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Väter: beherrscht euch selbst

Epheser 6,421.10.2018
Serie•Teil 5 / 7Göttliche Anweisungen für gelingende Beziehungen
Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern echte Fürsorge. Wer nur fordert, bricht ihren Mut – wer aufmerksam liebt, gibt ihnen Halt, Grenzen und die Freiheit, zu wachsen.

Einleitung: Ein Bild aus dem Alltag und die Frage nach echter Fürsorge

Ein Ehepaar, beide berufstätig, hetzt vor Weihnachten durch ein Spielwarengeschäft und erklärt der Verkäuferin: „Wir sind den ganzen Tag von zu Hause weg und haben eine kleine Tochter. Wir brauchen etwas, das die Kleine erfreut, sie lange beschäftigt und ihr das Gefühl des Alleinseins nimmt.“
„Tut mir leid“, lächelt die Verkäuferin freundlich. „Eltern führen wir nicht im Sortiment.“
Wie recht hat diese Verkäuferin! Eltern können nicht durch Spielzeuge, Fernseher, Tablets, Smartphones usw. ersetzt werden. Eltern sind wichtig für die Entwicklung der Kinder.
Deshalb verlangt Paulus nicht nur von den Kindern, dass sie ihren Eltern gehorchen sollen, was sich am vorletzten Sonntag erklärt hat. Das wäre dann für euch gewesen. Aber heute ist es für die Eltern. Ihr könnt das ja nachhören, wenn ihr wollt. Deshalb verlangt er nicht nur, dass die Kinder gehorsam sind, sondern er sagt auch, wie sich die Eltern gegenüber ihren Kindern verhalten sollen.
Und weshalb Paulus die Väter anspricht und nicht sie als Eltern, Vater und Mutter, werden wir gleich sehen.

Die damalige Familienordnung als Hintergrund

Paulus schreibt: Ihr Väter, verhaltet euch euren Kindern gegenüber so, dass sie keinen Grund haben, sich gegen euch aufzulehnen. Erzieht sie mit der nötigen Zurechtweisung und Ermahnung, wie der Herr es tut.
Natürlich ist das, was Paulus hier sagt, keine Erziehungsmethode. In einem Satz kann man kein Erziehungsmodell darlegen. Auch wenn Christen oft den Eindruck erwecken, die Bibel würde uns relativ genaue Anweisungen zur Erziehung der Kinder geben, muss festgehalten werden, dass das einfach nicht stimmt. Es stimmt nicht. Wir finden in der Bibel ganz wichtige und hilfreiche Hinweise und Anweisungen für die Erziehung unserer Kinder, aber es gibt kein biblisches Erziehungsmodell. Es gibt Grundwerte und Grundhaltungen, die unabdingbar sind, und von so einer Grundhaltung spricht Paulus hier.
Es wäre auch gar nicht möglich, ein biblisches Erziehungskonzept unabhängig von der jeweiligen Kultur zu formulieren, weil die Kulturen so verschieden sind und wir Kinder nicht losgelöst von unserer Kultur erziehen können. Das werden wir gleich sehen an dem, was Paulus sagt.
Nun richtet Paulus seine Anweisung direkt an die Väter, denn im Römischen Reich, in dem Paulus lebte, lag die Erziehungsgewalt beim Vater. In Wikipedia habe ich folgende Texte gefunden, die uns einen kleinen Einblick in die damaligen Familienverhältnisse geben können. Dort steht, den Link habe ich auf dem Leseexemplar, das hinten aufliegt. Man muss dann unter patria potestas suchen, und dann kommt man auf solche Artikel.
Die väterliche Gewalt, das heisst patria potestas, manifestiert sich auch in der Entscheidungsgewalt des Familienvaters über die Annahme und Ablehnung neugeborener Kinder, die veräussert werden konnten, bis hin zu ihrer Tötung. Kinder von Angehörigen der Familie, die man nicht aufziehen konnte oder wollte, sei es aus finanziellen Gründen, sei es, weil sie Bastarde waren, behindert oder schlicht Mädchen, wurden getötet oder häufig an öffentlichen Plätzen ausgesetzt.
Die Aussetzung von Neugeborenen an öffentlichen Dunghaufen war in der gesamten römischen Welt bis zum Jahr 374 nach Christus legal. Die Kinder verfielen allerdings in der Regel nicht dem Tode, sondern der Sklaverei. Sie wurden zum Eigentum dessen, der sie aufnahm, praktisch auflas auf diesen Dunghaufen und grosszog. Nach Ansicht heutiger Althistoriker wurde diese Praxis von den Zeitgenossen keineswegs als unmenschlich angesehen, da die Aussetzung jenen Kindern eine Chance auf Überleben ermöglichte. Erst in christlicher Zeit, als sich aufgrund der christlichen Barmherzigkeit Alternativen zur Aussetzung boten, wurde die nunmehr nicht mehr notwendige Praxis als anstössig empfunden und in der Folge verboten. Auch das Kindstötungsrecht wurde erst unter christlichem Einfluss abgeschafft.
Es ist auch mal gut zu hören, dass der Einfluss des christlichen Glaubens nicht einfach Unterdrückung ist, sondern sich um die Menschenwürde kümmert. Um ein Kind in der Familie aufzunehmen, musste es nach der Geburt dem Vater zu Füssen gelegt werden. Wenn er das Kind aufhob, hatte er es damit formal in die Familie aufgenommen. Wenn er es nicht tat, dann wurde es eben getötet oder auf den Dunghaufen geworfen. Unvorstellbar für uns heute.
Die Macht über die Kinder hatten die Väter, und deshalb richtete Paulus sich an die Väter und nicht an die Eltern. Hätte sich Paulus damals an die Eltern gerichtet, dann wäre er nicht ernst genommen worden. Er hätte eine allgemeine gesellschaftliche Form nicht zur Kenntnis genommen, und damit hätte man ihn nicht ernst genommen.

Eine überraschende Begrenzung väterlicher Macht

Aufgrund der damaligen gesellschaftlichen Ordnung können wir erahnen, wie überraschend und herausfordernd das gewesen sein muss, was Paulus nun den Vätern sagt: Ihr Väter, verhaltet euch euren Kindern gegenüber so, dass sie keinen Grund haben, sich gegen euch aufzulehnen. Oder, wie Luther ganz kurz und knapp sagt: Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn. Das ist eigentlich ganz nah am Grundtext im griechischen Text.
Paulus sagt nicht, wie man es erwarten könnte, dass sie ihre Kinder züchtigen sollen und, wenn sie nicht gehorchen, mit der Rute nachhelfen müssten. Im Gegenteil: Paulus schränkt die Autorität der Väter ein. Das muss man sich einmal vorstellen. Er sagt ihnen, sie dürfen ihre Kinder nicht respektlos behandeln. Kinder dürfen nicht schikaniert werden. Väter müssen sich Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen ihr Verhalten gegenüber ihren Kindern haben wird.
Sie dürfen nichts tun, was die Kinder zornig werden lässt, weil sie ungerecht bestraft werden oder weil sie das, was die Väter von ihnen verlangen oder erwarten, nicht tun können. Denn das führt dazu, dass die Kinder kein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln können. Den Christen in Kolosse schreibt Paulus: Väter, kränkt eure Kinder nicht, auf dass sie nicht mutlos werden.
Wenn ein Kind mutlos wird, dann hat man ihm den Willen gebrochen. Es traut sich selbst nichts mehr zu. Solche Kinder haben aufgegeben, weil sie erfahren haben: Ich kann ohnehin nie genügen. Sie schaffen es nicht, so zu sein, wie die Eltern das haben wollen.
Wir können gut verstehen, wie frustrierend es ist, wenn von uns Leistungen und Verhaltensweisen gefordert werden, die wir mit grössten Anstrengungen einfach nicht erfüllen können. Früher oder später werden wir resignieren und, je nach Temperament, aggressiv, depressiv oder sogar beides zusammen. Oder, wie es Paulus hier sagt: eben mutlos.
Es kann nie die Aufgabe einer Erziehung sein, den Kindern den Willen zu brechen. Warum soll ich mich noch anstrengen, wenn ich es ohnehin nie richtig mache? Überforderte Kinder können kein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. Das müssten vielleicht auch unsere Schulen wieder einmal hören: dass man Kinder nicht einfach überfordern kann.

Fürsorge statt Herrschaft

Ich denke, dass nicht nur die damaligen Väter Acht geben mussten, dass sie ihr Kind nicht überfordern und diese zarten Pflanzen nicht zertreten. Das gilt auch für die Männer von heute. Die heutigen Männer nehmen die Vaterrolle bewusster wahr, als das damals der Fall war. Sie verstehen sich nicht als Herrscher über Kind und Frau, sondern sie sind fürsorglicher als damals.
Ich glaube, im Römischen Reich hätte kaum ein Mann ein Kind gewickelt oder den Kinderwagen gestoßen. Heutige Männer sind viel, viel fürsorglicher. Und doch denke ich, dass es Frauen meist leichter fällt, es gibt natürlich auch Ausnahmen, das gibt es immer, sich in das Kind hineinzuversetzen und einzuschätzen, was man von einem Kind erwarten kann und was man eben nicht erwarten kann.
Remo Largo, ein Erziehungsexperte, sagt zur Rolle des Mannes in der Erziehung: Mir ist keine Kultur in der Vergangenheit bekannt, in der nicht eine autoritäre Erziehung geherrscht hat. Die autoritäre Erziehung war überwiegend von den Männern bestimmt. Die Mütter haben wohl zu allen Zeiten mehr kind- und beziehungsorientiert erzogen.
Umso interessanter ist es, dass Paulus diese Autorität, die für das Kind schädlich sein könnte, den christlichen Vätern sozusagen untersagt. Wohl bemerkt: Es geht hier nicht um die Abschaffung der Autorität. Autorität ist nicht a priori etwas Schlimmes, Autorität ist sehr wichtig in der Erziehung. Es geht hier um den Missbrauch von Autorität.
Die Väter müssen ihre Kinder fördern, um sie im Reifeprozess zu unterstützen. Er zieht sie mit der nötigen Zurechtweisung und Ermahnung, wie der Herr es tut.

Erziehung als Pflege, Orientierung und Ziel

Mir ist aufgefallen, dass Paulus hier das Wort, das für Erziehung steht und mit Erziehung übersetzt ist, in diesem Abschnitt bereits schon einmal verwendet hatte. Das finde ich sehr interessant, und zwar in Epheser 5,29. Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern ernährt und pflegt es, wie auch Christus die Gemeinde.
Seht ihr, welches Wort hier das sein könnte? Also welches Wort ist hier im Deutschen enthalten, das dasselbe Grundwort ist wie hier? Das Wort für Erziehen? Ein Vorschlag: Pflegen, Nähren? Gibt es noch einen Vorschlag? Niemand? Nein, das kann es nicht sein, das wäre etwas zu komisch. Ja, es ist das Wort nährt.
Das finde ich sehr, sehr bemerkenswert. Paulus sagt das im Hinblick auf die Beziehung des Mannes zu seiner Frau. Zum ersten Mal verwendet er dieses Wort: Er soll für seine Frau wie für seinen eigenen Körper sorgen. Da Paulus nun in Bezug auf die Erziehung genau dieses Wort nochmals verwendet, und das muss den damaligen Lesern aufgefallen sein, macht Paulus eine deutliche Verbindung zu Epheser 5,29 und signalisiert dem Leser, dass in der Fürsorge eines Mannes für seine Frau und für sein Kind kein wesentlicher Unterschied besteht.
Ich finde es eigentlich schade, dass das im Deutschen nicht erkennbar ist. Die Fürsorge für die Frau ist zwar anders als die für das Kind, denn die Frau soll nicht erzogen werden, das ist nicht die Aufgabe des Mannes. Aber die Kinder schon. Kinder müssen erzogen werden. Diese Erziehung muss aber in derselben Grundhaltung geschehen, wie wenn es um seinen eigenen Körper gehen würde. Er muss seine Kinder nähren und erziehen, wie wenn er sich selbst erziehen würde.
Das finde ich schlicht und ergreifend sensationell und beeindruckend. Wie Paulus mit so wenigen Worten dermaßen bedeutende und für die damalige Zeit neue Maßstäbe setzte. Ich glaube, das können wir fast nicht nachvollziehen. Das war revolutionär.
Ja, und zur Erziehung gehört auch Zurechtweisung und Ermahnung, denn ein Kind, dem kein Rahmen steckt und dem keine Grenzen gesetzt werden, wird sich nicht gesund entwickeln können. Erzieht sie oder nährt sie mit der nötigen Zurechtweisung und Ermahnung, wie der Herr es tut.
Paulus steckt aber auch für die Väter einen klaren Rahmen, und der ist Christus selbst. Jesus ist für die Erziehung Orientierungs- und Zielpunkt. Die Eltern orientieren sich an Jesus und fragen sich: Was würde Jesus tun? Was gefällt Gott? Und Jesus ist der Zielpunkt, weil sie die Kinder zu Jesus hinführen sollen, damit sie zu einem Leben in der Hingabe an Jesus finden können.
Was Paulus in diesem kurzen Satz den Vätern sagt, war damals sehr herausfordernd und neu für die Väter.

Aufmerksamkeit, Vorbild und die Realität heutiger Familien

Aber auch heute müssen Väter und Mütter darauf achten, dass sie ihren Kindern die nötige Aufmerksamkeit schenken. Es ist vielleicht nicht das Problem des Missbrauchs der Autorität, aber man hat zum Beispiel festgestellt, dass Mütter so intensiv mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, dass die Kinder nicht mehr die Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich benötigen.
Sie schieben zwar die Kinderwagen vor sich her, sitzen auf einer Bank beim Spielplatz, aber sie beschäftigen sich mit ihrem Smartphone, statt ihr Kind zu beobachten, zu motivieren und zu unterstützen. Wir können auch dazu neigen, das, was uns die Kinder erzählen oder was sie uns fragen, zu ignorieren. Es ist für uns vielleicht nicht spannend genug.
Da versucht ein kleiner Junge, seinen Vater auf eine Schramme an seinem Finger aufmerksam zu machen, und schließlich unterbrach der Vater seine Lektüre und meinte gereizt: „Daran kann ich jetzt auch nichts ändern, oder?“ Worauf der Kleine erwiderte: „Doch, Papi, du hättest wenigstens ‚Oh‘ sagen können.“
Man schätzt, dass ein Kind, bis es fünfzehn Jahre alt ist, fünfhunderttausend Fragen stellt, eine halbe Million Fragen. Eltern sollten nicht darauf verzichten, diese Gelegenheiten zu nutzen. Sie haben so nämlich eine halbe Million Gelegenheiten, ihrem Kind zu helfen, ihm klarzumachen, worauf es im Leben ankommt, und Wichtiges vom Belanglosen unterscheiden zu lernen.
Ein Vater, der auf den Ruf seines kleinen Sohnes nicht reagierte, meinte: „Es ist ja nur der Kleine, es wird nicht lange dauern.“ Da wird der Sohn vielleicht sagen, wenn der Vater ihn ruft: „Es ist ja nur der Alte.“
Es ist nicht zu unterschätzen, wie bedeutend es ist, dass Eltern den Kindern die nötige Aufmerksamkeit schenken. Vermutlich würde Paulus heute die Anweisungen an die Väter anders formulieren. Vermutlich würde er die Eltern, oder ganz bestimmt würde er die Eltern heute ansprechen, denn die Erziehung ist in unserer Kultur eine Angelegenheit der Eltern. Und vermutlich würde er nicht betonen, dass die Männer, quasi die Väter, die Kinder nicht zum Zorn reizen sollen.
Aber was das Faszinierende ist, ist, dass es Paulus gelungen ist, einen wichtigen Punkt anzusprechen, der seine Wichtigkeit und Gültigkeit bis heute behält, in seinem Grundzug.

Drei Grundgedanken zur Erziehung

Nun möchte ich noch drei kurze Gedanken zur Erziehung anführen, die, so hoffe ich, hilfreich sein können. Ich verstehe mich zwar nicht als Erziehungsexperte, aber ich sage jetzt trotzdem etwas dazu.
Übrigens bin ich auch der Überzeugung, dass es nicht die eine gültige Erziehungsmethode gibt. Wie wir unsere Kinder erziehen, hat immer auch mit meiner eigenen Geschichte zu tun, mit meiner eigenen Familie, mit meiner Herkunft. Auch unsere Lebensumstände, wo wir leben, in welchen Verhältnissen wir leben und in welchem Kulturkreis wir leben, beeinflussen unsere Erziehung, ob uns das gefällt oder nicht. Es ist einfach so.
Das Schlimmste ist, wenn man immer meint, man sei komplett unbeeinflusst. Wenn man das nämlich meint, dann ist man dem stärksten Einfluss ausgesetzt, weil man sich dem Einfluss nicht entgegenstellen kann. Wenn man ihn nicht ordnet, kann man ihn nicht lenken. Aber wenn ich weiss, dass ich da und da beeinflusst bin, dann kann ich gewisse Dinge steuern.
Es gibt aber Grundzüge, die unabhängig von meiner familiären Prägung und von meinen Lebensumständen anwendbar und hilfreich sein können. So hoffe ich, dass die drei Punkte für den einen oder anderen hilfreich sind.

Kinder als einzigartige Persönlichkeiten

Wir haben jetzt viele Babys und Eltern in unserer Gemeinde. Vor zehn Jahren war es noch unvorstellbar, dass plötzlich so viele Babys kommen würden, so viele Jungs. Es kommen bei uns ja vor allem Jungs. Wenn jemand einen Jungen will, dann muss er zu uns in die Gemeinde kommen. Deswegen gibt es bei uns im Moment vor allem Jungs. Es hat aber auch schon Mädchen gegeben.
Kinder sind Persönlichkeiten. Kinder sind keine unbeschriebenen Blätter, wenn sie geboren werden. Jedes Kind ist eine einzigartige Persönlichkeit. Man hat in der Erziehung früher oft gesagt, das Kind komme wie ein leeres Blatt auf die Welt, und wir würden es dann beschreiben. Nein, ein Kind ist eine Persönlichkeit. Schon sobald es gezeugt wird, hat es eine einzigartige Persönlichkeit.
Die Aufgabe der Eltern ist es, dem Kind zu helfen, seine Persönlichkeit und Originalität zu entfalten. Dazu müssen wir den Kindern helfen, in dieser Welt zurechtzukommen, in der wir leben, nicht in der, die vor zwanzig Jahren war. Es nützt nichts, wenn wir darüber jammern, was wir vor zwanzig Jahren hatten. Wir hatten noch keine Smartphones und keinen Fernseher und so weiter. Natürlich hatten wir das nicht, aber jetzt haben die Kinder es eben.
Wir können die Kinder nicht erziehen, indem wir so tun, als wäre all das nicht vorhanden, und meinen, dass wir ihnen dann helfen. Wir müssen unseren Kindern helfen, in dieser Welt, in der wir wirklich leben, zurechtzukommen. Wir helfen ihnen bei der Entwicklung ihres Charakters. Wir zeigen ihnen, wie man Verantwortung übernimmt, und so weiter.
Das Kind soll sich seiner eigenen Persönlichkeit entsprechend entwickeln können. Das ist die große Herausforderung. Erzieher sind wie Weinbauern. Sie hegen und pflegen ihre Reben. Mal muss etwas weggeschnitten werden, ein andermal muss ein Zweig hochgebunden werden. Nur so kommt die Rebe zur optimalen Reife. Aber die Traubensorte kann der Winzer nicht ändern. Die bleibt.
Und wenn du ein Kind hast, hast du eine Traubensorte. Wenn du zwei hast, hast du zwei Traubensorten. Und wenn du zehn hast, hast du zehn Traubensorten. Die Traubensorte kannst du nicht ändern. Und jedes Kind ist eine eigene Traubensorte. Deshalb kann man nicht jedes Kind gleich behandeln.

Vorbild, Glaube und Beziehung als prägende Kräfte

Zweitens: Kinder orientieren sich an Vorbildern. Egal, welches Erziehungsmodell wir anwenden, den grössten Einfluss auf unsere Kinder üben wir durch unser Vorbild aus. Wir können die besten Erziehungsmethoden anwenden, und wenn unser Leben dann aber eine andere Sprache spricht, werden die Kinder eher unserem Vorbild folgen als unserer Theorie.
Das ist für die Erziehung im Glauben ausserordentlich wichtig. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass die Erziehung im Glauben wesentlich über Vorbilder geschieht. Es ist gut, wenn wir unseren Kindern helfen, in der Bibel zu lesen und zu beten. Es kann auch gut sein, wenn man einmal eine Regel macht. Aber wenn sie uns nie in der Bibel lesen sehen und beten, dann wird sie das mehr beeindrucken. Dann werden sie denken, dass Bibellesen und Beten etwas für Kinder ist. Und wenn sie dann erwachsen sind, können sie damit aufhören. Meine Eltern haben es ja auch so gemacht. Ich habe sie nie mit der Bibel gesehen, ich habe sie nie beten gesehen.
Die Kinder sollen an unserem Leben sehen, wie wichtig der Glaube ist. Und wir sollten als Eltern aufpassen. Die Kinder sollen an unserem Leben sehen, wie wichtig uns der Glaube an Jesus Christus ist, dass der Glaube uns erfüllt und wir gern Gemeinschaft mit Christen pflegen, die Gemeinde besuchen usw., dass sie das Glaubensleben sehen.
Als Drittes: Kinder brauchen eine liebevolle Beziehung. Liebevolle Beziehungen sind das wichtigste Grundbedürfnis eines Kindes, und nicht nur eines Kindes, sondern eines jeden Menschen. Wir können viele Fehler in unserer Erziehung machen, und das werden wir auch. Unsere Kinder werden trotz aller Fehler merken, ob wir sie lieben, ob wir sie so annehmen, wie sie eben sind. Sie werden merken, ob wir sie lieben, weil sie unsere Kinder sind, oder ob wir sie erst lieben, wenn sie das tun, was wir wollen.
Wenn das Kind für mich etwas darstellen muss, wenn das Kind dazu da ist, dass es mich in ein gutes Licht rückt, dass ich mit meinem Kind gut dastehe, dann besteht die Gefahr, dass sich das Kind im Grunde benutzt und gar nicht geliebt fühlt.

Liebe, Annahme und geistliche Reife

Viele Erwachsene kämpfen ihr Leben lang bewusst oder unbewusst um die Anerkennung und Liebe ihrer Eltern. Sie wollen den Eltern beweisen, dass sie mehr können, als ihnen zugetraut wurde. Sie wollen einmal ihre Anerkennung und ihre Zuneigung gewinnen. Und es gibt Menschen, die davon nicht loskommen, selbst wenn die Eltern schon gestorben sind.
Als Christen müssen wir darauf achten, dass wir unseren Kindern nicht mehr Zuneigung zeigen, wenn sie unseren Glauben teilen. Natürlich ist es sehr erfreulich, wenn Kinder im Glauben wachsen und in kindlicher Weise an Jesus glauben. Aber unsere Kinder müssen wissen, dass wir sie genauso lieben, wenn sie kritische Fragen über den Glauben stellen und auch wenn sie andere Schlussfolgerungen ziehen, als wir es tun würden.
Wenn Kinder realisieren – und das merken Kinder schnell –, dass sie von ihren Eltern besonders viel Aufmerksamkeit und Liebe erhalten, wenn sie sich mit geistlichen Dingen beschäftigen, dann wird das Kind diesen Weg einschlagen, um sein Bedürfnis nach Liebe und Angenommensein zu stillen. Ihr habt dann ganz fromme Kinder. Und ihr könnt euch immer freuen, wenn das Kind etwas Frommes sagt. Und wenn das Kind merkt: Dann bekomme ich besonders viel Zuneigung von meinen Eltern, dann wird das Kind auf dieser Schiene sich Anerkennung und Liebe verschaffen.
Der kindliche Glaube wird dann unbewusst ein Mittel zum Zweck, und keine gesunde geistliche Entwicklung kann stattfinden. Deshalb ist es wichtig, dass unsere Kinder wissen, dass wir sie lieben, einfach weil sie unsere Kinder sind. So kann sich ein Kind auch in geistlicher Hinsicht gesund entwickeln, was jedoch keine Garantie dafür ist, dass es einmal Jesus nachfolgen wird.

Gottes Weisheit als Maßstab für Erziehung

Berücksichtigt man die Zeit, in die Paulus seine Anweisungen schreibt, dann ist es einfach faszinierend, wie weise und klar er das getan hat. Mit wenigen Sätzen entwarf er ein alternatives Familienmodell. Das muss man sich einmal vor Augen führen.
Ihr könnt die ganzen Predigten sehen, es ist jetzt die fünfte in dieser Reihe. Hört mal die fünf Predigten durch, wenn ihr Zeit habt. Ihr werdet sehen: Im Grunde hat er ein ganz neues Familienkonzept entworfen, ohne das bestehende Modell anzugreifen. Ich finde das unglaublich faszinierend.
Vielleicht hätten einige erwartet, dass ich im Zusammenhang mit der Kindererziehung auf Verse zu sprechen komme, wie zum Beispiel im Hebräerbrief, wo es heißt: Wen der Herr liebt, den erzieht er mit der nötigen Strenge. Jeden, den er als seinen Sohn annimmt, lässt er auch seine straffende Hand spüren.
Hätte Paulus diesen Aspekt der Erziehung betonen wollen, dann hätte er auch auf die Sprüche im Alten Testament zurückgreifen können, so wie er sich beim Gehorsam der Kinder gegenüber den Eltern auf das fünfte Gebot bezogen hatte. Natürlich ist das, was im Hebräerbrief steht, nicht falsch. Doch im Hebräerbrief geht es nicht primär um Kindererziehung, sondern darum, wie Gott uns erzieht.
Zudem sagt Paulus auch nicht, dass ein Vater sein Kind nicht strafen darf, wenn es sinnvoll ist. Er soll das alles tun, aber in einem gesunden und hilfreichen Maß und auf keinen Fall übertreiben. Er soll seine Autorität nicht missbrauchen.
Erziehung war und ist keine leichte Aufgabe, das wissen alle Eltern. Und auch Nicht-Eltern. Als Eltern haben wir eine große Verantwortung unseren Kindern und Gott gegenüber. Oft kommen wir an unsere Grenzen und sind über unsere Entscheidungen, die wir getroffen haben, unsicher. Da ist es gut zu wissen, dass wir einen himmlischen Vater haben, mit dem wir alles besprechen können.
Jakobus lädt uns dazu ein, mit unseren Fragen und Unsicherheiten zu Gott zu kommen. Er sagt das so: Wenn es aber einem von euch an Weisheit fehlt, bittet Gott darum, und sie wird ihm gegeben werden. Denn Gott gibt allem gern und macht dem, der ihn bittet, keine Vorhaltungen.
Er sagt dann nicht: Du bist ein schlechter Erzieher, dass du mich da fragen musst. Was, mit sowas kommst du zu mir? Nein, er macht keinen Vorwurf. Du kannst Gott sagen, was dich umtreibt, wo du deine Grenzen siehst, wo du nicht weiter weißt. Er wird dir helfen. Vielleicht schenkt er dir den richtigen Gedanken, wie du dich verhalten könntest. Vielleicht erinnert er dich an eine Person, an die du dich wenden könntest und mit der du diese Fragen dann besprechen und Unterstützung bekommen könntest.
Eins ist sicher: Gott gibt allen gern, die ihn aufrichtig fragen, und er macht uns keine Vorhaltungen, weil wir mit unserer Sache nicht zurechtkommen. Und wir haben eben einen Gott, der selbst ein großartiges Vorbild ist, wie David im Psalm sagt: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.
Dieser Gott ist unser Vater, wenn wir Kinder Gottes sind. Und dieser Vater ist das große Vorbild für jeden Vater und für jede Mutter. Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.
Ich bete mit uns.
Ich möchte dir danken, Vater, für dein Wort, und ich danke dir, dass du uns für das, was Paulus uns sagt, über Familie, über die Ehepaare, wie sie zueinander stehen, worauf sie achten sollen, und über die Kinder und die Kindererziehung, Orientierung gibst. Es fasziniert mich einfach, dass Paulus mit so wenigen knappen Sätzen eigentlich für die damalige Zeit ein alternatives, ja revolutionäres Familienkonzept aufgezeigt hat, ohne das, was wahr ist, anzugreifen. Das ist einfach großartig, und dahinter steckt deine Weisheit.
Und diese Weisheit brauchen wir auch heute für unsere Kinder: wie wir sie erziehen, wie wir ihnen helfen, wie wir sie unterstützen können, fördern, am richtigen Ort ermahnen, Maßnahmen ergreifen, ermutigen, gnädig und barmherzig sein. Und wir danken dir, dass du, unser Vater, so ein gutes Vorbild bist und dass wir mit all unseren Fragen zu dir kommen dürfen. Amen.