
Und trotzdem Weihnachten Teil 3/4
Gelesen vom Schwiegersohn von Wilhelm Busch, Pfr. i. R. Hans Währisch
Serie•Teil 3 / 4Und trotzdem Weihnachten - Das Hörbuch
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Ein Gespräch über verlorene Festfreude
Und trotzdem Weihnachten!
„Weihnachten? Nee, das wird in diesem Jahr bei uns nichts werden“, sagt die Frau verbittert.
Aber warum denn nicht?
In diesem Jahr habe ich die Nachricht bekommen, dass mein Mann im russischen Gefangenenlager gestorben ist. Nun sitze ich mit den zwei Kindern in dem einen Zimmer. Geld ist nicht vorhanden, um etwas kaufen zu können, es reicht ja nicht einmal zum Leben. Die Frau wischt sich ärgerlich die Tränen ab. Nee, Weihnachten, das fällt in diesem Jahr aus bei uns.
Da muss ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Haben Sie fünf Minuten Zeit?
Die Frau nickt und wischt sich wieder die Tränen ab, die ungewollt herabfließen.
Sie wissen, dass ich den ganzen Krieg hier im Ruhrgebiet erlebt habe. Da kam nun Weihnachten 1944. Unsere Wohnung sah böse aus. Die Fenster waren mit Pappe und Rollglas notdürftig zugemacht, der Wind pfiff elend herein. Nun, trotzdem wollte ich mit meinen Kindern Weihnachten feiern.
Weihnachtsbäume waren ja nicht angeliefert worden, drum fuhr ich morgens mit dem Rad in den Wald, um mir selbst ein Bäumchen zu holen. Leider durfte man das nicht. Es erschien ein Förster, der teilte mir das mit und schrieb mich auf. Traurig fuhr ich nach Hause.
Aber ich hatte Glück, denn am Nachmittag kam ein Pole, wissen Sie, so ein DP, vorbei und bot mir ein Bäumchen an. Ich habe nicht gefragt, woher er es hatte.
Und dann haben wir in unserer eiskalten Bude eine kleine Bescherung aufgebaut. Es war ja armselig genug, denn man konnte nichts mehr kaufen, aber so ein paar Kleinigkeiten hatten wir doch aufgetrieben. Und zwei oder drei Kerzen brannten auch, doch es sah ganz festlich aus.
Aber gerade als wir anfangen wollten, uns zu freuen, röhrten die Sirenen. Es ging furchtbar schnell, schon heulten sie akute Luftgefahr. Meine Kinder rannten los in den Bunker, ich konnte eben noch die Kerzen löschen, dann lief ich auch hinaus in die Nacht. Über mir brummten schon die feindlichen Flieger, ich rannte um mein Leben.
Aber dann stoppte ich, denn ich merkte, dass der Angriff der Nachbarstadt galt. Da kamen die Christbäume vom Himmel, so nannten wir ja die Leuchtraketen, mit denen die Flieger ihr Ziel markierten. Ganz allein war ich auf der verlassenen Straße. Die Erde dröhnte und bebte von den Einschlägen der Bomben, und rings am Himmel standen die entsetzlichen Christbäume, die Tod bedeuteten.
Da fiel der ganze Jammer dieser armen Welt auf mich. Ich fühlte mich so verlassen und verloren. Schreien hätte ich mögen, vor allem Leid. Und da, ja da geschah es: Da hörte ich auf einmal den Engel Gottes auf Bethlehems Feld rufen: Euch ist heute der Heiland geboren.
Das gilt doch, musste ich denken, ja, das gilt doch heute noch. Und dann habe ich mich nicht geschämt, dass mir vor Freude die Tränen übers Gesicht liefen. Mir ist der Heiland geboren, Christ der Retter ist da, rief mein Herz unablässig, und ich wurde so fröhlich und glücklich darüber, dass ich es gar nicht aussprechen kann.
Als der Angriff vorüber war, kamen die Meinen aus dem Bunker, und da haben wir uns zusammengesetzt und haben gesungen: Welt ging verloren, Christ ist geboren, freue dich, o Christenheit. Wir haben gesungen, dass die morschen Wände bebten.
Sehen Sie, zu Weihnachten braucht man nur den Heiland, alles andere ist Zutat. Und wenn die fehlt, was tut’s? Hauptsache, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt, sagt mein Freund immer.
So sage ich doch zu Ihnen: Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten.
Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten.
Freue, freue dich, o Christenheit.
Die letzten Töne des rauen Männergesanges waren verklungen.
Von der Not zur Mitte des Festes
Unsere Weihnachtsfeier war zu Ende. Noch einmal trat ich auf das Podium, sofort wurde es wieder still. Mein Blick überflog die Versammlung. Da saßen etwa fünfhundert junge Männer, sie alle waren arbeitslos.
In unserem Jugendheim hatten wir allerlei Kurse für sie eingerichtet, damit sie ihre leere Zeit ausfüllen konnten. So war die Ufe, das heißt Universität für Erwerbslose, entstanden. Es war eine bunte Schar. Alle sozialen Schichten, allerlei Berufe, alle politischen Parteien und auch alle religiösen Richtungen waren vertreten.
Männer und Brüder, sagte ich, zu meiner großen Freude darf ich Ihnen nun mitteilen, dass ich Ihnen ein kleines Weihnachtsgeschenk machen kann. Da strahlten die Gesichter. Ich möchte fortan jedem von Ihnen ein neues Testament überreichen. Dumpfes Schweigen. Enttäuscht sahen sie sich an, dann rief einer aus dem Hintergrund: Weiter nichts, weiter nichts.
Die Frage stand auf einmal vor mir. Nicht nur der eine Rufer, nein, alle Anwesenden hatten sich mir gegenübergestellt. Doch antwortete ich: Außerdem kann ich nicht jedem von Ihnen ein Taschenmesser, eine Tüte Gebäck und eine Packung Zigaretten schenken. Da hellten sich die Gesichter wieder auf. Der Schreck war überwunden, man fand sich wieder auf dem Boden der richtigen Weihnachtsstimmung.
Armes Wort Gottes, nein, armes Volk, das mit dem herrlichen Worte Gottes nichts mehr anzufangen weiß. Kein Wunder, dass du nicht mehr weißt, was gut und böse ist, dass du keine Ahnung davon hast, wer Gott ist und wer du selbst bist, dass du eine Beute aller Verführer und Ideologen wirst.
Ein altes Buch unter Verfolgung
Als wir nach Weihnachten wieder zusammenkamen, erzählte ich den jungen Männern die Geschichte einer Bibel, die mir einmal irgendwo in Österreich gezeigt wurde. Es war ein dicker, alter Band, in Schweinsleder gebunden und mit schweren silbernen Schließen versehen.
Wenn man diese Bibel aufschlug, fiel sie bei den Psalmen auseinander. Dort waren seltsame, schwarzbraune Flecken und Spritzer zu sehen. „Das ist Blut“, erklärte man mir, Menschenblut.
Erschüttert hörte ich die Geschichte dieses Bibelbuches. Im achtzehnten Jahrhundert war das Lesen der Bibel in österreichischen Landen streng verboten. Schwerste Strafen hatte jeder zu erwarten, bei dem man dieses gefährliche Buch fand.
Es ist tiefe Nacht. Nur in einem einsamen Bauernhof brennt noch Licht. Allerdings sind die Läden so fest geschlossen, dass kein Schimmer nach draußen fällt. In der großen Stube haben sich die Hausgenossen versammelt, auch einige Nachbarn haben sich eingefunden. Jetzt beugt sich der Bauer herab, hebt ein paar Dielenbretter auf und bringt die dicke Bibel aus dem Versteck hervor.
Bedächtig schiebt er sie nah zum Licht und schlägt sie auf. Aufmerksam und hungrig nach dem Wort des Lebens drängen sich alle um ihn. Dann liest er: „Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke. Herr, mein Fels, meine Burg, mein Retter, mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Horn meines Heils und mein Schutz. Ich rufe an den Herrn, den hochgelobten, so werde ich vor meinen Feinden ...“
Er unterbricht sich. Alle horchen auf. Draußen hört man leise Stimmen, und dann klopft es auch schon an den Fensterladen. Eine raue Männerstimme brüllt: „Aufmachen!“
Einen Augenblick lang stehen alle erschrocken. Aber ehe sie einen Entschluss fassen können, wird die Tür krachend aufgebrochen, und herein quillt eine wilde Meute Soldaten, angeführt von einem höhnisch grinsenden Nachbarn. Schon hat der Anführer die Bibel erblickt.
„Ha, Bauer, haben wir dich endlich erwischt?“
Mit rohen Fäusten greift er nach dem Buch. Da erwacht der Bauer aus seiner Erstarrung. Mit harten Händen fasst er die Bibel und zieht sie zu sich hin.
„Bauer, gib die Bibel her!“, brüllt wütend der Sergeant.
Der Bauer schweigt. Er ist totenblass geworden, aber eisern umklammern seine Finger das geliebte Buch. „Du sollst das Buch loslassen!“ Der Sergeant packt nun auch zu, und es hebt ein stummes Ringen auf dem Tisch an. „Lass los!“, schreit wieder der Sergeant.
Der Bauer schweigt. Seine Finger klammern sich um die aufgeschlagene Bibel. Da übermannt den Soldaten der Zorn. Mit einem schnellen Griff schlägt er das schwere Buch zu und quetscht dabei dem Bauern die Finger ein. Als der immer noch nicht loslassen will, drückt er mit harten Fäusten die Bibel zusammen, dass dem Bauern das Blut aus den Fingerspitzen spritzt. Aber der lässt nicht los.
Gebannt hörten mir die jungen Männer zu. Dann fragt einer: „Ja, dann wurden diese Bauern vor die Wahl gestellt, entweder die Bibel aufgeben oder alles zurücklassen und in die Verbannung gehen?“
Und ich schilderte den jungen Männern, wie mir einst die Heimat der Verfolgten, das herrliche Tal in Österreich, gezeigt wurde. Mit seinen großen Bauernhöfen war es wie ein Garten Gottes, eingerahmt und geschützt von den gewaltigen Berghäuptern des Donnerkogels. Das alles ließen sie im Stich, ja sogar ihre Kinder mussten sie zurücklassen. Nur mit der Bibel in der Hand zogen sie ins Elend.
Jetzt war es um die Fassung der jungen Männer geschehen. „Das ist ja wahnsinnig, überspannt, religiöser Fanatismus!“ Solche und ähnliche Ausrufe schwirrten durcheinander. Es wurde mir schwer, wieder Ruhe herzustellen.
Schließlich ergriff ich noch einmal das Wort: „Waren die wirklich so verrückt? Denkt mal nach! Diese Bauern sagten sich: Wenn wir die Bibel nicht mehr haben, dann können wir nicht mehr wissen, was gut und was böse ist. Dann können wir nicht mehr feststellen, wie der Weg zu Gott geht. Dann sind wir jedem Verführer ausgeliefert. Dann sind wir wie Leute, die in einem fremden, unbekannten Land ihre Landkarte verloren haben.
Wenn wir die Bibel aufgeben, dann erfahren wir das Evangelium von unserer Rettung nicht mehr. Dann werden uns die Menschen ihre selbst erfundenen Evangelien aufdrängen. Dann haben wir keine Richtschnur der Wahrheit und keine Wegleitung mehr. Hatten sie nicht recht?“
Da schwiegen die jungen Männer still, und ich dachte mit Traurigkeit darüber nach, wie sie nun den Verführern anheimfallen mussten, die ja längst die Bibel weggeworfen hatten. Ein Jahr später kam Hitler zur Macht.
Erinnerungen an ein anderes Weihnachten
Weihnachtsfeiern eines Deutschen.
Nein, ein Tagebuch habe ich nie geführt. Aber die vergangenen Jahre sind in meiner Erinnerung so lebendig, als hätte ich alles aufgezeichnet. So will ich nun heute ein wenig in dem Tagebuch der Erinnerungen blättern.
Weihnachten 1930.
Die Kinder sind zu Bett gebracht. Meine Frau räumt im Weihnachtszimmer auf und steckt neue Kerzen auf den schönen Weihnachtsbaum. Wir haben diesmal eine wundervolle Tanne bekommen. Ich habe sie mit viel Liebe geschmückt und mir dabei Gedanken über meine Weihnachtspredigt gemacht. Was ist das doch für eine gewaltige Botschaft, die ich morgen früh verkündigen darf: Gott hat die Mauer, die uns von ihm trennte, umgeworfen und ist zu uns gekommen in Jesus.
Es war zu schön heute Abend, wie meine Kinder die lieblichen Weihnachtslieder sangen und dabei im dunklen Zimmer herummarschierten, während nebenan im Weihnachtszimmer die Mutter die Kerzen am Baum ansteckte. Endlich öffnete sich die Tür, der Glanz der Kerzen bestrahlte die Kindergesichter, und dann ging es mit Jubelgeschrei über die Geschenke her. Der Junge kennt ja nur seine Musik. Mit Begeisterung probiert er die neuen Noten gleich am Klavier aus. Die Kleinen vergnügen sich an der Puppenküche, und die größeren Töchter verschwinden immer wieder, um das neue Kleid oder den neuen Pullover anzuziehen.
Ja, wir sind glückliche Leute!
Weihnachten 1930.
Diesmal habe ich den Baum nicht geschmückt. Ich habe es meiner Tochter Hanna überlassen. Sie hat es fein gemacht, und nun sitze ich im Sessel, schaue in das Kerzengeflimmer und freue mich an der Freude der Kinder. Sie sind so glücklich an ihren Geschenken. Die Mädels haben jede eine Blockflöte bekommen, und nun wollen sie ein wenig musizieren. Der große Bruder hat sich an das Klavier gesetzt, die Schwestern stehen um ihn herum. Jetzt sind sie sich einig geworden, was gespielt werden soll.
Wie schön erklingt das alte Weihnachtslied von Tatzler, Es kommt ein Schiff geladen. Die Jüngste allerdings ist an der Musik uninteressiert. Mit unendlicher Liebe widmet sie sich ihrer neuen Puppe.
Dunkle Jahre und neue Freude
Ich kann die Erinnerung nicht loswerden. Erst vor Kurzem bin ich aus dem Gefängnis entlassen worden. Immer wieder sehe ich mich in der engen, scheußlichen Zelle. Alles war qualvoll: das schlechte Essen, die dumpfe Luft, der rohe Umgangston. Aber am schlimmsten war doch die fürchterliche Ungewissheit.
Es war ja nicht so, dass sich etwas Schlimmes getan hätte. Aber ein Jugendpfarrer ist im Hitlerreich unerwünscht, und da wird er eben eingesperrt, unter einem fadenscheinigen Grund. Es wird kein Verfahren eröffnet. Man sitzt in der düsteren Zelle und ist in Menschenhände gegeben. Man sitzt und wartet. Wartet!
Jetzt spielen die Kinder mit Blockflöten und Klavier. Freuet euch, ihr Christen alle, freue sich, wer immer kann, Gott hat viel an uns getan. Ich muss mitsingen aus Herzensgrund. Ja, ich kann mich freuen. Ganz neu habe ich es im Gefängnis gelernt, als da der lebendige Herr, der einst von den Toten auferstanden ist, in meine schreckliche Zelle kam. Ja, wirklich, so war es. Er kam zu mir, und ich erlebte das, was ein altes Lied sagt: Als mir das reichgenommene Fried und Freude lacht, da bist du mein Heilkommen und hast mich froh gemacht.
Meine Jüngste strahlt mich an. Papa, freust du dich? Ja, mein Kind, ich freue mich gewaltig.
Krieg, Verlust und ein Lied aus der Ferne
Weihnachten 1940
Wieder sind wir unter dem Weihnachtsbaum versammelt. Es war diesmal sehr schwierig, Kerzen zu bekommen. Denn es ist Krieg, und alles ist knapp geworden. Auch der Gesang will nicht so recht klingen; es fehlt unser Klavierspieler, der in den vergangenen Jahren unser Singen so herrlich begleitet hat, unser Junge. Sie haben ihn zum Soldaten gemacht. Und nun ist er irgendwo in Russland.
Immer wieder will das Herz sich aufbäumen. Was hat dieser zarte Junge von achtzehn Jahren mit diesem ungerechten Krieg zu tun? Nun soll er kämpfen für einen Staat, der seinen Vater ins Gefängnis gebracht hat. Ich bin froh, dass die Kinder sich unbeschwert freuen können. Aber wenn ich meine Frau ansehe, dann weiß ich, dass das Mutterherz den fernen Sohn sucht. Wie viele werden heute Abend wohl so bedrückt sein?
Und es ist ja nicht nur der Sohn. Wir fühlen deutlich, dass wir großen Katastrophen entgegengehen. Wie soll dieser fürchterliche Krieg ausgehen? Der Hass der Welt hat sich um uns Deutsche aufgebaut wie eine grauenvolle Mauer. Und morgen kommt vielleicht wieder der Beamte der geheimen Staatspolizei, um mich fortzuholen in eins der düsteren Gefängnisse. Wer kann denn da Weihnachten feiern?
„Papa, lass uns doch ein wenig singen“, sagt das kleinste Töchterlein. Und dann singen wir: „Welt ging verloren, Christ ward geboren, freue, freue dich, o Christenheit.“ Wie bekommt solch ein Lied einen ganz neuen Klang? Ja, wir haben einen Heiland, das verkündet uns Weihnachten. Wir wollen uns freuen, wir haben Grund genug, wir haben einen Heiland.
Kurz nach Weihnachten kam ein Brief aus Russland. Da berichtet der Junge, wie er am Weihnachtsmorgen in einer russischen Stadt in einem verwüsteten Haus ein Klavier gefunden hat. Und da hat er die Weihnachtslieder gesungen und gespielt, ganz allein. Und er schrieb: Mir wurde klar, das ist die Lage der Christen heute, mitten im Chaos singen wir das Lob des Sohnes Gottes, der uns an Weihnachten geschenkt wurde. Mit Freuden habe ich dann ganz still die Geschichte von der Geburt Jesu gelesen, wie sie im Lukasevangelium steht, so schrieb er.
Wenige Tage später kam die Nachricht, dass er in einem Lazarett verblutet ist.
Weihnachten im Schatten der Zerstörung
Weihnachten 1940
Es ist, als wolle die Welt untergehen. Der Krieg geht seinem schaurigen Ende entgegen, unser liebes Pfarrhaus ist zerbombt und verbrannt, und wir haben eine neue Wohnung gefunden. Es sind zwar keine Pfannen mehr auf dem Dach, und anstelle der Fensterscheiben haben wir einen Werkstoff, der bei jedem neuen Angriff davonfliegt. Dann wird notdürftig wieder repariert. Ich habe ja viel Zeit.
Die meisten Menschen sind aus dem Ruhrgebiet geflüchtet. Ich halte jeden Tag in irgendeinem Keller eine Bibelstunde. Ja, so ist es. Gerade jetzt zeigt das Evangelium seinen Glanz. Je dunkler die Nacht, desto heller leuchten die Sterne. So ist es mit dem Evangelium. Darum wollen wir Weihnachten feiern, trotz aller Traurigkeit.
Ich habe sogar ein Bäumchen aufgetrieben. Einer der Fremdarbeiter in Pola hat es mir verkauft. Die laufen jetzt schon fast frei herum. Sie merken, dass die Deutschen nicht mehr viel zu sagen haben. Er wird das Dänlein wohl irgendwo gestohlen haben, gefragt habe ich ihn nicht.
Wir haben sogar ein paar Geschenke aufgestellt. Und die tüchtige Mutter hat einiges Festgebäck zustande gebracht. Es ist zwar hart wie Stein, aber es ist doch Festgebäck. So stehen wir um den Weihnachtsbaum und singen unsere lieben Lieder. Dann lese ich die Geschichte von der Geburt Jesu und danke mit den Meinen dem Herrn Jesus, dass er gekommen ist, in diese arge Welt die Sünder zu erretten.
Gerade in dem Augenblick heulen die Sirenen los. Die Kinder packen das Luftschutzgepäck, das immer bereitliegt, und rennen zum Bunker, der fünf Minuten von unserem Haus entfernt ist. Langsam lösche ich die paar kümmerlichen Kerzen. Ob wir wohl in einer Stunde diese Wohnung noch vorfinden werden oder ob da nur ein Trümmerhaufen sein wird?
Nun, was tut's, der Herr Jesus, der an Weihnachten geboren wurde, hat uns eine unzerstörbare Heimat geschenkt am Herzen Gottes. Und so wandere ich dem Bunker zu und summe fröhlich ein Weihnachtslied.
Ein Fest, das über das Sichtbare hinausweist
Weihnachten neunzehnhundertachtundfünfzig. Nun sind die Kinder groß, einige von ihnen fehlen. Sie haben geheiratet und feiern in einer eigenen Familie das große Fest.
Ich sitze da und schaue in den Kerzenschein des wundervollen Weihnachtsbaumes. Auf den Tischen türmen sich herrliche Geschenke, wir sind ja nicht mehr arm. Und es ist fast beängstigend, wie die Liebe uns mit Weihnachtsgaben überschüttet.
Während ich in das Kerzengeflimmer schaue, überkommt mein Herz eine große Ruhe und Freude. Wir haben gelernt, dass die Freude nicht aus den vergänglichen Dingen kommt. Sie muss andere Quellen haben. Gerade das Weihnachtsfest zeigt ja die unerschöpfliche Quelle der ewigen Freude, und mein Herz singt mit.
Als nun meine Familie den Vers anstimmt: „Siehe, siehe, meine Seele, wie dein Heiland kommt zu dir“, ist das es. Daran will ich mich freuen, solange ich lebe. Und wenn ich einst die Augen schließe, will ich ewige Weihnachten feiern im Anschauen meines Heilands.
