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Treffpunkt zwischen Himmel und Erde

Gemeinde Jesu Christi (6/8)
1. Könige 810.11.2024
SerieTeil 6 / 8Gemeinde Jesu Christi
Ein Haus kann Gott nicht fassen – und doch kann es zur Tür werden. Die Frage ist: Bleibst du an der Grenze stehen oder gehst du durch das Kreuz hinein in Gottes Nähe?

Ein Tempel als Ort der Gegenwart Gottes

 1. Könige 8,1-2
Damals versammelte Salomo die Ältesten von Israel und alle Häupter der Stämme, die Fürsten der Vaterhäuser der Kinder Israels, zum König Salomo nach Jerusalem, um die Bundeslade des Herrn hinaufzubringen aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und alle Männer Israels versammelten sich zum König Salomo am Fest im Monat Etanim, das ist der siebte Monat.
 1. Könige 8,6
Und die Priester brachten die Bundeslade des Herrn an ihren Ort in das Sprachort des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim. Denn die Cherubim breiteten die Flügel aus über den Ort, wo die Lade stand, und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her. Als der Herr mit den Kindern Israels einen Bund machte, als sie aus dem Land Ägypten gezogen waren.
Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligtum hinausgingen, da erfüllte die Wolke das Haus des Herrn, sodass die Priester wegen der Wolke nicht hinzutreten konnten, um ihren Dienst zu verrichten. Denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus des Herrn.
Damals sprach Salomo: Der Herr hat gesagt, er wolle im Dunkeln wohnen. Ich nun habe ein Haus gebaut als Wohnung für dich, eine Stätte, dass du ewiglich dort bleiben mögest.
 1. Könige 8,27
Aber wohnt Gott wirklich auf der Erde? Siehe, die Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen, wie sollte es denn dieses Haus tun, das ich gebaut habe?
Wende dich aber zu dem Gebet deines Knechtes und zu seinem Flehen, o Herr, mein Gott, dass du hörst auf das Rufen und das Gebet, welches dein Knecht heute vor dich bringt. Lass deine Augen Tag und Nacht offen stehen über diesem Haus, über dem Ort, von dem du gesagt hast: Mein Name soll dort sein, dass du das Gebet hörst, das dein Knecht zu dieser Stätte gerichtet hat. So höre doch das Flehen deines Knechtes, deines Volkes Israel, das sie zu diesem Ort hin richten werden. Ja, höre du es an dem Ort deiner Wohnung im Himmel, und wenn du es hörst, so vergib.
Amen.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Lasst uns noch einmal beten:
Herr, nun zeig uns dein königliches Walten. Bring Angst und Zweifel selbst zur Ruh. Du wirst allein ganz Recht behalten. Herr, mach uns still und rede du.
Amen.

Ein Ort der Zuflucht und ein Bild für die Gemeinde

Wir Gemeinde, in der wunderschönen Stadt Prag, gibt es für mich einen besonders berührenden Ort, und das ist der hintere Gartenzaun des Palais Lobkowitz auf der sogenannten Prager Kleinseite, Sitz der Deutschen Botschaft. Durch die Gitterstäbe sieht man den idyllischen Garten, wunderbar gepflegte Rasenflächen im Hintergrund. Nur zehn Minuten zu Fuß entfernt erhebt sich die Prager Burg mit dem alten Schloss und dem Pfalzdamm.
Dieser Garten wurde im Sommer 1989 zur Zuflucht. Für viele deutsche Männer, Frauen und Kinder aus der damaligen DDR. Ins sozialistische Ausland durften sie damals ja noch reisen, wie das hieß, und einige haben es gewagt. In Prag angekommen, näherten sie sich der westdeutschen Botschaft. Weil man ja immer damit rechnen musste, dass die Straße vor der Botschaft von tschechoslowakischem Militär bewacht wurde, schlich man sich von hinten an, eben an diesen Gartenzaun, und wartete auf den richtigen Moment, um dann über den Zaun zu klettern.
Und dann war man drin im Palais Lobkowitz. Wer das geschafft hatte, der befand sich, obwohl noch mitten im kommunistischen Machtgebiet, plötzlich auf dem Boden der Freiheit. Hier auf dem Gelände der deutschen Botschaft hatte das tschechische Militär keinen Zugriff, hier war exterritoriales Gelände. Wer es hierher geschafft hatte, der stand von jetzt an unter dem Schutz der deutschen Botschaft und des deutschen Grundgesetzes. Er war rechtlich gesehen zuhause in Deutschland angekommen, obwohl noch mitten in Prag, obwohl umstellt und beobachtet von Polizei und Militär eines damals noch kommunistischen Staates, obwohl bedrängt von der Forderung, herauszukommen und in die alten Verhältnisse zurückzukehren.
Draußen drohte die Zwangsrückführung in die DDR. Draußen drohten Repressalien und möglicherweise die Einkerkerung in den Stasi-Knast. Aber hier drinnen, da war man in Sicherheit, geschützt von deutschem Recht hinter dem hohen Zaun der Villa, des Palais Lobkowitz.
Von Mitte August bis Ende September 1989 stieg die Zahl der Flüchtlinge auf fast 4.000 Menschen an, die sich dort in diesem Palais, in diesem Park sammelten. Sie kampierten im Garten, in Zelten des Deutschen Roten Kreuzes, teilweise wohnten sie im Botschaftsgebäude, aber niemand konnte und durfte sie hinauswerfen. Und so wurde das Palais Lobkowitz zum Nadelöhr in die Freiheit. Bis Anfang November reisten dann in drei Wellen insgesamt 15.000 Flüchtlinge über Prag in die Bundesrepublik Deutschland aus.
 Am 9. November, also gestern vor 35 Jahren, und ich hoffe, Sie haben das gefeiert, fiel die Mauer. Das waren die Sternstunden einer deutschen Botschaft. Paulus nennt die Christen nun Botschafter an Christi statt, 2. Korinther 5,20, also Botschafter nicht der Bundesrepublik mitten in Prag, sondern Botschafter des Himmels mitten in der Welt. Und deshalb ist es legitim, wenn die Gemeinde der Christen hier quasi verglichen wird mit dem Palais Lobkowitz, ja, als Gottesbotschaft mitten in einer fremden Welt.
Und wenn man dieses Bild weiterführt, dann kann man sagen: Dieses Gemeindehaus, diese Kirche hier, ist unser Botschaftsgebäude. Und vielleicht fragt sich mancher: Warum braucht die Gemeinde ein besonderes Gebäude? Warum betreiben die so viel Aufwand? Warum gibt es überhaupt Kirchenarchitektur?
Wenn wir in der Bibel darauf eine Antwort suchen, dann werden wir feststellen: Die Vorläufer unserer Kirchen, das war der Tempel und die verschiedenen Folgeformen des Tempels dann in Jerusalem. Und wir wissen ja noch: Die frühe Gemeinde hat Versammlungen im Jerusalemer Tempel durchgeführt und sich dort immer wieder getroffen. Apostelgeschichte 3,1: Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde. Apostelgeschichte 4,1: Während sie zum Volk redeten, traten zu ihnen die Priester und der Hauptmann des Tempels und die Sadduzäer, die verdrossen, dass sie das Volk lehrten, nämlich dort im Tempel, und verkündigten an Jesus die Auferstehung von den Toten. Apostelgeschichte 5,12: Sie waren alle einmütig beisammen, also frühe Christenheit, die Apostel und ihr Umfeld, sie waren beisammen in der Halle Salomos, das wäre der Säulengang um den Tempel herum.
Also, die Apostel blieben noch längere Zeit mit dem Tempel verbunden. Sie sagten: Wir gehören dem Messias, von dem das Alte Testament zeugt und von dem in diesem Tempel schon gelesen und gepredigt wurde. Wir gehören zu ihm. Und so wurde der Tempel Israels das Vorbild für die Kirchen der Gemeinde Jesu Christi.
Und dann hat Paulus die Gemeinde selbst als Gottes Tempel bezeichnet: 1. Korinther 3,16. Ihr seid Gottes Tempel. Und der Vers 20,21: Christus ist der Eckstein, und die Gemeinde wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Und natürlich 1. Petrus 2: Ihr seid ein geistliches Haus von lebendigen Steinen. Da wird der Tempel, Sie haben es gemerkt, zu einer Metapher für die Gemeinde Jesu, zu einem Bild für die Gemeinde Jesu. Und auch die Kirchengebäude, auch die Kirchengebäude sind von ihrer Bestimmung her, sind von ihrer Idee her nicht einfach nur Funktionsgebäude, sondern auch die Kirchengebäude wollen eine Botschaft vermitteln.
Der Turm der Kirchen ragt normalerweise in den Himmel. Bei uns noch nicht. Vielleicht bekommen wir irgendwann hier auch noch einen Turm. Er ragt in den Himmel, weil von hier aus die Verbindung zum Himmel hergestellt werden soll. Darum lautet das Motto dieser Predigt auch heute: Gemeinde Jesu Christi, Treffpunkt zwischen Himmel und Erde. Treffpunkt zwischen Himmel und Erde, das soll eine Kirche leisten. Eine Kirche, die ihrer Bestimmung gerecht wird, sie soll ein Treffpunkt sein zwischen Himmel und Erde, zwischen Diesseits und Jenseits. Dazu ist sie da.
Wir wollen heute nur aus aktuellem Anlass genauer ergründen, in den nächsten Minuten, warum Gott uns dieses Haus gegeben hat und wie wir das in rechter Weise nutzen können, dieses Haus. Und dazu schauen wir uns das Vorbild aus dem Alten Testament an, den Tempel in Jerusalem. Sie haben die Lesung gehört: 1. Könige 8. Der Tempel in Jerusalem wurde wieder eingeweiht durch Salomo. Das war das größte Projekt der Amtszeit dieses Königs von 971 bis 931 v. Chr. Das war der Höhepunkt dieses Tempelbaus.
Ich sage das einmal all den Mitarbeitern, weil es für uns eine sehr tröstliche Information ist: Die haben siebeneinhalb Jahre gebraucht, wir haben siebeneinhalb Jahre gebraucht, und dagegen waren wir noch wirklich sehr schnell. Darum an dieser Stelle noch einmal ganz, ganz viel Dank im Namen der ganzen Gemeinde allen, die mitgeholfen haben. Und man muss wirklich sagen: Manche sind sehr an ihre Grenzen gegangen. Aber Gott hat jede Stunde, jede Minute gesehen, die ihr hier in diesem Haus verbracht habt, um dem Herrn zu dienen beim Bau seines Tempels.
Und den Auftrag zu diesem Tempel hatten sie von Gott selbst bekommen. Gott hatte das noch zu Salomos Vater, zu David, gesagt: Wenn nun, 2. Samuel 7, wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern schlafen legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, das war dann Salomo. Der soll meinem Namen ein Haus bauen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen.
Und David hat dann diesen Auftrag wirklich treu an seinen Sohn so weitergegeben, wie Gott das gesagt hatte. 1. Chronik 28, ab Vers 9: Und du, mein Sohn Salomo, erkenne den Gott deines Vaters und diene ihm mit ganzem Herzen und mit williger Seele, denn der Herr erforscht alle Herzen. Und so sieh nun zu, sagt David zu Salomo. Der Herr hat dich erwählt, dass du ein Haus baust als Heiligtum. Sei getrost und richte es aus.
Und David gab seinem Sohn Salomo einen Entwurf für die Vorhalle des Tempels und für seinen Bau, für seine Gemächer und Obergemächer und inneren Kammern und für den Raum des Gnadenthrones, dazu Entwürfe für alles, was ihm durch den Geist Gottes in den Sinn gegeben war. 1. Chronik 28.
Die meisten Daten darüber, wie dieser Tempel nun im Einzelnen bemessen und gebaut sein soll, die sind dann festgehalten in 1. Könige 5 bis 9 und 2. Chronik 2 bis 7. Und wenn Sie das lesen, dann werden Sie wahrscheinlich zu Ihrer Überraschung feststellen, dass diese Angaben so genau sind, so präzise, dass wir uns noch heute, circa dreitausend Jahre später, gut vorstellen und gewissermaßen nachzeichnen können, wie dieser König ausgesehen hat.
Und wir fragen uns: Warum steht sowas in der Bibel? Warum hat Gott sich damit so viel Mühe gegeben? Warum ist Gott dieser Tempel auch architektonisch offenbar so wichtig? Warum hat Gott sein Konzept für den Tempel in der Bibel offenbart? Warum hat der Schöpfer dieser Welt sich mit Architektur befasst? Ein Vorbild für alle Architekten, auch für unseren. Warum finden wir in der Bibel all diese architektonischen Details? Bauplan, Struktur, die Maße, die Materialien präzise festgelegt. Nur ein kleines Beispiel: 1. Könige 6,20: Und vor dem Chorraum, der zwanzig Ellen lang, zwanzig Ellen breit und zwanzig Ellen hoch war, und überzogen mit lauterem Gold, machte er den Altar aus Zedernholz. Und Salomo überzog das Haus innen mit lauterem Gold und zog goldene Riegel vor dem Chorraum her, den er mit Gold überzogen hatte, sodass das ganze Haus ganz mit Gold überzogen war. Dazu überzog er auch den ganzen Altar vor dem Chorraum mit Gold. Er machte im Chorraum zwei Cherubim, zehn Ellen hoch, von Ölbaumholz. Fünf Ellen war ein Flügel eines jeden Cherubs, sodass zehn Ellen waren von dem Ende eines jeden Flügels bis zum Ende eines anderen Flügels. So hatte auch der andere Cherub zehn Ellen und so weiter.
Eine exakte Angabe nach der nächsten. Warum? Warum hat Gott nicht einfach gesagt: Baut ein Haus zu meiner Ehre und seht zu, dass es würdevoll aussieht? Warum kümmert sich der Ewige so gezielt und detailfreudig um irdisches, vergängliches Baumaterial, um das Aufmaß von Räumen? Das war ja nicht für die Ewigkeit bestimmt, das war ja noch nicht der Himmel.
Also bei aller Freude und Feierlichkeit dieses Anlasses, auch in 1. Könige 8, wo der Tempel geweiht wird, schauen Sie, wie nüchtern diese Berichte sind. Und man muss sagen: Salomo war ja nun keineswegs weniger intelligent als heutige Leser oder gar weniger intelligent als heutige Herrscher. Das wäre auch ziemlich schwierig. Und dann betreibt er diesen ganzen Aufwand mit unbeirrbarer Leidenschaft, weil er überzeugt ist, dass Gott ihn dazu berufen und Gott ihn damit beauftragt hat. Und das haben wir hier auch gelesen.
Manchmal erteilt Gott uns auch einen Auftrag, der es mit irdischen und vergänglichen Dingen zu tun hat, und dann müssen wir das auch ernst nehmen. Und übrigens, spannende Parallele: Feierten auch die Israeliten, bevor sie mit ihrem Gottesdienst in den Tempel reingingen. Passen Sie auf: Bevor er fertig wurde, feierten die Israeliten ihren Gottesdienst mit einer Art Zelt schon seit der Wüstenwanderung unter Mose. Auch dafür, auch für dieses Zelt circa fünfhundert Jahre vor Salomo, hatte Gott seine Baupläne für dieses Zelt exakt offenbart. Das war eine Art Reisekirche, ein Zelt, das man schnell auf- und abbauen konnte, die sogenannte Stiftshütte, eine Vorform des Tempels.
Inzwischen nun zu Salomos Zeiten lagerte diese Stiftshütte noch in Gibeon, circa zehn Kilometer nördlich von Jerusalem, und hier im Tempel konnten sie sich nun endlich ausbreiten. Hier hatten sie für ihren Lobgesang eine ganz andere Akustik und wussten doch zugleich: Auch mit diesem Tempel können wir Gott nicht einfangen, wir kriegen Gott nicht in den Griff.
Und das ist das Erste, was wir festhalten müssen, wenn wir über den Tempel sprechen. Salomo weiß um die Begrenztheit des Tempels. Erstens: die Begrenztheit des Tempels. Ganz wichtig: Dieses Gebäude ist ja per se keine Garantie dafür, dass Gott zwangsläufig mit uns ist. Also so, als könnten wir über ihn verfügen, indem wir ihm hier ein Haus hinstellen. Bei oberflächlicher Lektüre könnte man 1. Könige 8 so verstehen, wenn Salomo schreibt, Vers 12 und 13: So habe ich nun ein Haus gebaut, dir zur Wohnung. Erinnert einen fast an die Kinderfrage: Wo wohnt Gott? Und die Antwort dann: Herr in der Kirche.
Aber ein Gebäude macht noch keinen Gemeindebau. Schöne Räume erwecken noch kein geistliches Leben. Ein Kreuz vorne an der Wand, und in wenigen Wochen werden wir dort noch ein viel sichtbares, größeres Kreuz hängen haben, ein Kreuz an der Wand garantiert noch nicht, dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus in diesen Räumen auch gepredigt wird. Ein Gebäude schafft auch noch keine Sicherheit und keine Stabilität für die Gemeinde.
In den letzten Monaten haben wir auch als Gemeinde und als Gemeindeleitung manche Anfechtungen und Anfeindungen erfahren, von innen und von außen. Und auch Salomo sieht diese Begrenztheit des Tempels, wenn er in Vers 27 sagt: Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen, wie sollte es dann dies Haus tun, was ich gebaut habe?
Dieser Tempel hat für sich genommen keine magische Kraft, und Salomo weiß in jedem Moment, was er am Ende dieses Verses 27 sagt. Und wenn ich kein Kapitel nenne, ist es immer Kapitel 8. Es ist nur dies Haus, das ich gebaut habe, mit meinen Mitarbeitern, vor allem die Mitarbeiter haben es gebaut, aber es ist nicht mehr. Und okay, die hatten ein wesentlich größeres Budget zur Verfügung als wir. Die haben allein für den Innenraum des Tempels, also für das Allerheiligste, zwanzig Tonnen Gold verarbeitet, zwanzig Tonnen Gold.
Und trotzdem: Der lebendige, heilige Gott ist viel zu groß, viel zu transzendent, als dass er mit unserem kleinen Karo einzufangen wäre, und sei es mit diesem Wunderwerk künstlerischer Ästhetik und Architektur, das wir, würde Salomo sagen, hier vor sieben Jahren angefangen haben hinzustellen. Es bleibt immer nur dies Haus, das ich gebaut habe. Und das ist keine Schande.
Das ist ein typisches Argument, was Salomo hier verwendet, vom Größeren zum Kleineren, wenn er sagt: Selbst der Himmel und alle Himmelhimmel können dich nicht fassen, wie viel weniger dieses Haus. Es ist doch logisch. Schamayim, Schamayim heißt Himmel. Und im Hebräischen steht da ein Wort, das es nur in der Mehrzahl gibt, weil Himmel beides bezeichnen kann: einmal den Wohnort Gottes jenseits der Schöpfung, also das, was wir im Englischen heaven nennen, aber dann bezeichnet Himmel eben auch das Firmament, an dem die Gestirne ihre Bahnen ziehen, den Luftraum, in dem sich die Vögel bewegen, was die Engländer sky nennen. Beides.
Und der allmächtige Gott, der über alles hoch erhaben ist, seine Allgegenwart lässt sich nicht begrenzen, das weiß Salomo. Und deswegen weiß er auch: Ja, wie sollte es dann dieses kümmerliche Gebäude, das wir dir mit unseren architektonischen Mitteln hier hingestellt haben, auch wenn wir das mit viel Aufwand und mit viel Liebe errichtet haben, wie sollte es dich fassen? Gott, wir sind doch keine Schwärmer, wir machen uns doch nicht lächerlich. Wir wissen doch, dass wir fehlbare und in jeder Hinsicht begrenzte Menschen sind. Wie blöd könnten wir sein, das nicht zu wissen?
Und auch zweihundert Jahre später sollte Gott das noch einmal deutlich machen durch seinen Propheten Jesaja, diese Begrenztheit. Als er fast wortgleich sagt in Jesaja 66,1: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Und dann fährt er fort: Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könnt? Gott ist immer größer als seine Schöpfung. Wir kriegen Gott niemals in den Griff.
Und doch, und doch kann seine Schöpfung, in der wir leben, für uns so etwas wie ein Eye Opener sein, also ein Augenöffner, oder auch wie ein Türöffner. Denn Paulus sagt in Römer 1,20: Über die Schöpfung Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung ersehen aus seinen Werken durch Nachdenken. Also wenn wir ehrlich hingucken, wenn wir uns mit gesundem menschlichem Verstand damit auseinandersetzen, dann müssen wir an der Herrlichkeit und Genialität und Komplexität der Schöpfung sehen, dass dahinter ein allmächtiger, genialer Schöpfer stehen muss.
Gott ist immer größer als seine Schöpfung, und trotz seiner Macht und trotz seiner Transzendenz will Gott sich zu erkennen geben. Trotzdem ist dieser Gott immer zugleich Person. Und schauen Sie, darum bricht Salomo hier in Vers 27 nicht enttäuscht ab, wenn er sagt: Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen, wie denn dieses Haus? Und jetzt gucken Sie, wie es weitergeht. Vers 28: Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, Herr, mein Gott, damit du hörst das Flehen und hörst das Gebet deines Knechtes heute vor dir. Lass deine Augen offen stehen über diesem Haus.
Verstehen Sie? Gott hat Ohren, die hören. Gott hat Augen, die sehen. Und deshalb dürfen wir es wagen, ihn zu bitten, trotz seiner unvorstellbaren Überlegenheit, wie es Salomo hier tut: Wende dich zum Gebet deines Knechtes! Bitte schau hin, Gott, bitte schau hin hier in die Industriestraße 36, bitte hör hin, wenn wir hier gemeinsam zu dir flehen. Und wir dürfen erwarten, dass Gott das auch tut.
Denn genauso geht es übrigens auch bei Jesaja 66 weiter. Nachdem Jesaja diese unendliche Überlegenheit Gottes beschrieben hat, ich erinnere noch einmal: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße, was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet, wissen Sie, wie es da weitergeht? Dann sagt Gott durch Jesaja, Jesaja 66,2: Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist, und er zittert von meinem Wort. Ich sehe hin, sagt Gott, ich sehe dich nicht über.
Ich höre dich, ich übersehe dich nicht. Genau das weiß auch Salomo. Darum schreibt er nicht nur von der Begrenztheit des Tempels, sondern er berichtet auch zweitens von der Grenzerfahrung des Tempels. Das ist unser zweiter Punkt: die Grenzerfahrung im Tempel. Dazu ist der Tempel nämlich da, auch heute Morgen, dass er uns an diese Grenze heranführt, an der uns Gott von der anderen Seite her entgegenkommt.
Um diese Grenzerfahrung geht es doch im Gottesdienst. Dafür soll doch der Tempel, der Gottesdienst, dafür soll doch dieser Kirchenraum dienen, dass es zu einer echten Begegnung mit Gott kommt, zu dieser Grenzerfahrung Sonntag für Sonntag. Und das meint unser Predigtitel: Treffpunkt zwischen Himmel und Erde. Dazu soll dieser Gemeindesaal dienen, das hier soll Treffpunkt sein zwischen Himmel und Erde.
Ich habe bewegende Fernsehbilder gesehen aus einer Berliner Abendschau vom 18. September 1961, also kurz nach dem Bau der Mauer. Und da zeigten sie Fernsehbilder, wie von beiden Seiten der Mauer die Menschen dort standen. Und sie sagten, es ist meistens Sonntagnachmittag. Dort, wo es an der Sektorengrenze erhöhte Punkte gibt, auf die man sich stellen kann, manche hatten auch ihre Schemel mitgebracht, um dadurch noch etwas größer zu sein. Und dann winkten sich die Menschen, die zum Teil zertrennten Familien, zu. Und sie grüßten einander über diese Mauer hinweg. Das war eine Grenzerfahrung, Sonntagnachmittag für Sonntagnachmittag. Sie gaben sich teilweise Zeichen. Es ist bewegend, googlen Sie das einfach mal: Berliner Abendschau, Berliner Mauerwinken. Und sie suchten an dieser Grenze zusammenzukommen.
Und so sind wir Menschen von Gott getrennt. So wie die DDR-Bürger jenseits der Berliner Mauer waren. Und darum ruft uns der allmächtige Gott zum Gottesdienst. Darum sollte Salomo den Tempel bauen, nicht um ein paar Rituale zu pflegen, sondern um die Menschen zur Begegnung mit Gott, zu dieser Grenzerfahrung einzuladen.
Und an diesem speziellen Tag, als sie den Tempel einweihten, da hat Gott etwas Besonderes passieren lassen. Das war auch damals die Ausnahme. Als die Priester nämlich den Altarraum eingerichtet haben, da haben sie die sogenannte Bundeslade in den innersten Bereich des Tempels hineingetragen. Müssen Sie sich ganz schlicht vorstellen: Die Bundeslade, das war ein schlichtes Symbol für die Gegenwart Gottes. Das war ein Kasten, den die Priester an langen Tragestangen transportierten und jetzt in den innersten Bereich, in den heiligsten Bereich des Tempels hineinstellten.
Kapitel 8, Vers 6 wird das ganz kurz geschildert: So brachten die Priester die Lade des Bundes des Herrn an ihren Platz in den Chorraum des Hauses, in das Allerheiligste. Und dann Vers 9: Und es war nichts in der Lade als nur die zwei steinernen Tafeln des Mose, also die Tafeln der zehn Gebote, die er hineingelegt hatte am Horeb, die Tafeln des Bundes, den der Herr mit Israel schloss, als sie aus Ägypten gezogen waren.
Diese Lade war äußerlich nichts Besonderes, sie war uralt. Die hatte sie zur Zeit des Mose beim Marsch durch die Wüste begleitet. Und nun, heute, an diesem Weihetag, als die Priester diesen innersten Bereich betreten, tragen sie die Lade hinein. Und dann passiert es, als sie das Allerheiligste wieder verlassen. Da geschieht etwas ganz Außergewöhnliches, was auch damals die große Ausnahme war.
Vers 10: Als aber die Priester aus dem Heiligen gingen, erfüllte die Wolke das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus des Herrn. Ein Zeichen! Gott gibt ihnen ein Zeichen, dass er diesen Tempel wirklich annimmt, dass er Ja sagt zu diesem Projekt, dass er ihnen seine Gegenwart vergewissert und zusichert.
Warum ausgerechnet eine Wolke? Nun, das konnten sie eindeutig zuordnen. Auch bei der Wüstenwanderung, Sie erinnern sich, hatte Gott ihnen ja auf ähnliche Weise seine Nähe, seine Präsenz dokumentiert, mit dieser Wolkensäule, die das Volk bei ihrer Tageswanderung jeweils begleitete und nachts an die Feuersäule. Und jetzt, in diesem Moment, schenkt Gott dem Salomo diese ungewöhnliche Grenzerfahrung im Tempel als einmalige Bestätigung dafür: Hier könnt ihr mich finden, hier bin ich wirklich für euch da. Ich bin nicht nur hier für euch da, aber ich bin auch hier für euch da. Und Gott gibt das als einmaliges Zeichen, nicht als Spektakel, das sich jede Woche wiederholt.
Und Salomo versteht das auch sofort, denn er sagt im nächsten Satz, Vers 12: Da sprach Salomo: Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt, er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen. So habe ich nur ein Haus gebaut, dir zur Wohnung. Die Verborgenheit Gottes.
Und das heißt: Mit dem Tempel verspricht Gott uns nicht, dass er uns ständig irgendwelche mystischen, sensationellen, spektakulären Sondervorstellungen gibt. Aber mit dem Tempel verspricht Gott uns, in dieser Situation durch die Wolke dokumentiert, dass er da ist. Und davon dürfen wir getrost ausgehen, dass Gott da ist, auch hier in unserem Gottesdienstraum, auch jetzt. Auch wenn wir hier keine Wolke sehen oder irgendwelche außergewöhnlichen Phänomene erleben.
Aber wie können wir denn diese Grenzerfahrung machen? Wie kannst du Gott in diesem Tempel begegnen? Wie können wir ihn kennenlernen? Wie können wir seinen Trost erfahren? Wie können wir gewiss sein, dass er uns entgegenkommt und uns ruft?
Der Dichter Jochen Klepper hat in Anlehnung an diesen Vers gedichtet: Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Werden wir jetzt in der Adventszeit wieder singen: Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Und wissen Sie, was die Antwort für uns ist? Die Antwort findet sich in der Bundeslade, Vers 9. Was war da drin? Es war nichts in der Lade als nur die zwei steinernen Tafeln des Mose, die er hineingelegt hatte am Horeb. Verstehen Sie: Diese beiden Tafeln, die Gott selber beschriftet hatte mit den zehn Geboten, die waren drin in der Lade, nicht irgendein religiöses Brimborium. Die Tafeln waren drin mit der Schrift. Und diese Tafeln stehen stellvertretend für die ganze Bibel, die Gott uns inzwischen gegeben hat. Und hier können wir ihm begegnen.
So wie die Gebotstafeln in der Bundeslade lagen, so liegt die Bibel hier offen vor uns, auch auf Ihrem Schoß, während Sie diese Predigt hören zum Teil, und sie liegt auch hier offen auf unserem Altar. Deswegen liegt sie hier. Wir haben hier keine Bundeslade, sondern einen Altar, und wir haben hier nicht nur die zwei Gebotstafeln liegen, sondern wir haben hier die ganze Bibel liegen, die Gott uns inzwischen gegeben hat.
Und darum wird auch in dieser Kirche, darum wird in diesen Räumen es unsere wichtigste Aufgabe sein, dass wir uns gemeinsam um dieses Wort versammeln. Dass wir uns gemeinsam um dieses Wort versammeln und es zusammen zu ergründen versuchen, weil der allmächtige Gott versprochen hat, hier zu uns zu reden und uns hier persönlich zu begegnen, so wie wir es ja bei Jesaja gehört haben, Jesaja 66,2: Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist, also der weiß, wie angewiesen er auf Gott ist, und der erzittert von meinem Wort.
Und er zittert vor meinem Wort. Das ist die Grenzerfahrung im Tempel. Und diese Grenzerfahrung gibt es nicht nur im Gottesdienst, aber diese Grenzerfahrung macht den Gottesdienst erst zum Gottesdienst.

Vom Grenzblick zum Durchbruch

Und nun das Letzte: Gott beschränkt sich nicht darauf, uns aus der Ferne zuzuwinken, wie das die Angehörigen diesseits und jenseits der Berliner Mauer machen mussten, sondern Gott ruft uns wirklich in seine Nähe. Und wo das geschieht, da wird die Gemeinde, da wird der Gottesdienst wirklich zum Treffpunkt zwischen Himmel und Erde. Da kommt es schließlich zu dem, was damals in Berlin nicht möglich war und wonach sich doch alle so gesehnt hätten: dass die Grenze wieder durchlässig wird, dass ihre brutale Trennwirkung endlich aufgehoben wird.
Darum ist das Dritte, worum es uns geht: Nachdem wir die Begrenztheit des Tempels gesehen und von der Grenzerfahrung im Tempel gehört haben, ist das Dritte und Letzte der Grenzdurchbruch im Tempel. Drittens: Der Grenzdurchbruch im Tempel, das ist doch die Frage. Gibt es einen Weg von der Begegnung an der Grenze zum Durchgang durch die Grenze?
Gehen wir noch einmal ein letztes Mal in diesen innersten Raum des Tempels hinein, ins Allerheiligste. Dort stand ja, wie gesagt, die Bundeslade, das Symbol für die Gegenwart Gottes. Aber dort stand noch etwas vor der Bundeslade: Da standen zwei Skulpturen mit Flügeln, die sogenannten Cherubim. Sie müssen wissen: Cherubim, das waren quasi Engelsfiguren mit Flügeln, geschnitzt aus Olivenholz, mit Gold überzogen, etwa 4,5 Meter hoch. Und die Flügel dieser beiden Cherubim waren ausgebreitet von einer Seite des Allerheiligsten bis hin zur anderen, und sie maßen insgesamt circa zehn Meter. Eine dichte Wand, ein Schutzwall.
Diese Cherubim markieren die gefährliche Grenze zwischen Gott und uns, und ganz wichtig: Die Cherubim schützen nicht die Lade, sondern die Cherubim schützen die Menschen vor der Lade. Das müssen wir verstehen. Die Cherubim schützen die Menschen vor der Lade. Warum war die Lade so gefährlich? Warum ist Gott so gefährlich? Wenn ein Mensch Gott zu nahe kommt, dann wird er vor seiner Heiligkeit vergehen, das ist die Wahrheit. Darum durfte niemand ungeschützt zu nah an die Lade heran, darum waren die Cherubim zum Schutz des Menschen davor.
Und symbolisch ausgedrückt wurde Gottes Heiligkeit durch die Innenwände, durch diese Innenwände, die völlig, wie wir sagen, mit Gold überzogen waren: allein zwanzig Tonnen Gold nur für das Allerheiligste. Überlegen Sie mal: zwanzig Tonnen Gold, obwohl dieser Raum nur einmal im Jahr und dann auch nur von einem Menschen betreten wurde, einmal im Jahr von einem Menschen, vom Hohen Priester betreten. Und trotzdem hat Gott hier zwanzig Tonnen Gold verbauen lassen. Da sehen wir, wie wichtig Gott seine Heiligkeit ist, seine Reinheit, seine Vollkommenheit. Und doch ist das für uns gerade die Bedrohung.
Darum durfte der Hohe Priester nur einmal im Jahr in dieses Allerheiligste. Er musste sich gründlich darauf vorbereiten. Einmal am großen Versöhnungstag, da mussten viele Opfer davor geschehen. Und mit diesen Cherubim war es ja nicht genug. Überlegen Sie: Vor dem Allerheiligsten hing ja noch zusätzlich dieser dicke Purpurvorhang. Aus blauem und rotem Purpur, aus Scharlach und feiner Leinwand, und mit Cherubim-Symbolen darauf, wie 2. Chronik 3,14 sagt.
Auch dieser Vorhang predigte laut. Seine Predigt lautete: Gott ruft euch wirklich in seine Nähe. Ja, Gott ruft euch wirklich in diesen Tempel, ihr sollt ihm dienen. Ihr sollt ihm euer Herz ausschütten. Und dann kommt es zu dieser Begegnung, die Salomo hier immer wieder beschreibt, wenn er sagt: Lass deine Augen offen stehen über diesem Haus. Und wenn wir in diesem Haus beten, dann höre du im Himmel. Treffpunkt zwischen Himmel und Erde. Wir beten in diesem Haus, und du hörst in deinem Himmel. Das ist alles wahr, und dazu lädt Gott uns ein.
Aber, aber, sagt dieses Allerheiligste zugleich: Unterschätze nicht Gottes Heiligkeit. Du darfst deinem Schutz vertrauen, aber du brauchst diesen Hohen Priester, der sich einmal im Jahr in das Allerheiligste hineinwagt.
Und während ich das alles beschreibe, haben Sie sich möglicherweise in unserem Kirchenraum umgeschaut und gefragt, wo denn hier die Analogie zwischen dem Tempel im Alten Testament und der Kirche im Neuen Testament zu finden ist. Wo ist denn dieser dicke Vorhang, wo sind denn die Cherubim? Und Sie finden nichts von alledem. Sondern wenn Sie nach vorne schauen, sehen Sie nur das Kreuz, sehen Sie nur das Kreuz als Symbol für die Gegenwart desselben heiligen Gottes, des Schöpfers der Welt, der auch in Salomos Tempel angebetet wurde. Dieses Kreuz steht für denselben Gott, der in Salomos Tempel angebetet wurde, bis hinein ins Allerheiligste mit den zwanzig Tonnen Gold.
Und wir fragen: Warum ist dieser Abstand nicht mehr nötig? Warum sind all diese Schutzvorrichtungen nicht mehr nötig? Es ist doch derselbe heilige Gott. Warum kann jetzt hier im Altarraum vorne alles plötzlich so offen sein? Warum müssen wir uns nicht abschotten gegen Gottes Wirklichkeit?
Und die Antwort darauf liegt in diesem Kreuz selbst. Denn hier hat Gott selbst in seinem geliebten Sohn das eine große, endgültige Opfer gebracht, von dem die Tausende von Tieropfern lediglich eine Vorankündigung waren. Und alle diese früheren Tieropfer über die Jahrhunderte hinweg haben nur deshalb, wenn ich das so sagen darf, funktioniert, haben nur deshalb geschützt, haben nur deshalb gewirkt, weil sie einmal durch dieses Kreuz endgültig erfüllt werden sollten.
Und so schreibt es der Apostel Paulus dann in 2. Korinther 5,18: Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter, Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott. Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, Christus, er hat den für uns zur Sünde gemacht. Er hat den für uns ans Kreuz geschlagen und mit unserer Schuld sich vollsaugen lassen, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Darum ruft der Gottesdienst der Gemeinde Jesu nicht nur zu einer Grenzerfahrung, sondern zu einem Grenzdurchbruch. Der Tempel im Alten Testament war die Verheißung, aber das Kreuz im Neuen Testament ist die Erfüllung. Und deswegen ruft jeder Gottesdienst der Gemeinde Jesu, ich sage es noch mal, nicht nur zu einer Grenzerfahrung, also einer echten Begegnung mit Gott, der uns von der anderen Seite entgegenkommt, sondern jeder Gottesdienst ruft auch zu einem Grenzdurchbruch, dass ich mich persönlich zu diesem Herrn hinflüchte, der mit geöffneten Armen auf mich wartet.
Der Weg ist ja frei, weil Jesus durch sein Kreuz die Cherubim vor der Bundeslade abgeräumt hat. Weil Jesus durch sein Kreuz den Vorhang zerrissen hat. Und deshalb, das wissen Sie, zerriss ja in dem Moment, als der Herr Jesus am Kreuz für unsere Sünden starb, dieser Vorhang wirklich. Das war Gottes Demonstration. Er zerriss von oben nach unten durch. Das können Sie in Matthäus 27 lesen. Das ist wirklich geschehen.
Darum müssen wir, wir mit unseren Gottesdiensten, alle Blicke auf das Kreuz Jesu richten, der für unsere Sünden starb, weil an diesem einen Tag die entscheidende Wende der Weltgeschichte geschah. An diesem einen Tag, als alle Schuld der Welt auf diesen Gekreuzigten gelegt wurde und als der Herr Jesus für alle die Strafe gesühnt hat und es sühnen konnte, weil er Gottes eigener Sohn war und ist, weil er vollkommen und ohne jede Sünde ist. Wissen Sie, Jesus hätte sich in diesem Allerheiligsten jederzeit frei bewegen können, ohne jede Gefahr, weil er selber Gott ist, selber heilig, selber vollkommen. Er hat unsere Strafe gesühnt und für uns unschädlich gemacht, und er hat es dann endgültig besiegelt durch die Auferstehung.
Das war damals der Grenzdurchbruch, und das ist seitdem das große Thema unseres christlichen Gottesdienstes, weil Jesus uns den Auftrag gegeben hat, jetzt alle Menschen zu seinem Kreuz zu rufen. Darum hat jeder Gottesdienst auch eine missionarische Dimension. Ja, das klingt sogar schon in Salomos Tempelgebet an, wenn es in Kapitel 8, Vers 60 dann heißt, dass Gott die ganze Welt ruft. Wörtlich steht das hier so in Kapitel 8, Vers 60: Damit alle Völker auf Erden erkennen, dass der Herr Gott ist und sonst keiner mehr. Das soll vom Tempel aus verkündigt werden, damit alle Völker auf Erden erkennen, dass es in der ganzen Welt nur diesen einen Gott gibt, der sich bewiesen hat als der Schöpfer, nur diesen einen Gott gibt, der in seinem Sohn Jesus Christus die Macht der Schuld und des Todes gebrochen hat.
Aber wer Gott erkennt, wer ihm wirklich näherkommt, wer diese Grenzerfahrung macht, der wird früher oder später merken, dass er diesem Gott nicht gewachsen ist, dass er vor diesem Gott nicht bestehen kann, weil Sünde und Heiligkeit nicht zusammenpassen. Viele Zeitgenossen sträuben sich gegen diese Einsicht, sie haben sich schon Jesus gegenüber dagegen gesträubt. Aber Sie ahnen nicht, dass Sie sich mit diesem Sträuben gegen Gottes Diagnose, dass Sie Sünder sind, damit an einem gefährlichen Abgrund bewegen, wie jener Maler, von dem die Anekdote berichtet, dass er bei einer Wandmalerei in der St. Pauls Cathedral auf einem hohen Gerüst arbeitete.
Und wie er das auch im Atelier gewohnt war, hat der Maler sich dann bei der kritischen Sichtung seines Gemäldes und seiner Proportion immer weiter zurückbewegt, um das zu taxieren. Und sein Assistent sah plötzlich mit Schrecken, dass der Meister direkt am Abgrund steht. Und mit einem Geistesblitz taucht er einen Pinsel in die Farbe und wirft ihn gegen das Gemälde, das gerade fertig geworden war. Und voller Empörung stürzt der Maler nach vorn, um seinen Assistenten am Kragen zu packen, als er merkt, dass er ihm gerade das Leben gerettet hat.
Weil er darin die einzige Chance hat, durch diesen Pinselwurf an das Gemälde, nicht durch einen Ruf, plötzlich stehenbleiben oder so, den Maler dazu brachte, gewissermaßen mit einem Panthersprung nach vorn sich seinen Assistenten zu schnappen. Er, das ist das Spannende hier, er musste sein Werk ruinieren, um sein Leben zu retten. Und das gehört auch zum Rettungsdienst unserer Gottesdienste: Nicht, dass wir das Werk unserer Zeitgenossen ruinieren, aber dass wir ihre unrealistische Bewertung ihrer eigenen Situation aufschrecken, um sie zu retten, dass wir deutlich machen: Du bist gefährdet, du musst es zulassen, dass Gott in den Luftballon deiner Selbstgerechtigkeit hineinsticht, so wie der Assistent den Pinsel gegen das fertige Gemälde schleuderte. Damit du siehst, wie gefährlich es um dich bestellt ist, und so wie wir alle, wenn wir zu Jesus gehören, erkennen mussten, dass das Kreuz unsere einzige Rettung ist und Jesus unsere einzige Hoffnung.
So lasst uns dafür beten, Sonntag für Sonntag, aber auch die ganze Woche über, dass der allmächtige Gott in den nächsten Jahren noch viele, viele Zeitgenossen in dieses Haus bringen möge, dessen Begrenztheit wir mit Salomo erkennen: Es ist nur ein Haus, das wir gebaut haben, Vers 27. Und doch ist dieses Haus dazu bestimmt, Menschen zu einer Grenzerfahrung einzuladen, einzuladen, dem lebendigen Gott zu begegnen, der uns hier in seinem Wort entgegenkommt. Und ach, mögen dann doch viele diesen Grenzdurchbruch erfahren, dass sie das Kreuz im Altarraum nicht nur ansehen, sondern dass sie persönlich zu Jesus kommen.
Stellen Sie sich vor, und damit schließlich: Stellen Sie sich vor, zu Zeiten der Berliner Mauer, zu Zeiten dieses brutalen Grenzregimes, wäre plötzlich in Berlin die Parole aufgekommen: An einer schmalen Stelle, an einer schmalen Stelle dieses 155 Kilometer langen Todesstreifens, der sich als Schneise durch die gesamte Innenstadt zog, an einer schmalen Stelle, sagen wir in Höhe der Bernauer Straße, da gibt es einen unbewachten Durchgang, und der ist noch immer offen. Da ist das Tor zur Freiheit, an dieser einen Stelle. Wie hätten die Ostberliner und gerade jene, die ihre Unterdrückung spürten, wohl reagiert? Viele hätten wohl abgewogen und gelacht: Das kann doch gar nicht sein. Wie viele aber hätten sich auf den Weg gemacht, voll banger Hoffnung mit der Frage: Kann das wahr sein? Was hättest du getan?
Jesus Christus sagt: Ich bin die Tür, und wer durch mich hineingeht, der wird gerettet werden.
Herr Jesus Christus, dafür danken wir dir, dass du wirklich die Tür bist. Und dass du alles in Bewegung gesetzt hast, dass du uns als deine Gemeinde in Bewegung gebracht hast, um Menschen zu dieser Tür zu rufen und zu dieser Tür einzuladen. Herr, wir wissen um unsere Begrenztheit, wir wissen um das Wenige, was wir mit unseren Mitteln tun können, aber wir danken dir, dass du alles getan hast und dass wir jetzt Botschafter sein dürfen, die diese Befreiungsnachricht in ihr Umfeld hineinrufen. Herr, lass das auch hier geschehen in Mellendorf, lass das geschehen weit über diesen Ort hinaus, lass es geschehen durch die Übertragung der Predigten über das Internet. Herr, lass Menschen dich finden, dir vertrauen, und habe tausend Dank dafür, dass du diese Tatsache wirklich am Kreuz von Golgatha geschaffen hast. Du bist der Retter, du bist unser Herr, und dich wollen wir loben und ehren, auch hier in dieser Kirche. Amen.