Serie•Teil 2 / 13Familienfreizeit 2001
Generierte Mitschrift
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Einordnung in den größeren Zusammenhang
Vers 27 folgen die Frage des Ehebruchs, Vers 33 die Frage von Meineid und Rache, Vers 34 die Frage der Feindesliebe und dann in Kapitel 6 ab Vers 1 das richtige Verhalten beim Beten und ab Vers 9 das Vaterunser.
So der Überblick, der Zusammenhang, in den der Text eingebettet ist, den wir heute Morgen etwas näher betrachten wollen. Da handelt es sich nämlich um die Seligpreisungen. Ein durchaus bekannter, vielleicht einer der bekanntesten Abschnitte im Neuen Testament überhaupt, allerdings auch ein recht verwirrender Abschnitt.
Verwirrend einfach deshalb, weil da Dinge drinstehen, die in einem krassen Gegensatz zu unserer Umgebung und zu unserer Zeit stehen. Da würde es dann eher heißen: Selig die Reichen, denn sie werden viel genießen können. Selig diejenigen, die immer feiern können und fröhlich sind, denn die haben etwas vom Leben, und so weiter. Und hier sehen wir jetzt eine totale Gegenstellung dazu.
Wir müssen eigentlich sagen: Versteht der überhaupt, was er sagt, Jesus hier? Das ist doch vollkommen unvernünftig. Also das entspricht ja alles gar nicht dem, was wir um uns herum und in unserer Zeit hören.
Und da merken wir natürlich auch, wie stark wir in die Versuchung hineinkommen können, nämlich genau so zu denken wie unsere Umgebung. Dann bügeln wir diese Widerstände der Seligpreisungen einfach etwas glatt und sagen: Na ja, das ist eigentlich alles gar nicht so gemeint. Das ist vielleicht nur der Trost der Hoffnungslosen, die irgendwo in den Slums leben, denen es ja nicht besser gehen kann. Na ja, denen sagt Gott noch: Bleibt mal schön da unten, und irgendwann wird es euch auch mal im Himmel besser gehen.
Aber so ist das ja gar nicht gemeint. Sondern hier will Jesus uns tatsächlich vor Augen führen, dass bei Gott ganz andere Maßstäbe gelten als bei uns.
Sicherlich, wir werden jetzt die einzelnen Verse durchsprechen, und uns werden manche Dinge hoffentlich auch dabei klarer werden. Man könnte das Ganze überschreiben mit: Unsere Ohnmacht ermöglicht das Handeln Gottes. Oder: Selig sind diejenigen, die sich ihrer eigenen Ohnmacht bewusst werden, denn dann kann Gott durch sie wirken. Oder irgendwie so könnten wir, denke ich, die Gesamtausrichtung der Seligpreisungen zusammenfassen.
Also nicht, dass wir auf uns bauen, sondern dass wir unsere Grenzen, unsere Begrenztheit, auch die Gefallenheit der Welt, in der wir leben, erkennen, um uns dann umso mehr auf Gott ausrichten zu können.
Die Bergpredigt als Grundlegung
Bevor ich nun auf die einzelnen Verse zu sprechen komme, möchte ich ein paar einleitende Worte über die Bergpredigt Jesu generell sagen.
Die Bergpredigt ist eine der ausführlichsten Reden Jesu, die uns so zusammengefasst überliefert sind. Hier finden wir die Lehre Jesu in ganz konzentrierter Form. Möglicherweise sind an dieser Stelle auch andere Reden Jesu aufgenommen worden. Das liegt einfach daran, dass Matthäus ja nicht in allen Punkten streng chronologisch vorgeht, sondern vielfach Themen zusammenfasst, sodass möglicherweise Aussagen, die Jesus auch an anderen Orten getroffen hat, hier mit eingeflossen sind.
Es wird deutlich, dass es sich hierbei nicht nur um eine allgemeine Predigt handelt, sondern, wie es manche Theologen gesagt haben, hier wird das Grundgesetz des neuen Bundes Gottes mit den Menschen weitergegeben. Also werden hier ganz grundsätzliche Überlegungen zu unserer Beziehung zu Gott ausgedrückt.
Es geht nicht darum, dass Jesus eine neue Gesetzlichkeit aufrichtet, wie die Pharisäer das getan haben. Also nicht nach dem Motto: Jetzt sage ich euch, das sind die Gebote, und wenn ihr danach lebt, dann werdet ihr errettet werden. So geht es gerade nicht. Vielmehr führt uns Jesus in der Bergpredigt immer wieder an unsere Grenzen, wo wir erkennen, dass wir dem Anspruch Gottes des Alten Testaments und auch dem, den Jesus aufnimmt, gar nicht entsprechen können.
Jesus erfüllt vielmehr das Gesetz. Er richtet kein neues Gesetz auf, sondern erfüllt das Gesetz Gottes und macht damit den Weg frei, dass wir, ohne selbst alles erfüllen zu müssen, einen Zugang zu Gott bekommen. Er wendet sich da und dort tatsächlich auch gegen Aussprüche, von denen wir manchmal annehmen, dass sie das Alte Testament betreffen, die aber in erster Linie die Interpretation der Rabbiner aufgreifen, die das Alte Testament verfälscht und in ihren theologischen Rahmen eingepresst haben.
Also immer wieder, wenn wir dann lesen, dass Jesus sagt: Die Alten haben euch gesagt, aber ich sage euch, dann wendet sich das nicht in erster Linie gegen das Alte Testament, sondern gegen die Interpretation der Rabbiner des Alten Testaments.
Das sehen wir an einigen Stellen und können das nachvollziehen. Beispielsweise: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Das steht ja im Alten Testament so nicht drin; das war eine Interpretation der Rabbiner. Oder die Frage, wer dann die Ehe gebrochen hat: derjenige, der das jetzt vollzieht, oder dann sagt Jesus: Nein, sondern schon, wenn du eine Frau ansiehst und sie begehrst, dann hast du schon die Ehe gebrochen.
Und im Grunde genommen ist auch das schon alttestamentlich. Alle von uns, die einmal die Zehn Gebote auswendig gelernt haben, werden wissen, dass das letzte Gebot nämlich gerade das beinhaltet: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Vieh, Haus und alles, was sein ist. Also merken wir: In einer ganz zentralen Aussage finden wir genau das enthalten. Jesus verschärft das nicht noch, sondern er weist nur neu darauf hin.
Die Rabbiner haben versucht, sich einen angenehmen Weg zu schaffen, indem man bestimmte Gesetze einhält und der Rest dann egal ist. Und da sagt Jesus: Eigentlich ist das nicht so. Aber nicht, damit wir jetzt versuchen, auch noch das einzuhalten, sondern um uns deutlich vor Augen zu führen: Wir können es gar nicht. Wir müssen vor Jesus erst einmal Bankrott erklären, um dann neu wieder anfangen zu können, ohne Selbstgerechtigkeit.
Die Bergpredigt ist damit keine politische Norm oder eine Lebensmaxime für eine kleine extreme Gruppe, die irgendwo zurückgezogen in einem Kloster lebt. Es ist keine Mönchsregel. Vielmehr geht es darum, Gottes Denken an uns heranzutragen, was allgemein für jeden von uns gilt, uns aber auch gleichzeitig unsere Unzulänglichkeit vor Augen führt.
Der Auftakt der Rede und ihre Form
Nun, wenn wir dann in Kapitel 5, Vers 1 lesen, also die Einleitung zur Bergpredigt, dann lesen wir: Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.
Wir sehen also zunächst einmal: Die Bevölkerung ist bereit, sie will jetzt gerne etwas aufnehmen. Wir sehen außerdem, dass die Jünger in erster Linie um ihn herum sind, also sie stehen beziehungsweise sitzen dann um ihn herum. So merken wir auch, dass sich die Seligpreisungen nicht an irgendjemanden richten, sondern in erster Linie an die Jünger. Das Volk ringsherum hört dabei mit zu. Insofern können wir dann die Seligpreisungen, das Vaterunser und auch viele andere Dinge erst richtig verstehen.
Denn natürlich ist nicht jeder, der aus irgendeinem Grund leidet, seliggepriesen, wenn wir das hier sehen, sondern derjenige, der Jesus Christus kennt und im Glauben, wie uns das ja auch die letzten der Seligpreisungen deutlich machen, leidet, der wird seliggepriesen. Es geht also um diejenigen, die bereit sind, Jesus nachzufolgen, die schon den ersten Schritt in den Glauben getan haben, und nicht um alle Menschen um uns herum, die damit gleicherweise angesprochen werden.
Wir sehen, er tritt auf einen Berg, sehr wahrscheinlich, damit er dort gut gehört wird, aber nicht nur das. Wir lesen dann auch, und so müssten wir es korrekt übersetzen: „nachdem er sich gesetzt hatte, fing er an zu lehren.“ Wir lesen ja nur in einem Nebensatz: er setzte sich. Jetzt verstehen wir das vielleicht so: Nun ja, er ist müde und deshalb setzte er sich hin. Das ist aber nicht ganz so. Hier steckt eine ganze Geschichte dahinter, die wir heute noch in einem kleinen Maß verstehen können.
Es war nämlich für einen Rabbi der damaligen Zeit ganz normal, wenn er eine wichtige Lehre verkündet hat, dass er sich dabei gesetzt hat. Übrigens finden wir das heute noch in einigen Überlieferungen auch in unserer Umgebung. Wir sprechen beispielsweise von dem Lehrstuhl des Professors. Und jetzt könnt ihr an die Universität gehen und fragen: Ja, wo ist denn der Lehrstuhl? Dann sagen sie: Hier ist das Seminar von da und da. Dann sage ich: Wo ist der Stuhl jetzt? Dann werden die Leute euch nur kopfschüttelnd anschauen und sagen: Ja, Stuhl, es gibt hier keinen Lehrstuhl, von dem aus geredet wird.
Im Mittelalter war das noch üblich, dass der Professor bei den Vorlesungen nicht gestanden hat, sondern gesessen hat, eben gerade auf dem Lehrstuhl. Und alle Aussagen, die er von dem Lehrstuhl aus gemacht hat, die waren eben Lehre. Das war nicht nur seine Meinung, die er irgendwo am Stammtisch vertreten hat, sondern das war die hochoffizielle Lehre.
Wir kennen das auch noch weiter, dass beispielsweise der Papst ex cathedra spricht. Das ist eben von dem Lehrstuhl aus, und dann ist er nach katholischer Lehre unfehlbar. Das heißt: Nicht jede Aussage des Papstes ist unfehlbar, sondern nur die, die er als hochoffizieller katholischer Lehrer, als Oberhaupt der katholischen Kirche, trifft. Diese sind nach katholischer Auffassung unfehlbar.
Und da merken wir auch wieder: Da ist es eben derjenige, der von seinem Lehramt Gebrauch macht, der sich jetzt setzt. Das ist ein besonderer Ausdruck, und wir merken, das ist übrig geblieben von dieser rabbinischen Auffassung, die auch zur Zeit Jesu da war. Und deshalb merken wir: Wenn Jesus sich hier gesetzt hat, dann setzt er an zu einer Lehraussage, die eine ganz besondere Bedeutung für seine Umgebung haben soll. Das erkannten sowohl seine Jünger als eben auch die Bevölkerung, die um ihn herum stand.
Das Ganze geht auch noch weiter in Vers 2. Manchmal lesen wir über solche Dinge gerne hinweg, weil sie uns nicht so auffallen: Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie und sprach. Nun, zum einen könnten wir jetzt denken, das ist ja alles hier doppelt und dreifach gemoppelt, also er lehrte, und er sprach, und er tat seinen Mund auf. Zum einen ist es so, dass das eben sprachlich damals für die Leute schön klang, einfach wenn man Sachen doppelt genannt hat. Aber es hat auch noch eine besondere Bedeutung, denn jeder dieser einzelnen Aussagen bezeichnet einen besonderen Aspekt.
Also das Lehren, dass es hier eben nicht nur um eine lockere Unterhaltung geht, sondern um eine Lehre. Das Mund auftun beziehungsweise das Sprechen: Jetzt beginnt das Ganze, was er zu sagen hat. Und er tat seinen Mund auf – das griechische Wort, das dahinter steckt, meint, eine feierliche, gewichtige Aussage zu machen. Also es heißt nicht, damit nichts zu tun, nur einfach zu sagen: Ich mache den Mund auf, dann passiert irgendwas, sondern: Ich mache eine ganz besonders wichtige Aussage.
Das wurde in der heidnischen Umwelt beispielsweise gebraucht, wenn so ein Opferpriester ein Orakel gesagt hat, also etwas, das für die Bevölkerung wichtig war, für die Zukunft: Soll man einen Kriegszug führen oder nicht? Dann hat er ein Orakel gesagt, und das wurde mit solchen Worten eingeleitet. Das bedeutet so viel wie: Jemand, der wirklich sein Herz ausschüttet über das, was ihm ganz innig wichtig ist. Das bedeutet das auch.
Die Form, in der das geschrieben ist, der Imperfekt, meint, und das ist eine Form, die wir in der Weise gar nicht ganz genau gleich ausdrücken können, dass etwas, was in der Vergangenheit ständig wiederholt wird, auch in der Gegenwart fortgesetzt wird. Wir könnten sagen: Eine gewohnheitsmäßig ausgeführte Tätigkeit ist damit gemeint, mit diesem Wort. Das bedeutet, wir könnten das eigentlich so übersetzen wie: „Das, was er zu lehren pflegte“ oder „das, was er gewohnt war zu lehren“, das trug er jetzt vor.
Da merken wir: Die Bergpredigt ist eine Zusammenfassung von dem, was Jesus auch an anderen Orten immer wieder wiederholt hat. Es ist nicht eine einmalige Aussage, sondern hier ist ein Kern seiner Predigt, die er hier und an anderen Orten in gleicher Weise gehalten hat.
Der Begriff des Glücks und die erste Zusage
Nun, dann finden wir dies jetzt: Makarios. Selig sind die, oder manche Bibelübersetzer übersetzen das auch mit „glückselig sind die“. Das ist ein Verb, das wir eben an verschiedenen Stellen auch im Alten Testament finden, so in Psalm 84, Vers 5 und folgende, wo die neu angekommenen Pilger glücklich geheißen werden. Also: Glücklich sind die, die das und das tun.
Wir können das auch gleich mal aufschlagen, Psalm 84, nur um zu sehen, dass es diese Form der Aussage also auch schon im Alten Testament gab. Psalm 84, ab Vers 5, da lesen wir nämlich: „Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar. Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln.“ Also, dieses „wohl denen“ ist genau dasselbe, was wir hier bei den „selig sind die“ haben. Das ist also dasselbe Wort, das darin steckt, was damit gemeint ist, natürlich in der griechischen Übersetzung, weil das Alte Testament ja auf Hebräisch geschrieben ist.
Allerdings ist das, was wir relativ selten finden, dass jetzt eine Person direkt angesprochen wird. Meistens gibt es mehr allgemeine Lebensregeln im Alten Testament, die so eingeleitet werden. Es fehlt übrigens auch an dieser Stelle das Verb vollkommen. Dieses „selig sind die“ steht im Griechischen nicht. Das kann man im Deutschen nicht machen, da wäre das ein unvollständiger Satz. Im Griechischen geht das. Das bedeutet aber noch vielmehr, dass hier eine Zustandsbeschreibung ausgesagt wird, sozusagen eine ganz enge Verbindung zwischen dem, der jetzt beschrieben wird, und dem, was daraus folgt.
Also ist es nicht so, dass hier nur ein allgemeiner frommer Wunsch ausgedrückt wird oder eine verschwommene Prophezeiung, sondern dass jemand beglückwünscht wird zu dem, was eigentlich schon ist. Also eine Beschreibung des Seins: Die sind schon so. Vielleicht haben Sie es noch nicht gemerkt, aber es ist eigentlich so.
Wir könnten das Ganze zusammenfassen, vielleicht: Welch eine Seligkeit, Christ zu sein, oder so ähnlich. Auch das trifft es natürlich nicht ganz genau, aber so ähnlich. Es soll vor Augen geführt werden, wie die Christen dort leben.
Makarios, so wurden im Griechenland auch eigentlich nur die Götter bezeichnet, also die Götter, die sind richtig selig, die sind zufrieden, die sind glücklich, die haben alles. Das hatte man sonst von Menschen fast nie oder eben auch nie gesagt. Ein Gegensatz zu der irdischen Freude, die vergänglich ist, die durch unglückliche Umstände, Krankheiten, Misserfolge oder manchmal auch nur durch Wetterumschwünge bei Menschen bewirkt werden kann. Irgendwie etwas Falsches gegessen, und dann bekommt man eine Belehrung, so fühlt man sich nicht mehr wohl. Da ist man nicht mehr Makarios.
Und da wird gesagt: Das ist alles weg. Das ist nicht dieses Vordergründige, sondern das bedeutet tatsächlich, vollkommen in der Tiefe Gottes geboren zu sein und dadurch glücklich zu sein.
Nun, dieses „selig“ haben wir ja auch in Psalm 1, Vers 1 gelesen. Da ist das ja ganz ähnlich. Da kommen wir nun zu den Ersten, die selig gepriesen werden.
Die erste Seligpreisung: geistliche Armut
Selig sind die, die geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.
Nun merken wir: Es geht hier nicht nur um diejenigen, die arm sind. Das wird uns manchmal beispielsweise von Theologen der Befreiungstheologie vor Augen geführt, etwa von Leonardo Boff aus Südamerika. Er hat dann gesagt: Gott hat eine Option für die Armen, Gott ist generell auf der Seite der Armen. Das heißt: Wenn du arm bist, bist du schon ein Kind Gottes, egal, ob du glaubst oder nicht.
Das finden wir natürlich in der Bibel nicht. Hier steht ja auch in diesem Zusammenhang ganz deutlich: Selig sind, die geistlich arm sind. Also nicht nur irgendwelche Armen. Nicht allein dadurch, dass du weniger als dein Nachbar auf dem Konto hast oder ein kleineres Auto fährst, bist du Gott näher. Das ist nicht automatisch so.
In Südamerika führt das auch dazu, dass gesagt wurde: Gott ist generell auf der Seite der Armen. Das heißt, die können auch ruhig die Reichen erschießen, um das Geld von ihnen zu bekommen, und Gott rechtfertigt das schon, weil Gott sich ja immer für die Armen einsetzt. Ganz so ist das nicht. Auch im Alten Testament tut er das nicht pauschal, sondern eben für die Armen, die Frommen, für die Armen, die sich für Gott einsetzen und deshalb leiden. Für die setzt er sich ein, aber nicht für Menschen, die pauschal einfach nur deshalb arm sind, weil sie wenig Geld haben.
Nun wollen wir das Stück für Stück betrachten.
Zum Ersten gibt es im Griechischen zwei Worte für diesen Begriff, den wir im Deutschen mit Armut oder Armsein wiedergeben. Da gibt es einmal den Begriff Penes. Das heißt so viel wie: mit eigenen Händen etwas verdienen. Also jemand, der nicht von seinen Zinsen leben kann, nicht jemand, der andere für sich arbeiten lässt, sondern der mit eigenen Händen seinen Lebensunterhalt verdient. Jemand, der keinen Überfluss hat, aber auch nicht in großem Mangel leidet. Dieses Wort wird hier nicht gebraucht.
Dann gibt es ein weiteres Wort, nämlich das Wort Ptochos, und das wird hier gebraucht. Das bedeutet so viel wie völlige, regelrechte Armut. Jemand, der, und das kommt von dem griechischen Wort her, hocken, sich bücken, niederkauern, jemand, der in die Knie gezwungen wird, jemand, dem tatsächlich etwas fehlt. Wir merken: Hier ist ein radikaler Ausdruck gemeint, unter den wir wahrscheinlich mit Armut nicht fallen würden. Da würde auch kaum jemand darunter fallen, der in Deutschland unter der Armutsgrenze steht. Denn bei dem ist es meistens auch nicht so, dass er nun wirklich hungern muss in diesem Sinne, sondern dass er einfach nicht so viel hat wie die anderen um ihn herum.
Das hebräische Wort, das für diesen Begriff im Alten Testament gebraucht worden ist, und Jesus hat ja wahrscheinlich ursprünglich das Ganze in Hebräisch beziehungsweise Aramäisch vorgetragen, lautet Ebion. Es meint so viel wie: ohne Einfluss, ohne Hilfe, ohne Ansehen zu sein, unterdrückt zu werden, mit Füßen getreten zu werden, keinerlei Einfluss zu haben, ohne alle irdischen Hilfsmittel, ausschließlich auf Gott vertrauen zu müssen. Das war für die Juden ja klar, denn hier ging es ja in Israel immer auch um geistliche Dinge.
Das bedeutet: Ich habe nichts mehr, an dem ich mich mit Sicherheit festhalten kann, und deshalb werde ich automatisch dazu gezwungen, mein ganzes Vertrauen auf Gott zu setzen. Das ist ja klar. Nehmen wir das Beispiel: Ich habe jetzt ein großes Bankkonto, ich habe einen vollen Kühlschrank, und wie gesagt, ich bete. Wie stark ist dann das Vertrauen noch auf Gott, da ich ja weiß, ich kann mir meine Wünsche auch selbst erfüllen? Hier ist derjenige gemeint, der total arm ist und aufgrund dessen ganz auf Gott vertrauen muss. Derjenige, der demütig sich Gott unterordnet.
Wir finden das gerade in den Psalmen an einigen Stellen. Psalm 34,7: Als der im Elend rief, hörte der Herr und half ihm aus allen seinen Nöten. Also dieser, der im Elend ist, das ist dasselbe Wort, was man meint, der in Armut ist, der arm ist. Als der zu Gott rief, dann erlöste er ihn aus allen seinen Nöten.
Psalm 9,19: Denn er wird den Armen nicht für immer vergessen. Dieser Arme ist wiederum hier gemeint, derjenige, der nichts hat, worauf er sich selbst etwas aufbauen kann, und deshalb ganz auf Gott vertraut.
Oder: Gott rettet den Elenden, Psalm 35,10. Oder auch Psalm 107,41: Er soll den Elenden im Volk Recht schaffen und den Armen helfen, Psalm 72,4.
Das ist das, was damit gemeint ist. Und so war es zur Zeit Jesu, dass manchmal der Ausdruck arm die Armen nicht nur auf den materiellen Zustand anspielte, sondern auch auf diese innige Verbindung Gott gegenüber.
Geistliche Armut als Haltung des Vertrauens
Nun, das ist aber nicht das Einzige, was hier steht. Es soll ja keine Mystifizierung oder Schwärmerei für Armut sein, sozusagen: Jetzt werft alle Sachen von euch weg, zieht euch nur ein altes Bettlaken an, das ihr da habt, und jetzt campieren wir alle nur noch draußen, und wir fasten nur noch, und dann sind wir glücklich in unserer Freizeit. Nein, das ist damit ja nicht gemeint.
Wir lesen ja auch den Zusammenhang: Die sind arm, also das ist der Zustand. Aber die, die in geistlicher Hinsicht arm sind, könnten wir sagen, sind diejenigen, die sich in geistlicher Hinsicht in diesem Zustand befinden, wie ich das gerade von mir beschrieben habe in materieller Hinsicht.
Was bedeutet das? Nun, einige sagen dann, damit seien bestimmt diejenigen gemeint, die etwas geistig minderbemittelt sind, also diejenigen, die einen niedrigen IQ haben, diejenigen, die vielleicht nur die Sonderschule besucht haben. Also lasst uns alle dazu streben, keine höheren Ämter zu übernehmen, der Dümmste ist der Beste. Ja, ist das die biblische Botschaft? Nein, weit entfernt davon.
Wir finden gerade im Gegensatz dazu, dass sehr häufig in der Bibel die Weisheit gelobt wird, und Weisheit hat auch etwas mit Wissen und mit Verstand zu tun. Das bedeutet zwar nicht, dass deshalb nun derjenige, der Nobelpreisträger ist, Gott näher ist als der, der eben eine Sonderschule besucht hat. Aber es bedeutet, dass nicht pauschal derjenige, der in irgendeiner Weise dumm ist, vor Gott besser dasteht als einer, der klug ist.
Sondern hier steht ja auch nicht, dass derjenige, der geistig, also vom Verstand her arm ist, gemeint ist, sondern hier ist ja derjenige gemeint, der geistlich arm ist. Also die Bibel unterscheidet ja in verschiedenen Aspekten. Das rein Intellektuelle gehört in der Bibel zu dem Bereich des Seelischen. Also Gefühl und Intellekt gehören da zusammen. Dann gibt es das Körperliche, und dann gibt es das Geistige. Und nach der Bibel ist der Mensch, der Gott nicht kennt, geistlich tot.
Also das heißt: Gott hat das so in den Menschen eingebaut, aber dieses Empfangsteil Gott gegenüber funktioniert nicht. Dieses Leben, das Gott uns von dem ewigen Leben gegeben hat bei der Schöpfung als Menschen, das ist nicht ansprechbar. Erst wenn wir uns dann Jesus gegenüber zuwenden, wenn wir ihm unsere Sünden bekennen, ihn um Vergebung bitten und mit ihm ein neues Leben anfangen wollen, so wie es Nikodemus tut, als er dann eines Abends zu Jesus kommt und ihm sagt: Du musst von neuem geboren werden, das versteht er nicht. Und dann bedeutet Jesus ihm das und sagt ihm, du musst innerlich, dieses Geistliche, das muss erst einmal in dir geboren werden, sonst bist du gar kein Christ.
Und das ist das, was hier gemeint ist. Dieser geistliche Bereich, da müssen wir so sein, wie die anderen das in ihrer weltlichen, also der materiellen Armut verstanden haben, sozusagen. Wir müssen sehen, dass wir geistlich nichts bewirken können, dass wir vollkommen machtlos sind, dass wir es selbst nicht schaffen, dass wir eigentlich auch keine guten Menschen sind. Wir müssen eben diese geistliche Bankrotterklärung erst einmal ausfüllen, um dann Gott tatsächlich kennenlernen zu können.
So steckt in dieser eigenen Hilflosigkeit, die Menschen eingestehen sollen, natürlich diese Unabhängigkeit vom Materiellen. Sozusagen: Ich weiß, darauf baut sich mein Glück nicht auf. Das bedeutet, sich völlig auf Gott auszurichten, ihm zu verhaften, sich auf ihn auszurichten. Diejenigen, die diese Hilflosigkeit erkennen, die werden hier glücklich gepriesen. Und ihrer ist das Himmelreich.
Nun, da denken wir sicherlich zum einen an die Bitte im Vaterunser, eben: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Wir wissen auch, dass das Wort Himmelreich, ich habe es gestern erwähnt, eben dieses Basilea ton uranon, also dieses Himmelreich Gottes, häufig im Matthäusevangelium vorkommt. Das bedeutet: Wenn du vollkommen eingestehst, dass du vor Jesus eigentlich nichts bist, dass du auch nichts leisten kannst, wenn du eine Totalbankrotterklärung machst, dann gehört dir das Himmelreich. Weil du dann erst Gott zuwenden kannst, dann kann Jesus erst all das bei dir ausfüllen.
Wenn du nur so halbe-halbe versuchst zu machen, na ja, so ein bisschen Jesus, ein bisschen ich, da wehrt sich dann ja beispielsweise Paulus auch im Galaterbrief, und er sagt, das ist alles überflüssig. Entweder unter dem Gesetz gerettet, und dann kannst du das gleich abschreiben, das geht nämlich nicht, oder du verlässt dich nur auf die Gnade Gottes. Aber dann kannst du deine eigenen Bemühungen erst einmal fallen lassen. Dann musst du deine Maske vor Gott abnehmen, auch vor dir selbst, und das eingestehen. Das ist hiermit eigentlich gemeint.
Und derjenige, der das tut, dem wird das Himmelreich Gottes zugesprochen. Denn der erfährt schon hier auf der Erde, wie Gott herrscht und wirkt durch uns, wie er uns in unserem Leben bereichert und weiterbringt. Das erfahren wir dadurch.
Trauer, Trost und die Erfahrung von Leid
Selig sind die, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.
Das griechische Wort, das hier für Leidtragen gebraucht wird, ist eine Bezeichnung für die stärkste mögliche Trauer. Das wird beispielsweise in der Septuaginta, also in der griechischen Form des Alten Testaments, gebraucht, als beschrieben wird, wie Jakob um Joseph trauert, als er dessen vermeintlichen Tod mitgeteilt bekommt. Es geht also um eine riesengroße Trauer. Ich bin ganz tief davon betroffen, das ist damit gemeint. Also nicht eine kurzzeitige Verstimmung oder so etwas, sondern eine tiefe Trauer.
Hier haben dann einige überlegt und sich die Frage gestellt: Ja, was für eine Trauer ist da gemeint? Das heißt ja, jeder Christ, egal worüber er traurig ist, nur wenn es ganz tief ist, der wird selig gepriesen. Dann haben einige Ausleger in der Vergangenheit immer wieder gedacht: Das ist ja eigentlich schwierig, wieso sollen die denn glücklich sein? Und dann hat man gesagt: Nun, möglicherweise sind dies diejenigen, die über der göttlichen Strafandrohung traurig sind, sozusagen: Ich merke jetzt, Gott verurteilt mich und die Menschen um mich herum, und deshalb bin ich traurig.
So wie vielleicht Jona hätte traurig sein sollen, als er da über Ninive predigt und dann da wartet und jetzt sagt: Ah, wann kommt die große Show, wann wird die Stadt untergehen? Das passiert dann nicht. Stattdessen hätte er da lieber traurig sein sollen, sagen: Oh, die armen Menschen, jetzt werden die sterben. Dass das damit mehr gemeint ist. Das wäre möglich.
Allerdings ist es ja so, dass wir in der Bibel nicht nur aufgefordert werden, über so etwas traurig zu sein, sondern da werden wir aufgefordert hinzugehen, die Menschen zur Umkehr zu führen. Also Traurigkeit alleine bringt da nicht weiter. Möglicherweise, und da haben andere darauf hingewiesen, ist es die Traurigkeit über unsere eigene Sünde. Und dafür ist es manchmal gut, wenn wir darüber weinen und darüber auch mal sagen: Also das ist schlimm, und ich bereue das, und ich will umkehren. Das ist wirklich eine traurige Angelegenheit, dass wir darüber traurig sind. Vielleicht spielt auch das mit eine Rolle.
Ich glaube aber, dass das nicht das einzige ist, worum es geht, sondern ich denke, dass tatsächlich hier etwas dahintersteckt von dem generellen Leiden, in das wir als Christen hineinkommen können. Egal, ob wir das theologisch begründen können, egal, ob wir eine Erklärung dafür haben oder ob es uns vollkommen sinnlos zu treffen scheint. Denn das, was hier jetzt zugesprochen wird, ist: Vertraut auf Gott, denn wenn ihr hier leidet, ihr sollt getröstet werden, hier auf der Erde und spätestens einmal im Reich Gottes. Gott steht dahinter, er lässt euch nicht allein. Es gibt für Gott kein total sinnloses Leid, auch wenn wir den Sinn hier auf der Erde nicht unbedingt erkennen können. Wir sollten uns nicht abkrampfen, um irgendwie einen Sinn zu finden für etwas, was wir nicht erklären können, aber dieses Vertrauen Gott gegenüber haben, weil wir wissen: Gott steht dahinter, und er ist größer als alles Leid.
So wird in Jesaja 12,1 oder Jesaja 49,13 auch der Messias genannt als der Tröster, also der uns Trost geben soll. Da merken wir: Die Botschaft und das Kommen Jesu haben nicht nur mit Erlösung zu tun, sondern auch damit, dass wir Trost bekommen, da, wo wir leiden. Und Leid ist ja schließlich hier auf der Erde nicht auf Gott zurückzuführen, sondern auf die Herrschaft des Teufels, der die Welt pervertiert hat, der sie heruntergezogen hat, der Menschen dadurch kaputt machen will. Gott verspricht dann: Wenn mein Wille, so wie er jetzt im Himmel geschieht, auch auf Erden geschieht, im tausendjährigen Reich, in der Herrschaft bei Gott, dann wird es dieses Leid eben auch nicht mehr geben. Spätestens dann werden Menschen getröstet werden.
Aber der Trost kann, wie wir in der Apostelgeschichte lesen, ja manchmal auch schon früher einsetzen. Petrus, der im Gefängnis ist, Paulus, der im Gefängnis ist, und dann singt, wo er merkt: Eigentlich äußerlich total miese Umgebung, und Gott hat ihn schon getröstet in dieser Hinsicht.
Nun, vielleicht ansatzweise könnten wir auch sagen: Mit dem Leid steckt etwas dabei drin, wie das arabische Sprichwort es sagt: Lauter Sonnenschein macht das Land zur Wüste. Nun, meine Sonnenscheine haben wir jetzt auch, Wüste gibt es noch nicht. Aber wenn man jetzt in der Sahara irgendwo ist, in Arabien, dann merkt man tatsächlich: Da ist zu viel Sonne. Und damit will er sagen: Na ja, manchmal braucht man das Leid, um sich noch stärker über das freuen zu können, was Gott uns Großes schenkt. Sagen wir mal, wenn ich jetzt 14 Tage gefastet habe, weil ich da wirklich nichts zu essen gehabt habe, und dann esse ich mal ein Stück Brot, dann merke ich: Oh, das schmeckt ja ganz gut. Ich bin besonders dankbar dafür. Da will er hinweisen, also sozusagen: Wenn ihr jetzt leidet, denkt daran, das kann auch für euch selbst positive Auswirkungen haben.
Oder selig, weil es den anderen Gelegenheit gibt, gehorsam zu sein, sozusagen Schätze für den Himmel zu sammeln, da, wo sie sich um uns kümmern. Ich meine, wenn Jesus uns auffordert, wir sollen die Hungrigen speisen, wir sollen den Trauernden beistehen, wenn es gar keine Trauernden gibt und keine Hungrigen, dann können wir uns auch selbst nicht dabei üben, so zu handeln, wie Jesus es tut. Darüber hinaus ist es so, dass wir dadurch anderen positiv vor Augen führen können, wie gut es ihnen geht, oder dass Gott Menschen heilt.
Wie wir sehen, bei dem Blindgeborenen, wo dann die Jünger rätseln: Was hat er denn getan? Und Jesus dann einfach nur sagt: Ja, der ist blind gewesen, damit die großen Taten Gottes an ihm verherrlicht werden. Dann merken wir: Der leidet, und eigentlich könnte Jesus jetzt sagen: Freu dich darüber, denn du bist ein Werkzeug Gottes in diesem Moment für die anderen. Auch wenn es dir selbst schlecht geht. Wir in unserer egoistischen Welt denken natürlich in erster Linie nur an uns. Das ist da für uns ein Problem: Wenn es dem anderen gut geht, was hilft mir denn das? Aber da merken wir: Gottes Maßstäbe, Gottes Denken ist total anders.
Es bedeutet auch: Selig ist sicherlich, wer über das Leid der Welt, wer sich das nahekommen lässt, wer nicht nur zur tagtäglichen Vergnügung übergeht, sondern wer Mitleid hat, das auch Praxis wird, wie ein von Bodelschwingh hier in der Nähe die Bethel-Anstalten gegründet hat oder ein Johann Hinrich Wichern, der in Hamburg das Waisenhaus gegründet hat, um den Menschen zu helfen aus dieser Betrübnis heraus.
Selig, wer über die eigene Sünde betrübt ist und dann umkehrt, wer darüber erschreckt ist, sicherlich auch da. Wir könnten sagen, so wie Psalm 51,19 es sagt: Gott wird ein geängstigtes und zerschlagenes Herz niemals verachten. Also hier eben, dass wenn wir jetzt niedergedrückt sind, wenn wir merken, in welcher Stellung wir sind, dann wird Gott uns auch ansehen.
Ein wichtiger Aspekt nebenher ist auch noch: Selig sind diejenigen, die Leid tragen. Also dass hier deutlich darauf ausgerichtet wird, wir sollen nicht versuchen, dem Leid unbedingt um jeden Preis zu entfliehen, sondern dass wir manchmal gerade dadurch, dass wir das Leid ertragen, weiter im Glauben kommen, dass wir Jesu Hilfe und Zuspruch im Tragen des Leidens erfahren und dadurch selig werden, sozusagen merken: Selig heißt ja nicht, errettet werden, sondern glücklich sind, also die Nähe Gottes erfahren.
Also dass wir dadurch, wenn wir im Leiden sind und das ertragen, für andere Menschen und für uns selbst Kontinuität erleben. Wir lesen ja, dass im Neuen Testament häufig erwähnt wird: Das Ausharren bewirkt Geduld, und die Geduld bewirkt dann die Langmut usw. usw. Das heißt, wenn wir jetzt geduldig unter dem Leid sind, nicht uns das freiwillig suchen, sondern das, was wir jetzt von Gott bekommen haben, dann in dieser Phase, nicht wenn wir jetzt immer damit hadern, dann eben nicht, sondern wenn wir das tragen, wie hier steht. Dann kommen wir zum Vers 5.
Sanftmut, Demut und das Erbe der Erde
Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.
Das Wort, das hier mit sanftmütig wiedergegeben wird, ist eng verwandt mit dem Wort, das wir auch mit demütig übersetzen. Es geht also um die Demütigen, die Sanftmütigen. Manchmal wurden diese Begriffe zur Zeit des Neuen Testaments auch für denjenigen verwendet, der edel ist. Demut wurde in der griechischen Welt als ein Zeichen der Götter gewertet, als Eigenschaft der Götter, als ein Schutz vor Übermut und Hybris, also vor Selbstüberschätzung.
Die Menschen durften nach außen hin durchaus machtlos erscheinen, diejenigen, die demütig sind. Aber eine wirkliche Vollmacht kommt von innen heraus. Das Wort Sanftmut, prautēs, das dahintersteht, hat Aristoteles, der griechische Philosoph, einmal als ein Zwischending zwischen zwei Extremen beschrieben, nämlich zwischen Zorn und Gefühlskälte beziehungsweise Anteilslosigkeit. Er sagt: Sanftmut liegt dazwischen.
Das heißt: Der Sanftmütige nimmt Anteil am anderen, aber er überbordet nicht mit seinem Zorn. Er lässt sich nicht von Jähzorn und allem Möglichen mitreißen. Er ist aber auch nicht so, dass ihm alles gleichgültig ist, nach dem Motto: Die anderen ärgern mich nicht mehr, kümmert mich alles gar nicht. Sondern er nimmt Anteil, er trägt etwas mit dem anderen, er versucht, den anderen zu begleiten. Das steht dazwischen. Nicht ein Zorn, der in erster Linie das eigene Gekränktsein, die Eigensucht oder das eigene Unrecht, das einem zugefügt wurde, sieht, sondern ein Blick auf den anderen.
In der griechischen Umwelt hat man dieses Wort in dreierlei Hinsicht benutzt. Zum einen für ein gezähmtes Tier. Es bedeutet sozusagen das Tier, das den Zügeln gehorcht. Wenn wir das auf den Menschen übertragen, könnten wir sagen: Selig derjenige, der seine Triebe, Regungen, Leidenschaften und so weiter beherrscht. Also der nicht einfach wild sich selbst überlässt, wie ein Pferd ohne Zaumzeug, das irgendwohin rennt, wohin der Instinkt es führt, sondern der unter einer gewissen Kontrolle steht. Wir könnten sagen: unter der Kontrolle Gottes, wenn Gott die Zügel unseres Lebens in der Hand hat. Derjenige wird selig gepriesen, denn er ist sanftmütig, weil er nicht nur sich selbst im Mittelpunkt hat.
Da merken wir vielleicht schon mehr, was mit diesem Wort gemeint ist, als bei unserem heutigen Klang von sanftmütig. Für uns hört sich das manchmal so an, als sei damit derjenige gemeint, der immer kuscht, der ruhig ist, nichts sagt, nichts macht und mit dem man tun kann, was man will. Einer, der sich immer manipulieren lässt, Mobbing über sich ergehen lässt und es einfach mit sich machen lässt. Aber das ist hier gar nicht gemeint. Vielmehr geht es um einen ganz anderen Aspekt: denjenigen, der sich bewusst Gott unterordnet, sich von ihm führen lässt, aber eben nicht von irgendjemandem.
Sanftmut bedeutet auch das Gegenteil von Hochmut. „Hochmut kommt vor dem Fall“ – das kennen wir ja. Gemeint ist nicht eine echte Bescheidenheit, sondern kein Stolz zu haben. Ein Lehrer der damaligen Zeit, der römische Lehrer Quintilian, sagte in dieser Zeit: Wenn sie nicht überzeugt wären, schon alles zu wissen, wären sie zweifellos gute Schüler. Damit beschreibt er den Gegensatz zu jemandem, der sanftmütig ist, also zu jemandem, der sich einbildet: Ich bin sowieso schon perfekt, ich weiß ja sowieso schon alles. Das ist also der Gegensatz in zweiter Hinsicht.
Erstens also das gezähmte Tier, zweitens der Gegensatz zu Hochmut, also das, was wir auch als Demut bezeichnen würden: Ich habe das nicht selbst verdient, ich bin mir gewiss, dass ich das einfach gratis, umsonst von Gott bekomme. Und es trägt auch noch etwas anderes in sich: denjenigen, der wohlüberlegt handelt. So wie ein anderes Sprichwort der damaligen Zeit sagt: Wer sich beherrscht, ist besser als jemand, der eine Stadt gewinnt. Auch das steckt also in dieser Richtung mit drin, sanftmütig zu sein.
Was ist nun mit denen, was ist mit ihnen passiert? Sie werden das Erdreich besitzen. Jetzt können wir rätseln: Was bedeutet das? Zum einen können wir sicherlich sagen: Derjenige, der seine eigenen Grenzen kennt, der sich von Gott bestimmen lässt, wird tatsächlich vielfach schon hier auf der Welt, irdisch, von Gott gesegnet. Das muss nicht materiell sein, kann aber auch materiell sein, so wie im Alten Testament Abraham, David, Salomo und andere Personen materiell von Gott gesegnet werden. Also hier: das Erdreich besitzen.
Es könnte sich auch darauf beziehen, dass derjenige, der seine eigenen Grenzen einsieht, von Gott an höhere Stellen eingesetzt wird. Das sehen wir ja auch als Kriterium für Ältestenschaft und Diakonenamt. Sozusagen derjenige, der sich darin bewährt, der seine eigenen Grenzen sieht, der sanftmütig ist, den setzt Gott auch an höhere Stellen in Verantwortung in der Welt. Deshalb: das Erdreich besitzen.
Im Alten Testament wurde diese Aussage, dass man das Erdreich oder das Land besitzen wird, in erster Linie auf das Land Israel angewandt. Wir haben verschiedene Stellen im Alten Testament, die das belegen, zum Beispiel 1. Mose 17,8. Wenn wir diese Parallele ziehen, dann müssen wir sagen: Dann geht es hier um das verheißene Land, das Gott uns verheißt. Und das wäre tatsächlich erst vollkommen in der Zukunft erfüllt. Denn wir wissen ja, dass das Reich Gottes hier einmal in der Zukunft aufgerichtet wird, dass wir dann als diejenigen, die mit Jesus Christus leben, auch auf der Erde mit ihm herrschen werden. Das bedeutet: Dann werden wir diese besondere Stellung innehaben, wenn wir hier auf der Erde gelernt haben, eben diese Sanftmut zu üben. Das wäre also auch hier etwas, was sicherlich mit darin steckt.
Allerdings wissen wir auch, dass das Reich Gottes ja hier auf der Erde schon angefangen hat. „Siehe, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.“ Das beginnt da, wo wir uns Jesus ausliefern. Dann leben wir schon sozusagen als Fremdlinge hier auf der Erde, als Bürger des Himmelreiches, das uns schon gehört. Also hier eine Zusage: Euch gehört das schon.
Auch wenn ihr hier in der Fremde lebt, also wie als Botschafter. Paulus schreibt: Ihr seid Botschafter an Christi statt. Oder an die Philipper schreibt er, dass euer Bürgerrecht im Himmel ist und nicht auf Erden, also nicht in Philippi, einer römischen Provinzstadt. Also das steckt sicherlich mit darin: Es beginnt hier schon auf der Erde und wird einmal fortgeführt im Reich Gottes in der Ewigkeit.
Sehnsucht nach Gerechtigkeit und die Verheißung der Fülle
Selig sind die, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.
Hier ist nicht nur der Appetit gemeint, der euch vielleicht langsam um die Uhr kommt, wenn es gegen zwölf Uhr geht, sondern hier sind wirklich Durst und Hunger gemeint, wie es damals in Israel durchaus vorkam. Jemand, der nichts zu essen gehabt hat und dann durch die Wüste wandert, nicht nur bei diesen Temperaturen, sondern nehmt noch einmal zehn oder fünfzehn Grad dazu, dann geht ihr durch die Wüste, und dann geht euch das Trinken aus. Dann denkt ihr wirklich: Ich muss unbedingt etwas zu trinken haben, um überleben zu können. Dieses Gefühl steckt dahinter. Also, der Durst ist das, was hier gemeint ist.
Da gab es ja auch nicht an jeder Ecke einen Wasserhahn oder einen Kiosk, in dem man etwas kaufen konnte. Und hier ist also jemand gemeint, der sich so stark nach der Gerechtigkeit sehnt wie jemand, der unter total starkem Durst und Hunger leidet. So sollen wir erkennen, wie schlecht die Welt um uns herum ist, und uns danach sehnen, dass Gottes Gerechtigkeit zum Durchbruch kommt. Das erinnert wiederum auch an das Gebet im Vaterunser: Dein Wille geschehe, dein Reich komme. Ich sehne mich nach der Gerechtigkeit, nicht nur nach ein bisschen Gerechtigkeit.
Denn hier wird normalerweise das Wort im Griechischen mit einem Dativ verbunden, wenn es um Hungern und Dursten geht. Hier wird es aber mit einem Akkusativ verbunden. Das bedeutet: Derjenige sehnt sich nach der Gesamtheit der Gerechtigkeit, nicht nach einem kleinen bisschen, sondern in seinem tiefen Herzen sagt er: Das muss vollkommen zum Durchbruch kommen.
Dass das im Herzen eines jeden Menschen vorhanden ist, merken wir ja. Selbst bei Ungläubigen um uns herum ist es so. Dann sagen sie: Also, mein Nachbar, der ist aber ungerecht. Oder: Ich bin aber ungerecht behandelt worden. Da merkt man selbst bei gottlosen Menschen diese tiefe Sehnsucht. Eigentlich sollte es Gerechtigkeit auf der Welt geben, aber sie gibt es nicht.
Und das sollten wir als Christen noch viel mehr spüren. Nicht nur nach Gerechtigkeit, die wir uns selbst zimmern, sondern nach Gerechtigkeit, wo Gott Maßstäbe setzt, wie wir uns verhalten sollen und was wir tun sollen. Danach sollen wir uns sehnen. Wir sollen uns nicht nach unseren kleinen Tugenden klammern, sondern uns eben nach dieser großen Gerechtigkeit Gottes ausrichten. Und da sind wir schon selig, werden wir gepriesen, wenn wir uns nur danach sehnen.
Schon gar nicht, wenn wir es durchsetzen können, denn da wissen wir: Vollkommen durchsetzen wird es ja erst Gott tun, wenn er kommt. So wie David gelobt wird, weil er plant, den Tempel zu bauen, 1. Könige 8,18. Er tut es gar nicht, aber weil er die tiefe Sehnsucht hat und sagt: Ich will auch dem Herrn ein Haus bauen, deshalb wird er von Gott gelobt. Und so ähnlich ist es hier auch. Wir sehen uns so tief innerlich danach, und selbst wenn wir es nicht immer schaffen, das durchzusetzen, dann ist das schon etwas, wonach wir streben sollen, was Vorbild sein soll. Aber wie gesagt: kein bisschen Gerechtigkeit, nicht: Wir brauchen ein bisschen mehr Gerechtigkeit, sondern wir sollten uns nach Gottes Gerechtigkeit sehnen.
Dazu gehört auch, wirklich zu erkennen, dass die Welt um uns herum wirklich mies ist. Nicht uns damit noch zu arrangieren und zu sagen: Na ja, wir in Deutschland haben es ja noch ganz gut, und die Leute da in Nigeria oder was weiß ich sind ja arm dran. Sondern auch in Deutschland ist alles voller Ungerechtigkeit. Lasst uns nur die Augen aufmachen, wie die Leute einander verletzen, fertig machen, wie sie betrogen werden, belogen werden, wie sie darunter leiden. Dann wirklich zu sehen: Oh Herr Jesus, komm bald, mach dem ein Ende, richte dein Reich auf, richte deine Gerechtigkeit auf Erden auf, nach der sich die Menschen richten sollen.
Ja, denjenigen wird zugesagt, dass sie einmal satt werden. Das Bild vom Sattwerden nimmt Jesus natürlich auch auf. Im selben Buch, also in Matthäus 22,1 folgende, wird auf das himmlische Festmahl hingewiesen, also wo wir eingeladen werden, wo wir zu essen und zu trinken bekommen. Das ist sicherlich bildlich gemeint. Aber wir merken hier: Dieser Hunger, dass du die Gerechtigkeit haben willst, das wird alles erfüllt werden. Denn umso mehr du mit Jesus lebst, umso mehr wirst du diese Gerechtigkeit in deinem eigenen Leben erfahren. Und in der vollkommenen Fülle wirst du sie in der Ewigkeit erfahren.
Wir merken hier einmal mehr: Die Seligpreisungen sind darauf ausgerichtet, dass du schon jetzt dabei bist. Erkenne das, wenn du diesen Maßstäben entsprichst. Aber in der vollkommenen Fülle wird es sich in der Zukunft bei dir erweisen.
Barmherzigkeit, Reinheit und Frieden
Dann selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Barmherzigkeit hat hier mit denjenigen zu tun. Wir finden das ähnlich auch in Jakobus 2,13. Wir finden das ja auch beim Schalksknecht, wo gesagt wird: Dem wird vergeben, jetzt soll er auch vergeben. Im Vaterunser: Vergib uns unsere Schuld, so auch wir vergeben. Oder: Wenn wir auch wir vergeben unseren Schuldigern. Direkt im Anschluss geht dann noch einmal: Wenn ihr nicht vergebt, dann wird euch auch nicht vergeben, und solche Sachen. Da merken wir: Das hängt alles mit Barmherzigkeit zusammen.
Das ist für Jesus eine wichtige Sache. Nicht, dass ihr einfach bloß die Vergebung Jesu für euch konsumiert und als egoistischen Schatz behaltet, sondern davon weitergebt. Das ist damit gemeint. Also: Selig sind die Barmherzigen. Das heißt nicht nur die, die sich jetzt danach sehnen, sondern die wirklich barmherzig sind. Weil Barmherzigkeit können wir hier schon üben. Das hängt nicht daran, dass die ganze Welt das tut, sondern dass wir das tun. Und deshalb werden wir hier dazu aufgefordert.
Barmherzigkeit, elemon, das griechische Wort, oder das hebräische Wort chesed, meint so viel wie Mitleid mit jemandem haben, aber noch mehr als einfach nur Sympathie, könnten wir sagen. Aber Sympathie im eigentlichen Sinn. Pathen heißt leiden, und sym heißt mitleiden. Aber das bedeutet: Ich identifiziere mich ganz stark mit dieser Person. Heute wird das manchmal in der Psychologie gebraucht, dann spricht man von Empathie. Also: Ich fühle ganz eng mit dem anderen mit, ich gehe sozusagen in seinen Schuhen, ich kann mich mit ihm identifizieren und bin deshalb auch bereit, ihn zu verstehen, ihm dann zu helfen, ihn weiterzubringen, direkt auch zu Gott zu beten, ganz innerlich und ernsthaft, weil es nicht nur eine kleine Nebensache ist.
Diese echte Barmherzigkeit ist damit gemeint, keine allgemeine Toleranz sozusagen: Das kann ja jeder machen, was er will. Und da ist Jesus natürlich viel ein Vorbild geworden, denn deshalb ist Gott ja Mensch geworden, damit er diese Empathie, also die Empathie, diese Sympathie wirklich im eigentlichen Sinne des Wortes mitbekommen kann, wie der Hebräerbrief das auch sagt. Dass eben Jesus, dass Gott Mensch wurde, geweint hat, wie Menschenleiden, Hunger empfunden hat, versucht worden ist, alles wie Menschen. Nur eben ohne Sünde. Und deshalb kann er uns verstehen. Er weiß, wie es uns geht, und das ist damit gemeint.
Dann Barmherzigkeit: Das heißt, nicht alles zu entschuldigen, aber dem erst einmal nachzugehen, sich nicht in einer kalten, oberflächlichen Gerechtigkeit, Buchstabengerechtigkeit stehen zu lassen. Die werden Gott schauen.
Nicht, die wir in meiner Herzlichkeit erlangen. Jetzt: Selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Also dieses Gott schauen finden wir beispielsweise in Psalm 24,3. Die Forderung nach den reinen Herzen auch im 1. Timotheus 1,5 oder 2. Timotheus 2,22.
Reines Herz meint hier im Gegensatz zu den kultischen Vorschriften der Pharisäer: Nach denen bist du rein, wenn du keine unreinen Fleisch gegessen hast. Also: Hast du gestern Schweinefleisch gegessen? Ich weiß nicht, was das war, was wir da gegessen haben, aber wenn das Schweinefleisch war, dann bist du unrein. Dann ist ganz egal, was da passiert. Hier wird gesagt: Dein Herz muss rein sein, so wie Paulus dann auch sagt: Am Herz musst du beschnitten sein, nicht am Fleisch, das bringt nichts. Und deshalb hier das Herz rein.
Rein bedeutet das Wort katharos. Das bedeutet so viel wie sauber, wie reines Getreide, wie unvermischte Milch. Jetzt kann man nicht sagen: Na ja, also ich nehme Jesus mal ein bisschen mit rein in mein Leben. Dann bist du nicht rein, dann kein reines Herz, sondern nur wenn es ganz reine Milch, reiner Wein oder so ist, nicht vermischt, dann ist es rein. Und das bedeutet auch hier: ganz bei Jesus zu sein, nicht halbe Sachen zu machen. Das bedeutet reines Herz.
Also reines Herz ist nicht irgendwas Anonymes, Unfassbares, sondern das meint jemand, der ganz bereit ist, sich Jesus innerlich hinzugeben und davon bestimmen zu lassen. Das auf Gott ausgerichtete Herz, wie wir es auch in Kapitel 6,22 oder in Römer 12,8 finden. Das beinhaltet unsere Beziehung zu unserer Frau, zu unserem Mann, zum Geld, zum Wort Gottes, zu der Politik, zu unserer Umgebung, zu all dem, zu unseren Kindern natürlich auch. Das ist damit gemeint. Da müssen wir auch unsere Motive überprüfen: Sind die rein?
Und da merken wir: Das ist manchmal so. Für den einen trifft das schon nicht mehr zu, für den anderen ja. Die Leute tun dieselbe Sache, aber für den einen ist es nicht mit reinem Herzen. Meinetwegen: Ich halte eine Predigt und ich halte sie in erster Linie für mich, dass ich jetzt zeigen kann, wie toll ich das machen kann. Oder ihr helft dann irgendjemandem, dann wollt ihr hinterher, dass er euch besonders viel Dank sagt, natürlich noch vor allen möglichst, damit alle sehen, wirklich noch mit Fotokamera in der Zeitung, damit das überall drinsteht. Und dann steht eben: Eduard Meyer hat dem und dem geholfen. Dann merken wir: Da sind die Motive ganz offensichtlich nicht rein. Das ist nicht mit reinem Herzen. Die Tat ist gut, aber das Motiv ist nicht rein. Das ist dann eigentlich auch mit unreinem Herzen. Und da stehen wir natürlich ständig in Gefahr.
Dann haben wir: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Also dieses „Diese werden Gott schauen“ – wir sehen dann ja, es erfüllt sich immer wieder weiter dabei. Zum einen liegt es darin, wenn Gott ganz in unserem Herzen lebt, wenn wir rein sind, dann schauen wir ihn auch durch das, was wir tun, ganz klar durch das, was er in unserem Leben verwirklicht. Dann erleben wir Gebetserhörungen mit Gott, schauen Gott dadurch auch in seinem Charakter, wie er ist, wenn wir eben mit reinem Herzen handeln, wenn wir nicht sozusagen das ganze Verblenden davor stehen. Und wir werden ihn natürlich wiederum, das ist die zweite Erfüllung, in der Ewigkeit von Auge zu Auge gegenüberstehen.
Selig sind die Friedfertigen, hier will ich nur kurz etwas sagen, oder die, die Frieden schaffen. In der Kirchengeschichte hat man gesagt, da sind die mit gemeint, die Frieden mit sich selbst haben, oder diejenigen, die zwischenmenschlichen Frieden schaffen. Ich glaube, hier ist tatsächlich ein umfassender Friede mit gemeint. Das hebräische Wort ist Schalom. Und Schalom ist der Gruß, mit dem sich die Juden bis heute begrüßen. Das ist der Friede, den nur Gott geben kann, der Friede, der einmal in der Herrlichkeit Gottes sein wird, wo uns alle Bedürfnisse erfüllt sind. Das ist der Friede, der angestrebt wird.
Also hier sind nicht diejenigen gemeint, die sich halt weniger streiten, die etwas phlegmatisch in ihrem Charakter sind und sich deshalb gar nicht zum Streiten hinreißen lassen. Das hat nichts mit dem Frieden zu tun, der hier gemeint ist, sondern hier sind diejenigen, die bereits in ihrer Umgebung etwas von dem Frieden Gottes hier schon auf der Erde verwirklichen und stiften. Auch nicht diejenigen, die sich nur nicht mit anderen streiten, sondern wir sollen das ja weitergeben. Wir sollen Friedensstifter sein, steckt da mit drin. Die werden selig gepriesen.
Da sind wir herausgefordert: Wie ist das in der Gemeinde? Tragen wir dazu bei, dass das Ganze noch ein bisschen schäumt, um mal zu sehen: Ah, wenn die sich richtig in die Haare bekommen, das wird ja spannend? Nicht dazu zu schauen, sondern ist es dabei, dass wir dann auch mal bereit sind, uns zurückzustellen, unsere Interessen, unsere Wünsche zurückzustellen, wenn es im Streit darum geht, welche Farbe der Teppich haben soll. Ich meine, das muss unbedingt rot sein.
Was ich also sage: Der Friede Gottes ist wichtig. Und dann nicht unbedingt um der Wahrheit willen Preis zu geben, aber mich selbst zurückzunehmen dabei, diesen Frieden Gottes bieten und weitergeben zu können.
Wir werden Kinder Gottes heißen. Wir sehen auch: Nicht alle sind Kinder Gottes, sondern sie sind hier Kinder Gottes, weil Gott eben jemand ist, der diesen Frieden gibt. Und wenn wir diesen Frieden auch geben, dann gehören wir zu ihm, dann sind wir seine Kinder hier auf der Erde und schon in der Ewigkeit.
Verfolgung um des Glaubens willen und der abschließende Ausblick
Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn sie euch, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Übles gegen euch reden, wenn sie damit lügen.
Hier ist der Abschluss, was Jesus ja auch an vielen Stellen immer wieder sagt: Mich haben sie verfolgt, euch werden sie verfolgen. Das heißt, es soll nicht in erster Linie so sein, dass wir stromlinienförmig durch die Welt hindurchschwimmen. Wenn die Leute tatsächlich gegen uns sind, aber um des Glaubens willen, dann können wir sagen: Hier, wir leiden um Jesu willen. Wir können dabei auch glücklich sein. Wir wissen, wir identifizieren uns hier mit Jesus.
Aber ganz deutlich wird gesagt: nicht wegen unserer Eigenarten. Denn vielfach sind die Leute sauer auf uns am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, weil wir so komisch sind. Weil wir vielleicht morgens um fünf Uhr den Rasen mähen, weil wir meinen: Morgen hat der Schund Gold im Mund. Und der andere will sich gerade ausruhen. Dann sagen wir hinterher: Na ja, Gott will ja, dass wir arbeiten und fleißig sind wie die Bienen und was weiß ich, wie die Ameisen. Das hat damit nichts zu tun.
Oder sagen wir, weil wir den Glauben so ausdrücken, dass ihn kein Mensch verstehen kann, so ungefähr nach dem Motto: Komm unter das Kreuz, und das Blut des Lammes wäscht dich rein von aller Sünde. Und ein normaler Mensch um uns herum, der sagt erst mal: Welches Kreuz meinst du denn hier überhaupt? Meinst du das Kirchturmkreuz, oder müssen wir hier gerade ein Kreuz schlagen oder so etwas? Und das Blut des Lammes? Wie grausam! Bist du ein Tierquäler? Willst du jetzt ein Lamm schlachten? Und wenn ich mich mit Blut bespritze, was ist denn dann los? Dann bin ich doch vollkommen schmutzig, wieso bin ich dann rein? Versteht ja kein Mensch.
Und wenn ich dann so zu jemandem spreche und der hinterher sagt: Nee, da will ich nichts mit zu tun haben, dann lehnt er nicht Jesus ab, sondern dann lehnt er einfach unsere ungeschickte Art und Weise ab, das Leid zu geben.
Also hier sind die Gemeinden, die wirklich leiden um Jesu willen, nicht um unserer Eigenarten willen. Und denen wird gesagt, dass sie das Himmelreich Gottes bekommen.
Wir können sagen: Insgesamt wird uns hier ein Maßstab geboten, von dem wir wissen, das ist der Charakter Gottes, der beschrieben wird. Umso mehr sind wir bereit, uns vom Charakter Gottes prägen und erfüllen zu lassen, umso näher kommen wir hier schon auf der Erde Gott und seinem Reich. Umso mehr erleben wir ihn auch im Alltag, und umso stärker können wir uns ausrichten auf das, was uns einmal in der Herrlichkeit bevorsteht.
Ein Leben nach dem Maßstab Gottes wird hier eben in den Seligpreisungen erwähnt. Und das ist das, was später gesagt wird: Dann seid ihr Salz in der Welt, und dann seid ihr Licht in der Welt. Das sind ja die Verse 13 und 14. Wenn ihr diesen Maßstäben entsprecht, denn die kommen ja direkt danach, das ist also nicht irgendwas. Salz sind wir nicht irgendwie, weil wir gerade Christen sind, sondern nur, wenn wir so leben, wie es hier drinsteht. Denn dann fallen wir auch auf, weil wir nach Maßstäben leben, die für die Welt total verrückt, total gesponnen sind.
Aber wir merken: Gott wird sich auf unsere Seite stellen dabei, und wir werden glücklich sein können, trotz vieler dieser Punkte, die genannt sind, und zum Teil auch gerade wegen dieser Punkte. Weil wir eine andere Art von Glück erfahren können und von Zufriedenheit und Erfüllung erfahren können als Menschen um uns herum, die häufig ständig auf der Sehnsucht und Suche danach sind.
Gebet und Schluss
Wir wollen hiermit ein Gebet abschließen, und ich möchte euch bitten, dazu aufzustehen.
Herr Jesus Christus, vielen Dank dafür, dass du uns so ganz deutlich deine Maßstäbe vor Augen malst, auch wenn die uns manchmal erschrecken und wenn wir merken, dass wir denen gar nicht oder kaum oder nur teilweise entsprechen können.
Herr Jesus, führe uns durch deinen Heiligen Geist und durch deine Gegenwart, damit wir immer weiter vorankommen können und damit wir diese Verheißungen, die du hier gibst, immer mehr in unserem Leben erfahren können.
Wir wollen gerne deine Kinder sein, wir wollen das Erdreich besitzen, wir wollen getröstet werden, wir wollen Barmherzigkeit erfahren. Wir wollen all das, und hilf du uns dabei, so zu leben.
Mach du uns aufmerksam in unserem Leben, da, wo wir nur für uns selbst leben, und wie wir eigentlich von deinem Maßstab her leben sollten. Gib uns die Kraft, konkret zu handeln, und den Mut dazu, den Maßstäben unserer Welt entgegengesetzt zu leben, zu denken und zu handeln.
Herr Jesus, vielen Dank, dass du das tun willst. Vielen Dank, dass wir uns nicht alleine abkrampfen müssen, sondern dass du uns dabei begleitest und führst und uns die Kraft dafür gibst.
Amen.

