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Missionarisch leben

Philipper 1,12-3009.03.1980
Glaube ohne Verkrampfung: Paulus zeigt, wie selbst Leid, Schwäche und Alltag Jesus sichtbar machen können. Nicht Erfolg zählt, sondern ob dein Leben Frucht bringt und Christus groß macht.

Einleitung und biblischer Ausgangspunkt

Der Predigttext ist aus dem Philipperbrief, 1,12-30. Wer mitlesen will, kann das tun.
Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder, dass die Lage, in der ich bin, eher zur Förderung des Evangeliums geführt hat. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist dem ganzen Prätorium und bei allen übrigen offenbar geworden. Und viele Brüder haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht im Herrn gewonnen und sind umso kühner geworden, Gottes Wort ohne Scheu zu verkündigen.
Einige predigen Christus zwar aus Neid und Streitsucht, andere aber aus guter Gesinnung. Die einen tun es aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums berufen bin. Die anderen aber verkündigen Christus aus Ehrgeiz und nicht lauter, denn sie möchten mir in meiner Gefangenschaft Kummer bereiten.
Was tut’s aber, wenn nur Christus verkündigt wird, auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit? So freue ich mich darüber und will mich auch fernerhin freuen. Denn ich weiß, dass dies zu meinem Heil ausgehen wird, durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi. So wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern Christus frei und offen, wie immer, so auch jetzt an meinem Leibe verherrlicht wird, es sei durch Leben oder Tod.
Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. Wenn ich aber am Leben bleibe, so dient es mir dazu, noch mehr Frucht zu schaffen. Darum weiß ich nicht, was ich wählen soll. Von beiden Seiten werde ich bedrängt. Ich sehne mich danach, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre. Aber um euretwillen ist es nötiger, dass ich weiterlebe.
In solcher Gewissheit weiß ich, dass ich am Leben bleiben und bei euch allen bleiben werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben, damit euer Ruhm in Christus Jesus durch mich noch größer wird, wenn ich wieder zu euch komme.
Nur lebt als Gemeinde, wie es dem Evangelium Christi entspricht, damit ihr, ob ich nun komme und euch sehe oder abwesend von euch höre, in einem Geist feststeht und mit uns einmütig für den Glauben an das Evangelium kämpft. Lasst euch in keinem Stück von den Widersachern erschrecken. Das ist für sie ein Anzeichen des Verderbens, für euch aber der Rettung, und das von Gott.
Denn euch wurde geschenkt, nicht nur an Christus zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden. Ihr steht ja in demselben Kampf, den ihr an mir gesehen habt und nun von mir hört. Mithelfen dürfen, dass der Gottesdienst gestaltet wird.

Die Gefahr des verkrampften Christseins

Wenn man jetzt von uns eine Gruppenaufnahme machen müsste, ich weiß nicht, ob Sie sich auch so verklemmt fühlen würden, wie ich mich da so fühle. Man steht da und muss aufpassen, dass der Kopf richtig zum Vorschein kommt, unter den vielen Köpfen herausragt und dann, dass man auch gesehen wird und nett gesehen wird. Und man muss ja lächeln.
Dann verzieht man den Mund, und dann wird das ganz verkrampft, wenn man immer denkt: Jetzt der Fotograf, wann knipst er denn endlich? Wann kommt das erlösende Klick? Und endlich ist es so weit, aber da ist schon das Gesicht ganz verzogen und verkrampft, immer von der Fixierung darauf: Ich werde geknipst, ich muss jetzt in Positur stehen.
Genau so geht es Christen, wenn sie sich bewusst sind: Ich werde von meiner Umgebung als Christ beobachtet. Das steht ja heute dahinter, wenn wir das Thema haben: missionarisch leben. Sie leben in ihrer Familie oder in ihrem Haus, in ihrer Umgebung, unter Nichtchristen, dort, wo sie arbeiten. Natürlich werden sie beobachtet.
Und wenn wir heute noch dazusetzen, sie müssen durch ihr gesamtes Leben, durch ihr ganzes Verhalten missionarisch sein, nicht bloß durch ihre Worte und ihren Mund, dann kann das ungemein verkrampfen, wie bei so einem Fotografen. Man denkt immer: Jetzt steht einer da und schaut auf dich. Und dann gibt es auch so ganz verkrampfte Gesichtszüge.
Kennen Sie Christen, die dauernd so verkrampft leben im Bewusstsein: Ich werde beobachtet, ich muss jetzt missionarisch sein? Das hat ja bestimmt nicht der Apostel Paulus gemeint, wenn er uns dazu aufgerufen hat, würdig des Evangeliums von Jesus Christus zu leben.
Wollen dem heute einmal nachgehen, wie das in unserem Leben sinnvoll getan werden kann, aber auch in unserer Gemeinde. Wir sind ja hier mitten in einen ganzen Stadtteil hineingestellt mit unserer Ludwig-Hofacker-Kirche, und da schauen die Menschen auf. Und was sind denn das für Leute, die da in die Kirche gehen? Und was machen die da mit ihrem Gottesdienst?
Bevor wir nur ein Wort an den Glastüren übermitteln, haben die Leute uns schon lange beobachtet. Es sollte uns wichtig sein, dass wir durch unser ganzes Dasein, durch unser Verhalten die Menschen anlocken, anreizen, dass sie Freude gewinnen und sagen: Da möchte ich auch dazugehören, da möchte ich auch dabei sein.
Wir wissen auch, wie man durch ungeschicktes Verhalten Menschen abstoßen kann. Aber das Verkrampfte, das ist mir auch zuwider. Jenes Verzwungene, fast Gestelzte, wie auf einer Fotografie, dieses verkrampfte Dahergehen mit versteinerten Gesichtszügen, mit diesem verkrampften Lächeln, als ob man jetzt um jeden Preis auf die anderen Menschen eben so wirken müsse, dass sie zu Jesus hingezogen werden.

Drei Leitziele für ein glaubwürdiges Leben

Ich bin froh, dass Paulus hier uns drei Leitziele gibt. Daran macht er deutlich, was er unter missionarischem Leben versteht und wie er es meint, wenn er sagt, würdig des Evangeliums zu leben, also so zu wandeln, wie es dem Evangelium von Jesus entspricht.
Natürlich meint Paulus auch unser äußeres Verhalten. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur, weil die Menschen uns beobachten, wollen wir das Böse lassen und nicht in Zweideutigkeiten leben. Das ist bei Paulus immer mit eingeschlossen.
Er nimmt jetzt diese drei Punkte, die mir in diesem ganzen großen Abschnitt wichtig sind, als beherrschende Lebensziele für ein missionarisches Leben.
Das Erste: Das Evangelium soll groß herauskommen. Wenn Sie das beachten, wird es bei Ihnen zu keinen Verkrampfungen führen.
Es gibt viel Traurigkeit im Leben von Christen. Viele haben einen Schmerz. Ich denke auch, jetzt sitzen eine ganze Reihe unter uns da, die persönlich sehr betrübt sind und denen es Schwierigkeiten macht, ihren Glauben damit in Verbindung zu bringen. Da hilft es Ihnen heute Morgen weiter, wenn Sie erkennen: Der Apostel Paulus hat diese Verse geschrieben, als er in einer schweren Haft war, in Rom, am Ende seines Lebens.
Es war ihm vorher noch besser gegangen. Er hatte gewisse Freiheit. Am Ende der Apostelgeschichte wird das erwähnt. Aber jetzt ist er wieder unter strenger prätorianischer Bewachung in einer Kaserne, wahrscheinlich sogar in einer Gefängniskaserne, einquartiert. In einem ganz großen, schweren Stück seiner Lebensführung schreibt hier ein bedrückter Apostel.
Und er fängt den Abschnitt so an, wenn Sie es noch im Ohr haben oder jetzt in Ihre Bibel schauen: Ich lasse euch aber wissen die Lage, in der ich bin.

Das Evangelium als Maßstab für die eigene Lage

Jetzt erwarte ich, dass Paulus anfängt und erzählt: Mir geht es sehr schlecht. Ich liege auf reinen Brettern, keine Matratze. Ein kaltes Loch, durch das die Ratten huschen. Die Soldaten sind mit mir sehr grob. Seit einem halben Jahr habe ich schreckliche Zahnschmerzen, aber ich kriege keinen Zahnarzt bewilligt. Übrigens bin ich alt, mein Rheuma plagt mich wieder, von meinem Pfahl im Fleisch gar nicht zu reden. Ich mache mir große Sorgen um euch, nachts schlafe ich nicht.
Die Lage, in der ich bin, wie muss Paulus hier schreiben, kein Wort von seinen persönlichen Nöten, er war doch ein alter Mann. Der muss doch schon die Beschwerden des Alters empfunden haben, kein Wort von alledem! Ich lasse euch aber wissen: Die Lage, in der ich bin, sie dient zur Förderung des Evangeliums.
Merken Sie, wie Paulus immer nur um den einen Punkt kreist, ob sein Leben dazu dient, dass das Evangelium gepredigt wird. Wenn wir heute Morgen herauskommen wollen, was das ist, missionarisches Leben, dann sollen sie nicht verkrampft durchs Leben gehen und meinen, sie seien jetzt dauernd beobachtet, sondern sie sollen ein Lebensziel haben, für das sie sich einsetzen. Wir wollen, dass mit unserem ganzen Leben das Evangelium gefördert wird.
Und jetzt bringt es der Paulus fertig, dass er sagt: Die Lage, in der ich gegenwärtig bin, die bekommt von diesem Ziel her eine positive Bedeutung. Das will doch in unseren Kopf nicht hinein. Wir würden meinen, wenn er das Evangelium fördern will, dann muss Paulus große Evangelisationsfeldzüge halten, aber nicht im Gefängnis in Rom eingesperrt sein. Aber Paulus denkt ja nicht von den großen Zahlen her, das muss man immer bei ihm lernen.
Paulus sagt, es ist eigentlich ganz wunderbar: Meine Bande sind dort im Gefängnis bei dem ganzen Prätorium offenbar geworden. Die Wachsoldaten, die offenbar auch noch mehrfach am Tag in Schichten gewechselt wurden, die haben im Lauf der Zeit gewusst, warum Paulus in Haft ist. Und Paulus sagt: Das ist doch eine herrliche Missionschance, ich darf diesen römischen Legionären das Evangelium von Jesus bezeugen. Darum murrt er nicht.
So demütig war Paulus. Er hat nur seine Lebenssituationen daraufhin abgeklopft, ob damit das Evangelium gefördert wird. „Ich trage meine Fesseln für Christus.“ Und das haben die Soldaten gemerkt, aber dann steht noch dahinter auch all die übrigen, also bis in die Familien der Soldaten hinein ist das durchgedrungen. Das wurde in Rom sogar gesprochen: Die haben da einen merkwürdigen Gefangenen. Missionarisch leben,

Leiden, Berufung und der Ort des Zeugnisses

Prüfen Sie einmal Ihr Leben daraufhin, ob Sie in Ihrer schweren Lage, in der Traurigkeit, in der Sie leben, noch etwas finden können, was das Evangelium fördert. Bei Paulus muss man sagen: Es war wirklich an den Haaren herbeigezogen. Aber so sieht er sein Leben nur an, wenn auch nur an einem kleinen Stück noch das Evangelium gefördert wird.
Jetzt muss ich Ihnen doch die einzelnen Begründungen des Paulus noch dazu erwähnen, damit Sie merken, wie Paulus da denkt. Ich trage die Fesseln für Christus, dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist dem ganzen Prätorium und bei allen übrigen offenbar geworden.
Ich habe immer etwas Schwierigkeiten, wenn ich die Haltung unseres Missionsbundes Licht im Osten erklären muss, dass wir für die Gefangenen eintreten, die um Jesu willen gefangen sind. Da kommen andere. Neulich kam bei einer Versammlung ein würdiger Herr, der gesagt hat: Warum treten Sie nicht für die politisch Entrechteten ein? Das sind doch auch richtige Leute.
Sicher, das mögen sogar auch Christen sein. Und ich will da gar nichts davon abstreichen, dass man eine gute Sache tut. Wer gegen das Unrecht eintritt, der handelt ja auch im Willen Gottes. Aber Paulus sagt: Es ist noch einmal ein Unterschied, wenn einer für das Evangelium eingesperrt ist, allein für das Evangelium, wo also die Ketten allein schon das Evangelium verkünden.
Paulus sagt: Ich bin nicht eingesperrt, weil ich den Kaiser in Rom schlecht gemacht habe oder weil ich gegen die Regierung gekämpft habe und ein neues Demokratieverständnis gepredigt habe. Ich leide nicht um noch so ehrbarer politischer Ziele willen, die ich bestimmt nicht abwerten will. Sondern Paulus sagt: Mein Leiden ist ein Stück Jesusverkündigung. Das ist der Unterschied bei den Gefangenen um Jesu willen.
Und sagt: Das ist doch auch etwas, wenn man mit seinem Leiden Jesus verkündigen kann, wenn man Schläge einsteckt und unterdrückt wird, nur weil man Jesus die Treue hält. Und das wirkt doch auf andere Menschen. Das hat dort in dem Prätorium auf diese Wachsoldaten einen tiefen Eindruck gemacht. Missionarisch leben, das ist doch wunderbar, wenn dann Christen nicht verkrampft leben, sondern ihre schweren Lebensführungen vor Gott so erleben, damit das Evangelium verkündigt wird.
Und wenn es auch ohne den Mund geschieht, da kann ja Paulus kaum mehr reden, sondern durch seine Ketten. Ich denke, viele, auch unter den Christen heute, werden Wege geführt, die ihnen gar nicht passen. Und viele der Kranken, die wären jetzt am liebsten hier und würden reden, aber Gott hat sie dafür ausersehen, dass sie durch ihre Krankheit hindurch Zeugnis ablegen.
Und es ist ein ganzes Geschenk für unsere Gemeinde, dass wir einige haben, die in ihrer Krankheit uns Jesus so groß machen, wie wir es in gesunden Tagen aus ihrem Mund kaum hätten hören können. Ich bin ja gewürdigt, dass ich an diesen Krankenbetten oft stehe, und mich überwältigt das, wenn dann plötzlich ein Mensch in der ganzen Schwachheit von dem großen Frieden redet, den er hat.
Predigen und Zeugnis geben, auch in Ketten, auch in Banden, auch gebunden.

Berufung im Alltag und die Wirkung auf andere

Es hat einige aus unseren Gemeindegliedern beschäftigt, auf unsere Jona-Predigt hin, ob sie eigentlich nicht auch dem Ruf Gottes entfliehen. Sie haben gesagt: Müsste ich meinen Beruf als Lehrer oder Mathematiker oder Wissenschaftler oder Arbeiter oder Hausfrau oder was ich bin, nicht aufgeben und jetzt auch vollamtlich in den Jona-Dienst treten? Bin ich ja schon darüber. Ist ihnen das nicht klar, dass Gott nie hauptamtlich und nebenamtlich denkt, sondern Gott denkt wie bei Paulus?
Da sitzt einer im Gefängnis. Dann soll er dort im Gefängnis dafür sorgen, dass das Evangelium durch sein Leben gefördert wird. Darum bleibt eine Hausfrau Hausfrau und eine Mutter Mutter, weil dieses Amt durch Gott dem grössten Evangelisten gleichgestellt wird, und zwar dort, wo sie sich mit ihrem Leben befinden. Gott macht doch keine Kurven in ihrer Lebensführung, sondern dort, wo sie stehen, soll ihr Leben zur Förderung des Evangeliums dienen.
Das hat Paulus erkannt, das ist missionarisches Leben. Und da fragen wir doch nicht, wie viel wir erreichen oder ob die Zahl grösser ist oder was effektiver ist, wenn nur das Evangelium gefördert wird.
Und dann sieht Paulus noch eine weitere Begründung darin in seinem missionarischen Leben. Durch seine Verhaftung haben viele Zuversicht gewonnen, in Vers 14, und sind umso kühner geworden, Gottes Wort ohne Scheu zu verkünden. Man müsste eigentlich denken, mit der Verhaftung des Paulus hätten die Gemeindeglieder in Rom gesagt: Vorsicht, jetzt halten wir lieber den Mund, sonst geht es uns auch noch so. Merkwürdigerweise ist durch die Verhaftung genau das Gegenteil eingetreten. Das ist eine Beobachtung, die wir im Kirchenkampf im Dritten Reich machen konnten oder die wir heute in Russland genauso machen.
Je mehr die führenden Prediger verhaftet werden, umso kühner stehen andere plötzlich auf, die bisher den Mund gehalten haben. Es ist also nicht richtig, wenn man sich dann schont und Rücksicht nimmt und sagt: Ich will lieber den Mund halten, sonst hat die Gemeinde keinen Pfarrer mehr. In dem Augenblick, wo der Erste weg ist, kommen fünf andere nach, die desto kühner geworden sind.
Paulus sagt: Ich kann ruhig abtreten, das macht gar nichts aus, dann kommen ja andere nach. Und wenn sie mich verhaften und wenn sie mich köpfen, es dient der Förderung des Evangeliums. Das ist missionarisches Denken bei Paulus.

Die Motive der Verkündigung und die Freiheit in Christus

Und dann kommt eine ganz merkwürdige Begründung: Einige predigen zwar Christus aus Neid und Streitsucht, andere aus guter Gesinnung. Da haben einige Ausleger daraus gefolgert, es sei also ganz egal, welche Einstellung ein Prediger hat, Hauptsache, es wird von Jesus Christus gesprochen.
Egal, ob einer nun das Evangelium zusammenstreicht und wichtige Heilstatsachen ausradiert, Hauptsache, es wird ja noch von Jesus gesprochen. Das wird auch heute in unserer Kirche oft so gebraucht, als ob es eben nur noch darauf ankommt, dass der Name Jesus genannt wird, ganz egal, wie oder was einer darunter sich vorstellt. Das hat Paulus natürlich nie gemeint.
Paulus hat ja ganz klar gesagt: Wenn einer ein anderes Evangelium, ein verändertes, ein verkürztes Evangelium predigt, 1. Korinther 1,9, der sei verflucht, wenn es ein Engel vom Himmel wäre. Für Paulus kann es nicht darum gehen, dass ein verfälschtes Evangelium damit einfach toleriert würde, sondern er meint hier, die Motive der Prediger sind oft merkwürdig.
Darf ich so jetzt mal aus dem Nähkästchen plaudern: Wenn einer auf der Kanzel steht, da mag auch ein Stück Ehrgeiz mitspielen, ein Stück Stolz. Da mag ein Stück unlauterer Motive mit dabei gemengt sein. Das können wir als Christen gar nie unterscheiden. Paulus geht vom vollen biblischen Evangelium aus, das verkündigt wird. Aber da mischen sich menschliche Motive.
Einer aus Neid, einer aus Eifersucht: Offenbar gab es in der Gemeinde gewisse Rivalitäten. Einige fühlten sich wegen Paulus zurückgesetzt, und die waren nun recht glücklich. Jetzt war Paulus in Haft, jetzt konnten sie sich umso mehr entfalten. Paulus sagt: Das macht doch gar nichts aus. Das spielt schon bei jedem Jungserleiter eine Rolle, gewisse menschliche Rücksichtnahme oder Eitelkeiten oder Stolz, wenn nur Christus verkündigt wird. Er hält sich doch daran nicht auf, ob gewisse Prediger auch in Rom froh waren, wenn nun Paulus inhaftiert war, wenn nur Christus gepredigt wird, wenn nur das Evangelium laut wird und verkündigt wird.
Missionarisch leben bedeutet nicht, verkrampft sich wie eine Plakatsäule betrachten, die von den Leuten angestarrt wird, oder gar seine eigene Heiligkeit den Menschen vorzuspielen, sondern missionarisch leben heißt, alle Stationen unseres Lebens daraufhin abzuklopfen, ob sie dazu dienen, das Evangelium zu fördern.

Frucht statt messbarer Erfolge

Zweitens: Missionarisch leben bedeutet, dass wir nicht Erfolg, sondern Frucht suchen. Wir leben ja heute alle vom effektiven Denken, und wir wollen, dass etwas herauskommt. Manchmal kommen Leute von auswärts und sagen: Was kommt da raus in eurer Gemeinde? Sie wollen das irgendwie messen. Das Missionarische, das wir tun, könnt ihr das in Zahlen nachweisen?
Jetzt haben sich so viele Kreise gebildet, und jetzt wächst das. Dann kann man ganz genau sagen: Die Gemeinde ist gesund, sie ist geistlich, missionarisch. Manche haben auch eine furchtbare Ungeduld, wenn sie etwa Bekehrungen feststellen wollen. Das ist mir ein Gräuel, wenn man meint: Jetzt, auf Gedeih und Verderb, Freund, bekehre dich oder bekehre dich nicht, aber ich muss wissen, was los ist. Ich muss diesen Erfolg feststellen und messen können.
Es wäre auch ganz verfehlt, wenn wir Zahlen messen würden. Auch eine volle Kirche sagt noch gar nichts über den Geist Gottes, der hier wirkt. Sie sagt überhaupt nichts. Paulus hat sich gar nie in diesem Erfolgsdenken bewegt. Sonst hätte er ja gar nie im Gefängnis ausgehalten, dass Gott ihn auf die Seite nimmt.
Ich fürchte, dass viele unter uns hier eine falsche Vorstellung haben. Sie leben immer in großen Erwartungen und meinen: Wenn ich im hauptamtlichen Dienst wäre, dann könnte ich vielleicht für Gott etwas wirken. Aber jetzt bin ich ja nur ... Das ist ein unsinniges Reden, ein ungöttliches Reden. Es kommt nicht auf die Größe ihres Einflusses an.
Vielleicht hilft Ihnen da das missionarische Leben des Paulus im Gefängnis zu Rom, übrigens kurz vor seiner Hinrichtung. Hauptsache ist, dass mein Leben Frucht bringt und nicht Erfolg.

Geduldiges Reifen und bleibende Frucht

Ja, was ist Frucht, und was ist der Unterschied zwischen Frucht und Erfolg? Erfolg, das kann man machen: Eine Veranstaltung ist erfolgreich, wenn der Saal gefüllt ist. Aber damit ist noch lange keine Frucht geschehen.
Wenn wir missionarisches Gemeindeleben haben, dann werden wir frei vom Messen der Zahlen, auch von der Frage, wie viele da waren und wie sich das in gewissen äußeren Dingen niedergeschlagen hat. Sondern es geht darum: Hat es Frucht gegeben? Und Frucht, die muss Gott wirken.
Paulus spricht davon in Vers 22 in der Frage, wie es denn wäre, wenn er jetzt zum Herrn gehen müsste, wenn sie ihn hinrichten würden. Und Paulus sagt: Ich hätte große Lust, zum Herrn zu gehen, in die Herrlichkeit. Es wäre wunderschön. Aber ich denke, ich sollte noch etwas Frucht wirken, wenn ich in dieser Welt lebe. Ich möchte Frucht wirken. Paulus sagt nicht: Ich habe noch ein paar Arbeiten zu erledigen. So würden wir reden. Paulus sagt: Ich will Frucht wirken.
Sehen Sie, Ihr missionarisches Leben oder unser missionarisches Gemeindeleben äußert sich darin, dass für Gott eine Frucht heranreift. Nun kann man eine Frucht nicht machen, und das braucht viel Zeit und viel Geduld. So wie ein Apfel am Baum reifen muss: Zuerst ist die Blüte, dann entfaltet sie sich langsam.
Sie wissen, das ist ja kein Geheimnis, dass ich an vielen Äußerlichkeiten und inneren Haltungen unserer Volkskirche sehr leide. Ich glaube, dass wir uns nicht einfach immer mit der Geschichte trösten dürfen, mit vielen Fehlentwicklungen auch unserer württembergischen Kirche. Aber wenn wir solche Fehlentwicklungen beobachten, dann möchte ich doch sagen: Ich bin auch gern in einer Volkskirche. Hier kann Frucht reifen.
Ich arbeite gern an meinen Konfirmanden und weiß, dass Gott oft viel Zeit hat, bis seine Frucht am Ende fertig ist. Und wir wollen uns freimachen von jeder großen Neigung, da etwas zu verdrängen, wenn nur Frucht heranreift. Sie brauchen den Wert ihres Lebens nur danach zu messen, ob Gott noch Frucht durch sie wirken will.
Da, wo sie sind, das ist eine langwierige Arbeit. Lassen Sie sich von diesen Schnellrednern nicht immer verirren, beeindrucken und durcheinanderbringen, die Ihnen so vormachen, als ob man das so geschwind machen könnte. Bei denen fallen die Entscheidungen so kurz, in ein paar Minuten, die Entscheidungen für oder gegen Christus.
Paulus spricht von Frucht. Mitarbeit in der Gemeinde, das ist ein Wirken, damit Frucht entsteht. Und wir wollen dann nur solche Röhren sein wie in den Zweigen, wo der Saft zufließen kann, damit er eine Frucht heranreift. Das ist ein sehr geduldiges und langsames Warten.
Missionarisches Leben, ja, wir wollen missionarisch leben. Aber das heißt, wir wollen an Menschen wirken und Frucht schaffen für Gott und für sein Reich. Ihr habt mich nicht erwählt, sagt Christus, sondern ich habe euch erwählt und gesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe.
Wir wollen uns wachsen und gedeihen lassen, in großer Ruhe und in großer Geduld. Das Evangelium wollen fördern und mit unserem Leben Frucht bringen. Das sollen Lebensziele sein. Dazu bin ich da, dass durch mein Leben noch Frucht entsteht.
Ihr Alten, wenn ihr fragt, wozu bin ich denn noch da, wozu werde ich benötigt, dann damit ihr auch im Alter noch etwas Frucht bringt für Gott. Und die Frucht heißt Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Und durch dieses Zeugnis hindurch Menschen, die Frucht sind, die sich Gott hingeben.

Christus im Zentrum des ganzen Lebens

Noch ein Letztes, das Paulus hier nennt: Christus soll verherrlicht werden. Im Vers 20 am Ende heißt es: In allen Dingen frage ich nur danach, ob Christus durch mein Leben verherrlicht wird.
Paulus sagt: Wenn es nach mir ginge, würde ich gern heute sterben. Es wäre eigentlich wunderschön, ich dürfte zum Herrn gehen. Das war für ihn klar. Für gläubige Menschen ist das Sterben ja kein Erleiden des Todes, sondern ein Hindurchgehen zum Schauen der Ewigkeit und zum Stehen vor Jesus Christus. Darauf freut er sich sehr. Aber er sagt: Ich frage nicht, was mir mehr gefällt.
Paulus fragt nicht nach der Lust für sich selber. Er nimmt überhaupt seinen Glauben nicht so, dass er individualistisch fragt, was für ihn am meisten dabei herauskommt. Sondern er sagt: Was kommt eigentlich für Christus heraus? Wie kommt für Christus am meisten heraus? Das ist ein missionarisches Denken, das er hat. Und wenn Christus mich braucht und sich an mir verherrlicht, ja, wie verherrlicht sich denn Christus an mir?
Manche Leute meinen, indem sie durch die Welt stolzieren und so tun, als wenn sie perfekte Menschen wären, würde Christus verherrlicht. Meist wird durch solche fromme Schaustellung Christus gar nicht verherrlicht. Ich habe ja da eine große Allergie dagegen, gegen dieses fromme Zur-Schau-Stellen, gegen dieses verkrampfte Daherstolzieren, weil es auch gar nicht der Echtheit entspricht.
Christus wird doch verherrlicht, indem wir den Menschen recht offen und schonungslos bekennen, wie notvoll wir uns selber empfinden. Das vergesse ich nicht bei unserer Frau Bruckmann, wie sie einmal da vorne an der Kirchentür mich begrüßt hat und gesagt hat: Wie geht es? Und ich sage: Es geht mir wunderbar. Und dann habe ich gefragt: Wie geht es Ihnen? Und sie sagt: Schrecklich. Warum? Ich ärgere mich maßlos, vor allem ärgere ich mich über mich selbst.
Diese nüchterne christliche Grundhaltung: nicht so tun, als ob man nach außen hin etwas ausstrahlen könne, sondern: Ich leide an mir, aber ich habe einen Herrn Jesus, der sich meiner annimmt, der Geduld mit mir hat. Dass Christus verherrlicht wird durch unser sündiges Leben, dass wir seine Gnade rühmen und immer wieder erzählen: Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert.

Leiden, Widerstand und das Ziel der Verherrlichung Christi

Und Paulus nimmt das nun von seinem Leben weiter auf die Philipper und sagt: Ihr, die ihr da lebt, ihr predigt nicht nur für Christus, sondern ihr leidet für ihn. Offenbar hat es in Philippi große Widerstände gegeben. Da wurden sie durch die öffentliche Presse gezogen in der Stadt, da wurde schlecht von diesen Christen geredet, sie wurden verleumdet. Und er sagt: Ihr habt viel zu erdulden von den Widersachern. Im Vers 28 schildert er das: Ihr habt zu kämpfen für den Glauben, das Evangelium. Aber jetzt lasst euch nicht beirren.
Je mehr die Gemeinde unter Druck gerät, Widerspruch erfährt, desto mehr kann Christus verherrlicht werden. Da meinten ja die Philipper: Jetzt ist es aus, jetzt haben wir keine Resonanz, jetzt dringen wir nicht mehr durch. Umso mehr kann Christus verherrlicht werden. Es geht wie bei den russischen Gemeinden oder bei der Gemeinde Jesu in China, wo man denkt: Jetzt ist sie ausgelöscht, und die Christen sind an die Wand gedrückt. Das sind schwache, armselige Christen. Auf einmal wird deutlich, dass in dieser Verfolgungszeit Jesus dennoch gewirkt hat und Menschen zum Glauben gerufen hat. Christus wird groß, nicht Menschen werden groß.
Ist das nicht oft eine Not, dass wir im Missionsdienst meinen, wir müssten ankommen? Man müsste zuerst die Figur eines Evangelisten herausputzen, oder wir müssten bei den Menschen einen guten Ruf haben? Es ist gar nicht wahr. Oft muss man sich wundern, wie Gott trotz unserer Lässigkeit und unserer Versäumnisse dennoch gewirkt hat. Dass Menschen zum Glauben kommen, ist nie unser Vermögen, sondern ist eigentlich nur ein Beweis des Wirkens Christi, der so groß ist, dass er heute noch wirkt.
Missionarisch leben heißt, darauf aus zu sein, dass Christus verherrlicht werde, auch im Leiden, auch wenn er uns schwere Wege führt, auch wenn er sie in die Einsamkeit stellt, auch wenn sie Lasten zu tragen haben. Wenn nur Christus verherrlicht wird, auch wenn sie mit ihrem Leben nicht mehr protzen können, wenn nur Christus verherrlicht wird und wenn nur verkündigt wird. Solch ein missionarisches Leben will der Herr von uns: missionarisch leben, nicht nur reden, sondern auch missionarisch leben, mit unserem ganzen Leben bis zum Sterben. Amen.