrer, kein richtiger Autofahrer.

Bedeutung des Reformationstags und Einführung in den Predigttext

In wenigen Tagen feiern wir den Reformationstag. Dabei darf man nicht verwechselt werden: Wenn wir einen Tag feiern, dann feiern wir vor allem das Anliegen, das hinter diesem Tag steht. Genau um dieses Anliegen geht es in unserem ernsten und herausfordernden Predigttext für heute Morgen.

Wir hören den Predigttext aus Markus Kapitel 7. Die Pharisäer und einige Gesetzeslehrer, die aus Jerusalem gekommen waren, versammelten sich um Jesus. Das war damals eine ganz schöne Entfernung. Je nachdem, wie schnell dein Esel unterwegs war, betrug die Reise etwa zwei bis drei Tagesreisen. Du musstest dabei über die Westroute gehen – das war eine beachtliche Strecke.

Und ausgerechnet diese Leute, die beim Tempel angestellt waren, kamen zu Jesus. Also angestellte, hauptberufliche Christen kamen extra ans Nordwestufer vom See Genezareth, ins sogenannte Outback.

Die Auseinandersetzung um rituelle Reinheit

Dann geht es weiter: Sie sahen, dass einige seiner Jünger mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen ihre Brote aßen. Jetzt erklärt uns der Evangelist Markus, was das bedeuten soll. Markus hat sein Evangelium nämlich auch für Menschen geschrieben, die nicht in Israel wohnen.

Er erklärt, dass die Pharisäer und alle Israeliten nichts essen, solange sie sich nicht vorher mit einer Handvoll, also im Griechischen mit einer Faust voll Wasser, rituell die Hände gewaschen haben. Dabei geht es also nicht um Hygiene, sondern um ein Ritual. So halten sie sich an die Tradition.

Selbst wenn sie vom Markt kommen, wo man sich einfach mal einen Imbiss holt oder mal ein Brot oder ein Stück Fleisch zwischendurch, essen sie nichts, ohne sich vorher untergetaucht zu haben. Im Griechischen steht an dieser Stelle das gleiche Wort wie bei Ptizo, das für Taufe verwendet wird, also ist wieder das Untertauchen der Hände gemeint.

Es gibt auch viele andere Gewohnheiten, die sie übernommen haben, um sie einzuhalten. Zum Beispiel das regelmäßige Untertauchen von Bechern, Krügen, Kupfergefäßen und sogar von Sitzpolstern. Diese trocknen dann hoffentlich wieder.

Die Frage ist nun: Gibt es ein Gebot in der Tora im Alten Testament, das vorschreibt, sich rituell die Hände vor dem Essen zu waschen? Die schnelle Antwort lautet: Nein. Dieses Gebot taucht erst etwa 700 Jahre nach der Niederschrift der ersten fünf Bücher Mose auf – und dann auch nur mündlich. Erst im zweiten Jahrhundert finden wir es in der Mischna schriftlich.

Das heißt, in der ganzen Bibel gibt es nur ein einziges Gebot, das in Bezug auf Waschen und Essen steht. Es findet sich im Buch Levitikus und bezieht sich darauf, dass Priester sich einmal duschen oder baden sollen, bevor sie die Opfergabe essen.

Das heißt also, es auf alle Menschen auszuweiten und zu sagen, das gelte für jeden banalen Marktplatzimbiss, ist absurd.

Jesu harte Kritik an menschlichen Traditionen

Dann heißt es weiter: Die Pharisäer und Gesetzeslehrer fragten Jesus, warum seine Jünger ihren Alltag nicht nach der Tradition lebten, sondern das Brot mit gewöhnlichen, alltäglichen, nicht rituell gewaschenen Händen aßen.

Jetzt folgt die klare Antwort von Jesus. Im Griechischen ist es so geschrieben, dass Jesus einmal tief Luft holt – jetzt kommt die Betonung, eine dramatische Pause, schön, wirklich schön. Er sagt: „Jesaja hat von euch gesprochen, ihr Heuchler.“

Er zitiert aus Jesaja: „Dieses Volk ehrt mich nur mit seinen Lippen, von mir aber ist ihr Herz weit entfernt. Vergeblich verehren sie mich, weil sie lehren und predigen, was nur menschliche Vorschriften sind.“

Dann fährt Jesus fort: „Ihr verlasst Gottes Anweisung und haltet euch stattdessen an menschliche Tradition.“ Er sagt ihnen: „Schön stellt ihr Gottes Anweisung beiseite, damit ihr eure eigene Tradition aufrichtet.“

Zum Glück hat das mit uns nichts zu tun. Diese Verse machen ganz klar, dass es möglich ist, einen Unterschied zwischen unseren Traditionen und Gewohnheiten und Gottes Anweisungen zu geben. Es kann sein, dass das, was wir täglich tun, nicht immer dem entspricht, was Gott eigentlich will.

Das war eines der Kernanliegen der Reformation.

Die Situation im Spätmittelalter und die Notwendigkeit der Reformation

Lass mich versuchen, das kurz und einfach zu erklären. Im europäischen Spätmittelalter war die Situation ähnlich wie in unserem Predigttext. Es gab viele, sehr viele Traditionen und Gewohnheiten. In praktisch jedem Dorf gab es eine Kirche oder eine kleine Kapelle.

Im Spätmittelalter gab es permanent kirchliche Feiertage. Tatsächlich gab es so viele Feiertage, an denen man nicht arbeiten durfte, dass heutige Wirtschaftshistoriker die Armut in dieser Zeit unter anderem darauf zurückführen. Die Menschen hatten einfach nicht genug Zeit, um zu arbeiten. Zum Vergleich: Es vergingen kaum drei Tage am Stück, ohne dass man den Priester gesehen hat. Manchmal sah man den Priester sogar öfter als die eigene Familie.

Ständig wurden Messen gefeiert. Diese fanden jedoch auf Latein statt, sodass kaum jemand sie verstand. Du siehst also, dass es sprachlich für die Menschen im Spätmittelalter schwer war, wirklich zu verstehen, worum es im Christentum eigentlich geht und was die Grundlagen des Glaubens sind.

Das ist eine ganz bittere Ironie der Weltgeschichte: Es gab Menschen, die ständig mit kirchlichen Inhalten in Berührung kamen, aber ohne Tiefe, ohne dass Jesus sie zur Umkehr rief. Das führte dazu, dass die Gesellschaft dachte: „Na ja, die Menge stimmt schon, wird schon passen“, nach dem Motto „Viel hilft viel, gib ihm“.

Doch das hatte zur Folge, dass es mehr Quantität als Qualität gab – mehr Breite statt Tiefe. Und das ist immens gefährlich für Christen. Es kann tatsächlich passieren, dass Jesus eines Tages zu uns sagt: „Ich kenne dich nicht. Ich weiß nicht, wer du bist. Wir haben keine Beziehung miteinander. Was willst du von mir?“

Die Reformatoren und die vier Solas

Im Spätmittelalter gab es Menschen, die bestimmte Missstände bemerkten und diese auch ansprachen. Dazu gehören John Wycliffe, Jan Hus, später Philipp Melanchthon, Martin Butzer, Martin Luther, Jean Calvin und viele andere.

Die Reformatoren, wie wir heute wissen, haben ernsthafte Fehler gemacht. Viel Kritik an ihnen ist daher auch berechtigt. Dennoch haben sie einen großen Dienst erwiesen, indem sie immer wieder Oberflächliches beiseitegelegt und den Fokus auf das Wesentliche gerichtet haben. Dafür können wir ihnen sehr dankbar sein.

Im Verlauf der Reformation wurden vier sogenannte Solas entwickelt. Das Wort „Sola“ stammt aus dem Lateinischen von „solus“ und bedeutet „allein“ oder „nur“. Es wurde betont, dass das Christentum ohne diese vier Solas nicht auskommt. Diese vier Solas gelten als unverzichtbare Grundlagen, ohne die es nicht weitergeht.

Was sind diese vier Solas? Sehen wir uns diese kurz an.

Sola Scriptura – Allein durch die Schrift

Das erste Solus ist sola scriptura, das heißt: nur mit der Schrift, nur mit der Bibel.

Ich möchte dazu etwas sagen, das ein bisschen komisch klingt. Bevor ihr mich nun gleich unterbrecht, lasst mich bitte kurz ausreden. Es klingt vielleicht ungewöhnlich, wenn ich das sage, aber wir Christen beten nicht die Bibel an. Jesus sagt nicht: „Geht in alle Welt und überzeugt alle Menschen, dass die Bibel Gottes Wort ist.“

Du könntest Christ werden, ohne jemals in der Bibel gelesen zu haben. Du konntest sogar Christ werden, ohne zu wissen, dass die Bibel überhaupt existiert. Warum sage ich das? Frag dich einfach selbst: Wann hat das Christentum eigentlich begonnen?

War es im Laufe des zweiten und dritten Jahrhunderts, als die letzten Gemeinden des römischen Reiches das vollständige Neue Testament hatten? Oder hat das Christentum eher zu Pfingsten im Jahr 30 begonnen, als dreitausend Menschen Buße getan, sich Jesus zugewandt und seinen Tod sowie seine Auferstehung angenommen haben? Natürlich ist es das Letztere. Damals war noch keine Zeile des Neuen Testaments geschrieben.

Warum sind die dreitausend Menschen an Pfingsten umgekehrt? Wegen der Botschaft der Apostel und weil sie sich an das hielten, was die Apostel gesagt haben. Die Apostel haben sich dann schnell in alle Welt verteilt, sodass in jeder großen Region ein Apostel war, der bei Jesus persönlich in die Lehre gegangen war und den man alles fragen konnte. Was für eine Vorstellung!

Aber dann kamen die ersten Verfolgungen, und die Apostel wurden unabhängig voneinander Schritt für Schritt ermordet. Deshalb wurden nach und nach die Augenzeugenberichte von Jesu Leben aufgeschrieben, weil die Apostel sterben würden. Deshalb wurden die Schriften der Apostel gesammelt, und deshalb haben wir heute das Neue Testament. Ursache und Wirkung.

Das Neue Testament ist also das schriftliche Vermächtnis von Jesus und den Aposteln. Du kannst also Christ werden, ohne die Bibel zu kennen, solange du einen Apostel griffbereit hast. Und wenn du mich fragst: Beides hat seine Vorteile. So einen Apostel, wenn du ihn hast, kannst du ihn immer fragen. Aber du brauchst halt auch immer einen griffbereiten.

Das Neue Testament ist umfangreicher, und du kannst jederzeit alles Wichtige nachlesen. Das heißt: Stand heute, Apostelknappheit hin oder her, denk mal kurz darüber nach: Wenn ich persönlich die Wahl hätte, ob ich zur Zeit der Apostel leben könnte oder jederzeit auf meinem Handy das komplette Neue Testament durchlesen und zurückscrollen sowie andere Sachen noch einmal lesen könnte – ich würde das Zweite wählen.

Sola Gratia und Sola Fide – Allein aus Gnade und allein durch Glauben

Die anderen zwei Soli, ist das richtig? Sola gratia und sola fide.

Sola gratia bedeutet „nur aus Gnade“. Nur durch Gnade können wir gerettet sein. Sola fide ist ein bisschen missverständlich und wird manchmal falsch übersetzt mit „nur durch Glauben“. Korrekter übersetzt heißt es aber „nur dadurch, dass wir uns an Jesus festklammern“. Das ist ein anderes Thema.

Ich möchte mich hier aber nur auf das Thema Gnade konzentrieren, weil es dazu einige große Missverständnisse gibt. Ich will kurz darauf eingehen.

Dazu möchte ich einen Schritt zurücktreten und einen Panoramablick auf die Weltreligionen werfen. Als studierter Religionswissenschaftler kann ich sagen, dass es in so ziemlich allen großen Weltreligionen darum geht, mehr gute Taten als böse Taten zu vollbringen. Das heißt, dass du am Ende deines Lebens einen Überhang von mindestens 51 Prozent an guten Taten haben sollst, also ein bisschen mehr Gute als Böse.

Das ist ein Problem. Denn erstens weißt du nie, wann das Ende kommt, wann die Abrechnung stattfindet. Bei einer Steuererklärung weißt du wenigstens, wann die Fristen sind. Zweitens kannst du nie genau wissen, wie eine Tat eigentlich bewertet wird, welche Tat wie zählt.

Das bedeutet, dass viele Menschen dieser Religionen bis zum Ende in völliger Ungewissheit und Sorge leben müssen. Sie fragen sich, ob sie noch einer Frau mehr die Tür hätten aufhalten sollen oder ob sie vielleicht noch einen Euro mehr hätten spenden sollen. Das klingt vielleicht kurios, ist es aber nicht. Es stürzt viele Menschen in regelrechte Verzweiflung. Auch das wäre ein anderes Thema.

Jedenfalls trifft dieser Rahmen mit dem Überhang von guten Taten auf alle großen Weltreligionen zu – mit zwei Ausnahmen: dem Buddhismus und dem Christentum. Das sind die einzigen Ausnahmen.

Und zum Christentum: Im Christentum geht es im Kern darum, wie schuldige Individuen – also Schuldige, die es wirklich von Herzen wollen – vor dem kommenden Jüngsten Gericht freigesprochen werden können. Dieser Freispruch wird als freies Geschenk Gottes angeboten – sola gratia.

Ich möchte das noch einmal unterstreichen: Es geht um schuldige Individuen, die eine freiwillige Entscheidung treffen. Denk das mal kurz zu Ende.

Das heißt, es gibt zwei Gruppen von Menschen, die das Christentum nicht hauptsächlich anspricht.

Gruppe eins: Wenn du unschuldig bist. Unschuldig heißt hier nicht, mehr gute als schlechte Taten getan zu haben, sondern wirklich unschuldig zu sein. Das bedeutet, dass keine Schuld an dir haftet und kein Leid, keine Ungerechtigkeit und keine Unheiligkeit von dir in die Welt gebracht wurde.

Das kann zum Beispiel ein Kleinkind sein, vor oder nach der Geburt, oder jemand mit schwerer geistiger Beeinträchtigung, der nicht Herr seiner Taten ist. Wenn du unschuldig bist, brauchst du logischerweise keinen Freispruch, weil du beim Jüngsten Gericht ehrlicherweise nichts zu befürchten hast. Das ist logisch.

Gruppe zwei: Du bist schuldig, aber du willst keinen Freispruch. Du weißt, dass du ein ewiges Wesen bist und dass es nach dem Tod weitergeht, aber du willst diese Ewigkeit nicht mit Gott verbringen. Auch das gibt es, und es ist gar nicht so selten.

Dann wirst du in deinen Sünden sterben und dich für deine Schuld verantworten müssen. Gott wird dich nicht gegen deinen Willen zwingen, die Ewigkeit mit ihm zu verbringen.

Auf mich, Markus, trifft das zum Beispiel nicht zu. Ich weiß um das Leid, ich weiß um die Ungerechtigkeit und ich weiß um die Unheiligkeit, die ich in die Welt gebracht habe. Ich weiß das.

Ich weiß, dass ich es verdiene, die Ewigkeit in äußerster Finsternis zu verbringen. Ich weiß, dass ich die Höllenstrafe verdiene, und ich weiß, wofür ich das verdiene.

Aber ich will nicht. Ich will diese Konsequenz nicht haben. Ich habe Angst vor den gerechten Konsequenzen meiner eigenen Taten, die ich selbst gewählt habe. Ich habe Angst vor der Hölle, und das sollte ich auch.

Ich will ja nicht, dass mir Gerechtigkeit widerfährt. Ich liege vor Gott mit meinem Gebet, und ich vertraue nicht auf meine eigene Gerechtigkeit – das wäre hoffnungslos, wenn ich schuldig bin –, sondern ich vertraue auf Gottes Barmherzigkeit: sola gratia.

Solus Christus – Allein durch Christus

Und dann hat diese Barmherzigkeit einen Namen: Jesus. Ich bin gottfroh, dass Jesus einen Ausweg geschaffen hat, sodass ich nicht das bekommen muss, was ich eigentlich verdiene. Jedenfalls, um es auf den Punkt zu bringen: Das ist ein riesengroßer Unterschied.

Der Himmel ist keine Bonuszahlung, kein zusätzlicher Gehaltscheck dafür, dass man im Leben gute Taten vollbracht hat. Und die Hölle ist auch keine Strafe dafür, nicht in der Kirche zu sein oder ähnlichen Blödsinn. Lassen wir hier ganz klar sein: Ich bringe mich mit meinen Sünden selbst in die Hölle. Und Jesus kann mir den Freispruch schenken, wenn ich mich an ihn festklammere – sola fidei.

Und das tut er aus reiner Gnade – sola gratia. Gott müsste das nicht.

Kurze Randnotiz: Hast du jemals darüber nachgedacht, dass es in der ganzen Heiligen Schrift an keiner Stelle steht, dass es einen Rettungsplan für gefallene Engel gibt? Hast du darüber mal nachgedacht? Aber für gefallene Menschen gibt es einen solchen Plan. Das setzt die Sache in Perspektive.

Und das bringt uns zum letzten Punkt: Ich habe keinen Anspruch auf diesen Freispruch. Das ist der wichtigste Punkt von diesen vier Solas.

Solus Christus. Früher hätten wir die Apostel und die Augenzeugen befragt, wie Jesus war, was er gesagt und gelehrt hat. Heute haben wir das Neue Testament, das historisch so zuverlässig ist, dass Archäologen es tatsächlich nutzen, um sogar das damalige Alltagsleben zu rekonstruieren.

Solus Christus ist so wichtig, weil ich nur durch Jesus von meiner Schuld frei werden kann. Das wird heutzutage auch schnell falsch verstanden. Natürlich kann ich auch als Hindu Gutes tun, natürlich auch als Muslim, und natürlich auch als moderner Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Aber das ist nicht die Frage.

Die Frage ist: Wie werde ich meine Sünden los? Das ist die entscheidende Frage. Und das ist kein hinduistisches oder muslimisches Problem, das ist ein Sündenproblem. Wenn ich mit meinen Sünden vor Gott trete, dann muss und werde ich die Konsequenzen tragen.

Deshalb und dafür brauche ich Jesus. Deshalb wollen wir ja hinausgehen und die gute Botschaft weitersagen: Dass ich durch Jesus von meinen Sünden frei werden kann und dass du das auch kannst.

Und wenn ich als Christ mir keine Sorgen um das ewige Schicksal anderer Menschen mache, dann sollten andere anfangen, sich um mein ewiges Schicksal Sorgen zu machen.

Die Warnung an die Frommen und die Gefahr von Routine

Was hat das mit uns zu tun? Jesus sagt im Predigttext: Ihr verlasst Gottes Anweisung und haltet euch stattdessen an menschliche Traditionen! Schön stellt ihr Gottes Anweisung beiseite – sarkastisch gemeint natürlich –, damit ihr eure eigene Tradition aufrichtet.

Wem sagt er das? Es gab damals im Judentum vier, wir sagen mal vereinfacht, Konfessionen. Eine dieser Konfessionen waren die Sadduzäer, vereinfacht gesagt die liberalen Theologen der damaligen Zeit. Sagt er das denen? Nein, er sagt es nicht den Sadduzäern. Das hätte ich erwartet, sondern er sagt es ausgerechnet den Pharisäern, den, vereinfacht gesagt, konservativen Evangelikalen der damaligen Zeit. Den sagt er das, den Frommen, die ständig mit religiösen Sachen zu tun haben.

Also das gibt mir zu denken. Ich hätte es lieber gehabt, bei der Predigtvorbereitung, da wären ein paar Sadduzäer gekommen, das wäre irgendwie angenehmer gewesen. Aber damit ist ganz klar: Ja, auch für Menschen, die ihren Glauben praktizieren, kann es einen echten Unterschied geben zwischen dem, was wir machen, und dem, was Gott will.

Ähnlich wie zu Luthers Zeiten – durch viel Berührung mit christlichen Sachen in der Breite gibt es zu wenig Begegnung in der Tiefe. Die Hauptfrage ist: Wie kann es so weit kommen? Wie entsteht so etwas? Wie geht das überhaupt?

Und die Antwort ist so: Manchmal sind wir so darauf aus, zu dienen, dass wir uns nicht mehr dienen lassen. Manchmal sind wir in der Gemeinde so aktiv, dass wir nicht mehr kommen, um passiv zu sein. Und ganz selbstkritisch: Manchmal sind wir so damit beschäftigt, Lehrer zu sein, dass wir vergessen zu lernen und uns belehren zu lassen.

Wenn das so ist, ist das kein gesundes Gleichgewicht. Gute Autoren lesen mehr, als sie schreiben. Gute Musiker hören mehr Musik, als sie spielen. Gute Lehrer lernen zuerst mehr, als sie lehren.

Auch diejenigen von uns, die in ihrer Gemeinde ein Amt haben – auch das kann trügerisch sein. Zu Luthers Zeiten schon, und im Predigttext waren es ausgerechnet die beim Tempel angestellten Schriftgelehrten, mit denen Jesus hier so hart ins Gericht geht.

Lasst uns keine Illusion haben: Das kann uns genauso passieren. Wir müssen begreifen, dass wir erst empfangen, um zu geben. Ich muss mehr empfangen, als ich gebe, damit ich von dem, was ich empfange, einen Teil weitergeben kann.

Bernhard von Claveau hat es damals so ausgedrückt: „Meine Seele ist wie eine Schale. Ich muss erst meine Schale Gott hinhalten, damit er sie füllt und füllt und füllt. Erst wenn sie überläuft, kann ich von dem, was überläuft, anderen Menschen weitergeben.“

Genauso ich selbst: Wenn ich in die Gemeinde komme, will ich nicht als Lehrer kommen, sondern als Schüler, als Lernender. Und ich bin ja auch jemand, der Seelsorge und Unterweisung braucht. Ich möchte belehrt werden, weil ich das brauche – meine Seele braucht das.

Wenn das nicht passiert, dann kann meine Seele in Schieflage geraten, und meine Beziehung zu Jesus kann leiden. Dann kann ich, obwohl ich lauter religiöse Dinge tue, mich tatsächlich von Gott entfernen.

Und das ist etwas, worin freikirchliche Gemeinden besonders in Gefahr stehen – besonders kleine freikirchliche Gemeinden –, dass ich mehr aktiv als passiv bin und mich in meinem Christsein über Aktivitäten, Prägungen und Gewohnheiten definiere.

Das ist die Schnellstraße, die Autobahnauffahrt – genau das Problem, das Jesus bei den Pharisäern ankreidet.

Die Herausforderung der Identität ohne Traditionen

Schau dir einfach mal zuhause die Stelle genauer an, die Jesus da zitiert: Jesaja 29. In Jesaja 29 geht es um die Frage, was passiert, wenn Traditionen nicht mehr zählen. Was tust du dann, um Gott zu ehren?

Ich übersetze das mal für unseren Zusammenhang: Wenn deine christlichen Aktivitäten nicht zählen, was macht dann eigentlich im Kern dein Christsein aus? Dahinter steckt die schmerzhafte Frage, was aus uns wird, wenn Dinge wegfallen, auf die wir unsere Identität aufgebaut haben.

Drei Beispiele: Für viele Männer ist das klar der Job – nachvollziehbar, sage ich als Mann. In diesen Monaten stehen wir vor der größten Wirtschaftskrise, die das wiedervereinigte Deutschland je erlebt hat. Was wird in den nächsten Monaten passieren, wenn bei dem einen oder anderen der Job wegfällt, über den er sich vorher definiert hat?

Weil ich dich vorhin an der Gitarre gesehen habe: Viele Menschen, die musikalisch begabt sind – ich gehöre nicht dazu, ich habe leicht reden – definieren sich darüber, dass sie gerne und viel Musik machen. Was ist, wenn ich die Gicht bekomme und nicht mehr Klavier oder Gitarre spielen kann?

Ein weiteres Thema ist die Gesundheit. An das Thema Gesundheit denkt man nicht, solange man sie hat – ähnlich wie bei der Jugend. Wenn ich alt bin, bin ich mir dessen bewusst, dass ich alt bin. Aber als junger Mensch habe ich überhaupt nicht auf dem Schirm, dass ich jung bin. Ich denke noch nicht einmal in diesen Kategorien, weil es so selbstverständlich ist.

Eines Tages werde ich das verlieren. Ich werde meine Jugend und meine Gesundheit verlieren. Was wird das mit mir machen? Was macht das mit meiner Seele, wenn ich darauf nicht vorbereitet bin?

Dinge zu verlieren kann allerdings auch ein Geschenk sein. Ich spreche hier aus leichter Erfahrung: Ich habe in meinem Leben zwei- bis dreimal alles verloren, was ich bis dahin hatte. Und ich musste ganz von vorne anfangen.

Elisa fragt mich manchmal liebevoll, ob es möglicherweise, ganz eventuell sein könnte, dass mich das übervorsichtig gemacht hat. Vielleicht. Aber es hat mich auch innerlich freier gemacht. Ich durfte ganz von vorn anfangen – das Geschenk, alles zu verlieren, um es geschenkt zu bekommen und neu zu beginnen.

Tabula rasa, sagten die Lateiner: reiner Tisch, keine Altlasten, kein Ballast, keine Vorprägung, noch einmal ganz von null anfangen.

Genau darum geht es bei der Taufe. Johannes der Täufer hat am Jordan getauft, um ganz Israel zu zeigen: Ihr müsst noch einmal ganz neu durch den Jordan ziehen, ihr müsst noch einmal ganz von vorn in das gelobte Land einziehen, ihr müsst noch einmal ganz von vorn mit Gott anfangen.

Tabula rasa – reiner Tisch, keine Altlasten, kein Ballast, keine Vorprägung, noch einmal ganz von null anfangen, nur Jesus und du.

Die entscheidende Frage und praktische Tipps

Deshalb möchte ich dir und mir die Frage stellen: Wer bin ich vor Jesus? Was macht meine Beziehung zu Gott aus?

Wenn ich keinerlei christliche Aktivitäten in meinem Kalender hätte, keine vorgefertigten Gewohnheiten, keine Vorgeschichte, keine Vorprägungen und keine Traditionen, wie es im Predigttext heißt, wenn ich jetzt ganz neu zum Glauben kommen würde, woran würde ich mich halten?

Und ganz praktisch: Wie machen wir das? Drei biblische Tipps zum Abschluss.

Einer der wichtigsten Verse im Neuen Testament steht im Römerbrief, wo es heißt: Richtet euch nicht nach den Maßstäben dieser Welt. Man kann es auch so übersetzen: Richtet euch nicht nach den Maßstäben der gerade aktuellen Gesellschaft. Stattdessen lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern – von vorne an – und lasst euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist, ob es gut ist, ob es Gott gefällt und ob es zum Ziel führt.

Der Vers ist so wichtig, dass wir ihn noch einmal hören sollten: Richtet euch nicht nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist, ob es gut ist, ob es Gott gefallen würde und ob es zum Ziel führt.

Was ist das Ziel? Was will Gott also? Das steht im Wochenspruch, wo es heißt: Gott hat dir, Mensch, gezeigt, was gut ist und was der Herr von dir verlangt. Dann folgt im Hebräischen das Wort Ki'im, das die Einleitung für eine rhetorische Frage ist, nämlich: Was, wenn nicht? Und dann kommt eine Aufzählung von drei Dingen.

Was, wenn nicht tun, was richtig ist? Das ist, was Gott möchte. Er möchte, dass wir tun, was richtig ist.

Zweitens: Treue lieben. Gott ist der Gott der Treue. Er liebt es, treu zu sein, und er möchte auch Treue bei uns sehen. Er möchte, dass wir innerlich Treue lieben. Gott feiert Treue.

Und drittens: Vor deinem Gott demütig sein. Das ist der Punkt, der bei mir manchmal zu kurz kommt. Vor Gott demütig sein heißt auch, offen zu sein, dass Gott einen anderen Standpunkt haben könnte als ich.

Das heißt das. Ich gebe dir drei aktuelle Beispiele:

Beispiel eins: In unserer westlichen Gesellschaft scheinen viele Menschen keine Probleme zu haben mit Horoskopen, mit New Age, mit Esoterik. Du hast es ja auch erzählt. Gott dagegen sagt: Tu das nicht! Du lässt dich mit dunklen Mächten ein, die du nicht abschätzen kannst.

Beispiel zwei: Seit den letzten siebzig Jahren ziehen in Mitteleuropa mehr Paare unverheiratet zusammen, als es überhaupt Ehen gibt. Gott dagegen sagt: Tu das nicht! Das ist Unzucht, das ist Hurerei. Für das Zusammenleben von Mann und Frau habe ich die Ehe geschaffen, und du tust dem Konzept Ehe Unrecht und entehrst mich.

Beispiel drei: Kirchenvertreter sprechen kaum noch über die Hölle, weil sie niemanden ausschließen wollen. Jesus dagegen spricht in den Evangelien mehr über die Hölle, als du in jedem anderen Buch der Bibel findest. Wusstest du, dass Jesus mehr über Verdammnis als über Erlösung spricht? Zähl selbst nach, ich habe es gemacht.

Jesus sagt: Ich werde die Schafe von den Böcken trennen, und während sein Sünden stirbt, wird nach genau diesen sündigen Taten gerichtet und in die äußerste Finsternis geworfen, wo Heulen und Zähneklappern sein wird. Das ist das, was Jesus sagt.

Das heißt, die wichtige Frage ist nicht so sehr, ob Gott irgendwie in unserem Team spielt, sondern die wichtige Frage ist, ob wir in Gottes Team spielen.

Vereinfacht gesagt: Willst du, dass Gott den Weg segnet, den du sowieso gehst, oder willst du den Weg gehen, den Gott segnet? Das ist ein Unterschied.

Nochmal: Willst du, dass Gott den Weg segnet, den du sowieso gehst, oder willst du von vornherein den Weg gehen, den Gott segnet?

Manche Leute in der heutigen Christenheit können sich eher vorstellen, dass Gott seine Meinung ändert, als dass sie ihre Meinung ändern. Dazu sagt Gott in Sprüche 3: Halte dich nicht selbst für klug, sondern fürchte den Herrn.

Also nicht bei mir anfangen, nicht mit dem, was ich will, nicht mit dem, was ich mir wünsche, und auch nicht die Gesellschaft den Takt angeben lassen, sondern demütig werden – sola scriptura, solus Christus.

Und wenn ich das nicht tue, kann es sein wie bei den Pharisäern: Dann ist es nur noch ein bloßes Lippenbekenntnis, wenn wir sagen, der Herr ist mein Hirte, während in Wahrheit ich mein eigener Hirte bin.

Das ist das Problem, das wir seit dem Sündenfall haben, und es ist immer das gleiche Problem: Wir wollen keine Autorität haben, die über uns steht.

Und ganz ernsthaft: Ich kann doch am Sonntagvormittag nicht beten: Vater unser, dein Wille geschehe – und die nächsten sechseinhalb Tage alles ignorieren, was sein Wille ist. Das geht doch nicht.

Gottes Befehl zur Umkehr und Neuanfang

Was ist jetzt also Gottes Wille?

Der letzte Punkt ist, dass Gott befiehlt – im Griechischen steht hier pa'angelo, was einen militärischen Befehl bezeichnet, der unbedingt zu befolgen ist. Gott fordert alle Menschen überall auf, umzukehren, neu anzufangen und Buße zu tun. Es geht darum, ein Bewusstsein für die eigene Sünde zu entwickeln.

Warum? Weil Gott einen Tag festgelegt hat, an dem er die ganze Welt richten wird. Deshalb sollten wir umkehren. Genau dafür gibt es den Reformationstag: um noch einmal neu anzufangen.

Lasst uns das Oberflächliche beiseitelegen und den Fokus auf das Wesentliche richten. Lasst uns unsere Traditionen und Gewohnheiten hinten anstellen und das, was für Gott zählt, nach vorne stellen.

Lasst uns neu durch den Jordan gehen, das gelobte Land in Besitz nehmen und dabei so viele Menschen wie möglich mitnehmen.