Generierte Mitschrift
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Ein Tag, der größer ist als Geschichte
Liebe Freunde, dieser 28. Februar ist ein Tag der Weltgeschichte, nein, der Gottesgeschichte. Wir haben Gott inständig um Frieden gebeten, und noch vor ein paar Tagen konnte sich niemand vorstellen, wie das sein soll.
Im Buch Hiob heißt es in der Bibel, dass jeder Mensch es zwei- oder dreimal in seinem Leben erlebt, dass Gott ihn aus dem Tod ins Leben errettet. Und vielleicht erleben es auch Völker. Ich habe mit dem heutigen Tag das dritte Mal hinter mir; mehr darf ich gar nicht erwarten. Nach 1945, nach der totalen Zerstörung, konnten wir noch einmal anfangen, ein neues Leben zu führen.
Und so lange ist es gar nicht her, dass das passiert ist, was keiner von uns für möglich hielt: dass die Mauern zwischen Ost und West fallen, die Welt offen ist bis nach Nowosibirsk und Moskau, und dass nach diesem Weltenbrand, den wir alle fürchteten, jetzt Waffenstillstand ist. Wenn Gott uns das nicht noch klarer machen müsste, was er wirken kann. Wir trauen es ihm gar nicht zu.
Gott als Quelle des Lebens
Auch in unserem Leben möchte ich heute Abend nicht darüber sprechen, dass man zum Sterben Gott braucht. Ich möchte auch nicht darüber sprechen, dass man zum Leben Gott braucht. Da gibt es genug in Langenau und drumherum, die prächtig ohne Gott leben.
Aber Gott möchte mit seiner Ehre und mit seiner Macht in unser Leben hineinwirken. Und es ist eine größere Not als Holocaust, Kindstötung und Erbarmungslosigkeit, wenn wir Gott abblitzen lassen. Gott möchte doch die Quelle unseres Lebens sein, damit unser Leben erst das wird, was es nach dem Plan Gottes sein soll.
Unser schwäbischer geistlicher Vater Johann Albrecht Bengel hat das schöne Liedgedicht in unserem Gesangbuch geschrieben: Gott lebt, sein Name gibt Leben und Stärke. Und da heißt es am Schluss: Seid ihr noch entfernet? So seht und lernt, was manche an seinen durchdringenden Gaben, ja selber an ihm, dem Lebendigen, haben. Da hasch was!
Menschen, an denen Gottes Leben sichtbar wird
Das ist meine Erfahrung meines Lebens. Ich bin vielen Menschen begegnet, die mit Gott gelebt haben. Es waren noch keine Engel. Sie haben viele Fehler gehabt, vielleicht nicht so viele wie ich, aber sie waren noch nicht vollkommen. Und trotzdem haben sie mich fasziniert, weil man gemerkt hat: Da ist etwas anderes als bei anderen Menschen, da ist mehr.
Ich habe das bei Patentanten erlebt, bei Erzieherinnen, bei Kindergottesdiensthelfern, kirchlichen Mitarbeitern und in der Verwandtschaft.
Nehmen Sie bloß einmal Johann Albrecht Bengel selbst. Er war dreißig Jahre lang einer der klügsten Leute, die es in Württemberg je gab. Und wir sind alle ein bisschen gescheit, gell. Aber er war übergescheit. Er war verbannt in Hocloco Meo Obscuro, hat er gesagt, in diesem dunklen Winkel Denkendorf, und musste sich dreißig Jahre lang mit zwölfjährigen Buben als Lehrer herumschlagen.
Aber seht und lernt, was manche an seinen durchdringenden Gaben ja selbst an ihm der Lebendigen haben. Die Bücher, die er geschrieben hat, die Erläuterung zum Neuen Testament, den Gnomon, den muss heute noch jeder Theologe in seinem Bücherschrank haben. Nach 250 Jahren habe ich hier bei meinem letzten Umzug meterweise theologische Bücher verschenkt, die brauche ich nicht mehr. Aber hier in diesem Buch von Bengel, da ist so viel Vitalität drin, so viel Durchblick, dass es durch die Jahrhunderte hindurchgeht und gebraucht werden kann.
Das Leben mit Gott als „Parfüm“
Ich habe es in Ostafrika erlebt, bei den Geschwistern in Uganda. Der Bischof Festo Kivengere, der uns bei Gemeindetagen besucht hat, hat einmal im Neckarstadion gesagt, dass Menschen, die mit Gott leben, ein „Perfume of life“ seien, ein Parfüm, ein Odeur des Lebens.
Und dann hat er, wie man in Ostafrika immer begeistert ist, gesagt — ich kann es gar nicht so nachmachen —, er sei „perfume of life“, voll Begeisterung. Da war alles voller Vitalität.
Das vom Krieg furchtbar mitgenommene Uganda, wie die Augen der Christen trotz Kälte — in Uganda kann es unheimlich kalt sein —, trotz Hunger und trotz Angst gestrahlt haben: because the Lord is so close, weil der Herr Jesus so nah ist.
Ich glaube, wir haben alle noch das vor uns, dass wir erst erleben, was Leben aus Gott für uns bedeuten kann. Eine unglaubliche Vitalität!
Das große Aber inmitten der Not
Da werden wir nicht vor allem Bösen in dieser Welt bewahrt. Jedoch gibt es das große Aber.
Als Josef von seinen Brüdern verstoßen, in die Sklaverei verkauft, im Haus Potifars ausgestoßen, ins Gefängnis gesetzt und im Gefängnis von dem vergessen wurde, der ihm Fürsprache tun wollte, also dreckiger kann es einem nicht mehr gehen, da heißt es: aber der Herr war mit Josef. Und dann konnte er später zu seinen Brüdern sagen: Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.
Jünglinge werden müde und matt, sie straucheln und fallen, aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen und Ölquellen brennen und die Nationen zusammenstoßen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen.
Das ist doch etwas zum Leben. So will Gott in unser Leben hinein, dass dieses große Aber gilt. Vater und Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.
Jetzt nehmen Sie den violetten Stift oder den grünen und streichen Sie mal alle in der Bibel diese Worte mit diesem Aber an. Es gilt die Wirklichkeit unserer Welt mit viel Not, aber der Herr ist immer noch größer.
Das haben wir bei einem der Gemeindetage gesungen. Gott ist für unser Leben. Ich lebe, und ihr sollt auch leben. Damit hat Herr Pfarrer Baumann den Abend begonnen.
Die Wirklichkeit des Sterbens
Aber sterben müssen wir auch noch, todsicher. Wie wir oft so merkwürdig sagen: todsicher. Und ich merke, dass es zielstrebig darauf zugeht. Ohne die Brille sehe ich überhaupt nichts mehr, und mein Gehör lässt nach, so dass ich immer wieder fragen muss: Wie bitte? Und die Galle tut nicht mehr mit.
Es ist wie bei einem Haus, in das es hereindrängt, das Risse hat. Und wo der Hausbesitzer sagt: Da lohnt es nicht mehr viel zu reparieren, wir reißen es nachher ab, todsicher.
Und ich stehe hier vor Ihnen als einer, der sich immer wieder den Gedanken verbietet, dass man auch mich einmal hinaustragen wird. In dieser komischen Kiste, die wir Sarg nennen, kann man sich das nur gar nicht vorstellen. Ich stehe hier vor Ihnen als einer, der oft gewürdigt war, beim Sterben dabei sein zu dürfen. Holen Sie Christenmenschen, holen Sie uns Pfarrer auch an Sterbebetten wieder!
Natürlich haben wir auch Angst. Das ist man gar nicht so gewohnt, das Sterben. Da ist Bangigkeit, wie das sein wird, dabei zu bleiben, in den Stunden, wenn ein Mensch auf der letzten Wegstrecke dieses Lebens ist. Aber es ist immer auch etwas Erhabenes dabei.
Wenn das Röcheln übergeht in letzte Atemzüge, denkt man sich aus: Nein, noch einmal atmet dieser Mensch tief durch. Und dann ist mit einem Mal klar: Das ist jetzt der letzte Atemzug. Das Ohr, das noch eine halbe Stunde vorher gehört hat, wenn wir gebetet haben: Ordne unseren Gang, die Lippen, die sich mitbewegt haben, die sind tot. Da brauchen Sie keinen Leichenbeschauer und keinen Arzt mehr, der Ihnen sagt, dass jetzt der Tod eingetreten ist. Das, was vorher noch da war, das das Leben ausmachte, ist weg, und wie ein abgelegtes Kleid ist der Körper da.
Es ist manchmal ein richtiger Adel über dem Gesicht eines Sterbenden. Ich habe es immer wieder bei Frauen erlebt, bei Großmüttern: In den ersten Stunden nach dem Tod fast eine bräutliche Schönheit.
Fragen nach dem Danach
Der Tod ist nicht zu fürchten. Aber was ist dann? Wo ist der, der eben noch gelebt hat?
Da gibt es viele Vermutungen. Es gibt heute sogar ganze Spezialisten, die auch in unseren evangelischen Kreisbildungswerken reisen. Man nennt sie Sterbeforscher. Sie sagen, da komme dann der rosa-rot wallende Nebel, und man fühle sich ganz leicht.
Aber es sind eben Vermutungen. Denn keiner, der im Tod war, ist zurückgekommen. Es waren bloß Leute, die scheintot waren oder bei denen man meinte, sie seien klinisch tot. Und wir wollen doch auch unsere Gewissheit darüber, auf was wir zugehen, nicht auf Vermutungen gründen. Glaube ist mehr als Vermutung, das war das Thema dieser Woche.
Was wird danach sein? Wem gehöre ich dann? Wo werde ich sein?
Es ist mir als einem alten Mann tröstlich gewesen, dass in Schorndorf, wo ich als Pfarrer wirken durfte, wir einen jungen Gemeindeglied hatten, Ralf Altenburger. Wo wir ihn brauchten, war er dabei, sprühend vor Leben, so dass manchen guten Christen das fast zu viel war, nicht? Aber bei jeder Sprecherfolge, noch am Heiligen Abend, war der Ralf voll da, hatte Ideen. Diplomingenieur, begabt, im schnellen Porsche, schick, immer das Beste vom Besten angezogen.
Und ich habe gesagt: Ralf, wie bist du eigentlich zum Glauben gekommen? Da hat er mir eine Geschichte erzählt. Da habe ich gesagt: Schreib es auf. Im Mai 86 hat er es mir aufgeschrieben, im November 86 war er tot, mit seinem Porsche von der Straße abgekommen, gegen einen Baum gefahren.
Ein Zeugnis gegen die Angst
Er hat die Geschichte überschrieben: Wie Gott mir die Angst vor dem Sterben nahm.
Als ich fünfzehn Jahre alt war, kam eine merkwürdige Unruhe über mich. Ich war damals schon ein junger Kerl und wusste: Die Uhr des Lebens läuft gegen mich, mit jedem Tag. Und was wird dann sein?
Ich betäubte diese Unruhe durch Fußballspielen, durch meine Freunde, durch Sport und durch Discos. Aber wenn ich allein war, wurde sie noch schlimmer. Was wird sein? Die Uhr des Lebens läuft gegen mich.
Da sagte ihm ein klasser Kamerad: Du Ralf, Jesus ist die Auferstehung und das Leben. Wer an ihn glaubt, der kann gar nicht mehr richtig sterben.
Also, verstehen Sie, ich hätte den Mut gar nicht so gehabt, so ein Bibelwort zu sagen. Ich hätte gedacht, das muss man theologisch aufbereiten und verständlich machen. Der Klassenkamerad hat gewusst, dass Gott selbst ein Bibelwort in die Hand nehmen kann und wirken kann. Bei dem Ralf hat es gewirkt.
Endlich einmal ein Wort, an das ich mich halten konnte. Und ich las in der Bibel, um mehr von Jesus zu erfahren. Dabei kam Ruhe in mein Leben hinein, und eine neue Kraft.
Und dann hieß es am Schluss: Und ich lade alle Menschen ein, Verbindung mit diesem Jesus aufzunehmen, mit seinem Leben.
Als der Ralf gegen den Baum gefahren war, haben wir dieses Zeugnis eines jungen, damals 24-jährigen Diplomingenieurs in die Zeitung gesetzt, als Anzeige.
Gottes Blick auf unser Leben
Also kann man schon als 15-Jähriger von der Frage umgetrieben sein: Was ist dann?
Die Bibel gibt darüber gar nicht viel Auskunft, weil sie in erster Linie an unserem Leben interessiert ist und nicht bloß sagen will, wie es nach dem Tod weitergeht. Wir haben Gott so spezialisiert, dass er uns helfen soll, wenn wir dann selber nicht mehr können. So lange schaffen wir es schon, aber wenn es dann nicht mehr geht, dann können wir Gott brauchen.
Im Psalm 139 muss ich Ihnen gerade vorlesen, was über unserem Leben gilt: Du hast meine Nieren bereitet, du hast mich im Mutterleib gebildet, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin, deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war. Als der Arzt noch nicht einmal beim Schwangerschaftstest bei Ihnen jetzt sagen konnte, zu Ihrer Mutter ist ein Kind zu erwarten, hat Gott uns schon gesehen, im Blick gehabt. Jeder von uns ist ein Gottesgedanke.
Gott legt unheimlich viel Wert auf unser Leben, jeden Tag. Und deshalb heißt es in der Bibel immer wieder: Komm doch zu mir, folge mir nach. Ich strecke meine Hand aus zu dir, folge doch mir, damit ihr das Leben habt.
Sterben ist nicht das Schlimmste. Es ist nicht leicht für uns zu sterben, aber es ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, wenn wir von Gott her denken, und das ist doch die einzig richtige Sicht. Wenn wir von Gott getrennt sind, dann sind wir, auch wenn unser Herz schlägt und die Nieren arbeiten, tot. Deshalb ist es wichtig, dass wir Anschluss bekommen an Gott.
Gnade statt eigener Leistung
Einer der bewegendsten Seelsorgefälle, deren ich gewürdigt war, war der eines alten Mannes. Er hatte eine Sendung im Evangeliumsrundfunk gehört und nahm Briefwechsel mit mir auf. Nach und nach kamen die Briefe. Sie kamen mir zuerst so komisch vor, denn immer waren Gedichte dabei, immer nach dem Versmaß. Es ging immer um den einen Vers aus dem Epheserbrief, der heute so übersetzt ist: Gott hat uns begnadet mit Jesus. Früher hieß es in Lutherübersetzungen: Er hat uns angenehm gemacht durch Jesus.
Immer wieder kam dieser Vers in neuen Gedichtzeilen vor. Aber dann kam nach und nach heraus, was dahinterstand. Ich habe ihn dann auch einmal oben in Norddeutschland besucht, den über 90 Jahre alten Mann, einen ehemaligen General in einer Polizeidivision. Er war in den Nationalsozialismus hineingeschlittert und auch in furchtbare Verbrechen seiner Division verwickelt. Nach 1945 war er in Landsberg zum Tode verurteilt worden, saß jahrelang dort und dachte bei jedem Schritt: Jetzt bist du dran. Bis er dann begnadigt wurde.
Er hat mir gesagt: Bruder Harm, wissen Sie, was mein Leben verändert hat? Dieser Satz in Epheser 1: Gott hat uns angenehm gemacht durch Jesus, mit dem ganzen Dreck meines Lebens. Das trieft von Ungerechtigkeit. Ich bin hineingeschlittert, aber ich war drin. Jetzt hat Gott mich angenehm gemacht.
Als dann seine Tochter schrieb: Der Vater ist eingeschlafen, habe ich gewusst: Der entscheidende Tag, an dem er ins Leben kam, war der, als er begriffen hat: Ich bin mit der Fülle meiner Schuld Gott angenehm geworden. Ich bin angeschlossen. Ich darf in die Nähe Gottes kommen.
Leben und Sterben in der Verbindung mit Gott
Jochen Klepper, der große Dichter und Schriftsteller, hat uns manche historischen Quellen erschlossen. Dazu gehört auch der Briefwechsel zwischen dem großen Soldatenkönig von Preußen und dem Grafen Zinzendorf.
Der Soldatenkönig, der wohl beleibt war, schrieb in seinem letzten Brief an den Grafen Zinzendorf: Ich kann getrost sterben. Ich habe anständig gehandelt, ich habe das Beste getan. Ich habe kaum lange in jeder Nacht geschlafen, ich war für mein Volk da, manchmal streng, aber keiner kann mir viel nachsagen.
Dann ist es rührend, wie der Graf Zinzendorf seinem König schreibt: So wollte ich nicht in den Tod hineingehen. Ich wollte nicht sagen, ich habe alles recht gemacht, sondern ich wollte hineingehen, weil ich weiß, ich bin verbunden mit Gott im Leben und im Sterben. Dein bin ich, so haben wir es früher als Konfirmanden gesagt, tot und lebendig. Mach mich, o Jesu, ewig selig, nicht so.
Und Zinzendorf kriegt den König in der Seelsorge herum. Er sagt: Ich will mich auf die Gnade Gottes verlassen. Da schreibt ihm Zinzendorf das wunderbare Lied, das wir viel zu selten singen: Die Christen gehen von Ort zu Ort durch mannigfachen Jammer. Lesen Sie es mal zu Hause, es steht im Gesangbuch. Da heißt es zum Schluss: Wir warten mit Gelassenheit der großen Offenbarung, wie es im Sterben sein wird, da warten wir darauf. Wir wollen nicht alles wissen. Hauptsache ist: Ich gehöre diesem lebendigen Gott, der mich durchträgt durch Sterben.
Helmut Lamperter, Professor, Pädagoge, Dichter, der mich seiner Freundschaft gewürdigt hat, hat immer gesagt: Rolf, ich bin gespannt auf meinen Tod, was da Gott an mir tun wird. Der lässt mich doch nicht hängen, mein Gott!
Er liegt jetzt im Sterben. Ich habe es neulich, als ich in seinem Leidenslager stand, gedacht: Jetzt, Helmut, jetzt gespannt.
Die Stunde des Abschieds
Aber ich stelle mir oft vor, wie es bei mir sein wird, wenn mein Herz und meine Gedanken vergehen, wie ein Licht, das hin und her wankt, wenn es in die Flamme bricht. Wenn die Stimmen der Angehörigen, die vielleicht um mein Sterbebett herum sind, immer weiter weg klingen.
Dann kommt der Augenblick, da sie über mir sagen: Jetzt ist es zu Ende gegangen. Und was wird dann sein? Dann wird das gelten, was der Herr Jesus oft in meinem Leben zu mir gesagt hat: Komm doch her zu mir, fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Du bist mein, du gehörst nicht dem Tod.
Ich werde doch nicht bloß in einem großen Wartesaal sein, um zu warten, dass der jüngste Tag kommt, so wie der Apostel Paulus sagt: Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christus zu sein.
Wie das sein wird, das warten wir mit Gelassenheit ab. Aber dass Jesus mich nicht fallen lässt, das müssen Sie heute festmachen, wenn Sie mit ihm verbunden sind. Rufen Sie doch den Namen Jesus an, als hätten Sie es noch nie getan. Jesus, sei mein Herr. Heute möchte ich dein Leben erfahren, und morgen, und dann auch, wenn es zum Sterben geht.
Die Hoffnung der Auferstehung
Als Jesus damals in Bethanien sagte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer da lebt und an mich glaubt, der kann gar nicht richtig sterben. Glaubst du das, Maria, Martha?“
Ein paar Augenblicke später stand Jesus an dem Grab des Lazarus und sagte: „Macht’s auf!“ Und Martha sagte: „Unmöglich, der ist schon in Verwesung übergegangen, der stinkt schon.“
Und dann rief Jesus: „Lazarus, komm heraus!“ Und da richtete sich der auf, der sich doch eigentlich gar nicht mehr aufrichten konnte. Und da hat das Auge, das doch eigentlich schon in Verwesung übergegangen war, seinen Freund Jesus gesehen. Und die Lippen, die schmal geworden waren im Sterben, sagten: „Mein Jesus!“
Damals hat Jesus erwiesen, was er kann. Für ihn sind wir nicht nur dein bloß abgelegtes Kleid, Hülle.
Ach, ich wünsche, dass er das heute Ihnen sagt und auch im Sterben: Komm, komm! Wenn meine Lippen schmal geworden sind im Sterben, dass sie ihn preisen und mein Auge, das gebrochen sein wird, ihn sieht und meine Arme, die sich nicht mehr regen, ihn umfangen: mein Herr!
Schon jetzt von Gott geformt werden
Das kann ich nur sagen wie der Ralf: Ich wünsche Ihnen die Weisheit, dass Sie jetzt Gott mit seinem ganzen Leben und den, den er als Retter uns gesandt hat, Jesus, mit seiner Auferweckungskraft schon heute in Ihr Leben hineinlassen und an sich schaffen lassen. Sie werden heute Morgen noch keine Engel sein.
In Ulm haben wir im letzten Jahr eine besondere Gelegenheit gehabt, beim Münsterjubiläum auch die Münsterbauhütte sehen zu können. Ich habe bei der Öffnung einen der Mitarbeiter, Herrn Geiger, gefragt. Er hatte gerade so einen großen Muschelkalkblock eingespannt, so zwei Meter auf zweieinhalb. Wie lange werden Sie daran schaffen, bis er fertig ist und nachher so ein kleines Stück irgendwo am Ulmer Münsterturm sein wird? Zwei Monate, drei Monate, wie mit den modernen Werkzeugen? Er hat gesagt: zweieinhalb Jahre.
Und so meine ich: Die Zeit, die Gott uns noch bis zu unserem Tod schenkt, sollte eine Zeit sein, in der der große Meister an Ihnen schaffen darf und an mir. Die Welt braucht keine Engel, aber sie braucht Menschen, an denen sie sieht, dass Gott schafft, und die es ihm zulassen, dass er sein Kunstwerk macht.
Uns eigentlich kommt es darauf an. Der alte Kirchenprofessor Dr. Otto Michel, vorher ist der Professor Jüngel zitiert worden, mein alter Lehrer Michel, hat einmal gesagt, das gehört so ein bisschen feierliche Sprache: Das Größte wird sein, wir werden ihn sehen. Und wir werden ihm gleich sein, steht in der Bibel. So, wie Jesus voll ewiger Gottesvollkommenheit ist, Gottesherrlichkeit, Gottesglanz, so sollen auch wir einmal sein.
Sehen Sie vor: Jesus hat so viel vor. Jetzt lassen Sie doch an sich schaffen. Lassen Sie es nicht zu, dass unser Glaube bloß ein Wissen da im Kopf ist. Der lebendige Gott will an Ihnen schaffen, was er noch nie in Ihrem Leben geschafft hat. Und dann auch die Angst nehmen vor dem Sterben. Bange darf es uns sein.
Das Zeugnis einer einfachen Glaubensfrau
Noch eine Geschichte:
Zu den Menschen, bei denen ich Vitalität des Glaubens erlebt habe, war meine Grossmutter. Eine schlichte Frau aus der Schwäbischen Alb. Wir als gescheite Enkel haben immer gedacht: Wenn es in dem Liebebrief von der Grossmutter auch orthografische Fehler gab, dann dachten wir: Mir dumme Kerle, gell.
Aber sie strömte voll Liebe und Vitalität. Als sie gestorben war, sagte der Sparkassenbeamte: So ein Konto habe ich nie gesehen. Es war dauernd überzogen, weil sie so verschenkt hat. Sie hing nicht am Geld.
Als die Amerikaner ins Dorf kamen und alle in den Keller mussten, durfte sie obenbleiben, weil sie sogar ihnen mit einer Kanne Malzkaffee entgegengekommen ist. Herberget gerne!
Sie hat dann bei uns in Stuttgart die letzten Lebensmonate erlebt, Gesichtskrebs, eine Christin. Wissen Sie, wenn das Morphium nicht mehr hilft, dieses Stöhnen werde ich nicht vergessen. Auch Christen werden stöhnen müssen, wenn der ganze Mundraum, der Kieferraum zerfressen ist, die Wange zerfressen ist und man bloß noch wartet, bis der Krebs sich durchfrisst zur Hauptschlagader.
Dieses Stöhnen, dieser Geruch der Verwesung an einem lebendigen Leib – sterben ist nicht leicht.
Dann kam in einem der letzten Lebenstage der Großmutter meine Base Elisabeth, um sich zu verabschieden, und da hat die Großmutter bloß gesagt, so dass man sie kaum verstehen konnte. Sie hat ja kaum mehr Lippen, Zunge gehabt:
Ich wandere meine Straßen, die zu der Heimat führt, wo mich ohn alle Massen mein Vater trösten wird.
Jetzt wünsche ich Ihnen, dass wir auch auf diese Straße gehen, wo das Schönste erst noch kommt.
Gebet und Segen
Ich darf Sie bitten, sitzen zu bleiben und zu beten.
Herr Jesus, wir danken Dir für die Wunder, die wir erleben können, für die Wunder Deiner Macht auch heute in den Wirren dieser Welt. Du kannst so viel, und Du könntest noch viel mehr in unserem Leben tun, wenn wir Dich hineinlassen würden, wenn wir auf Dein Wort lauschen würden, wenn wir fragen würden: Was willst Du, Herr? Wenn wir mit Deiner Macht rechnen würden.
Überwinde Du jetzt all unsere Bedenken! Du kennst jetzt jeden hier in dieser Kirche, der in der Stille sagt: Herr, ich will mit Dir leben. Komm Du zu ihm und geh Du die Wege unseres Lebens mit, bis wir Dich einmal schauen in Deiner ewigen Herrlichkeit, bis ich nach ausgestandener Prob in vollem Licht zu Gottes Lob die Gottesschau erlange.
Amen.

