Zum Inhalt

Wie man fest und gewiß wird

1. Korinther 1,802.11.1980
Nicht die Kirche trägt dich, sondern Christus. Wer sich an ihn hält, kann auch ohne Applaus, Sicherheit und Rückhalt fest bleiben – bis ans Ende.

Einleitung und biblischer Ausgangspunkt

In der Reihe „Faustpfänder des Glaubens“ sprechen wir heute darüber, wie man fest und gewiss wird.
Wir haben aus 1. Korinther 1 gelesen, und zwar ab Vers 6. Man kann ja oft einen Vers nicht so aus dem Zusammenhang herausreißen. Deshalb lese ich nun doch von Vers 6 an, auch wenn der Schwerpunkt nachher auf Vers 8 liegt:
Die Predigt von Christus ist unter euch so wirksam geworden, dass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe, während ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus wartet.
Jetzt kommt unser Vers:
Er wird euch auch fest erhalten bis ans Ende, damit ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.
Frei übersetzt: dass niemand an euch mehr etwas kritisieren kann, selbst am Gerichtstag Gottes.
Erläutere du selber dein Wort! Amen!

Der Reformationstag als Anlass zur Selbstprüfung

Reformationstag, also ein festlicher Anlass, ist das nicht. Wir können heute nicht mehr wie in den Jahrhunderten vor uns diese triumphalen Reformationsfeiern begehen. Das kam ja daher, dass man ein falsches Geschichtsbild hatte.
Man hat sich eingeredet, die Reformation sei der Moment gewesen, in dem Martin Luther die Türen des finsteren Mittelalters aufgestoßen und die Menschheit in eine sonnige, herrliche Zukunft geführt habe. Denn diese Zukunft, so hieß es, sei die Entdeckung der menschlichen Vernunft. Das war die Zeit der Aufklärung, in der der Mensch sagte: Sieh, ich bin doch noch jemand. Martin Luther hat uns dorthin geführt, zur Mündigkeit des Menschen, hat uns frei gemacht von allem anderen. Aber diese Bewegung hat ja im Unglauben geendet.
Und wir können heute nicht mehr so leicht vom Fortschritt reden. Wir haben ja sehr viele Fragen, ob diese Welt heute wirklich noch den Fortschritt in sich trägt. Reformation, dann erinnern wir uns an etwas anderes. Dann erinnern wir uns daran, wie die Kirche entartete. Das ist kein festlicher Anlass.
Damals, als hätten die Menschen zum Himmel gewiesen werden sollen, haben die Kirchenfunktionäre die größten Schätze auf Erden zusammengesammelt. Statt dass man von der Gerechtigkeit Gottes gesprochen hat, hat die Schlitzohrigkeit der Menschen Triumphe gefeiert. Und Heuchelei und Hurerei, das war in der Kirche gang und gäbe. Es gab Menschen, die sich mit göttlicher Autorität umgaben und dabei das Wort Gottes mit Füßen getreten haben. Das sind wahrlich keine Gründe zum Feiern.
Vielleicht hat man das in vergangenen Jahren auch nur deshalb gefeiert und immer ganz breit ausgetreten, auch von den Kanzeln, weil man gesagt hat: Lieber Gott, wie froh bin ich, dass ich nicht die und die Konfession habe. Ich bin ja evangelisch, ich bin protestantisch, bei mir gibt es so etwas nicht. Das ist die andere Konfession, die mit dem anderen Gesangbuch. Ja, ja, da waren so wüste Dinge drin. Und es ist gar nicht verwunderlich, dass dann ein Remigius Bäumer einmal den Spieß herumdreht und uns sagt: Bei uns auch nicht so ganz sauber. Aber ich will jetzt nicht darüber streiten, wer da Recht hat. Ich glaube, dass beides müßig ist.

Die Kirche als menschliche und gefährdete Wirklichkeit

Ist das nicht eine Erinnerung daran, dass die Kirche eine sehr menschliche Einrichtung ist? Das regt manche auf, ich sage das sehr bewusst, ich sage das sehr überlegt. Die Kirche Jesu Christi auf Erden ist eine sehr menschliche Einrichtung.
Und das können Sie schon beim Israel des Alten Testaments beobachten: Dort, wo Gott sich offenbart hat, wucherte selbst am Tempel der Götzendienst. Sie sind nicht davor zurückgeschreckt, die ehrende Schlange in den Tempel zu stellen und anzubeten. Sie waren auch in Jerusalem nicht zu gut dafür, Menschen dem Gott Moloch zu opfern. Dass sich das Gottesvolk so verändern kann, ja, so verdrehen kann, ins Gegenteil, das ist erschütternd.
Und sagen Sie jetzt nicht, dass die Urgemeinde so über allen Nöten und Sünden erhaben gewesen sei. In der Urgemeinde wissen wir sehr wohl von groben Sünden, von Ananias und Saphira. Wir wissen von Spannungen, die es gegeben hat, und von Missständen, die damals auch unter diesen Christen Einzug gehalten haben. Darum kann ich mich nicht trösten.
Ja, was sollen wir dann tun? Dann ist das am Reformationstag ja schwierig. Jetzt will ich bloß fragen: War das nur damals so, im Jahre 1517, oder ist das nicht eine dauernde Bedrohung der Kirche? Dann sollten wir sehr gezielt fragen: Herr, was ist mit uns? Wie sieht es bei uns aus? Stimmt unser Leben mit deinem Wort denn überein?
Das ist kein Anlass zum Triumphfeiern. Dann ist der Reformationstag ein Tag, an dem wir uns überlegen, ob wir nicht zur Buße, zur Umkehr kommen sollten, ob wir uns vor Gott nicht beugen sollten unter der Schuld unseres Lebens. Das ist erschütternd, dass sich die Kirche verdrehen kann, zu einer sehr, sehr, sehr von Gott abgefallenen, teuflischen Vereinigung, und dass das uns jeden Tag bewusst sein muss. Das ist der Anlass des Reformationstages.
Da wollen wir daran denken, dass der Teufel mit Vorliebe die frommen Masken trägt und dass Gottes Gerichte in der Kirche beginnen. Oft ist die Entartung der weltlichen Organisationen und Vereinigungen gar nicht so schlimm, wie man es oft predigt, sondern es ist viel, viel schlimmer, wenn ein Christ von seinem Herrn abfällt und ihm das Wort Gottes untreu wird. Denn dann ist es, als wenn sie in Verkehrszeichen an der Straße umdrehen. Dann kommt alles durcheinander, dann stimmt nichts mehr.
Denn die, die das Wort Gottes haben, die müssen ja noch Orientierung geben können. Wenn das hinfällt, dann geht erst die Welt zugrunde.

Warnung vor falschen Zufluchten und die eigentliche Frage nach dem Glauben

Nun gibt es manche, die das befriedigt hören und es ausschlachten werden. Sie werden sagen: Aha, jetzt hat er etwas gesagt, darum verlasse ich die Landeskirche und gehe zu irgendeinem Sektenverein. Und dort ist dann das Reich Gottes verwirklicht: Oh, wie wir uns lieb haben, und wenn nicht die und jene da sind, dann ist es perfekt.
Wenn sie dumm sind, machen sie so etwas, wenn sie naiv sind. Sie sollten wissen, dass das mit Vorliebe genau der gleiche Tummelplatz des Teufels ist, dass er sich genau diese Maske anziehen kann und dass das gar keine Rettung ist. Der Teufel beherrscht auch das pietistische Entschiedenheitsvokabular aufs Beste. Und wenn sie sich nur ein wenig nüchtern umsehen, müssen sie sagen: Ja, das ist ja überall eine Not, selbst da, wo man behauptet, es wäre alles so vorbildlich und perfekt. Das mag in den ersten zwei Gründerjahren noch relativ ordentlich sein, aber dann auf einmal gibt es da ganz andere Strömungen.
Jetzt werden Sie unsicher und sagen: Ja, wohin soll ich mich denn dann wenden? Sie sollen nicht an die Kirche glauben, das wäre das erste wichtige Wort vom Reformationsfest, sondern Sie sollen selbst glauben. Darum spreche ich heute darüber, wie man fest und gewiss wird. Ich möchte zuerst darüber sprechen: fest werden, fest werden.
Die Reformation hat eine ungeheure Erschütterung der damaligen Welt mit sich gebracht. Das hat ja Kaiser und Reich nicht losgelassen. Die Reichstage waren von diesem Thema beherrscht, von dem Thema, das damals Martin Luther stellte. Und Sie fragen mit Recht: Wie ist denn das möglich? Martin Luther hatte keine Presseorgane hinter sich, er hatte keine weltliche Macht hinter sich. Wie ist es ihm nur gelungen, die Menschen auf sein Thema hinzulenken?
Manche meinen heute, das sei damals so in der Luft gelegen. Ich weiß nicht, ob das so in der Luft gelegen war. Das leichtsinnige Leben, das gottlose Leben lag damals bei Kaiser und Papst sehr viel mehr in der Luft. Martin Luther hatte weniger hinter sich als Johann Hus, den sie in Konstanz verbrannt haben. Johann Hus hatte noch das böhmische Volk hinter sich, das war eine Volksbewegung. Martin Luther war ein Einzelner.
Aber was war geschehen? Er hatte für sich allein die Frage durchgedacht, worauf der Mensch sich fest verlassen kann. Er hat die Sinnfrage nach seinem Leben gestellt, er hat darüber nachgedacht und hat sich mit den verbreiteten Antworten nicht begnügen lassen. Er hat weiter gefragt und geforscht, und bei diesem Forschen über der Bibel ist ihm in einer neuen Weise bewusst geworden, was schon immer in der Bibel drin stand: Jesus Christus ist für unsere Schuld gestorben, der einzige Halt des Menschen im Leben und im Sterben.
Darum hat es Luther geärgert, dass man Menschen an kirchliche Institutionen binden wollte oder dass man ihnen andere Sicherheiten geben wollte als allein Jesus Christus und den Glauben an ihn. Von seiner Entdeckung her fiel ihm erst der Unterschied auf zwischen kirchlicher Anmaßung und dem, was Gottes Wort wirklich sagt. Und darum hat er in diesen heftigen Worten gesprochen, darum hat er diese falschen Autoritäten angebrannt, angegriffen, er hat sie nicht mehr gelten lassen vor dem einen, was er sagen wollte: Ich bin nur in Jesus geborgen. Ich muss das für mich selber wissen, ob Jesus mich angenommen hat, ob ich bei Christus stehe und ob er mich hält.
Das hat ihm eine unheimliche Sicherheit gegeben, so unheimlich, dass wir als Kinder schon immer gestaunt haben, wie er damals nach Worms zum Reichstag zog und sagte: Und wenn so viele Teufel wie Dachziegel da drinnen sitzen, dann ist das so. Ist es möglich, dass ein Mensch so eine Festigkeit bekommt durch seine Verbindung mit Jesus, dass er Mut hat und sagt: Da kann doch nichts mehr geschehen?
Und er hat die Gemeinde Gottes, die Gläubigen, zurückrufen wollen und sagt: Lasst doch alle falschen Sicherheiten. Das nützt euch nichts, ob die Welt euch schönredet, ob die Menschen für euch sind, ob er Macht oder ob er Geld hat, es ist völlig unwichtig. Ihr könnt selbst gegen Kaiser und Reich stehen, aber wichtig ist, ob ihr Gottes Gnade empfangen habt. Ob Gottes Gnade euch gilt, dann können die Pforten der Hölle euch nicht überwältigen.

Die Kraft des persönlichen Glaubens und der Ruf zur Standhaftigkeit

Wenn wir heute Reformationsfest feiern, ist das eine Frage an uns: Haben wir diese Glaubensgewissheit und diese Festigkeit?
Wir wissen: Was sollen wir denn tun in der Mission? Wenn Sie die Ratgeber fragen, wenn Sie die Menschen der Welt fragen, was sie tun sollen, dann bekommen Sie lauter verschiedene Antworten. Das macht irritiert. Und heute macht ja die Christenheit einen sehr verzweifelten Eindruck. Sie kann die Stimmen, die da kommen, nicht mehr ordnen.
Da hilft doch dann nur eine Rückkehr. Machen Sie doch diese Rückbesinnung! Das war in der Reformation nicht von oben nach unten organisiert, sondern das war eine Bewegung von einzelnen Menschen, die den Ruf aufnahmen. Dann machen Sie das wieder und sagen Sie: Wo gibt Christus mir einen Auftrag? Und wenn ich Christus hinter mir habe, dann bin ich stärker als tausend und abertausend Menschen um mich her. Wenn Christus lebendig hinter mir steht, dann kann ich ungeheuer viel wirken. Und dann macht das gar nichts aus, wenn ich Widerspruch empfange, wenn ich von Menschen angegriffen werde und unter Feindschaft stehe. Ich bin von Christus gehalten und geborgen.
Man hat jetzt immer wieder an die 450 Jahre Augsburger Konfession erinnert. Damals hat ja Luther sehr gebangt um die Sache des Evangeliums. Er saß auf der Feste Coburg, das war der äußerste Platz, wo er noch unter einem Landesfürsten war, der ihn behüten und beschützen konnte. Nach Coburg selbst konnte er nicht hineingehen, weil er seines Lebens nicht mehr sicher war. Dort hat er die Auslegung des 118. Psalms geschrieben, unter dem Eindruck der Kompromissleute von Augsburg auf dem Reichstag.
Er hat den Philipp Melanchthon angefläht: Du suchst eine Sache mit Tricks durchzukriegen. Statt dass du auf den Herrn baust! Das braucht doch der Herr nicht, Diplomaten! Die Sache Jesu wurde immer so gebaut, wo keine Hoffnung mehr war. Und lassen Sie mich im Originalton Martin Luther lesen, wenn er da sagt:
Stoßen können sie, aber fällen können sie nicht; matt machen können sie, aber ausrotten können sie nicht; schlagen können sie, aber zwingen können sie nicht; hindern können sie, aber wehren können sie nicht; Zähne blecken können sie, aber fressen können sie nicht; morden, brennen, hängen, ertränken können sie, aber dämpfen können sie nicht. Die Bewegung des Reiches Gottes können sie doch nicht dämpfen. Morden, brennen, hängen, ertränken können sie, verjagen, rauben, nehmen können sie, zum Schweigen bringen können sie dennoch nicht.
Da steht das Ziel: Der Herr hilft mir. Wer sind die, die wieder mit des Herrn Hilfe etwas auszurichten vermögen? Wie werden sie fest?
Paulus spricht davon, dass das Wort unter euch kräftig geworden ist. Das Wort, das hier für kräftig steht, heißt: Es ist in eurem Leben befestigt geworden. Das war der Anfang der Reformation. Alle anderen Deutungen sind nicht richtig. Das war der Anfang, dass ein Mensch in seinem eigenen Glaubensleben das mit Jesus Christus festmachte und ihm glaubte. Er hat erkannt, was Christus ihm gab, und dann hat er gesagt: Das stimmt doch gar nicht, dass man sich auf seine Taufe berufen kann.
Das stimmt auch so nicht, wenn Sie sagen, dass Luther sich so auf seine Taufe berufen habe. Luther lehrte nicht eine Sakramentsgewissheit, sondern sagte: Im Sakrament gibt sich dir Christus. Und er hat vom Abendmahl gesagt: Nicht das Essen macht’s, nicht das, was du zwischen den Zähnen hast, macht’s, sondern glaubst du, so hast du Christus für dich hingegeben, für deine Sünden in den Tod gegeben. Und dann werden sie fest, dann haben sie eine Festigkeit.

Standhaftigkeit im Alltag, in der Kirche und in Verfolgung

Wir können hier im zwanzigsten Jahrhundert Großes vollbringen. Zweitens muss ich jetzt vom Feststehen reden. Das hängt ganz eng damit zusammen. Das sieht so aus, als ob die Evangelischen dann sture Böcke wären. Ich liebe das Wort Protestanten gar nicht, weil das so vom Protestieren herkommt.
Ich glaube, dass evangelische Christen, wenn sie Jesus als ihren Herrn erkannt haben, sehr feststehende Leute sind. Mutig. Und da merkt man auf einmal: Das war ja nicht bloß in der Zeit der Reformation so. Sobald Menschen im Evangelium erkannt haben: Das ist der Auftrag, das muss sich verkündigen, dann blieben sie der Zeitmode zum Trotz bei ihrer Sache.
Das kann man ja gar nicht glauben, dass in Württemberg, einmal in unserem frommen Württemberg, das Konsistorium, die Kirchenleitung selbst beunruhigt war, weil in Tübingen einige rohe Gorken Weingärtners Leute in Häuschen zusammenkamen und miteinander die Bibel lasen. Oh, was wird da geschehen? Es ist merkwürdig, dass sogar Christen darüber Angst kriegen. Wenn sie ernst machen mit dem Glauben, werden sie staunen, unter welchen Beschuss sie geraten, und zwar von Leuten, von denen sie immer bisher gemeint haben, die wären fromm.
Mich bedrückt das bei meiner Arbeit von Licht im Osten, dass die Verfolgung, die es mit der stalinistischen grausamen Verfolgung aufnehmen kann, in vielem vielleicht sogar noch unmenschlicher, wahrer als die stalinistische Zeit, von der orthodoxen christlichen Kirche ausging gegen die bekehrten und wiedergeborenen Christen in Russland.
Ich habe mich in der letzten Zeit mit der englischen Erweckung beschäftigt, um 1740, dieser Erweckung, die an England ganz viel bewirkt hat. Damals herrschten in England Kirchenzustände, die man kaum beschreiben kann. Dort gab es Bischöfe, die in sechs Jahren nicht einmal ihre Diözese aufsuchten. Die hatten dort einen Verweser eingesetzt, und damit liefen ihre Pfründe noch 1740.
Dort waren zwei junge Prediger. Der eine war der Sonnyboy der damaligen anglikanischen Kirche, Whitfield, der eine Predigerstelle in Westminster Abbey gehabt hatte. Aber sie sagten: Whitfield, so darfst du nimmer predigen, das kann man hier nicht tun. Und sie wissen, dass er dann auf die Straße ging. Er wurde dieser Straßenprediger. Sie müssen noch lesen, wie er gezittert hat, als er die ersten Hundert um sich sammelte, als sie ihn aus der Kirche hinausgeworfen haben.
Und dann hatte er Wesley überzeugt. Das waren jene Bergarbeiter, die damals so maßlos ausgebeutet wurden. Und da haben sie erst gemerkt, dass das Führung Gottes sein kann. Da ist ja diese große Sozialbewegung in England entstanden. Das war diese große Glaubensbewegung, die sich um die Rechte der Menschen angenommen hat. Aus Glauben, da sind Menschen festgestanden.
Bei der Heilsarmee können Sie es verfolgen, als sie auf einer Kirchenversammlung damals in der Methodistenkirche, einer Freikirche, selbst das hat sich hundert Jahre in der gleichen Kirche, die aus Wesley entstand, wiederholt. Da wollten sie den jungen William Booth unter Druck bringen und haben von ihm verlangt, dass er sich endlich ihren Anordnungen beugt und nicht mehr so, wie er sagte. Er muss es um seines Glaubens willen tun. Oben auf dem Tor saß seine Frau, die ihm nur zunickte, und dann stand er auf. Damit hatte er die Methodistenkirche verlassen. Ich kann mich hier nicht ungeistlichen Anordnungen beugen.
Jetzt damit will ich nicht sagen, dass Sie in jedem Fall, wenn Sie Angriffe haben oder Widerspruch haben, sagen, Sie seien auf der rechten Linie. Das müssen Sie am Wort Gottes prüfen. Und das waren Kämpfe, die auch in der Reformation viel, viel persönliche Nöte gebracht haben. Wie oft war Luther angefochten: Bin ich wirklich richtig? Die, die das so sicher sagen können, die sind sicher gar nicht auf dem richtigen Weg. Das ist wieder eine Sektenart, wo Menschen in ihrer eigenen Bewunderung sagen: Ich habe den Weg Gottes gefunden. Das meine ich gar nicht.
Aber dass Gott von Ihnen verlangt zu stehen, der wird euch fest erhalten bis ans Ende, fest erhalten, dass sie stehen können. Natürlich stehen wir heute einsam gegen eine Meinung unserer Zeit. Viele Schüler sind schon in ihrer Schule in Auseinandersetzungen großer geistiger Art hineingerissen. In ihren Familien stehen sie und sagen: Ich kann nicht mehr mit. Sie müssen stehen.
Und diese Kämpfe sind am allerschlimmsten innerhalb der Kirche, in der Christenheit. Ich kann mir denken, wie auch in der Geschichte des offenen Abends, wir wollen nicht viel darüber reden, das Jubiläum ist am 6. November im Hospitalhof und nicht hier, aber wie das oft war, dass man Prügel von irgendwoher bekommen hat, von Menschen, wo man dachte, die müssen sich doch eigentlich mitfreuen, was hier geschieht. Steht fest, steht fest.
Ich will noch einmal lesen, Luther von der Feste Coburg an den Philipp Melanchthon, den Zweifler, den Zaudernden, den Unsicheren. Da schreibt er: Der Ausgang der Sache martert dich. Gott hat dich in eine Sache gestellt, Philipp, den du weder in deiner Rhetorik noch in deiner Philosophie findest. Der heißt Glaube. Der Herr hat verheissen, dass er im Dunkeln wohnt, und Finsternis hat er zu seiner Hülle gemacht. Hätte Mose das Ende begreifen wollen, wie er dem Heer Pharaos entgehen könnte, Israel wäre vielleicht bis auf den heutigen Tag noch in Ägypten. Daher mehre dir und uns allen den Glauben. Was kann der Satan samt der ganzen Welt antun, wenn wir den Glauben haben? Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?
Der wird euch fest erhalten bis ans Ende. Stehen Sie fest! Da, wo wir abweichen von den Befehlen unseres Herrn, wo die Christenheit abweicht, ist sie unnütz und wird hinausgeworfen. Das ist das Erschütternde, was uns die Reformationsgeschichte lehrt. Und wo einzelne ernst machen, kann Gott seine Gemeinde erneuern und Großes wirken.

Hoffnung für die Zukunft und der Blick auf Gottes verborgenes Handeln

Vielleicht habe ich heute zu viele Beispiele. Ich will sie Ihnen doch alle noch sagen. Ich will sie nicht bis zum letzten Mal aufheben. Mein Herz ist voll davon, damit Sie verstehen, worum es geht.
Im deutschen Missionsjahrbuch 1980 steht die Geschichte des Kirchenpräsidenten der Mekane-Jesus-Kirche in Äthiopien, der Kirche, die jetzt auch in sehr große Bedrohung gestellt ist, wo es wiederum um dieses Feststehen geht.
Die Anfänge liegen bei dem schwäbischen Missionar Doktor Ludwig Krapff, der auf dem Korntaler Friedhof begraben ist. Draußen in Korntal ist er gestorben; man hat ihn morgens gefunden, auf den Knien betend. Dieser Doktor Ludwig Krapff ist damals am Roten Meer in der Gegend von Eritrea an Land gegangen, vor hundertvierzig Jahren. Er hat missioniert, unter größten Entbehrungen, krank. Eine Frau ist ihm in Mombasa gestorben, zwei Kinder hat er dort beerdigt. Und er hatte eine Vision, nicht eine dieser schwärmerischen Visionen, sondern eine Schau, wie wir sagen, eine Idee: Das hat ihm Gott gezeigt, die Gallas, diese Leute dort oben in Äthiopien, das sind die geborenen Missionare für Afrika.
Ach, das war der größte Reinfall. Krapff hat nie mehr etwas davon erlebt. Aber ein deutscher Erweckungsprediger, Ludwig Harms, hat die Idee aufgenommen und immer wieder davon gesprochen. Krapff hat uns gesagt, die Gallas müsste man missionieren. Es hat nie geklappt, einen Galla hat man missioniert. Krapff hat umsonst dort oben gearbeitet, in unseren Augen.
Einen Galla hat man 1899 als Sklaven übernommen und nach Schweden gebracht. Dort hat man die Bibel in die Gallasprache übersetzt. Und erst viel, viel Jahrzehnte später, wie lange das bei Gott manchmal geht, wo einzelne feststehen und sich von Gott gebrauchen lassen, da haben orthodoxe Priester diese Bibelausgabe bekommen, kamen zu einem lebendigen Glauben an Jesus, sind hinübergegangen zu den Gallas, ohne dass sie jemand beauftragt hat, und es entstand dort eine kleine Galla-Gemeinde.
Erst 1928 kamen die ersten Hermannsburger Missionare. Die wussten immer noch um den Auftrag von Ludwig Harms, der immer noch nicht verwirklicht war: Sendet Missionare zu den Gallas! 1928 wurden sie gesandt, 1936 mussten sie wieder gehen wegen des Abessinienkriegs. Das war die ganze Wirksamkeit. Tausend Christen waren damals da, und im Jahr 1959 waren es zwanzigtausend, als die Mekane-Jesus-Kirche gebildet wurde. Heute sind es eine halbe Million.
Wenn Sie etwas wissen wollen von den Wirkungen Gottes, dann seien Sie frei vom Urteil, vom Erfolgsdenken, von dem, was dabei herauskommt. Lassen Sie sich dort nicht entmutigen, wenn es bei Ihnen nicht ganz so viel ist wie beim offenen Abend. Verstehen Sie: Das kann bei Gott noch viel wirksamer sein, was er im Verborgenen führt, das Leben eines Doktor Ludwig Krapff, der da draußen so unscheinbar auf dem alten Korntaler Friedhof liegt. Da wurden Bewegungen für Gottes Reich angestoßen. Wenn sie feststehen, kräftig gegründet im Wort, kann Gott sie brauchen.

Schluss: Festbleiben in Christus allein

Noch ein Letztes: Festbleiben, festbleiben, dass Gott die Geschichte mit sehr anfechtbaren Menschen schreibt, das ist doch klar. Dass die Leute von uns nicht verherrlicht werden, auch ein Martin Luther bestimmt nicht, und all die Boten, die hatten sehr viel Schwächen, die wir gar nie verschweigen wollen. Umso wunderbarer ist uns, dass Gott weitermacht.
Und das ist jetzt die Ermutigung für uns. Sonst würden wir sagen: Ich weiß gar nicht, wie das in den Jahren nachher weitergeht, in der Zukunft. Jetzt richten wir noch unseren Blick weiter, weiter fest werden, fest stehen, fest bleiben: Wie wird das in der Zukunft sein?
Da hat Melanchthon einmal an einen Prinzen, unseren schwäbischen Reformator, geschrieben. Auch den hat offenbar der Mut verlassen, ob die Sache des Evangeliums noch gerettet werden könnte. Darf ich Ihnen sagen, mir geht es oft so, dass ich manchmal denke: Wenn der Unglaube in der Kirche so vorwärts schreitet, wenn so viel Entleerung geschieht, wenn so viele Widerstände in der Kirche da sind, da ist doch die Sache verloren, dann kann man doch gleich aufgeben.
Da schreibt Luther an den Prinzen: Du bist sehr niedergeschlagen. Das Beispiel Philipp Melanchthons steckt dich an. Er sorgt sich um den allgemeinen Frieden und um unsere Nachkommen. Das ist ein frommer, aber völlig unsinniger und unweiser Eifer. Gott wird nicht mit uns sterben, sonst hätte er aufgehört, Gott zu sein.
Und dann erzählt er vom Alten Testament und sagt: Denk an Eli. Eli hat gemeint, die Sache Gottes wäre verloren, als die Bundeslade bei den Philistern war. Und die große Segenszeit und Blütezeit Israels kam erst nachher. Und als Saul untergegangen war, meinten die einen, Israel wäre endgültig verloren. Und Gott hatte seinen Boden bei der Hand. Und als Hus verbrannt war, da war die Sache des Evangeliums auch nicht vorbei.
Ich kann heute denen nicht folgen, die unter Berufung auf endzeitliche Zeichen meinen, die Sache der Evangelisation wäre zu Ende. Wären sie dem! Gott will in unseren Tagen, so meine ich, und ich meine, dass ich dafür auch den Heiligen Geist habe und dass er mir gezeigt hat, dass wir sehr wohl noch Möglichkeiten haben, das Evangelium in unserer Zeit zu predigen und zu sagen: Das Evangelium wird auch in unserer Zeit Unruhe und Spannungen schaffen. Sie werden allein stehen, oft genug. Sie werden niemanden hinter sich haben. Aber sie dürfen mithelfen, dass große Wirkungen Gottes in unseren Tagen geschehen.
Noch einmal Luther im Originalton: Glaube nicht, mein Palatin, die Sache des Evangeliums könne ohne Lärm, Ärgernis und Aufruhr getrieben werden. Du wirst aus dem Schwert keine Pflaumenfeder machen. Und aus dem Krieg keinen Frieden. Das Wort Gottes ist aber Schwert, ist Krieg, ist Umsturz, ist Ärgernis, ist Verderben, ist Gift.
Seien Sie ein Bote Jesu. Ertragen Sie das, dass andere über Sie schlecht reden, dass Sie Knüppel zwischen die Füße geworfen kriegen. Halten Sie bloß nicht still, machen Sie bloß keinen Frieden heute. Keinen dieser faulen Frieden. Machen Sie nicht mit ihm Ausgleich, sondern seien Sie ein Bote des Evangeliums. Reden Sie zur Zeit und zur Unzeit.
Gott will große Dinge tun. Der Herr, der sich für Sie geopfert hat, der sein Leben für Sie drangegeben hat, der will Ihren Gehorsamsschritt haben und dass Sie auf ihn trauen und auf ihn bauen. Der wird euch festbehalten bis ans Ende. Sie stehen das nicht durch. Aber er ist treu. Seine Treue ist wunderbar. Sie können sich in seiner Treue bergen und sagen: Ich weiß nicht, wie das weitergeht mit unserem Schülerkreis an der Schule. Ich weiß nicht, wie das mit unserem Gebetskreis weitergeht, mit unserem kleinen Hausbibelkreis, den wir begonnen haben. Ich weiß nicht, wie das mit meinen Krankenbesuchen weitergeht.
So viele von Ihnen sind in der Stille tätig, da liegt Segen drauf. Gott wird euch festhalten bis ans Ende, dass ihr Leben etwas mitwirken darf zur Ehre Gottes und zum Bau seines Reiches.
Lösen Sie sich von falschen Sicherheiten. Glauben Sie nicht an die Kirche, glauben Sie nicht an irgendwelche Sicherheiten, sondern binden Sie Ihr Leben allein an den Herrn Jesus Christus und folgen Sie ihm und gehen Sie Ihren Weg fröhlich. Amen.