Generierte Mitschrift
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Die große Zusage und die Frage nach dem gelebten Glauben
Unser Predigttext steht in Römer 12,1-2. Es ist jetzt sehr wichtig, sich zu vergegenwärtigen, wie der Römerbrief aufgebaut ist.
In den Kapiteln 1 bis 8 steht eine große Zusage: Wir sind mit Gott im Frieden. Das hat uns ja am Silvesterabend begleitet. Wenn Gott für uns ist, dann kann uns nichts mehr von seiner Liebe trennen. Wir sind absolut gewiss.
Dann behandelt Paulus in den Kapiteln 9 bis 11 die Frage: Aber was wird dann aus Israel? Diese Worte dort haben eine Bedeutung, auch in der vor uns liegenden Zeit. Und die Geschicke Israels sind uns im prophetischen Wort der Bibel angekündigt.
Und jetzt setzt er in Kapitel 12 mit der Sache ein, die für uns alle immer wieder so notvoll ist: Wie kriegen wir das in unserem Leben praktisch rüber, was uns als großer Trost verkündigt wird?
Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Ein Bild aus dem Alltag, das die Not sichtbar macht
In unserer Gemeinde leben sehr, sehr viele alte Menschen, einige Hundert, und die meisten von ihnen leben ganz allein in ihrer Wohnung. Wenn ich dann dort einen Besuch mache, kommt man immer und immer wieder auf eine Not.
Die Leute haben Angst: Was wird, wenn ich einmal bewusstlos umkippe? Wer findet mich? Wie lange liege ich dann vielleicht bewegungslos da?
Jetzt möchte ich unsere anwesenden Ingenieure und Elektrofabrikanten nicht ärgern. Aber ich mache es mir dann in meinem Laienkopf immer so zurecht: Da wollte ich so gern einen Sensor konstruieren, den man wie eine Armbanduhr trägt. Und am Fenster nur eine kleine Lampe, die dann plötzlich aufleuchtet. Das kostet gar nicht viel. Und eine kleine Heulsirene, dann werden die Nachbarn aufmerksam: Da ist jemand in Not.
Dann sagen Sie: Das gibt es ja, ja, ja, das gibt es. Aber das ist ein großes Möbel, ich weiß vom Roten Kreuz, und das kostet jeden Monat über 150 Mark. Ich hätte etwas ganz Kleines gedacht, etwas ganz Kostengünstiges. Denn bei meinen lieben Alten mache ich immer eine Erfahrung: Die sind so arg praktisch.
Dann legen sie das Gerät auf den Tisch. Sehen Sie, da liegt es auf dem Tisch. Das muss man um den Hals hängen, das Rote-Kreuz-Gerät, dieses große Gegensprechgerät, wo man an der Rettungsleine zieht und dann meldet sich über den Funk doch ein Helfer vom Roten Kreuz. Das ist natürlich eine teure Sprechfunkeinrichtung.
Eine unserer lieben Alten hat das auch immer so gesagt. Wenn ich dann sage: Ja, Sie müssen das doch anziehen, das müssen Sie Tag und Nacht an Ihrem Leib tragen, aber weil es so umständlich ist und so groß, hat sie es eben auf die Mitte des Tisches gelegt und hat mir immer beruhigend gesagt: Wissen Sie, wenn dann der Notfall kommt, ziehe ich es schon noch vorher an.
Und das Schwere ist passiert. Sie ist gefallen, und wenn unsere treue Gemeindeschwester nicht einige Stunden später in die Wohnung gekommen wäre, dann hätte die Frau ins Krankenhaus kommen können. Man kann sich nicht vorstellen, was gewesen wäre.
Genau so machen wir es dauernd in unserem Glauben. Wir sagen: Wir wissen es doch, wir wissen es. Aber tun wir es auch? Praktizieren wir unser Wissen? Ist das im Alltag verfügbar?
Der erste Einschnitt: Glaube darf nicht Theorie bleiben
Mein erster Punkt heute: Nicht auf halbem Weg stehenbleiben, nicht auf halbem Weg stehenbleiben.
Nein, sogar falsch, wenn ich sage: auf halbem Weg. Die meisten Christen fangen ganz schön an. Und so war es jetzt ja auch: Wir haben so viel gute Botschaft gehört von Jesus, von der Liebe, von seiner Nähe. Wir haben das prima im Kopf drin. Wir können das sogar anderen weitererzählen. Wir können darüber reden, wir wissen das auswendig. Aber wie stimmt das nun bei uns überein?
Wenn übermorgen, in den nächsten Tagen, wir dann plötzlich mittendrin stehen in den Nöten unseres Lebens, hat das dann uns verändert, dieses Wort, das wir gehört haben? Eigentlich kann man sich das gar nicht vorstellen, dass man im Glauben das so machen kann, dass man das nur zu einem Kopfglauben macht. Oder wie es heute bei uns seit Jahrhunderten gang und gäbe ist, dass der christliche Glaube gleichsam nur so nach außen hin ein Stück Tünche bedeutet. Das ist nach außen hin ein Stück meiner gesellschaftlichen Stellung: Ich bin Christ. Aber wie weit zeichnet das nun mein Verhalten, mein Tun, mein Leben, meine Praxis?
Wir haben es heute ganz bestimmt besonders schwer, weil zu unserer Zeit nun der Spruch immer wieder umgeht, dass man sagt: Wenn einer so darauf dringt, dass man das auch lebt, dann sagt man, das ist ein radikaler Spinner, das ist ein Fundamentalist. Jetzt ist so ein ganz Übereifriger, bigottischer Mensch, der sich da so einsetzt. Prüfen Sie es doch mal bei Jesus.
Jesus hat überhaupt nie Interesse daran gehabt, dass Menschen etwas im Kopf haben. Jesus hat gesagt: Geh mit mir auf den Weg. Es war ein Weg, den Jesus mit den Menschen ging, in der Nachfolge. Das war praktiziertes Leben. Und in der Bergpredigt haben wir es gerade wieder gehört, wo Jesus sagt: Und wenn ihr ein Christentum habt, das Übergewicht von frommen Worten, und wenn er noch so viel Wunder und Zeichen tut, aber es ist nicht im Gehorsam gelegt, es stimmt nicht überein wieder im Tun, dann ist alles verkehrt und falsch.
Das schöne Wort von Jesus ist auch eine Seligpreisung: Selig seid ihr, wenn ihr es tut. Nur wenn er es tut, sonst hat das alles keinen Wert. Man kann das immer wieder hören und hören und hören, aber ich muss tun.
Zwischen Kopf und Leben: die Spannung der christlichen Existenz
Wir haben ja zwei Physikdozenten in Indonesien an der christlichen Universität von Yogyakarta, und die haben mir erklärt, dass ihre Arbeit am allermeisten darunter leide, dass ein Indonesier durch seine kulturelle Eigenart eigentlich die Grundlagen der modernen Physik nicht verstehen kann. Sie sagen, sie hätten es immer wieder probiert, und sie hätten erst gemerkt, dass das nicht geht. Ein Indonesier kann durch sein kulturelles Denken Ursache und Wirkung nicht unterscheiden. Sie hätten ganz lange gebraucht, bis sie gemerkt hätten, dass das einfach andere Menschen sind.
Gut, jetzt reden wir nicht von Indonesiern. Jetzt möchte ich Ihnen mal etwas sagen von unserer abendländischen Kultur. Wenn es eine Eigenart der abendländischen Kultur gibt, also von Europa, dann ist es dieses Problem, dass wir zwischen Kopf und Leben trennen. Das machen viele Völker dieser Welt nicht, aber das ist eine spezielle Not, die in Europa durch die griechische Philosophie kam. Im alten Hellenismus war es gang und gäbe, dass der alte Plato seine Idee hatte, und dann hat man gesagt: Wie stimmt eigentlich jetzt die Wirklichkeit mit der Idee überein? Und wir haben immer den Ideen so viel Raum zugestanden, so viel Kraft zugestanden. Wir haben gemeint, das ist so toll, wenn die Ideen unser Leben prägen. Wir haben alle schöne Ideen, aber was ist die Wirklichkeit?
Wie ist denn das bei den Juden? Die Juden sind keine Abendländer. Wenn Sie im Alten Testament einmal lesen, dann merken Sie: Da kann man Denken und Tun nicht auseinanderreißen. Das gibt es bei Gott gar nicht. Der Mensch ist ein Ganzer. Das kommt immer wieder in der Bibel: Sei ein Ganzer. Du darfst dich nicht in gewissen Teilen zerreißen, Seele und Leib und Geist und Leib. Der Körper ist auch von Gott benützt.
Es geht also jetzt darum, wie wir das bei uns körperlich mit unserer Christusnachfolge umsetzen können. Ein ganz schönes Beispiel für die Bibelkenner ist im Korintherbrief. Da war eine europäische hellenistische Gemeinde in Griechenland, und da hatte Paulus den ganzen Brief über ein Problem: Die Korinther lebten das ganze Evangelium eigentlich nur in einer großen geistigen Emotion. Die sind nach oben ausgeflippt, und die haben ganz tolle, feurige Gottesdienste gehalten. Und Paulus hat gesagt: Aber hört mal, ihr prozessiert vor Gericht, da stimmt doch was nicht. Was nützt das dann? Was nützt euer ganzes Wundertun und Zungenreden und alles, wenn ihr nicht die Liebe habt? Es muss doch praktisch werden im Glauben.
Das war also immer ein Kampf in der Christenheit: Wie kriegen wir das ins Leibliche hinüber?
Die Barmherzigkeit Gottes als eigentliche Kraft zum Gehorsam
Und jetzt ist das bei uns auch ein Kampf. Wir müssen nur merken, dass Paulus davon spricht: Ich ermahne euch, sagt er, ich ermahne euch. Das große Wort lautet: Gott ist für uns. Wer kann jetzt noch gegen uns sein?
Ihr müsst das in eurer Situation, in euren Lebensumständen, rüberkriegen. Und wie macht das Paulus? Das mit der Ermahnung ist immer schwierig. Wenn uns einer anschimpft, dann läuft nichts mehr. Dann schalten wir auf stur und wollen nichts mehr hören. Paulus hat hier aber nicht einfach einen Rüffel verteilt, so wie man sonst ermahnt, oder so, wie die Polizei uns vielleicht anschimpft, wenn wir etwas falsch gemacht haben.
Sondern er sagt: Ich ermahne euch nun durch die Barmherzigkeit Gottes. Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes. Das sieht also ganz anders aus. Er sagt: Ich erinnere euch daran, wie Christus für euch gelitten hat. Da kann man ja das Erbarmen Gottes spüren. Und schaut es euch doch noch einmal an: Da hat sich Jesus für euch hinausführen lassen auf den Hügel Golgatha, den Ort der Hinrichtung. Da hat er den Kreuzesbalken auf seinem Rücken getragen, dann hat er sich die Nägel in die Hände treiben lassen, hat er sich die Füße annageln lassen. Warum hat er das gemacht? Damit eure Hände, euer Leib Gott dient.
Ihr könnt doch diesen Leib nicht bloß wieder als eure Privatsache behandeln. Ihr könnt doch nicht einfach sagen: Ach, da mache ich sowieso, was mir Spaß macht. Neulich habe ich mit ein paar jungen Leuten diskutiert. Ich sage es erschütternd, wie da unten auf der Königstraße junge Menschen mit 18 Jahren, gesunde, sportliche Typen, ihr Rauschgift einkaufen. Da haben so ein paar junge Leute nur lachend gesagt: Darf doch jeder mit seinem Körper machen, was er will. Warum nicht?
Das ist ja eine Meinung, die die Erwachsenen schon lange vorleben. Nicht beim Rauschgift, aber mit allen anderen Dingen: bei Geldfragen, Berufsentscheidungen, Lebensplänen, überall dort, wo wir Gott das Verfügungsrecht über unser Leben verweigern. Und Paulus sagt: Ich verfüge nicht mehr über mein Leben. Nicht bloß mein Bauch gehört nicht mehr mir, sondern mein ganzes Leben gehört nicht mehr mir. Das gehört Gott, und er verfügt über mein Leben.
Und die ganzen praktischen Beziehungen im Beruf, in der Ehe, im Ledigsein, da, wo ich mich als Bürger dieser Welt bewege, das gehört in den Gehorsam Gottes hinein. Ich ermahne euch nun durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber, eure Körper, hergebt als Opfer. Gebt sie doch Gott her, damit Gott etwas daraus machen kann!
Die Gefahr der billigen Frömmigkeit und der Ruf zur Erneuerung
Den christlichen Glauben kann man am allerschlechtesten als Heuchelei benutzen. Jede Religion dieser Welt eignet sich viel, viel besser dafür. Aber das wissen Sie: Man merkt sofort, ob einer nur quasselt oder ob er das in seinem Leben umsetzt.
Und darum ist ja unser Christenleben oft auch so tot, so wirkungslos. Die Leute merken das sofort. Das ist nicht abgedeckt durchs Leben, das ist bei dem nur eine andere Ebene. Jetzt ist er fromm, und nachher fällt er wieder in seine weltliche Art zurück. Und das geht doch nicht!
Dietrich Bonhoeffer hat so dagegen gewettert in seinem Buch Von der Nachfolge Christi. Da fängt er so an und sagt: Die billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Die billige Gnade, wo man bloß dauernd sagt: Ach ja, Gott nimmt euch schon an, so wie ihr seid, ist alles okay, ihr könnt alles machen und so. Und wo man nicht mehr das verkündigt, dass Gott unser Leben total neu gestalten will, im Format Gottes unsere Welt verändern.
Wir dürfen unser Leben noch einmal neu packen, und das muss übersetzt werden in unseren Leib hinein. Also man kann nicht auf halbem Weg stehenbleiben.
Der zweite Einschnitt: Gegen den Strom leben
Mein zweiter Punkt: Man braucht den Mut eines Außenseiters. Man braucht den Mut eines Außenseiters.
Es ist unheimlich schwer, was Paulus jetzt will, und wie wir das praktisch leben sollen. Warum ist unser Körper, unser Leib, so störrisch, schlimmer als ein Esel? Es steht doch im Jakobusbrief, dass niemand seine Zunge zähmen kann. Sie sei voller Gift, die Zunge, mit der wir dauernd reden.
Und so ist es ja mit unserem Körper. Wir können ja unsere Gedanken nicht zähmen. Wenn einer in Schwermut lebt und das Dunkle über ihn herfällt, wenn die Leidenschaften einen packen, dann ist das schwer. Der andere kann gut reden, der hat vielleicht eine ganz andere Veranlagung. Aber der eine, der so gejagt ist von seiner Sucht, der kann sich gar nicht befreien.
Was ist das mit unserer Lebenskraft, die einen so eigenen Kurs geht? Paulus sagt, wir sind nach der Art dieser Welt gestaltet. Und die Art dieser Welt, die kennen wir. Wenn Paulus von Welt redet, darf ich noch einmal daran erinnern: Wir hatten das vor ein paar Sonntagen schon einmal. Der Begriff Welt ist in der Bibel doppelt gebraucht. Einmal für die Schönheit der Welt, für die wunderbaren Bilder, die wir sehen, wenn wir uns den Kalender angucken, jetzt am Jahresanfang. Dann aber spricht er von der Welt, die sich gegen Gott stellt, an der Jesus so gelitten hat. Die Welt auch der Tränen und des Leides, die Welt, wo so viel Unrecht und Gewalt herrscht. Die Welt des Bösen, diese unheimliche Welt.
Diese Welt prägt uns Christen ja mit. Wir sollen doch nicht so tun, als ob sie nicht da wäre. Sie ist doch heute, am Sonntagmorgen, jetzt, wie wir da sitzen, in uns lebendig. Und überall, wo wir sind, spüren wir das doch bis in die Fasern unseres Herzens hinein. Wir sind doch genauso geldgierig wie die anderen. Wir sind doch genauso ichbezogen und genauso empfindsam für die Wehleidigkeit. Und wir sind doch genauso von unreinen Gedanken bedrängt. Wir sind doch versucht wie die anderen Menschen auch. Das Böse ist doch eine Macht in uns. Und dass es Streit und Eifersucht bei uns gibt, ist doch auch so. Wir leben doch auch nach dem Schema der Welt.
Bloß hat sich jetzt ja bei den Christen etwas ganz Interessantes breitgemacht, das man nennt die Ethik, das Verhalten der Christen in den letzten Jahrzehnten. So dass man sagt: Ja, man muss als Christ auch sich der Welt anpassen. Man muss sich als Christ der Welt anpassen, das wäre ja der Niedergang.
Das ist eine moderne Gesellschaftsform, dass die Gesetze den Menschen angepasst werden, weil unsere Gesellschaft keine Normen mehr kennt. Da kann man das immer manipulieren und sagen: Warum nicht? Wenn die Menschen es jetzt so wollen, dann machen wir es eben so. Dann führt man offene Diskussionen, dann verändern wir die Gesetze, es hat sich entwickelt, dann passen wir es an.
Wir leben aber unter der göttlichen Verfügung. Dann dürfen wir uns nicht der Welt und ihrem Denken anpassen. Stellt euch nicht dieser Welt gleich! Das griechische Wort, das hier steht, heißt eigentlich: Das Schema dieser Welt vergeht, die Art dieser Welt vergeht.
Ich möchte noch einmal sagen: Was wollen Sie in dieser Welt als großes Ziel erreichen? Wollen Sie eine Machtstellung? Wollen Sie reich werden? Wollen Sie einen großen Namen haben? Das wird vergehen. Es gibt Ihrem Leben keine Füllung. Wenn Sie Erfolg suchen, auch dieser Erfolg wird Ihr Leben nicht füllen.
Es gibt in der kurzen Zeit unseres irdischen Lebens nur ein Ziel: dass ich für Gottes Ewigkeit lebe, dass Gott die Verfügungsgewalt auch über meinen Leib hat, über mein Denken, über mein Geld. Das macht mich nicht weltfremd. Ich lebe in der Welt, aber ich darf mich nie irgendwelchen Selbstverständlichkeiten dieser Welt beugen. Und wenn alle Menschen es so machen, muss ich Gott fragen, wie er will, was seine Ordnungen sind.
Und das wäre so wichtig heute, denn die meisten Christen leiden ja Schiffbruch nicht an den Denkproblemen. Das ist völlig falsch. Sie sind nicht darin gescheitert im Glauben, weil sie das nicht verstehen, sondern weil sie durch ganz praktischen Ungehorsam weggetrieben sind.
Gucken Sie mal an, wie das heute im Wirtschaftsleben, im Beruf ist, mit der Lüge, mit dunklen Dingen, mit unsauberen Sachen. Wir haben uns ja auch an den ganzen Schmutz unserer Publikationen schon gewöhnt, dass es Bilder von Frauen für uns Männer bereithält und was wir alles nehmen können. Das ist die Art der Welt, die uns prägt.
Wir müssen doch einmal wieder sagen: Treten wir heraus und leben die ursprüngliche Schönheit des Lebens, wie es der Schöpfer wollte. Gerade weil Christus auferstanden ist, gerade weil er uns erlöst und freigemacht hat, gerade darum darf ich doch damit rechnen, herauszukommen aus dem alten dunklen Wesen und das Neue wenigstens wieder zu leben.
Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Bringt eure Leiber dar, denn Gottesdienst müssen sie am Montag, am Dienstag, am Mittwoch leben, in den Belastungen dieser Welt. Sie sollen ihren Glauben praktisch umsetzen, wie sie mit ihren Freunden reden, ob da Christus ihr Leben beherrscht, wie sie denken und planen. Das ist eine Lebenssache.
Nur dass sie wissen: Ein Gottesdienst, der nur so mit ein paar Wortgeklingeln abfährt und da noch ein paar Kerzen anzündet, das hat für Gott keinen Wert. Das ist ein Gräuel vor Gott, wenn das nicht unser Leben prägt, wenn das nicht umgesetzt wird in die Tat, in den Gehorsam. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
Die Entscheidung des ganzen Lebens
Wir machen es ja immer bei den Lebensentscheidungen so: Da handeln wir dann, als ob wir in unserem Leben alles mit eiserner Kraft erzwingen müssten. Wenn wir es nur verpressen können. Wenn Sie wüssten, wie ich mir das in meiner Familie vornehme: Jetzt will ich lieb sein, nicht? Jetzt will ich lieb sein. Ich probiere es mit eiserner Gewalt. Das hat ja gar keinen Sinn. Mit Askese komme ich nicht weiter. Wenn ich sage: So, jetzt bemühe ich mich, was will es denn?
Paulus sagt: Gebt eure Leiber als Opfer hin. Lasst Christus über euer Leben herrschen. Fällt diese Entscheidung, dass er über euer Leben bestimmt. Das ist die große Freude, die Erneuerung unseres Lebens. Ich darf ihm dienen.
Und jetzt noch: Wir wollen das neue Leben schön gestalten, davon spricht Paulus auch noch. Also wir sollten unsere Leiber hergeben als Opfer für Gott. Nicht, dass sie behaupten, dass die Bibel oder der Paulus immer schlecht von unserem Leben redet. Das ist ja so eine Volksmeinung, so ein Märchen: Der Apostel Paulus hat den ganzen Menschen mit all seinen körperlichen Bezügen verdammt und mies gemacht. Wo denn, der Paulus? Der sagt, du darfst das zum Lobe Gottes leben.
Sind unsere Trauungen keine Freudenfeste? Warum denn nicht? Wir sagen doch Ja dazu, dass Menschen Mann und Frau sind. Wir sagen doch Ja zu allen Bezügen unseres Lebens, zu Arbeit und Beruf. Alles, was er tut, das tut im Namen Jesu. Wir wollen doch die Aufgaben dieser Welt anpacken. Wir wollen heute leben. Und Paulus sagt: Prüft, prüft doch, was das Gute und das Wohlgefällige und das Vollkommene ist. Ihr müsst euch bloß ein wenig besinnen. Ihr könnt nicht einfach gedankenlos die Lebensziele anderer Menschen um euch her übernehmen. Überlegt euch doch, was das ist, was ihr in diesem Leben vollbringen wollt und könnt.
Ein persönliches Zeugnis von Krankheit, Berufung und Hingabe
Ich denke jetzt auch immer an die Schwerkranken. Die Mutter eines 34-jährigen jungen Mannes, der seit zehn Jahren gelähmt im Rollstuhl sitzt, hat mir geschrieben. Er hört immer unsere Predigten. Er kann nicht mehr lesen und nicht mehr reden, nur noch hören.
Was ist mein Leib wert, wenn er krank ist? Er hat einen großen Wert. Für mich bedeutet die Predigt dieses jungen Mannes unsagbar viel, weil ich ganz neu verstehe: Was gibt mir Gott noch für Chancen? Ich möchte die Gaben meines Lebens nutzen.
1717 ist ein junger Mann, das ist einige Zeit her, ein junger Mann, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, zu seiner Kavaliersreise gestartet. Die Oma, die über viel Geld verfügte, hat ihm diese Reise ermöglicht. Für anderthalb Jahre hat sie ihm eine Kutsche samt Dienerschaft gestellt. Er sollte nach Paris und das gesellschaftliche Leben kennenlernen. Sein Stiefvater war Generalfeldmarschall. Das waren reiche Leute, die im Wohlstand aufwuchsen. Ihnen stand alles offen. In Paris waren die Obersten des Adels da und haben ihn auf ihren großen Bällen und Gesellschaften empfangen.
Aber auf dem Weg nach Paris hat dieser junge Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in der Gemäldegalerie von Düsseldorf Station gemacht und hat das Bild des gekreuzigten Jesus, das heute in Würzburg hängt, von Domenico Feti angesehen. Das ist ein Bild von Jesus mit der Dornenkrone. Und da stand unten in Lateinisch darunter: Das tat ich für dich, was tust du für mich?
Und Zinzendorf hat dann in sein Tagebuch geschrieben: Mir schoss das Blut ins Herz. Ich wollte nicht viel antworten können, und ich bat meinen Heiland, dass er mich notfalls mit Gewalt in die Gemeinschaft seiner Leiden reiße.
Ein siebzehnjähriger junger Mann hat gesagt: Ich möchte in der Welt nicht diesen Flitterglanz von Paris. Ich möchte nicht den Reichtum. Ich möchte mein Leben mit Jesus leben.
Dieser Zinzendorf hat in den Jahren seines Lebens die Schweren getragen. Er war zwanzig Jahre von seinem Gut Herrn Huth verbannt. Er hat sich immer nur der niedersten Menschen angenommen, der Flüchtlinge und der Abgeschobenen. Er ist in die fernen Missionsländer gezogen.
Was hat Gott aus diesem Leben von Zinzendorf gemacht? Da war einer, der nicht nur seinen Kopf, sondern sein Leben hergegeben hat. Einer, der gesagt hat: Ich möchte Gott dienen mit allem, was ich bin, mit Leib und Seele. Und das hat ihn fröhlich gemacht. Das hat sein Leben reich gemacht.
Billiger geht’s nicht. Amen.

