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Gebet als Schüler Gottes #2

Lukas 18,1-820.05.2020
Serie•Teil 3 / 4Gebet
Warum lässt Gott Unrecht zu? Die harte Antwort: Er schweigt nicht, er richtet – aber oft anders und später, als du willst. Genau darum lohnt es sich, dranzubleiben und weiter zu beten.

Gebet als Beziehung, Bitte und Schule

Wir befinden uns mitten in einer Predigtreihe über Gebet. Die wesentliche Idee dieser Predigtreihe besteht darin, dass Gebet Reden mit Gott ist, dass dieses Reden aber ganz unterschiedliche Aspekte umfasst. Das heißt: Wenn ich mit Gott rede, dann reden wir, und ich möchte gerne in dem Bild bleiben, das ich auch in den ersten beiden Predigten zu diesem Thema gebraucht habe.
Wir tun das manchmal, wenn wir mit Gott reden, als Kinder Gottes, dann aber auch als Schüler Gottes, beziehungsweise wir kommen manchmal als Krieger Gottes im Gebet zu Gott. Und es ist wichtig, dass wir diese unterschiedlichen Aspekte des Gebets wenigstens in unserem Denken trennen.
Als Kinder kommen wir und bitten für die Belange unseres Lebens, also für die Dinge, die uns wichtig erscheinen. Wir bitten um Gesundheit, um Erfolg, um Weisheit. Wir bitten um Bewahrung, vielleicht um eine unfallfreie Fahrt oder um Gelingen bei einem Vorstellungsgespräch. Und ganz häufig schenkt uns Gott dann genau das, worum wir ihn bitten.
Und wir haben schon gelernt, dass Gott weiß, was wir brauchen, bevor wir ihn bitten. Das Gebet, wenn wir als Kinder Gottes beten, hat viel damit zu tun, dass wir durch das Beten unsere Beziehung zu Gott vertiefen. Es geht also weniger um die Sachen selbst, für die wir bitten, als vielmehr darum, dass wir Gott durch unsere betende Beziehung tiefer kennenlernen.
Gott kann uns genauso gut ohne Gebet beschenken. Und wenn wir darüber nachdenken, was wir alles haben, dann merken wir: Die größten und besten Sachen hat Gott uns geschenkt, ohne dass wir ihn darum gebeten haben. Gott ist grundsätzlich ein die Menschen beschenkender Gott. Gott lässt die Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte, so heißt es in Matthäus 5,45. Er ist der Geber aller guten Gaben, die Menschen in dieser Welt genießen, Jakobus 1,17. Und auch uns beschenkt Gott mit viel, viel mehr, als wir erbitten. Gott ist tatsächlich einfach gut.
Und trotzdem will er durch das Gebet sich selbst uns lieb machen. Deshalb ist es wichtig, dass wir um die Dinge, die wir so alltäglich brauchen, bitten. Gott ist ein beschenkender Gott. Aber es gibt eben auch die Warnung aus dem Jakobusbrief, Kapitel 4, Vers 2: Ihr habt nichts, weil ihr nicht bittet.
Also wäre es doppelt töricht für uns als Christen, wenn wir nicht beten würden: zum einen, weil es tatsächlich zu befürchten steht, dass wir Segen verlieren, und zum zweiten, weil wir, wenn wir nicht beten, Gott nicht nahekommen. Denn diese Beziehung, die wir uns zu ihm wünschen, wächst dann einfach nicht.
Gott gibt seinen Kindern gern, aber eben nicht immer. Das erlebt Paulus, als er bittet, dass Gott seinen Dorn im Fleisch wegnehmen möge, und sich dann mit dem bekannten „Meine Gnade genügt dir“ abfinden muss. Paulus begreift, dass es für ihn besser ist, ein gehandicaptes Leben zu führen, das ihn vor Hochmut bewahrt, als dass er ein vermeintlich leichteres Leben führt, ohne Schmerzen und Einschränkungen.
Für Paulus wäre ein Leben ohne den Dorn im Fleisch auf den ersten Blick tatsächlich einfacher, aber es wäre nicht besser. Gott mutet ihm diese Einschränkung nicht ohne Grund zu, wie wir in 2. Korinther 12,7 lesen: Darum, damit ich mich nicht überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, dass er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe.
Paulus sieht also den Sinn hinter dem Nein Gottes zu seiner Bitte. Zugegebenermaßen können wir nicht immer das Warum hinter einem Nein sofort erkennen, aber wir dürfen wissen, dass Gott, weil er gut ist, keinen Fehler macht. Auch wenn wir nicht wissen, warum er in jedem einzelnen Fall tut, was er tut, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott tatsächlich keinen Fehler macht.
Als Kinder bitten wir, werden oft beschenkt und erleben doch auch immer wieder dieses Nein. Nicht, weil Gott uns nicht ein liebender Vater wäre, sondern weil er weiß, was wir wirklich brauchen, was uns schlussendlich richtig gut tut. Ob wir das verstehen, ob wir das einsehen, ob wir das gerne annehmen wollen, spielt dabei tatsächlich keine große Rolle.
Also: Während Kinder Gottes beten und dann, wenn Gott Nein sagt, mit dem Bitten aufhören, machen die Schüler Gottes in der Schule der Heiligung immer weiter. Wir haben uns das beim letzten Mal angeschaut, am Beispiel von Lukas 11,8-11. Das Gleichnis von dem Mann, der mitten in der Nacht so lange vor dem Haus seines Freundes ruft, bis der aufsteht, ihm aufmacht und ihm das gibt, was er haben will.
Und wir haben festgestellt: Es gibt diese Stellen in der Bibel, wo wir aufgefordert werden, immer und immer wieder so lange zu bitten, bis Gott hört. Aufhören wäre falsch. Aufhören wäre vielleicht sogar ein Zeichen dafür, dass wir nicht glauben.
Die Frage, die wir letztes Mal angefangen haben zu beantworten, war: Was sind das für Themen, bei denen ich immer weiterbeten muss und nicht aufhören darf? Wir haben uns zuerst angeschaut, wie der Rückgriff auf Lukas 11,13 auf diese Bitte um den Heiligen Geist verweist. Wir haben das mit Epheser 1 verknüpft und dann gesehen: Paulus bittet dort für die Epheser um einen Geist der Weisheit und der Offenbarung.
Wir haben dann geschlussfolgert, dass all die Belange, die das Wirken des Heiligen Geistes in unserem Leben betreffen, Themen sind, für die wir anhaltend beten dürfen. Eigentlich muss man sagen: beten sollen, beten müssen, weil sie nämlich nicht einfach da sind. Das ist nicht so an aus, an aus. Das sind Dinge, die in uns wachsen müssen.
Als Schüler Gottes sitze ich in der Schule der Heiligkeit, und ich will Stück für Stück, Lektion für Lektion lernen, was es heißt, als Christ zu leben, mehr wie Jesus zu sein, ein brauchbares Werkzeug in Gottes Hand zu werden. Darum geht es. Und dieser Prozess, dieses langsame Wachsen, braucht Zeit und er braucht viel Gebet.
Möchtest du wissen, wie du ein geduldiger Mensch wirst? Darf ich dir eine hässliche Wahrheit offenbaren? Geduldig wird man nicht dadurch, dass man um Geduld bittet. Und eines Morgens wache ich dann auf und stelle fest: Na hoppla, ich bin ja geduldig. Nein, so geht es leider nicht.
Geduldig wird man dadurch, dass Gott uns in Situationen hineinstellt, uns mit Menschen konfrontiert, die unsere Ungeduld herausfordern, die unsere Geduld strapazieren. Gott stellt uns in Momente, wo wir beten, dass Gott uns jetzt, wo wir da mittendrin stehen, hilft, aus der Kraft zu leben, die er uns schenkt. Wo wir beten, dass uns in dem Moment, wo es darauf ankommt, die richtigen Bibelstellen einfallen. Wo wir beten, dass wir uns trauen, nach dem zu leben, was wahr ist, nicht vielleicht nach dem, was wir für wahr halten oder gewohnt sind.
Moment für Moment will erlebt, will erlitten, will durchbetet werden. Und Stück für Stück prägt auf diese Weise Gott, genau genommen der Geist Gottes, weil er in diesem Prozess der Herr ist, unser Denken und Verhalten. Und eines Morgens werden wir dann, wenn wir das über einen längeren Zeitraum geübt und trainiert haben, feststellen, dass Ungeduld nicht mehr unsere größte Problemzone ist.
Wachstum braucht Zeit, und Wachstum braucht Gebet, immer und immer wieder. Lass uns bitte nie vergessen, dass Hingabe noch nicht Tiefgang ist und dass Heiligkeit noch nicht Reife ist.
Ich will das kurz erklären: Hingabe ist nicht Tiefgang. Hingabe heißt, dass ich mich entschieden habe, ein gehorsames Leben zu führen, in dem Gottes Reich wichtiger ist als alles andere. Das ist Hingabe. Tiefgang heißt, dass ich dieses Leben führe und auf dem Weg der Nachfolge Gott besser und besser kennenlerne. Hingabe ist eine Entscheidung für heute, Tiefgang braucht Zeit und ist das Ergebnis von Jahren der Nachfolge.
Und dasselbe gilt für Heiligkeit und Reife. Heiligkeit ist die Entscheidung, das Richtige zu tun. Ich will heute heilig leben. Also suche ich mir, was weiß ich, einen Job. Ich höre auf zu lügen, ich kümmere mich um meine Kinder, ich ehre meine Eltern, ich plane meine Zeit klug, ich fange an, Masken zu nähen oder im Gemeindegarten Baumstümpfe auszubuddeln. Keine Ahnung, was dir einfällt. Das ist Heiligkeit. Heiligkeit heißt: Ich entscheide mich, das Richtige zu tun.
Aber das ist noch nicht Reife. Bis ja auch meine kleinen Enkel können heilig leben, indem sie das Richtige tun, aber sie sind noch nicht reif. Reife ist das, was an Charakter herauskommt, wenn ich viele heilige Momente hatte, also viele richtige Entscheidungen getroffen habe. Heiligkeit ist heute, ein gereifter Charakter entsteht über die Jahre. Und damit das entsteht, braucht es einen gereiften Charakter, braucht es permanentes Gebet.
So, das hatten wir. Das war jetzt eine Wiederholung der letzten beiden Predigten.
Schauen wir uns zu dem Thema Gebet als Schüler Gottes in der Schule der Heiligung vielleicht noch eine andere Stelle an. Die Stelle, die wahrscheinlich bei dem Thema permanentes, andauerndes, anhaltendes Gebet sofort einfällt. Man fragt: Wo steht dazu etwas in der Bibel? Dann werden die Bibelkenner sagen: Hey, hey, das ist doch das Gleichnis vom ungerechten Richter in Lukas 18. Stimmt, und das lese ich uns jetzt vor, Lukas 18,1-8:
Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und vor keinem Menschen sich scheute. Es war aber eine Witwe in jener Stadt, und sie kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegenüber meinem Widersacher. Und eine Zeit lang wollte er nicht. Danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und vor keinem Menschen mich scheue, so will ich doch, weil diese Witwe mir Mühe macht, ihr Recht verschaffen, damit sie nicht am Ende komme und mir ins Gesicht fahre.
Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?
Zuerst einmal eine ganz wichtige Lektion für den Umgang mit Gleichnissen: Wenn Jesus sagt, was ein Gleichnis verdeutlichen soll, dann brauchen wir nicht noch nach einem anderen Schwerpunkt suchen. Dieses Gleichnis vom ungerechten Richter dreht sich um das Thema, dass man alle Zeit beten und nicht ermatten soll.
Ein zweiter wichtiger Punkt beim Thema Gleichnisse: Sie sind manchmal ganz schön schräg, und das hier auch. Also, der ungerechte Richter ist irgendwie ein Gleichnis für Gott, aber natürlich ist Gott nicht ungerecht. Hier geht es um einen Vergleich vom Kleineren zum Größeren im Sinne von: Wenn schon der ungerechte Richter hier im Gleichnis der Witwe irgendwann aus purem Eigennutz Recht verschafft, wie viel mehr wird dann Gott uns unser Recht ohne Verzug verschaffen? Das ist der Punkt.
Zurück zum Gleichnis selbst. Ich möchte es mal kurz erklären. Die Geschichte ist gar nicht so schwer zu verstehen. Es gibt eine Witwe, die wird von einem Widersacher, wir wissen nicht genau, worum es geht, was der angestellt hat, aber sie wird ungerecht behandelt. Und sie wendet sich als Witwe an den Richter der Stadt. Sie fordert, dass der ihr Recht verschafft. Aber der will nicht. Vielleicht kannte er den Widersacher, vielleicht hatte er auch einfach gar keine Lust, sich um so ein in seinen Augen völlig unbedeutendes Problem zu kümmern.
Es liegt jedenfalls nicht daran, dass er Angst hatte oder ein schlechtes Gewissen. Zweimal wird explizit in dem Gleichnis darauf hingewiesen, dass er Gott nicht fürchtete und vor keinem Menschen sich scheute. Das ist natürlich keine gute Einstellung, aber sie macht deutlich, dass dieser Richter genau das tut, was er für richtig hält.
Womit rechnet dieser Richter nicht? Er rechnet einfach nicht mit der Hartnäckigkeit dieser Frau. Die kommt nämlich immer und immer wieder, die lässt sich einfach nicht abwimmeln, und sie kommt immer mit der gleichen Bitte: Verschaffe mir Recht gegenüber meinem Widersacher. Sie kommt und kommt und kommt, bis, salopp formuliert, der Richter sich denkt: Jetzt wird es mir echt zu viel.
Es geht ihm nicht um Gerechtigkeit, aber er merkt: Diese Frau hat in ihrer Hartnäckigkeit etwas an sich. Vielleicht wird ihm auch immer ein Stückchen deutlicher, dass er sich denkt: Ich will mal den Bogen lieber nicht überspannen.
Und jetzt kommen wir zur Anwendung des Gleichnisses: Gott aber, Lukas 18,7: Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird.
Das ist also das neue Thema, bei dem wir ausdauernd, anhaltend beten sollen. Nämlich dieses Thema heißt, dass Gott uns Recht verschafft. Unrecht ist eine Realität in der Welt. Wir leben in einer ungerechten Welt, und wir leben da auch mittendrin. Und unsere Waffe im Umgang mit Unrecht ist Gebet.
Gott erlaubt uns nicht, dass wir uns rächen. Rache, das ist tatsächlich seine Sache. Und ich möchte nicht in der Haut derer stecken, die sich nicht selbst richten. Es ist immer besser, wenn wir uns selbst richten, Dinge, die wir falsch gemacht haben, in Ordnung bringen, Buße tun, als dass wir darauf warten, dass Gott richtet. Das ist eine ganz gefährliche Sache, wehe sogar, wenn wir Gott dann zum Feind haben.
Der Prophet Nahum bringt das wunderbar auf den Punkt, Nahum 1,2: Ein eifersüchtiger und rächender Gott ist der Herr, ein Rächer ist der Herr und voller Grimm. Rache übt der Herr an seinen Gegnern und ergrollt seinen Feinden.
Und wer jetzt denkt: Haha, das ist ja nur der Gott des AT, des Alten Testaments, falsch, das ist Gott. Hier ein Zitat aus dem Neuen Testament, Hebräer 10,30-31: Denn wir kennen den, wir, das sind wir Christen, wir kennen den, der gesagt hat: Mein ist die Rache, ich will vergelten, und wiederum: Der Herr wird sein Volk richten. Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.
Das ist die Realität. Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Gott richtet und er rächt das Böse. Wir tun das nicht, aber wir können beten. Wir können den Gott der Rache im Gebet anrufen und ihn bitten, dass er uns Recht verschafft.
Die Psalmisten tun das: Psalm 94,1 ganz dramatisch. Da heißt es: Gott der Rache, Herr, Gott der Rache, strahle hervor! Erhebe dich, Richter der Erde, vergilt den Hochmütigen ihr Tun.
Und Jesus fordert hier seine Jünger auf, es ihm nachzutun. Wir dürfen den gerechten Richter der Welt bitten, dass er uns rettet, dass er uns Recht verschafft. Wir dürfen in Zeiten grober Ungerechtigkeit Gott anflehen, dass er uns rettet, so wie der Herr Jesus selber das getan hat.
In 1. Petrus 2,21.23 heißt es: Denn hierzu seid ihr berufen worden, denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, damit ihr seinen Fußspuren folgt. Also anscheinend werden wir auch leiden, und wir müssen uns im Leid orientieren an dem, was Jesus getan hat.
Und dann heißt es in Vers 23: Der Geschmäht, das heißt schlecht gemacht, ausgelacht, verspottet, der Geschmäht nicht widerschmähte, leidend nicht drohte, sondern sich dem übergab, der gerecht richtet.
Petrus schreibt über Jesus und über sein Verhalten vor dem Hohen Rat, wie er verspottet wird, geschlagen wird, verlästert wird, und er schweigt. Aber jetzt könnte man sagen: Das ist doch das schlimmste Unrecht, was man sich irgendwie vorstellen kann. Stimmt, aber er schweigt trotzdem. Andere werden laut, und er wird einfach nicht laut. Er sagt nichts. Andere schlagen ihn, und er droht nicht mit Vergeltung, sondern er betet.
Während er da steht und all das Unrecht über sich ergehen lässt, übergibt er seinen Fall dem, der gerecht richtet. Also Jesus geht zum Kreuz, aber er geht zum Kreuz mit der Überzeugung, dass Gott ein zutiefst gerechter Gott ist und dass der Tag kommen wird, an dem Gott all die Ungerechtigkeit, die er gerade erleidet, auch wieder geraderücken wird.
Wir merken diese innere Haltung von Jesus tatsächlich auf dem Weg zum Kreuz. Da kommen Frauen und wollen ihm ihr Beileid ausdrücken und bekommen folgende Antwort, Lukas 23,27-28: Es folgte ihm aber eine große Menge Volks und Frauen, die wehklagten und ihn bejammerten. Jesus aber wandte sich zu ihnen und sprach: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder.
Weil ihnen Gericht bevorstand, weil Jesus seinen Fall einem gerechten Gott übergeben hatte. Und weil Jesus diese Überzeugung hatte, konnte unser Herr mitten im Unrecht ruhig bleiben, weil er darum wusste, dass Gott einmal in Gerechtigkeit richten würde. Deswegen muss er nicht schmähen oder drohen. Er wusste: Wir dürfen das auch wissen. Er wusste, dass das Böse auf dieser Welt einfach nicht das letzte Wort hat. Gott wird richten, rächen und vernichten.
Die Frage aber: Warum lässt Gott dann so viel Ungerechtigkeit zu? Ich meine, wenn er gegen Ungerechtigkeit ist, wäre es dann nicht naheliegend zu denken, es müsste viel, viel weniger Ungerechtigkeit geben?
Entschuldigt, wenn ich sage, die Antwort ist ganz einfach. Sie mag uns nicht schmecken, aber sie ist wirklich einfach. Und bitte versteht mich nicht falsch. Ich meine diese Antwort, auch wenn sie jetzt sehr simpel daherkommt, ich meine sie wirklich ernst. Und ich glaube, sie hat mehr Tiefgang, als wir vermuten.
Also: Warum lässt Gott so viel Ungerechtigkeit zu? Die Antwort lautet: Gott lässt so viel Ungerechtigkeit zu, weil seine Gedanken höher sind als unsere Gedanken, Jesaja 55,8-9: Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Denn so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.
Wenn ich Gott verstehen würde, wäre er nicht Gott. Aber er ist Gott, und deshalb verstehe ich seine Gedanken und Wege nicht. Ich verstehe sie nicht, ich werde sie nicht verstehen, weil sie so viel höher, so viel komplexer, so viel weitsichtiger, großartiger, besser sind. Wie der Himmel über der Erde, so sind seine Gedanken, seine Wege höher als meine Gedanken und meine Wege.
Ich werde Gott einfach nicht wirklich verstehen können. Und jetzt kann ich natürlich beim Thema Ungerechtigkeiten ein Fass aufmachen. Ich kann mich hinstellen und als Mensch dem Schöpfer Gott Vorwürfe machen. Aber wisst ihr was? Das ist nicht so richtig klug. Es ist übrigens auch nicht klug, an einen Gott zu glauben, den ich verstehe, der mein Denken nicht herausfordert und letztlich auch überfordert.
Also, wenn Gott wirklich Gott ist, muss er mein Denken sprengen, oder er ist nicht wirklich Gott. Bitte halte das immer wieder fest: Ein Gott, den ich verstehe, ist ein Gott, den es nicht gibt.
Die Frage war, bei welchen Themen ist es geboten, dass wir unablässig beten? Und heute haben wir gelernt: Überall dort, wo wir ungerecht behandelt werden, dürfen wir Gott im Gebet immer und immer wieder anflehen, bis er uns hört. Das haben wir heute gelernt.
Jetzt kann man sagen: In Deutschland erfahren wir kaum Einschränkungen oder Verfolgungen um unseres Glaubens willen. Und ganz ehrlich, darüber dürfen wir uns von Herzen freuen. Wir dürfen auch dafür beten, dass das so bleibt. Geschwister, die in buddhistischen, hinduistischen oder muslimischen Ländern leben, haben zum Teil brutalste Ungerechtigkeiten zu erleiden, wir nicht.
Aber natürlich kann Verfolgung viele Formen annehmen. Wenn wir verleumdet werden und dann nicht mit gleicher Münze heimzahlen, dann kann uns das Nachteile bringen. Wenn wir nicht betrügen und ehrlich sind, dann kann das bedeuten, dass wir betrogen werden. Und wisst ihr was? Ungerechtigkeiten kann es auch in der Gemeinde geben.
Also die Frage, wie gehen wir mit Ungerechtigkeiten um, ist wahrscheinlich schon eine, über die wir nachdenken müssen, für die wir eine Antwort brauchen. Und immer dann, wenn wir auf eine echte Ungerechtigkeit treffen, wenn wir merken: Hier macht einer etwas, und das ist einfach nicht in Ordnung, das ist einfach nicht fair, dann dürfen wir uns an das erinnern, was Gott sagt: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr. Römer 12,19.
Also, wenn man uns ungerecht behandelt, egal ob wir bei einem Onlinehandel über den Tisch gezogen werden, ob unser Ehepartner uns betrügt oder wir bei einer Beförderung übergangen werden, es ist nicht nötig, mit gleicher Münze heimzuzahlen. Einfach nicht nötig. Es ist nicht nötig, sich zu rächen. Das ist alles Gottes Sache. Was wir tun dürfen und was wir tun müssen, das ist beten.
Die Frage nun: Warum sollen wir damit nicht aufhören? Und ich denke, dass, wenn wir über das Thema Ungerechtigkeit nachdenken, es tatsächlich nicht nur um die einzelne Ungerechtigkeit geht, die uns trifft, sondern dass dieses konkrete andauernde Gebet für Gerechtigkeit sich um diesen ganzen Komplex der Ungerechtigkeiten dreht, mit denen wir im Leben konfrontiert werden. Wir dürfen bitten, dass Gott uns quasi Ungerechtigkeit für Ungerechtigkeit für Ungerechtigkeit Recht verschafft.
Also warum dürfen wir nicht aufhören, gegen das Unrecht in unserem Leben anzubeten? Die Antwort lautet so: Weil mein Gebetsleben zum Ausdruck bringt, wie ich über Gott denke. Mein Denken über Gott bestimmt, wie ich bete. Haltet das bitte fest: Mein Denken über Gott bestimmt, wie ich bete.
Und wenn ich glaube, dass Gott viel besser ist als der ungerechte Richter im Gleichnis, noch mal Lukas 18,7-8: Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. Das muss mein Denken über Gott sein, dass er ein tiefsitzendes Interesse an Gerechtigkeit hat, dass er unser Recht ohne Verzug ausführen wird.
Das heißt, ich werde so schnell Recht bekommen, wie es sein Entwurf der Heilsgeschichte möglich macht. Wir werden auf unser Recht nicht länger warten müssen als unbedingt nötig. Jede Ungerechtigkeit, die wir erdulden, wird nicht nur von Gott gerichtet, wir müssen überhaupt nur das erdulden, was aus gutem Grund jetzt noch nicht gerichtet werden kann. Ja, auch hier gilt, dass alle Dinge zum Guten mitwirken müssen.
Wir sehen das bei Jesus, als er seinen Fall in Gottes Hände legte und sich kreuzigen ließ. Da war das seine Bereitschaft, größtes Unrecht zu erdulden, und diese Bereitschaft, größtes Unrecht zu erdulden, war die Grundlage dafür, dass jeder Mensch Erlösung finden konnte. Also: Gott weiß, wenn er Leid zumutet. Wir sehen das bei Jesus und im Kreuz, und wir dürfen das im Blick auf unser eigenes Leben glauben. Gott weiß, was er tut.
Aber damit wird Unrecht natürlich nicht richtig, und wir dürfen Gott bitten, dass er uns jetzt schon Recht verschafft. Denn tun wir das nicht, hören wir auf zu bitten. Wenn wir das nicht tun, dann bringen wir damit auch zum Ausdruck, dass wir nicht mehr an einen Gott glauben, dem Gerechtigkeit wichtig ist.
Bitte, bitte haltet das fest: Mein Gebetsleben bringt zum Ausdruck, dass wir nicht mehr an einen Gott glauben, dem Gerechtigkeit wichtig ist. Wie ich über Gott denke, wenn ich meine Sorgen im Gebet nicht bei Gott abgebe, dann bringe ich damit zum Ausdruck, dass ich nicht glaube, dass Gott ein Gott ist, der mich trösten kann. Wenn ich ihm nicht meine alltäglichen Bitten bringe, dann bringe ich damit zum Ausdruck, dass ich nicht daran glaube, dass er mich versorgen will. Wenn ich meine Sünden nicht bekenne, dann bringe ich damit zum Ausdruck, dass ich nicht glaube, dass seine Vergebung irgendeinen Wert hat. Und so geht das immer weiter.
Mein Gebet spiegelt wider, wie ich über Gott denke. Und das gilt einerseits für den Inhalt meiner Gebete, aber natürlich auch für die Art und Weise, wie ich bete. Wenn ich floskelhaft immer dasselbe bete, vielleicht ohne groß nachzudenken, das Vaterunser so runterleiere, na ja, dann bringe ich damit zum Ausdruck, dass ich glaube, Gott ist nicht interessiert an einer tiefen, intelligenten Beziehung.
Und zurück zu unserem Thema: Wenn ich Gott nicht mehr meine Sehnsucht nach Gerechtigkeit bringe, permanent und immer wieder, dann bringe ich damit zum Ausdruck, dass ich nicht an einen Gott glaube, der gerecht ist und Gerechtigkeit garantiert. Was übrigens, wenn man einen Tick weiter denkt, nichts anderes ist, als den Himmel und die Ewigkeit, die Ewigkeit in Herrlichkeit zu garantieren.
Dass ich weiß, dass die Ewigkeit herrlich sein wird, dass es einen Himmel gibt, dass es ewiges Leben gibt, das hängt daran, dass ich an einen Gott glaube, der alles Böse einmal richten und wegtun wird und dem Gerechtigkeit, Herrlichkeit und Schönheit, Glück, wem all diese Dinge wirklich wichtig sind.
Und die Gefahr, dass wir aufhören zu beten, ist real. Jesus fragt vorausschauend auf die Zeit, wenn er wiederkommt, in Lukas 18,8: Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde? Gemeint ist ein Glaube, der sich darin zeigt, dass die Gläubigen anhaltend dafür beten, dass Gott ihnen Recht verschafft. Wird Jesus diese Art von Gebetsglauben bei uns finden? Das ist die Frage.
Die Bibel spricht davon, dass die Gläubigen am Ende der Zeit mit schlimmeren Prüfungen und Verfolgungen kämpfen müssen, dass es immer übler wird auf dieser Welt. Und inmitten von Not und Versuchung und Leid kann es leicht passieren, dass wir resignieren, dass wir den Glauben an einen gerechten und rechtschaffenden Gott aufgeben.
Und natürlich braucht es nicht endzeitliche Qualen und Verfolgungen. Es kann in deinem Leben jetzt in diesem Moment eine Situation geben, die dich so überfordert, dass du nicht mehr daran glauben kannst, was hier steht: dass Gott ein Gott ist, der dein Recht ohne Verzug ausführen wird, dass Gott ein Gott ist, dem dein Recht irgendwie wichtig wäre.
Und dann gilt es, diese Warnung einfach auf uns wirken zu lassen: Wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben, den auf Gott, der betet, zu solchem Gebetsglauben finden auf der Erde? Lasst uns bitte, wenn die Ungerechtigkeit kommt, solche sein, die nicht aufhören zu beten. Und lasst uns das Bekenntnis zu einem gerechten Gott dadurch ablegen, dass wir ihn Tag für Tag bitten, uns Recht zu verschaffen. Gerade in den Bereichen, wo wir uns nicht wehren wollen, weil wir uns eben nicht rächen, weil wir Böses nicht mit Bösem vergelten.
Und wisst ihr, und jetzt kommen wir zum Schluss: Wo man diese Haltung des flehentlichen, andauernden Gebets um Gerechtigkeit gut sieht und wo wir auch merken, dass das einfach seinem Glaubensleben ganz natürlich dazugehört, das sind die Psalmen. Und ich möchte abschließen mit Psalm 44,9-27. Lasst ihn einfach auf euch wirken. Es ist ein Lied. Hier wurde ein Gebet in ein Lied verwandelt, vielleicht auch, um es immer wieder zu singen und auf diese Weise immer wieder diese Gedanken zu vergegenwärtigen.
Und ich möchte schließen mit Psalm 44,9-27:
In Gott rühmen wir uns den ganzen Tag, und deinen Namen werden wir ewig preisen. Doch du hast uns verworfen und in Schande gebracht und zogst nicht aus mit unseren Heeren. Du ließest uns zurückweichen vor dem Bedränger, und die uns hassen, haben für sich geraubt. Du gabst uns hin wie Schlachtvieh, und unter die Nationen hast du uns zerstreut. Du verkauftest dein Volk um ein Geringes und hast keinen Gewinn gemacht durch ihren Kaufpreis. Du machtest uns unseren Nachbarn zum Hohn, zu Spott und Schimpf denen, die uns umgeben. Du machtest uns zum Sprichwort unter den Nationen, zum Kopfschütteln unter den Völkerschaften.
Den ganzen Tag ist meine Schande vor mir, und Scham hat mein Gesicht bedeckt, wegen der Stimme des Schmähherrn und Lästerers angesichts des Feindes und des Rachgierigen. Dieses alles ist über uns gekommen, doch wir hatten dich nicht vergessen, noch verraten deinen Bund. Unser Herz ist nicht zurückgewichen, noch sind unsere Schritte abgebogen von deinem Pfad, dass du uns so zermalmt hast am Ort der Schakale und uns bedeckt mit Finsternis.
Hätten wir den Namen unseres Gottes vergessen und unsere Hände zu einem fremden Gott ausgestreckt, würde Gott das nicht erforschen? Denn er erkennt die Geheimnisse des Herzens. Ja, deinetwegen werden wir umgebracht den ganzen Tag, als Schlachtvieh werden wir angesehen. Erwache, warum schläfst du, Herr? Wache auf, verwirf uns nicht auf ewig. Warum verbirgst du dein Angesicht? Vergiss unser Elend und unsere Bedrückung. Denn unsere Seele ist in den Staub gebeugt, unser Bauch klebt an der Erde. Stehe auf uns zur Hilfe und erlöse uns um deiner Güte willen. Amen.

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