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Daniel in der Löwengrube

Daniel 6,1-2906.07.1980
Wenn Druck kommt: Bleibst du dir treu oder passt du dich an? Daniel zeigt, wie Vertrauen auf Gott stärker macht als Angst, Macht und Mehrheitsmeinung.

Die politische Bühne und der Aufstieg Daniels

Wir lesen nun aus Daniel 6:
Und Darius aus Medien übernahm das Reich, als er zweiundsechzig Jahre alt war. Das babylonische Reich zerbrach und wurde nun von den Medern übernommen. Das ist ein Volk, das zum heutigen Persien gehört.
Es gefiel Darius, über das ganze Königreich hundertzwanzig Statthalter zu setzen. Über sie setzte er drei Fürsten, von denen einer Daniel war. Ihnen sollten die Statthalter Rechenschaft ablegen, damit der König der Mühe enthoben wäre.
Daniel übertraf alle Fürsten und Statthalter, denn es war ein überragender Geist in ihm. Darum dachte der König daran, ihn über das ganze Königreich zu setzen.
Da trachteten die Fürsten und Statthalter danach, an Daniel etwas zu finden, das gegen das Königreich gerichtet wäre. Aber sie konnten keinen Grund zur Anklage und kein Vergehen finden, denn er war treu, sodass man keine Schuld und kein Vergehen bei ihm finden konnte.
Da sprachen die Männer: Wir werden keinen Grund zur Anklage gegen Daniel finden, es sei denn wegen seiner Gottesverehrung.
Da kamen die Fürsten und Statthalter eilends vor den König gelaufen und sprachen zu ihm: Der König Darius lebe ewiglich! Es haben die Fürsten des Königreichs, die Würdenträger, die Statthalter, die Räte und Befehlshaber alle gedacht, es solle ein königlicher Befehl gegeben und ein strenges Gebot erlassen werden, dass jeder, der in dreißig Tagen etwas bitten wird, von irgendeinem Gott oder Menschen außer von dir, dem König, allein zu den Löwen in die Grube geworfen werden soll.
Darum, o König, wollst du ein solches Gebot ausgehen lassen und ein Schreiben aufsetzen, das nicht wieder geändert werden darf? Nach dem Gesetz der Meder und Perser, das ja noch sprichwörtlich bis heute nach dieser Stelle der Bibel ist, ist es unaufhebbar.
So ließ der König Darius das Schreiben und das Gebot aufsetzen.

Der offene Glaube als Angriffspunkt

Als nun Daniel erfuhr, was geschehen war, war man gespannt, wie er reagieren würde. Dann geriet er in Aufruhr, er zitterte und bekam Angst.
Da ein solches Gebot ergangen war, ging er in sein Haus. Er hatte aber in seinem Obergemach offene Fenster nach Jerusalem hin. Und er fiel dreimal am Tag auf seine Knie, betete, lobte und dankte seinem Gott, wie er es auch vorher zu tun pflegte.
Da kamen jene Männer eilends gelaufen und fanden Daniel, wie er vor seinem Gott betete und flehte. Da traten sie vor den König und redeten mit ihm über das königliche Gebot.
O König, hast du nicht ein Gebot erlassen, dass jeder, der in dreißig Tagen etwas bitten würde von irgendeinem Gott oder Menschen, außer von dir, dem König, allein zu den Löwen in die Grube geworfen werden solle?
Der König antwortete und sprach: Das ist wahr, und das Gesetz der Meder und Perser kann niemand aufheben.
Sie antworteten und sprachen vor dem König: Daniel, einer der Gefangenen aus Juda, achtet weder dich noch dein Gebot, das du erlassen hast. Denn er betet dreimal am Tage.
Als der König das hörte, wurde er sehr betrübt. Er war darauf bedacht, Daniel die Freiheit zu erhalten, und mühte sich bis die Sonne unterging, ihn zu erretten.
Aber die Männer kamen wieder zum König gelaufen und sprachen zu ihm: Du weißt, König, es ist das Gesetz der Meder und Perser, dass alle Gebote und Befehle, die der König beschlossen hat, unverändert bleiben sollen.
Da befahl der König, Daniel herzubringen, und sie warfen ihn in die Grube zu den Löwen. Der König aber sprach zu Daniel: Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, der helfe dir.
Und sie brachten einen Stein und legten ihn vor die Öffnung der Grube. Den versiegelte der König mit seinem eigenen Ring und mit dem Ring seiner Mächtigen, damit nichts anderes mit Daniel geschehe.
Und der König ging weg in seinen Palast und fastete die Nacht über. Er ließ sich kein Essen vorbringen und konnte auch nicht schlafen.

Die Rettung aus der Grube

Früh am Morgen, als der Tag anbrach, stand der König auf und ging eilends zur Grube, wo die Löwen waren. Und als er zur Grube kam, rief er Daniel mit angstvoller Stimme. Und der König sprach zu Daniel: Daniel, du Knecht des lebendigen Gottes, hat dich dein Gott, den du ohne Unterlass dienst, auch erretten können von den Löwen?
Daniel aber redete mit dem König: Der König lebe ewig! Mein Gott hat seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten hat, sodass sie mir kein Leid antun konnten. Denn vor ihm bin ich unschuldig, und auch gegen dich, mein König, habe ich nichts Böses getan.
Da wurde der König sehr froh und ließ Daniel aus der Grube herausziehen. Und sie zogen Daniel aus der Grube heraus, und man fand keine Verletzung an ihm. Denn er hatte seinem Gott vertraut.
Da ließ der König die Männer, die Daniel verklagt hatten, holen und zu den Löwen in die Grube werfen, samt ihren Kindern und Frauen. Und ehe sie den Boden erreichten, ergriffen die Löwen sie und zermalmten alle ihre Knochen.
Da ließ der König Darius allen Völkern und Leuten aus so vielen verschiedenen Sprachen auf der ganzen Erde schreiben: Viel Friede zuvor! Das ist mein Befehl, dass man in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und sich vor ihm scheuen soll. Denn er ist der lebendige Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende. Er ist ein Retter und Nothelfer, und er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf Erden. Denn er hat Daniel von den Löwen errettet.
Er gibt uns auch solch einen unerschütterlichen, unerschrockenen Glauben. Amen!

Warum diese Geschichte bis heute bewegt

Die Daniels-Geschichte ist etwas für verängstigte Leute. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen aussieht, mich hat diese Geschichte Daniels von Kind auf ganz stark angesprochen, vielleicht weil ich vor vielem auch Angst habe. Ich habe immer aufgeschaut zu diesem Mann, der den Gefahren trotzt.
Es gibt ja nur ein Bild: der Fels in der Brandung. Da tost der Sturm, und die Wellen klatschen gegen den Felsen. Aber die Wellen brechen sich, dieser Fels wankt nicht und weicht nicht. Dass das möglich ist, dass Menschen hier in dieser Welt solch eine feste Stellung bekommen, das hat mich immer ungemein angesprochen, und das interessiert mich auch heute noch.
Ich meine, wir sollten das jetzt einmal genau am Leben Daniels untersuchen: Woher kommt es, dass Daniel solch eine feste Überzeugung und solch eine starke Position hat? Wie oft sind wir unsicher? Da bin ich auch ratlos. Wie soll ich mich verhalten? Was mache ich in der Situation? Das gibt es doch bei uns. Wir wollen das ehrlich eingestehen, dass wir nächtelang nicht schlafen können, weil wir nicht wissen, was richtig ist in dieser augenblicklichen Lage.
Und dabei sind wir nicht einmal so starkem Trug ausgesetzt wie Daniel. Wie schwer muss es ihm geworden sein, wenn er ganz allein stand, mitten in einer feindlichen Umgebung, lauter Neider um sich, die ihn nur zu Fall bringen wollten. Und dort lebt er und geht seinen Weg sehr fest, sehr ruhig, sehr geduldig.
Wie kriegt man nur so eine Überzeugung, wie kriegt man überhaupt so eine Sicherheit? Wir sprechen heute viel über die Lebensprobleme, wie kompliziert es ist, Christ zu sein in der modernen Welt, Christ zu sein in einer gottlosen Umgebung, Christ zu sein unter einem schwierigen Chef, der von uns vielleicht Dinge verlangt, die gegen Gottes Gebot sind. Da müssen wir auf Daniel sehen.
Und bitte, sagen Sie nicht immer die alte Ausrede, das sei eine Frage des Naturells. Das ist in der Bibel deutlich klargestellt, dass Gott Schwache stark macht, und Daniel gehört zu diesen Leuten, die Gott stark macht.

Die Quelle seiner Standfestigkeit

Daniel ist deshalb stark, weil er sich an den Gott gebunden hat, der sich nicht wandelt. Und jetzt wissen Sie, wie sie stark werden: Wer sich mit seinem ganzen Leben an den ewigen, unwandelbaren Gott bindet, der hat eine Position, in der ihn niemand verrücken kann.
Wenn wir Daniel fragen würden: Wie hast du das nur gemacht? Hattest du keine Angst?, dann hätte Daniel wohl nur gelacht und gesagt: Mut erfordert es für meine Position bestimmt nicht. Mut hätte es von mir erfordert, wenn ich mich an Nebukadnezar angepasst hätte. Dann hätte ich kaum noch die Kurve zu seinem Nachfolger Belsazar bekommen. Und dann hätte ich die Kurve zu seinem Nachfolger Darius nicht mehr bekommen.
Wer sich auf Menschen verlässt, ist ein armer Tropf. Mit dem kann ich nur Mitleid haben. Wahrscheinlich hätte Daniel uns auch ausgelacht, wenn wir heute so viel von der Mehrheitsmeinung der Menschen hielten. Oder wenn wir fragen würden: Was sagen die anderen Leute? Daniel hätte gesagt: Du bist wie eine Daunenfeder, die sich im Wind wiegt. Wenn du von der Menschenmeinung und von der Mode abhängig bist, was interessiert dich dann, wie die anderen Leute ihre Ethik heute setzen? Oder wie kannst du deine Lebensentscheidung davon abhängig machen, wie die anderen das gerade sehen?
Binde dich mit Leib und Seele an den einen Gott, und dann geh deinen Weg. Es ist sehr selten, dass sie dann hohe Stellungen erklimmen. Machen sie sich keine Illusionen. Es ist sogar ein Glück, dass sie nicht immer hohe Stellungen erklimmen. Denn wie viele haben ihren Glauben gerade in hohen Stellungen verloren und Gott verleugnet.
Darum kann es gut sein, dass Gott uns sehr niedrig hält. Aber es kann auch sein, dass Gott gerade uns an wichtige Stelle rückt, mitten in einer gottlosen Welt. Entscheidend ist jetzt aber nicht irgendein Mut, den wir hier als Tugend Daniels sehen, sondern eine Festigkeit des Glaubens. Das ist jetzt entscheidend wichtig: dass wir zurückgewinnen, was die Bibel uns sagen will, nämlich dass Glauben immer Festigkeit bedeutet, ein stures Dabeibleiben bei dem Gott, der uns berufen hat, der uns bindet, festhält und uns ganz in seinen Gehorsam ruft.
Und nur dann sind wir wirklich Leute, die einen Grund, einen Boden unter den Füßen haben. Dann sind wir Leute mit einer Position, wenn wir uns ganz an den Herrn binden, dem wir gehören.

Daniels Haltung im Dienst und im Alltag

Ich will das kurz zeigen an Daniel. Das Erste: Er fühlt sich allein Gott verpflichtet.
Eigentlich habe ich staunen müssen, als ich das noch einmal in Ruhe durchgelesen habe. Solch eine Position! Der neue Herrscher Darius möchte ihn zu seinem Stellvertreter einsetzen. Da werden Gespräche geführt, und die Mehrheit der Berater sagt: Der einzige Mann, auf den du dich wirklich stützen kannst, das wäre Daniel.
Und das ist ausgerechnet ein Mann, der sich von Menschen sehr unabhängig hält. Der hätte das sicher beim Vorstellungsgespräch dem König Darius offen gesagt: Sie müssen wissen, ich kann mich nicht mit meinem Gewissen Ihnen verkaufen. Ich gehöre dem großen Gott Himmels und der Erde.
Er hat ganz offen seinen Glauben gelebt. Es könnte so aussehen, als wenn er sein Gebet spektakulär gemacht hätte, bei offenem Fenster, damit es jeder sieht. Ist das nicht so, wie wenn man an der Ecke steht und betet? Ach, wahrscheinlich war das der Innenhof des Hauses. So waren diese babylonischen Häuser: Die Fenster gingen zum Innenhof.
Wenn er Amtsgeschäfte hatte, sagte er: Sie entschuldigen, meine Herren, ich ziehe mich zurück. Und dann haben sie beobachtet, wie sie sich draußen unterhielten. Da drin betet der hohe Herr.
Er hat sich nicht geniert, dass er seinem Gott dient. Und er hat es deutlich gemacht: Es gibt für mich eine Grenze des Gehorsams Menschen gegenüber, auch dem Staat und seinen Gesetzen gegenüber. Ich gehöre dem großen Gott Himmels und der Erde, der mein Leben in seiner Hand hat.
Darum hat sogar der König Darius am Ende, als Daniel in die Löwengrube geworfen wurde, gesagt: Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst. Das hat er gemerkt: Ohne Unterlass dient er ihm.
Es gibt ja viele Leute, die in hohen Stellungen sind, in der Welt oder in der Wirtschaft. Da weiß man es auch, dass sie zu Zeiten Gott dienen, dass sie sonntags den Gottesdienst besuchen. Aber weiß man das von ihnen, dass sie ohne Unterlass Gott dienen, dass sie in ihrer ganzen Berufsarbeit Gottes Ehre im Sinn haben?
Oder genieren Sie sich darüber? Dürfen das die Mitschüler wissen, dass das das Lebensziel ist, dass man für Gott lebt?
Es hätte ja Daniel sehr wohl sagen können: Ich bin in meiner Stellung es eben schuldig, dass ich mich auch ein wenig nach den Menschen richte. Ich kann es dem gottlosen Darius nicht übel nehmen, dass er von mir Dinge verlangt. Und ich kann ihn ja nicht brüskieren, sonst verliere ich mein Amt. Und dann kommt diese Ausrede, die wir so oft gebrauchen: Ich kann doch für Gott mehr wirken, wenn ich in diesem Amt bleibe.
Und dann versuchen wir, für Gott diese Position zu halten. Das hat doch Gott gar nicht nötig, dass wir uns mit allerhand Tricks und Lügen und Kompromissen an der Macht halten.
Das schied für Daniel von vornherein aus. Er wollte einfach Gott dienen. Und er hat ja nie nach einem Posten geschielt, auch nie nach Geld. Das fiel uns neulich auf bei der Traumdeutung, wo der König ihm das Gold und das Silber anbot, wo er sagt: Behält dein Geld.
Er war ein unbestechlicher Mann, und das war das Geheimnis, warum Daniel wahrscheinlich eine so hohe Stellung bekam. In Babel braucht man auch tüchtige Leute. Und wenn da einer dabei ist, der mit Geld nicht gekauft werden kann und der sich für Kompromisse nicht öffnet, da staunen Menschen.
Und ich bin mir gar nicht so sicher, ob sie wirklich ihren Posten verlieren, wenn sie zeigen, dass sie höchsten Werten Gottes verpflichtet sind in ihrer Ethik. Ich glaube, dass heute in unserer gottlosen Welt viele Menschen staunen und sagen: Dem kann man ein Amt anvertrauen. Der ist ein Mann, in dem leben noch hohe Ideale.
So kann es ja die Welt nur sehen.

Treue ohne Mitwirkung am Unrecht

Bei Daniel ist es interessant: Als die Feinde kamen, die Neider, und Anklagen gegen ihn suchten, fanden sie nichts. Jeder Mensch hat ja seine Schwächen. Man hätte manches nennen können und sagen können: Er feiert gern krank, oder er kommt zu spät ins Geschäft, oder er hat ja auch da einiges unkorrekt gemacht. Sie fanden nichts, keine Schwachstelle in der Amtsführung und im Dienst Daniels. Das ist überraschend.
Ich sage es einmal mit einem modernen Bild: Sie fanden nichts, was man als Geheimmaterial dem Spiegel zustellen konnte, damit er es veröffentlicht, um ihn also gleichsam bloßzustellen. Jeder Mensch hat doch irgendwo so Dinge, bei denen er denkt: Hoffentlich kommt das nie heraus.
Ein Mann, der treu lebt, obwohl er doch in einer feindlichen Umgebung ist. Ich möchte den Gedanken weiterspinnen, obwohl ich bei dem, was ich sage, nicht einmal völlige Klarheit habe, ob es richtig ist. Ich frage mich immer, inwieweit Christen eine Aufgabe haben, in einer gottlosen Welt Hilfsdienste zu tun.
Hätte Daniel nicht viel eher, so sagt man ja heute in christlichen Kreisen vielleicht, schauen müssen, dass er einen Putsch macht und dieses korrupte System des Darius einfach stürzt? Hätte er nicht die Gelegenheit benützen sollen, als Nebukadnezar vom Wahnsinn befallen war? Da wäre es ihm mit seiner Macht sicher leicht gewesen, irgendwo ein eigenes Regime aufzubauen und Gerechtigkeit zu wirken.
Mir fällt auf, dass Daniel seine Position nicht überschätzt. Ich las in einer Auslegung, dass einer sagte: Was ich jetzt sage, ist sehr angreifbar und sehr missverständlich, aber Daniel hat seine Aufgabe gesehen, auch einem sehr zwielichtigen System treu zu dienen. Er selber hat an der Ungerechtigkeit nicht mitgewirkt. Wo er mit seinem Gewissen immer mit konnte, da hat er klar Nein gesagt.
Ich verstehe jetzt so gut, warum es Christen gibt, auch etwa in Osteuropa, die sagen: Wir wollen nicht dieses System bekämpfen, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir wollen treu darin stehen, wir wollen Diener auch der sozialistischen Gesellschaftsordnung sein, soweit es unser Gewissen zulässt. Wir haben einen Dienstauftrag, weil Christen nicht die Henker Gottes sind und weil Christen nicht die Weltgerichte Gottes vollziehen sollen. Ich weiß nicht, ob das richtig ist, aber mir fällt das auf.
Dass Daniel von Gott diesen Auftrag nicht bekommt, wollen wir klar rücken. Nirgendwo war Daniel an irgendeiner Unrechtstat beteiligt. Übrigens auch nicht bei diesem schrecklichen, unheimlichen Beschluss, dass sogar die Frauen und Kinder dieser Männer nach allen in die Löwengrube geworfen werden. Das ist nicht nach Gottes Herzen. Da war Daniel nicht daran beteiligt.
Das wollen wir klar rücken. Aber er ist ein Mann, der sich allein Gott verpflichtet weiß und der in seinen Ämtern, in seinen Aufgaben, in seiner Berufsauffassung, in seinem Dienst Gott dienen will. Und darum wird er sogar in Babel gebraucht und ist nötig. Wer Gott dient, kann auch den Menschen dienen.
Wir sprechen heute so oft davon, dass wir den Menschen dienen sollen, und wir vergessen, wie das richtig geschieht. Heute ist doch wieder die Gefahr, dass die Christen dann den Ideologien der Zeit aufsitzen und dann letztlich nur mithäulen, wo alle sowieso heulen, und mitschreien, wo alle sowieso schreien.
Daniel hat seinen Weg von seinem Gott vorgewiesen bekommen, dem geht er. Und darum kann er sich demütig auch vor einem Darius beugen. Er weiß, wo er anderen Liebe und Treue schuldig ist, und er weiß, wo er Gott mehr gehorchen muss als einem Menschen.

Gebet als tägliche Lebenshaltung

Das Zweite, das Späte, macht Daniel aus. Das Erste war also seine Position: Er steht vor Gott. Das macht ihn mutig, auch vor Menschen einmal Nein zu sagen. Nur wenn sie vor Gott stehen, können sie vor Menschen auch einmal entschlossen sagen: Da mache ich nicht mit. Nur dann, nur aus Glauben.
Aber nun kommt das Zweite hinzu: das Beten. Viele spotten über das Beten. Nun, das ist kein Wunder. Sie kennen das Beten nur als ein Sprüchlein, das man hersagt. Bei Daniel war es viel mehr. Dreimal am Tag ging er hinauf, dort oben, und betete in seinem Obergemach. Wir wollen keine Regel daraus machen, aber wir wissen, wie viel uns feste Gebetszeiten bedeuten. Denn sonst kommen wir doch nicht dazu.
Dreimal am Tag, mitten in seinen Amtsgeschäften, hat er unterbrochen und musste dann mit Gott darüber reden. Als er merkte, dass die Neider kamen, hat er einfach alles Gott noch einmal hingelegt. Wenn er an die ganze gottlose Welt Babels dachte, wenn er an die Zerstörung Jerusalems dachte, dann brachte er all das, was ihn niederdrückte, vor seinen Herrn. Welch eine Ermächtigung liegt in diesem Beten! Ich darf das aus meinem bedrängten Herzen nun einfach vor Gott niederlegen und ihm sagen.
Es steht da: Er betete, dankte und lobte Gott. Wie arm ist ihr Beten, wenn sie nicht vornean das Danken und das Loben haben. Daniel hatte Grund zum Danken, sicher, wenn er an seine Amtsführung dachte, an die Position, die ihm zugefallen war. Aber dieses Gebet blieb nicht so individualistisch an seiner eigenen Sache hängen. Er hat Gott gedankt über die Geschichte des Volkes Israels. Ich meine, Daniel hat schon gedankt, wenn er wusste, wie die Wege Gottes weitergehen. Wir werden das in 14 Tagen dann noch haben, wie Daniel den prophetischen Blick hatte bis in die Zukunft Jesu hinein. Daniel ist ja der große Seher Gottes. Und darum war er einer, der danken und loben konnte, dass Gott die Schicksale der Völker in seiner Hand hat.
Er betete den Gott des Himmels und der Erde an. Er war nicht so ein kleiner, nörgelnder Christ, sondern einer, der den großen Weitblick hatte. Und daraus kamen sein Danken und sein Loben. Die Anbetung, die machte ihn stark.
Und wenn er sich dann vor Gott niederkniete, so war diese Haltung doch von Bedeutung. Er, der hohe Herr, vor dem so viele Achtung hatten, beugte sich vor dem großen und mächtigen Gott. Und darum war er stark. Dieses Beugen und Niederknien drückte aus: Ich gehöre ja nicht diesem System, ich gehöre nicht den Menschen, ich bin dem größten König eigen.
Er hatte offene Fenster nach Jerusalem. Was war denn das? Die Bibelkenner erinnern sich an das einstige Tempelweihgebet Salomos. Er hatte schon gebetet, dass, wenn einmal das Volk in Gefangenschaft sei, sie hierhin beten sollen, auf diese Stätte des Tempels, ja, dorthin, wo der Berg Zion ist. Dorthin sollen sie beten, weil Gott sich festgelegt hatte.
Und mit diesem Gebet, das war ja nicht nur eine Äußerlichkeit. Man könnte meinen, es wäre wie ein Symbol. Aber Daniel wollte anknüpfen an die großen Geschichten Gottes. Und jetzt wollte er dazugehören, auch im fremden Land. Wenn wir so einen Anknüpfungspunkt suchen, dann ist das in unserem Gebet der Hügel Golgatha, wo wir sagen: Da hat ja Gott genau so einen Punkt gemacht, wo er sich festgelegt hat, dass er in Jesus sich unser annehmen will.
Und darum war Daniel so zuversichtlich in seinem Beten, darum war er stark und mutig. Weil er wusste: Das sind ja nicht nur Hoffnungen und Vermutungen, sondern Gottesgeschichte steht fest mit mir.

Treue im Leiden und die Kraft des Vertrauens

Aber jetzt muss ich noch davon reden, wie diese Feinde ihn schnappten, als dieses Gesetz ergangen war. Wie hat man es als Kind immer so erzählt, das ist mir ganz plastisch im Ohr, vielleicht Ihnen auch noch aus der Erzählung. Es ist doch merkwürdig, wie viel da aus Kindertagen bleibt. Wir sollten unseren Kindern sehr viel erzählen.
Wie er da vors Haus trat oder an seinem Dienst saß, da war so ein Plakat angeschlagen. Und ich habe es ja vorhin so, dass unsere Kassettenhörer meinten, ich hätte es falsch gelesen, aus der Bibel eingeflochten.
Wird er da weiß im Gesicht, kriegt er da Angst? Ach nein, Daniel macht es wie jeden Tag auch, er betet. Man meint, er unterbricht jetzt doch wenigstens kurz. Er sagt: Ich erbitte mir Bedenkzeit, jetzt muss ich einmal sehen, ob ich die Form nicht wechseln kann. Es gibt ja so trickreiche Leute, die meinen, man müsse es da nicht mehr so provokativ tun, aber Daniel hält davon nichts. Er weiß: Wenn Gott das zulässt, dann gehe ich offen meinen Weg weiter.
Es ist ja ein altes Rezept, das erfahrene Christen immer wieder gegeben haben: Wenn du in einer feindlichen Umgebung stehst, dann vom ersten Tag an ein klares Bekenntnis. Da haben es uns die Altgedienten immer gesagt: Wenn du zum Kommis kommst und am ersten Tag deinen Spint einräumst, dann lässt das Bibelchen so aus dem Spint fallen, dass jeder in deinem Zimmer sieht, dass du Christ bist. Denn wenn sie es dann wissen, dann ist es am einfachsten, als wenn sie es nach und nach merken. Das wird nicht ruhmvoller. Also am ersten Tag die Bibel auf den Tisch.
Daniel hält nichts von verdeckten Dingen, als ob man dann noch das bekennen könnte. Er bleibt dabei. Als er davon hört, ging er hinauf in sein Obergemach und rief Gott an, wie immer. Er hat feste Formen, und dabei bleibt er. Er sagt nicht: Jetzt ist es meine Stellung, oder jetzt sind es andere Gründe. Nein, dann komme ich um, dann komme ich um. Ich will meinen Herrn nicht verlieren.
Wieder wollte ich mit dem Daniel reden: Ist dir schwer gefallen? Dann hätte er gesagt: Schwer gefallen? Ich hänge doch nicht an der Welt Babels, mein Herz hängt in Zion, mein Herz hängt in Jerusalem. Ich warte auf die künftige Stadt. Hoffentlich sind sie so frei von all dem, was die Welt ihnen bietet.
Durch Beten wurde er stark, und das Dritte: Er war bereit zum Leiden. Ja, mich überrascht auch, dass das bei Daniel nicht eine große Glaubenskrise war. Wir hören, dass der König Darius noch einiges versucht hat, um den Daniel zu befreien. Er hat also offenbar manche Initiativen gestartet, vielleicht hat er ein paar Boten zu Daniel geschickt und hat gesagt: Leugne es doch einfach.
Es gibt ja auch das bei Christen, dass die meinen, Gott müsste man mit Lügen nachhelfen in solchen Situationen. Ich habe bestimmt nicht gebetet, ganz bestimmt nicht. Ich bete wieder, wenn es erlaubt ist, aber jetzt im Augenblick leugne ich es ja nur nach außen, ich bete nur noch im Herzen und solche Tricks. Nein, das gibt es für ihn nicht.
Er hätte ja sagen können: Warum ist es Gott nicht möglich gewesen, mir das zu ersparen? Warum hat er die Initiativen des Darius nicht gelingen lassen? Vielleicht hat Daniel selbst einige Stunden gewartet und gehofft, es möge doch dies an ihm vorübergehen. Wie sieht das bei uns aus, wenn wir den Tod vor Augen hätten, um unseres Glaubens willen? Wenn wir sagen: Du wirst nicht mehr erleben, wie die Sonne aufgeht, du wirst den Einbruch der Nacht nicht mehr erleben, du hast noch einige Stunden zu leben. Jetzt muss doch Gott irgendwo einen Ausweg schenken.
Nein, es kommt kein Ausweg. Gott führt seine treuesten Leute mitten hinein in die dunkelste Nacht. Und das ist eine Erfahrung, die viele von Ihnen auch gemacht haben. Das stimmt ja nicht, was in vielen frommen Geschichten steht, dass Gott einen immer vorher herausführt. Einen Daniel hat er in die Löwengrube werfen lassen, und seinen eigenen Sohn hat er auch in eine Grube werfen lassen, die auch versiegelt wurde. Und Jesus hat gesagt, dass dieser Weg auch der Weg seiner Jünger ist. Und wir erleben das bei Freunden und Bekannten und Verwandten, dass der Herr durch Leiden und Schrecken und Nöte führt.

Das Wunder der Bewahrung und der Blick auf die Gegenwart

Aber jetzt wird es ganz wunderbar. Wie arm wäre das Leben Daniels geblieben, wenn er das in der Löwengrube nicht für uns erlebt hätte: dass auch Gott den löwenhaften Rachen zuhalten kann; dass wir durch unheilbare Krankheiten und durch jahrelange Leiden hindurchgehen, wie einige, die die Kassette hören, die jetzt nicht unter uns sein können, und doch die Macht des Herrn erleben, wie sie es in gesunden Tagen nie erkannt haben. Das ist die Größe unseres Herrn.
Ich habe aus unserem Blatt Dein Reich komme vom Missionsgrundlicht im Osten, das jetzt gerade im Druck ist, ein Erlebnis herausgenommen. Eine Frau eines Inhaftierten schreibt aus der Sowjetunion, Korkodilow, der für zweieinhalb Jahre verurteilt wurde, am 2. Februar 1979 im Gefängnis. Sie durfte ihn mit ihrem dreijährigen Kind besuchen. Sie erzählt das ausführlich und bewegend, wie dort in diesem Zimmer die zwei Tische zwischen Vater und Kind sind, und das Kind ruft: Das ist schwer! Das ist schwer!
Ich will das nicht abbrechen und ich will das nicht verklären. Das ist nicht leicht, in die Löwengrube geworfen zu werden. Als wir ihn besuchten, erschraken wir bei seinem Anblick. Er hatte nur noch Haut und Knochen, wir weinten. Ich ergriff ihn am Arm und sagte: Was haben sie mit dir gemacht? Er ist jetzt noch in Haft.
Er antwortete: Beruhige dich, ich bin ganz zufrieden hier. Mit mir ist der, der mich tröstet. Ich fühle hier so sehr Gottes Nähe, das habe ich in der Freiheit nie so empfunden. Ich weiß, dass ich durch die Gebete meiner Freunde getragen werde. Ich sagte dem Herrn: Wenn ich alles für dich getan habe, so nimm mich zu dir; wenn nicht, so lasse mich noch leben und gib mir wieder Kraft und Gesundheit.
Und beim Abschied sagte er: Weine nicht, ich bin mit meinem ganzen Herzen bei euch und bei der teuren Gemeinde. Dieser Stacheldraht, diese Zäune und Wachposten trennen uns nur äußerlich. Erzieht die Kinder im christlichen Geist, damit sie den Herrn finden.

Der Ruf zum Vertrauen

Wir wollen daran denken, dass unser Herr uns wohl in die Löwengrube werfen lassen kann. Aber daran soll für so manchen Gottlosen in unserer Nähe deutlich werden, was es heißt, dass er Gott vertraut hat.
Mir wird es manchmal schwer, wenn ich sehe, wie viele von Ihnen auf einen unheimlich dunklen Weg geführt werden. Ich kann mir kaum ausdenken, wie man das durchstehen kann. Dann höre ich es immer wieder, aus einer schwachen Stimme, aus dem Mund geplagter oder leidender Eltern: Wir haben gestern, vorgestern die Liebe unseres Herrn erfahren.
Das Wunder, von dem wir reden, ist nicht das Wunder eines treuen Daniel, sondern das Wunder eines mächtigen Gottes, das am Ende auch an Darius anbetet. Er lebt wirklich. Er steht wirklich dem Schwachen bei, und er macht ihn unüberwindlich stark.
Was könnte da bei Ihnen sein, wenn Sie sich ganz ihm öffnen? Wenn Sie sich ganz auf ihn stützen, wenn Sie ihm ganz vertrauen, wenn Sie den Weg so kompromisslos gehen? Ich wollte Ihnen Mut machen, dass Sie heute aufhören mit so unheiligen Kompromissen, die unser aller Leben kennzeichnen, und den einen Weg gehen, der uns allein glücklich macht. Amen!