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Der Besuch in Caesarea und die neue Verhandlung
Apostelgeschichte 25 und 26 habe ich für den heutigen Sonntag ausgesucht. Wir haben ja am letzten Sonntag die Gefangenschaft des Paulus in Caesarea schon verfolgt, seine Verantwortung vor dem Statthalter Felix mit der Trusilla. Nun machen wir dort weiter in Kapitel 25, Vers 23.
Es ist jetzt ein Nachfolger da von Felix, der heißt Festus, ein römischer Gouverneur. Bei ihm macht der jüdische König Agrippa mit seiner Frau einen Antrittsbesuch. Am nächsten Tag kamen Agrippa und Bernike mit großem Gebränge und gingen in den Palast, mit den Hauptleuten und vornehmsten Männern der Stadt. Und als Festus es befahl, der Gouverneur der Römer, wurde Paulus gebracht.
Nun lesen wir Kapitel 26, Vers 1: Agrippa aber sprach zu Paulus: Es ist dir erlaubt, für dich selbst zu reden. Da streckte Paulus die Hand aus und verantwortete sich.
Nun erzählte er noch einmal. Und wir machen weiter bei Vers 12. Sie können das in Ruhe zu Hause noch einmal lesen, es lohnt sich. Er berichtet von seiner Reise nach Damaskus, als er damals Christen verfolgte:
Als ich nun nach Damaskus reiste, mit Vollmacht und im Auftrag der Hohen Priester, sah ich mitten am Tag, o König, auf dem Weg ein Licht vom Himmel, heller als der Glanz der Sonne, das mich und die mit mir reisten umleuchtete. Als wir aber alle zu Boden stürzten, hörte ich eine Stimme zu mir reden, die sprach auf Hebräisch: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es wird ja schwer sein, wieder den Stachel zu löcken.
Ich aber sprach: Herr, wer bist du? Der Herr sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh nun auf und stell dich auf deine Füße; denn dazu bin ich dir erschienen, um dich zu erwählen, zum Diener und zum Zeugen für das, was du von mir gesehen hast und was ich dir noch zeigen will. Und ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, zu denen ich dich sende, um ihnen die Augen aufzutun, dass sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott. So werden sie Vergebung der Sünden empfangen und das Erbteil unter denen, die geheiligt sind durch den Glauben an mich.
Daher, König Agrippa, war ich der himmlischen Erscheinung nicht ungehorsam, sondern verkündigte zuerst denen in Damaskus und in Jerusalem und in ganzem jüdischen Land und dann auch den Heiden, sie sollten Buße tun und sich zu Gott bekehren und rechtschaffene Werke der Buße tun. Deswegen haben mich die Juden im Tempel ergriffen und versucht, mich zu töten. Aber Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein und sage nichts als das, was die Propheten und Mose vorausgesagt haben: dass Christus müsse leiden und als Erster auferstehen von den Toten und verkündigen das Licht seinem Volk und den Heiden.
Die Kraft des Glaubens in der Gefangenschaft
Als er aber dies zu seiner Verteidigung sagte, sprach Festus mit lauter Stimme: Paulus, du bist von Sinnen. Oder, wenn Sie noch den alten Luthertext im Ohr haben, mit dem alten lateinischen Vokativ: „Paule, du rasest.“ So stand es im alten Luthertext. Das große Wissen macht dich wahnsinnig.
Paulus aber sprach: Edler Festus, ich bin nicht von Sinnen, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte. Der König, zu dem ich frei und offen rede, versteht sich auf diese Dinge. Denn ich bin gewiss, dass ihm nichts verborgen ist; denn dies ist nicht im Winkel geschehen.
Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiß, dass du glaubst. Agrippa aber sprach zu Paulus: Es fehlt nicht viel, so wirst du mich noch überreden und einen Christen aus mir machen. Paulus aber sprach: Ich wünschte vor Gott, dass über kurz oder lang nicht allein du, sondern alle, die mich heute hören, das würden, was ich bin, ausgenommen diese Fesseln.
Es ist ganz furchtbar, im Gefängnis eingesperrt zu sein. Ich kenne einen Mann, der als Siebzehnjähriger für mehrere Jahre in Bautzen in Einzelhaft ging. Diese Haft hat diesen Menschen seelisch zerdrückt und körperlich ruiniert. Und er wird ein ganzes Leben lang die Wunden dieser schrecklichen Zeit nicht loskriegen.
Paulus ist so eingesperrt. Es war kein humaner Strafvollzug. Ich habe letztes Mal gesagt, man hat ihm gewisse Hafterleichterungen gewährt, das wird erwähnt in der Apostelgeschichte. Aber offenbar ist in dieser Verhandlung, so hört ja das auf, da sagt er: diese Ketten, die er trägt. Offenbar ist er jetzt wieder an die Ketten angeschlossen. Und das ist furchtbar, wenn ein Mensch ohnmächtig ist und nichts tun kann, an Händen und Füßen gefesselt. Er hört das Lied der Freiheit, draußen zwitschern die Vögel, er hört das Rauschen der Meereswogen. Das ist ja so bei diesem Palast in Caesarea gewesen, direkt ans Mittelmeer hingebaut. Und seine Sehnsucht geht hinaus zu all den fernen Gestaden: Dort will ich den Namen Jesu verkünden und seine Liebe vom Kreuz. Und jetzt ist er zwei Jahre untätig in die Haft hineingesperrt. Das macht doch einen Menschen kaputt, das macht ihn verrückt, das hält er doch gar nicht aus.
Wir sind alle Leute, die wissen: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Wie oft wir den Paulus hinaufgeschaut haben, zu diesen Gitterstäben gedacht haben: Da muss es doch irgendwas geben, dass ich hier rauskomme. Es gibt nichts. Kennen Sie solche Situationen, wo man sagt: Ich bin ganz verlassen, ganz ohnmächtig, den Menschen ausgeliefert, und ich kann nichts mehr tun, bin am Ende?
Er hat sich auf den Kaiser berufen, und so wird die Verhandlung in Rom weitergehen. Was wird kommen? Wird er den Löwen hingeworfen werden, wird er über die Gladiatoren kämpfen müssen? Die Zukunft sieht sehr, sehr dunkel aus.
Und jetzt sehen wir Paulus ganz anders beschrieben in diesem Kapitel. Wie steht er da? Als ein Freier, als ein Mutiger, als ein Sieger. Keine Gegensatz, nicht dramatischer beschreiben. Ich habe eigentlich zuerst meine Predigt so nennen wollen: Ohne Angst. So sind schon die Kassettenschildchen geschrieben gewesen. Und er dachte: Das stimmt nicht. Der Paulus hat sehr viel Angst gekannt, er hat sehr viel Verlassenheit, Enttäuschung und Nöte mit Menschen gekannt. Er kannte auch Depression und Verzweiflung. Aber er sagt: In Ängsten, mittendrin, und siehe, wir leben.
Beim Paulus kommt ein ganz anderes Wort vor: Wir überwinden weit, wir überwinden weit. Das ist ein griechisches Wort, das zuerst das Wort Siegen meint und dann noch Hyper, Hyper-Siegen, Hyper-Nikau. Ein ganz toll über alles drüber weggehen, über die größten Niederlagen, über die schlimmsten Enttäuschungen, über die tiefsten Verzweiflungen immer wieder darüber hinwegkommen.
Wie kann man denn das machen, wie kann man denn überwinden? Ich habe Ihnen drei Beobachtungen mitzuteilen, und die sollen gleichzeitig für Sie sein, dass sie helfen, auch Ihnen über Ihre großen Tiefpunkte hinwegzukommen, indem Sie auf Größeres blicken als Ihre Not. Indem Sie auf Größeres blicken als Ihre Not.
Nun, das weiß ja heute jeder, das ist heute so eine Mode, das mit dem positiven Denken. Das kennen Sie auch. Wenn Sie also in schlechter Stimmung sind und wenn Sie verzagt sind, ist ein toller Gedanke dann: Stell dir was Schönes vor, dann geh zur IGA und guck die Blüten an, nicht? Oder geh ins Konzert und dann wirst du deine Sorgen vergessen. Denken Sie nicht an mich, sondern denken Sie an etwas Schönes, denken Sie an irgendwas, was Sie erhebt, was Sie fröhlich macht, und so.
Das kann man ja machen, was Schönes, und das hat auch viel oft Erfolg im Leben, natürlich. Man darf sich nicht so in seine schweren Dinge hinein vertiefen. Aber Sie wissen, wenn es bei Ihnen ganz dunkel wird, dann wird man mit einer Riesenfaust in Abgründe und in dunkle Tiefen hinuntergerissen. Das ist dann ein ganz dummer Rat. Jetzt denkt mal was Positives, wie wenn ich das verdrängen könnte: mein Leid, meinen Schmerz, meine Sorgen, meine Ängste. Das funktioniert bei kleinen Sorgen, aber bei den großen Existenznöten und Lebensängsten hilft mir das nichts mehr.
Ihr habt zufällig Donnerstag die Bild-Zeitung bekommen: Zwölf Wege zum Glück. Und da schreibt ein verdammt glücklicher, so wörtlich hier, sonst würde ich es nicht so sagen, verdammt glücklicher Millionär, wie man glücklich wird. Interessiert sie es? Wenn du positiv denkst, hast du keine Ängste mehr. Jedes Problem findet seine Lösung. Glaube nicht an den Zufall! Nichts in deinem Leben geschieht, ohne dass du dafür verantwortlich wärst. Sobald du deine Ziele kennst, arbeite daran, sie zu erreichen. Stell dir immer wieder vor, du hättest deine Ziele bereits erreicht.
Paulus, stellen Sie sich mal vor, im Gefängnis. Nützt das einem solchen Mann noch etwas? Nützt das einem Menschen, der vor den Scherben seines Lebens steht? Nützt das noch etwas, wenn wir in ausweglosen Lagen sind? Sehen Sie, das ist so schlimm, dass die Welt immer vertröstet mit billigen Sprüchen, und das hält nicht für die großen Belastungsproben unseres Lebens. Das ist doch wie Hohn, da werden wir doch gar nicht ernst genommen, wenn böse Menschen mit uns einfach spielen.
Was macht denn Paulus im Gefängnis? Er hat etwas ganz anderes. Er hat den Blick des Glaubens. Er hat den Blick des Glaubens. Ich weiß nicht, was für Sie Glauben ist. Sie sehen es erst in dieser Verhandlung, als Agrippa sagt: Du darfst jetzt für dich reden, Paulus. Und er wartet, dass der Paulus sagt: Ich bin unschuldig, und er plädiert: Gebt mich frei. Er redet gar nicht. Aus ihm sprudelt es nur so heraus, er muss es erzählen und sagt: Es gibt in dieser Welt eine Sache. Die verwandelt ein Leben total: die Auferstehung Jesu. Mir ist der Auferstandene in den Weg getreten, das war ein strahlend helles Licht, als ich das begriffen habe.
Er beschreibt es mal im letzten Kapitel des 1. Timotheusbriefs seinem Kameraden und Mitkämpfer Timotheus. Wer Jesus ist, vielleicht kennen Sie Jesus gar nicht: der Alleingewaltige, der König aller Könige, der Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, wo niemand zukommen kann. Und sagt: Ich habe das nie für möglich gehalten, dass das wahr ist. Ich habe das mit Jesus nicht hören wollen, ich habe das für ein dummes Geschwätz gehalten. Und da habe ich gemerkt: Jesus wirklich lebt. Er ist auferstanden, er ist der Herr der Welt, er ist das Licht, das alle Dunkelheit erleuchtet.
Das wird auf einmal sichtbar, als er dasteht, mit Ketten gebunden. Darum müssen Sie das wissen. Es ist ein großer Unterschied in dieser Welt. Die meisten Menschen sagen: Ich glaube nur das, was ich vordergründig betasten und sehen kann. Und Paulus sagt: Nein, da gibt es eine unsichtbare Wirklichkeit, und das ist die entscheidende Macht in meinem Leben, der auferstandene Jesus. Und der bestimmt mich, und mit dem gehe ich meinen Weg fröhlich, und deshalb habe ich keine Angst mehr. Deshalb kann er überwinden, weil er diesen Blick auf den auferstandenen Jesus hat.
Er zählt auch einmal dann im 2. Timotheusbrief von einer ganz dunklen Stunde. Als Alexander der Schmied ihm viel Böses tat, es muss ein Christ aus der ersten Gemeinde gewesen sein, und dann berichtete er, dass auf die Christen kein Verlass sei: Sie verließen mich alle. Niemand hat im Prozess bei ihm ausgehalten und ihm Beistand gegeben. Aber dann sagt er: Aber der Herr stand mir bei, aber der Herr stand mir bei.
Erleben Sie das in den Dunkelheiten ihres Lebens. Aber der Herr stand mir bei, darum kann ich überwinden. Mir geht es immer wieder so: Wenn wir in so schwere Lagen hineinkommen, dann empfinden wir als weiche, kreatürliche Menschen ja immer auch sehr kreatürlich die Angst. Wir zittern, der Atem geht stoßweise. Wir haben zwar den Glauben im Herzen irgendwo und im Kopf, aber das geht nicht über in unserem Leib, da ist der Friede gar nicht da.
Ich verstehe jetzt erst, warum der Paulus so oft davon sprach, dass er mit Christus gestorben sei. Ihm war das so wichtig, dass er mit seinem ganzen natürlichen Leben, so wie er diese irdischen Tage seines Lebens noch darbringt, das war ihm gar nicht mehr so wichtig. Wir zerfließen ja oft in Selbstmitleid und reden so viel über unsere Empfindungen, über unsere Sorgen, über unsere Ängste. Es ist ja in uns immer wie ein sprudelnder Quell ohne Ende.
Paulus hat das alles vor Jesus niedergelegt. Er hat gemerkt: Mein irdisches Leben, soweit ich es bisher gelebt habe, das ist ein Leben, das unter der Sünde steht, unter der Gottesferne. Und was ich jetzt noch lebe mit meinem irdischen Leben, das lebe ich allein im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat, sich selbst für mich dargegeben hat. Und für ihn will ich es ausgeben, und darum war ihm sein Ich gar nicht mehr so wichtig.
Er hat mal sagen können: Ich achte mich selbst für kein Wort wert. Also über sich wollte er gar nicht reden. Er war so erfüllt von dem, was Christus aus seinem Leben macht, dass er dauernd davon reden musste. Das war ihm wichtig und bedeutsam.
Ich denke immer wieder daran, wie das dem Paulus schwergefallen sein mag, der doch ein Missionar war. Er wollte doch wirken, er wollte doch arbeiten, er wollte doch hinausgehen in die fernen Länder. Und dann sitzt er zwei Jahre untätig da. Manche wohligen Schwaben können Sie ja verstehen, wie schwer das ist. Das ist vielleicht das Schwerste, wenn man plötzlich im Alter nimmer arbeiten darf oder wenn man nimmer arbeiten kann, weil einem die Arbeit weggenommen wurde.
Da sieht man bei dem Paulus: Das war es bei ihm nie, die Schaffenswut. Sondern er weiß: Dieser Herr, Jesus, der führt Regie in seinem Leben, und ihn lässt er jetzt machen. Wie lang und wie das, weiß nur der Herr. Ich stell's in seine Hand und lass ihn ganz allein machen. Er bestimmt den Kurs.
Da gebraucht er ja das schöne Wort, das uns immer unheimlich ist. Es wird ihm schwer werden, wieder den Stachel zu lecken. Das war der Ochsentreiber, der diesen Spieß ihm hinten hinhält, und jetzt muss er laufen. Empfinden Sie es bitte nicht als einen Druck, als etwas, was ihnen Schmerzen zufügen will, sondern wenn sie sagen: In jeder Stunde meines Lebens ist der Auferstandene da und sagt: Geh, mit mir kannst du über Mauern springen. Geh, es wird ihm schwer werden, wieder den Stachel zu lecken. Wollen sie sich dann herumdrehen und sagen: Herr, ich traue dir nicht, ich glaube dir nicht, ich habe meine Zweifel?
Der große Indienmissionar Stanley Jones erzählt, wie es in langer Zeit in seinem Missionsdienst beschäftigt hat. Da kamen Zweifler zu ihm, und er saß mit ihnen, und Sie wissen, wie die Inder auf tiefe Gedanken haben in den Fragen der Religion. Dann haben sie ihm all die schwierigen Fragen gestellt, und er sagte: Ich habe gemerkt, ich kann gar keine Antwort geben, die alle Fragen befriedigt. Und dann kommen die dunklen Fragen nach der Geschichte der Kirche, da gibt es ja auch so viele dunkle Fragen, die man nicht lösen kann, und da gibt es so dunkle Weltfragen.
Und dann sagt er: Dann habe ich auf einmal gemerkt, ich kann nur Christus verkündigen, den auferstandenen Herrn, seine Größe und seine Macht. Und sagt: Wie ich so begann, auf einmal kamen Menschen in großer Zahl zum Glauben. Ich kann Ihnen heute nichts anderes sagen, als dies Ihnen noch einmal verkündigen: Blicken Sie auf den auferstandenen Herrn Jesus, hören Sie sein Wort, die Stimme des guten Hirten, und dann können Sie überwinden, nur mit seinem Wort, nur im Aufblick zu ihm.
Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Wieder ist dieses Wort vom Überwinden drin. In der Welt habt ihr Angst, aber seid mutig! Ich habe diese Welt besiegt, ich habe sie überwunden, sagt Jesus. So mancher steht noch schwer vor uns, bis man noch seine letzte Bewährung, die kommt erst, wenn wir durchs Todestal gehen. Kann es nur überwinden im Glauben und im Aufblick auf Jesus.
So, jetzt habe ich aber noch einen zweiten und dritten Punkt. Wie kann man überwinden? Indem man weiß: Es gibt Schlimmeres, es gibt Schlimmeres als meine Not. Zuerst war es: Es gibt Größeres. Es gibt auch noch Schlimmeres. Was ist denn Schlimmeres? Dass man verloren gehen kann, dass man verloren gehen kann.
Jetzt muss ich noch einmal erzählen von dieser herrlichen Versammlung, die da einmarschiert in den Richtsaal von Caesarea, das heißt hier mit Gebränge, mit Pomp, König Agrippa und seiner Frau Bernice oder Bernike. Jetzt haben wir das Kleeblatt beieinander. Wir brauchen Geschichte nicht behalten, es ist nicht heilsnotwendig. Herodes Agrippa hat eine Schwester, war die Drusilla, die haben wir letztes Mal kennengelernt, und noch eine Schwester, die Bernike. Und er lebt mit seiner Schwester in einer Ehe. Sie war mit dreizehn Jahren, frühreifes Mädchen, verheiratet worden, schon mit ihrem Onkel, dem Herodes von Chalcis, hieß das, aber vorher hatte sie schon ein eheliches Verhältnis.
Da kann man sich überhaupt nicht vorstellen, wie viel Dunkelheit in dem Leben drin war. Und der Paulus kommt nun nicht mit einer moralischen Entrüstung, das sollten sie nie tun. Das geht gar nicht mehr, wenn ihnen Jesus ihr Herz einmal erleuchtet hat. Können sie sich nie mehr über die Sünde anderer Menschen entrüsten, sondern Paulus hat etwas von der Hirtenliebe seines Meisters, und er möchte dieser armen Frau, deren Leben zerstört ist, sie hat später fast wäre sie noch römische Kaiserin geworden, diese Bernike war die Geliebte des römischen Kaisers Titus, der Jerusalem zerstört hat. Wir sind mitten in der römischen Geschichte drin.
Dieser Frau bietet er Leben an, Leben der Häftlichen. Was soll er denn sagen? Und er sagt einfach dieser Frau: Es gibt ein anderes Leben. Und jetzt nennt er die Dinge beim Namen. Jetzt redet er von Bekehrung. Das hat nicht der Billigrem erfunden, verstehen Sie, es ist biblisch. Alt- und neutestamentliches Schlüsselwort ist Paulus. Und dann redet er vom Satan. Ja, gibt es einen Teufel? Huch, sagen die Leute, es gibt einen Teufel. Und er sagt es vor dieser armen, geplagten Frau und ihrem Mann und sagt: Ihr seid ja nur gebunden in den Klauen dieser finsteren Mächte, und Jesus kann euch herausholen und freimachen. Sagen die, wollen die sowas hören? Er fragt gar nicht, ob sie hören wollen, die müssen es hören und wissen. Oder ich muss es ihnen sagen, dass man verloren gehen kann.
Wenn sie Bibel lesen, dann kann man Menschenverächter werden, wenn man da so sieht, da sind die Politiker und die Gouverneure und der König Agrippa und die komischen Frauengestalten und die Mächtigen mit ihrem Pomp und mit ihrem ganzen Flitterglanz und wie sie protzen. Und doch wissen wir: Vergebung der Sünden ist das aktuellste Thema, das je wir verkündigen können, unter ihren Kollegen, in ihren Häusern hin und her. Das hat noch niemand hören wollen, aber es war die aktuellste Sache, die man nennen muss.
Ich kann es Ihnen immer nur so wieder sagen, dass in unseren Tagen auch in unserer Gesellschaft ja fortwährend von Sünde gesprochen wird, aber in einem ganz anderen Sinn. Es wird immer nur von Sünde gesprochen, und da sagt man: das Unrecht der Verantwortlichen im serbischen Bürgerkrieg oder der Wirtschaft oder der Ausbeuter oder der Kolonialisten oder Rassisten oder ... und dann hat man sie immer wieder, da hat man doch die Bösen. Und in der Bibel geht das nicht mehr. Wer Jesus kennt, der kann hier nimmer mitschreien. Sünde, wir sind alle, alle gefallene Leute. Nicht bloß die Ausbeuter, sondern auch die Indios, nicht bloß die Deutschen, sondern auch die Juden, alle, alle. Und da geht es immer um die eine Rasse Mensch. Und deshalb ist unsere Unterteilung immer blöd, wenn wir meinen, man kann irgendwo anders die Schuld machen.
Da sollte ein Christ den Mund aufmachen, sagen: Wir gehören alle darunter. Und keiner kann hier stehen ohne Vergebung, und keiner wird frei. Wissen Sie, dass das auch wieder in der Politik gesagt werden müsste und in den Untersuchungsausschüssen der Landtage, wo überall davon Schuld gesprochen wird? Wir sind alle, alle schuldig, und wir brauchen alle Vergebung und werden nur gerecht durch die Vergebung Jesu.
Und da beschönigt Paulus nichts. Und dann nennt er die Dinge einfach beim Namen und spricht hinein und sagt: Dazu ist Jesus gekommen, weil er Sünde jetzt vergeben will. Und das braucht er nur so dringend zum Leben durch. Ach, was sind wir dumme Menschen, wenn wir immer meinen, wir müssen über andere Themen heute reden. Sondern das ist das Aktuellste, und das muss einmal geklärt sein.
Das Entscheidende im Blick auf Christus
Noch das Letzte: Er weiß Größeres, er weiß Schlimmeres, er weiß Wichtigeres, Wichtigeres als seine Not. Wenn ich das so darstellen will, warum er das überwinden kann, seine Not, das Gefangensein, die Ketten: weil er noch Wichtigeres weiß. Was ist denn Wichtigeres? Ach, wenn doch diese armen Menschen Jesus kennenlernen würden und seine Macht erfahren würden! Das ist dem Herzen des Paulus nah.
Dass sie sich bekehren von den nichtigen Götzen. In unseren Tagen gibt es viele Menschen, die ein Leben fürs Geld führen, und andere leben für Ehre, andere für die Familie. Dass sie sich bekehren von den nichtigen Götzen zum einzigen, was noch lohnt.
Und Paulus kann das nicht besser demonstrieren als mit gebundenen Händen. Er sagt: Das wünsche ich euch nicht, das ist schwer. Man soll es nie verharmlosen, was es ist, gebunden zu sein und in Ketten. Aber sonst kann ich sagen: Mich hat noch nie ein Tag meines Lebens gereut, seitdem ich mit Jesus lebe. Und ich möchte es allen Menschen in der Welt nur anbieten, dass sie das ergreifen.
Erschütternd: Die hören gar nicht, die verstehen gar nicht. Bernike, unruhig. Agrippa sagt: Paulus, du rasest, du bist wahnsinnig. Er versteht die Welt nicht. Sag, warum ist der immer so emotional? Warum schreit er denn immer so? Sie kann es gar nicht verstehen. Vielleicht ging beim Paulus manchmal auch das Herz durch. Das machen manche Mütter, die für ihre Kinder schon geweint haben, weil sie sie gerne zu Jesus führen wollten, und sie haben es nicht geschafft. Und das verstehen andere nicht, weil man vielleicht manchmal sogar leidenschaftlich wird, weil man so brennt und sagt: Die müssen es doch erfassen und finden.
Das darf ich Ihnen sagen: Haben Sie es ergriffen? Man kann ja lange im frommen Betrieb mitschwimmen. Paulus hat nie über das Christentum geredet, er hat nie darüber geredet, nicht einmal über die Taufe hat er gesprochen. Das mag für einen Liturgiker furchtbar sein, wenn er sagt, wie kann Paulus schon ein wichtiges Thema vergessen, oder sonst irgendwelche wichtigen Glaubensfragen. Du musst Jesus ergreifen, und dann löst sich dein dunkles Leben, wo du auch bist, in aller Schwierigkeit und Hoffnungslosigkeit.
Er redet hinein, er ist die Mitte des Lebens. Und jetzt muss man es ergreifen. Wie Paulus das noch den letzten Schmerz zufügt, als er diesen Agrippa noch einmal packt und sagt: Du kennst doch die Propheten. Er weiß doch, er war doch Jude. Und da kennst doch du den herrlichen Psalm, die herrlichen Gottesverheißungen: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Jetzt nimm's doch, es fehlt nicht viel.
Und dann sagt er doch: Wenn etwas nur fehlt, nur ein bisschen, wenn das nur fehlt. Ich wünschte mir, dass nicht ein bisschen fehlt, ganz oder gar nicht, ganz oder gar nicht, jetzt oder nie. Amen.

