Wir befinden uns immer noch im Philippabrief, also gibt es auch an den Abenden nichts Neues unter der Sonne. Gestern haben wir sicherlich eine ordentliche Portion Herausforderung gehört.
Manchmal finde ich es etwas peinlich, immer vor Leuten zu stehen und dann doch ein kleines bisschen den Zeigefinger zu heben und zu sagen: Schaut mal, was hier steht. Ich weiß auch oft nicht genau, was ich sagen soll. Aber wenn ich das predige, was Paulus hier als Vorbild lebt, dann muss ich euch einfach sagen: Paulus ist tatsächlich einer, der, wenn er sein eigenes Leben betrachtet, sich die Frage stellt, was sein Leben fürs Reich Gottes bringt.
Solange da etwas herauskommt – ihr erinnert euch an den letzten Vers, Vers 26 – damit euer Rühmen überströmt, sagt Paulus, solange er dazu beiträgt, dass im Leben von Christen Lobpreis wächst. Also dass Christen ganz ehrlich ihre Hände falten und sagen: Vater im Himmel, ich freue mich von ganzem Herzen darüber, dass dieser Paulus jetzt frei ist und wieder bei uns ist und dass du dich an der Stelle als so mächtig erwiesen hast.
Solange das passiert, sagt Paulus, weiß er nicht, warum das Leben dann kompliziert sein soll. Dafür sind wir da. Wenn ich jetzt hier im Gefängnis sitze, wünsche ich mir das anders. Wenn ich nicht weiß, ob ich den Prozess überleben werde, dann ist es nicht mein Wunsch zu sterben.
Wobei, selbst wenn ich sterben sollte – ehrlich gesagt, ihr lieben Philippa – wüsste ich so, wenn man mich vor die Wahl stellte: sterben oder weiterleben, so dass man jetzt sagt: Boah, bloß nicht sterben, nein, das kann ich nicht so sagen.
Die Motivation des Paulus im Dienst für das Evangelium
Paulus lebt hier das aus, was er auch an anderer Stelle im 2. Korintherbrief so ausdrückt. Dort stellt sich die Frage: Wie schafft er das? Woher nimmt dieser Mann seine Motivation? Man nennt das heute eine intrinsische Motivation, also jemand, der von innen heraus ständig Energie gibt. Woher hat Paulus diese Kraft? Was motiviert ihn?
Im 2. Korinther 4,15 heißt es: „Denn alles geschieht, alles, was er in die Korinther investiert, geschieht um euretwillen, damit die Gnade zunehme und durch eine immer größere Zahl die Danksagung zur Ehre Gottes überströmen lasse.“ Das hat mich sehr fasziniert. Es zeigt, dass das Ziel in Paulus’ Leben darin besteht, Menschen dahin zu bringen, dass sie Gott danken – danken für das, was sie durch ihn in ihrem Leben erfahren dürfen.
Das ist es, was Paulus begeistert. Ich finde, das ist ein sehr schönes Lebensziel: zu sagen, ich möchte so viel Segen sein, dass Menschen, wenn sie sich an mich erinnern – trotz all meiner Macken und Fehler – am Ende sagen: Danke, Herr, danke, dass es diesen eigenartigen Menschen in meinem Leben gab. Danke, dass er mir an der einen oder anderen Stelle zum Segen geworden ist. Danke, Herr, dass du mich so lieb hast, dass ich ihm begegnen durfte.
Das ist es, wofür Paulus immer wieder mit seinem Leben einsteht. Solange wir ein Segen sind, hat unser Leben einen Sinn. Wenn wir aufhören, ein Segen zu sein, wenn wir aufhören, das Evangelium zu leben, zu predigen und Menschen damit zu konfrontieren, ihnen wirklich weiterzuhelfen auf ihrem Weg mit Gott oder auf Gott hin, dann verliert unser Leben seinen Sinn – egal, was wir sonst noch tun.
So war Paulus.
Ein Aufruf zum würdigen Lebenswandel im Evangelium
Paulus macht in Kapitel 1, Vers 27 bis Kapitel 2, Vers 18 einen ganz neuen großen Abschnitt auf. Ich habe diesen Block überschrieben mit „Ein Lebenswandel, der dem Evangelium entspricht“.
Er hat zuvor seine eigenen Lebensumstände betrachtet und gezeigt, dass sein Lebensstil sich um das Evangelium dreht. Das steht im Zentrum: Menschen das Evangelium weiterzusagen. Er hat ihnen deutlich gemacht, dass diese Perspektive die einzige ist, die sich wirklich lohnt zu leben.
Nun nimmt er quasi den Spiegel, in den er selbst schaut, und hält ihn den Philippern vor. Er sagt: „Jetzt schauen wir uns euch an, ihr lieben Philipper. Ihr wisst, wie ich im Gefängnis lebe, ohne zu wissen, ob ich die ganze Sache überlebe. Ich will mein Leben beurteilen. Jetzt wollen wir mit dem gleichen Maßstab euer Leben anschauen. Was bedeutet das für euch?“
In Vers 27 heißt es: „Wandelt nur würdig des Evangeliums des Christus.“ Ganz interessant ist das Wort, das hier für „wandeln“ verwendet wird. Es enthält das Wort „Politik“. Das griechische Wort „Politeuomai“ bedeutet so viel wie sich recht verhalten als Bürger.
Hinter diesem Begriff steckt bei Paulus die Idee, dass wir Himmelsbürger sind. Obwohl wir hier auf Erden leben, zum Beispiel in Deutschland als Deutsche, gehören wir als Christen schon zum Himmel. Wir haben sozusagen eine doppelte Staatsbürgerschaft, die immer mitläuft. Wir sind gleichzeitig Erdenbürger und Himmelsbürger.
Jetzt geht es darum, dieses Wandeln zu leben, also diese Verantwortung im Alltag wahrzunehmen. Genauso wie ein Bürger seine Bürgerpflichten nicht alleine wahrnimmt, sondern immer im Bewusstsein lebt, dass es viele Bürger gibt, so ist das auch hier.
Hinter dem Begriff „Wandeln“ steckt die Idee, dass wir in einem Team arbeiten, gemeinsam Verantwortung tragen und eine geistliche Gemeinschaft bilden. Diese Gemeinschaft jagt zusammen dem Ziel nach, das Gott uns vorgibt.
Also: Wandelt als Team, als Gemeinschaft, nur würdig des Evangeliums. Leider wird die Reihenfolge der Worte im Deutschen etwas anders wiedergegeben als im Griechischen, was schade ist. Im Griechischen ist die Wortstellung umgedreht, wodurch dieser Satz eine besondere Bedeutung bekommt.
Man könnte sagen, das „nur“ steht am Anfang wie ein erhobener Zeigefinger. Jetzt wird es wirklich ernst. Paulus sagt: „Bitte nicht überlesen! Nur: Hört mir zu! Wandelt würdig des Evangeliums des Christus!“
Würdig wandeln bedeutet hier: in angemessener Weise leben, so dass unser Leben das Evangelium unterstreicht und zur Ausbreitung des Evangeliums beiträgt. Das ist, würde Paulus sagen, eure Aufgabe.
Die Gemeinde als Gemeinschaft mit Auftrag
Der Clou ist: Das ist überhaupt der Grund, warum wir hier sind. Man könnte sich ja die Frage stellen: Warum lässt Gott uns eigentlich hier? Es gibt verschiedene Gründe, warum er das tut, aber ein ganz wesentlicher Grund ist, dass wir als seine Mannschaft einen Job haben.
Diesen Job gibt Jesus seinen Jüngern folgendermaßen mit auf den Weg. Wir kennen die Verse alle, ich will sie trotzdem vorlesen. Am Ende des Matthäusevangeliums sagt Jesus: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“ Es ist wichtig, dass wir das wissen. Das ist die Voraussetzung für das, was jetzt kommt. Erstmal sagt Jesus: Ich bin der Chef im Ring.
Dann kommen wir als die, die er beauftragt: „Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und sie lehrt, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.“
Das ist so eine Sandwich-Taktik: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden“ – das ist oben. „Ich bin bei euch alle Tage“ – das ist unten, damit wir keine Angst haben. Und dazwischen steckt der Auftrag: Geht hin! In diesem Schutz, dass er alle Macht hat und immer bei uns ist, sollen wir das Evangelium predigen und anderen weitergeben.
Das ist unsere Aufgabe. Warum gibt es Gemeinde? Gemeinde ist die Gemeinschaft, die gemeinschaftlich diese Aufgabe erfüllt. Wir arbeiten als Gemeinde zusammen am Evangelium. Es gibt Leute, die vielleicht stärker begabt sind, rauszugehen. Es gibt Leute, die mehr beten. Es gibt Leute, die, wenn Menschen zum Glauben kommen, in der Nacharbeit stärker sind.
Wenn man jetzt überlegt, wozu Gemeinde überhaupt da ist, dann ist Gemeinde dazu da, dass das Evangelium läuft. Im Zentrum der Gemeinde steckt das Evangelium. Wenn wir uns überlegen, was die Aufgabe der Gemeinde ist, dann besteht sie darin, das Evangelium voranzutreiben. Deshalb heißt es: „Wandelt nur würdig des Evangeliums.“
Herausforderungen und Warnungen für Gemeinden heute
Und wenn ich ehrlich bin, fängt an dieser Stelle bei mir die Traurigkeit an, weil ich viele Gemeinden kenne, die diesen Punkt vergessen haben.
Das Ziel der Gemeinde besteht dann nicht mehr darin, das Evangelium voranzubringen. Nach zwei, drei Jahren fragt man sich vielleicht nur noch: Machen wir das eigentlich noch? Stattdessen besteht das Ziel der Gemeinde möglicherweise darin, ein Programm am Leben zu erhalten oder einen gewissen Stand innerhalb der Gemeindelandschaft zu bewahren.
Die Frage „Sind wir eigentlich noch effektiv?“, also „Tut sich noch etwas?“, könnte man auch provokanter formulieren: „Benutzt Gott uns eigentlich noch?“ oder „Lassen wir uns eigentlich noch von Gott benutzen?“ Diese Frage spielt dann oft nur noch eine untergeordnete Rolle.
Ich kann heute Abend leider nicht anders, als euch diese Frage zu stellen, weil sie hier im Text steht. Ich habe sie mir nicht aus den Fingern gesogen, sondern dachte mir, das muss man mal in Schwante sagen. Ja, das steht hier.
Der Auftrag lautet: „Wandelt würdig des Evangeliums.“ Das ist ein gemeinschaftlicher Auftrag, den Paulus den Philippern als ganze Gemeinde ins Stammbuch schreibt. Damit, sei es, dass ich komme und euch sehe, oder abwesend bin und von euch höre, ihr feststeht – in einem Geist.
Das ist ein herrlicher Begriff: feststehen in einem Geist. Wir merken, womit dieses Evangelisieren untrennbar verbunden ist. Gott schafft ein Team, und dieser eine Geist ist hier in dem Fall der menschliche Geist. Wenn wir es übersetzen wollen, bedeutet das mit anderen Worten, dass ihr alle – würde man das so sagen – ein Ziel habt, eine Absicht.
Wenn man Fußball spielt, dann hat man eine Mannschaft. Ob du im Tor stehst oder Stürmer bist, ihr macht unterschiedliche Sachen, aber ihr habt ein gemeinsames Ziel: Ihr wollt dieses eine Spiel gewinnen. Ganz einfach.
So sind wir: Wo du stehst, spielt keine Rolle. Die Frage ist, ob du dieses eine Ziel in deinem Leben hast, ob du mit einem Geist, mit einer Ausrichtung dem Team angehörst.
Die Bedeutung von Gemeinschaft und Zusammenhalt im Glaubenskampf
Ich weiß nicht, so als Kind hat man das bestimmt auch schon erlebt. Man spielt Fußball miteinander und irgendwann passiert etwas. Zum Beispiel wird jemand gefoult, doch der Schiedsrichter pfeift nicht richtig. Dann wird der Gefoulte motzig.
Er steht dann in der Ecke und sagt: „Jetzt spiele ich aber nicht mehr mit.“ Das ist eine ganz blöde Situation für die anderen. Derjenige steht da in der Ecke und sagt, er macht nicht mehr mit. Die anderen wollen aber weiterspielen, haben aber einen Mann weniger. Das ist wirklich eine unangenehme Sache.
Ich habe das oft als Kind erlebt, und es war immer blöd. Dann versucht man, denjenigen zu überreden: „Mach doch wieder mit, sei doch wieder dabei.“ Ähnlich ist es, wenn wir in der Gemeinde Leute haben, die sagen: „Nö, da mache ich nicht mit.“
Für mich ist Gemeinde etwas wie ein Kuschelclub. Da möchte ich hinkommen, gestreichelt werden und meine angenehme Zeit am Sonntagvormittag haben. Aber das Evangelium? Nein, das interessiert mich eigentlich nicht. Oder es gibt Leute, die sagen: „Dieses große Ziel Evangelisation, das teile ich eigentlich nicht. Ich bin schon für Gemeinde, gebe vielleicht Geld, sitze im Gottesdienst und arbeite vielleicht sogar mit. Aber dieses große Ziel, dass wir eine Existenzberechtigung als Gemeinde dadurch haben, dass wir evangelisieren, das Evangelium vorantreiben, das Reich Gottes bauen – das ist mir zu fundamentalistisch, zu extrem.“
Solche Leute sagen: „Das können ein paar machen, das ist in Ordnung. Wir können auch einmal im Jahr jemanden einladen, der eine Evangelisation von vorne macht. Aber im Großen und Ganzen möchte ich damit nichts zu tun haben. Mir reicht es, wenn ich den Sonntag habe und danach noch ein Stück Kuchen. Ja, es gibt einen guten Kuchen bei euch, und dann ist gut.“
Paulo sagt: „Sorry, mag ja sein, dass das für dich gut ist, aber mit Gemeinde hat das überhaupt nichts zu tun. Echte Gemeinde hat den Auftrag, das Evangelium zu verbreiten. Sie hat den Auftrag – und jetzt kommt es – mit einer Seele zusammen für den Glauben des Evangeliums zu kämpfen.“
Feststehen im Glaubenskampf trotz Widerstand
Wenn hier steht, dass wir „in einem Geist feststehen“ und dann heißt es weiter, „mit einer Seele kämpfen“ und noch weiter unten „euch in nichts von den Widersachern erschrecken lasst“, dann sind das sprachliche Erklärungen für das Feststehen.
Was bedeutet es, festzustehen? Es bedeutet, gemeinsam zu kämpfen. Es bedeutet auch, dass man sich von dem Widerstand, der von außen auf einen eindringt, nicht erschrecken lässt.
Ich hatte den Eindruck, dass ihr mein Beispiel aus dem ersten oder zweiten Vortrag mit dem Film „300“ nicht ganz verstehen konntet, weil euch die Bilder fehlten. Deshalb habe ich euch den Film mitgebracht. Ich möchte, dass ihr versteht, was es heißt, festzustehen.
Also noch einmal: Feststehen ist ein Befehl. Paulus will, dass wir zusammenstehen, dass wir uns Seite an Seite nicht trennen lassen. Wir werden gleich sehen, wie eine Reihe von Soldaten wirklich zusammensteht. Wir werden sehen, was alles auf sie einstürmt.
Ich möchte, dass ihr das als Bild versteht für das, was Paulus hier meint. Denn der Mann lebte natürlich in einer Zeit, in der solche Situationen noch viel präsenter waren.
Es geht darum zu verstehen, dass wir entweder gemeinsam leben und evangelisieren oder als Einzelkämpfer untergehen.
Ich wollte bis zu dem Punkt kommen, an dem ihr gesehen habt: Die Soldaten werden zurückgedrängt, aber sie bleiben wie ein Mann stehen. Dann kommt von hinten der Befehl „Stopp“ und sie halten die Stellung.
Solange sie zusammenbleiben, kann sie nichts umwerfen. Das ist die Idee dahinter. Solange sie zusammenbleiben, deckt einer mit seinem Leben, in diesem Fall mit seinem Schild, den anderen mit ab. Dabei kann vielleicht mal eine leichte Verwundung passieren, aber niemand stirbt, weil einer für den anderen eintritt.
Dieses Feststehen, das Nicht-umgeworfen-Werden, beschreibt Paulus hier. Wir kämpfen mit einer Seele gemeinsam für den Glauben des Evangeliums und lassen uns von den Widersachern in nichts erschrecken. So stehen wir fest.
Die Gefahr von Individualismus und Gemeindespaltungen
Wenn ich mir eine Sache für Gemeinden heute wünschen würde, dann wäre es, dass sie diese Lektion neu lernen.
Ich bin sehr traurig über Christen, die meinen, sie müssten unbedingt aus der Phalanx, aus der Kampfreihe ausscheren. Sie glauben, ihr eigenes Christsein leben zu müssen, ihr eigenes Ding durchziehen zu müssen. Aber bloß nicht in der Gemeinde mitarbeiten, bloß nicht Teil eines Teams werden, sich bloß nicht unterordnen, bloß nicht dem Frieden nachjagen, bloß nicht eines Sinnes und eines Geistes sein.
Es gibt nur wenige Dinge, die mich trauriger machen als Gemeindespaltungen über zweit- oder drittklassige Fragen. Da stehe ich wirklich daneben und frage: Habt ihr denn nicht verstanden, wofür ihr da seid? Kann es wirklich sein, dass manche Fragen so wichtig werden, dass man sich darüber spaltet und das eigentliche Ziel aus den Augen verliert?
Paulus sagt: Steht fest! Kommt an den Punkt, wo euch nichts umwerfen kann. Was müsst ihr tun? Mit einer Seele für den Glauben des Evangeliums kämpfen. Eine Seele im Sinne von: Verfolgt dieselbe Absicht, habt ein gemeinsames Ziel.
Wenn dich jemand fragt: Was ist das Wichtige für dich in der Gemeinde? – dann lerne diese Antwort: Das Wichtige ist, dass ich zusammen mit den anderen am Evangelium kämpfen darf. Dass wir gemeinsam das Evangelium ausbreiten dürfen. Dass wir kämpfen dürfen für den Glauben des Evangeliums.
Das ist der Glaube, der aus dem Evangelium kommt. Das sind die Glaubensinhalte und das Glaubensleben, die darauf bauen, dass Menschen das Evangelium verstanden haben. Und ihr sollt euch von den Widersachern in nichts einschüchtern lassen.
Die Widersacher sind hier wahrscheinlich Nichtchristen, die die Gemeinde verfolgen. Paulus sagt, ihr müsst aufpassen, dass ihr euch nicht einschüchtern lasst.
Ihr seht diese Horden im Bild, die auf euch zuströmen. Ihr seht diese Übermacht und denkt manchmal: Ich kann doch gar nichts ausrichten, ich, kleiner Christ hier in dieser Welt. Was wollen wir denn noch schaffen?
Aber das ist falsch. Wer feststeht, der kämpft. Wer feststeht, der lässt sich nicht erschrecken.
Glaube und Leiden als Geschenk Gottes
Vers 28: Was Sie hier als „die Widersacher“ lesen, lässt sich an dieser Stelle besser übersetzen mit „was in Bezug auf sie ein Beweis des Verderbens ist, aber eures Heils“. Die Tatsache, dass sie das nicht verstehen und uns ablehnen, ist ein Beweis dafür, dass sie verloren gehen. Unser Heil hingegen kommt von Gott.
Vers 29: Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden. Uns ist das geschenkt worden. Die Zeitform, die hier verwendet wird, bezeichnet etwas, das in der Vergangenheit passiert ist, punktuell. Bei der Bekehrung schenkt uns Gott etwas. Und das, was er uns schenkt, klingt nicht nur positiv.
Das Erste ist, nicht allein an ihn zu glauben. Gott wirkt daran mit, dass wir überhaupt zum Glauben kommen, und schenkt uns diesen fortwährenden Glauben. Das ist etwas, das Gott uns schenkt. Aber er schenkt uns auch, dass wir für ihn leiden dürfen.
Hier ist nicht so sehr der allgemeine Druck gemeint, unter dem man steht, etwa psychischer Druck, sondern wirklich Kampf, Auseinandersetzung, Ablehnung – also eine deutlich härtere Form. Ich weiß nicht, ob wir das wirklich verstanden haben.
Ich habe euch erzählt, dass ich Bücher lese, in denen Kurzbiografien von Christen über die Jahrhunderte hinweg enthalten sind. Es ist erschreckend, wie viele von ihnen tatsächlich verfolgt wurden – richtig verfolgt. Aber es ist auch erschreckend zu lesen, wie viele von ihnen ein ganzes Leben lang durchgehalten haben. Also irgendwie beides.
Ich möchte uns das im 21. Jahrhundert im satten Deutschland einfach nochmal vor Augen führen: Es ist uns im Blick auf Christus geschenkt worden, an ihn zu glauben und für ihn zu leiden. Wir denken oft, Leid dürfe nicht sein. Wo Leid in unserem Leben auftaucht – natürlich, hier geht es um Leid im Blick auf Christus –, ist es kein sinnloses Leid, sondern Leid, das auftritt, wenn wir für unser Christsein einstehen und Ablehnung erfahren.
Da wäre etwas falsch, wenn wir es nicht erleben würden. Aber es ist nicht falsch, sondern genau das, was Gott sehen möchte: Dass ihr denselben Kampf habt, wie ihr ihn an mir gesehen habt und jetzt von mir hört.
Die Philipper denken an Paulus im Gefängnis und denken sich: „Na ja, dem hat es wirklich erwischt.“ Und Paulus sagt: „Wisst ihr was? Wir sind eigentlich alle in derselben Mannschaft. Wir haben alle mehr oder weniger das gleiche Problem.“ Wir stehen an vorderster Front, das Evangelium zu predigen.
Für mich heißt das, ins Gefängnis zu gehen. Für euch heißt es, dass ihr euch von dem Druck, der da ist, von der Ablehnung, die ihr erfahrt, nicht umwerfen lasst. Dass ihr jetzt nicht aufgebt, dass ihr zusammensteht, dass ihr nüchtern den Problemen ins Auge schaut.
Dass wir manchmal diesen geistlichen Kampf erleben, der wirklich passiert, den wir aber gar nicht wahrnehmen wollen. Dass man so tut, als gäbe es ihn nicht, als könnte man beliebig miteinander umgehen, als würde es keinen Unterschied machen, ob wir miteinander leben, ob wir füreinander einstehen, ob wir uns umeinander kümmern, ob wir einander ermutigen und ermuntern.
Gottesdienst als Ort der Ermutigung und Gemeinschaft
Denkt manchmal darüber nach, wie es im Hebräerbrief, Kapitel 10, heißt, wenn es darum geht, warum wir eigentlich Gottesdienst feiern. Das ist eine gute Frage: Warum machen wir eigentlich Gottesdienst?
Als Prediger ist es oft schwierig zu sehen, dass es dabei nicht in erster Linie um die Predigt geht. Im Hebräer 10 heißt es: „Lasst uns aufeinander Acht haben, um uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen.“ Warum also machen wir Gottesdienst? Damit wir zusammenkommen, aufeinander Acht geben und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Werken anspornen.
Verstehst du dieses andere Denken? Oft denken wir, wir kommen in den Gottesdienst, singen ein paar schöne Lieder, beten miteinander und hören eine gute Predigt. Doch der Schreiber des Hebräerbriefs stellt eine andere Perspektive vor. Er sagt: Wir kommen als verfolgte, leidende Menschen zusammen. Und was machen diese Menschen, wenn sie zusammen sind? Sie ermutigen sich gegenseitig. Sie sagen: „Hey, du schaffst das! Geh wieder raus! Ich weiß, die letzte Woche war furchtbar für dich, und es geht dir schlecht, aber du schaffst das!“
Das ist eigentlich Gemeinde. Alles andere kann dazu kommen, aber die Hauptidee ist: Ich gehe aus der Gemeinde heraus, nachdem ich Ermutigung erfahren habe. Ich wurde ermutigt, zur Liebe und zu guten Werken angereizt. Ich habe erlebt, was es heißt zu lieben und gute Werke zu tun. Und dann gehe ich hinaus und sage: Egal wie die letzte Woche war, ich werde mich wieder einreihen und weiterkämpfen.
Wenn ich total entmutigt hineingehe, gehe ich mutig wieder heraus. Wenn ich mutig hineingehe, gebe ich meinen Mut weiter. Das ist eigentlich Gemeinde.
Wir alle nehmen mehr oder weniger am selben Kampf teil, als Christen. Und wir müssen darauf achten, dass der Druck von außen uns nicht umwirft und wir keine Kompromisse mit einer Welt eingehen, die uns davon abbringen will, Jesus nachzufolgen.
Nüchternheit und geistlicher Kampf im Alltag
Bitte schön, das ist eine Realität. Und ich freue mich immer wieder, wenn ich im Leben von Christen, vor allem auch von jungen Christen, Nüchternheit sehe. Nüchternheit bedeutet hier, zu sagen: Okay, wenn das ein wirklicher geistlicher Kampf ist, in dem ich stehe, dann möchte ich in diesem Kampf bestehen. Ich möchte über die Dinge, die mein Leben ausmachen, nachdenken.
Ich bin traurig, wenn ich mitbekomme – besonders bei jungen Christen, vor allem bei Männern –, dass sie Stunden und Stunden vor irgendwelchen Computerspielen sitzen. Ich habe nichts gegen Computerspiele an sich, aber ich denke mir: Wer dreißig, vierzig, fünfzig oder hundert Stunden davor verbringt, der hat irgendwo etwas verloren. Er hat Lebenszeit verloren. Das ist nicht nüchtern. Da hat jemand in einem Kampf um seine Seele verloren.
Denn es ist ein Unterschied, ob man sich mal entspannt oder ob man hineingesogen wird und eigentlich jemand anders mein Leben lebt und darüber bestimmt, wie ich meine Zeit fülle. Das meine ich mit geistlichem Kampf und Nüchternheit: dass wir noch erkennen, wo eigentlich der Kampf ist. Bin ich eigentlich noch jemand, der in der Schlachtreihe steht? Oder habe ich mich irgendwo an den Rand gesetzt mit meiner Playstation 3 und bin irgendwie abgetaucht?
Ich weiß, wie gesagt, nicht, was man für Frauen machen kann. Bei jungen Männern denke ich aber, dass das eines der echten Probleme ist. Denn du wirst im Counterstrike erst gut, wenn du schon mal ein paar Dutzend Stunden gespielt hast. Vorher bist du einfach nichts. Das macht halt einfach null Spaß, sagt man mir.
Was soll ich da sagen? Das sind die gleichen Leute, die selten mal mit jemandem über die Bibel reden, weil sie leider keine Zeit hatten, in der Bibel zu lesen und sich damit auseinanderzusetzen. Schiff gescheitert, oder?
Lasst euch an dieser Stelle nicht wegziehen. Das ist der Punkt: Standhaftigkeit, gemeinsamer Kampf und Furchtlosigkeit trotz Opposition. Das waren die Themen in Philipper 1,27-30.
Die Gefahr von inneren Schwachstellen und die Verantwortung der Gemeinde
Dieser Blick nach draußen zeigt nur eine Seite: Was kommt von außen auf mich zu? Christen sind wie U-Boote. U-Boote sind in etwa tausend Meter Tiefe unterwegs. Wenn irgendwo ein Loch ist, laufen sie voll Wasser und sinken ab.
Wir leben in einem Zustand, in dem ständig von außen jemand versucht, Löcher in unser Christsein zu stoßen, sodass wir volllaufen und absaufen. Wir stehen tatsächlich unter Druck. Das ist die eine Seite.
Wir können diesem Druck von außen begegnen, indem wir zusammenstehen. Wenn ich merke, dass jemand, zum Beispiel ein Counter-Striker, wirklich nächtelang in irgendwelchen PC-Welten versinkt, dann gehe ich zu ihm und frage: „Du hast dich taufen lassen und gesagt, dein Leben gehört Jesus. Stehst du noch dazu oder nicht?“
Wenn nicht, ist alles gut, denn dann habe ich dir nichts zu sagen. Aber wenn du sagst, dein Leben gehört dem Herrn und du vertust es gleichzeitig mit drittklassigen Zeitfressern, dann passt das nicht. Du hast eine Berufung. Du hast eine Berufung, ein Segen zu sein. Du hast eine Berufung, dass Ströme lebendigen Wassers aus dir herausfließen und nicht nur imaginäre Bleikugeln.
Wenn du also noch gläubig bist und das auch irgendwie unterstreichst, dann hör jetzt auf damit. Das ist meine Verantwortung. Und dazu ist eigentlich ein Stück Gemeinde da: dass wir aufeinander zugehen und sagen: „Komm, gliedere dich wieder ein, mach wieder mit!“
Ich denke, intelligente Gemeindestrukturen – ich kenne euch jetzt nicht so gut, das will ich ehrlich sagen, und deswegen kann ich keine Meinung dazu abgeben – aber das ist auch wieder ein Vorteil: Eine intelligente Gemeindestruktur hat begriffen, dass sie dazu da ist, den einzelnen Gläubigen in seiner Aufgabe als Evangelist zu unterstützen.
Gemeinde ist eigentlich kein Selbstzweck. Gemeinde ist dazu da, vor allem die Menschen, die Gott innerhalb einer Gemeinde begabt hat, auszurüsten. Das steht in Epheser 4. Wisst ihr, wir haben alle den Auftrag, rauszugehen in die Welt und Menschen zu erreichen.
Aber Gemeinde ist der Ort, an den wir immer wieder hingehen können, um aufzutanken, dazuzulernen und ermutigt zu werden. So können wir unsere Aufgabe erfüllen. Baut eure Gemeinde so auf, dass am Ende Menschen herauskommen, die fähige Evangelisten sind. Dann habt ihr eine Gemeinde, die richtig funktioniert.
Warnung vor Selbstzweck und Überfrachtung in der Gemeinde
Also, noch einmal: Was ich jetzt sage, trifft vielleicht jemanden empfindlich.
Ihr müsst vorsichtig sein, denn man darf nicht einfach alles mitmachen, ohne es zu hinterfragen. In eurer Gemeinde könnt ihr von mir aus tun, was ihr wollt, aber achtet darauf, dass die Einzelnen nicht von der Gemeinde aufgesogen werden. Sie sollten nicht mit Gemeindeaktivitäten so vollgepackt werden, dass sie keine Zeit mehr haben, ganz normal zu leben und mit anderen Menschen geistlich in Kontakt zu kommen. Das ist wichtig.
Wenn ihr euch entscheidet, eine Gemeindeaktivität zu starten, überlegt genau, inwiefern sie tatsächlich diesem Ziel dient. Wir können unsere Gemeinden zu so hübschen, netten und kuscheligen Orten machen, dass wir völlig vergessen, wofür wir eigentlich da sind. Außerdem können wir viel Zeit in bestimmte Bereiche der Gemeinde investieren, die alle ihr Recht haben. Dabei binden wir aber Kapazitäten von Menschen, die eigentlich dazu berufen sind, hinauszugehen.
Deshalb wird Gemeinde, wenn sie kein Selbstzweck sein und weiterhin eine kämpferische Einheit bleiben soll, immer ein unfertiger Ort sein. Du musst dir ständig überlegen: Wie kann ich mit den begrenzten, mir zur Verfügung stehenden Ressourcen das Evangelium effektiv verkündigen? Und was bleibt dabei auf der Strecke? Es gibt Dinge, die ich auch gerne in der Gemeinde machen würde, die aber nicht gemacht werden können.
Man muss sich irgendwann entscheiden, sonst wird das Programm und die Aufrechterhaltung eines bestimmten Gemeindestandards zum Lebensziel der Gemeinde. Und spätestens dann, wenn das passiert, seid ihr kurz vor dem Tod der Gemeinde – dann ist einfach Schluss.
Ich sehe das bei euch nicht. Also denkt nicht, ich sage das alles so ausführlich, weil ich es irgendwie durch die Blume ausdrücken möchte, als wäre das bei euch so. Das ist es nicht.
Jesus als Vorbild für Einheit und Demut in der Gemeinde
Wenn ich verstanden habe, dass es da draußen Anfechtungen gibt, dann muss ich auch begreifen, dass wir diese Einheit, dieses Zusammenstehen, nicht einfach so schaffen. Es braucht auch eine innere Motivation und die richtige Haltung dazu.
Wenn Paulus sich selbst im Blick auf den Umgang mit äußeren Schwierigkeiten als Vorbild hinstellt, dann sagt er: Wenn es darum geht zu begreifen, wie wir miteinander umgehen sollen und welche Gesinnung dabei wichtig ist, dann habe ich ein anderes Vorbild für euch – und das ist Jesus.
Das zeigt sich hier in Kapitel 2. In den ersten vier Versen ruft Paulus zur Einheit und zur Demut auf. Er sagt: Wenn es nun – und dann folgen vier Dinge – wenn diese Dinge in eurem Leben als Realität vorhanden sind, wenn ihr sagt: Ja, das ist bei uns so, dann gilt Folgendes.
Zunächst: Wenn es irgendeine Ermunterung in Christus gibt – das Wort kann auch Ermahnung oder, am häufigsten in der Bibel, Trost bedeuten – wenn ihr also Trost in Christus erfahren habt, wenn ihr wirklich erlebt habt, dass ihr in Jesus Trost gefunden habt und dazu ja sagt: Ja, ich habe das –, dann gilt das.
Weiter: Wenn es irgendeinen Trost der Liebe gibt – das Wort bedeutet hier eher Ermunterung oder freundlichen Zuspruch, also einen Zuspruch, den wir durch die Liebe Christi erhalten –, wenn du erfahren hast, dass die Liebe Christi dich aufgebaut hat, dann gilt das ebenfalls.
Dann: Wenn es irgendeine Gemeinschaft des Geistes gibt – wenn du erlebt hast, was es bedeutet, den Heiligen Geist zu haben, ihn zu erleben und mit ihm zu leben –, wenn du das gemeinschaftlich erfahren hast, dann gilt das.
Und schließlich: Wenn es irgendein herzliches Mitleid und Erbarmen gibt – hier ist nicht das Mitleid der Philipper gemeint, sondern dass Gott mit ihnen Mitleid und Erbarmen hat –, wenn das eine grundlegende Erfahrung in deinem Leben ist, dass Gott barmherzig mit dir umgeht, dann gilt auch das.
Der Aufruf zu gemeinsamer Gesinnung und gegenseitiger Wertschätzung
Wenn das stimmt, was folgt dann daraus? Paulus sagt: So erfüllt meine Freude, dass ihr dieselbe Gesinnung habt, dieselbe Liebe teilt und einmütig eines Sinnes seid. Merkt ihr das?
Hier ist die Argumentation: Wenn du ein Christsein lebst, in dem du umhüllt und eingebunden bist in Gnade, wo du erlebst, dass Jesus in deinem Leben wirkt und dich beschenkt, dann sagt Paulus: Das erfüllt meine Freude vollkommen. Mehr noch, freu dich an Jesus! Aber Paulus bittet auch: Wenn du mich liebst, dann schenk mir doch etwas, woran ich mich freuen kann. Nämlich, dass ihr dieselbe Gesinnung habt.
Das Wort „Gesinnung“ oder „dasselbe Denken“ umfasst den Menschen mit seinen Absichten und seiner ganzen Geisteshaltung. Es ist deshalb wichtig zu verstehen: Dieselbe Gesinnung zu haben heißt nicht, dass wir alle unser Denken gleichschalten. Darum geht es nicht. Es geht nicht darum, dass du genau das denken musst, was ich denke, und zwar auf dieselbe Weise.
Worum es hier geht, ist, dass wir dieselbe Ausrichtung unseres Denkens haben. Dass wir dieselben Ziele verfolgen, dieselben Absichten teilen und in dieselbe Denkrichtung gehen. Wenn es darum geht, was uns als Gemeinde wichtig ist, dann sollte nicht der eine sagen: „Das Wichtigste hier in der Gemeinde ist eine bessere Akustik, ich bin da voll dafür.“ Sondern man sagt: „Okay, das ist ein Ziel, aber nicht das Wichtigste.“
Oder: „Das Wichtigste in der Gemeinde ist, dass es mehr Kuchen am Sonntag gibt.“ Nein, das ist es auch nicht. Das Wichtigste in der Gemeinde ist, dass das Sola größer wird. Das ist schon interessanter, oder? Denn hier kommt das Thema Evangelisation ins Spiel.
Paulus möchte eine Gesinnung, eine Ausrichtung, in die alle denken: Wohin geht eure Aufmerksamkeit? Jeder auf seine Weise? Was wollt ihr in eurem Leben erreichen? Wollen wir die größte Gemeinde in ganz Brandenburg werden? Falsch! Das könnte sie werden, aber das ist die falsche Richtung.
Die richtige Richtung ist: Wir wollen, dass das Evangelium läuft. Wir wollen eine Gemeinde sein, die am klügsten evangelisiert und den Auftrag, den sie hat, am besten wahrnimmt. Und deswegen fängt das bei jedem Einzelnen an.
Wenn wir gemeinsam für das Evangelium kämpfen wollen, dann muss jeder, der in diesem Kampf steht, wirklich sagen: „Ich schaue nach vorne, ich schaue in die gleiche Richtung. Ich will, dass es an dieser Stelle weitergeht.“
Liebe als Fundament der Gemeinde
Dieselbe Gesinnung, dann natürlich auch dieselbe Liebe habt. Das ist ja fast eine Wiederholung. Es darf keine Liebesmuffel in der Gemeinde geben.
Wenn einer sagt: „Ich bin halt nicht so der liebevolle Typ“, dann sage ich: Willkommen im Club, das bin ich auch nicht. Nichtsdestotrotz sagt Paulus, dass dieselbe Liebe, das, was uns verbindet, Liebe sein muss.
Wenn wir das nicht schaffen, wenn du merkst, dass du jemand bist, der über andere schlecht denkt, schlecht redet, sie ablehnt, Schwierigkeiten hat, Beziehungen zu bauen oder ähnliches, dann bete, ringe und flehe darum, dass du jemand wirst, der Liebe lernt.
Du musst es lernen. Du musst anfangen zu lieben. Das muss in dir stärker werden, das muss wachsen. Das hatten wir schon als Gebetsanliegen am Anfang.
Paulus sagt: dieselbe Liebe, damit wir wirklich – wie wir auf Deutsch sagen würden – ein Herz und eine Seele sind. Dass man wirklich sagt: „Hey, wir mögen einander.“ Einmütig, eigentlich einselig, wörtlich übersetzt harmonisch. Dass man sich nicht gleich aus der Fassung bringen lässt, wenn der andere mal ein bisschen komisch ist. Dass man eines Sinnes ist.
Nochmal dieser Gedanke: auf ein Ziel ausgerichtet, nämlich auf das Evangelium.
Demut und Selbstlosigkeit als Ausdruck echter Liebe
Vers drei sagt, dass ihr nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht tun sollt. Es soll niemand in der Gemeinde sein, der denkt: „Die Gemeinde ist mein Selbstbedienungsladen. Ich gehe hin, hole mir meinen Teil und dann ist gut.“ So funktioniert das nicht.
Stattdessen soll jeder in der Demut den anderen höher achten als sich selbst. Das ist die Idee. Wenn ich in die Gemeinde komme, tue ich nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht. Das bedeutet, ich stelle mich nicht in den Mittelpunkt, um zu sagen: „Schaut mal her, wie toll ich bin.“ Dahinter steckt oft der Gedanke, die Gemeinde als Bühne zu benutzen, um sich selbst zu präsentieren.
Christen sind oft schnell dabei, sich selbst als nett oder toll darzustellen. Manchmal sagen sie sogar noch deutlicher, wie nett sie sind. Das ist Quatsch! Wir kommen nicht in die Gemeinde, um unser Ego zu streicheln oder um etwas für unseren Geldbeutel abzustauben.
Wir kommen in die Gemeinde als Menschen, die demütig sein wollen. Die bewusst nicht zu groß von sich denken wollen. Eigentlich kommen wir als Menschen, die wissen, dass sie aus Gnade gerettet sind. Wir wissen genau: Ich verdiene es nicht, hier zu sein. Ich verdiene es kein Stück, heute Abend hier oben zu stehen. Und du verdienst es auch nicht, unten zu sitzen. Wir sind aus Gnade gerettet.
Wenn jemand sich hinstellt und sagt: „Ich bin etwas Besonderes“, dann erinnert das an Animal Farm: „Alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher.“ Wenn dieses Denken in mir aufkommt, zum Beispiel: „Ich bin schon lange hier, ich mache einen verdienstvollen Dienst, habe viel gespendet, mich zeitlich eingebracht“, und dann denke ich: „Jetzt müssen die anderen mal zeigen, was sie draufhaben, und ich kann mich mal bedienen lassen“ – dann ist das falsch. Ganz falsch!
In Demut den anderen höher achten als sich selbst – das ist echte Liebe.
Praktische Umsetzung von Liebe in der Gemeinde
1. Korinther 13,5 nennt ein Kennzeichen echter Liebe: Sie sucht nicht das Ihre.
Ich verspreche euch, dass es Sonntag für Sonntag eine Herausforderung ist, genau das zu leben. Reinzugehen und zu sagen: „Okay, ich will es lernen zu lieben. Ich will es wirklich lernen zu lieben.“
Wenn da jemand sitzt und ich merke, dass er alleine ist, dann möchte ich nicht das Meine suchen. Statt mit meinen Kumpels zu reden, mit denen ich mich gut verstehe und mit denen ich die Scherze mache, die wir schon kennen, gehe ich zu dem, den ich nicht kenne. Zu dem, bei dem ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Vielleicht schaut er traurig drein, vielleicht belastet er mich mit seinen Problemen – und das an meinem einzigen freien Tag, dem Sonntag.
Ich sage Ja, das wäre genau das, was hier steht: In der Demut achtet einer den anderen höher als sich selbst. Das wäre Liebe.
Wir können diese Idee der Liebe auf ganz viele kleine Momente in der Gemeinschaft, in der Gemeinde herunterbrechen. Es gibt viele kleine Momente, in denen wir uns entscheiden müssen: Möchte ich lieben oder nicht? Gehe ich jetzt an dem anderen vorbei? Ja, der hat eine Not, das sieht man, aber ich habe gerade keine Zeit und wirklich keine Lust, mich mit ihm zu beschäftigen.
Oder in einem Gespräch muss ich nicht immer sagen, wie toll ich bin, was ich letzte Woche erreicht habe und wie gut alles gelaufen ist. Vielleicht muss ich auch nicht immer sagen, wie schlecht es mir geht. Kann ich nicht auch mal über den anderen nachdenken, ihn ermutigen und einfach hören, wie es ihm geht?
Das wäre unser Job. Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das der anderen.
Paulus ist nüchtern: Wir müssen auf das schauen, was uns betrifft. Daran können wir nicht vorbeischauen. Aber es war nie ein Problem in der Weltgeschichte, dass Menschen ihre eigenen Bedürfnisse missachtet hätten. Wir wissen, was wir brauchen, und wir holen uns das.
Problematisch wird es dort, wo wir in einer Gemeinschaft stehen, die behauptet, einen Herrn zu haben, für den Liebe das Höchste ist – und wir das nicht leben. Das ist ein Problem.