Einleitung: Wenn Extremsituationen sichtbar machen, was in uns steckt
Im Oktober 1972 flog eine voll besetzte Passagiermaschine über die Anden. Über Argentinien kam es dann zu Komplikationen, und die Maschine stürzte in einen Berg. Viele Passagiere starben, einige überlebten direkt.
Für die Überlebenden kam es nun zu einer extremen Situation. Über dreieinhalbtausend Meter hoch in den schneebedeckten Bergen, bei völliger Kälte, Hunger und ohne Aussicht auf schnelle Rettung. Am Anfang hielten sie gut zusammen und strukturierten sich. Doch je länger diese extreme Situation andauerte, desto mehr traten unterschiedliche Reaktionen hervor. Die einen hielten am Zusammenhalt fest, die anderen begannen zu resignieren.
Schließlich trafen sie eine Entscheidung, von der sie unter normalen Umständen nie gedacht hätten, dass es je dazu kommen könnte: Um nicht zu verhungern, aßen sie das Fleisch der Toten.
Nach zweieinhalb Monaten wurden sechzehn von ihnen gerettet. Als sie dann öffentlich darüber berichteten, was hinter ihnen lag, war die Welt schockiert. Nicht über den Absturz, sondern darüber, was diese extreme Situation in ihnen hervorgebracht hatte.
Wir alle geraten ja in schwierige Situationen, nicht unbedingt so extrem wie der Überlebenskampf in den Anden, aber doch so herausfordernd, dass sie etwas in uns hervorbringen, was wir vorher vielleicht nicht erwartet hätten. Was uns am meisten herausfordert, sind nicht nur die Schwierigkeiten an sich, sondern wie wir damit umgehen.
Paulus’ Grundsatz für die Zeit zwischen Anfang und Ende
Schaut im zweiten Timotheusbrief, Kapitel drei, setzt Paulus sich gewissermaßen mit uns in das Flugzeug unseres Lebens. Mitten in seinem Brief hält er inne und kündigt uns an: Es kommen schwierige Zeiten. Bist du bereit? Denn es wird darauf ankommen, wie du damit umgehst.
Mit dieser Ankündigung gibt er uns drei Dinge für das mit, was vor uns liegt: drei Aufforderungen, drei Erinnerungen, die wir uns in jeder Generation aufs Neue vor Augen halten müssen.
Hier ist die erste, und sie ist ganz grundsätzlich: Rechne mit schwierigen Zeiten. Rechne mit schwierigen Zeiten.
Vers 1: Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden.
Die letzten Tage im Neuen Testament bezeichnen nicht irgendeine ferne Zukunft, sondern eine Zeitspanne, die begann, als Jesus Christus zum ersten Mal seinen Fuß auf diese Erde gesetzt hat, und die andauert, bis er wiederkommen wird. Darum erklärt Paulus in diesem Text auch Timotheus, wie er sich in diesen letzten Tagen verhalten soll. Es ist die Zeitspanne, in der Timotheus damals gelebt hat, und jede Generation nach ihm bis zu uns heute.
Und ein wesentliches Merkmal dieser Zeitspanne lautet, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden. Paulus sagt nicht, alles wird immer nur schlimmer. Sondern: In dieser Epoche werden immer wieder schwierige Zeiten eintreten, hineinbrechen. Das bedeutet, die Endzeit ist keine durchgehend dunkle Zeit. Es gibt auch immer wieder gute Zeiten, Wachstum, Aufbruch, Erweckung. Aber was er deutlich macht, ist: Timotheus, sei realistisch. Es wird immer wieder schwierige Phasen geben.
Jetzt waren Zeiten nicht schon schwer, bevor Jesus gekommen ist? Sollte es nicht mit Jesus eigentlich leichter werden, nachdem er für uns gestorben und auferstanden ist, wenn er jetzt zur Rechten des Vaters sitzt und sein Heiliger Geist in uns lebt? Ja, einerseits schon. Aber andererseits ist es gut, uns bewusst zu machen: Als Jesus begonnen hat, sein Reich aufzurichten, hat Satan seine Aktivität in dieser Welt weiter ausgebaut.
Darum macht euch nichts vor: Während wir warten auf den letzten Akt von Gottes Geschichte mit dieser Welt, auf den Tag, an dem Jesus Christus wiederkommt in Macht und Herrlichkeit, werden wir immer wieder schwierige Zeiten erleben. Das bedeutet, wir müssen wie jede andere Generation immer wieder neu lernen, in unserem Abschnitt der letzten Tage unseren Glauben zu leben.
Die Schwierigkeiten heute kommen dabei aus anderen Richtungen als in anderen Generationen. Sie sehen unterschiedlich aus, sie sind unterschiedlich intensiv. Das bedeutet, wir können nicht einfach kopieren, was frühere Generationen von Theologen, Kirchen und Christen gesagt oder getan haben, so viel wir davon lernen können. Sondern wir müssen in jeder Generation neu darum ringen, unsere Zeit zu verstehen, auszuhalten und zu nutzen.
Die Prägungen unserer Gegenwart
Der Religionssoziologe Gerd Pickel stellt fest, dass drei Dinge unsere Zeit heute besonders prägen.
Erstens: Säkularisierung. Wir leben, als gäbe es Gott nicht.
Zweitens: Pluralisierung. Wahrheit ist relativ.
Drittens: Individualisierung. Glaube ist Privatsache.
Diese drei Faktoren führen ihn zu der Schlussfolgerung: „Es ist heute viel normaler, ohne Gott zu leben, als mit Gott.“ Oder, wie ein Freund von mir es neulich ausgedrückt hat: Der christliche Glaube wirkt heute wie ein Musikstil, den keiner mehr hören will.
So ist unser Zeitabschnitt der letzten Tage also auf eine ganz eigene Weise herausfordernd, und es fällt uns manchmal schwer, damit umzugehen. Es macht uns manchmal unsicher, wohin das noch führen soll. Aber schaut: Genau hier liegt eine tröstliche Perspektive in diesem einen Satz. Paulus sagt ja nicht nur, es werden schwere Zeiten kommen, sondern auch, diese Zeiten sind Teil der letzten Tage.
Warum heißt diese Zeit eigentlich die letzten Tage? Es erinnert uns daran: Das Entscheidende ist schon passiert. Selbst wenn diese letzten Tage tausende Jahre dauern, weil bei Gott eben tausend Jahre wie ein Tag sind, sind es in Gottes Drehbuch zur Weltgeschichte nur noch die letzten Tage.
Ich glaube, Gott hat uns in seiner souveränen Gnade ein Ereignis gegeben, das uns hilft, diese Tatsache nie zu vergessen: die Weltmeisterschaft 2014. Deutschland trifft im Halbfinale auf Angstgegner Brasilien, und als die letzten Spielminuten laufen, liegt Deutschland vorne, und zwar 7 zu 0. Das Spiel läuft noch. In der 89. Spielminute vergibt Deutschland die Chance auf das 8 zu 0. Bedauerlich, aber es ändert nichts am Ausgang. In der 90. Spielminute schießt Brasilien das 1 zu 7. Ärgerlich, aber es ändert nichts am Ausgang.
Schaut, das Spiel war anstrengend in diesen letzten Minuten. Es gab noch Fehler und Fouls, Verletzungen und Gegentore. Aber sollte auch nur ein Deutscher, in dem uns so eigenen Pessimismus, auf einmal denken: Wo soll das alles noch hinführen? Werden wir es noch schaffen? Dann genügte ein einziger Blick auf die Anzeigetafel, um uns daran zu erinnern: Dieses Spiel ist schon längst entschieden, es laufen nur noch die letzten Minuten.
Schaut, so ähnlich ist es mit den letzten Tagen. Gottes Kinder erleben immer noch schwierige Zeiten. Aber wenn du gerade mittendrin steckst und dich fragst, wie soll das alles weitergehen, dann heb deinen Blick auf die Anzeigetafel des Universums. Dann siehst du dort das Kreuz. Seit zweitausend Jahren steht unumstößlich fest: Der Ausgang ist schon längst entschieden. Die letzten Minuten laufen, und ja, wir spielen weiter, bis abgepfiffen wird.
Gott weiß, wie schwer es manchmal für dich ist, in diesen letzten Tagen, in dieser Generation den Glauben an Jesus festzuhalten und weiterzugeben an die nächste Generation. Als Mutter, als Vater, als Mitarbeiter, als Leiter, als Student, als Single oder irgendwo in der zweiten Hälfte des Lebens.
Aber er erinnert dich daran: Ich habe dich genau für diese Zeit auf den Platz gestellt. So rechne mit schwierigen Zeiten. Aber lass dich nicht verunsichern. Es ist mein Spiel, und der Ausgang für dich ist schon längst entschieden.
Der innere Kern der Krise
Doch was genau macht denn diese Zeiten so schwierig? Mit welchen Schwierigkeiten haben wir denn konkret umzugehen?
Das führt uns zu unserem zweiten Punkt: Schütze dich vor Selbstzentriertheit! Schütze dich vor Selbstzentriertheit, Verse 2 bis 9.
Paulus nennt hier in den Versen 2 bis 4 eine lange Liste von Verhaltensweisen, die diese Zeiten schwer machen. Denn die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig und so weiter. Wenn ihr diese Liste anschaut, merkt ihr, was nicht auf dieser Liste steht: Kriege, Umweltkatastrophen, Wirtschaftskrisen.
Natürlich machen uns diese äußeren Umstände zu schaffen. Aber das trifft ja alle Menschen. Für Nachfolger von Jesus kommen sie sozusagen noch obendrauf. Aber was ist darunter? Was ist es, was die Zeiten so schwer macht?
Es sind nicht zuerst äußere Umstände, sondern vor allen Dingen die Muster unseres menschlichen Herzens. Die Liste dieser Muster hier ist lang, und sie ist nicht einmal vollständig. Sie gibt uns einfach einen allgemeinen Eindruck von einer Kultur, in der Gott nicht im Zentrum steht.
Wir müssen uns gar nicht jeden einzelnen Begriff hier einzeln anschauen, aber ein entscheidendes Merkmal sticht heraus: Selbstzentriertheit.
Die Liste beginnt in Vers 2 mit „sie sind selbstliebend“ und endet dann in Vers 4 mit „sie sind nicht gottliebend“. Dazwischen: sie sind geldliebend, vergnügungsliebend, aber das Gute nicht liebend.
So was die Zeiten vor allen Dingen schwer macht, ist: Wir Menschen lieben uns selbst mehr als Gott. Und diese Selbstzentriertheit prägt alles.
Sie prägt unsere Beziehungen, zum Beispiel in Vers 2: Sie sind beleidigend, den Eltern ungehorsam. Sie prägt unseren Charakter, wie in Vers 3: Sie sind undankbar, unheilig, lieblos. Sie prägt unseren Glauben, Vers 4: das Gute nicht liebend, Verräter, unbesonnen.
Schließlich mündet diese Liste in einer ernüchternden Schlussfolgerung in Vers 5: Sie haben eine Form der Gottesfurcht, verleugnen aber deren Kraft.
Selbstzentriertheit ist nicht nur ein Problem der säkularen Welt da draußen, sie ist durchaus auch ein christliches Problem. Die Kultur um uns herum kann uns so stark prägen, dass wir äußerlich Gott fürchten, aber innerlich geistlich leer sind. Vielleicht gerade in diesem Moment.
Wenn Glaube zur Hülle wird
In Kapitel 1, Vers 7 und 8 hat Paulus uns ermutigt: Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft. Leide mit für das Evangelium nach der Kraft Gottes.
Hier warnt er auf einmal davor, dass es möglich ist, äußerlich für Gott zu leben, aber innerlich ohne seine Kraft. Von solchen Menschen halte dich fern.
Paulus meint damit nicht, dass man sich von jedem fernhalten soll, der Anzeichen von Selbstsucht hat. Dann wäre man ziemlich schnell ziemlich einsam und müsste versuchen, sich irgendwie vor sich selbst fernzuhalten. Er meint vielmehr: Lass dich nicht von ihrer Selbstzentriertheit prägen.
In den Versen 6 bis 9 beschreibt er, wozu diese Selbstzentriertheit im Extremfall führen kann. Er spricht ab Vers 6 eine Untergruppe dieser Menschen an: Von diesen halte dich fern. Dann kommt das Wort denn. Denn von diesen sind einige so, dass sie rein äußerlich aktive Christen sind. Es sind Menschen, die ihren Glauben angefangen haben zu missbrauchen, indem sie als Irrlehrer anderen in ihrem Glauben schaden.
Die Verse 1 bis 9 zeigen uns gewissermaßen einen Trichter. Oben, in den Versen 1 bis 4, ist er gefüllt mit einer Kultur der Selbstzentriertheit. Diese prägt dann Menschen bis zur Mitte in Vers 5, wo sie einen äußerlichen Glauben ohne Kraft haben. Und das führt dann einige von ihnen unten am Auslass des Trichters sogar dazu, dass sie ihren Glauben missbrauchen.
Über diese Irrlehrer unten am Trichter haben wir in Kapitel 2 schon einiges gehört. Wir haben hier nicht die Zeit, das näher zu betrachten. Sie sind der intensivste Ausdruck der Selbstzentriertheit, die uns alle prägt. Aber was wir feststellen, ist: Sie kommen aus der Mitte des Trichters in Vers 5. Das zeigt, dass jemand, bevor er Irrlehrer wird, innerlich leer wird. Bevor jemand andere verführt, macht er sich selbst etwas vor.
Darum warnt Paulus: Schütze dich davor. Er weiß, wie attraktiv es sein kann, sogar für seinen Zögling Timotheus äußerlich aktiv für Gott zu sein, während sich das Herz vor allem um uns selbst dreht.
Die Leistungskultur als moderne Form derselben Versuchung
Jetzt: Wie zeigt sich der Einfluss dieser Kultur in unserer Gesellschaft heute? Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt unsere heutige Generation und Gesellschaft als Leistungsgesellschaft. Früher waren wir eine Arbeitsgesellschaft, beherrscht von Dingen, die wir tun müssen. Heute haben wir uns individualisiert hin zu einer Leistungsgesellschaft, beherrscht von Dingen, die wir tun können. Können ist das neue Müssen.
Das heißt: Selbstzentriertheit zeigt sich in unserer Kultur heute besonders im Leistungsdenken. Ich will etwas erreichen, ich will mein Potenzial ausschöpfen, ich will das Beste aus dem Leben machen. Dieses Leistungsdenken treibt uns an zum Schaffen, zum Optimieren, zum ständigen Vergleichen: mehr Projekte, mehr Kontakte, mehr Besitz, mehr Erlebnisse. Oder? Bessere Fotos, ein besserer Haushalt, eine bessere Figur.
Das Problem dabei ist: In einer Gesellschaft unbegrenzter Möglichkeiten gibt es ja unbegrenzt viel, was wir immer noch mehr und besser machen könnten. Wozu das führt, ist ausgerechnet in einer Kultur, die behauptet: Du kannst alles, sagen immer mehr Menschen: Ich kann nicht mehr. Das Ergebnis ist nicht Erfüllung, sondern Leere.
Ihr Lieben, ich glaube, diese selbstzentrierte Leistungskultur prägt uns auch als Nachfolger von Jesus. Es gibt sie sozusagen auch als christliche Variante. Es gibt ja auch viel zu leisten in Gottes Reich: mehr und bessere Projekte, Aktionen, Engagement, mehr Verantwortung für Gott.
Jetzt ist es wichtig, Dinge zu Gottes Ehre möglichst gut und besser zu machen, unsere Zeit und Kraft einzusetzen, für Gott so gut wir können. Aber wenn ihr ein wenig so seid wie ich, dann kann immer wieder der Punkt kommen, an dem das Streben nach mehr und besser auf einmal mehr selbstzentriert ist als gottzentriert.
Es gibt einen Satz, der mich persönlich wie ein Prüfstein immer wieder sehr herausfordernd. Es ist der eine Satz von Johannes dem Täufer: „Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen.“ Oh, ich will so sehr, dass die Ehre von Jesus Christus zunimmt. Aber ganz ehrlich: Ich will bei weitem nicht so sehr, dass meine Ehre dabei abnimmt.
Unsere Liebe zu Gott kann zu einer Bühne werden für unsere Liebe zu uns selbst. Jedenfalls muss ich feststellen: Der Strudel im Trichter der selbstzentrierten Leistungsgesellschaft, in der ich lebe und Gott diene, treibt mich immer wieder erschreckend nah zu der Mitte dieses Trichters hin: eine äußere Form ohne innere Kraft. Und sei es nur, dass ich alles Mögliche schaffe, nur nicht mehr genug Zeit nehme, meine Kraft dafür bei Gott zu suchen.
Warum wir trotz Einsicht immer wieder hineingeraten
Jetzt, wir wissen das nicht, wa? Wir wissen, dass es uns nie wirklich glücklich machen kann, wenn wir für Gott leben und leisten und Gott dabei in uns verlieren. Aber warum passiert uns das trotzdem immer wieder?
Neulich las ich von einem Gespräch mit einer Top-Managerin. Jemand sprach mit dieser Top-Managerin, die enorm erfolgreich war, enorm viel Geld verdiente, enorm viel Respekt hatte, aber sie war nicht wirklich glücklich. Ihre Ehe war nur so mittelmässig befriedigend, die Beziehung zu ihren Kindern irgendwo zwischen kalt und distanziert. Sie hatte nicht wirklich viele echte Freunde, lebte ziemlich ungesund und war sehr oft sehr erschöpft.
Also stellte man ihr die Frage: Warum änderst du nichts daran? Warum setzt du nicht deine Prioritäten anders, nimmst dir mehr Zeit für deinen Mann, für deine Kinder, für deine Gesundheit? Und sie dachte lange darüber nach. Und wisst ihr, was sie geantwortet hat? Vielleicht bin ich lieber besonders als glücklich. Vielleicht bin ich lieber besonders als glücklich.
Das ist eine der ehrlichsten Begründungen, die ich kenne, für tausende Entscheidungen, die wir heute treffen, in allen möglichen Bereichen unseres Lebens. Für eine äussere Form ohne innere Kraft. Für eine Version von uns selbst, die wir für bewundernswert halten, die uns aber leer zurücklässt. Und ich schätze, die christliche Version dieses Bekenntnisses klingt ganz ähnlich: Vielleicht bin ich lieber besonders als glücklich mit Gott.
Vielleicht bist du in einer Situation, in der sich dir die Frage stellt, wie viel von dem, was ich leiste, wirklich aus einer tiefen, zufriedenstellenden Erfüllung mit Gott kommt. 2. Timotheus 3,5 heisst für uns heute übersetzt: Verwechsle nicht Leistung mit Kraft, verwechsle nicht Leidenschaft mit geistlichem Leben, verwechsle nicht Erfolg mit Echtheit.
Das ist doch die Tendenz in uns, die der Grund ist, warum wir das Evangelium brauchen. Ja, wir glauben, Gott liebt uns allein aus Gnade, nicht aufgrund dessen, was wir leisten. Aber wir leben dann oft, als müssten wir unser Leben zu mehr und besserem Erfolg bringen, auch für Gott. Und es kann passieren, dass wir zu christlichen, selbstzentrierten Leistungsmenschen werden, vielleicht sogar zu Leistungsgemeinden. Die äussere Form wächst, aber Gottes Kraft schwindet.
Ihr Lieben, an das Evangelium zu glauben bedeutet: Dein Wert hängt nicht an dem, was du leistest, sondern an dem, was Christus geleistet hat. Der Sinn deines Lebens hängt nicht davon ab, was du aus deinem Leben machst, sondern ob du Gott dafür vertraust, was er aus deinem Leben macht. Das Evangelium ist und bleibt der beste Schutz vor jeder, auch christlichen, Form von Selbstzentriertheit.
Gegenprägung durch glaubwürdige Vorbilder
Aber was hilft ganz praktisch uns davor zu schützen? Was hilft uns, im täglichen Leben ein wirklich gottzentriertes und nicht selbstzentriertes Glaubensleben zu führen?
Das führt uns zu unserem dritten Punkt: Halte dich an gute Vorbilder, halte dich an gute Vorbilder, Verse 10 bis 17. Zweimal betont Paulus jetzt ein großes „Du aber“ in Vers 10 und in Vers 14. Timotheus, du aber sollst anders sein als das, womit deine Kultur dich prägt. Die Prägung durch selbstzentrierte Vorbilder braucht eine bewusste Gegenprägung durch gottzentrierte Vorbilder.
Die Prägung der Person und die Einflüsse in Vers 1 bis 9 müssen beantwortet werden in Vers 10: Du aber bist mir gefolgt in meinem Vorbild. Und dann tauchen sie noch einmal auf in Vers 13, und dagegen steht Vers 14: Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du überzeugt bist, da du weißt, von wem du es gelernt hast.
Timotheus ist geprägt worden durch das Vorbild seiner Mutter, seiner Großmutter, aber vor allen Dingen durch das Vorbild von Paulus. Jetzt, wenn es da darum geht, dem Vorbild von Jesus zu folgen: Warum brauchen wir dann noch das Vorbild anderer Personen? Weil es ja oft schwierig ist, genau zu wissen, wie genau wir Jesus folgen sollen, besonders in schwierigen Zeiten.
Aber was macht denn ein Vorbild zu einem guten Vorbild? Paulus fasst das hier wieder mit einer Liste in Vers 10 bis 11 zusammen: Du aber bist meiner Lehre gefolgt, meinem Lebenswandel, meinem Vorsatz, meinem Glauben, meiner Langmut, meiner Liebe, meinem Ausharren, meinen Verfolgungen, meinen Leiden. Er nennt hier die verschiedenen Facetten seines Lebens, aber das Gesamtbild zeigt eine Person, die mehr geprägt ist von Liebe zu Gott als von Liebe zu sich selbst.
Ein ausgewogenes Leben lernen
Jetzt könnten wir hier jede einzelne dieser Eigenschaften anschauen und davon lernen. Aber wenn wir diese Eigenschaften einmal zusammen betrachten und nicht einzeln, dann kann dieses große Vorbild von Paulus besonders hilfreich für uns heute sein, wo wir oft zu einseitigen Extremen neigen.
Paulus zeigt in dieser Liste Dimensionen, die normalerweise schnell auseinanderdriften, aber er hält diese verschiedenen Seiten zusammen. Lassen Sie uns das kurz unter drei Überschriften anschauen.
Nummer eins: Lehre und Leben
Du bist meiner Lehre gefolgt und meinem Lebenswandel. Hier ist jemand mit zutiefst biblischen Überzeugungen und einem zutiefst gottesfürchtigen, glaubwürdigen Lebensstil. Klare Theologie, gesunde Praxis.
Nummer zwei: Zielstrebigkeit und Geduld
Mein Vorsatz, mein Glaube und meine Geduld, meine Liebe. Paulus hatte zielstrebige Vorsätze und großen Glauben, und er war gleichzeitig liebevoll und geduldig mit Menschen, wenn es einmal wieder länger dauerte.
Nummer drei: Beständigkeit und Leidensbereitschaft
Meinem Ausharren, meinen Verfolgungen, meinen Leiden. Wir wollen gerne ausharrend und gottesfürchtig leben, aber möglichst ohne Kritik, ohne Widerstand. Paulus zeigt Ausharren im Glauben und die Bereitschaft, kritisiert zu werden, in Frage gestellt zu werden, im Höchstmass verfolgt zu werden und zu leiden.
Paulus ist auch gerade dadurch ein Vorbild, dass er diese Dinge zusammenhält, ein Vorbild in gesunder Vielseitigkeit. Kein entweder oder und auch nicht die vermeintlich goldene Mitte, sondern beides gleichzeitig.
Denn diese verschiedenen Seiten, die sein Vorbild uns hier zeigt, sind wichtig für verschiedene schwierige Situationen oder Personen. Manchmal ist Zurechtweisung nötig, manchmal Trost, manchmal ist viel Mut nötig, manchmal viel Demut.
Christus als Maßstab aller Vorbilder
Jetzt: Wie hat Paulus gelernt, ein so ausgewogenes, vielseitiges Vorbild zu werden? Durch sein Vorbild. Wenn er hier Timotheus sagen kann: Du bist meinem Vorbild gefolgt, dann deshalb, weil er ihm irgendwann vorher gesagt hat, was er in 1. Korinther 11,1 schreibt: Seid meine Nachahmer, wie ich Nachahmer Christi bin.
Paulus’ Vorbild war Jesus. Jesus zeigt sich als der, der scheinbar gegensätzliche Eigenschaften Gottes in einer Person zusammenhält. In Matthäus 11 stellt er sich als zutiefst sanftmütig vor: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, denn ich bin sanftmütig“, unmittelbar nachdem er eine enorm strenge Drohrede gehalten hat. Er ist gerecht und sanftmütig zugleich. In der Offenbarung wird uns gezeigt, dass er als der Löwe Gottes Gerechtigkeit verteidigt und als das Lamm, das für unsere Sünden stirbt, schließlich am Kreuz das Opfer und der Überwinder zugleich ist. Und er ruft uns dazu auf, immer mehr so zu werden wie er.
Wir neigen manchmal dazu, einige Eigenschaften von Jesus zu betonen und andere weniger. Vielleicht sind wir zielstrebig, aber nicht sehr geduldig. Oder andersherum betonen wir die richtige Lehre, vernachlässigen aber das richtige Leben. Unser Problem ist meistens nicht zu wenig Stärke, sondern zu einseitige Stärke, weil wir alle je nach Persönlichkeit, Prägung oder Erfahrung in die eine oder andere Richtung neigen.
Bei uns zu Hause haben meine Frau und ich ein paar Dinge klar aufgeteilt. Kennt man das vielleicht? Sie kauft die Dinge ein, ich bringe den Müll raus. Das hat etwas mit Begabung und manchmal auch mit Berufung zu tun. Ich bin bei uns der Theologe im Haus, und das bedeutet: Wenn es ums Essen geht, gilt, sie kocht und ich bete.
In unserer Ehe funktioniert das gut. Aber wenn es darum geht, mehr so zu werden wie Jesus, funktioniert das nicht. Wir sind nicht berufen, nur das zu tun oder zu sein, was unserer Begabung oder unserer Persönlichkeit entspricht. Wir sind dazu berufen, die vielseitigen Eigenschaften von Gottes Wesen zusammenzuhalten.
Praktische Wege zur Orientierung
So ist es gut, das Vorbild von Paulus zu nehmen und uns selbst einmal ehrlich zu beurteilen. Bin ich eher zielstrebig oder eher geduldig? Neige ich eher dazu, mutig zu sein oder demütig? Und das betrifft ja auch viele andere Bereiche und Eigenschaften.
In unserem Dienst priorisiere ich eher den Verstand oder das Herz, Menschen oder Organisation? In unserer Nachfolge ziehe ich eher enge Grenzen oder lieber weniger? Kämpfe ich eher damit, zu wenig Gottes Gnade zu vertrauen oder eher zu wenig meine Sünde zu bereuen?
Schaut, wenn wir uns so beurteilen, dann merken wir: Unsere Stärken sind oft die Kehrseite unserer Schwächen, und Gott weiss das. Darum gibt er uns in seiner liebevollen Fürsorge menschliche Vorbilder, durch die wir sehen, wo wir Veränderung brauchen, und durch die wir lernen, wie wir Jesus ähnlicher werden können.
Wie kann ich solche Vorbilder finden? Hier sind drei praktische Hinweise.
Erstens: Suche dir echte Vorbilder, also nicht nur in Büchern oder online, wo du ihre Lehre hören oder lesen kannst, aber ihr Leben nicht siehst, wo du vielleicht etwas von ihrer Zielstrebigkeit mitbekommst, aber nicht, wie geduldig und liebevoll sie sind.
Zweitens: Such dir verschiedene Vorbilder. Niemand ausserhalb von Jesus bildet alles ab. Und wenn du nur ein einziges Vorbild hast, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass du irgendwie zum Klon wirst.
Nummer drei: Such dir ergänzende Vorbilder, Menschen, die anders sind als du, in ihrem Charakter, in ihrer Lebensphase, in ihren Stärken und ja, an manchen Stellen auch in ihren Meinungen, durch die Gott dir deine blinden Flecken zeigen kann.
Der natürliche Ort, solche Vorbilder zu finden, ist deine Gemeinde. Das heisst übrigens auch, es ist gut, als Gemeinde darauf zu achten, dass nicht nur ganz bestimmte Arten von Personen gefördert werden, sondern dass Personen mit verschiedenen Persönlichkeiten, Lebensphasen und Stärken einen Platz bekommen, an dem sie ein Vorbild für andere sein können.
Die Schrift als letzter Maßstab
Aber selbst die besten Vorbilder sind unvollkommen. Darum geht Paulus jetzt noch einen Schritt weiter, ab Vers 15: Weil du von Kind auf die Heiligen Schriften kennst, die Kraft haben, dich weise zu machen zur Rettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.
Der Massstab für alle Vorbilder ist am Ende Gottes Wort. Ihr Lieben, wir brauchen eine tiefe Prägung durch die Bibel selbst, um gute Vorbilder zu finden und um selbst welche zu werden. Ganz gleich, wo du dich gerade in deinem Leben mit Jesus befindest: Es werden schwierige Zeiten kommen. Bist du bereit dafür?
Gott ruft dir und mir aus diesem Text zu: Rechne mit schwierigen Zeiten, schütze dich vor Selbstzentriertheit, halte dich an gute Vorbilder. Und unser Gott hat in seiner grossen Liebe alles vorbereitet, was wir dafür brauchen, in unserem Abschnitt der letzten Tage für diese und die nächste Generation.
Schlussgebet
Lass uns beten.
Unser Herr, du weißt genau, welche schwierigen Zeiten wann und wo jeder von uns vor sich hat und in welchen schwierigen Zeiten sich einige von uns jetzt gerade befinden. Wir wollen dich bitten: Gib du uns die Kraft und das Vertrauen, dir zu folgen und dich in dieser unserer Zeit zu bezeugen.
Amen.
