Petrus vor Gericht
Liebe Freunde, das letzte Mal habe ich euch erzählt von dem Petrus. Ihr
erinnert euch: in der Nacht, bevor Jesus verhaftet wurde, da hat jemand zu
Petrus gesagt: Und du gehörst auch zu dem!" Aus lauter Angst, auch
verhaftet zu werden, hat Petrus glatt geleugnet und gesagt: Ich? Jesus?
Nie gehört! Kenn ich überhaupt nicht.
Ein paar Wochen später hat es ihn doch erwischt. Man hat ihn wegen seiner
Zugehörigkeit zu Jesus verhaftet. Er steht vor dem gleichen Gericht, das
Jesus zum Tode verurteilt hat. Er steht auf dem gleichen Platz, auf dem
Jesus als Angeklagter gestanden hat. Aber diesmal steht Petrus wie eine
Eins. Er hat inzwischen den Heiligen Geist empfangen, er ist ein
verwandelter, ein neuer Mensch geworden. Aus dem feigen Versager wurde ein
mutiger Bekenner. Und als sie ihm verbieten, weiter von Jesus in der
Öffentlichkeit von Jesus zu reden, da widerspricht der auf der Stelle und
sagt: wir können das nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und
gehört haben[1]. Er Predigt also, obwohl er unter Redeverbot steht, in der
Öffentlichkeit weiter. Er wird also wieder verhaftet und zusammen mit
seinem Freund Johannes wieder vor Gericht gestellt. Das erste Mal stand er
vor Gericht, weil er einen kranken gesund gemacht hatte, und hinterher
gesagt hat, den hab gar nicht ich gesund gemacht, sondern der Auferstandene
Jesus ist das gewesen. Also eine religiöse Macke, kein strafrechtlicher
Tatbestand. Sie hatten ihn bloß verboten, weiter von seinem Jesus zu reden.
Diesmal steht er aber vor Gericht wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt.
Er hat sich über das Redeverbot weg gesetzt und jetzt lautet die Anklage:
Ungehorsam gegen die Obrigkeit. Seine Antwort, Apostelgeschichte Fünf, Vers
29: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Dieser Satz aus der Bibel erspart viele lange, umständliche Diskussionen.
Diesen Satz aus der Bibel müsste jeder Christ kennen, wissen, auswendig
wissen! Denn jeder Christ muss nach diesem Satz handeln. Der Gehorsam
gegenüber den Eltern, den Vorgesetzten, der Obrigkeit, gegenüber den
staatlichen Behörden, der ist für uns Christen eine Selbstverständlichkeit.
Aber dieser Gehorsam hört auf, wenn irgendjemand irgendetwas von uns
verlangt, was gegen den Willen Gottes ist. Dann gilt Apostelgeschichte Fünf
Vers 29: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Das ist die Grundsatzerklärung von Petrus und daran schließt er gleich noch
eine Bekehrungspredigt an und er sagt zu dem Gericht, vor dem er steht:
Jesus, den ihr gehängt und getötet habt, den hat Gott auferweckt vom Tod,
um euch Gelegenheit zu geben zur Bekehrung und zur Vergebung der Sünden[2].
Bekehrung – da war es wieder raus, das hässliche Wort, das schon Johannes
den Täufer so unbeliebt und verhasst gemacht hatte.
Das bis heute viele Atheisten abschreckt, viele Christen aufschreckt, viele
Theologen auf die Palme bringt, Bekehrung – das rote Tuch für alle, die
sich weigern, ihr Leben Jesus auszuliefern. Bekehrung und Gehorsam gegen
Gott, das waren schon immer zwei Reizworte. Und ausgerechnet diese beiden
Reizworte spricht der Petrus hier aus. Und als er sie ausgesprochen hat, da
heißt es hier von den Richtern: Als sie das hörten ging's ihnen durch und
durch. Und sie beschlossen, sie zu töten[3]. Im griechischen Text heißt es:
Sie wurden zersägt. Das heißt sie wurden im Innersten von diesem Wort
Gottes getroffen. Von dem Anspruch Gottes, ihm sein Leben zu geben. Sie
erlebten das, was später mal in der Bibel beschrieben ist, im Hebräerbrief
über die Schärfe von Gottes wort: Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig
und schärfer als jedes zweischneidiges Schwert und dringt durch, bis es
scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der
Gedanken und Sinne des Herzens[4]. Denen ging es durch und durch, als sie
hörten, sie sollten sich ihre Sünden vergeben lassen und sich bekehren. Die
haben damals den Petrus sehr gut verstanden. Die wussten ganz genau, dass
sie sich ändern sollten, und genau das wollten sie nicht. Und deswegen
wollen sie bloß noch eins – sie wollen diese Christen abschaffen. Diese
Leute, die dauernd von Veränderung predigen, mussten weg. Das
Jesusgeschwätz muss aufhören, diesem Bekehrungsrummel muss ein Ende gesetzt
werden. Und deshalb sagen sie: Als sie das hörten, ging es in durchs Herz
und sie dachten, sie zu töten[5].
Entweder gibst du Gott dein Leben – oder du gibst Ihm kontra.
Man muss sich das einmal vorstellen – sie haben ja überhaupt nichts
verbrochen. Das ist der blanke, blinde Hass, der hier entgegenschlägt. Und
ich glaube, so ist es geblieben bis heute. Vor der Forderung, sich zu
bekehren und Gott zu gehorchen, da kannst du bloß eins: entweder
zusammenbrechen und gehorchen oder hassen. Entweder du gibst zu, dass du
falsch gelebt hast, dass du ein Sünder bist, dass du Gottes Vergebung
brauchst; entweder gibst du Gott dein Leben, oder du gibst Ihm kontra. Nun
gibt es auch Leute, die versuchen, sich um eine klare Entscheidung herum zu
drücken. Die sind weder für noch gegen Jesus, die sind einfach neutral,
tolerant. Vielleicht habt ihr Christen recht, vielleicht auch nicht. Ich
halte mich daraus, Abwarten und Tee trinken. Der erste, der diese These
vertreten hat, das war ein gewisser Gamaliel. Nicht ein Gammler, wie ihr
denkt, sondern ganz im Gegenteil, Gamaliel war einer der berühmtesten
Menschen seinerzeit, ein Gelehrter im damaligen jüdischen Volke, bekannt
wegen seiner Weisheiten. Wenn der etwas sagte, dann hielten alle anderen
die Luft an.
Der Rat des Gamaliel.
Und als die Gerichtsversammlung gerade am Kochen ist und sie beschließen,
die Apostel zu töten, dann meldet er sich zu Wort. Sofort ist Ruhe. Als
erstes lässt er die beiden Angeklagten aus dem Saal rausführen und dann
fängt er an, wie es sich für einen ordentlichen Wissenschaftler geziemt,
mit einer langen, umständlichen, historischen Rede. Er bringt Beispiele aus
der Geschichte. Da war doch neulich, sagt er, ein gewisser Thaddäus. Der
tat so, als ob er sonst was wäre, machte eine kleine Revolution, und
vierhundert Leute sind ihm nachgelaufen, und wo sind sie hin? In alle Winde
zerstreut. Und der Mann selber ist erschlagen. Und kurz danach, da kam ein
gewisser Judas aus Galiläa, der hat auch eine Revolution angezettelt,
riesige Volksmassen sind immer hinterher gerannt, alle sagten, das ist das
große neue, aber der ist auch umgekommen, alle, Die sich mit ihm
solidarisiert haben, sind in der Zwischenzeit in alle Winde zerstreut. Und
jetzt, sagt Gamaliel, kommen als neuste Mode diese Christen hier an.
Bloß dass diesmal nicht die Rede davon ist, alles Äußerliche umzukrempeln,
sondern es geht jetzt um eine innere Veränderung, wir sollen uns alle
innerlich verändern. Und nun, sagt der Gamaliel, gebe ich euch folgenden
Rat (ich lese euch den Text aus der guten Nachricht vor): darum rate ich
euch, lasst die Männer in Ruhe. Lasst sie laufen. Denn wenn ihr Vorhaben
nur von Menschen kommt, löst sich alles von selbst wieder auf. Steht aber
Gott dahinter, dann seid ihr machtlos und am Ende stellt sich heraus, dass
ihr euch Gott selber in den Weg gestellt habt[6].
Das klingt nicht nur logisch, das klingt auch fromm. Gott hat solchen
eigenmächtigen Bewegungen, wie diese vom tadellos, und dem Judas, in die
Luft gehen lassen. Die Geschichte hat bewiesen, dass viele, die als
Revolutionäre auftraten, mit einer großen Botschaft, eines Tages pleite
gemacht haben, und wenn die Jesusbewegung auch nach diesem Muster gestrickt
ist, wenn das auch bloß eine Mode, eine Macke, ein Strohfeuer ist, eine
rein menschliche Angelegenheit, dann wird sie sich ganz von selber
totlaufen.
Zwei Gründe, warum der Rat des Gamaliel nicht weise, sondern Gammel ist.
Und gesetzt den Fall, die Jesusbewegung ist doch von Gott, kann man sowieso
nichts dagegen machen. Also gilt in jedem Falle: die Entscheidung der Zeit
überlassen. Abwarten und Tee trinken. Das hört sich alles gar nicht übel
an, und trotzdem ist dieser Rat des Gamaliel Gammel, und zwar aus zwei
Gründen:
Erstens, der Gamaliel behauptet, nur was von Gott kommt, das hat in dieser
Welt Bestand. Was nicht von Gott kommt, das verschwindet. Aber das ist bloß
die halbe Wahrheit. Es stimmt zwar: viele Menschen und Bewegungen, die groß
losgegangen sind, aber gottlos waren, die mussten von der Bildfläche der
Geschichte wieder verschwinden. Angefangen beim Pharao und seinem Großreich
über die Weltreiche der Perser, der Römer, der Griechen, bis hin zum
Großdeutschen Reich von Adolf Hitler.
In der Hitlerzeit war der Pfarrer Wilhelm Busch im Gefängnis. War auch so
einer, der zu viel von Jesus geredet hat. Aus dessen Erinnerungen lese ich
mal was vor. Ausnahmsweise ist es mal ein West-Buch, aber am Tag des freien
Buches[7] kann ich auch einmal aus einem West-Buch was vorlesen. Also, er
ist bei der Vernehmung bei der Gestapo im Gefängnis und da wird ihm
eröffnet, dass er den falschen Beruf hat – er war Jugendpfarrer: Ja, das
müssen sie doch langsam begreifen, dass dieser Beruf doch völlig überholt
ist. Wir werden in Zukunft keine Jugendpfarrer mehr brauchen. Wir haben
heute eine neue Weltanschauung. Das Christentum hat ausgespielt. Ich sage
Ihnen, in zehn Jahren wird in Deutschland kein junger Mensch mehr wissen,
wer ihr imaginärer Jesus ist. Dafür werden wir sorgen!" Diese gewaltigen
Worte wurden 1938 gesprochen. Es hat keine zehn Jahre gedauert, da hatte
Gott dafür gesagt, dass diese großfressige Weltanschauung abgegessen hatte.
Nicht immer kommt der Zusammenbruch so schnell wie bei den Nazis, deren
tausendjähriges Reich schon nach zwölf Jahren wieder zu Ende ging. Aber
eins ist klar: nichts kann auf ewig bestehen, was sich auf Gottlosigkeit,
Gewalt, Lüge und Unterdrückung gründet. Sondern Gott selber wird die
Unterdrücker stürzen und die Unterdrückten stützen. So steht das in der
Bibel an vielen Stellen, zum Beispiel im Lukasevangelium Kapitel Eins. Gott
stürzt die Mächtigen vom Thron und richtet die Unterdrückten auf[8].
Trotzdem ist die Behauptung des Gamaliel, dass alles was gottlos ist, nicht
von langer Dauer ist, falsch. Es gibt Gottlosigkeiten, die dauern sehr sehr
lange. Es gibt in unserem Land heidnischen Aberglauben, der ist älter als
das Christentum. Es gibt ja auch unter euch welche, die sich mit uralten
Gottlosigkeiten wie Amuletts und Talismanen behängen und damit gegen Jesus
sündigen. Die Sünde ist älter als Jesus[9]. Es gibt Lügen, die halten sich
über Jahrtausende. Und mancher und manches ist gottlos bis in die Knochen
und wird trotzdem steinalt. Auch die menschliche Dummheit ist steinalt. Man
hat den Eindruck, die Engstirnigkeit wird immer breiter. Religionen wie der
Islam, der Hinduismus, der Buddhismus sind uralt. Aber dass irgendwas schon
lange da ist, ist noch lange kein Beweis dafür, dass es auch wahr ist. Und
umgekehrt: es kann etwas von Gott sein und trotzdem nur von ganz kurzer
Dauer sein. Jesus selber, der Sohn Gottes, der von Gott kam, der hat das
Rentenalter nicht geschafft. Er ist mit dreiunddreißig Jahren gestorben und
sein Tod war der letzte Schmäh[10], der hing zwischen zwei Verbrechern wie
ein Verbrecher am Kreuz. Und trotzdem hat dieser Jesus gesagt, von sich:
ich bin die Wahrheit[11]. Die Wahrheit ist weder jung noch alt. Die
Wahrheit ist eine Person. Sie heißt Jesus.
Und damit bin ich bei dem zweiten Grund, warum der Gamaliel nicht recht
hat. Sein Ratschlag – Abwarten und Teetrinken – der wäre ja schön und gut,
wenn es hier nicht um die Entscheidung für oder gegen Jesus ginge. Es geht
doch nicht darum, in aller Seelenruhe abzuwarten, ob die Jesusbewegung sich
geschichtlich durchsetzen wird, sondern es geht um das ewige Seelenheil.
Gott bietet den Mördern Jesu durch Petrus seine Gnade an.
Es geht um Jesus, der gesagt hat: wer an mich glaubt, der hat das ewige
Leben und wer nicht an mich glaubt, der wird das ewige Leben nicht sehen.
Wegen diesem Jesus ist Petrus angeklagt. Da hat er also seinen Richtern
gesagt: den Jesus, den ihr umgebracht habt, den hat Gott auferweckt – damit
ihr eine Chance habt zur Bekehrung und zur Vergebung eurer Sünden. Man muss
sich einmal vorstellen, zu wem Petrus hier redet. Er spricht zu denen, die
Jesus zum Tode verurteilt haben. Die haben den Tod eines Unschuldigen auf
dem Gewissen. Keiner von denen, auch der Gamaliel nicht, kann wagen, er
wäre ohne Schuld. Wenn es damals eine Menschengruppe auf der Welt gegeben
hat, die die Vergebung Gottes nötig hatte, dann waren es diese siebzig
Männer, die den Sohn Gottes getötet hatten. Denen – da kannst du mal sehen,
wie groß Gottes Liebe ist! – denen lässt Gott durch Petrus eine Chance auf
Vergebung und Umkehr anbieten. Vergebung gibt es aber bloß für den, der sie
will, der seine Sünde zugibt, der Jesus sein Leben gibt, der sich für Jesus
entscheidet. Alles dreht sich um diese Entscheidung. Die Luft ist sozusagen
dick, voll von Entscheidung. Und da kommt dieser Gamaliel daher und sagt:
Entscheidet euch nicht! Entscheidet euch jetzt noch nicht. Wartet."
Es kann eben einer steinalt, gelehrt, berühmt, eine allseitig gebildete
Persönlichkeit sein, und trotzdem falsche Ratschläge geben. Der Rat des
Gamaliel ist falsch! Ich rate dir das Gegenteil: warte nicht. Entscheide
dich! Entscheide dich jetzt. Zwischen dir und den Leuten vom hohen Gericht
gibt es viele Unterschiede. Aber in einem Punkt, da bist du denen gleich.
Du hast den Tod von Jesus auf dem Gewissen. Deine Sünde ist einer der
Gründe, warum er am Kreuz gestorben ist. Im Alten Testament steht: Er ist
um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen
zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten[12].
Deinetwegen war er am Kreuz, an deiner Stelle, für dich. Du brauchst
Vergebung für deine Sünden. Und Gott bietet sie dir heute an, und deswegen
bitte ich dich an der Stelle von Jesus: lass dich versöhnen mit Gott.
Ich weiß nicht, ob diese Männer vom hohen Gericht noch einmal die Chance
zur Bekehrung bekommen haben. Ich weiß nur, dass sie an dem Tag, an dem
Petrus zu ihnen gesprochen hat, diese Chance hatten. Ich weiß nicht, ob
Gott dir noch einmal die Chance zu Bekehrung gibt. Ich weiß nur, dass er
sie dir heute gibt.
Und deshalb bitte ich dich, höre nicht auf den falschen Rat des Gamaliel
und seiner Nachfolger, wenn es deine eigenen Eltern oder deine Kumpels
sind, die dir einreden: entscheide dich noch nicht, warte ab. Was willst du
denn eigentlich noch abwarten? Deine Schuld wird nicht weniger, und Gottes
Angebot wird nicht größer. Mehr als Vergebung deiner Schuld kann und wird
dir Gott nicht anbieten. Mehr gibt's ja gar nicht.
Toleranz und Intoleranz – und falsche Vorstellungen davon.
Der Gamaliel ist ganz nah an Jesus dran, zum Greifen nahe. Er räumt ja
immerhin auch die Möglichkeit ein, die Jesus-Sache könnte von Gott sein. Er
persönlich sieht Gott hier irgendwie am Werke, aber eben auch nur
irgendwie. Möglicherweise! Eventuell! Gamaliel entscheidet sich nicht, er
wählt nicht, er bleibt in der Schwebe, er bleibt Jesus gegenüber neutral.
Er ist tolerant; er sagt: ich habe nichts gegen die Christen, ich habe auch
nichts für die. Ich habe meinen Glauben, sollen die ihr Zeug glauben. Jeder
soll nach seiner Fasson selig werden. Gamaliel ist tolerant. Als tolerant
gebärden sich immer die Leute, die das Wort Gottes nicht ernst nehmen, und
die sich nicht festlegen wollen. Christen, die sich auf Jesus festgelegt
haben, die sind intolerant. Selbstverständlich bezieht sich diese Frage der
Intoleranz nur auf die Fragen des Glaubens und der Weltanschauung. Ob du in
Jeans oder in Filzhosen herumläufst, das ist eine Frage des Geschmacks oder
des schlechten Geschmacks, jedenfalls ist das vom Standpunkt des Glaubens
aus schnuppe egal. Meiner Meinung nach sind die Christen überhaupt die
tolerantesten Menschen auf der ganzen Welt. Bei allen Menschen kommt die
Toleranz immer ganz schnell an irgendeine Grenze.
Die Toleranz des Busfahrers.
Ich denke da an so einen amerikanischen Busfahrer, der so einen Bus zu
fahren hat. Da sind Kinder drin, weiße und schwarze. Die Weißen sitzen
vorn, die Schwarzen müssen hinten sitzen. Große Keilerei im Bus, Gedresche,
Gebrülle. Da fährt er auf den Parkplatz und lässt die alle aussteigen. Alle
mal raus! Dann stellt er sich vor die (Kinder) und hält eine Rede. Er sagt:
Kinder, nun hört mal zu. Wir sind alle von Gott gleich geschaffen, sind
alle gleiche Menschen. Wozu streitet ihr euch, wozu keilt ihr euch, was
heißt hier schwarz, was heißt hier weiß? Für mich gibt's schwarz und weiß
überhaupt nicht mehr, wir sind alle gleich. Habt ihr das verstanden?" –
Ja!" sagen die Kinder. Also gut" sagt er ihr seid für mich nicht schwarz
und nicht weiß. Ihr seid für mich, sagen wir einmal – grün! Ist alles jetzt
ok? Na dann können wir alle wieder einsteigen, die hellgrünen vorne, die
dunkelgrünen hinten!"
Christen sind am tolerantesten – mit einer Ausnahme.
Irgendwo hört bei den meisten Menschen die Toleranz ganz plötzlich auf. Bei
allen Menschen hört die Toleranz spätestens dort auf, wo es um den Feind
geht. Der Feind, der muss gehasst, der muss bekämpft, der muss geköpft
werden. Die Toleranz der Christen geht an diesem Punkt weiter. Die geht
soweit, dass sogar der Feind geliebt wird. Das ist ja der eigentliche
Unterschied eines Christen und eines Nichtchristen. Seine Kumpel hat jeder
gerne. Aber seinen Feind lieben – das ist das Eigentliche, was einen
Christen ausmacht. Wie gesagt, die Toleranz der Christen geht bis an die
allerletzte Grenze.
Aber an einem Punkt sind die Christen absolut intolerant. Nämlich wenn es
um Jesus geht. Jesus hat den Alleinvertretungsanspruch erhoben. Er hat
gesagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum
Vater außer durch mich[13]. Und die Apostel haben den Alleinvertretungs-
anspruch erhoben. Sie haben gesagt: In keinem anderen ist das Heil und es
ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den
wir gerettet werden können[14]. Dieser Behauptung gegenüber musst du dich
entscheiden. Selbst wenn du dich weigerst, dich für oder gegen Jesus zu
entscheiden, fällst du auch eine Entscheidung, und zwar gegen Jesus. In dem
Lied, das der Jörg nachher singt, heißt es: Auch Schweigen ist ein Nein".
Die gewaltlose Intoleranz der Christen – die gewalttätige Toleranz ihrer Gegner.
Jesus selber hat gesagt: Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich[15].
Wenn du das intolerant nennst, da kann ich dir nur recht geben. Es ist so.
Wir Christen sind intolerant. Wir sagen: es gibt nur ein Heil, es gibt nur
eine Rettung, es gibt nur eine Möglichkeit, gesund zu werden, und die heißt
Jesus. Auf eines verzichtet die christliche Intoleranz auf alle Fälle: und
das ist die Gewalt. Es hat mal Zeiten gegeben, in denen die Kirche Gewalt
angewendet hat. Im Mittelalter, Kreuzzüge und so. Das kennt ihr aus der
Schule bis hierher. Wir wissen heute und wir sagen heute, dass das falsch
gewesen ist. Denn die einzigen Waffen der Christen sind die Liebe und das
Leiden. Und davon redet der Schluss unserer Geschichte.
Als der Gamaliel fertig ist, da schließen sich alle seinem Toleranzgedanken
an, so im Sinne der Fabel von Gerhard Branstnermeinem Reich" sagt
der Löwe da gibt es keine Zensur. Hier kann jeder sagen, was ich will."
Jeder. Sie schließen sich dem Toleranzgedanken an. Aber was sie wirklich
unter Toleranz verstehen, das zeigt sich darin, was sie jetzt mit Petrus
und Johannes machen. Sie lassen sie nämlich auspeitschen. Es sind nicht die
intoleranten Christen, sondern die ach so toleranten Gegner, die die rohe
Gewalt anwenden - Ein jeder ist für Toleranz, nur wenn's drauf ankommt,
nicht so ganz."
Jetzt zeigt sich, dass das ganze vornehme und gebildete Toleranzgeschwafel
weiter nichts gewesen ist als Lüge, als vornehm getarnter Jesus-Hass. Es
zeigt sich, dass Jesus recht hat, wenn er sagt: wer nicht für mich ist, der
ist gegen mich. Und anstatt die Apostel in Ruhe zu lassen, da lassen sie
die auspeitschen. Hast du einmal den Prügelbock gesehen, in Buchenwald, im
KZ? So ein Prügelbock gehört zu den schrecklichsten Dingen, die ich in
meinem Leben gesehen habe. Die Prügelstrafe damals war die härteste Strafe
vor der Todesstrafe. Mit der dreifachen Lederpeitsche vierzig Schläge
weniger eins, das heißt neunundreißig Schläge auf den Nackten Rücken – mein
Lieber, wenn du diese Tortur hinter dir hast, dann hörst du die Engel
singen.
Das Leiden der Apostel für Jesus und ihre Freude darüber.
Und tatsächlich, so ist das: die beiden Apostel hören die Engel singen. In
ihren geschundenen Körpern, da lebt eine Seele, die ist geborgen bei Gott,
die ist unerreichbar und unzerstörbar für die Werkzeuge der Christushasser.
Und trotz des Blutes, das ihnen den Rücken hinunter läuft und trotz der
Tränen, die ihnen die Augen hinunter laufen, da laufen die voll Freude nach
Hause. Voll Freude, so steht das hier, das ist das Größte an der ganzen
Geschichte, das muss ich euch noch vorlesen: man rief die Apostel wieder
herein, peitschte sie aus, und ließ sie frei – verbot ihnen aber weiterhin,
öffentlich von Jesus zu sprechen. Die Apostel verließen das Gericht voll
Freude, weil Gott sie für wert gehalten hatte, für Jesus zu leiden. Das ist
eine Veränderung! Petrus, der gleiche Mensch, der vor ein paar Wochen voll
Angst war, für Jesus leiden zu müssen, der ist jetzt voll Freude, für Jesus
leiden zu dürfen. Und unbelehrbar und unverbesserlich geht er den Weg des
offenen Bekenntnisses. Unbeirrbar verkündeten sie Tag für Tag im Tempel und
in den Häusern die gute Nachricht, dass Jesus der versprochene Retter ist.
So kann Jesus einen Menschen verwandeln, der bereit ist, sich verwandeln,
sich bekehren zu lassen.
[1] Apostelgeschichte 4, 20
[2] Apostelgeschichte 5, 30-31
[3] Apostelgeschichte 5, 33
[4] Hebräer 4, 12
[5] Apostelgeschichte 5, 33
[6] Apostelgeschichte 5, 35.38.39
[7] Der Tag des freien Buches wurde erstmals 1947 zum Gedenken an die
Bücherverbrennung 1933 begangen und in der DDR als Gedenktag weitergeführt.
[8] Aus der Lobesrede der Maria, Lukas 1, 50-55
[9] Theo Lehmann meint damit wohl, dass die Sünde schon da war, bevor Gott
in Jesus Mensch wurde. Jesus ist ewig (z.B. Johannes 8, 58), daher kann die
Sünde nicht älter sein als er. – Anm. des Schreibers
[10] Theo Lehmann meint vermutlich: eine extreme Schmähung – Anm. des
Schreibers
[11] Johannes 14, 6: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
[12] Jesaja 53, 5
[13] Johannes 14, 6
[14] Apostelgeschichte 4, 12
[15] Matthäus 12, 30: wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer
nicht mit mir sammelt, der zerstreut.
[16] Gerhard Branstner: Der Esel als Amtmann oder Das Tier ist auch nur ein
Mensch. Buchverlag der Morgen, Berlin 1976 – Anm. des Schreibers

