Unser Predigttext steht im ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums. Da geht
es ja ganz dicht gleich am Anfang, das Wort, mit dem ich Sie heute begrüßt
habe Wir sahen seine Herrlichkeit" und dann gleich noch im selben Kapitel,
wie die ersten Jünger Jesus nachfolgen. Jetzt von Vers 43-51 der Schluss
dieses ersten Kapitels des Johannes-Evangeliums. Am nächsten Tag wollte
Jesus nach Galiläa gehen, und findet Philippus und sprich zu ihm: Folge mir
nach! Philippus aber war aus Bethsaida, der Stadt des Andreas und Petrus.
Philippus findet Nathanael und sprich zu ihm: wir haben den gefunden, von
dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josef Sohn
aus Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes
kommen? Philippus spricht zu ihm: komm und sieh es. Jesus sah Nathanael
kommen, und sagt von ihm: siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch
ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und
sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum
warst, sah ich dich. Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn,
du bist der König von Israel. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du
glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter den
Feigenbaum, du wirst noch größeres als das sehen, und er spricht zu ihm:
wahrlich, wahrlich, ich sage euch, (Das ist ja immer das alte griechische
Amen, Armen, wenn Jesus ganz besonders wichtige Worte gesagt hat, kommt
das) ihr werdet den Himmel offen sehen, und die Engel Gottes herauf und
herab fahren über dem Menschensohn.
Liebe Schwestern und Brüder,
es sind jetzt nur noch wenige Wochen, dann wird jene Groß-Evangelisation
sein, ProChrist, an vielen Orten Europas wird man dann mit Handzetteln oder
auch persönlich einladen. Ach wir hier in unserer Kirche werden eine
Versammlung haben. Und da fragen schon manche: Was ist denn das, ist das
eigentlich nur ein Rummel, oder was macht ihr denn da. Nein, da geht es uns
darum, dass Menschen Jesus entdecken. Zum Glauben an Jesus kommen. Und
begreifen, wer Jesus ist. Ja, aber, das wollen wir doch eigentlich in jeder
die Bibelstunde und in jedem Gottesdienst, in jeder Stunde der
Jugendarbeit, ja sicher. Aber die Not ist ja, dass man, und wir wissen das
alle aus unserer Erfahrung, man kann ja jahrelang im kirchlichen Betrieb
mitschwimmen, man kann sogar ein Amt bekleiden, und Verantwortung tragen
als Mitarbeiter. Und doch merkwürdig unsicher, im Zweifel sein. Und sagt,
ich möchte zwar Christ sein, aber Jesus bin ich mir nicht so richtig im
Klaren, wer Jesus ist. Und was Jesus für mich bedeutet. Und darum finde ich
die Erzählung von dem Nathanael so wichtig. Das ist ein altertümlicher
Name, hebräischer Name, der Nathanael. Aber ein Mann, der ganz ähnlich wie
wir zuerst den Schritt tun muss, und die Erkenntnis erst noch braucht, wer
Jesus ist. Und da wird erzählt, wie es bei dem ging. Und das ist modellhaft
für viele, viele, viele andere Christen so gewesen. Ganz ähnlich geht das,
dass Sie plötzlich ein Licht bekommen und sagen: Jetzt verstehe ich erst,
wer Jesus ist, jetzt kann ich glauben, du bist wirklich Christus, der Sohn
Gottes. Damals war es gar nicht leichter, als für uns heute. Jesus war
äußerlich nicht anders als die anderen Menschen, und wir meinen immer, die
hätten vielleicht irgend einen besonderen Glanz im Gesicht Jesu beobachtet,
oder irgend einen besonderen Blick, nein das war gar nichts Materielles,
nichts Fassbares, nichts äußerlich Erkennbares. Und darum geht es jetzt
heute in unserem Gottesdienst, wie entdecken Menschen Jesus? Wie machen die
das, wie ging das damals, wie geht es heute?
Mit einem kleinen Freundesdienst fing es an
Mein erster Punkt: Mit einem kleinen Freundesdienst fing es an.
Mit einem kleinen Freundesdienst. Ganz alltäglich, so wie es bei uns auch
ablaufen könnte. Philippus war mit Jesus gegangen. Es steht gar nicht mehr
da als: er folgte Jesus nach. Sie erinnern sich noch an unserer
Neujahrspredigt. Zuerst der Gehorsam, und dann der Glaube. Zuerst der
Gehorsam, und dann der Glaube: Sie wollen es immer umgedreht. Sie sagen:
Ich möchte zuerst glauben, dann will ich auch gehorchen. Er folgte Jesus
nach, und dann erkannte er. Er ging mit Jesus, und er sagte einfach Ja. Das
ist ja oft auch immer wieder merkwürdig vergessen bei Christen, dass es ein
persönliches, bewusstes Ja braucht, eine Entscheidung: möchte ich Christ
sein. Man wird ja nicht automatisch, dadurch, dass man in einer
christlichen Familie aufwächst, oder dass man gewisse kirchliche
Amtshandlungen an sich vollziehen lässt, möglich noch im Säuglingsalter,
automatisch Christ. Man muss ja mit seinen Sinnen, mit seinem ganzen Willen
sagen, ja, das möchte ich! Und das macht Philippus. Philippus stammt aus
einem Hause, das sonst von der jüdischen Tradition wenig berührt war. An
was merkt man das? An seinem Namen. Nathanael ist ein hebräischer Name,
Philippus trägt einen griechischen Namen. Es war ein Hellenist, ein
aufgeklärter Geist. Das war nicht ein Haus, wo die Synagogenspringer waren,
nicht, da war kein bigottes frommes Haus zuhause. Der Philippus wuchs in
einer bestimmten geistreichen Atmosphäre auf, der kannte die Philosophie,
und der kannte das Leben des griechischen Geistes. Das war ein Mensch der
Kunst. Es ist ja gut, dass man gar keine Vorbedingungen braucht, um zu
Jesus zu kommen. Das ist ja auch nicht gesagt, die einen tun leichter, und
die anderen tun schwerer. Ich glaub, alle haben es gleich schwer. Der
Philippus folgt Jesus nach, und dann kann er auf einmal glauben, jetzt
verstehe ich es erst, das wirklich ist der Sohn Gottes. Und kaum hat er
selbst Jesus entdeckt, da passiert jenes, das er anderen davon weiter sagen
muss. Er ist so getrieben, er findet seinen Freund Nathanael, und schon
machte er den Mund auf und sagt: Nathanael, ich hab was gefunden, das
brauchst du auch, du musst Jesus finden, du musst Jesus sehen. Jetzt weiß
ich ja, dass das vielen auch in unseren kirchlichen Gemeinden auf den Keks
geht, wie man sagt, wenn die evangelikalen Spinner, die Evangelisten, oder
wie man sie nun nennt, die fangen immer an ihre missionarische Eifrigkeit
an den Tag zu legen. Warum müssen die denn das immer? Das ist so. Das ist
so. Die müssen einfach. Weil man so voll davon ist, von der Entdeckung, die
man gemacht hat. Der Philippus muss einfach das weiter sagen. Nun raten uns
ja manche und sagen, man soll das ein bisschen geschickter machen. Ja gut,
ich hab nichts dagegen, wenn man es geschickter macht. Und ich freue mich
über jeden, der es geschickter kann. Wir sind sich alle unbeholfen, wir
machen sicher alle Fehler, und vielleicht haben Sie sich auch an mir
manchmal gestoßen, dass Sie sagen, das war aber ungeschickt, wie der es
ausgedrückt hat. Machen Sie es doch geschickter, das ist doch wunderbar,
aber machen Sie es! Wir müssen reden, denn das müssen doch die Menschen
wissen, wir können doch nicht das Beste für uns behalten. Aber eines darf
nicht sein, was auch oft geschieht, dass man ewig nur darüber diskutiert,
wie man es macht. Das ist oft ein Theologengezänk: Wie sagt man heute das
Evangelium für den modernen Menschen. Und da kann man jahrelang
diskutieren, man kommt nie dazu, dass man hinausgeht auf die Straßen, und
auf die Plätze. Da lobe ich mir Philippus, dass er einfach, so wie der
Schnabel ihm gewachsen ist, los redet. Und ich glaube immer noch, dass es
das Beste ist, wenn Sie ganz natürlich, unbefangen, mit ihren Worten,
erzählen, was Sie erlebt haben. Und was Philippus erzählt, ist ja
theologisch ziemlich dürftig. Gucken Sie mal, er sagt kein Wort, dass Jesus
der Gottessohn ist. Er erzählt kein Wort über die wunderbare Geburt Jesu in
Bethlehem. Er hätte doch ein bisschen was erzählen können, aber er wusste
es einfach nicht. Er hat nur ein paar erste Entdeckungen über Jesus
gemacht, und die haben ihn schon so getrieben, dass er das weitererzählen
muss, einfach das, was er entdeckt hat, und dann sagt er auch noch Dinge,
die wirklich missverständlich sind. Er sagt ja, Jesus von Nazareth. Und
genau an der Stelle stößt sich der Nathanael. Das ist für mich ein
Bibelkenner. Der kennt sein Altes Testament, und dann sagt er: Nazareth, da
kann nichts Gutes herkommen. Nazareth hat keine biblische Heilsbedeutung.
Dann ist es für mich als Juden sowieso nichts. Wenn Sie so wollen, hat
Philippus alles falsch gemacht. Es mag oft so sein, ich hab es oft
beobachtet, dass junge Christen in ihrem Eifer für Jesus so fast alles
falsch gemacht haben, was man falsch machen kann. Sie sind mit der Tür ins
Haus gefallen, sie haben vielleicht noch ein paar Dinge
durcheinandergebracht, und sie waren so vorwärtsstürmend, dass sie manche
abgestoßen haben. Aber Gott ist treu. Aber Gott ist treu. Und der wirkt
dennoch durch dieses Zeugnis des Philippus, und das macht mir Mut. Das
macht mir Mut. Dann darf ich es auch machen, mit allen Fehlern, wenn ich es
nur aufrichtig meine, dann benützt der Heilige Geist mein Zeugnis, und
steckt dem anderen ein Licht auf. Auch wenn es noch so falsch ist. Vor
Jahren war mal Peter Schneider hier bei uns, der frühere Generalsekretär
der deutschen evangelischen Allianz, und hat erzählt, wie er als junger
Mann in Amerika war, und dort in einer Versammlung war, und da hat
irgendjemand neben ihm, stellen Sie sich das so vor, wie es jetzt bei ihnen
in der Kirchenbank wäre, nach Schluss der Ansprache gesagt, wie stehst du
eigentlich zu Jesus? Und er hat den bloß angegeifert, und gesagt: was fällt
Ihnen ein, kümmern Sie sich doch um andere Dinge, das geht Sie doch einen
Dreck an! Meine Sache! Und der ist mit hochrotem Kopf davongestoben. Peter
Schneider sagte, und dennoch war der Augenblick, wo der mich gefragt hat,
der Anfang meines Lebens mit Jesus. Das hat so in mir gebohrt. Manches
macht man sicher falsch, aber dennoch wirkt Gott dadurch. Das soll uns
nicht dazu führen, dass wir gerne Fehler machen, sondern was interessant
ist, was echt und ehrlich kommt, das benützt Gott. Jetzt hat der Nathanael
ja natürlich seine Zweifel, und sagt: Ja, wie, Nazareth, aus Nazareth?
Hätte er doch gesagt Bethlehem", aber wahrscheinlich wusste der Philippus
gar nicht, dass Jesus ja aus Bethlehem stammt. Er hält ihm, dieser
Nathanael, der hält dem Philippus seine Zweifel vor, und sagt: bitte schön,
was sagst du denn da, und auf einmal merken Sie: der Philippus kann auf die
ganzen Zweifel seines Gesprächspartners nichts sagen. Ist es Ihnen auch
schon so gegangen? Von dem Philippus kann man nur lernen. Er hat nicht
nächtelang im Wortgezänk sich verloren. Das ist ja manchmal unser Fehler,
dass wir meinen, jetzt müssen wir beweisen. Wie oft höre ich das von jungen
Christen: Ich bräuchte einen Beweis. Gibt es ja eben nicht. Weil Gott sich
nicht fassen lässt mit den Fingern, nur mit dem Glauben. Und dann wollen
wir diskutieren, oder einem anderen demonstrieren, und werden gar noch
eifernde Fanatiker. Philippus war ganz anders. Was hat er gesagt auf die
Zweifel? Er sagt bloß: Komm und sieh! Du musst dich einfach einmal selber
überzeugen: Komm doch zu Jesus. Und das ist das Große, was wir lernen
können bei Philippus: Komm und sieh! Dass wir Menschen nur einladen, und
sagen, du müsstest Jesus nur kennenlernen. Und den Wunsch habe ich bei
Ihnen, das sie alle nur Jesus finden. Meine Worte dürfen Sie vergessen. Ich
möchte nur dort hinweisen und sagen, Sie müssen ihn entdecken. Hinter
unseren Worten mag viel Armseliges, Falsches sogar sich verbergen, viel
Ungeschicktes. Aber es soll nur hinweisen zu Jesus. Ich möchte Sie noch
warnen vor einer Gefahr, die auch häufig auftritt. Gerade wenn wir mit
Ungläubigen zusammen sind, und wollen ihnen gerne etwas von Jesus sagen, da
verfallen manche auf den Fehler, dass sie sagen: ich möchte das den Leuten
vorleben. Und dann sagen Sie: Guck mal, mein Leben hat sich verändert, und
das ist das Törichteste, was wir nur machen können. Denn wie wollen Sie
denn das vorleben – die Herrlichkeit Jesu voller Gnade und Wahrheit, und
wir sind so kleinbürgerliche Geizhälse. Wir sind doch gar nicht wahre
Menschen! Bei uns ist doch noch so viel von der Sünde untergemengt. Ich
halte es auch immer wieder für vermessen. Und in unseren Tagen, wo man so
viele Christen hört, die immer wieder diesen Spruch riskieren, da wundere
ich mich immer wieder über diese Kühnheit. Ich würde den Menschen am
liebsten sagen, stoßt euch bitte nicht an mir. In meinem Leben könnt ihr
bis zu meiner Todesstunde viel, viel Fehler sehen. Und ich brauch täglich,
stündlich, minütlich die Vergebung Jesu. Aber guckt Jesus an. Zu dem müsst
ihr hingehen. Ich will euch bloß darauf hinweisen, weil ich ihn brauche.
Und da ist es sehr gut, dass der Philippus sicher noch weit überlegen war
mit seinen Lebenswandel, weil er ja immerhin ein Jude war, die ja noch im
Gesetz lebten. Dass dieser Philippus nicht sagt, komm, guck mich mal an,
und guck mein Leben an, sondern weist einfach zu Jesus hin: Geh zu Jesus.
Das wär ein falsches Zeugnis, wenn man den Leuten irgendeine Moral vorleben
wollten. Sicher haben wir unseren Lebensstil auch als Christen, aber Jesus
ist noch viel größer, und er allein kann die Zweifel beseitigen, die
Menschen haben. Deshalb wollen wir nicht von unseren guten Taten reden,
sondern wir wollen von Jesus reden. Das ist die Mitte unserer Verkündigung.
Also das war der erste Punkt. Mit einem kleinen Freundesdienst fing es an.
In der Betreuung des besten Seelsorgers
Für uns modellhaft und jetzt der nächste Schritt: in der Betreuung des
besten Seelsorgers.
Der Nathanael geht ganz skeptisch auf Jesus zu. Man muss seinen Verstand
nicht abschalten. Jesus geht auf kritische Menschen zu. Und schon das erste
Wort, das er zu dem Nathanael sagt, ist so voller Liebe. Siehe, ein
Israelit, an dem kein Falsch ist. Der ist nicht doppelbödig, nicht
doppelzüngig, der ist nicht schlangenartig, der ist auch nicht, was bei uns
sich so gern dazwischen schleicht, heuchlerisch. Das wird man ja einfach,
wenn man in den Traditionen lebt, heuchlerisch. Dass man schöne Lieder
singt, und nachher draußen lebt man's wieder ganz anders. So, Jesus hat das
gewürdigt, und sagt, sieh da ist einer, der ehrlich und aufrichtig sucht.
Und das ist auch immer wieder der Grund, warum es Menschen, die nicht aus
einer frommen Tradition kommen, oft leichter haben, zu Jesus zu kommen,
weil sie aufrichtig und ehrlich sind. Wir können ja pausbäckig singen, O
komm du Geist der Wahrheit, und wenn Jesus mal seine Wahrheit so richtig
uns ins Gewissen treibt, dann wollen wir es gar nicht hören. Deshalb war
der Nathanael bestens vorbereitet, ein ehrlich aufrichtig suchender Mensch,
und mehr braucht's gar nicht an Vorbedingungen, als dass einer sich
wirklich der Wahrheit auch zu stellen bereit ist. Und was gibt Ihnen Jesus?
Kein Zeichen! Auch das ist immer wieder heute so ein Irrweg, wenn immer
wieder Christen meinen, sie müssten irgendwo von Jesus was Materielles
kriegen. Nein, auch nicht mal ein Wunder, auch nicht irgendeine
Erscheinung, nicht irgendein besonderes Gefühl. Sondern Jesus spricht ihn
auf etwas an: ich sah dich unter dem Feigenbaum. Was war denn dort los? Und
das wissen wir nicht, und das ist gut so. Seelsorgerliche Dinge gehören in
die absolute Diskretion. Die gehen nur Gott und den Seelsorge etwas an,
darüber darf nie gesprochen werden. Unter dem Feigenbaum, da haben früher
die Juden oft ihre Andacht verrichtet, gebetet, das Wort Gottes gelesen. Es
wäre auch denkbar, dass dieser Nathanael unter dem Feigenbaum irgendeine
große Not mit Gott beredet hat, dass er verzweifelt war. Man darf auch
weinen. Wir wissen nicht, was los war. Vielleicht hat er ein Gelübde Gott
dargebracht. Da war irgendetwas, das ein Mensch mit Gott seine heimliche
Geschichte hatte. Sie wissen ja, dass ich behaupte, dass wahrscheinlich
kaum ein Mensch in unserem Land lebt, der nicht irgendwann mit Gott schon
eine geheime Geschichte hatte. Und wenn das in Kindertagen war, und längst
verschüttet ist, oder in schweren Krankheitsnöten, wo einer im Krankenhaus
oder im Gefangenenlager, im Krieg, oder im Bombenangriff plötzlich zu beten
begann... Es gibt Augenblicke, wo man für Gott ganz offen ist, und an der
Stelle greift Jesus ihn an, und sagt: Nathanael, ich sah dich unter dem
Feigenbaum. Jesus kann fernsehen, aber anders als wir gucken im Kasten,
nicht, Jesus kann fernsehen. Der sieht uns, wenn wir mit ihm reden in der
Nacht. Und das ist so aufregend, wenn Sie mit Jesus weitermachen, dass Sie
auf einmal merken, genau der spricht mich dort an, wo ich schon bisher war,
der versteht mich. Und das können Sie prüfen bei all den Worten, die er
Ihnen hier auch in der Bibel in der Stille, wo Sie über seinem Wort sitzen,
zuruft. Er spricht Sie auf ihre geheimsten Dinge an, mit denen Sie, da
können Sie mit niemandem darüber reden. Da sind oft Dinge, die Sie vor
anderen verschweigen, und Jesus packt Sie genau dort, und er hat die
Antwort. Und das war der Grund. Voller Gnade und Wahrheit. Voller Gnade und
Wahrheit. Da hat Nathanael erkannt, dass Jesus der Gottessohn ist: Du bist
der Messias, du bist der Heiland, mein Erlöser, mein Erretter! Und
plötzlich war alles klar für ihn, jetzt sieht er. Ach, nichts anders ist
passiert! Er hat ja das ganze Leben den Eindruck gehabt: Gott ist mir auf
den Fersen, und jetzt hat er verstanden. Da in Jesus schenkt mir Gott alle
seine Liebe. Da ist er wirklich zu fassen. Wie Menschen zum Glauben kommen,
wie Menschen Jesus entdecken, indem sie begreifen, da redet Jesus mit mir.
Und da wird es plötzlich persönlich. Und so geht das heute noch.
Auf dem Weg mit Jesus wächst das Erkennen
Noch das letzte: Auf dem Weg mit Jesus wächst das Erkennen.
Also, im Lauf der Zeit versteht auch ein Nathanael mehr. Er hat sicher auch
das später begriffen, wie das mit Nazareth ist. Und mit Bethlehem. Aber als
er gläubig wurde, war das gar nicht nötig, dass alle seine Zweifel geklärt
wurden, das ist auch für Sie wichtig. Viele, die meinen, zuerst müssen alle
Ihre Zweifel geklärt sein. Ach, wir werden vielleicht auch noch ein paar
Fragen auch noch mit in die Ewigkeit hinüber nehmen, das macht gar nichts.
Wir Menschen haben immer nur ein begrenztes Erkenntnisvermögen. Aber je
mehr wir mit Jesus leben, umso mehr wächst das Erkennen. Und Jesus sagt es
ihm auch zu, du wirst noch Größeres sehen. Je länger wir leben, umso mehr
Einblick gibt uns Jesus in seine Macht. Der Glaube darf wachsen, immer
fester werden, immer mehr auch Erfahrungen haben, nachdem er den Schritt
zum ersten Vertrauen und zum Gehorchen einmal ging, immer mehr Erfahrungen.
Ganz ähnlich hat es Jesus dann auch zu Johannes gesagt: Was ich jetzt tue,
das weißt du nicht, du wirst es aber hernach erfahren. Das sage ich jetzt
zu all denen, die über die großen dunklen Rätsel ihres Lebens nicht hinweg
kommen. Das ist nie versprochen, dass die sich auflösen. Vielleicht werden
wir es Jahre später einmal verstehen. Aber es ist doch genug, dass ich
Jesus kenne. Ihn verstehe, sein Wort mich trifft, und er mich anreden kann.
Und hier sagt Jesus zum Nathanael: Du wirst noch größeres als das erfahren.
Was ist denn das größere? Sind das wieder vielleicht gewaltige Erlebnisse?
Es ist ja schon toll, wenn ein Lahmer sich aufrichtet, und mit einem
gesunden Leib plötzlich gehen kann, wenn Tote auferweckt werden. Gibt es
denn so was? Ist das das Größte? Es gibt noch Größeres. Dass ein Philippus
unter dem Kreuz steht, und den sterbenden, zerschlagenen Leib Jesus sieht,
und sagt, das ist der Höhepunkt der Liebe Gottes. Dass Gott uns annimmt und
alle meine Schuld ausstreicht. Darum war es ihm auch so wichtig, zum
Superminister von Äthiopien, dann dort in der Wüste bei Gaza ihm zu sagen,
das ist das Lamm. Das ist das Größte, was er sagen kann. Übrigens, in dem
Kapitel eins spielt das ja eine große Rolle. Schon Johannes hat es ja im
Vers 29 gesagt: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde wegträgt,
eine aktuelle Botschaft. Wir würden heute sagen, aktuelle Botschaft, wer
hört denn da schon hin? Siehe, das ist Gottes Lamm. Das interessiert
vielleicht Schafzüchter. Aber: Siehe das ist Gottes Lamm, wer versteht das
noch? Aber aktuelle Botschaft wäre heute, wenn ich sagen würde, im neuen
Jahr 1993 werden keine Steuern erhoben. Aha, verstehe ich. Oder, im Jahr
1993 sinken alle Preise um 30 %. Ah, das ist... Alle würden aufhorchen. Das
Größte, was ein Mensch entdecken kann: Siehe, das ist Gottes Lamm. Dort ist
Jesus am schönsten, am größten, am mächtigsten. Als er sein Leben für die
Welt opfert, als er sich dahin gibt, und da kann man die Vatergüte Gottes
sehen. Wir glauben doch nicht an einen Herr Gott, wie die Leute so daher
reden, sondern Jesus hat sich uns offenbart, indem er in dieses Gericht
Gottes hineingeht, und die Last trägt, die große, schreckliche Last der
Schuld der Welt. Ich hab's ihnen oft erzählt, wie in meinem Leben das immer
ein ganz großes Zeugnis war, wie ich als junger Mensch die Briefe
gefallener Soldaten las. Wie da Leute durch diesen furchtbaren russischen
Winter zogen, und dann irgendwo dort in Stalingrad erfroren sind. Und wie
der eine dort von Korntal dort in seinem letzten Abschiedsbrief schreibt,
ich bin meine Straße fröhlich gegangen mitten durch alle Schrecknisse des
Krieges hindurch, und bin reich geworden in aller Armut des stillen
Heimwehs. Mein letztes an euch kann nichts anderes sein als ein fröhliches
Lobsingen, wie ein helles jubilierendes Osterlied. Ich habe seine
Herrlichkeit gesehen! Dass Menschen plötzlich Größeres erleben, die bleiben
gar nicht mehr hängen an den Erfahrungen ihres Lebens, auch wenn sie selber
Sterbende sind. Ich hab doch das Größte gesehen. Ich hänge schon so fest an
Jesus, und bei ihm bin ich ganz wunderbar geborgen. Sein Blut floss für
mich. Und mich hatt er angenommen, und nichts kann mich von Jesus scheiden,
und ich weiß, dass das auch für meine Todesstunde felsenfest: Nichts kann
mich aus der Hand Jesu reißen. Es geht nicht bloß um Großevangelisationen.
In jedem Hauskreis, in jedem Seelsorgerlichen Gespräch geht es darum, aber
auch heute in diese Predigt, dass Sie Jesus entdecken, und dass Sie so
fröhlich werden wie Philippus und Nathanael, und sagen, ich hab es
gefunden, ich hab's gefunden. Amen.
