Einführung in die Bedeutung der Christusbeziehung
Dekonstruktion – Wenn der Glaube zu zerbrechen droht
Ein Gastbeitrag von Jennifer Keller, Theologin, Sozialarbeiterin und Expertin in Sachen Dekonstruktion
Heute dreht sich alles um den Wert einer tiefen Christusbeziehung. In der letzten Episode haben wir uns angeschaut, welche unterschiedlichen Auslöser es für Dekonstruktion geben kann. Dabei ging es mir vor allem darum, nicht nur zu informieren, sondern zum Nachdenken einzuladen. Es ging darum, welche dieser Themen dich persönlich betreffen, wo du innerlich ins Ringen kommst und wo vielleicht auch Schritte nötig sind, um Dinge ehrlich anzuschauen und Missstände nicht einfach stehenzulassen.
Heute wollen wir uns anschauen, was es bedeutet, dass es in unserem Glauben um eine Beziehung geht und weniger um das System drumherum. In dieser Beziehung geht es darum, Jesus immer besser kennenzulernen und nicht einfach nur Fakten über ihn auswendig zu lernen. Es geht nicht darum, zu definieren, was richtig und falsch ist oder wer drinnen und draußen ist.
Wir betrachten zwei Punkte, die für unsere Dekonstruktionsprophylaxe sehr wichtig sind.
Die Einladung zur Beziehung vor dem System
Der erste Punkt: Jesus ruft nicht in irgendein theologisches System. Unser Glaube beginnt nicht mit einer theologischen Fragestellung, sondern mit einer Begegnung mit Jesus. Menschen werden nicht in eine Lehre hineingerufen, sondern in eine Beziehung.
Jesus sagt nicht zuerst: „Versteht alles richtig, sondern folgt mir nach.“ Von der Beziehung ausgehend folge ich der Lehre Jesu und der Apostel und übe mich im Gehorsam. Jesus beschreibt diese Beziehung als ein gegenseitiges Kennen.
In Johannes 10,14 schreibt er: „Ich bin der gute Hirte, ich kenne meine Schafe, und meine Schafe kennen mich.“ Schafe kennen ihren Hirten sehr gut. Sie können ihn an seiner Stimme erkennen und wissen, dass er es gut mit ihnen meint. Umgekehrt kennt der Hirte seine Schafe sehr genau, sogar mit Namen. So kennt Jesus dich.
Frage: Kannst du seine Stimme unter den vielen Stimmen dieser Welt unterscheiden?
Weiter lesen wir in Markus 3,13-14: „Dann stieg Jesus auf einen Berg und rief die zu sich, die er bei sich haben wollte. Sie traten zu ihm, und er wählte zwölf von ihnen aus, die er ständig um sich haben oder besser, dass sie bei ihm seien und später aussenden wollte.“
Jesus lädt die Jünger zum Sein ein, bevor sie ausgesendet werden. Erst kommt die Beziehung, dann das Tun für Jesus.
Aber das Sein vor Jesus fällt uns in der Regel schwerer als das Tun für Jesus, denn es ist leichter, das Wissen über Jesus anzuhäufen, als eine Beziehung zu ihm zu bauen. Es ist leichter, Wissen zu haben, als ihm zu vertrauen. Es ist leichter, für Jesus etwas zu tun, als sich ehrlich die Frage zu stellen, ob ich wirklich gläubig bin.
Die Wiederherstellung der Beziehung trotz Scheitern
In unterschiedlichen Situationen ruft Jesus die Gescheiterten und Zweifler zurück in die Beziehung.
In Johannes 21,15-23 begegnen uns die Jünger nach der Auferstehung nicht beim Verkünden der Auferstehung und nicht beim Bau des Reiches Gottes. Stattdessen fischen sie – sie tun das, was sie kennen. Petrus ist vor kurzem daran gescheitert, in der Öffentlichkeit zu Jesus zu stehen. Dreimal hat er ihn verleugnet.
Nachdem die Jünger Fische gefangen hatten, wurde gefrühstückt. Nach dem Frühstück spricht Jesus mit Petrus und fragt dreimal: „Hast du mich lieb?“ Dreimal bejaht Petrus das, und Jesus antwortet: „Weide meine Lämmer, hüte meine Schafe, hüte meine Schafe.“
In Vers 19 lädt Jesus ihn erneut ein: „Komm, folge mir nach.“ Jesus beauftragt Petrus, sich um die Schafe und Lämmer zu kümmern. Die Grundlage dafür ist die Liebe zu ihm.
Petrus hat eine tiefe Scham über sein Scheitern empfunden. Jesus stellt diese Scham wieder her – ein wichtiger Aspekt des Evangeliums. Jesus stellt die Beziehung wieder her, bevor Petrus weiterzieht.
Die Erkenntnis durch Begegnung statt Wissen
In Lukas 24,13-35 lesen wir von den Emmaus-Jüngern, die nach der Kreuzigung völlig verzweifelt und frustriert sind. Ihre Erwartungen sind nicht erfüllt worden. Sie hatten einen mächtigen Erlöser erwartet und klare Vorstellungen davon, wie alles ablaufen sollte.
Diese Vorstellungen erklärten sie einem Fremden, der mit ihnen unterwegs war. Wir wissen, dass es Jesus selbst war. Jesus erklärt den beiden den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament, was geschehen musste und vieles mehr. Doch erst bei der Begegnung beim Abendessen mit diesem für sie Fremden erkennen die beiden, dass es Jesus selbst ist.
Auch hier geht es wieder um die Begegnung, um die Beziehung zu Jesus, die ihnen eröffnet, was er ihnen erklärt hat. Ihr scheinbares Wissen hat ihnen nicht geholfen.
Wir stehen in einer engen Beziehung zu Gott, die durch den Heiligen Geist bezeugt wird. In Römer 8,16 heißt es: So macht sein Geist uns im Innersten gewiss, dass wir Kinder Gottes sind.
Als Kinder brauchen wir die Beziehung zu unseren Eltern. Wir brauchen das Nah-Dran-Sein an ihnen, damit wir wachsen und uns gut entwickeln können. Wir brauchen ihre Förderung, ihren Zuspruch und ihr Durchgreifen, damit wir zu reifen Persönlichkeiten werden.
Genauso ist es mit Jesus. Wir brauchen die Nähe zu ihm, damit wir geistlich reife und mündige Persönlichkeiten werden, die ihm ähnlicher werden.
Die zentrale Rolle des Gebets in der Beziehung zu Gott
Der zweite Aspekt, den ich heute beleuchten möchte, ist das Gebet. Das Gebet als Beziehungsbasis ist unverhandelbar. Es ist das Herzstück unserer Beziehung zu Gott. Dabei geht es nicht darum, Gebetslisten abzuhaken oder eine bestimmte Zeitspanne abzuleisten, die gerade noch ausreicht. Gebet ist der direkte Kommunikationsweg zu Gott.
Gebet darf durchdacht sein, und Listen können dabei eine Hilfe sein. Wenn du nicht weißt, was du beten sollst, kannst du dich mit Fürbitte beschäftigen. Dennoch darf Gebet keine lästige Pflicht werden. Es ist eine Einladung, Jesus zu begegnen und unsere Sorgen sowie Anliegen bei Gott abzugeben.
Paulus schreibt im Philipperbrief 4,6-7: Macht euch keinerlei Sorgen, sondern bringt alle eure Anliegen im Gebet mit Bitte und Danksagung vor Gott. Und der Friede Gottes, der alle menschlichen Gedanken weit übersteigt, wird euer Herz und euer Denken in Christus Jesus bewahren.
Wir dürfen alles bei Gott abgeben. Wir dürfen es ihm förmlich vor die Füße werfen. Wenn wir das tun, wird sich etwas in unserem Herzen verändern. Im Gebet hört nicht nur Gott uns, sondern auch wir hören Gott. Gott will aktiv in unser Leben hineinsprechen – durch sein Wort und durch das Gebet.
Das Maß deines Seelenfriedens hängt von deinem Gebetsleben ab. Wann hast du das letzte Mal so lange gebetet, dass du wirklich satt und zufrieden warst?
Vertrauen und Loslassen in der Beziehung zu Jesus
Die Fragen des Zweifels sind wichtig, doch Antworten ohne die Beziehung zu Jesus werden nicht lange tragen. Die Beziehung zu Jesus kann jedoch tragfähig sein, auch wenn ich nicht auf alle meine Fragen perfekte Antworten habe.
Oft denken wir in einem theologischen System, das vorgibt: Das eine ist richtig, das andere falsch. So muss es sein, nicht anders. Ein theologisches System oder irgendeine Art von System vermittelt mir das Gefühl, alles im Griff zu haben. Es gibt mir das Gefühl, Gott ein Stück weit für mich begrenzen zu können, damit er greifbar bleibt. Kontrolle an dieser Stelle abzugeben, ist jedoch sehr schwer.
Die Beziehung zu Jesus lädt uns immer wieder ein, die Kontrolle abzugeben und loszulassen. Wann hast du ihm das letzte Mal gesagt, was du nicht verstehst? Wann hast du ihm das letzte Mal gesagt, was dich ärgert? Wann hast du ihm das letzte Mal gesagt, dass du einfach nur müde bist? Jesus lädt uns ein, ihm zu vertrauen.
Das heißt nicht, dass wir nicht mehr nachdenken sollen. Im Gegenteil: An verschiedenen Stellen sind wir aufgefordert, nachzudenken und unseren gesunden Menschenverstand einzusetzen. Letztlich führt Nachdenken ohne die Beziehung zu Jesus zu nichts.
Eine Theologie ohne Gebet wird kalt. Ein Glaube ohne Beziehung wird hart. Ein theologisches System ohne Vertrauen steht auf wackeligem Fundament. Ein Herz, das mehr an Menschen und der Gemeinde hängt, wird enttäuscht und verletzt werden.
Reflexion und persönliche Bestandsaufnahme
Was könntest du jetzt tun? Mach eine Bestandsaufnahme. Was gibt mir Sicherheit in meinem Glauben?
Sind es die Geschwister in der Gemeinde, die Ältesten, der Pastor? Sind es meine Freunde, meine Peergroup und mein Hauskreis? Sind es die routinierten Gottesdienste, die Lehre und die Tradition? Oder ist es Jesus, die Beziehung zu ihm und sein Wort?
Es sind meistens mehrere Dinge, die uns in unserem Glauben Sicherheit geben. Aber was würde passieren, wenn unabhängig von Jesus eines dieser Dinge wegfallen würde? Was ist das Problem, wenn mein Glaube an Gemeinde und Menschen hängt?
Eine zweite Frage, über die du nachdenken kannst: Wer ist Jesus für mich? Formuliere folgenden Satz aus: Jesus ist für mich ... Und denk darüber nach, was du da aufgeschrieben hast.
Ich will dich ermutigen, ehrlich zu dir selbst zu sein und zu reflektieren, woran dein Glaube hängt. Amen.
