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Unrecht kommt in Ordnung

Römer 8,3328.09.1980
Schuld lässt sich nicht wegreden. Die eigentliche Frage ist: Trägst du sie noch selbst – oder lässt du Gott dich frei sprechen und neu anfangen?

Ein kurzer Anfang über das Wesentliche

Wichtige Dinge werden ganz kurz abgefasst. In meinem Ehering stehen auch nur ganz kurze Dinge, keine Romane. So ist es mit den Faustpfändern des Glaubens ebenso.
Wir haben in dieser Predigtreihe immer nur ein Wort, das uns groß werden soll. Diesmal aus Römer 8,33: Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier der gerecht macht.
Herr, segne dein Wort an uns. Amen.

Wenn der Blick auf das eigene Leben kippt

Heute sind die Geisterfahrer auf der Autobahn eine große Not. Sie kennen doch diese Hirnamputierten, die da plötzlich auf der falschen Fahrbahn fahren, und man weiß gar nicht, was da los ist.
Da gibt es so einen makabren Witz, den sollte man angesichts des Ernstes der Lage eigentlich kaum erzählen. Da fährt ein Mann von Karlsruhe nach Baden-Baden als Geisterfahrer auf der falschen Autobahnseite. Da wird im Verkehrsfunk durchgegeben: Achtung, Achtung, zwischen Karlsruhe und Baden-Baden fährt ein Geisterfahrer auf der falschen Autobahnseite. Und er hört das in seinem Auto. Dann sagt er zu seiner Frau neben sich: Die spinnen ja, einer, das sind mindestens Hunderte.
Da kommt es auf den Blick darauf an, ob einer überhaupt merkt, dass er falsch fährt. Und das, was da ausgesprochen werden soll, das ist doch typisch: dass es einem Menschen zuerst einmal gegeben sein muss, dass er erkennt: Ich bin falsch.
Man kann jahrelang dahinleben und sagen: Ich, ich bin richtig mit meinem Leben. Alles, was ich getan habe, ist gut. Ich kann vor Gott hintreten. Ich habe keine Angst vor dem Sterben.
Wir haben in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht. Sind sich Menschen, die Böses tun, überhaupt bewusst, dass sie Böses tun? Und ich habe mich geprüft und gedacht: Wo in meinem Leben verhängnisvolle Fehlentscheidungen geschehen sind, da war ich mir dessen nie bewusst. Das Schlimme war, dass ich lange im Glauben lebte, ich würde gar nichts Besonderes tun oder es wäre gar nicht so gravierend.
Oft hat man sogar gedacht, es ließe sich vereinbaren mit der eigenen Interpretation der Gebote Gottes, und man stünde doch noch ganz im Gehorsam. Und erst viel, viel später ist mir bewusst geworden: Das ist ein Ja, wenn Gott das plötzlich einem zeigt, ein Geschenk. Wenn man sieht: Ich bin falsch, ich bin verkehrt, ich muss umkehren, mein Leben stimmt nicht mehr.

Gottes Geduld und das späte Erwachen

Woher kommt das? Gott hat eine Art, uns im Leben sehr viel Raum für Freiheit zu geben. Bei Gott ist es ganz anders, als wir Menschen es tun. Wir kritisieren einander sehr unbarmherzig.
Gott lässt uns viele Dinge im Leben, und wir können sie immer weiter ausbauen und entwickeln. Es sind wie Zweige eines Baumes, die immer weiter wachsen. Es wäre sicher gut, wenn Gott sie gleich am Anfang beschneiden würde, aber Gott tut das nicht. Und er lässt uns in vielen bösen Entwicklungen Raum.
So leben Menschen, wie wir, die Gottlosen, frei. Wir treffen unsere Entscheidungen, die in den Augen Gottes längst falsch sind, nur merken wir es nicht. Erst dann werden sie uns als falsch bewusst, wenn sie sich so ausgewachsen haben zu solchen massiven Unrechtstaten, dass uns eines Tages die Augen aufgehen. Und dann ist das Schlimme: Dann erschrecken wir über unser eigenes Leben, denn auf einmal ist das Gewissen wach. Und wir sagen: Was soll ich machen? Wir stehen vor vollendeten Tatsachen und können nichts mehr ändern.
Wenn wir heute das Thema haben: Unrecht kommt in Ordnung, dann will ich darauf verzichten, Ihnen auch nur mit einem Gedanken zu sagen und aufzuzeigen, wo Sie falsch liegen. Da hätte ich meine Gaben überschätzt. Das würde an Ihnen abprallen, so wie es an mir oft abgeprallt ist. Gott muss Ihnen die Augen öffnen, wenn die Zeit reif ist, damit Sie sehen, wie verkehrt Sie Ihr Leben in konkreten Einzelentscheidungen gelebt haben.
Darum bin ich froh, dass ich heute nicht als der Gerichtsvollzieher und Henker zu Ihnen predige, der Ihnen das Gericht Gottes verkündet. Ich weiß, dass jetzt viele da sind, denen im Leben an konkreten Stellen Schuld so massiv geworden ist, dass ihnen jeder Tag zur Last geworden ist und sie ihn gar nicht mehr leben wollen. Und dass sie Angst haben, wie sie überhaupt noch ihr Leben zu Ende bringen sollen.
Die Erschütterten fragen: Bin ich solch ein Mensch, der so etwas tun kann? Gibt es das bei mir? So wie wir 1945 erschrocken sind: Das ist doch nicht möglich, dass das in Deutschland passiert ist. Genau der gleiche Erkenntnisprozess im eigenen Leben. Bin ich das?
Und Gott gebe, dass Sie aufwachen vor dem Jüngsten Gericht, denn dort werden wir es alle erkennen. Es ist gut, wenn wir heute erschrecken über unserem Gewissen, über das, was nicht recht war und was nicht stimmen kann.
Ich darf zu Ihnen heute sprechen, dass Unrecht in Ordnung kommt. Mit den sicheren, Überheblichen kann ich nicht reden, das muss Gott selber tun und ihnen die Augen öffnen. Er muss ihnen die neue Schau geben.
Ich will zu denen reden, die zerbrochene Herzen haben. Ich will zuerst sagen: Gott kann das Unmögliche. Er kann Unrecht in Ordnung bringen. Er kann das Unmögliche.

Schuld, die nicht einfach verschwindet

Jetzt müssen wir aus unserer Lebensgeschichte sehr persönlich erzählen, wie es war, als wir wie ein Blitz aus heiterem Himmel Unrecht und Schuld vor Gott erkannt haben.
Wir lebten vorher leicht, fröhlich, heiter und unbekümmert dahin. Dann war der ganze Lebensschwung weg. Wir konnten nicht mehr lachen, und das fiel auch auf uns. Und wenn wir Trostworte gehört haben, haben wir gemeint: Das geht uns nichts mehr an. Das kann ja gar nicht mehr gut werden.
Wo einmal das Gewissen aufwacht, merkt man: Schuld kann nicht bewältigt werden. Das ist der schlimme heidnische Glaube unserer Zeit, als ob man unbewältigte Vergangenheit bewältigen könnte. Man kann auch die Geschichte des Dritten Reiches nicht aufarbeiten, nur Gott kann sie in Ordnung bringen. Und ich kann auch meine eigene Lebensgeschichte nicht aufarbeiten, weil sie doch als Fakten meines Lebens dasteht. Sie ist geschehen, wer will sie denn wegdrücken?
In unserem ganzen Leben gibt es überhaupt keinen Vergleich für Vergebung. Und es ist deshalb völlig undenkbar, dass ein Mensch die Vergebung Gottes erfunden hat. Das kann man gar nicht erfinden. Das Evangelium kann gar nicht aus dem Denken der Menschen kommen, weil das ein so unsinniger Gedanke ist, als ob etwas gelöscht werden könnte, was geschehen ist. Denn Taten sind später nicht mehr korrigierbar.

Der Unterschied zwischen menschlicher Hilfe und Gottes Rechtsprechung

Und wenn wir das Bild wählen, dass Gott für uns eintritt wie ein Anwalt vor Gericht, dann ist doch der Unterschied offenkundig. Ein Anwalt kann doch einen Angeklagten nur dort in Schutz nehmen, wo er schuldlos ist. Er kann einen herauspauken, der zu Unrecht verdächtigt wird. Er kann noch tüchtig arbeiten und dem Gericht Beweise vorlegen, die für den Freispruch sprechen.
Aber das wäre doch eine sehr windige Geschichte, wenn es in unserem Justizwesen üblich wäre, dass ein Anwalt die Untaten eines Angeklagten noch decken würde. Das ist in unserem ganzen Rechtsdenken unmöglich. Ein Anwalt kann doch nur den Unschuldigen freisprechen, aber er kann doch den Schuldigen nicht gerecht machen. Das geht doch einfach nicht. Ein Schuldiger ist schuldig. Ein Anwalt kann da nur noch, Sie kennen diese Notbremse, ziehen, dass er auf die Tränendrüse drückt. Er sagt: Sehen Sie den Angeklagten an, der hat so ein schlechtes Elternhaus gehabt. Und denken Sie doch an seine Kinder. Und übrigens, können Sie den Mann jetzt so bestrafen? Nein, gucken Sie ihn doch an, ist doch so ein netter Mensch. Also diese Rührung.
Aber damit macht er ihn ja nicht gerecht. Er kann ja nicht die Fakten wegräumen, die da stehen und die offenkundig sind. Wenn das Gewissen uns anklagt und uns Schuld zeigt, wo sollte noch ein Ausweg sein? Und da sagt hier Paulus: Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Dein eigenes Gewissen will dich beschuldigen. Gott ist hier der Gerechtmacher. Gott sagt nicht: Das war nicht so schlimm. Oder: Ich habe Mitleid mit dir. Oder: Mich rührt dein Gesicht. Oder: Ich will dir noch eine Chance geben. Sondern Gott macht Gottlose gerecht. Gott macht Schuldige gerecht. Das ist völlig unbegreiflich.
Schuldige sind doch schuldig. Nein, Schuldige werden gerecht. Darum liegt so viel daran, ob sie in ihrem Leben einmal vor Gott das eingestehen und sagen: Ich bin schuldig. Sonst haben sie ja gar nicht teil an seiner Gerechtmachung. Gott kann nur Schuldige gerecht machen, und wenn sie nie schuldig sein wollen, kann er sie nie gerecht machen. Wenn Sie sich dauernd herausreden und sagen, das ist alles nicht so schlimm gewesen, dann kommen Sie auch nie in diesen wunderbaren Zustand, dass Gott Ihr ganzes Leben zu einem gerechten Leben aus einem göttlichen Rechtsspruch erklärt.

Stellvertretung und neue Würde

Mag das so zugehen? Heinrich Giessen hat ein Bild gewählt. Ich will es einfach erzählen, weil unser Gedächtnis so leicht Dinge vergisst. Es sind ja immer die Bilder, die das Heilige und Große nie angemessen darlegen können, aber sie bleiben uns leicht in Erinnerung.
Heinrich Giessen war im Dritten Reich mehrfach im Kirchenkampf in Haft. Einmal besuchte ihn in einer Strafanstalt sein Zwillingsbruder, dieser Frauenarzt Giessen. Er durfte dann hinein. Und beim Reingehen sagte der Offizier der Gestapo zu dem Gefangenenwärter: Passen Sie mir bloß auf, dass Sie den Richtigen wieder rauskriegen. Denn die beiden sahen genau gleich aus, sie waren zum Verwechseln ähnlich.
Und genau das macht Gott: Er stellt Jesus an unserer Stelle dorthin, wo die Schuld war. Er lässt Jesus das tragen, was mich getroffen hätte, und ich darf teilhaben an der Gerechtigkeit Jesu. Verstehen Sie jetzt, dass es eine vollständige Rechtsprechung gibt? Das ist doch entscheidend wichtig für unser Leben.
Gott verteidigt mich nicht nur und hat Erbarmen mit mir, sondern er macht mich gerecht. Er stellt mich an die Stelle Jesu, und er stellt seinen Sohn an meine verworfene Stelle, wo ich das Gericht ertragen muss. Und jetzt kann ich doch wieder leben, jetzt kann ich wieder aufatmen. Gott kann das Unmögliche.
Heute geht es darum, in diesem Gottesdienst, dass Sie Schuld ablegen und gerecht werden, vollständig gerecht, weil Gott Sie gerecht spricht.

Erwählung als Geschenk für Gescheiterte

Zweitens: Dahinter stehen große Pläne.
Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Da sagt Gott, dass wir seine Auserwählten sind. Normalerweise sind die Auserwählten ja die Leute der Elite, die Herausragenden, die großen Könner. Das wären in den Augen unseres Urteils die Gottliebenden, die Gott treu dienen. Das sind denn die Auserwählten Gottes.
Strandgut, Gescheiterte – da hat Gott seine Ehre hineingelegt, als er damals die Straßen entlang ging. Man sagt das so leicht: Zöllner und Dirnen. Aber was das waren, zerstörte Gefühle, was in diesem Charakter verdorben war, da war kein Ansatz zu Moral und Ethos.
Wissen Sie, warum Gott sie so lieb hat? Doch nicht wegen ihrer paar hochentwickelten Seiten ihrer Frömmigkeit. Gott hat sie so lieb und auserwählt um ihres tiefen Falls willen. Und Gott denkt jetzt nur an diese ganz dunklen Stunden, die sie immer verdrängen wollen. Darum hat er sie so lieb, darum sind sie auserwählt.
Ich habe in meinem Studium mein Geld verdient in der Gesenkschmiede von Daimler-Benz als Schmied. Es waren schöne Zeiten in dieser Dienstgemeinschaft. Dort wurde hart gearbeitet an diesen heißen Öfen. Und mir war dann die Aufgabe zugefallen, neben meiner Arbeit an der Presse noch diese Öfen zu beladen. Wenn man dann da diese Rohstücke hatte und sie in den Ofen warf, das waren halt so abgeschnittene Eisenstücke, da hat man noch nicht gesehen, was das werden wird. Das wird einmal eine Autoachse werden, oder es gibt wichtige Teile eines Autos. Aber nachher, unter dem Hammer des Schmieds und dann noch unter der Presse, wo abgegradet wurde, da ist dieses Werkstück geformt worden.
Sie sind Auserwählte Gottes nicht, weil sie irgendwelche Vorzüge haben. Das ist ganz schlimm, wenn es Christen geben sollte hier in dieser Kirche, die meinen, sie hätten irgendwelche Vorzüge. Das sind vor Gott nur Hindernisse. Das Einzige, was in ihrem Leben für Gott etwas ist, ist, wenn sie Rohmaterial sind, ganz ungelenkes Rohmaterial. So wie der verdorbene Charakter einer gefallenen Frau oder wie dieser geldbesessene Zöllner, der nichts anderes mehr denken kann: Rohmaterial wurde für die Hand des Meisters, der einen neuen Menschen daraus formt.
Dann ist das interessant in unserem Leben, was die Gnade Gottes vermag. Sagen Sie nie, Gnade ist ein abgegriffenes Wort. Sie wissen, was Gnade ist: dass er mich überhaupt nimmt. Jetzt denken Sie ganz groß. Er will aus Ihrem Leben etwas Neues, Wichtiges, Gewaltiges formen zu seiner Ehre.

Ein Leben, das von Gnade geprägt wird

Wer will jetzt die Auserwählten Gottes beschuldigen? Wer will jetzt noch an vergangene Taten erinnern? Das wird kommen.
Ich habe mir einmal überlegt, wie das war, als Paulus nach Jerusalem kam. Zwischen seinen Missionsreisen hat er sicher öfter Station in Jerusalem gemacht. Ob Paulus da wohl am Grab des Stephanus stand? Und wissen Sie, was das ist? Dass solche Wunden eben als Narben auch bleiben, auch im Leben der Gerechtfertigten. Dass ich mitschuldig war, den Stephanus zu töten. Vielleicht hatte Stephanus noch Kinder, und denen ist Paulus auch begegnet.
Es gibt viele Wunden, wo uns unsere Untaten noch einmal entgegenschreien und wo wir angefochten sind. Darfst du überhaupt Prediger des Evangeliums sein? „Schweig doch lieber, du kannst es sowieso nicht mehr.“ Aber dann hat Paulus gesagt: Ich habe ja gerade an meinem Leben ein Thema, an dem ich illustrieren kann, wie Gottes Gnade mich geformt hat. Aber es war ihm wichtig, dass er aus dieser Gnade nicht mehr herausfiel. Es war sein heiliger Entschluss: Ich will ihm jetzt ganz dienen und gehören und dabei bleiben.
Und dann hat er sagen können: Zieht an als die Auserwählten Gottes, als die, die als Rohmaterial genommen sind und nun von ihm bearbeitet werden, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut. Vertrage einer den anderen, vergebt euch untereinander. Ihr seid doch jetzt Auserwählte Gottes. Jetzt könnt ihr doch nicht einfach mehr im alten Wesen weitermachen. Zwischen ihnen und der Lebenshaltung vieler anderer Menschen müssen große Unterschiede sein, einfach deshalb, weil sie eine unverdiente Gnade erfahren haben, und die darf nicht vergeblich sein.
Oder Petrus spricht noch einmal von den Auserwählten. Das war in der ersten Gemeinde ein Wort: Wir sind tatsächlich Gottes Elite, aber nicht, weil wir Güte oder Größe haben, sondern weil wir vom Negativen her eigentlich das Musterbeispiel der Erwählung Gottes sind. Ihr seid das auserwählte Geschlecht. Es verstehen andere falsch, als ob wir uns höher dünken als die anderen. Ihr seid das auserwählte Geschlecht, ein Musterbeispiel gestrandeter Menschen, und das gilt jetzt uns: das königliche Priestertum, das Volk des Eigentums, das ihr verkündigen sollt. Nicht wie gut ihr seid und was ihr könnt, sondern die Wohltaten dessen, der euch berufen hat, von der Finsternis in sein wunderbares Licht.
Das ist unser Predigtthema: Wir kommen aus dem Dreck, wir kommen aus der Not. Aber Jesus hat sich unser erbarmt. Unrecht kommt in Ordnung, und ich stehe heute im Licht. Er hat mich aus der Finsternis herausgeholt.
Es wäre schlimm, wenn Sie jetzt mittendrin stehenbleiben würden und sagen: Ich kann nichts tun, ich bin so. Doch, Sie können die Gnade Gottes in Ihrem Leben wirken lassen. Sie können Schuld eingestehen und die Rechtsprechung erfahren, an sich, um Jesu willen.

So lässt sich leben

Das Dritte: So lässt sich leben. Die meisten Menschen sagen: Das ist billig, man muss sich mit Schuld auseinandersetzen.
Ich habe Ihnen einmal von unserem jüdischen Guide erzählt, der auf der Wanderung durch Jerusalem sagte: Ihr Christen habt es ja leicht, wir können die Schuld so abgeben.
Ein Religionslehrer bei unserer ersten Pfarrstelle, da fielen uns damals Schuppen von den Augen: Vergeben, ich will für meine Schuld selber geradestehen.
Das ist diese vermessene Haltung des Kain, der sagt: Meine Schuld ist zu groß, dass sie mir vergeben werden könnte. Da will ich Gott gar nicht bemühen. So etwas Unmögliches will ich Gott gar nicht zutrauen.
Und der Mann bildet sich ein, dieser Kain, er könnte sie tragen. Kein Deutscher kann die deutsche Geschichte tragen. Wir können gar nicht geradestehen. Wir können nicht einmal für unser eigenes Leben geradestehen. Denn was wollen wir denn vor Gott geben? Welches Pfand wollen wir ihm denn geben? Wir haben doch alles von ihm empfangen.
Das ist nichts weiter als lächerlicher Übermut, wenn Menschen sagen, sie wollten für ihr Leben geradestehen. Nach dem Tag ihres Begräbnisses wissen sie, wie viel sie einlösen können vor Gottes Gericht. Sie können gar nichts bringen, sie können gar nichts bezahlen, sie können für nichts gerade stehen, weil sie Staub und Asche sind.
Es gibt nur einen Pfand, den ich einlösen kann, und das ist ein Faustpfand meines Glaubens. Ich kann nur Schuld geben und Gerechtigkeit dafür erlangen. Anders kommen sie nicht an die Gerechtigkeit hin. Es gibt keinen anderen Weg zum Frieden mit Gott. Es gibt nur das Geständnis: Herr, ich habe gesündigt. Herr, mein Leben ist ein Aufruhr gegen dich.
Ich war vermessen mit dem, was ich versucht habe, selbst dann in Frömmigkeit das noch abzudecken. Ich kann nur umkehren und jetzt dich bitten: Lass das Wunder deiner Vergebung in meinem Leben wirken.
Und wenn dann der neue Tag kommt und ich in den Spiegel schaue und denke: Wer bin ich überhaupt? Wer bin ich denn, dass ich heute etwas wirken will? Da kommen ja die Anfechtungen. Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Die Menschen, die mich genau durchschaut haben, mein eigenes Gewissen, das mich anklagt.
Und dann darf ich sagen: Ich bin das gar nicht, so wie ich mich kenne. Christus spricht für mich, Christus macht mich frei, er löst mich. Ich darf in diesem großen Glauben in den Tag hineingehen. Meine Arbeit ist nicht vergeblich in dem Herrn.
Ich habe ein wunderbares Selbstbewusstsein, nicht weil ich mir in der Form der heutigen Selbstermutigung zuspreche: Du bist doch ein Kerl, glaub’s nur. Ich glaube nicht mehr daran. Sondern ich glaube, dass Jesus mich gerecht macht und dass Jesus mich auch im Dienst befähigt, weil Gnade nie vergeblich ist.
Und darum wird aus meinem Leben etwas werden, und darum wird aus ihrem Leben etwas werden, wo sie vor Gott geradestehen mit ihrer Schuld und sagen: Daher liegt sie. Und ich will deine Gerechtsprechung heute erfahren.

Die Entscheidung, die alles trennt

Jetzt ist das alles ganz schön, was Sie sich angehört haben, und jetzt können Sie das Gesangbuch zuklappen und nach Hause gehen. Aber eine Frage soll mit Ihnen gehen. Ich will es ganz einfach formulieren, damit Sie es nicht vergessen:
Entweder ist Ihre Schuld vergeben, oder Sie schleppen sie noch mit sich herum. Da müssen Sie es genau wissen: entweder oder. Das ist so, wie wenn ich einen Mantel an den Garderobenhaken in der Sakristei hänge. Entweder hängt er dort, oder ich trage ihn mit mir. Entweder oder: Er kann nicht gleichzeitig da draußen hängen und an meinem Leib sein.
Entweder ist die Schuld vergeben, und dann sind Sie gerecht. Dann steht nichts mehr zwischen Ihnen und Gott. Dann können Sie hinausgehen in Ihren Aufgaben, voll Freude und Dank, und lachen. Gehen Sie diesen Weg? Oder wollen Sie zurück und das alte selber fertigbringen? Sie können es nicht. Welch eine Freude, welch ein neues Lebensgefühl! So lässt sich leben.
Da gibt es eine wunderbare Verheißung im Alten Testament, in Jesaja 50,8, vom Gottesknecht, mit dem will ich schließen:
Wer will mein Recht anfechten, der komme her zu mir. Siehe, Gott, der Herr, hilft mir; wer will mich verdammen?
Amen.