"Geistesgaben: Zugenrede, Auslegung, Sprachengebet"
22.10.2012
Serie•Teil 13 / 17Gaben in der Gemeinde
Dieser Inhalt wird noch redaktionell aufbereitet.
Aktuell können Elemente fehlen oder falsch angezeigt werden.
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einordnung und Einstieg in die Reihe
Wir werden heute einige Bibelstellen haben. Also, im Gegensatz zum letzten Mal, der Predigt mit der Alibi-Bibelstelle, gibt es jetzt diesmal etwas mehr zu lesen. Das heißt: Wer keine Bibel dabei hat, kann sich gerne eine geben lassen.
Ich freue mich darüber, dass viele Gäste da sind. Ihr habt den Gottesdienst gewählt, der am wenigsten zu euch passt. Wir machen nämlich Nummer dreizehn unserer Gabenreihe. Ihr kommt also an einem Punkt hier in den Gottesdienst, an dem wir eine Reihe fortsetzen.
Ich möchte mich bei den Geschwistern dafür entschuldigen, dass ich das nicht zu Ende gebracht habe. Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, wie es dazu gekommen ist. Wir haben vor etwa anderthalb Jahren mit viel Elan eine Reihe über die Gaben in der Gemeinde gestartet, dann kam das Ganze ein bisschen ins Trudeln, und plötzlich war es vorbei. Ich versuche heute, da anzuknüpfen, wo wir bei der zwölften Predigt über die Gabenreihe aufgehört haben. Uns fehlen in der Größenordnung noch vier, fünf Predigten, die ich hoffe, bis Januar dann mit einzustreuen. Bitte vergebt mir das, seht mir das einfach nach.
Ich merke, es ist nicht unbedingt meine Stärke, das, was ich anfange, zu Ende zu bringen. Wenn ihr für mich beten wollt, das ist echt eine Charakterschwäche. Ich bin total schnell begeisterungsfähig für etwas Neues. Ich kann mit einem unglaublichen Elan reinspringen. Aber so richtig dranzubleiben, na gut, das ist nicht so ganz mein Ding.
Ich möchte mit euch heute über eine Gabe reden, die wir in der Apostelgeschichte finden. Wir lesen gemeinsam Apostelgeschichte 2,1-11 und 1. Korinther 12,10. Ich lese euch das mal vor.
Apostelgeschichte, die Ereignisse zu Pfingsten, Kapitel 2, die Verse 1 bis 11:
Und als der Tag des Pfingstfestes erfüllt war, waren sie alle an einem Ort beisammen. Gemeint sind die Jünger. Und plötzlich geschah aus dem Himmel ein Brausen, als führe ein gewaltiger Wind daher, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. So in etwa, wie man hier die Luftheizung einschaltet und auf Vollgas dreht. Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie von Feuer, und sie setzten sich auf jeden einzelnen von ihnen. Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
Ganz merkwürdige Sache: Du fängst an, in Sprachen zu reden, die du nie in der Schule gelernt hast. Das wäre der Traum für jeden Schüler. Stell dir vor: Englisch oder, in meinem Fall, Französisch. Eine Sprache, die ich fünf Jahre gelernt habe und einen Monat, nachdem die Schule vorbei war, schon wieder vergessen hatte. Unglaublich!
Pfingsten als Ausgangspunkt
Es wohnten aber in Jerusalem gottesfürchtige Männer aus jeder Nation unter dem Himmel.
Als aber dieses Brausen geschah, und man muss dazu wissen, dass das Pfingstfest ein Fest war, zu dem Juden aus der ganzen Welt nach Jerusalem kamen, war ein riesiger Auflauf in der Stadt. Das Brausen war offenbar nicht nur im Haus zu hören, sondern auch außerhalb. Und wenn es irgendwo braust, geht man eben hin und schaut nach: Was braust denn da?
Als aber dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, weil jeder einzelne sie in seiner eigenen Mundart reden hörte. Total spannend! Stell dir vor, du machst Urlaub in New York und gehst ein bisschen über den Times Square, ja? Und plötzlich hörst du jemanden, der Deutsch spricht. Oder besser noch: der ein bisschen Berlinert. Was machst du? Na ja, man macht das, was man macht: Man geht hin.
Und Gott versteht es ja und bleibt da stehen. Und das haben die Leute hier auch gemacht. Sie entsetzten sich alle und wunderten sich und sagten: Siehe, sind nicht alle diese, die da reden, Galiläer?
Das war jetzt das Problem. Wenn da einer mit einer Lederhose in New York steht und bayerisch schwätzt, dann ist das klar. Aber stell dir mal vor, der sieht vielleicht einen dunkleren Teint und krauses Haar, und der fängt jetzt plötzlich an zu berlinern. Das wird schon heikel. Und genau das passiert hier.
Du hast diesen typischen Galiläer, der da steht, und alle denken: Das sieht doch ein bisschen aus wie so ein Galiläer. Aber wie kann der meine Sprache? Man muss dazu wissen: In der damaligen Zeit war Volkshochschule noch nicht ganz so weit verbreitet, und auch Internetlernkurse gab es einfach noch nicht. Das heißt, eine andere Sprache zu lernen war eine viel größere Hürde.
Und man musste das auch gar nicht, weil die Leute in der damaligen Welt Griechisch gesprochen haben. Das war die internationale Sprache im gesamten Römischen Reich. Und wenn man sich außerhalb unterhalten wollte, lernte man noch Aramäisch dazu, und gut war es.
So, jetzt sind hier Leute in Jerusalem, die andere hören, die aussehen wie Galiläer, und zwar in ihrer eigenen Sprache reden. Und wie hören wir sie ein jeder in unserer eigenen Mundart, in der wir geboren sind?
Parther und Meder und Elamiter und die Bewohner von Mesopotamien und von Judäa und Kappadozien, Pontus und Asien und Phrygien und Pamphylien, Ägypten und den Gegenden von Libyen gegen Kyrene hin, und die hier weilenden Römer, sowohl Juden als auch Proselyten, Kreter und Araber: Wie hören wir sie von den großen Taten Gottes in unseren eigenen Sprachen reden?
Das ist die Frage, die an Pfingsten im Raum steht. Wie kann es sein, dass sie unsere Sprache sprechen, sodass wir das verstehen können?
Die Gabe im Blick auf 1. Korinther 12
Und dann heißt das im Ersten Korintherbrief, Kapitel 12, Vers 10. Wir waren in diesem Kapitel schon sehr oft im Rahmen unserer Gabenreihe. 1. Korinther 12,10: mitten hinein eine Aufzählung: „einem anderen aber Wunderkräfte, einem anderen aber Weissagung, einem anderen aber Unterscheidung der Geister und jetzt kommt’s: einem anderen aber verschiedene Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegen der Sprachen.“
Ich möchte über diese beiden Gaben mit euch heute nachdenken. Die Gaben heißen Zungenrede, das ist der Terminus technicus, oder Sprachenrede beziehungsweise Auslegen. Es geht darum, dass jemand Sprachen reden und Sprachen verstehen kann, die er nie zuvor gelernt hat. Du hast nie in deinem Leben ein Vokabelheft in der Hand gehabt, du hast dir nie eine Grammatik geschnappt, und du kannst plötzlich Sprachen sprechen und sie plötzlich verstehen, ohne dass du sie gelernt hast.
Und wenn man sich das in unserem Gemeindekontext vorstellt, dann klingt das erst einmal komisch, weil das etwas ist, womit wir wenig vertraut sind. Aber wenn man sich die Kirchengeschichte anschaut und so einen kleinen Blick über den Tellerrand wagt, dann ist es so, dass im zwanzigsten Jahrhundert eine Bewegung groß geworden ist. Und mit groß geworden meine ich wirklich groß geworden. Diese Bewegung hat das Thema Zungenrede in ihrer eigenen Agenda ganz nach oben gespült und gesagt: Es ist ein total wichtiges Ereignis, eine ganz wichtige Sache.
Man nennt diese Leute Pfingstler. Pfingstler deshalb, weil sie sich zurückbesinnen auf das, was an Pfingsten passiert ist. Und für sie ist die Gabe der Zungenrede, wie für einen Baptisten die Taufe oder für einen Brüdergemeindler vielleicht die erste Stunde, einfach etwas, wo er sagt: Hey, das ist für mich total wichtig.
Persönliche Einordnung und Gemeindeverständnis
Diese Sache, dass das so wichtig war, dass dieses Phänomen bei Pfingstlern, die im letzten Jahrhundert immer mehr geworden sind, richtig viele Menschen erfasst hat – ich werde nachher noch sagen, wie viele; man verschätzt sich da manchmal, wenn man raten muss –, dass das so eine Bedeutung hat, ist natürlich dann über diese Gruppe auch in andere Gemeinden und in andere Zweige der Kirche hineingeschwappt. Das ist ja logisch. Und es schwappt umso schneller, je mehr wir zwischen den Gemeinden miteinander Kontakt pflegen.
Früher hatte jeder so seine Gemeinderichtung. Da war jeder in seinem Ding unterwegs. Heute geht das so: Ich weiß, du hörst dir gerade von einem charismatischen, reformierten Prediger systematische Theologie an, der aber in Amerika sitzt. Da sage ich mir: Okay, das ist schon so. Du gehst bei YouTube rein, schaust dir ein Video an und sagst: Ah, das war die Band von Gemeinde XY. Aber die hat ja ... Wir sind so miteinander vernetzt, dass es völlig normal wird, wenn ich eine Outdoor-Bibelschule mache, dass jemand zu mir sagt, aus einem sehr konservativen Hintergrund, wo ich das vielleicht gar nicht erwartet hätte: Ich habe die Gabe der Zungenrede.
Deswegen möchte ich heute mit euch darüber reden. Ich will eine Standortbestimmung wagen, ich möchte ein paar Eckpunkte einschlagen, und ich möchte vor allem niemanden verletzen. Das ist mir ganz wichtig. Das, was ich wiedergebe, ist das, was ich persönlich denke, nachdem ich mir im Blick auf den Ersten Korintherbrief ein paar hundert Stunden Bibelstudium geleistet habe und am Ende zu dieser Position gekommen bin.
Wir haben bei The Rock keine Meinungsdiktatur. Du musst nicht glauben, was ich glaube. Du musst es dir nur heute anhören, ohne mit irgendetwas zu werfen, das schon. Aber ansonsten kommen wir gerne danach ins Gespräch, und ich hoffe, dass die Position, die ich habe, halbwegs so ist, dass ihr sagt: Ja, ich kann zumindest verstehen, warum du aufgrund der Bibel dazu gekommen bist.
Also reden wir heute über Zungenrede und über Auslegung.
Wenn mich jemand fragt: Jürgen, was seid ihr für eine Gemeinde? Dann ist das immer ein bisschen heikel. Die Frage ist: Was seid ihr für eine Gemeinde? Ich habe einen Begriff gefunden, der total gut passt. Ich sage: Wir sind eine progressive Brüdergemeinde.
Also Brüdergemeinde wäre so das Label, das man drüberschreiben kann. Aber wir sind nicht so richtig typisch brüdergemeindlich. Das hat man gemerkt. Ich glaube, die wenigsten Brüdergemeinden haben einen englischsprachigen Namen, und mit „Knocking on Heaven’s Door“ hätten wir euch ausgeschlossen, das muss man einfach ganz nüchtern sagen.
Wir sind ein Stück so, dass wir Dinge wagen, wo manch ein anderer sagt: Hm, das geht nicht. Und wir sind trotzdem, glaube ich, von unserer Leidenschaft her tatsächlich eine Brüdergemeinde.
Die Wurzeln der eigenen Überzeugung
Damit meine ich Folgendes: Ja, wir bewahren nicht die Tradition der Brüdergemeinden. Aber wenn ich mir anschaue, was die Brüdergemeinde ausgemacht hat, soweit ich sie in der Geschichte verstehe, dann war es etwas, das mich restlos fasziniert: Menschen, die sich vor etwa hundertsechzig Jahren getroffen haben, um miteinander Brot zu brechen, ihre Bibel aufzuschlagen und zu sagen: Hey, lasst uns doch mal neu lesen, was da steht.
Diese Leidenschaft für eigenständiges Bibelstudium, diese Leidenschaft dafür, Stunden über Stunden über der Bibel zuzubringen und zu sagen: Ich möchte mir eine eigene Überzeugung aus der Schrift heraussaugen, ich möchte nicht einer sein, der das nachkaut, was andere Menschen ihm vorgekaut haben, sondern wir wollen wieder back to the roots. Auch auf die Gefahr hin, dass man dann vielleicht in nicht wesentlichen Fragen, und wir reden heute über eine nicht wesentliche Frage, wir reden nicht über eine Frage, die unser Christsein definiert. Es geht nicht darum, ob du Christ bist oder nicht Christ.
Aber als Gemeinde kann es sein, dass wir, wenn wir die Bibel nehmen und aufschlagen, und mir ist das zwei-, dreimal bei Punkten passiert, wo ich früher andere Dinge geglaubt habe, dass wir sagen: Nee, so wie es da steht, tut mir leid, die Auslegung, die ich bislang kannte, die sehe ich nicht. Und so ähnlich geht es mir hier auch ein bisschen. Ich hoffe, dass ihr das verstehen könnt.
Die Leidenschaft der Brüdergemeindler ist es, ihre Bibel zu lesen und sich eigene Überzeugungen zu entwickeln. Ich glaube, dass das das A und O echten Christseins ist. Und wenn man dabei die eine oder andere Tradition, die nicht wesentlich ist, kippt, ist es nicht so dramatisch, wenn diese Leidenschaft bewahrt bleibt und wenn wir es schaffen, diese Leidenschaft an die nächste Generation weiterzugeben.
Traditionen oder ein Konformismus, ein Leben, wie man immer gelebt hat, ist in sich definitiv immer der Tod. Wenn ich glaube, dass die Vorderen alles richtig verstanden haben und dass sie nie einen Fehler in ihrer Denke hatten, dann verlasse ich mich auf Menschen mehr als auf den Heiligen Geist, der in mir wohnt und mich führt.
Frühere Sichtweisen und der Streit um das Vollkommene
Ich möchte euch einfach mit hineinnehmen in die Gedanken, die mir zu dem Thema Zungenrede kommen, und ich hoffe einfach, dass ihr an der Stelle erst einmal nur folgen könnt.
Als ich junger Christ war, hieß es: Weißt du was, Jürgen, Zungenrede ist gar kein Thema mehr, die hat im ersten Jahrhundert aufgehört. Da gibt es also eine Stelle in 1. Korinther 13,8, die will ich euch nicht unterschlagen. Das ist dieses Kapitel über die Liebe. Dort heißt es: Die Liebe vergeht niemals. Seien es aber Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, damit ist die Sprachenrede gemeint, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden. Denn wir erkennen stückweise, wir weissagen stückweise. Wenn aber das Vollkommene kommt, wird das, was stückweise ist, weggetan werden.
Und das, was ich als junger Christ gelernt habe, ist: Das Vollkommene ist die Bibel, im konkreten Fall das Neue Testament, weil der Rest schon krass war. Und wenn das abgeschlossen ist, dann hört die Zungenrede auf.
Ich will gar nicht groß darauf eingehen. Ich will einfach nur sagen, dass ich das nicht glaube. Nicht mehr glaube. Denn diese Belegstelle in 1. Korinther 13,8 spricht meines Erachtens nicht davon, dass die Fertigstellung des Neuen Testaments das Vollkommene ist, sondern davon, dass es darum geht, Gott zu begegnen. Das ist das Vollkommene.
Und ja, Sprachenrede wird, wie übrigens jede Gabe, die uns gegeben ist, um als Gemeinde, als Organismus zusammenzufunktionieren, in der Gegenwart Gottes aufhören und ihre Funktion erfüllt haben. Ich glaube, dass wir von keiner Gabe sagen dürfen, als Menschen sagen dürfen, sie hat aufgehört.
Das heißt 1. Korinther 12,11: Der Geist gibt, wie er will.
Geist, Reife und die Frage nach der zweiten Erfahrung
Ihr habt das im Ohr noch, wir hatten darüber schon einmal gesprochen: Der Geist gibt, wie er will. Ich würde mich nie wagen, mich hinzustellen und zu sagen, der Heilige Geist darf diese Gabe niemandem mehr geben. Das ist für mich ein Unding. Wenn der Geist gibt, wie er will, und wie es gebraucht wird und wie es gut ist für die Gemeinde, dann soll er das bitteschön tun.
Und es gibt einen dritten Punkt. Nicht nur, dass ich glaube, dass die Stelle hier mit dem Vollkommenen die Begegnung mit unserem Herrn meint, nicht nur, dass ich glaube, dass der Geist gibt, wie er will: Es gibt ungefähr 500 Millionen Pfingstler, und da mag es eine ganze Menge Scharlatane darunter geben, ja, das glaube ich auch. Die Gruppe ist ziemlich breit gestreut, aber ich glaube, sie enthält nicht nur schwarze Schafe. Es ist einfach etwas, wo ich von der Außenperspektive und irgendwann auch von der Innenperspektive sagen kann: Da ist mehr dran.
Und ich weiß, dass es konservative Kreise gibt, die jetzt vielleicht aufschreien und sagen: Boah, wie kann er das nur so sagen. Ich hoffe, dass ich mich jetzt nicht irgendwie zur persona non grata mache, aber das, was ich sage, ist das, was ich aus dem Text herauslese. Und wenn jemand noch dazu Fragen hat, nachher gerne noch einmal ansprechen. Ich bin gerne bereit, darauf einzugehen.
Woher kommt diese Ablehnung? Also wenn man damit konfrontiert wird und jemand sagt, das gibt es gar nicht mehr, und dann plötzlich feststellt, da gibt es irgendwie 500 Millionen Leute, die etwas in der Richtung praktizieren, ist das ja merkwürdig. Woher kommt diese Ablehnung?
Ich glaube, dass die Ablehnung von Zungenrede daher kommt, dass es eine Gegenbewegung ist, eine Gegenbewegung zu etwas anderem. Und da möchte ich eine generelle Sache einmal erklären: Wenn in der Kirchengeschichte eine Bewegung entsteht, dann entsteht sie meistens so: Ich finde irgendeine kleine Sache, was weiß ich, stell dich mal hin, es ist geistlich, rote Hosen anzuziehen. Nehmen wir an, jemand würde auf diesen Gedanken kommen, und er würde eine Bibelstelle finden, weil natürlich das Blut Christi rot ist. Und wir können ja wohl nicht in der Gegenwart Gottes mit etwas, was nicht wenig, ein bisschen Rot braucht, schon. Nehmen wir an, das wäre so. Das ist jetzt eine Sekte, also das gibt es nicht, aber nehmen wir an, wir würden das in der Bibel finden, dann wäre dieser eine Punkt, den wir da gefunden haben, für uns total wichtig. Und wir würden die ganze Bibel mit der Brille lesen, wo steht etwas vom Thema Rot.
Und irgendwie würde, ganz normal, das ist in jeder kirchlichen Bewegung, die einen solchen Punkt hat, normal sein: Wir lesen dann alles in diese Richtung, wir interpretieren alles in diese Richtung, und wir entdecken dann auch Dinge, die in der Bibel stehen und erst einmal unsere These stützen.
Die Entwicklung der Pfingstbewegung
So, ich glaube, dass bei der Pfingstbewegung genau das passiert ist. Man hatte diese Idee: Wir wollen dem Geist Gottes mehr Raum geben. Man kommt aus einer Vergangenheit sehr stark erstarrten Christseins. Das 19. Jahrhundert ist nicht unbedingt so die Phase, in der es überall blubbert und brummt. Es gibt zwar auch Missionen, aber in den Gemeinden selbst, also nicht auf dem Missionsfeld, sondern in den Gemeinden, sind sie sehr starr. Und jetzt gibt es Aufbrüche.
Man sagt: Ich möchte gerne dem Geist Gottes mehr Raum geben. Und wenn ich jetzt alles durch die Brille lese, Heiliger Geist, dann entstehen schnell auch an dieser Stelle extreme Positionen. Positionen, die so sind, dass sich Leute hinstellen und sagen: Na ja, dann muss aber auch bitteschön jeder diese Gabe haben.
Und jetzt merkt ihr ja: Wir sollten dem Geist mehr Raum geben, hier gibt es Gaben des Geistes, eine davon ist das Reden in fremden Sprachen. Geht man einen Schritt weiter und landet an einer Stelle, wo man sagt: Hallo, hatten wir nicht in der Bibel gelesen, 1. Korinther 12,29-30, da fragt Paulus: Sind etwa alle Apostel? Antwort: Nein. Gut. Alle Propheten? Nein. Alle Lehrer? Nein. Haben alle Wunderkräfte? Leider nein. Haben alle Gnadengaben der Heilungen? Noch besser: auch nein. Reden alle in Sprachen? Ja, nein, versteht ihr?
Da geht man einfach einen Schritt zu weit. Man entdeckt etwas, man wünscht sich etwas, man denkt: Boah, hier ist es. Und dann schafft man es, so einen Schritt zu weit zu gehen. Und das werdet ihr bei vielen Strömungen in der Kirchengeschichte finden, dass man einen Schritt zu weit geht und dann auch so ein bisschen beharrt darauf.
Wenn man dann an der Stelle, die einen selber so ein bisschen ausmacht, wo man sagt: Darüber definiere ich mich jetzt aber, dass man da gar nicht so weg will, weil das ist man jetzt mal. Und das ist passiert in der Pfingstbewegung. Man hat sich hingestellt und hat gesagt: Na ja, dann muss aber bitteschön auch jeder Zungenreden können. Und die Zungenrede selbst, diese eine Gabe, wurde zum Beweis für eine besondere geistliche Reife.
Ich bin besonders reif, wenn ich Zungen reden kann. Oder anders ausgedrückt: Man schafft eine Theologie, in der es eine Entwicklung gibt im Glauben, und man sagt: Du wirst gläubig, und dann gibt es in deinem Leben irgendwann eine zweite Erfahrung. Und da geben wir jetzt mal einen Namen: Geistestaufe. Und woher weiß ich, dass ich diese zweite Erfahrung habe? Na ja, dadurch, dass du in fremden Sprachen reden kannst.
Geistestaufe, Erfüllung und persönliche Erfahrungen
So ist das uns als Gemeinde eher fremd, weil wir keine Pfingstler sind. Aber stell dir jetzt eine Gemeinde vor, in der das gepredigt wird. Wo man jedem sagt: Hör her, geistliche Reife hängt davon ab, oder deine geistliche Qualifikation kannst du daran sehen, dass du in Zungen reden kannst. Und wenn du das kannst, dann bist du geistlich schon einen ordentlichen Schritt vorangekommen.
Wenn ich das erst einmal in eine Gemeinde hineinbringe, dann entsteht natürlich ein riesiger Erwartungsdruck. Es entsteht dieses Denken: Es gibt einfache und fortgeschrittene Christen. Und es ist dieser Wunsch, unbedingt diese Erfahrung zu machen und sich danach auszustrecken.
Frage: Gibt es denn eine Geistestaufe in der Bibel? Und die Antwort ist: Ja, die gibt es wirklich. Sie ist nur anders, als sie von den Pfingstlern definiert wird. Es heißt nämlich in 1. Korinther 12,13, und da stammt der Begriff her: Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden. Daher kommt der Begriff. Paulus sagt: Natürlich gibt es eine Taufe im Geist, und zwar sind wir in einem Geist alle zu einem Leib getauft worden.
Wahnsinn! Das heißt, Geistestaufe hat überhaupt nichts mit der Frage zu tun, ob du in Sprachen reden kannst. Geistestaufe ist etwas, das an dir passiert in dem Moment, in dem du dich bekehrst. Und in dem Moment, in dem Gott deine persönliche Gabe, egal ob das Zungenrede ist oder etwas anderes, ergreift und sagt: Dich nehme ich jetzt. Dich packe ich in meine Gemeinde, als einen, den ich dort gut brauchen kann, weil ich dich berufen habe. Du bist begabt, ich will dich hier drin haben. Das ist biblisch gesehen Geistestaufe.
Andere Frage: Gibt es eigentlich eine zweite Erfahrung nach der Bekehrung? Also dieses: Gibt es eine Erfahrung, ich bin bekehrt, und dann kommt noch einmal so ein Plopp? Was denkt ihr? Ich sage: Ja. Ja, das glaube ich. Und ich hoffe sogar, dass es nicht nur ein Plopp ist.
Was ich dir wünsche, sieht ungefähr so aus: Ich wünsche dir, dass du lebst und dann so unterwegs bist, dass die Bibel davon spricht, dass wir immer wieder vom Heiligen Geist erfüllt werden sollen. Dass wir so eng an Gott dranleben, dass er uns durch und durch verändern darf. Dass wir uns so sehr mit seinem Wort beschäftigen, dass er uns direkt anpacken kann. Dass wir so begeistert davon sind, Gott zu kennen, dass der Geist Gottes uns berühren darf.
Und wenn ihr mit Christen redet, die schon eine Weile gläubig sind, dann werden sie euch vielleicht davon berichten, dass es in ihrem Leben Momente der Hingabe nach der Bekehrung gibt. Das heißt: Du bekehrst dich, und Jahre später hast du den Eindruck, jetzt habe ich erst richtig verstanden, worum es geht. Jahre später hast du eine geistliche Einsicht. Da hakt noch einmal so richtig etwas ein, und du denkst dir: Jetzt bin ich durch.
Und ich wünsche dir nicht nur eine solche Erfahrung, ich wünsche dir jedes Jahr so eine Erfahrung. Das wird nicht passieren, denke ich. Aber ich wünsche dir, dass du so dicht am Geist Gottes dran bist, dass du das immer wieder erlebst. Dass er direkt so zu dir redet, dass du den Eindruck hast: Das ist ja emotional so stark. Und wenn du nicht so der emotionale Typ bist, dann ist es auch nicht emotional so stark. Aber wenn du so der emotionale Typ bist, dann kann es passieren, dass du Erfahrungen im geistlichen Leben machst, bei denen du nicht mehr weißt: War ich eigentlich vorher bekehrt, oder habe ich mich jetzt bekehrt?
Darf ich deine Geschichte erzählen? Ich kam aus Neuseeland nach Hause, und meine Tochter sagt zu mir: Ich habe mich bekehrt. Und ich war ein bisschen verwirrt. Sie war damals ungefähr 19 oder 20, in der Größenordnung, und ich hatte sie fünf Jahre vorher getauft. Und ich war mir eigentlich ziemlich sicher, als ich sie getauft habe, dass sie gläubig war.
Und wir werden das im Himmel herausfinden, was sie da erlebt hat. Aber eins ist klar: Wenn ich ihre Geschichte richtig verstehe, hat sie ein paar gute Bücher gelesen. Sie ist da oben auf den Friedhof gegangen, hat sich auf ihre Lieblingsgebetsbank gesetzt und hat die Erfahrung gemacht, Gott so nahe zu sein. Und hat noch einmal mit ganzem Entschluss einfach die Sache mit Gott festgemacht.
Die Frage nach Echtheit und Missbrauch
Und ich kann nicht sagen, ob das die Bekehrung ist oder die Bekehrung davor. Aber ich wünsche dir Momente in deinem Leben, in denen du so erfüllt bist vom Geist Gottes, in denen du ihm so viel Raum lässt, in denen er vielleicht Bereiche deiner Seele erfüllen darf oder in denen er Zugang zu bestimmten Bereichen deines Lebens bekommt, die du ihm vorher versteckt hast. In denen du innerlich vielleicht gedacht hast: Nein, an das, was in meiner Kindheit damals passiert ist, da lasse ich ihn nicht ran. An diesen Wunsch kriegt er keinen Zugang, an jene Vision auch nicht. Sondern Momente, in denen wir bereit werden, uns ihm ganz hinzugeben.
Das sind Momente, in denen wir Gott begegnen. Und das ist das, worauf ich hoffe: dass wir Stück für Stück, immer wieder erfahren, dass der Geist Gottes ein lebendiger Geist ist, der in uns wohnt und der uns wirklich verändern will. Aber eine platte Geistestaufe, die irgendwie einmal stattfindet und danach ist alles gut, die lehne ich ab, weil ich sie nicht in der Bibel finde und weil ich nicht glaube, dass die Bibel das so meint.
Frage: Wenn das so ist, lieber Jürgen, warum kann dann fast jeder in einer Pfingstgemeinde in Zungen reden? Das ist doch eine gute Frage, oder? Da muss man sich einfach mal die Frage beantworten: Warum kann dann fast jeder in Zungen reden?
Und jetzt begebe ich mich auf sehr schlüpfriges Terrain. Ich werde es mal so versuchen: Ich glaube, dass nicht alles, was in einer normalen Pfingstgemeinde unter Zungenrede läuft, dem auch entspricht. Ich sage nicht, dass es die Gabe nicht gibt. Ich glaube nur, dass es zu jeder Gabe auch so ein Fake-Pendant gibt.
Also gibt es manche Leute, die glauben, Lehrer zu sein. Aber sie auf die Kanzel zu lassen, ist Sünde, weil sie einfach die Gabe nicht haben. Wir glauben das nur zu sein. Ich glaube, das ist die Gabe des Mitteilens.
Leute, die freigiebig sind: Hananias und Zafira, die haben auch so getan, als ob sie alles verkauft hätten, alles weggegeben hätten. Es stimmt aber nicht, sie haben nur so getan, als ob.
Und wir müssen damit rechnen: Bei Prophetie hatten wir das auch, da gab es die falschen Propheten. Wir müssen einfach damit rechnen, dass überall da, wo eine Gabe ist, es auch irgendwo etwas gibt, was so ähnlich aussieht, aber dieser Gabe nicht entspricht.
Skepsis gegenüber falschen Formen
Und ich glaube, dass viele Pfingstler einfach die Gabe der Zungenrede nicht haben. Warum glaube ich das? Ich glaube das deshalb, weil ich mich dafür interessiert habe, was da gesprochen wird. Und es ist auffällig: Man hat untersucht, was gesprochen wird, und ein Punkt, der mir sofort aufgefallen ist, ist, dass der Lautumfang vieler Pfingstler in dem, was sie von sich geben, mit ihrer Muttersprache identisch ist.
Also wenn Anne jetzt Englisch reden würde, dann würde sie in TH sprechen. Als ich Englisch lernte, obwohl ich lispel, musste ich das „w“ noch ein bisschen lernen. Das kam nicht automatisch. Das heißt: Wenn du eine fremde Sprache lernst, ist das Erste, was du lernst, oft ein komischer Laut, den du sonst nie sprechen würdest. Willst du spanisch rollendes „r“? Keine Ahnung, wie das wirklich geht, aber du musst es lernen. Kannst du es nicht, kannst du kein Spanisch.
Das heißt: Immer dann, wenn der Lautumfang von etwas genau der Muttersprache dessen entspricht, der das spricht, bin ich ein bisschen skeptisch. Denn bei jeder anderen Sprache, wirklich bei jeder Fremdsprache, klingt das anders. Wenn ein Galiläer plötzlich Kavadoschisch gesprochen hätte, dann hätte das anders geklungen als Galiläisch. Und da hat man eben sehr oft das Phänomen, dass der Lautumfang bei Pfingstlern der Muttersprache entspricht.
Linguisten haben sich das dann ein bisschen genauer angeschaut und auch feststellen können, dass es keine Sprachen sind. Jetzt werden die nicht alles untersucht haben, und ich will das jetzt auch nicht alles verdammen. Ich will nur sagen: Da ist etwas, das erst einmal komisch ist.
Und was mir auch auffällt, ist Folgendes: Man hat Material aus Pfingstgemeinden genommen, mit dem Leuten das Zungenreden beigebracht wurde. An sich schon eine merkwürdige Idee, eine Gabe beibringen zu können. Und auch ungläubige Leute konnten mit dem Material danach Dinge von sich geben, die so klangen wie das, was man da in einem Mainstream auch gesprochen hat. Sehr merkwürdig, wenn ich ehrlich bin.
Und ich bin gerade auf der Suche nach einem Pfingstler, der seine Sprache kennt. Ich habe eine Facebook-Anfrage laufen, habe die Gemeinde auf dem Weg angeschrieben. Ich möchte einfach also: Ich glaube an die Echtheit der Gabe. Aber wenn ich die Gabe hätte, wenn ich jetzt wirklich in einer fremden Sprache reden könnte, dann wäre das Erste, was mich interessieren würde: Welche Sprache ist das?
Mich interessiert es, Leute kennenzulernen, die wirklich nachweislich eine andere Sprache sprechen können, die sie nicht gelernt haben. Von mir aus ist es eine ausgestorbene Sprache, ja, und man kommt da vielleicht auch nicht mehr richtig ran oder nur wenig bekannt. Ich habe auch kein Problem damit, wenn jemand sagt, es könnte ja auch eine Engelssprache sein. Einverstanden, dann kriegen wir sie nicht raus über YouTube, über Facebook und über Google. Das ist geschenkt.
Aber ich wünsche mir, Leute kennenzulernen, die wirklich eine Sprache sprechen. Denn die Funktion dessen, was man da von sich gibt, wenn man die Gabe der Zungenrede ausübt, steht in 1. Korinther 14,20-22.
Die Funktion der Gabe und ihre Grenzen im Gottesdienst
Die Funktion dieser Gabe habt ihr schon in Apostelgeschichte 2 ein wenig gemerkt. Die Funktion hat damit zu tun, dass man in fremden Sprachen spricht und Leute, die diese Sprache verstehen, dadurch aufmerksam werden.
Deswegen schreibt Paulus in 1. Korinther 14,20: Brüder, seid nicht Kinder am Verstand, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstand aber seid Erwachsene. Es steht im Gesetz geschrieben: „Ich will durch Leute mit fremder Sprache und durch Lippenfremde zu diesem Volk reden, und auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.“
Im Alten Testament gibt es also dieses Beispiel, dass Gott durch eine Besatzungsmacht zu seinem Volk redet und sie zur Buße ruft. Und Paulus sagt: So wie es damals passiert ist, so war es übrigens auch in Apostelgeschichte 2. Daher sind die Sprachen zu einem Zeichen, nicht für die Glaubenden, sondern für die Ungläubigen.
Also: Diese Gabe, in fremden Sprachen reden zu können, ist eine Zeichengabe. Sie ist dazu da, Leuten zu begegnen, die nicht gläubig sind. Und deswegen ist mir das so wichtig: Wo wird diese Gabe in Pfingstgemeinden heute so eingesetzt? Das interessiert mich gerade. Und ist da vielleicht manches im Umlauf, wo man einfach skeptisch sagen müsste: Nein, das ist eigentlich nicht mehr wirklich die Gabe?
Ich habe jetzt ein bisschen bei Leuten recherchiert, die alle aus dem Lager der Zungenredner kommen. Es wäre leicht gewesen, in die Literatur von denen reinzugreifen, die das alles ablehnen. Aber ich habe ganz bewusst mal das andere Lager angeschaut. Wie gehen die mit diesem Problem um?
Doktor Christian Rust ist, wer sich in der Szene ein bisschen auskennt, durchaus jemand, den man nicht als problematisch bezeichnen würde. Er ist absolut pro Zungenrede. Er schreibt in einem Artikel von 2009 mit der Überschrift Sprachenrede – die vergessene Gabe aus der Zeitschrift Glaubenszentrum, dass es drei Sorten von Sprachenrede gibt: die richtige, eine seelische und eine okkulte.
Da dachte ich mir: Wenn das schon die eigenen Leute schreiben, interessant, was meint er? Ich sehe das sehr ähnlich, wie er das geschrieben hat. Er sagt: Na ja, nicht alles Zungenreden ist gleich okkult. Also wenn jemand in einer fremden Sprache spricht – auch Satanisten sagen, sie können in anderen Sprachen reden. Was wir nicht sagen können, ist: Alles Zungenreden ist gleich okkult, gleich dämonisch besessen, gleich antichristlich.
Obwohl es eine Reihe von Zeugnissen gibt, wo Leute diese Gabe bekommen haben und später gemerkt haben: Was ich da an Geist abgekriegt habe, war eigentlich nicht positiv.
Seelische Nachahmung und geistliche Echtheit
Was Christian Rust sagt, ist dann: Es gibt so etwas wie seelisches Sprachenreden. Ich stelle es mir persönlich so vor: Wenn ich in einer Gemeinde bin, in der ein unglaublich hoher Erwartungsdruck aufgebaut wird, nach dem Motto: Du musst diese eine Gabe haben, dann werde ich mich anstrengen, das zu erfüllen. Ich werde mich anstrengen, die Erwartungen meiner Freunde zu erfüllen. Wenn man dann noch sagt: Wenn du diese Gabe hast, dann bist du ein Christ der Extraklasse, dann werde ich mich noch mehr anstrengen.
Und wenn dann irgendwelche Laute aus mir herauskommen, die jeder Ungläubige lernen kann, werde ich so lange damit zufrieden sein und das nicht weiter hinterfragen, wenn meine Freunde nur sagen: Jetzt hast du es, jetzt bist du Teil unseres Teams, jetzt ist gut. Und meine Sorge ist, dass das passiert ist.
Die Frage ist: Ist das schlimm? Ist das schlimm, wenn einer einfach so ein bisschen vor sich hin brabbelt? Ja, das ist schlimm, weil Irrtum immer schlimm ist. Irrtum ist immer schlimm, weil die echte Gabe eine bestimmte Funktion hat.
Was ist die Funktion von Zungenrede? Schlagen wir noch einmal Apostelgeschichte 2 auf. Sie ist ein Zeichen für Ungläubige. Aber warum? Wie kann sie zum Zeichen werden? Weil sie einen bestimmten Inhalt hat. Da heißt es in Apostelgeschichte 2,11: Wie hören wir sie von den großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden?
Also: Die stehen da und erzählen jetzt nicht die Weihnachtsgeschichte oder vielleicht doch die schon, aber keine Küchenbackrezepte, sondern sie reden über Gott. Der Inhalt von Zungenrede in Apostelgeschichte 2 ist Lobpreis. Und dasselbe scheint mir in 1. Korinther 14 der Fall zu sein.
In 1. Korinther 14,14-15 heißt es: Denn wenn ich in einer Sprache bete – also hier wird eine Verbindung gezogen zwischen dem Reden in Fremdsprachen und Gebet, ganz spannend – wenn ich in einer Sprache bete, so betet mein Geist, aber mein Verstand ist fruchtleer. Was nun? Ich will beten mit dem Geist in einer Sprache, aber ich will auch beten mit dem Verstand. Ich will lob singen mit dem Geist, aber ich will auch lob singen mit dem Verstand.
Ordnung, Auslegung und Gemeindebau
Echte Zungenrede ist ihrem Inhalt nach Lobpreis und Gebet. Dazu ein paar wichtige Anmerkungen.
Zungenrede ist keine höhere Form des Gebets. Das kann man immer wieder in der Literatur lesen, die aus der Ecke der Pfingstler kommt, aber das stimmt nicht. Das Gegensatzpaar, das hier mit Verstand und Geist im Text aufgebaut wird, beschreibt nicht zwei Qualitätsstufen von Gebet. Es beschreibt vielmehr einerseits ein Gebet, das ich verstehen kann, also Verstand, und andererseits ein Gebet, das ich spreche, aber nicht verstehe, und das meint Geist.
Einmal denke ich nach und formuliere meine Gedanken. Ein anderes Mal rede ich, weiß aber eigentlich nicht, was ich sage. Es geht in 1. Korinther 14 um unterschiedliche Begabungen, niemals um unterschiedliche Reife. Und gerade bei den Korinthern ist es hoffentlich klar, dass Begabung und Reife zwei ganz unterschiedliche Dinge sind. Sie sind extrem begabt, und wenn man den Brief einmal durchliest, merkt man auch: Sie sind extrem kindisch. Paulus sagt bei ihnen sinngemäß, dass man da nur mit geistlicher Milch hantieren kann, mehr geht nicht.
Wenn es stimmt, dass Zungenrede etwas mit Gebet zu tun hat, merkt man dann, wo das Problem liegt? Wenn ich jemanden dazu bringe, wirklich in Zungen zu reden, gibt es kein Problem: Er betet Gott an. Aber wenn jemand seelisch etwas von sich gibt, was einfach nur Gebrabbel ist, wie auch immer er dazu kommt, dann passiert Folgendes: Er betet in dieser Zeit Gott nicht an. Es ist vertane Zeit. Er denkt, er betet Gott an, aber in Wirklichkeit tut er etwas, das sinnlos ist, sinnleer ist. Es spielt keine Rolle, ob er sich danach gut fühlt, vielleicht wie nach einer Entspannungsübung. Es ist kein Gebet.
Meine Sorge bei der Zungenrede, meine größte Sorge, betrifft Geschwister, bei denen ich persönlich den Eindruck habe, dass sie sich noch nicht ganz sicher sind, ob das, was sie da haben, wirklich die Gabe ist. Meine Sorge ist, dass sie denken, sie beten, und es ist nicht wirklich Gebet. Ich sage nicht, dass es die Gabe nicht gibt. Ich sage nur, dass wir im Blick auf diese Gabe ein Stück weit vorsichtig sein müssen, vorsichtig, weil sie in einer Weise um sich greift, bei der man sagt: Es ist schon irgendwie merkwürdig.
Gut, also mein Problem ist, dass ich tatsächlich glaube, dass eine Menge Zungenrede unter falscher Flagge segelt. Aber Missbrauch ist nie ein Grund dafür, den rechten Gebrauch auszuschließen. Das ist ganz wichtig. Es ist eher ein Punkt, an dem man selbst schauen muss: Wie kriege ich heraus, ob das, was ich habe, echt ist? Das ist aber bei jeder Gabe gleich.
Deswegen: Was gibt es zu beachten, wenn man mit Zungenrede in der Gemeinde umgeht? 1. Korinther 14,2 und 1. Korinther 14,9.
Das grundsätzliche Problem bei der Zungenrede ist 1. Korinther 14,2: Denn wer in einer Sprache redet, redet nicht zum Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht es, im Geist aber redet er Geheimnisse. Und Vers 9: So auch ihr, wenn ihr durch die Sprache nicht eine verständliche Rede gebt, wie soll man erkennen, was geredet wird?
Das ist ein Problem. Wenn man die Gabe im Gottesdienst einsetzen will, dann versteht der andere ja nicht, was man sagt. Und das ist erst einmal wirklich eine Schwierigkeit, weil es ja nicht darum geht, sich im Gottesdienst zu produzieren, sondern die anderen aufzuerbauen.
Praktische Konsequenzen für die Gemeinde
Was kann ich da tun? Oder schauen wir uns das Problem erst noch einen Tick genauer an: In Vers 16 und 17 heißt es: Denn wenn du mit dem Geist preist, also wenn du in Sprachen betest, wie soll der, welcher die Stelle des Unkundigen einnimmt, das Amen sprechen zu deiner Danksagung, da er ja nicht weiß, was du sagst? Das ist ein Problem. Das Sprachengebet an sich ist keine Sünde, nur der andere kann nicht Amen sagen. Und deswegen sagt Paulus: Lasst uns überlegen, wie wir mit diesem Problem an sich umgehen.
Vers 17: Denn du sagst wohl gut Dank. Das ist in Ordnung, wenn das passiert. Also die echte Gabe ist völlig okay, das ist in Ordnung, du sagst wohl gut Dank. Aber der andere wird nicht erbaut, der andere bekommt das nicht mit, der hat nichts in dem Sinn davon.
Ihr merkt: Wenn wir beten, dann ist Gebet etwas, wo wir uns gegenseitig erbauen. Wenn wir beten und wenn wir Amen zu den Gebeten sagen, dann bedeutet dieses Amen etwas.
Was soll man tun? Naja, noch ein anderes Problem, Vers 23: Wenn nun die ganze Gemeinde zusammenkommt und alle in Sprachen reden, und es kommen Unkundige oder Ungläubige herein, werden sie nicht sagen, dass ihr von Sinnen seid?
Stell dir vor, du kommst in einen Gottesdienst, wo alle in Zungen reden. Was denkst du? Also erst einmal: Oh ja, hier geht ja heilig. Nein, du denkst: Ich verstehe nur Bahnhof. Und der erste Gedanke ist der, den die auch in Apostelgeschichte 2 hatten: Die sind alle ein bisschen angeheitert hier, schöne lustige Gemeinschaft.
Und Paulus sagt: Vorsicht. Wenn wir einen Gottesdienst feiern, soll die Gemeinde erbaut werden, und die, die von draußen reinkommt, soll nicht den Eindruck haben, hier geht alles drunter und drüber und niemand versteht etwas.
Zungenrede im privaten und öffentlichen Gebrauch
Also, was soll man tun? Zwei Möglichkeiten: Entweder man praktiziert die Gabe für sich selbst, Vers 4, 14.
Vers 4: Wer in einer Sprache redet, erbaut sich selbst. Ich glaube, dass jede Gabe auch zurückwirkt auf den, der sie hat. Wenn du eine Gabe hast und sie ausübst, wird sie einen Einfluss auf dein Leben haben.
Sie ist eigentlich nicht dazu gemacht. Da würden wir uns richtig verstehen: Wir haben die Gaben nicht für uns bekommen. Jede Gabe ist dazu gemacht, dass du am Leib Christi ein funktionierendes Organ wirst. Ein Auge, ein Ohr, eine Lippe, keine Ahnung, von mir aus sogar Dickdarm, ist völlig Wurst. Aber der Leib Christi: Wir haben unterschiedliche Gaben, und jede Gabe ist für sich ein Ding für den Leib. Und trotzdem wird jede Gabe irgendwo auch mich selber prägen.
So, ich glaube, dass Flo Evangelist ist, so von seiner Begabung her. Heißt das, davon haben nur die Leute etwas, mit denen er das Evangelium teilt? Nein, immer auch er, weil er nach dem Gespräch irgendwie so: ja, ja, ja. Also, das wird immer auf ihn zurückwirken.
Wenn du die Gabe des Mitteilens hast, also gerne spendest: Hat dann nur der davon etwas, der das kriegt, das Geld? Nein, nein. Wenn du dein Geld weggibst, das wird auf dich abfärben. Das wird dich prägen, da wirst du etwas davon haben.
Und so ist es auch bei der Gabe der Zungenrede. Völlig okay, wenn jemand es für sich benutzt. Das heißt in Vers 28, und da kommt auch schon die Antwort auf die Frage: Was mache ich in der Gemeinde, wenn dann niemand da ist, der das versteht? Das ist ja relativ simpel. Ja, ich brauche einen Übersetzer.
Da heißt es in Vers 28: Wenn aber kein Ausleger da ist, so schweige er in der Gemeinde, rede aber für sich und für Gott. Also da ist jemand in der Gemeinde, der hat die Gabe, schaut rum, gibt es jemanden, der das auslegen kann, findet keinen und sagt: Okay, dann werde ich nicht reden, aber ich kann für mich reden und für Gott. Also, für mich und für Gott. Ich kann diese Gabe alleine praktizieren.
Oder aber, und das haben wir gerade gelesen, ich schaue: Gibt es einen Ausleger? Denn eigentlich kommt die Gabe der Zungenrede so im Doppelpack. Entweder triffst du nämlich auf Muttersprachler, so wie in Apostelgeschichte 2, dann brauchst du natürlich keinen Ausleger. Aber jetzt stellen wir uns vor, wir würden hier jemanden haben, der in Zungen redet, und keiner würde die Sprache verstehen. Dann würden wir uns wünschen, dass da jemand wäre, der das kann.
Und deswegen gibt es eine zweite Gnadengabe, das ist die der Auslegung. Ich kann eine Gabe übersetzen, ohne sie vorher gelernt zu haben.
Die Gabe der Auslegung und ihre Prüfung
1. Korinther 12,30, nee, das ist falsch, 12,31 am Ende. Legen alle aus? Können das alle? Antwort: nein. Es ist genau so eine Gnadengabe wie die der Zungenrede, quasi einfach nur das Gegenstück.
Johannes Reimer, auch nicht unbedingt jemand, der Kontrapfingstler ist, und ein Buch geschrieben hat, Aufbruch in die Zukunft, wo er durch die ganzen Gnadengaben geht, macht eine Entdeckung, die ich auch gemacht habe. Es gibt im Verhältnis zu der Menge an Leuten, die behaupten, in Zungen reden zu können, sehr wenig Ausleger in Pfingstgemeinden. Also nicht nur, dass Pfingstler zumeist nicht wissen, welche Sprache sie sprechen, es gibt auch extrem wenig Ausleger.
Wir werden jetzt als Projekt irgendwann mal etwas in der Richtung machen. Ich bin sehr gespannt, weil mich das einfach auch interessiert: Wo sind die Leute, die einfach Sprachen übersetzen können, die sie vorher nicht kennen? Ausleger seien es natürlich heikel, weil man so jemanden grundsätzlich besser testen kann. Aber es würde mich trotzdem einfach interessieren. Ich bin wirklich neugierig an der Stelle. Ich will niemanden hier in die Pfanne hauen.
Aber Johannes Reimer schreibt in seinem Buch über Gnadengaben: Das fehlende Gabe der Auslegung kann auch ein Hinweis sein, dass die praktizierten Sprachenreden nicht wirklich vom Geist Gottes gewirkt sind. Und ich finde das zumindest nachdenkenswert, wenn einer, der aus dieser Szene kommt, so etwas formuliert und sagt: Lasst uns doch nüchtern sein. Lasst uns festhalten: Auf der einen Seite da ist eine Gabe, aber wenn da kein Ausleger ist ...
Paulus geht so weit, dass er in 1. Korinther 14,13 den Zungenrednern Folgendes schreibt: Darum, wer in einer Sprache redet, bete, dass er sie auch auslege. Das wäre die Aufgabe, die jeder, der eine Gabe der Zungenrede hat, hat: zu beten, dass er sie auslegen kann, damit sie zugänglich wird im Gottesdienst für die Geschwister.
Denn nochmal: Die Gaben, die wir haben, sind uns dazu gegeben, dass wir einander erbauen. Und wenn das nicht geht, dann muss tatsächlich der, der in Zungen reden kann, schweigen. Und das wäre, wenn es die wirkliche Gabe ist, eigentlich falsch. Das heißt: Wo es die Gabe gibt, da müssen wir dafür beten, dass es Auslegung gibt. Da müssen wir dafür beten, dass diese Gabe in einer Gemeinde wirksam wird, weil anscheinend Gott die Idee hat, dass diese Gabe in der Gemeinde sinnvoll eingesetzt werden soll.
Und gleichzeitig müssen wir auch ganz nüchtern bleiben und sagen: Okay, ist vieles von dem, was sich unter der Flagge, was unter der Rubrik Zungenrede läuft, echt? Und wir müssen uns an der Stelle einfach ganz nüchtern fragen: Wie können wir uns da positionieren? Wie sollen wir als Gemeinde damit umgehen, wenn jemand sagt, ich kann in Zungen reden?
Zusammenfassung und Schluss
So, lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe Sorge, dass ich es nicht gut genug rübergebracht habe. Ich fasse das in drei Sätzen zusammen.
Erstens: Ich glaube an die Gabe. Mein Hauptargument ist, dass der Geist gibt, wie er will. Ich werde mich nie hinstellen und sagen, es gibt irgendeine Gabe nicht mehr. Ich glaube sogar, es gibt mehr Gaben, als in der Bibel stehen, weil der Geist uns genau das gibt, was wir als Gemeinde brauchen, um als Organismus im 21. Jahrhundert voll funktionsfähig das Evangelium zu verkünden.
Zweitens: Ich glaube, dass vieles, was jetzt im Bereich pfingstlerischer Theologie behauptet wird, nicht biblisch ist, vor allem das Thema Geistestaufe und vor allem dieser Zwang, dass jeder in Zungen reden können muss. Das halte ich für grundweg falsch.
Drittens: Wo die Gabe ist, lohnt es sich, oder ist es, glaube ich, wichtig, dass wir darüber nachdenken: Ist das, was da praktiziert wird, wirklich die Gabe? Dann muss sie gefördert werden, dann braucht es Auslegung dazu, und dann muss sie nutzbar gemacht werden für die Gemeinde. Oder ist es etwas anderes? Etwas, das sich nur wie diese Gabe darstellt, aber es nicht wirklich ist? Dann muss man auch eine Offenheit haben, darüber zu reden.
Und ich wünsche mir für uns als Gemeinde, dass wir das hinkriegen. Dass jetzt nicht die, die an dieser Stelle affiner sind zu dieser Gabe, sich in irgendeinen Schützengraben einbuddeln und sagen: Wie konnte der so eine Predigt halten? Dass nicht die anderen, die vielleicht vorher immer dachten, das hat schon lange aufgehört und das darf es gar nicht mehr geben, auch nur noch mit Steinen schmeißen, sondern dass wir miteinander über diese Gabe ins Gespräch kommen und da überlegen: Was ist da, was ist da nicht? Und dass wir das nutzen, was Gott uns als Gemeinde gibt.
Letzter Satz: Es ist ein sekundäres Thema, das unser Christsein nicht definiert. Amen.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
Seine App "Frogwords" gibt's für Android und iOS.
Jürgens aktuellste Gebets-Infos gibt's hier zum Lesen und Abonnieren.
