Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Ein unerwartetes Hören
Ein Indianer besucht eines Tages, wie gesagt, seinen weißen Freund. Er verlässt sein Reservat und kommt in eine größere Stadt. Der Lärm, die vielen Autos, die Menschen – all das verwirrt ihn.
Dann gehen die beiden Männer eine belebte Straße entlang. Plötzlich bleibt der Indianer stehen, tippt seinem Freund auf die Schulter und sagt: Du, hör mal, hörst du es nicht?
„Boah, was soll ich hören?“, sagt der andere. „Alles, was ich höre, ist Hupen und Gedröhne von Autos und das Rattern der Omnibusse. Natürlich höre ich eine Menge.“
„Nein, das meine ich nicht“, sagt der Indianer. „Ich höre ganz in der Nähe das Zirpen einer Grille.“
Der weiße Mann horcht noch einmal hin. „Das ist unmöglich. Du musst dich täuschen. Hier gibt’s gar keine Grillen. Du hast vielleicht eine Grille im Ohr, und wenn es Grillen gäbe, würde man die nie und nimmer hören in diesem Lärm.“
Die beiden gehen weiter. Nach wenigen Schritten bleibt der Indianer vor einer Hauswand stehen, schiebt wilde Weinpflanzen, die sich dort entlangrankten, zur Seite, und siehe da: Sein Freund will es kaum glauben. Da sitzt tatsächlich eine Grille und zirpt aus vollem Halse.
„Siehst du es?“, sagt der Indianer.
„Na ja“, sagt der weiße Mann, „ihr Indianer habt eben bessere Ohren. Ihr könnt eben besser hören.“ Das ist die Rätsellösung.
Aber der Indianer lächelt nur, schüttelt den Kopf und sagt: „Du täuschst dich, mein Freund. Das Gehör eines Indianers ist prinzipiell nicht besser oder schlechter als das Gehör eines weißen Mannes. Also, wenn hier ein paar Indianer wären, bräuchten die vielleicht auch ein Hörgerät.“
Und dann tritt er den Beweis an. Er holt ein 50-Cent-Stück aus der Tasche, wirft es auf den Fußweg, es klimpert ein wenig. Einige Leute, die mehrere Meter von den beiden entfernt gehen, werden auf das Geräusch aufmerksam, bleiben plötzlich stehen, schauen sich um. Einer entdeckt das 50-Cent-Stück, hebt es auf und steckt es in sein Portemonnaie.
„Siehst du“, sagt der Indianer, „das Geräusch, das das Geldstück gemacht hat, war für sich genommen gar nicht lauter als die Grille, und trotzdem haben sich viele danach umgedreht. Warum?“
Dann gibt er sich selbst die Antwort und sagt: „Der Grund liegt darin, dass wir stets das gut hören, worauf wir zu hören gewohnt sind. Wir hören stets das gut, worauf wir zu hören gewohnt sind.“
Das heißt: An bestimmte Geräusche müssen wir uns erst gewöhnen, um sie richtig und angemessen wahrzunehmen. Und genauso wie mit unserem äußeren Ohr ist es auch mit unserem inneren Gehör, mit dem Ohr unseres Herzens. Bestimmte Dinge hören wir nur, verstehen wir nur, wenn wir lernen, darauf zu hören.
Das Ohr für Gottes Wahrheit
So wie der weiße Mann es lernen musste, sein Gehör für das Zirpen der Grille zu schulen, so brauchen auch wir als Christen von Zeit zu Zeit eine Gehörschulung. Wir sollen nicht nur einfach von Gott wahrnehmen, was wir schon immer kennen, was wir schon hundertmal gehört haben und was uns vertraut ist, sondern wir sollen Gott immer besser verstehen. Wir sollen auch Neues verstehen, was wir bisher aus der Bibel noch nicht gekannt haben. Wir sollen Gottes Wort immer mehr und immer mehr kennenlernen.
Es ist doch so: Bestimmte Zusammenhänge beherrschen wir als Christen normalerweise aus dem Effeff. Die saugen wir schon mit der Muttermilch im Kindergottesdienst auf, also dass Gott unsere Sünden vergeben will, dass Jesus Christus für unsere Schuld gestorben ist, dass Gott die Welt erschaffen hat und vieles andere mehr. Das kennen wir.
Aber dann gibt es andere Themen, andere Stellen in der Bibel, da ist unser Gehör längst noch nicht so gut geschult. Und darum hat der Apostel Paulus immer wieder betont, dass er seinen Gemeinden den ganzen Ratschluss Gottes lehren will, alles, was Gottes Wahrheit ihm offenbart hat. In Apostelgeschichte 20,27 sagt Paulus: Ich will es nicht unterlassen, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen.
Paulus hat sich deswegen nicht auf ein Fastfood-Evangelium beschränkt, so nach dem Motto: Hauptsache unterhaltsam, Hauptsache kurzweilig, quadratisch, praktisch, gut. Das Wichtigste kommt schon irgendwie rüber, und ansonsten wollen wir es vor allem kurzweilig und lustig haben. So hat Paulus nicht gearbeitet. Dann wären seine Briefe wesentlich kürzer ausgefallen, als sie wirklich ausgefallen sind. Dann hätte er sich im Grunde genommen darauf beschränken können, Postkarten zu schreiben, am besten noch Ansichtskarten. Er hätte nur eine Seite beschreiben müssen. Dann wäre die Bibel überhaupt insgesamt viel, viel kürzer ausgefallen.
Aber nein, Paulus war sehr einfallsreich in der Art und Weise, wie er Gottes Wahrheit verkündigt hat. Er hat sich sehr genau auf seinen jeweiligen Zuhörer eingestellt, auf den Bildungshintergrund und auf die Kultur, aus der die Menschen kamen. Das hat Paulus schon sehr genau berücksichtigt bei der Art und Weise, wie er das Evangelium verkündigte. Und er hat um jeden einzelnen gekämpft. Aber er hat seinen Zuhörern immer ein gehöriges Maß an Mitdenken zugemutet. Warum? Weil die Wahrheit, die Gott ihm anvertraut hatte, einfach zu kostbar, zu wertvoll, zu wichtig und zu lebensnotwendig ist, als dass er sie seinen Leuten hätte vorenthalten können.
Paulus hat schon darauf geachtet, seine Leute nicht zu überfordern. Aber er hat sie gefordert. Er hat ihnen viel zugemutet, weil er die Gemeinden Schritt für Schritt in Gottes große Wahrheiten hineinführen wollte. Er wusste, sie brauchen es, und er verfolgte damit ein wichtiges Ziel. Er wusste: Nur so können Christen geistlich stark werden, nur so können Christen im Glauben wachsen, nur so können Christen Antworten auf ihre Fragen finden, nur so können Christen geistlich widerstandsfähig werden und nicht von jeder neuen Lehre gleich angezogen werden, wenn sie mal bloß ein bisschen christlich klingt. Nicht jeder neuen Masche, jedem neuen Trend, jeder neuen Sau, die durchs Dorf getrieben wird, gleich hinterherzulaufen, nur wenn Christen verankert sind im Wort Gottes, nur wenn sie die Wahrheit des lebendigen Gottes kennen. Und die Wahrheit kennen heißt, dass ich immer dranbleibe, dass ich immer dazulerne, dass ich immer wieder frisch die Bibel studiere. Nur dann, nur dann werden Christen widerstandsfähig.
Ich komme ein bisschen herum in Deutschland, wie Sie sich vorstellen können, und es packt mich auf das kalte Schaudern, ich darf das mir hier, wir sind ja unter uns, so offen sagen: Es packt mich auf das kalte Schaudern, wenn ich sehe, welche Bären sich manche Christen aufbinden lassen. Wenn ich sehe, wie offenkundig manche Christen Dinge übernehmen und aufnehmen, obwohl sie ganz eindeutig dem widersprechen, was Gott uns in seinem Wort lehrt. Und ein Grund für diese so weit verbreitete Naivität liegt eben darin, dass viele Christen nicht mehr regelmäßig in der Heiligen Schrift studieren, dass sie nicht wirklich gegründet sind in der Wahrheit des Wortes Gottes. Dass sie so ein paar christliche Grundlehren drauf haben, die sie seit dreißig Jahren oder seit fünfzehn Jahren oder wie lange auch immer gehört haben, aber dass sie nicht wirklich vertieft die Heilige Schrift studieren.
Und darum ist das, was Sie hier in Bautzen machen, Jahr für Jahr nun fünfundvierzig Jahre lang, so unendlich wichtig. Und darum ist es mir auch eine große, große Freude, und ich betrachte es als ein großes Vorrecht, ein großes Privileg, heute hier sein zu dürfen, um mit Ihnen zusammen in den nächsten Stunden diesen Römerbrief zu studieren und darin fortzufahren.
Der Rahmen des Wochenendes
Der Römerbrief gilt als eines der grossen Monumente der Bibel. Jedes biblische Buch ist wichtig, jedes biblische Buch hat seine Segensspuren hinterlassen. Der Römerbrief hat aber auch darin seine ganz besondere Bedeutung. Viele, auch viele, die von Gott in seinem Reich in besonderer Weise gebraucht wurden, haben durch den Römerbrief besondere Anstösse erfahren.
Er hat einen ganz entscheidenden Anstoss gegeben, als er durchbrach zum lebendigen christlichen Glauben, als er aus seiner Gefangenschaft als katholischer Mönch herausfand zur sprudelnden Quelle des Evangeliums. Einen entscheidenden Anstoss hat er durch das erste Kapitel des Römerbriefes bekommen. John Wesley, der Begründer des Methodismus, ist zum Glauben durchgedrungen, als er Luthers Vorrede zum Römerbrief las. Er hat wahrscheinlich auch das gelesen, was Bruder Mösch uns heute Abend vorgelesen hat.
Und so wollen wir es als ein Vorrecht betrachten, gemeinsam diesen Römerbrief zu studieren. Ich sehe auch ein, dass Freitagabend natürlich so eine Sache ist. Sie haben jetzt gerade die Woche hinter sich, ich auch, und wir haben alle unsere Arbeit gemacht. Im Grunde genommen würden wir uns jetzt lieber gemütlich irgendwo hinsetzen, einen Schluck miteinander trinken und ein bisschen klönen. Das kann man ja hinterher noch einmal.
Also trotzdem jetzt noch einmal voll konzentrieren, am Ende dieses Tages, um noch so eine erste Portion Römerbrief miteinander durchzuackern. Ich weiss, das ist viel verlangt, und ich bin Ihnen auch nicht böse, wenn zwischendurch der eine oder andere vielleicht mal ein bisschen wegnickt oder mal auf seine Uhr guckt. Wissen Sie, das ist noch nicht so schlimm. Solange Sie nur auf Ihre Uhr schauen, stört mich das noch nicht. Erst wenn Sie anfangen, Ihre Uhr ans Ohr zu halten, um zu sehen, ob die noch geht, dann wird es langsam kritisch.
Also, wir wollen versuchen, uns gemeinsam an diese Arbeit heute Abend heranzumachen. Was gut ist, wird sein, dass das Thema, das wir heute Abend anschlagen, nicht nur das ist, was Paulus anschlägt, sondern dass dieses Thema uns auch morgen weiter begleiten wird, weil es nicht nur in Kapitel 8, sondern auch in Kapitel 9 bis 11 wieder vorkommt. Und von daher hoffe ich und bete ich, dass Sie Ihr Gehör für diese biblischen Wahrheiten schulen können.
Und das ist ein ganz, ganz grosser Vorteil, wissen Sie, wenn man ganze biblische Bücher zusammenhängend auslegt. Man kann sich nicht vor bestimmten Themen drücken. Wenn man sich immer nur einzelne Stellen raussucht und sagt: Heute reden wir mal darüber, morgen mal darüber, dann kann man immer bestimmte unangenehme Passagen elegant umschiffen. Wenn man aber sagt, wir gehen ein ganzes Buch durch, Jahr für Jahr immer weiter, dann ist man gezwungen, dem Text standzuhalten und auch solche Kapitel wie das achte heranzunehmen. Und so wollen wir das heute tun.
Letztes Jahr haben Sie Römer 1 bis 6 studiert, Bruder Mösch sagt es schon, diesmal Kapitel 7 bis 11. Ich sage Ihnen schon jetzt: Da stecken einige ganz besonders harte Brocken drin. Gebe Gott, dass wir diese Brocken gut verdauen.
Und wir fangen diesmal gewissermassen in der Mitte dieses Abschnitts an, sieben bis elf. Wir fangen nämlich ausgerechnet in Römer 8,28 an. Am Sonntag zum Abschluss wird Dr. Erdmann Ihnen dann so einen seelsorgerlichen Ausblick geben, mit dem Sie wieder in die Woche starten können, am Montag. Da geht es darum, in Römer 7, wie wir als Gotteskinder mit der Sünde in unserem Leben fertig werden. Ein wichtiges Thema. Und es geht in Römer 8,1-27 darum, wie Gottes Geist unser Leben verändert und uns in die Freiheit führt.
Morgen am Samstag werden wir mit Paulus das Israel-Problem angehen, Römer 9-11. Israel ist fast jeden Tag in den Nachrichten zu sehen, und wir fragen: Was hat Gott vor mit diesem Volk? Ist es überhaupt noch sein Volk, und was geht das uns als christliche Gemeinde an? Was hat das Sie zu interessieren, was da im Nahen Osten läuft? Ich denke, Sie werden merken, es geht uns mehr an, als wir auf den ersten Blick einsehen.
Der Einstieg in Römer 8
Und als ob das alles nicht schon brisant genug wäre, steht nun heute Abend bereits eine geradezu provokative Bibelstelle auf unserer Tagesordnung. Und man reibt sich, wenn man das auf den ersten Blick liest, die Augen und sagt: Paulus, warum hast du so etwas aufgeschrieben? Warum hast du das gemacht?
Paulus hätte gesagt: Gott hat es mir gesagt, ich soll es machen. Wir werden sehen. Schon diese ersten Verse enthalten so viel biblischen Sprengstoff, dass sie allein uns ein ganzes Wochenende beschäftigen könnten. Ich verspreche Ihnen, ich werde dennoch versuchen, Ihnen sowohl einen Überblick über diese Verse zu geben als auch pünktlich zu schließen, damit Sie heute nicht schon so platt sind, dass Sie morgen gar nicht mehr hierherkommen.
Wir steigen jetzt also ein mit Römer 8,28. Wer eine Bibel dabei hat, den möchte ich ermutigen, sie ruhig aufzuschlagen; ansonsten lese ich die Stellen auch immer wieder vor.
In den ersten Worten hört sich das, was hier in Römer 8,28 steht, ganz vertraut an. Wenn Sie schon seit einiger Zeit in einer christlichen Gemeinschaft leben, in so einer christlichen Community, dann hat Ihnen bestimmt irgendwann einmal jemand so ein Kärtchen mit diesem Vers gegeben. Römer 8,28: „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“
Da redet Paulus von Leuten, die ein besonderes Merkmal haben: Sie lieben Gott. Das ist hier ein anderer Ausdruck für Glauben, und was Glauben bedeutet, hat Paulus in den ersten Kapiteln des Römerbriefs ausführlich erklärt. Die Gott lieben, das sind Gottes Kinder, sie gehören zu ihm als ihrem Vater. Und diese Leute haben nicht nur ein besonderes Merkmal, sondern auch ein besonderes Vorrecht: Alle Dinge müssen zu ihrem Besten dienen.
Das heißt: Egal, was in ihrem Leben passiert, alles wird gut. Egal, vor welchen Hindernissen sie stehen, egal, in welche Nöte sie geraten, egal, welches Leid auf ihrem Lebensweg liegt, alles wird gut. Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen.
So bekannt dieser Teil des Verses ist, so unbekannt ist die Fortsetzung. Und die sieht man selten auf einer Spruchkarte, und die wird in der Regel auch unterschlagen. Wissen Sie, wie es weitergeht? Paulus macht nämlich weiter. Er sagt: Was für Leute sind denn das? Wer gehört dazu? Wie kommt man da hinein in diese Truppe, dass einem alles zum Besten dient?
Und jetzt hören Sie genau hin, wie der Vers weitergeht. Paulus sagt: Wem gilt das? Das gilt, Zitat: „denen, die nach seinem, nämlich Gottes, Ratschluss berufen sind.“ Das stützen wir erst einmal. Also: Es kommen diejenigen in den Genuss, dass ihnen alle Dinge zum Besten dienen, die Gott selbst dazu berufen hat, nach seinem Ratschluss, wie Paulus sagt.
Und Ratschluss müssen Sie wissen, das ist im Griechischen ein großes Wort. Ratschluss, das heißt so viel wie Gottes großer, souveräner Plan mit dieser Welt. Und Gott hat einen großen, souveränen Plan mit dieser Welt und seinen Menschen. Und im Rahmen dieses großen Planes hat er bestimmte Menschen berufen, und das sind die, die ihn lieben und denen alle Dinge zum Besten dienen müssen.
So heißt eigentlich der ganze Vers. Natürlich drängt sich uns sofort die Frage auf, und wir würden Paulus am liebsten damit bestürmen, wenn wir ihn jetzt hier hätten, wenn wir ihn hier auf den heißen Stuhl setzen könnten und ihm diese Fragen direkt stellen könnten, dann würden wir ihn bestürmen und sagen: Paulus, wer wird denn von Gott berufen? Und nach welchen Maßstäben, bitte schön, soll das geschehen?
Es ist gar nicht schlimm, dass Paulus nicht hier sitzt. Denn wenn Sie lesen, wie es weitergeht, dann merken Sie: Paulus hat mit dieser Rückfrage schon gerechnet. Und er gibt uns in den nächsten beiden Versen eine ganz klare, gründliche Antwort. Paulus sagt: Ihr wollt wissen, was das für Leute sind? Du willst wissen, was das für Leute sind, die Gott berufen hat nach seinem Ratschluss? Dann pass auf, ich sag’s dir.
Und jetzt lesen wir die nächsten Verse wieder. Römer 8,28-30: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bilde seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“
Das sind die Verse 29 bis 30.
Die Kette der Gnade
Liebe Mitchristen, in diesen Versen stehen wir vor dem Geheimnis der Erwählung. Es ist eines der spannendsten, eines der dramatischsten Themen, das die Christenheit seit ihren Anfängen beschäftigt hat.
Und wissen Sie: Paulus spricht davon nicht wie von einem Problem, sondern wie von einer Tatsache. Er nennt das einfach so als Tatsache. Das ist unser erster größerer Punkt heute Abend. Wenn Sie mitschreiben, dann schreiben Sie auf: Erstens, die Tatsache der Erwählung. Erstens, die Tatsache der Erwählung.
Ich kann zu Ihrem Trost sagen: Dieser erste Punkt ist der längste. Wenn wir diesen ersten Punkt überstanden haben, dann geht alles, was dann kommt, relativ zügig. Also: Der erste Punkt ist der längste. Erstens, die Tatsache der Erwählung. Hier müssen wir den Grund gewissermaßen legen für alles andere, was dann kommt.
Keine Sorge, auch wenn manches für Sie vielleicht ungewohnt ist. Sie können mich hinterher gerne ausquetschen wie eine Zitrone und mich noch weiter befragen. Und diese einzelnen Dinge werden auch in den nächsten Stunden, also morgen, immer wieder mal aus einer anderen Perspektive drankommen. Wir haben, denke ich, viel Zeit, darüber zu reden.
Aber Paulus spricht hier von der Tatsache der Erwählung. Diese Tatsache ist Gott ausgesprochen wichtig. Er hat an ganz vielen Stellen darüber gesprochen, also ganz ähnlich zum Beispiel im ersten Kapitel des Epheserbriefs. Da spricht Paulus auch in Vers 4 davon, dass wir vor Grundlegung der Welt in Christus erwählt worden sind. Und an vielen anderen Stellen auch. Noch weitere habe ich auch für Sie aufgeschrieben, die können Sie später auf einem Zettel mitbekommen.
Unsere Stelle hier im Römerbrief, Römer 8, ist deshalb so hilfreich, weil Gott uns gewissermaßen den ganzen Vorgang von der Pike auf erklärt. Ich sage gleich vorweg: Gott beantwortet nicht alle unsere neugierigen Fragen, die wir haben. Aber Gott gibt uns in vieles ganz, ganz wichtige Einblicke.
Wir werden jetzt sehen, wie Paulus mit fünf Begriffen vor unseren Augen so etwas wie eine goldene Kette aufbaut. Die Theologen sprechen ja oft Latein, also die Catena aurea genannt, also eine goldene Kette. Da sagt Paulus: Die Gott vorher ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt. Zweites Kettenglied: Die er vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen. Drittes Kettenglied: Die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht. Viertes Kettenglied: Die er gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht. Fünftes Kettenglied.
Wir werden uns jetzt diese fünf Kettenglieder einmal nach dem anderen anschauen. Fünf Stationen sind das, die Paulus hier ganz eng miteinander verknüpft. Und wir wollen jetzt gewissermaßen diese fünf Stationen eine nach der anderen abschreiten und sehen, wie ein Kettenglied in das nächste greift.
Martin Lloyd Jones, der wahrscheinlich berühmteste Prediger Englands im zwanzigsten Jahrhundert, hat bei diesem Thema immer wieder gewarnt. Er hat gesagt: Wenn wir uns mit dieser Frage befassen, dann bewegen wir uns auf heiligem Boden. Und es ist große Ehrfurcht nötig, wenn wir über dieses Thema die Bibel studieren und nachdenken. Denn hier nimmt uns der allmächtige Gott in ganz weitreichende Gedanken und Absichten hinein.
Also das erste Kettenglied: Denn die er ausersehen hat. Vorher ausersehen. Da steht im Griechischen das Wort proginosko, pro heißt so viel wie vor. Und das ist eigentlich das wichtigste Wort in dieser Kette: Die er vorher ausersehen hat, die hat er auch vorher bestimmt.
Und hier setzen gleich viele Leute ein, die gegenüber der Erwählung bestimmte Fragen haben, und sagen: Naja, das heißt ja gar nicht vorherbestimmt, sondern das heißt eigentlich nur, die Gott vorher gekannt hat. Also es geht hier nicht um ein Vorherbestimmen, sondern nur um ein Vorherwissen. Auf Deutsch: Bei bestimmten Leuten hat Gott eben gewusst, dass sie sich bekehren würden, und weil er das wusste, hat er die dann auch vorherbestimmt, berufen und zum Glauben geführt.
Aber wenn wir genau hinschauen und uns dieses Wort, das da im Griechischen steht, genau angucken, dann sehen wir: Es meint deutlich mehr als nur Vorherwissen. Fünfmal wird von Gott dieses Wort im Neuen Testament benutzt. Und immer, wenn dieses prognosko von Gott benutzt wird im Neuen Testament, hat es etwas damit zu tun, dass Gott nicht nur etwas vorher weiß, sondern dass er etwas vorher verfügt.
Vorher erkannt und bestimmt
Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Apostelgeschichte 2,23. Da beschreibt Petrus, dass der Erlösungsweg, den Gott gewählt hat, nicht zufällig war, sondern von Gott souverän vorherbestimmt worden war. Es geschah, Zitat: „durch Gottes vorherbestimmten Plan und Vorsehung“. Also: Gott hat das von Anfang an so geplant, so bestimmt, so durchgeführt, sagt Petrus in Apostelgeschichte 2,23. Da steht genau dieses Wort.
Ein anderes Beispiel noch: In Römer 11,2 kommt dieses Wort auch vor, vor ausersehen. Da heißt es in einem ganz bekannten Vers: Römer 11,2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor ausersehen hat. Und wir wissen: Gott hat Israel aktiv erwählt, und weil er diese Entscheidung getroffen hat, wird er zu seinem Bund stehen. Das macht Paulus deutlich.
Also: Gott hat nicht nur vorher dieses Volk gekannt oder davon gewusst, sondern er hat, obwohl er wusste, wie widerspenstig dieses Volk sein wollte, dieses Volk zuvor ausersehen. Er hat es für sich in einer ganz besonderen Weise bestimmt und reserviert. Und so ist es auch hier gemeint. Man kann dieses Wort, das da steht, pro ginosko, sinnvoll nur übersetzen im Sinne von: vorher ausersehen, vorher darüber verfügt.
Im Übrigen ist das Wort für kennen, das da drinsteht, in der Bibel sowieso häufig viel mehr als nur gedankliches Wissen, also bloßes Kennen. Nehmen Sie nur 1. Mose 4,17: Da heißt es „Kain erkannte sein Weib, und sie gebar den Henoch“. Da wird kennen verwendet für die geschlechtliche Vereinigung von Mann und Frau. Und so haben wir es häufig, dass das Wort kennen in der Bibel sehr viel mehr bedeutet als nur Wissen. Es bedeutet zum Beispiel innige Verbindung, es bedeutet etwas ganz Aktives. Und so meint auch dieses Wort vorher ausersehen hier in Römer 8, dass Gott handelt und damit Fakten schafft.
Die Neue Genfer Übersetzung hat es dann so formuliert und diesen Vers so übersetzt: Schon vor aller Zeit hat Gott die Entscheidung getroffen, dass sie ihm gehören sollen. Und auf diesen Befund treffen wir wieder und wieder. Das ist zunächst einmal sehr ungewöhnlich. Aber jetzt verstehen wir vielleicht auch besser einen Vers wie Apostelgeschichte 13,48.
In Apostelgeschichte 13,48 wird berichtet, wie Menschen durch die Predigt von Paulus und Barnabas zum Glauben kommen. Und dann heißt es in Apostelgeschichte 13,48: „Als das die Heiden hörten, also das Evangelium, wurden sie froh.“ Und jetzt geht es weiter, und hören Sie genau hin: „Und alle wurden gläubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren.“ Also: Es wurden diejenigen gläubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren.
Und wenn so eine passive Form in der Bibel steht, sie waren bestimmt, dann ist in den allermeisten Fällen Gott das Subjekt, Gott gewissermaßen der Urheber. Und so können wir, etwas frei, aber sehr genau im Sinne dessen, was hier gesagt wird, sagen: die von Gott zum ewigen Leben bestimmt waren. Also: Unsere persönliche Rettung beruht nicht darauf, beginnt nicht damit, dass wir uns für Gott entscheiden, sondern unsere persönliche Rettung beginnt damit, dass Gott sich für uns entscheidet.
Das erste Kettenglied ist wie ein Anker, an dem unsere Errettung festgemacht wird. Und während dieses erste Kettenglied gewissermaßen den Anfang des Prozesses beschreibt, geht es beim zweiten Kettenglied um das Ziel. Die hat er vorher bestimmt. Wozu hat er sie vorher bestimmt? Das steht hier: Wozu er sie vorher bestimmt hat, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.
Jetzt kommen wir zum zweiten Kettenglied, das geht schon etwas schneller. Die Bibel macht deutlich: Gott hat uns ausersehen und vorherbestimmt mit einem ganz bestimmten Ziel. Wir Christen denken oft: Na ja, was ist denn so das Ziel, mit dem wir gerettet werden? Wir sollen nämlich in die Hölle kommen, das ist ja richtig. Aber das ist längst nicht alles, wozu Gott uns vorherbestimmt. Da sehen Sie mal genau hin, was hier steht: Er hat uns vorherbestimmt, dass wir gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes. Das heißt, Gott will seine Geschöpfe nicht nur retten, sondern er will, dass wir in einer gewissen Weise seinem Sohn Jesus Christus gleichgemacht werden.
Das Ziel der Verwandlung
Paulus schreibt das an anderer Stelle auch in 2. Korinther 3,18. Da sagt er: Wir Christen werden verwandelt in das Bild Christi, von einer Herrlichkeit zur anderen.
Was heißt das, gleichgestaltet werden mit Christus? Das heißt, dass wir später einmal in der Ewigkeit einen Auferstehungskörper bekommen werden, wie Jesus einen hatte, sagt die Bibel ganz deutlich. Also einen Körper, der nicht mehr sterblich sein wird und der keine Krankheit mehr haben wird.
Gleichgestaltet sein mit Christus, das heißt auch, dass wir in der Ewigkeit ohne Sünde sein werden. Ohne Sünde, unvorstellbar jetzt, bei allem, was uns noch an Gedanken, Worten und Taten unterläuft. Ohne Sünde sein.
Gleichgestaltet mit seinem Sohn Jesus Christus heißt auch, dass wir Gott, den Vater, Auge in Auge sehen werden. Unvorstellbar. Die Bibel macht deutlich: Wenn uns das jetzt geschähe, dann müssten wir vergehen. Das würde uns umhauen, das würde uns quasi zerstören, weil wir diese Herrlichkeit und Macht Gottes gar nicht ertragen würden. Aber wir werden ihn sehen von Angesicht zu Angesicht, sagt die Bibel. Gleichgestaltet mit seinem Sohn Jesus Christus.
Und wissen Sie, dieses Gleichgestaltungsprogramm Gottes beginnt schon hier auf dieser Erde. Bei der Bahn gibt es ja, ich weiß nicht, ob Sie eine Bahnkarte haben, Bahnkarte Gold und Bahnkarte Silber. Bei der Bank gibt es Kreditkarte, Kreditkarte Gold, Kreditkarte Silber. Aber bei Gott gibt es keine Errettung Gold und Errettung Silber, keine Erwählung Gold und Erwählung Silber. Nicht so nach dem Motto: Die einen werden eben erwählt und werden dann so richtig gestandene, von Gott geprägte Christen, und die anderen werden erwählt und gerettet und werden dann so die Leitausgabe des Christseins. Also sind sie nun mal gerettet, aber ansonsten merkt man bei ihnen nicht viel.
Nein, Gott hat große Ziele mit uns vor. Wir werden von ihm Heilige genannt. Wir sind seine Kinder, die dazu bestimmt sind, in Gemeinschaft mit ihm zu leben. Und Gott arbeitet an unserem Leben. Er will uns verändern und immer mehr hineingestalten in das Bild seines Sohnes Jesus Christus. Das ist das Ziel, dazu hat er uns vorherbestimmt.
Wissen Sie, Gott hat Sie nicht nur dazu erwählt, wenn Sie Christ sein sollten, dass Sie irgendwann einmal Christ werden und hier so ein leidlich ordentliches Leben führen. Und dass Ihre Gedanken sich dann vorzugsweise um Rosen züchten, Fernsehen, Kleidung und Essen und was nicht sonst noch alles so da ist, drehen. Und dann schließlich am Ende haben Sie es dann geschafft und kommen in den Himmel und da ruhen Sie sich aus. Gott hat mehr mit Ihnen vor.
Gott hat Sie dazu vorherbestimmt und ausersehen, dass Sie gleichgestaltet werden sollen dem Bild seines Sohnes Jesus Christus. Es gibt keine Erwählung und keine Erlösung erster und zweiter Klasse. So, das ist das Ziel der Vorherbestimmung.
Berufung, Glaube und Verantwortung
Und jetzt kommt das dritte Kettenglied. Sie merken, unser Tempo nimmt schon zu. Da sagt Paulus: Die, die er vorherbestimmt hat mit diesem Ziel, die hat er auch berufen.
Und jetzt sind wir gewissermaßen, wenn man das so sagen darf, auf der operativen Ebene angekommen. Diesen Entschluss hat Gott ja in der Ewigkeit gefasst, vor Grundlegung der Welt, sagt Paulus in Epheser 1,4. Aber jetzt geht es darum: Wie kommt dieser Entschluss, den Gott in der Ewigkeit gefasst hat, gewissermaßen runter vom Himmel auf die Erde? Wie greift er ein in diese Geschichte? Wie wird Gottes Plan effektiv im Leben seiner Leute? Oder anders formuliert: Wie führt Gott den Menschen zur Bekehrung hin?
Und da greift dieses dritte Kettenglied dessen, was Paulus hier verwendet: Die, die er vorherbestimmt hat, sagt Paulus, die hat er auch berufen. Und man könnte sich das bildlich so vorstellen: Die Berufung schlägt die Brücke vom Himmel auf die Erde, von der ewigen Erwählung hin zur Bekehrung in der Geschichte. Da schlägt Gottes Berufung die Brücke.
Sie müssen sich das so vorstellen: Eine Firma, ein Planungsbüro im fünften Stock. Da werden die Konzepte ausgearbeitet, und im Erdgeschoss werden die Maschinen gebaut. Und dann wird mit einem Fahrstuhl gewissermaßen das Konzept vom fünften Stock ins Erdgeschoss gebracht, damit es dann losgehen und umgesetzt werden kann. Der Fahrstuhl vom fünften Stock zum Erdgeschoss, der Fahrstuhl von der Ewigkeit in unsere Geschichte hinein, dieser Fahrstuhl ist die Berufung. Da setzt Gott seinen ewigen Plan um in unser konkretes persönliches Leben.
Und die Bibel macht sehr deutlich, wie diese Berufung erfolgt, wie Gott das macht. Das schreibt Paulus in Römer 10, wenn wir morgen sehen: Wie kommt der Glaube? Der Glaube kommt aus der Predigt, Römer 10,17. Das heißt, Gott beruft Menschen. Das gibt es auch an vielen anderen Bibelstellen, die das deutlich machen. Gott beruft Menschen mit seinem Wort, mit seiner Wahrheit, mit der Botschaft des Evangeliums. Damit beruft Gott Menschen. Menschen, die er von Ewigkeit her ausersehen hat, die beruft er mit der wirksamen Kraft seines Wortes und führt sie dadurch zur Bekehrung.
Und deswegen hat ja Paulus im ersten Kapitel schon gesagt, dass er sich des Evangeliums von Jesus Christus nicht schämt. Warum nicht? Weil es eine griechisch dynamische Kraft ist. Und Sie wissen, was in dynamisch drinsteckt: unser Wort für Dynamit. Und er sagt: Die Botschaft des Evangeliums ist ein Dynamit Gottes. Gottes Wahrheit hat Sprengkraft, weil sie Menschenherzen, die Gott gleichgültig oder gar feindlich gegenüberstehen, aufsprengen kann und zur Bekehrung und zum lebendigen Glauben führen kann.
Das ist die Berufung. Die er vorherbestimmt hat, heißt es von Gott, die hat er auch berufen. Und jetzt müssen wir sehr genau hinschauen: Das Neue Testament kennt nämlich im Unterschied zu dieser speziellen Berufung, wo die Berufung das Herz des Menschen trifft, auch noch eine Berufung, die nur äußerlich ergeht. Es gibt gewissermaßen eine innere Berufung, da kommen äußere und innere Berufung zusammen. Und es gibt auch eine Berufung, die bleibt nur gewissermaßen außen vor der Herzenstür.
Diese Art von Berufung hat Jesus gemeint, als er in Matthäus 22,14 sagte: Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Das war eine andere Form von Berufung, die, die nicht mit der Auserwählung zusammengeht, sondern da hat Jesus an der Stelle mit Berufung gemeint: Viele sind berufen, wenige sind auserwählt. Die äußere Berufung, die erst einmal an alle Menschen ergeht, nämlich dadurch, dass sie die Verkündigung des Evangeliums hören, das ist die Berufung, die Paulus auch voraussetzt. Das Evangelium ergeht an alle Welt. Die Botschaft hören viele Menschen, aber offensichtlich ist es so, dass nicht bei allen aus der äußeren Berufung auch diese innere Berufung wird.
Und wenn Paulus den Begriff verwendet, dann verwendet er ihn immer in diesem speziellen Sinn, im Sinn der speziellen Berufung, durch die Gottes ewige Auserwählung umgesetzt wird in unserer Geschichte. Und jetzt wird es sehr, sehr spannend, liebe Leute. Die Geschichte zeigt, dass viele Menschen diese äußere Berufung, diese Einladung, zurückweisen können. Und jetzt könnte man ja schlussfolgern und sagen: Na gut, wenn Gott sie nicht innerlich zum Glauben beruft, dann ist das eben Gottes Schuld. Dann haben diese Leute eben keine innere Berufung zum Glauben, sondern eine innere Berufung zum Unglauben.
Und wissen Sie, diese Lehre ist in der Kirchengeschichte bekannt geworden unter dem Stichwort der sogenannten doppelten Prädestination, der doppelten Vorherbestimmung. Dass man sagt: Na gut, wenn es Gottes Verdienst ist, dass du glauben kannst und gerettet wirst, dann ist es eben auch Gottes Schuld, wenn ich nicht glaube und verloren gehe. Also: Wenn du errettet wirst, weil Gott dich von Ewigkeit her erwählt hat, dann gehe ich als Ungläubiger eben verloren, weil Gott mich von Ewigkeit her verdammt hat.
Die doppelte Prädestination, die doppelte Vorherbestimmung, das wäre für unseren Verstand eine logische Schlussfolgerung. Aber ich sage Ihnen gleich: Das lehrt die Heilige Schrift nicht. Die Heilige Schrift lehrt keine doppelte Prädestination, sondern Gottes Wahrheit mutet uns etwas zu, was unserem begrenzten Denken auf den ersten Blick nur sehr schwer eingeht. Die Bibel sagt:
Erwählung, Gnade und menschliche Verantwortung
Ich habe mich lange Zeit damit beschäftigt, denn ich habe meine Doktorarbeit unter anderem auch über dieses Thema geschrieben. Wer sich da etwas intensiver einlesen will, kann das hier auf 500 Seiten tun: Erwählung und oder Bekehrung. Das ist allerdings leider ein bisschen teuer, 35 Euro. Aber demnächst erscheint noch einmal eine etwas günstigere Auflage, die dann leicht verändert ist.
Wer sich in dieses Thema einlesen will, dem kann ich meine Doktorarbeit gut empfehlen. Da setze ich mich auch mit dieser Problematik auseinander.
Und jetzt müssen wir uns Folgendes klar machen: Die Bibel mutet uns etwas zu, was für unseren begrenzten Verstand auf den ersten Blick sehr schwer zu begreifen ist. Die Bibel sagt: Wenn du dich bekehrst, dann gebührt das entscheidende Verdienst dafür Gott. Dann bekehrst du dich, weil er dich erwählt hat vor Grundlegung der Welt. Er hat dich vorher ausersehen, er hat dich vorher bestimmt, und er hat dich auch berufen.
Die Bibel zieht jetzt nicht den Umkehrschluss und sagt: Wenn du dich nicht bekehrst, dann hat Gott dich von Ewigkeit her verdammt. Sondern die Bibel sagt: Wer sich nicht bekehrt, ist für seinen Unglauben voll verantwortlich. Die Ungläubigen werden nicht durch Gottes Vorherbestimmung verdammt, sondern aufgrund ihres Unglaubens. Das Verdienst für die Verlorenheit gebührt dem Menschen. Die Gläubigen aber, sagt die Heilige Schrift, werden gerettet, vor allem aufgrund Gottes übernatürlichen Eingreifens, aufgrund Gottes unverdienter Gnade, aufgrund Gottes souveräner Erwählung.
Also, wenn du glauben darfst, ist der letzte, tiefste Grund dafür, dass Gott dich erwählt hat vor Grundlegung der Welt. Diese Spannung mutet uns die Bibel zu, und wir werden morgen auch in 1. Korinther 9 noch einmal weiter darauf zu sprechen kommen.
Das heißt, ich sage es noch einmal, damit du es dazugehörst: Wenn du glauben darfst, ist das Gottes Verdienst. Noch bevor du dich für Gott entschieden hast, hat Gott sich für dich entschieden, die er vorher ausersehen hat. Epheser 1 sagt: „Vor Grundlegung der Welt“, die hat er vorher bestimmt, die hat er auch berufen.
Das heißt: Wenn du nach dem tiefsten Grund dafür suchst, dass du Christ geworden bist, dann liegt er hier in der Ewigkeit. Gott hat dich erwählt, und er hat alles dafür getan, dass du ihn kennenlernen durftest, dass du den Weg zu ihm finden konntest und dass er dir den Willen zur Bekehrung geschenkt hat, damit du dann auch wirklich wollen wolltest.
Wissen Sie, mancher Mensch ist durch diese Information über die Erwählung zum Glauben gekommen, indem er sagte: Mensch, hat mich Gott erwählt oder nicht? Das ist eine völlig falsche Frage für einen, der nicht im Glauben steht. Dem würde ich Folgendes sofort sagen: Gott ruft dich zum Glauben! Gott will dich retten, er lädt dich ein! Er hat Christus geschickt, um für deine Schuld zu sterben. Wende dich an ihn und flehe ihn an, und er wird dich retten!
Gottes Wahrheit ist groß, und wissen Sie, uns leuchtet diese Wahrheit nicht so leicht ein. Wir neigen nicht dazu, die Dinge aus Gottes Perspektive zu betrachten, sondern wir gehen immer gern von uns selbst aus. Dabei kann es passieren, dass wir einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit irgendwie ausblenden, ohne es zu merken.
Das verlorene Kind im Wald
Und dann geht es uns so wie einem kleinen Mädchen, von dem ein Evangelist aus Indien erzählte. Die Familie dieses Mädchens wohnt am Rande des Waldes.
Eines Tages machte die Kleine sich selbständig auf den Weg, um das Geheimnis des Waldes zu erkunden. Sie ging immer weiter in den Wald hinein. Sie merkte nicht, wie das Gehölz immer dichter wurde, und plötzlich, wir wissen, wie die Geschichte weitergeht, verliert die Kleine die Orientierung.
Sie schreit vor Panik: Papa, wo bist du? Aber er kann sie nicht hören. Wie soll er sie im Wald hören? Sie läuft ziellos durch den Wald, und irgendwann ist die Kleine so erschöpft, dass sie nicht mehr kann. Dann schläft sie vor Ermüdung und Erschöpfung auf einem Stein ein.
Irgendwann bemerken die Eltern das Verschwinden. Sie trommeln die Freunde zusammen, sie rufen die Nachbarn, sie verständigen die Polizei. Dann gehen sie in den Wald und versuchen, die Kleine zu finden. Sie rufen und schreien und suchen. Und lange Stunden finden sie nichts. Dann endlich, endlich entdeckt der Vater im Morgengrauen seine Tochter, wie sie zusammengekauert auf diesem Felsen liegt und schläft.
Da ruft er den Namen der Tochter, und in dem Augenblick wird sie wach und rennt zum Vater hin. Er nimmt sie in die Arme, und das Mädchen klammert sich glücklich an den Vater. Während der Vater die Kleine nach Hause trägt, ruft sie immer wieder: Papa, ich habe dich gefunden, Papa, ich habe dich gefunden.
Das ist unsere Sichtweise von unserer Bekehrung. Verstehen Sie? In Wirklichkeit war die Kleine gefunden worden. Es war allein das Verdienst des Vaters. Und später, als die Tochter größer und vernünftiger wurde, hat sie das bestimmt verstanden: Natürlich habe ich nicht den Vater gefunden, sondern der Vater hat mich zuerst gefunden.
Und genau dieses Licht soll uns aufgehen, wenn wir Römer 8 lesen: dass der Vater sich aufgemacht hat, uns zu suchen und uns zu finden. Weil er uns erwählt hat vor Grundlegung der Welt.
Rechtfertigung und Vollendung
Und wo Gott sein Werk begonnen hat, da bringt er dieses Werk auch zum Ziel. Deshalb folgt auf die Berufung das vierte Kettenglied: die Rechtfertigung. Die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht.
Sie wissen, das ist das Kernthema des Römerbriefs. Das hat Pastor Möckel ausführlich verhandelt. Wie geschieht Rechtfertigung? Wie kommt es, dass Gott zu mir, dem Sünder, sagt: Ich spreche dich frei, ich spreche dich gerecht?
Das geschieht allein durch den Glauben an Christus. Weil er für meine Schuld starb, weil er die Strafe für mich getragen hat, ist er mein Ausweg, er ist mein Retter. Und wenn mir deutlich wird, wenn es mir wie Schuppen von den Augen fällt, in welcher Verlorenheit ich vor dem heiligen Gott dastehe, und wenn Gott mir durch sein Wort, durch sein Evangelium sagt, was er getan hat, um das zu ändern, dass sein Sohn Jesus an meiner Stelle die Strafe getragen hat, und wenn ich mich an Christus klammere und sage: Herr, ich brauche dich, rette mich, vergib mir meine Schuld, sei du mein Herr, dann spricht mich Gott gerecht.
Dann sagt er: Der Nestvogel gehört zu mir, und der ist jetzt mein Kind, und dem ist seine Schuld vergeben, und der steht jetzt gerecht da, weil Christus seine Schuld bezahlt hat. Und so geht es, sagt Paulus: Die Gott berufen hat, mit dieser äußeren und dann inneren Berufung, die sein Wort durch Gottes Gnade verstehen und aufnehmen und ihm Recht geben konnten und sich an Christus klammerten zu ihrer Rettung, die hat er auch gerecht gemacht.
Aber nun ist ganz, ganz wichtig zu sehen: Gott handelt, Gott verursacht das, aber Gott bezieht uns Menschen mit ein. Gott macht uns willig, Gott macht uns bußfertig, Gott macht uns bereit, umzukehren. Es wird niemand sozusagen im Grunde genommen gegen seinen Willen dann doch irgendwie zur Bekehrung gebracht, sondern die Gott in dieser Weise beruft, denen öffnet er den Blick für ihre eigene verzweifelte Situation ohne Christus.
Gott behandelt sie nicht so wie einen toten Edelstein, den er irgendwo auflegt, liest und dann in seine Kiste legt. Sondern Gott aktiviert sie. Gott sorgt dafür, dass sie wach werden, Gott sorgt dafür, dass sie erschrecken über ihre Schuld, Gott sorgt dafür, dass sie wissen, es geht um Himmel oder Hölle, Gott sorgt dafür, dass sie Christus finden in seinem Wort, dass sie ihm glauben können und umkehren zu ihm als ihren Retter. Und so führt Gott den Erwählten durch sein Wort, durch sein Wort zur Bekehrung, zum Glauben, und auf diesem Wege macht Gott den Menschen gerecht.
Gott greift ein. Wissen Sie, der Richter sagt dem Verbrecher nicht nur: Sie dürfen raus aus dem Gefängnis, sondern der Richter sagt dem vielmehr: Sie sind jetzt wieder ein Ehrenmann mit einer weißen Weste, weil ich die Schuld für Sie selber übernehme und abtrage. Das ist jetzt unsere Stellung vor Gott, wenn wir Christen sind. Wir sind gerecht gesprochen, ohne jegliches eigenes Verdienst, weil Christus völlig die Strafe für uns getragen hat. Und alle, die an ihn glauben, werden nicht verloren, sondern ewiges Leben haben.
Und dann das letzte, das fünfte Kettenglied: Diejenigen, mit denen Gott diesen Weg gewissermaßen beschreitet, die er vorher ausersehen hat vor Grundlegung der Welt, die er vorherbestimmt hat, dazu Christusgleich zu sein, die er berufen hat, in einer bestimmten Situation ihrer Biografie oder vielleicht über mehrere Monate oder Jahre hinweg an ihrem Herzen gearbeitet hat, bis sie zum Glauben fanden, die er dann aufgrund des Glaubens an Christus gerecht gesprochen hat, mit denen macht er auch ein Letztes, sagt Paulus: Die hat er auch verherrlicht.
Also, so sicher diese Kette hält, wird der Gerechtfertigte am Ende auch verherrlicht. Das ist das eigentliche Ziel. Er wird gleichgestaltet mit Christus, er wird sündlos werden, er wird Gott von Gesicht zu Gesicht sehen können, er wird unsterblich werden, er wird verherrlicht werden in dieser unmittelbaren Lebensgemeinschaft mit Gott.
Und haben Sie gemerkt, Paulus beschreibt auch dieses fünfte Kettenglied in der Vergangenheitsform. Normalerweise müsste man ja erwarten, dass da steht: Die wird er dann auch verherrlichen. Aber Paulus beschreibt es in der Vergangenheitsform, und zwar in einer besonders starken Vergangenheitsform. Wer Griechisch kann: Da steht ein Aorist im Griechischen, der beschreibt etwas Abgeschlossenes.
Und damit will Paulus deutlich machen: Das kommt so sicher. Wen Gott vorher ausersehen, vorher bestimmt, berufen und gerecht gemacht hat, den verherrlicht er auch so gewiss, dass sich davon in der Vergangenheitsform reden kann. Das kommt, weil Gott dafür garantiert. Bei Gott steht es vor Grundlegung der Welt fest, und das ist so sicher, dass Paulus jetzt in der Vergangenheitsform reden kann. Diese Gnadenkette hält, diese Gnadenbrücke trägt.
Mit diesen fünf Kettengliedern beschreibt Paulus die Tatsache der Erwählung.
Die Gewissheit der Geborgenen
So haben wir nun den größten und schwierigsten Teil unserer Arbeit für heute getan. Jetzt wollen wir weitermachen.
Ich darf darum bitten, noch einmal unsere goldene Kette hier aufzuzeigen: die Kette aurea, vorher ausersehen, vorherbestimmt, berufen, gerecht gemacht, verherrlicht. Und darin ruht für Paulus die Gewissheit der Errettung.
Und wissen Sie, jetzt kommt etwas ganz Erstaunliches, das vielen wahrscheinlich noch gar nicht aufgefallen ist. Es ist darum überhaupt nicht verwunderlich, sondern völlig schlüssig, wenn ich sage: Das Hohelied der Erwählung, das Paulus in den Versen 28 bis 30 singt, mündet ein in das Hohelied der Gewissheit. Denn die nächsten Verse, die dann kommen und sich unmittelbar anschließen, sind die ganz berühmten Verse über die Gewissheit und Unerschütterlichkeit derer, die in Christus geborgen sind für alle Zeit.
Und darum lautet unser zweiter Punkt: die Konsequenz der Erwählung. Erstens ging es um die Tatsache der Erwählung, und jetzt zweitens geht es um die Konsequenz der Erwählung. Und jetzt wollen wir das gar nicht allzu lange mehr behandeln, sondern einfach schnell noch einmal schauen, wie Paulus das beschreibt.
Da führt er vor unseren Augen diese goldene Kette vor. Und dann macht Paulus einen kurzen Stopp. Es bringt so eine für ihn ganz typische Formulierung: Was wollen wir nun hierzu sagen? Also ist es immer so, wenn Paulus bestimmte Schlussfolgerungen zieht und wenn er sozusagen einen neuen Gedanken beginnt, dann verwendet er ganz gern, wie wir morgen auch sehen werden, diese Formulierung: Was wollen wir nun hierzu sagen? Also nach dem Motto: Was machen wir jetzt damit, was folgt jetzt daraus, wie gehen wir damit um?
Und so ist es auch hier. Nachdem Paulus diese goldene Kette beschrieben hat, sagt er: Was wollen wir nun hierzu sagen? Und dann kommt es. Dann sagt er in Vers 31: Ist Gott für uns? Und das hat er ja gerade ausgeführt. Wir sind gerettet, weil Gott für uns ist, weil er sich für uns entschieden hat, weil er uns erwählt hat vor Grundlegung der Welt.
Was folgt dann daraus? Was ist die Konsequenz dieser Erwählung? Ja, wer kann dann wider uns sein, sagt Paulus, der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben. Paulus sagt: Gott hat sein Bestes nicht verschont, er hat es gegeben für uns. Er hat Christus diesen grauenvollen Tod am Kreuz treffen lassen, um unsertwillen. Und wenn Gott uns sein Bestes gegeben hat, wie sollte er uns mit ihm, sagt Paulus, nicht alles schenken? Wenn er uns das Beste gibt, dann doch erst recht alles andere, was wir brauchen.
Und dann geht es weiter: Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Wer die Auserwählten sind, hat Paulus in 28 bis 30 beschrieben: die er vorher ausersehen hat, vorherbestimmt, berufen, gerecht gemacht, verherrlicht. Und er sagt: Wenn du glauben darfst, wenn du ein Auserwählter bist, dann kann dir nichts passieren. Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen, wer will sie verklagen, wer will ihnen ihre Sünde noch vorhalten?
Gott ist hier der Gerechtmacher, das vierte Kettenglied. Die er vorher ausersehen hat, vorherbestimmt hat, berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht. Wenn du ein Auserwählter bist, dann bist du gerechtgesprochen vor Gott, und dann darf dich auch der Teufel und niemand sonst mehr vor Gott anklagen. Und wenn er es tut, wird er damit abblitzen, weil Christus deine Gerechtigkeit ist und deine Strafe getragen hat.
Und wenn dich niemand mehr anklagen kann, dann kann dich auch niemand mehr verdammen, dann kann dich auch niemand mehr in die Hölle werfen. Und so steht es dann hier in Vers 34: Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zu Rechten Gottes ist und uns vertritt.
Christus tritt ein für jeden, jeden seiner Jünger, jeden seiner Nachfolger, jeden seiner Gläubigen. Er tritt für uns ein, und darum kann uns niemand mehr verdammen. Der Gekreuzigte und Auferstandene ist unser Fürsprecher, und damit ist die größte Bedrohung entmachtet.
Was ist die Konsequenz davon, dass uns jetzt keiner mehr von dem lebendigen Gott trennen kann? So steht es dann ja auch in Vers 35, diese berühmten Sätze, die so oft außerhalb des Zusammenhangs nur stehen, und wir wissen gar nicht, wie fest sie verankert sind in diesem achten Kapitel: Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zu Rechten Gottes ist und uns vertritt.
Jetzt, Vers 35: Wer will uns denn nun scheiden von der Liebe Christi? Also: keiner kann uns verurteilen, keiner kann uns verdammen. Er hat die Strafe getragen, die größte Bedrohung ist entmachtet, und jetzt kann uns nichts mehr von ihm trennen. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Und dann sagt Paulus: weder schlimme Umstände noch schlimme Personen.
Nichts kann trennen
Und dann nennt er in den Versen 35-36 die schlimmen Umstände: Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr oder Schwert. Dann zitiert er das Alte Testament, wie geschrieben steht in Psalm 44: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag, wir sind geachtet wie Schlachtschafe.
Wir sind verfolgt, wir sind bedrängt als Christen, und Paulus hat viel davon erlebt. Aber auch die schlimmsten Umstände können uns nicht trennen von der Liebe Gottes, weil wir zu Christus gehören.
Und nicht nur die schlimmsten Umstände können uns nichts mehr schaden, sondern auch die schlimmsten Personen. Sehen Sie, wie es weitergeht: Paulus sagt in Vers 37, in allem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat, nämlich Christus. Und dann kommt es: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten.
Und was Paulus hier anspricht, darin sind enthalten die Mächte der Finsternis. Paulus redet an verschiedenen Stellen sehr deutlich von der Wirklichkeit des Teufels und von der Wirklichkeit dessen, dass der Teufel auch seine Boten und Diener hat. Die bösen Geister unter dem Himmel nennt Paulus das an anderer Stelle, die Dämonen.
Nun hält uns die Heilige Schrift nicht dazu an, über diese Dinge viel zu spekulieren und alle möglichen Dinge um den Teufel herum zu thematisieren. Und spezielle seelsorgerliche Techniken zu ersinnen, wie dem Teufel nun beizukommen sei, oder so. Die Heilige Schrift warnt uns dringend davor, uns mit der unsichtbaren Welt in dieser Weise einzulassen.
Wir dürfen uns zu Christus flüchten, und er hat getan, was zu tun war, und er tut es bis heute. Wir dürfen zu ihm beten, uns bei ihm in Sicherheit bringen, und er schützt uns. Aber Paulus sagt: Wo das nun so ist, wo du durch Christus in dieser Weise gerettet und geschützt bist, kann keine Macht der Welt und keine Macht der Finsternis dir letztlich schaden. Keine Macht der Finsternis darf dich von Christus, darf dich von dem Vater und seiner Liebe trennen.
Weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, egal was jetzt passiert in diesen Jahren, in denen du hier lebst, noch in der Zukunft. Wir haben so schnell Zukunftsangst. Wir können uns alle möglichen Dinge vorstellen, die passieren könnten. Und Paulus sagt: Was immer passieren mag in der Zukunft, nichts kann dich trennen von der Liebe Gottes, weder Hohes noch Tiefes, weder hohe Gedanken noch tiefe Versuchungen, weder Mächte noch andere Einflüsse, die auf dein Leben wirken möchten. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.
Das ist das Großartige. Wir sind geborgen in der Liebe des heiligen Gottes, die er uns in seinem geliebten Sohn Jesus Christus zugewandt hat. Darin sind wir geborgen. Wir sind vorher ausersehen, vor Grundlegung der Welt, vorherbestimmt, gleich zu werden dem Bild seines Sohnes, berufen, um zum Glauben an Christus zu finden, gerechtgesprochen durch den Glauben an Christus, aufgrund seines Opfertodes herrlich gemacht für immer.
Und nun kann uns nichts mehr von Gott trennen. Und dieselbe Liebe, mit der Gott uns Christus gibt, dieselbe Liebe, mit der Gott uns festhält und nicht mehr loslässt, dieselbe Liebe, mit der er das Werk, das er in uns begonnen hat, auch zum Ziel bringt, dieselbe Liebe ist auch das Motiv dafür, dass er uns erwählt hat vor Grundlegung der Welt. So schreibt es Paulus auch im Epheserbrief, dass er uns erwählt hat, Gott aus Liebe, Gott in seiner Liebe.
Und so sehen wir hier am Ende: Erwählung und Gewissheit sind nicht Feinde, sondern Brüder. Paulus sagt: Weil unser Heil in Christus verankert ist, weil wir in Christus erwählt worden sind, brauchen wir uns nicht zu fürchten. Denn er bringt uns durch, nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes.
Ich hoffe, liebe Mitchristen, es ist sehr deutlich geworden, dass Gottes Aussagen über die Erwählung uns nicht verunsichern sollen, sondern trösten sollen, gewiss machen sollen, froh machen sollen, dankbar machen sollen.
Bekehrung und Erwählung zusammen denken
Und noch etwas will die Erwählungslehre auf gar keinen Fall: Sie will auf gar keinen Fall die Bekehrung überflüssig machen.
Als Lohn dafür, dass Sie so lange durchgehalten haben, gebe ich Ihnen jetzt zum Abschied für heute Abend noch einen Merkzettel mit auf den Weg. Herr Rühle wird jetzt dafür sorgen, dass möglichst jeder ihn möglichst schnell bekommt. Auf diesem Merkzettel habe ich versucht, diesen langen Weg, den wir heute Abend gegangen sind, noch einmal zusammenzufassen. Das ist der dritte Punkt, mit dem wir das Ganze jetzt abschließen: Erstens die Tatsache der Erwählung, zweitens die Konsequenz der Erwählung und jetzt drittens, zum Schluss, die Bekehrung und die Erwählung.
So, Sie haben jetzt gleich alle dieses Papier. Da habe ich versucht, die Dinge noch einmal zusammenzufassen. Wir haben jeweils einen Stift oder so etwas auf dem Punkt, an dem wir gerade sind; das findet man schon wieder. Also, hier haben Sie noch einmal die gesamte Gliederung: Erwählung und Gewissheit, Feinde oder Brüder, dann die ersten beiden Punkte, die Tatsache der Erwählung, die Konsequenz der Erwählung, und jetzt will ich versuchen, das alles noch einmal zusammenzufassen, indem ich deutlich mache, wie Bekehrung und Erwählung zusammenhängen.
Römisch drei also: die Bekehrung und die Erwählung. Jetzt habe ich zehn Thesen dazu. Es gibt sicher noch mehr, aber ich versuche, es in zehn zu machen. Erstens: Und wie gesagt, morgen werden wir auf das eine oder andere immer wieder zurückkommen in Römer 9, und Sie können mich gerne hinterher ansprechen und noch nachfragen.
Erstens: Es geht um die große Frage, wie wird ein Mensch Christ, wie kommt einer in den Himmel, wie wird einer gerettet durch den lebendigen Gott? Da finden wir in der Bibel Folgendes:
Erstens: Ein Mensch wird dadurch Christ, dass er sich zu Jesus Christus bekehrt. Es geht um einen persönlichen Glaubensschritt, und in diesem Sinne ist Gott der Richter, der jeden zur Verantwortung zieht. Ich habe Ihnen etliche biblische Belege dazu genannt, an denen das sehr deutlich wird, dass wir aufgefordert werden, jetzt einmal beschränkt auf das Neue Testament; im Alten ist das aber auch schon vorgeschattet, zur Bekehrung, zur Umkehr, zum Glauben an Christus.
Zweitens: Ein Mensch wird dadurch Christ, dass Gott ihn von Anfang an dazu auserwählt hat. Das ist die zweite Aussagenreihe der Bibel. Da geht es, im ersten Fall war es der persönliche Glaubensschritt, hier geht es um eine göttliche Entscheidung. Im ersten Fall tritt Gott auf als der Richter, der jeden zur Verantwortung zieht, und hier tritt Gott auf als der König, der souverän bestimmt. Auch dafür habe ich einige Bibelstellen angefügt, die also keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Es gibt noch wesentlich mehr, aber es sind einige Beispiele. Und interessanterweise haben wir manche Bibelstellen, in denen beides zugleich ausgesagt wird.
Ich nenne Ihnen als Beispiel nur Galater 4,9. Da sagt Paulus den Galatern: Jetzt aber, da ihr Gott erkannt habt, und fügt dann gewissermaßen als Erklärung des Ganzen hinzu: ja vielmehr von Gott erkannt worden seid. Denken Sie an das kleine Mädchen: Ich habe dich gefunden, du hast mich gefunden. Da sagt Paulus beides in einem Vers: Ihr habt euch bekehrt, aber der tiefste Grund dafür ist, dass ihr erkannt worden seid von Gott selbst.
Also, diese beiden Aussagen stehen gleichzeitig in der Bibel und sind gleichzeitig wahr.
Die Spannung der Schrift
Dritter Punkt
Der natürliche Mensch, sagt die Bibel, also der normale Mensch, so wie er als Sünder über die Erde geht, ist Gottes Feind und von sich aus nicht in der Lage, zu Gott zu kommen. Das sagt die Bibel durchgängig. Also nehmen Sie 1. Korinther 2,14: Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes. Der Mensch ist eben nicht wie Herkules am Scheideweg, der sich für Gott oder gegen Gott entscheiden kann, sondern der natürliche, der normale Mensch kapiert nichts vom Geist Gottes, sagt Paulus.
Und deshalb beschreibt die Bibel den Normalmenschen, den Nichtchristen, auch als tot. Im Sinne von geistlich tot, für die Ansprache von Gott tot. Zum Beispiel in Epheser 2, die ersten drei Verse, können Sie das sehr schön nachlesen. Der Mensch ohne Gott ist tot, und die katholische Kirche hat das sehr stark verharmlost, dadurch, dass sie sagt, der Mensch ist nicht ganz tot. Der Mensch ist zwar schwer beschädigt durch die Sünde, aber da flackert noch so ein Lichtlein, und an dieses Lichtlein kann man anknüpfen. Und die Heilige Schrift sagt: Der Mensch ist tot, tot in Sünden.
Einen Toten können Sie schütteln, solange Sie wollen. Sie kriegen den nicht mehr wach, Sie kriegen den nicht mehr lebendig. Da muss etwas Übernatürliches geschehen, dass ein Toter lebendig wird. Der natürliche Mensch ist tot in Sünden und von sich aus nicht in der Lage, zu Gott zu kommen.
Viertens
Aber Gottes Wort, also die Wahrheit, die uns in der Heiligen Schrift mitgeteilt wird als Lehre, die Wahrheit Gottes, die er uns in seinem Wort gibt, und hier speziell die Wahrheit des Evangeliums von Christus: Gottes Wort hat die Macht, die Feindschaft und Gleichgültigkeit des Menschen zu durchbrechen und seinen Willen zum Glauben zu befreien. Gott hat die Macht. Römer 10,17: Der Glaube kommt aus der Predigt. 1. Petrus 1,23 und viele andere Stellen.
Denken Sie an das, was ich in Römer 1,16-17 gesagt habe, da mit der Dynamis Theu, mit dem Dynamit Gottes, die Kraft des Evangeliums, die unser Todsein gewissermassen aufsprengt, die uns lebendig macht und es uns schenkt, dass wir Gott suchen und ihm glauben dürfen. Gottes Wort setzt den Menschen in Bewegung, so dass er nach Gottes Rettung sucht und sie im Glauben ganz bewusst ergreift.
Also: Gottes Wort hat die Macht, uns aus unserem Tod herauszuholen, unseren Gott gegenüber widerspenstigen Willen zum Glauben zu befreien. Das ist die Berufung, die durch das äussere Wort beginnt und zur inneren Berufung wird. Und wenn das geschieht, setzt Gott den Menschen in Bewegung, so dass er nach Gottes Rettung sucht und sie im Glauben ganz bewusst ergreift.
5.
Wer zur Bekehrung gefunden hat, dankt Gott dafür, denn er weiss: Ich verdanke meine Bekehrung letztlich Gott. Wissen Sie, ich kenne keinen Christen, der sich gesagt hat: Oh, da kann Gott aber froh sein, dass ich mich bekehrt habe. Sondern ich kenne ganz, ganz viele Christen, die von Herzen dem lebendigen Gott dafür danken, dass sie sich bekehren durften, dass sie Kind Gottes werden durften, dass sie den Weg zum Glauben finden durften.
Das liegt ganz in der Logik dessen, was wir hier gesagt haben. Denn der Christ weiss im Grunde seines Herzens, auch wenn er die biblischen Zusammenhänge noch nicht alle kapiert, ich verdanke meine Bekehrung letztlich Gott. Er hat mich gesucht und hat mich gefunden. Es ist Gottes Verdienst. Das heisst: Meine Rettung ist Gottes Verdienst. Das ist Gnade. Gnade ist immer unverdient, und darauf gründet die Gewissheit des Heils, der Zusammenhang, den wir eben gezeigt haben, zwischen Erwählung und Heilsgewissheit.
Paulus sagt in Philipper 1,6: Der das gute Werk in euch begonnen hat, nämlich vor Grundlegung der Welt, der wird es auch vollenden bis auf den Tag Christi. Meine Rettung ist Gottes Verdienst.
Sechstens
Wer am Unglauben festhält, darf dafür aber nicht Gott die Schuld geben, sondern wird von Gott zur Rechenschaft gezogen. Wer Gottes Ruf ablehnt, ist voll verantwortlich, und das heisst: Meine Verdammnis ist meine eigene Schuld.
Diese beiden Aussagen hält die Bibel so fest. Und spätestens, und das ist Punkt sieben, spätestens an dieser Stelle stösst unsere menschliche Logik an ihre Grenzen. Wir können Gott nicht vollständig verstehen. Es hat man immer wieder versucht, in der kirchlichen Geschichte da irgendeine Lösung zu finden, und das Ergebnis war immer, dass man entweder die eine Seite aufgelöst hat oder die andere.
Wir können Gott nicht vollständig verstehen. Wir haben auch kein Recht darauf, dass Gott alle unsere Fragen beantwortet. Wir können sein Wort lesen und studieren und ernst nehmen und glauben und die Zusammenhänge so gut wie möglich zu verstehen suchen. Aber wir haben kein Recht, Gott zur Rechenschaft zu ziehen und zu sagen: Herr, das sprengt unsere Alltagslogik auf, das kann von daher so nicht sein, wie du gesagt hast.
Wissen Sie, da hat Gott uns übrigens dann im zwanzigsten Jahrhundert eine sehr schöne Hilfe aus dem Bereich der Naturwissenschaft gegeben, wo das auch deutlich wird, dass offensichtlich zwei Aussagen gleichzeitig wahr sind, die sich nach unserer Alltagslogik widersprechen. Und das ist, Sie haben in der Schule vielleicht davon gehört, der Welle-Korpuskel-Dualismus. Das hat die Physik im zwanzigsten Jahrhundert gesehen. Also Licht besteht aus Wellen, und Licht kann auch dargestellt werden als Teilchenbewegung. Für unsere Alltagslogik ist das ein unzumutbarer Widerspruch. Trotzdem gibt es für beide Aussagen, je nach Versuchsaufbau, Wellen oder Teilchen, ganz klare Belege.
Man kann viel nachlesen, was etwa Heisenberg und andere dazu geschrieben haben. Die haben gesagt: Nach der alten Logik ist das ein Widerspruch. Aber wir müssen einfach sehen, dass die Natur so komplex ist, dass wir in unser System der Widerspruchsfreiheit nicht alles hineinbekommen.
Für Alltagsaussagen, da stimmt das, dass sich zwei Dinge nicht widersprechen können, wenn sie beide gleichzeitig wahr sein wollen. Also wenn ich sage, ich halte am Freitagabend um 20.40 Uhr einen Vortrag in Bautzen, und ich sage dann gleichzeitig, ich halte am Freitagabend um 20.40 Uhr einen Vortrag in Hannover, das ist ein offensichtlicher Widerspruch, das ist Nonsens. Da geht es um einen normalen Alltagszusammenhang, da greift die Logik der Widerspruchsfreiheit.
Aber wo es um komplexere Zusammenhänge geht, etwa die Beschaffenheit des Lichtes, da greift es schon nicht mehr. Ich denke, es ist eine gute Verstehenshilfe für uns, dass im zwanzigsten Jahrhundert auch die Quantenphysik gewissermassen herausbekommen hat. Der Mathematiker Bernhard Filbert hat dazu Folgendes gesagt: Er hat gesagt, können wir denn erwarten, dass sich Gott, der Herr und Schöpfer der Welt samt aller Denkgesätze und aller Denkmöglichkeiten, umfassen lässt mit Massstäben, die sich nicht einmal die Lichtquanten bieten lassen?
Verstehen Sie, es ist ein ganz kluges Wort: Wenn nicht einmal das Licht vollständig erfasst werden kann mit den alten, von Aristoteles formulierten Gesetzen der Widerspruchsfreiheit, wie können wir erwarten, dass der lebendige allmächtige Gott, der der Urheber allen Denkens ist, so klein wäre, dass wir den vollständig mit unseren begrenzten logischen Mitteln und Möglichkeiten erfassen können?
Und ich denke, Gott hat uns auch die moderne Physik hier an dieser Stelle einfach als eine kleine Denkhilfe gegeben, um zu sagen: Sieh mal, nicht mal mit den Lichtquanten geht das so einfach auf. Es ist beides gleichzeitig wahr. Und so macht die Heilige Schrift uns deutlich, dass wir beides gleichzeitig ganz ernst nehmen müssen: Bekehrung und Erwählung. Und wir müssen es auch ernst nehmen, dass wir bestimmte Umkehrschlüsse, die uns logisch erscheinen, nicht eigenmächtig ziehen dürfen.
Gott sagt: Jawohl, dass du gerettet bist, ist ganz mein Verdienst, und du kannst mir auf den Knien dafür danken, dass du dich bekehren durftest. Und zugleich sagt Gott: Wenn du im Unglauben verharrst und verloren gehst, es ist deine Schuld, es ist deine Sünde, ich behafte dich auf deinen Unglauben. Beides sagt die Heilige Schrift sehr deutlich.
Einladung und Annahme
Und trotzdem: Das ist Punkt acht, und jetzt haben wir es gleich geschafft. Auch wenn wir zurzeit nicht alle Teile des Puzzles gewissermaßen zusammenhaben, können wir trotzdem schon vieles erkennen. Und wir können sehen, wer nach dem Weg zu Gott fragt.
Wenn Sie morgen jemand fragen würde: Wie werde ich Christ? Wie kann ich Gewissheit bekommen, dass ich in den Himmel komme? Dann stellen Sie sich nicht hin und sagen: Na ja, ich weiß ja nicht, ob Sie erwählt sind. Sie werden nirgendwo bei Paulus finden, dass er in der evangelistischen Situation die Frage der Erwählung thematisiert hat. Das war auch ein Teil meiner Doktorarbeit. Ich habe die Predigten von Martin Lloyd-Jones daraufhin untersucht, wie er mit diesem Spannungsbefund von Erwählung und Bekehrung umgegangen ist. Und es war ganz deutlich: Im evangelistischen Zusammenhang hat er dieses Thema nicht verhandelt.
Das ist ein Thema für die Christen, damit die Christen umso besser verstehen, wie groß die Gnade Gottes ist und was Gott alles in ihrem Leben getan hat. Wenn Menschen in der Bibel gefragt haben: Wie können wir errettet werden?, dann haben die Apostel sich nicht sozusagen nachdenklich hingestellt und den Kopf bedenklich gewiegt und gesagt: Na ja, das muss man erst einmal sehen. Sondern sie haben gesagt: Glaube an den Herrn Jesus Christus.
Und oft hat Gott diese Anrede, dieses Ausrichten des Evangeliums, zu dem auch gehört, dass ich den Menschen sage, dass er verloren ist, dazu benutzt, den Menschen zum lebendigen Glauben aufzuerwecken. Und Sie werden das nirgendwo in der Bibel sehen.
Ach so, das kommt im Vers 9. In Punkt 8 will ich noch einmal sagen: Wer nach dem Weg zu Gott fragt, erhält in der Bibel eine klare Antwort. Gib zu, dass du verloren bist, bekenne deine Schuld vor Gott, glaube, dass Christus für dich gestorben und auferstanden ist, und übertrage ihm die Herrschaft über dein Leben. Eine ganz klare Antwort auf eine ganz klare Frage.
Wer zu Christus kommt, wird angenommen
und nun neuntens: Jeder, der so zu Jesus kommt, wird garantiert von ihm angenommen.
Sie finden das sehr schön formuliert in Johannes 6,37. Da sagt der Herr Jesus: Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir. Verstehen Sie, damit macht Jesus deutlich, dass diejenigen, die zu ihm kommen, die sind, die ihm der Vater gegeben hat.
In Matthäus 11 sagt der Herr Jesus es ganz ähnlich. Ab Vers 25, da haben wir jetzt nicht die Zeit mehr zu lesen; Sie können es zu Hause lesen: Matthäus 11, ab Vers 25. Da sagt der Herr Jesus, dass die zu ihm kommen, die der Vater ihm gegeben hat, in seiner souveränen, durch Gnade durchgeführten Erwählung.
Aber dann fügt der Herr Jesus noch einen weiteren Halbsatz hinzu, und er sagt dann: Und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Verstehen Sie, das ist die andere Seite. Der Herr Jesus sagt: Keinem, der zu ihm kommt und sagt: „Herr, rette mich, Herr, vergib mir“, wird gesagt: „Sorry, tut mir leid, du bist nicht erwählt.“ Sondern der, der sich hilfesuchend, rettungssuchend an Christus wendet, der wird erhört, der wird angenommen, und der wird im Nachhinein voller Staunen erfahren: Er hat mich erwählt vor Grundlegung der Welt.
Die alten Glaubensväter haben das oft erklärt mit dem Beispiel einer Tür. Ein ganz schlichtes Beispiel, das aber etwas sehr gut deutlich macht. Sie sagten: Von außen steht über der Tür die Aufschrift: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und verloren seid und beladen seid, ich will euch erretten.“ Und wer durch diese Tür hindurchgeht, wer zu Christus kommt und dann zu ihm gehört, zur Familie Gottes gehört, Kind Gottes ist und sich dann umdreht und zurückschaut, sieht von innen über dieser Tür die Worte: erwählt vor Grundlegung der Welt.
So verhält es sich in der Heiligen Schrift. Und dann also das Neunte: Wer zu Jesus kommt, wird garantiert von ihm angenommen. Es gibt keinen Fall in der Bibel, keinen Fall in der Bibel, wo ein Bekehrungswilliger abgewiesen wurde mit der Begründung: Du gehörst leider nicht zu den Erwählten.
Und deswegen ist es völlig verfehlt, wenn wir Nichtchristen mit diesem Thema belasten und sie anfangen sollen zu grübeln, ob sie erwählt sind oder nicht. Sondern dem, der nicht zu ihm gehört, sagt Christus: Kehre um, glaube mir, ich habe alles getan, um dich zu retten.
Erwählung und Auftrag
Und dann schließlich zehntens und letztens: Die Erwählung mindert nicht die Verantwortung des Menschen. Wenn Gott in das Leben eines Menschen eingreift und ihn in diesem Sinne unseres dritten Kettengliedes beruft, dann bringt er ihn in Bewegung. Gott macht den Menschen aktiv.
Und was macht der Mensch dann? Der Mensch gibt seine Sünde zu, der Mensch glaubt an Christus, der Mensch handelt, der Mensch betet für die Bekehrung anderer, der Mensch sagt Gottes Wort weiter. Und darum steht Erwählung nicht gegen Mission, ganz im Gegenteil.
Das kann man aus der Kirchengeschichte belegen und nachweisen: Viele derer, die mit Leidenschaft und Eifer missioniert haben, waren überzeugte Vertreter der Erwählungslehre gewesen. Spurgeon zum Beispiel, Charles Haddon Spurgeon, oder George Whitefield oder im zwanzigsten Jahrhundert Martin Lloyd-Jones und viele andere. Wo die Erwählungslehre richtig verstanden wird, da ist sie gerade nicht ein Hindernis für Missionen, sondern im Gegenteil.
Wir dürfen wissen: Gott hat Menschen erwählt. Gott wird diese Menschen zur Rettung führen, und der Weg, den Gott dafür ausersehen hat, ist der, dass er sein Wort verkündigen lässt, dass er uns einbezieht in dieses Geschehen, dass er uns gewissermaßen zu Geburtshelfern ewigen Lebens machen will und dass er Menschen dadurch dazu bringt, dass sie ihre Schuld vor Gott erkennen, dass sie umkehren und das Heil in Christus finden.
Ich komme zum Schluss. Wir sind heute einen weiten Weg miteinander gegangen. Ein Weg, der im Grunde genommen begonnen hat vor Grundlegung der Welt und der hineinführt in die Biografie einzelner Menschen und der schließlich den Blick ganz nach vorne findet, hinein in die Ewigkeit, wo wir bei Christus sein werden für alle Zeit.
Und Gott hat uns das deswegen so deutlich vor Augen geführt. Schauen Sie, Gott hätte uns diesen Erwählungszusammenhang auch ersparen können. Er hätte ja auch sagen können: Na ja, das ist so schwer für die zu verstehen, das erkläre ich ihnen mal, wenn sie im Himmel sind. Aber Gott hat einen anderen Weg gewählt. Er hat diese Lehre an vielen Stellen immer wieder uns offenbart.
Und es gibt sicherlich viele Gründe, warum Gott das getan hat. Ein Grund ist der, denke ich, dass er uns seine starke Liebe auch darin deutlich machen wollte. Wenn ich mir das vorstelle: Als ich noch nicht geboren war, was sage ich, als die Welt noch gar nicht bestand, da hat Gott in seiner Gnade an mich gedacht. Und er hat gesagt: Der Nestvogel, der wird mal mein Kind. Er hat mich erwählt vor Grundlegung der Welt.
Überlegen Sie es mal: Sie dürfen an Christus glauben. Und er hat Sie erwählt vor Grundlegung der Welt. Er hat schon da, als noch kein Gedanke an Sie vorhanden war, Ihr Leben unter seine Fittiche genommen.
Und dann, als ich so Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts geboren wurde, sagen wir 1961, da hat Gott dann dafür gesorgt, dass ich von Jesus erfahren habe. Er hat dafür gesorgt, dass ich das Evangelium hören durfte. Er hat dafür gesorgt, dass ich bereit wurde, zuzugeben, dass ich ein verlorener Sünder ohne Christus bin. Er hat mich bereit gemacht, mich zu Christus zu bekehren, um seine Gnade zu bitten.
So wie es von Lydia heißt in Apostelgeschichte 16,14: Der tat der Herr das Herz auf, dass sie Acht hatte auf das, was ihr gesagt wurde. Gott hat ihr Herz geöffnet, und dann hat sie das Evangelium aufgenommen und sich bekehrt. Das hat Gott bei mir auch gemacht.
Und so durfte ich mich bekehren. Ich durfte von ganzem Herzen um Vergebung bitten und mich an Christus als meinen Retter klammern. Und heute, heute weiß ich es, und ich erfahre das durch solche Bibeltexte wie Römer 8, dass dies alles möglich wurde, weil Gott es auf den Weg gebracht hat, aus lauter Liebe, vor Grundlegung der Welt.
Wer das versteht, wer das erfährt, sagen Sie, wie kann der davon unberührt bleiben? Und vielleicht verstehen wir jetzt besser, warum Paulus, als er diese Wahrheit aufschreibt, nicht problematisiert, sondern Gott preist. Warum Paulus nicht diskutiert, sondern Gott dankt. Warum Paulus nicht jammert über diese Wahrheit, sondern darüber jubelt, weil sein Herz voll ist und er nur noch staunen kann.
Und er will uns einladen, mitzustaunen. Auch darum ist es so wichtig, dass wir Gottes Wahrheit über die Erwählung kennen, weil diese Wahrheit uns zu Herzen geht und weil die Wahrheit die Liebe zu unserem Schöpfer und Erlöser immer mehr vertiefen und immer wieder neu entzünden kann.
Ein Bild für Gottes freie Liebe
Und dann geht es uns vielleicht, und das soll hier das letzte Wort sein, ganz ähnlich wie jener älteren Dame, von der ich vor einiger Zeit las.
Irgendwo hier in den neuen Bundesländern: Sie gehörte zu einer Gemeinde und war beteiligt an einer Ferienaktion. Da kamen Kinder aus Ungarn für vier Wochen, und einige hatten gesagt: Gut, wir stellen Quartiere zur Verfügung. Und diese Frau, Rieck hieß sie, sagte zu der Dame, die das organisiert hatte: Ich weiß auch schon, was ich haben will, so einen kleinen schwarzhaarigen Jungen mit pfiffigen Augen aus Ungarn, so etwas kann ich gut leiden.
Dann beginnen die Ferien, und die Kinder kommen da an, und Frau Rieck bekommt ausgerechnet ein langes blondes Mädchen und nicht so einen kleinen schwarzhaarigen, gelockten Jungen als Feriengast. Sie ist erst ganz betrübt und kann sich gar nicht damit zurechtfinden. Das ist ja eigentlich auch gemein, dass sie da nicht flexibler ist. Aber sie war nun so festgelegt, darauf hatte sie sich das so vorgestellt, und hat dann mit dem Pastor auch gesprochen, und es war alles ganz, ganz, ganz traurig.
Zwei Tage später traf der Pastor sie dann wieder. Wir wollen jetzt kurz ausmachen das Handy, die letzten drei Minuten überstehen wir auch noch. Danke. So, jetzt haben wir es.
Zwei Tage später traf der Pastor sie dann wieder, und sie war wie verwandelt, die Frau Rieck. Sie ging da ganz lieb mit diesem jungen Mädchen um, und er sah sie dann in der Eisdiele sitzen. Und er sagte: Was ist denn los, Frau Rieck, was ist denn passiert? Da hat sie ihn so ein bisschen zur Seite genommen und hat gesagt: Ach, es ist etwas ganz Wunderbares geschehen.
Ich bin neulich abends, gestern, zu der Organisatorin gegangen, die in meiner Gegend wohnt, und habe sie gefragt: Sagen Sie mal, ich wollte doch so einen kleinen wuschelhaarigen Jungen, warum haben Sie mir jetzt so ein blondes Mädchen geschickt? Da hat ihr das die Organisatorin erklärt. Sie hat gesagt: Wissen Sie, als die Kinder aus dem Zug rauskamen, ja, das ist jetzt das Spannungsmoment am Schluss. Ich würde einfach auf ausdrücken oder rausziehen. So, sehr hervorragend, alles klar. So, jetzt schaffen wir das über die Zielen ja.
Wissen Sie, was Frau Rieck gesagt hat? Sie hat gesagt, dass sie sich nicht so sehr auf die Zählflasche gesetzt hat, sondern sich nicht so sehr auf die Zählflasche gesetzt hat. Ich habe von der Organisationsleiterin Folgendes erfahren: Sie hat mir gesagt, warum ich ausgerechnet dieses Mädchen gekriegt habe. Als die Kinder aus dem Zug rauskamen, da hat diese Judith so vor sich hin gesprochen: Die alte Frau da, die sieht lieb aus, zu der will ich. Und darum habe ich sie zu ihnen geschickt.
Und die Frau Rieck sagte: Seitdem ich das weiß, ist alles anders. Da standen Familien mit tollen Autos und großen Geschenken im Arm da und haben die Kinder begrüßt. Aber mich, alte Frau, hat sie gewollt. Und seitdem ich das weiß, bin ich ganz glücklich mit diesem Mädchen. Können Sie das verstehen?
Wissen Sie, das ist nur ein schwaches Beispiel. Aber so wie die alte Dame gehen viele Leute mit Gott um. Er entspricht nicht ihren Vorstellungen, sie haben sich das ganz anders gedacht. Und wenn ein Mensch dann Christ wird und erfährt: Gott hat mich gewählt, wie viel, wie unendlich mehr bedeutet das, dass ich erfahre: Gott hat mich gewollt, er hat mich erwählt, er wollte zu mir, er wollte mich auf ewig bei sich in seinem Himmel haben.
Wer das erfährt, dessen Herz kann diesem Gott gegenüber nicht mehr kalt bleiben. Wir können ihm danken, unserem allmächtigen Vater im Himmel, dass er uns zuerst geliebt hat und dass seine Liebe uns trägt bis zum Ziel. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn.
Lassen Sie uns beten.

