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Sollte Gott gesagt haben? Was steckt hinter der Bibelkritik?

07.07.2016
Maßgebliche Impulse für den kritischen Umgang mit der Bibel stammen aus der sogenannten „Aufklärung“. Was genau brachte die „Aufklärer“ dazu, die Bibel derart kritisch zu sehen? Ist die Bibelkritik heute dieselbe wie damals? Seminar von Ron Kubsch auf der Evangelium21-Konferenz.

Einleitung und Zielsetzung des Seminars

Herzlich willkommen zu unserem kleinen Seminar zur Bibelkritik. Ich freue mich, dass Sie da sind. Wir haben eine Stunde Zeit, ich werde also direkt loslegen. Aber die halbe Minute für ein kurzes Gebet haben wir noch.
Himmlischer Vater, hab Dank für diesen Tag und für die Gelegenheit, uns heute hier mit Dir und Deinem Wort zu beschäftigen, auch für die Gelegenheit, uns mit diesem schwierigen Thema der Bibelkritik auseinanderzusetzen. Bitte hilf uns durch deinen Geist. Danke. Amen.
Ich möchte mit einem Zitat von dem meiner Meinung nach größten Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts anfangen, Hermann Barwink. Als er als Rektor an der Freien Universität in Amsterdam eingesetzt wurde, hielt er eine Rede. Dort wird gesagt, und zwar über seine Kollegen, nicht an der Universität, sondern an anderen Seminaren und Hochschulen: Oft haben sie nichts mehr zu predigen, weil die Bibelkritik ihnen Kraft und die Herrlichkeit des Evangeliums geraubt hat. Unzufrieden mit ihrer Lage suchen sie einen Ausweg, indem sie sich in die Politik, in die Diakonie oder in humanitäre Projekte einbringen und genau in diesem Maße aufhören, Diener des Wortes und Verwalter der Geheimnisse Gottes zu sein.
Also: mehr als hundert Jahre später ist die Situation heute schlimmer als zur Jahrhundertwende vom neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert. Die Bibelkritik hat die Verkündigung des Evangeliums enorm geschwächt. Die Prediger glauben nicht mehr an die Kraft des göttlichen Wortes, und viele verkündigen deshalb ihre eigenen Gedanken und ihre Erlebnisse. Oder sie zielen ab auf Weltverbesserung, auf Lebenshilfe oder billigen Trost. Das ist wirklich ein großer Jammer.
Ich will versuchen, dass wir heute verstehen, wie sich das entwickelt hat, wie es zu dieser Situation gekommen ist. Wir wollen also besser verstehen, was hinter der Bibelkritik steckt, genauer gesagt hinter der neuzeitlichen Bibelkritik. Es gab auch in der alten Kirche Bibelkritik, aber die interessiert uns jetzt nicht. Wir schauen uns an, was seit der Reformation passiert ist.
Ich möchte also mit euch zunächst einmal die Wurzeln kurz erörtern. Wir werden uns einige sozusagen Väter der Bibelkritik ganz kurz anschauen. Ich werde das Feld kurz skizzieren, um euch jetzt nicht zu viel zuzumuten. Dann werde ich populäre Formen der spätmodernen oder der postmodernen Bibelkritik beleuchten. Das wollen wir uns etwas gründlicher anschauen. Und dann gehe ich auf neuere Versuche ein, zwischen Vertretern und Gegnern der Bibelkritik zu vermitteln. Also: Es gibt Versuche, so wie ich das nenne, einen dritten Weg zu weisen, also das liberale Christentum mit dem orthodoxen, also dem biblisch, wie ich sagen würde, reformatorischen Christentum zu versöhnen.
Wir haben nicht allzu viel Zeit. Ich kann deswegen nur Impulse geben. Mein Anliegen ist es nicht, eine Kritik der Bibelkritik zu leisten, das geht in einer Stunde nicht, wie ihr verstehen könnt. Mein Anliegen ist es auch nicht, eine bibeltreue Hermeneutik vorzuschlagen. Aber wer möchte, kann im Skript zu diesem Vortrag dann in den Endnoten sehr viele Hinweise auf gute Literatur zum Thema finden. Ihr werdet einen Link finden, gleich hier auf dieser Folie. Da könnt ihr euch dann das PDF, das Skript für den Vormittag, herunterladen. Da steht es. Da findet ihr schon viel mehr Informationen, als ihr hier heute Morgen bekommt.
Und wer das dann noch einmal vertiefen möchte, der sollte sich dieses Buch besorgen: Der Bibel verpflichtet. Denn in diesem Buch gehe ich etwas ausführlicher auf das Thema dieses Seminars ein. Also: Wenn ihr wirklich graben wollt, mit ganz vielen Quellen, dann besorgt euch dieses Buch. Das ist gar nicht so teuer. Da gibt es eine ganze Reihe guter Aufsätze. Der letzte Aufsatz in dem Buch stammt dann von mir, und auf diesen Aufsatz geht dieses Seminar auch zurück.
Gut, wir fangen an mit der Bibelkritik der Moderne oder, wie wir auch sagen können, der Neuzeit.

Die aufklärerischen Voraussetzungen

Alles fing an mit der Aufklärung. Ihr wisst wahrscheinlich, was ich damit meine: mit dieser Aufklärung, also jener Bewegung, die behauptet hat, sich durch Mut, Vernunft und Wissenschaft von der Bevormundung durch Traditionen, durch Obrigkeiten und durch Aberglauben zu befreien.
Es gibt eine bekannte Definition des Philosophen Immanuel Kant aus dem Jahr 1784: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Das ist ein wichtiges Motto der Aufklärung.
Die Aufklärung ist eine ganz komplizierte Bewegung, und wir müssen einerseits anerkennen, dass es in ihr ganz hervorragende, leistungsfähige Kräfte gab, die zum Beispiel zur Gewissensfreiheit geführt haben oder auch zur Religionsfreiheit. Die Aufklärung ist noch längst nicht aufgearbeitet, und es gibt gerade heute Historiker und Philosophen, die wieder entdecken, dass es in der Aufklärung auch eine ganze Reihe von orthodoxen, bibelfrommen Christen gegeben hat, die diese Aufklärung mitstimuliert haben, dann aber in Vergessenheit geraten sind oder auch weggedrängt wurden.
Das ist ein spannendes Thema. Ihr findet in den Endnoten dazu eine hilfreiche Fußnote.
Für uns wichtig ist ein wirkungsgeschichtlich bedeutsamer Prozess: Die Aufklärung brachte die Bibelkritik hervor. Die Bibel wurde zunehmend nicht mehr als ein Buch wahrgenommen, das Gott seinem Volk geschenkt hat und das uneingeschränktes Vertrauen verdient, sondern als ein Erzeugnis einer langen historischen Entwicklung. Das heißt: historische Kritik. Und sie hat sich vor dem Forum der menschlichen Vernunft zu bewähren. Also: Die Bibel ist der historischen Kritik auszusetzen.
Es wurde wahrgenommen, dass das Buch nicht vom Himmel gefallen ist, dass es sich historisch entwickelt hat, und zwar über einen sehr langen Zeitraum. Und es wurde behauptet, dass dieses Buch auch der Kritik des erleuchteten Verstandes auszusetzen sei. Die Aufklärung hat ja Erleuchtung gebracht.
Hans-Georg Gadamer stellt in seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode heraus, dass sich die Kritik der Aufklärung in erster Linie gegen die religiöse Überlieferung des Christentums, also gegen die Heilige Schrift, richtet. Ein Zitat:
Nun ist es die allgemeine Tendenz der Aufklärung, keine Autorität gelten zu lassen und alles vor dem Richterstuhl der Vernunft zu entscheiden. So kann auch die schriftliche Überlieferung, die Heilige Schrift, wie alle anderen historischen Kunde nicht schlechthin gelten; vielmehr hängt die mögliche Wahrheit der Überlieferung von der Glaubwürdigkeit ab, die ihr von der Vernunft zugebilligt wird. Nicht Überlieferung, sondern die Vernunft stellt die letzte Quelle der Autorität dar.
Das ist ganz wichtig. Wenn wir das verstanden haben, haben wir ungefähr verstanden, worum es der aufklärerischen Bibelkritik gegangen ist. Die Aufklärer waren überzeugt, dass sie eine erleuchtete Vernunft besitzen und dass sich alles vor dieser Vernunft zu bewähren hat, vor dem Forum der Vernunft bewähren muss.

Frühe Vertreter und ihre Grundunterscheidungen

Es gibt einige Leute, einige Väter der Bibelkritik, die besonders viel Einfluss hatten. Ich möchte einige Namen kurz erwähnen, zum Beispiel Hugo Grotius, einen Holländer, der zwischen 1583 und 1645 lebte. Er hat in Amsterdam gearbeitet. Er war ein Anhänger des Leidener Professors Jacob Arminius und beschrieb seine berühmten Anmerkungen zum Neuen Testament genau im Geiste dieser aufklärerischen Sicht. Er hat minutiös historische Einzelbeobachtungen herausgearbeitet, aber versucht, alle dogmatischen Aussagen zu vermeiden.
Ihr findet im Skript ein Zitat von Otto Michel, einem deutschen Theologen, der vor ungefähr fünfzig Jahren ein sehr gutes Buch zur Bibelkritik publiziert hatte, glaube ich. Die Autorität des redenden Gottes ist bei Grotius beseitigt. Nach Grotius will die Schrift gar nicht selbst als Anrede Gottes vernommen werden. Sie ist uns in geschichtlicher Gestalt gegeben, sie muss historisch erschlossen werden, um allgemeine moralische Einsichten zu vermitteln. Es geht um die Entdeckung einer allgemeinen Moral, die hinter dem steckt, was in der Bibel überliefert ist.
Ein anderer einflussreicher Mann ist Hermann Samuel Reimarus, der eine Abhandlung über die natürliche Religion geschrieben hat. Er war Deist, also er glaubte nicht an den persönlichen Gott, der die Welt erhält, sondern an einen Gott, der die Welt angestoßen und sich dann selbst über die Welt angestoßen hat. Zunächst wurde gar nicht erkannt, wie bibelkritisch seine Schriften eigentlich sind. Das hat sich dann nach und nach gewandelt.
Salomo Semmler ist wahrscheinlich der bedeutendste Vertreter unter ihnen. Von ihm kommen ganz wichtige Unterscheidungen, die ich bitte, jetzt abzuspeichern, zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Wort Gottes und Heiliger Schrift. Da ist die Heilige Schrift, hier ist das Wort Gottes. Kerygma, die Botschaft, das Evangelium und Dogma ebenfalls als Gegensatz, moralische Wahrheit und historische Erkenntnis, Privatreligion, öffentliche Religion, Religion und Theologie. Das sind Gegensätze, die er herausgearbeitet hat, und diese Begriffspaare, wir können da jetzt nicht tiefer einsteigen, spiegeln die Unterscheidung zwischen Glaube und Wissen, die wir schon bei dem großen Philosophen Immanuel Kant finden.
Ich will ganz kurz auf seine Unterscheidung zwischen Heiliger Schrift und Wort Gottes eingehen. Er schreibt, dass die Heilige Schrift so etwas wie ein Mantel für das Wort Gottes ist. Und es kommt darauf an, die im Wort Gottes enthaltene, mitgeteilte, eingekleidete moralische Botschaft zu verstehen. Er regt sich furchtbar darüber auf, dass die Prediger seiner Zeit das nicht kapiert haben, dass die Bibel voll ist von historischen Irrtümern, von einem Weltbild, das aus der Antike stammt. Da gibt es sogenannte Einkleidungen der eigentlichen Botschaft. Dazu gehört die Messiasvorstellung, die Vorstellung also, dass Gott seinen Sohn sendet und dass dieser Sohn tatsächlich auch Gott war, dieser Mensch, Jesus Christus. Zu dieser Kleidung gehört die Erwartung, dass der Messias eines Tages als Richter wiederkommen wird, um das große Endgericht zu halten. Und auch Dämonen- und Teufelsglaube, das sind alles Einkleidungen, hinter die wir schauen müssen, die wir aufklappen müssen, um die eigentliche Botschaft der Bibel zu verstehen.
Und was ist diese eigentliche Botschaft? Es ist eine Morallehre, eine Lehre zur sittlichen Besserung der Welt. Folgerichtig urteilt dann Semmler, dass die Bibel nicht Gottes Wort ist, sondern dass sie Gottes Wort enthält. Diese Einsicht hat sich etabliert, und sie ist heute sozusagen überall zu finden.
Es gibt dann noch eine prägende Gestalt der Bibelkritik, die Ernst Troeltsch heißt. Er hat die Bibelkritik dann eigentlich auf die Spitze getrieben. Er hat die Methoden der Literarkritik und der historischen Kritik auf die Bibel selbst angewendet und dann drei sogenannte Prinzipien herausgearbeitet.
Kritik: Wir müssen also kritisch lesen. Wir müssen mit der Sicht eines Historikers oder eines Philosophen versuchen, diese Texte kritisch zu bewerten, aus der reinen Vernunft heraus. Das Prinzip der Analogie, also das, was wahrscheinlich ist, das, was heute wahrscheinlich ist, das ist auch wahrscheinlich im Blick auf die Überlieferung der Bibel. Also wenn heute keine Menschen vom Tod auferstehen, und wahrscheinlich haben das wenige von euch erlebt, dass das passiert ist, also kann das damals mit der Auferstehung Jesu Christi auch nicht gewesen sein. Und dann das Prinzip der Korrelation, dass jedes Ereignis in dieser Welt eine innerweltliche Ursache haben muss, also dass alles, was in dieser Welt geschieht, in einem Zusammenhang steht.
Troeltsch hat erwartet, dass diese Bibelkritik die Theologie verändert, und es ist so gekommen. Man kann also sagen, dass sich seit dieser Zeit die Bibelkritik an den Universitäten und auch an anderen Ausbildungsstätten etabliert und durchgesetzt hat. Dass Gott von außen eingreift, dass Gott der Walte der Geschichte ist, dass er immer da ist und immer eingreift, das ist eine Denkvoraussetzung, mit der heute nicht mehr gearbeitet wird. Adolf Schlatter sprach davon, dass wir mit atheistischen Methoden in der Theologie arbeiten, also mit Methoden, die gar nicht mehr offen sind für das Wirken Gottes in unserer theologischen Arbeit.

Die Wende zur Wortgottes- und dialektischen Theologie

Jetzt will ich noch kurz auf eine Wende eingehen, die um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert gekommen ist, durch die sogenannte Wortgottes-Theologie oder auch die dialektische Theologie. Stephen Nichols ist eben auf Karl Barth eingegangen, der sicher der prominenteste Vertreter dieser Schule ist.
Wir müssen uns ein bisschen zurückversetzen in diese Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Menschen waren davon überzeugt, dass sich die Welt positiv entwickeln wird. Es gab große Erfolge mit der Schifffahrt, mit dem Fernverkehr, also mit dem Zugwesen, mit dem Luftverkehr usw. Man hat damit gerechnet, dass sozusagen das Reich Gottes hier auf Erden erbaut werden kann.
Dann kam aber Anfang des 20. Jahrhunderts die große Katastrophe. Es gab den Ersten Weltkrieg, später dann den Zweiten Weltkrieg. Karl Barth und Emil Brunner waren Leute, die durch diese Wende geschockt waren und gesagt haben: Dieser Optimismus, der in der Kirche durch die Predigten verbreitet worden ist, hat eigentlich gar nichts mehr damit zu tun, was wir in der Bibel vorfinden. In der Bibel geht es nicht darum, die Welt zu einem besseren Ort zu führen, sondern wir werden in der Bibel konfrontiert mit einer Botschaft, mit Gesetz und Evangelium.
Barth forderte zum Beispiel ein neues Hören auf das Wort Gottes. Es ist nicht so wichtig, was wir Menschen über Gott denken. Entscheidend ist, was Gott über uns Menschen denkt. Und was Gott über uns denkt, das finden wir in der Bibel, im Wort Gottes.
Das klingt erst einmal wirklich sehr ermutigend, und ich rate auch dazu, Barth nicht nur negativ zu sehen. Er kommt ja nicht aus Deutschland, sondern aus der Schweiz. Ich sehe gerade den Peter Bruck da hinten, der in der Schweiz lebt. Da ist jemand, der hat wirklich sehr viel durchschaut, und er hat die Theologie auch ein Stück weitergebracht. Er hat einen Perspektivenwechsel vorgenommen. Es geht nicht um uns Menschen, nicht wir Menschen stehen im Mittelpunkt, sondern es geht darum: Wie sieht Gott uns? Können wir vor Gott bestehen?
Er hat sehr, sehr viele gute Fragen gestellt, er hat auch einige gute Antworten gegeben. Aber er ist natürlich im Blick auf seinen Gesamtentwurf der Theologie nicht nur knapp, sondern sehr weit an der biblischen Botschaft vorbeigeschrammt.
In seiner Kirchlichen Dogmatik, das ist dieses riesige Werk, das man nicht schafft zu lesen, auch wenn man sich Mühe gibt, unterscheidet er zwischen drei Gestalten des Wortes Gottes. Das geordnete Wort Gottes ist Jesus Christus, in ihm ist das Wort Gottes offenbar geworden. Das geschriebene Wort Gottes ist das, was wir als Bibel bezeichnen, und das verkündigte Wort Gottes ist die Verkündigung des Evangeliums auf den Kanzeln oder in unserer Evangelisation.
Und er sagt: Ja, natürlich ist das Wort Gottes oder ist die Bibel Wort Gottes, aber nur in dem Sinn, wie das verkündigte Wort auch Wort Gottes ist. Die Bibel ist Zeugnis des göttlichen Wortes, sie ist ein Zeuge und ein Zeuge irrt. So wie es bei einem Autounfall Zeugenaussagen gibt, die sich widersprechen, so finden wir in der Bibel viele Widersprüche. Und das anders sehen zu wollen, das hat er als Irrlehre bezeichnet.
Also eine Inspirationslehre, die Inspirationslehre der Reformatoren oder der lutherischen und reformierten Orthodoxie, ist aus seiner Sicht eine Irrlehre, die angegriffen und abgelehnt werden muss. Also die Erneuerung, die sich viele erhofft haben, ist mit Karl Barth nicht gekommen.

Postmoderne Bibelkritik und der Verlust verbindlicher Bedeutung

Jetzt gehen wir ein bisschen in die Gegenwart. Jetzt rede ich über Themen der Bibelkritik, die ihr vielleicht auch aus eurem Umfeld kennt: die Bibelkritik der Spätmoderne.
Die Moderne, die Neuzeit, war geprägt von der Suche nach einer Weltformel. Aus der Sicht der spätmodernen oder postmodernen Denker ist der Versuch, alles unter ein Dach zu bringen und eine Wahrheit zu finden, eine Art von Terror, die nur in den Krieg oder in die Katastrophe führen kann. Aus der Sicht vieler Denker ist diese Suche nach der einen Wahrheit mit riesigen Problemen verhaftet, und sie wird im Terror enden. Deswegen hat man die Suche nach der einen Wahrheit aufgegeben. Man zielt auf viele Wahrheiten ab, und zwar in der Philosophie, also in der Frage nach der Wahrheit, in der Ethik, in der Frage der Lebensentwürfe, wie soll ich eigentlich leben, in der Religion, in der Gerechtigkeit und in der Menschlichkeit.
Also: Die Postmoderne wendet sich gegen das Einzige, gegen das Absolute, gegen die Einheit und sucht in der Vielfalt, im Fragmentieren, die Lösung. „Krieg dem Ganzen“, hat ein sehr prominenter postmoderner Philosoph gesagt, François Lyotard. Aktivieren wir die Widerstreite. Wir haben aufgehört, nach einer Lösung zu suchen.
Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir mit Texten umgehen. Ich will jetzt nicht zu tief darauf eingehen, aber die großen, bekannten und oft sauber arbeitenden Exegeten, wie zum Beispiel Ulrich Luz, das ist so ein Übervater der Exegese, wieder mal ein Schweizer, ein ganz bekannter Mann, der riesige Kommentare geschrieben hat, setzen voraus, dass die Texte, die Bibeltexte, mit denen sie arbeiten, gar keine eindeutige Bedeutung mehr haben. Die Vieldeutigkeit ist in den Texten selbst vorgegeben. Also kann es uns gar nicht mehr gelingen, herauszufinden, was Matthäus wirklich sagen wollte. Was in der Offenbarung gemeint ist, welches Anliegen Paulus zum Beispiel in 1. Korinther 11 hatte, da kann ich es noch ein bisschen verstehen, das ist ja nun wirklich ein schwerer Text. Die Exegeten der Spätmoderne gehen davon aus: Die Texte sind nicht mehr wirklich zu verstehen. Es gibt keine Klarheit in diesen Texten, sondern eine Vieltönigkeit.
Ulrich Luz spricht von der grundsätzlichen Verborgenheit Gottes in der Bibel. Unter der Welt menschlicher Texte, menschlicher Theologie, menschlicher Geschichte und unter der Gestalt völlig pluraler und mehrdeutiger menschlicher religiöser Erfahrungen kann man Gottes Reden gar nicht mehr hören.
Und so ist interessant, dass seine Exegesen, also seine Kommentare, klassisch anerkannt sind. Das sind Standardwerke in der neutestamentlichen Wissenschaft. Aber er unternimmt nicht mehr den Versuch, herauszufinden, was zum Beispiel die Theologie des Lukas ist, sondern er arbeitet heraus, wer was über diese Texte gedacht hat. Im Grunde genommen reduziert man das auf die historische Arbeit: Was hat Luther darüber gedacht, was hat der darüber gedacht, Thomas von Aquin oder Calvin oder wie auch immer? Und man stellt das zusammen. Das ist sehr hilfreich für das Bibelstudium, um einmal zu sehen, was die Leute darüber gedacht haben. Nur setzt er voraus, dass der Sinn dieser Texte notwendig pluralistisch sein muss. Es kann nicht gelingen, herauszufinden, was Paulus wirklich gemeint hat.
Wir verstehen diese Bibeltexte also nicht mehr, indem wir uns ihnen unterordnen und versuchen herauszufinden, was die Autoren eigentlich gemeint haben – man spricht vom Tod des Autors –, sondern wir schaffen einen neuen Sinn, eine neue Bedeutung, indem wir mit diesen Texten ins Gespräch kommen. Normativ für die Auslegung, für die Verkündigung ist das, was wir im Gespräch mit diesen Texten herausgearbeitet haben. Das, was im Leser ausgelöst wird, das, was der Leser mit an den Text heranträgt, ist entscheidend für das Textverständnis. Nicht der Ursprungstext ist autoritativ, sondern das, was der Text an uns an Erfahrung auslöst.
Robbell hat davon gesprochen: Gott hat geredet, alles andere ist Interpretation. Gott hat geredet, alles andere ist Interpretation. Es wird uns nicht mehr gelingen, zu verstehen, was wirklich gemeint ist. Robbell geht noch weiter. Er sagt, dass die Bibel noch gar nicht abgeschlossen ist, sondern dass sie durch uns, durch die Jünger, finalisiert werden muss. Jesus hat seinen Jüngern die Vollmacht gegeben, darüber zu entscheiden, was diese Texte für sie bedeuten sollen.
Es gibt da ein wunderbares Beispiel von Robel. Es geht um den sinkenden Petrus, ihr kennt diese Geschichte, Matthäus 14, wo Jesus dann sagt: Warum zweifelst du? Und Robbell stellt sich auf die Kanzel und sagt: Dieser Text ist immer falsch verstanden worden. Die Leute haben gedacht, Petrus hätte an Jesus gezweifelt. Petrus hat aber nicht an Jesus gezweifelt, er hat an sich selbst gezweifelt. Seine Sünde war, dass er sich nicht zugetraut hat, über das Wasser zu gehen. Ihm fehlte der Glaube an sich selbst.
Warum kann man so mit Bibeltexten umgehen? Das ist übrigens auch grammatikalisch-exegetisch Nonsens. Aber wenn es mal so ist, dass die Jünger darüber entscheiden, was dieser Text eigentlich bedeutet, habe ich natürlich viele Freiheiten. Und das klingt erst mal wunderbar. Aber es führt, so wie Steven heute gesagt hat oder auch Kevin gestern, eigentlich in die Sklaverei, in die Sklaverei meiner eigenen Gefühle, meiner eigenen Emotionen, meiner eigenen Erwartungen.
Aber Robel geht so weit, dass er sagt, wer meint, die Bibel wirklich nehmen zu müssen und verstehen zu können, hängt einer verzerrten, einer vergifteten Sicht der Bibel an, Velvet Elvis. Es geht nicht darum, objektive Ansprüche zu stellen, sondern es geht darum, dass wir diesen Texten begegnen, dass wir ein gruppendynamisches Erlebnis haben mit diesen Texten, dass diese Texte in uns Gefühle auslösen und eine gewisse Orientierung geben. Die Texte wollen erlebt werden. Man liest auch davon, dass diese Texte neu gelebt werden müssen. Also wir spielen diese Texte nach, und wir erleben sie dann.
Bibelauslegung findet in der Geschichte statt, und damit ist das Identitätsfindung, Leben, Praxis, Leiden von Menschen. Ihr merkt, wohin das führt: dass die Bibel nur noch ein Steinbruch ist, aus dem sich die Ausleger das herausbrechen, was sie haben wollen. Man ist der Willkür, dem völligen Subjektivismus, ausgeliefert. Die Klarheit der Schrift ist verloren gegangen. Es bleiben nur noch eine Vielfalt von konkurrierenden, gleichberechtigten Deutungen.
Aus Luthers Sicht: Er hat gesagt, ich will die Schrift nicht nach menschlichem Maßstab, sondern nach dem Urteil der Schrift den Menschen verstehen. Das wird umgekehrt. Der Mensch entscheidet darüber, was dieser Text sagen will oder nicht sagen will.

Versuche eines dritten Weges

Ich komme zum dritten Weg, zur Bibelkritik des dritten Weges. Es geht um neuere Ansätze, um Versuche, so wie ich es anfänglich versucht habe, das liberale Christentum mit dem bekenntnistreuen Christentum zusammenzuführen. Das sind die neueren Tendenzen in der Exegese, vielleicht auch überhaupt in der Theologie: dass man sich von den Extremen der liberalen Theologie distanziert.
Das ist mit dieser historischen Kritik, auch mit dieser Vernunftkritik, zu weit gegangen. Das weiß man aus der Postmoderne heraus. Heute fragen die Leute: Was ist denn das überhaupt, Vernunft? Eigentlich gibt es ja nur Vernünfte, es gibt keine Vernunft, die für alle allgemein einsichtig ist. Und das hängt auch damit zusammen, dass die Naturwissenschaften an Bedeutung verloren haben. Inzwischen grenzt man sich wieder ab von den Extremen der postmodernen Exegese. Da hat man auch gemerkt, dass das zu weit geführt hat, dass das zur Beliebigkeit führt und dass man damit selbstverständlich nicht sterben kann, aber eben auch nicht leben kann. Wenn jeder sich aus der Bibel herausbricht, was er haben möchte, was bleibt denn da übrig?
Ich möchte kurz zwei Vertreter vorstellen. Einmal einen katholischen Vertreter, Rainer Demarius Reisser, der nach dem, was ich sage, einen dritten Weg sucht. Ein kluger Mann, ein Mann, der ein Buch über Bibelkritik geschrieben hat, das ich empfehlen kann, weil er wirklich aufzeigt, in welche Probleme uns die Bibelkritik hineingeführt hat. Er sucht die Lösung in der allegorischen Bibelauslegung. Er knüpft da an Origenes an, das ist für ihn das große Vorbild. Es geht darum, das Geistige, das Pneumatische, das Mystische in den Texten zu finden, das Symbolische zu entdecken und dann dafür Anwendungen für uns heute zu entwickeln. Ihr findet entsprechende Zitate dann im Skript.
Ein anderer Mann, der besonders in evangelikalen Kreisen verbreitet ist, das ist der evangelische Pädagoge und Theologe Siegfried Zimmer. Einige haben ihn bestimmt schon einmal irgendwo kennengelernt. Ein Mann von glänzender Rhetorik, von strotzendem Selbstbewusstsein, der unglaublich viele junge Leute durch seine Worthaus-Initiative anzieht. Ihr könnt ihn kennenlernen, wenn ihr bei YouTube nach ihm sucht und den Namen eingebt. Dann findet ihr viele, viele Videos von ihm zu allen möglichen Themen. Und ich treffe, ich kann sagen, monatlich junge Leute, die zu ihm hinfahren, die von ihm begeistert sind, auch dann, wenn sie aus, ich sage mal, klassischen evangelikalen Gemeinden kommen.
Das liegt unter anderem daran, dass Siegfried Zimmer in evangelikalen Zirkeln und Kreisen in den letzten Jahren oft eingeladen worden ist, beispielsweise beim Spring Festival oder auch bei der Hauptkonferenz der Evangelischen Allianz und bei anderen Events. Er ist ein sehr beliebter Redner. Er ist wirklich ein glänzender Rhetoriker, aber was hat er zu sagen? Was ist das für eine Theologie? Er schlägt auch diesen dritten Weg vor. Wer an dem Sola Scriptura festhält, der ist aus seiner Sicht ein Fundamentalist.
Nach Zimmer müssen wir unterscheiden zwischen dem geschichtlichen Ereignis, also dem, was in der Welt passiert ist, zum Beispiel der Auferstehung, und seiner späteren mündlichen oder schriftlichen Überlieferung, also dem, was wir in der Bibel finden. Die Offenbarungsereignisse, zum Beispiel die Auferstehung, dürfen nicht kritisch betrachtet werden, und ich glaube, dass er daran festhält, dass Jesus irgendwie auferstanden ist. Die schriftliche Darstellung von Offenbarungsereignissen muss man aber historisch-wissenschaftlich untersuchen, und das kann nur eine kritische Untersuchung sein. Die Bibel ist ein durch und durch menschliches Buch, geprägt von Irrtümern und den Kulturen seiner Autoren. Die Fehler, Spannungen und Widersprüche in der Bibel sind aber nichts Schlechtes, sondern sie veranlassen uns, nach einem tieferen Sinn zu suchen. Sie führen uns zu dem Schatz an grundlegenden Gotteserfahrungen und daraus erwachsenden gemeinsamen Überzeugungen. Maßstab und Mitte der Auslegung ist das Ereignis schlechthin: Jesus Christus.
Zitat: „Wir orientieren uns in der Bibelauslegung an Jesus Christus. Nur wenn wir die Bibel von Jesus Christus her interpretieren, kommt der Vorrang Jesu Christi vor der Bibel auch zur Geltung. Wir müssen deshalb jedem Bibeltext die Frage stellen: Entspricht die Aussage des Bibeltextes dem Evangelium von Jesus Christus?“
Jetzt kommt ein längeres Zitat: „Biblische Texte, die etwas anderes für wichtig halten, als Jesus uns gelehrt hat, dürfen unser Gewissen nicht binden. Das Gottesverständnis Jesu, der Lebensstil Jesu und das Evangelium von Jesus Christus sind für uns der Maßstab, an dem wir alles andere in der Bibel messen. Dann können wir nicht mehr alle Geschehnisse, die in den biblischen Texten auf Gott zurückgeführt werden, auf Gott zurückführen. Was wir auf Gott zurückführen können und müssen, entscheidet sich an dem, was Gott oder wie Gott sich in Jesus Christus offenbart hat. Nicht aus Überheblichkeit oder Besserwisserei, sondern aus Gehorsam – das ist ein Zitat – aus Gehorsam gegenüber Jesus Christus müssen wir die Bibel kritisch lesen. Jesus Christus treu zu sein, ist wichtiger als der Bibel treu zu sein. Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.“
Wir merken natürlich, dass sich hier die Katze in den Schwanz beißt, denn niemand hat unmittelbaren Zugang zu Jesus Christus. Wir kennen Jesus nur aus der Schrift. Da jedoch die Schrift Christus ganz verschiedenartige, gebrochene Bezeugungen und Deutungen von Jesus Christus überliefert, bleibt als entscheidendes Kriterium die Frage: Von welchem Christus aus kritisieren wir jetzt die Bibel? Von meinem eigenen Christus. Das war schon das Problem bei Nietzsche und anderen Leuten, die einen Jesus erfunden haben, der ihren eigenen Vorstellungen entspricht, und dann die Bibeltexte von diesem selbstgemachten Jesus her kritisch lesen. Da wir nicht wissen können, was Jesus tatsächlich gelehrt hat, wird ein von Menschen konstruierter Jesus zum Maßstab der Bibelauslegung.
Es gibt noch ein zweites Problem. Nach Zimmer ist Jesus Herr über die Bibel und deshalb derjenige, der uns die Orientierung gibt, um die Bibel zu verstehen. Nur wenn wir von ihm her die Bibel kritisch lesen, stellen wir uns nicht über die Bibel, sagt Zimmer. Aber wie ist Jesus denn mit dem Alten Testament umgegangen? Was hat er denn für eine Sicht auf die Offenbarung gehabt? Jesus Christus ist nicht gekommen, um die Schriften irgendwie wegzuschieben oder aufzulösen oder zu kritisieren. Jesus ist gekommen, um das Gesetz oder die Propheten zu erfüllen, Matthäus 5,17. Für Jesus verfällt nicht ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen im Hebräischen, bevor Himmel und Erde vergehen. Also Himmel und Erde werden eher vergehen, als dass da irgendetwas verfällt. Jesus unterscheidet eindeutig zwischen dem, was Gott gesagt hat und meint, und zwischen menschlicher Überlieferung.
John Vanham hat ein sehr bekanntes Buch, eine umfangreiche Untersuchung zu diesem Thema, geschrieben. Das Buch heißt „Jesus und die Bibel“. Das gibt es auch noch auf Deutsch. Er kommt dort zu dem Ergebnis, dass für Jesus Christus die Schriften des Alten Testaments wahr, autoritativ und inspiriert sind und dass dasjenige, was in ihnen geschrieben steht, Wort Gottes ist.
Letztlich versuchen Siegfried Zimmer und andere Vertreter des dritten Weges, eine symbolische, eine metaphorische Wahrheit zu finden. In den Texten gibt es irgendwie einen tieferen Sinn, und wir müssen uns immer darum bemühen, diesen tieferen Sinn zu finden, der hinter den Buchstaben liegt. Nun ist ja überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Es geht der Bibel nicht nur darum, historische Tatsachen zu vermitteln. Es gibt in der Bibel viele Gattungen, zum Beispiel Lieder, Gebete, Gleichnisse und Visionen. Das Ernstnehmen dieser Gattungen führt selbstverständlich zu einer bereichernden Bibelauslegung.
Verfänglich wird es eben dann, wenn literarische Beobachtungen gegen die historische Verankerung von Erzählungen, so sie denn vorliegt, ausgespielt werden. Die alte Kirche hat diese Methode des Origenes verworfen. Ihm wurde zur Last gelegt, alles zu allegorisieren und die biblischen Erzählungen zu Mythen und Märchen zu machen. Kirchenväter wie Hieronymus und andere haben dafür plädiert, dass die historische Wahrheit in den Texten ernst zu nehmen ist. Auch Augustinus und die Reformatoren haben die Exegese des Origenes abgelehnt und für die Historizität plädiert.

Schlussbemerkungen und grundlegende Einwände

Ich komme zu meinen Schlussbemerkungen. Die aufklärerischen Theologen haben versucht, mit Hilfe historischer Methoden die ewigen Wahrheiten hinter den Einkleidungen der Schrift zu finden. Die Kritik der Offenbarung fiel so streng aus, dass nicht mehr viel übrig blieb als eine von den Dogmen emanzipierte Liebesethik.
Kannst du mal die nächste Folie anmachen? Da sieht man das auf dieser Grafik. Das ist dieser berühmte garstige Graben von Lessing. Lessing hat darüber gesprochen, und Kierkegaard ist darüber verzweifelt und hat sich schließlich dafür entschieden, dann über den Graben zu springen. Die Welt der Geschichte und die Welt der Bibel ist getrennt durch einen garstigen Graben. Es gibt keine Brücke, keinen Übergang. Und deswegen gibt es keine Verbindung mehr zwischen dem, was tatsächlich passiert ist, und dem, was in der Bibel steht. Das ist die Denkvoraussetzung der historischen Kritik der Moderne.
Die spätmoderne Kritik verlor unter dem Einfluss der neuen postmodernen Hermeneutik den Bezug zwischen dem Bibeltext und dem Leser. Der Bibeltext ist nicht mehr verstehbar, er ist in sich vielstimmig, und es kann uns nicht mehr gelingen, wirklich herauszufinden, was in diesen Texten steht. Deswegen können wir nur noch verschiedene Auslegungsergebnisse nebeneinanderstellen. Und wir können uns dann entweder irgendetwas von dem, was jemand gedacht hat, aussuchen, oder wir können noch irgendeine fünfundzwanzigste Auslegung dazusetzen. Aber letztlich ist es etwas, was der Leser schafft. Die Qualität liegt auf der Seite des Lesers, auf seiner Texterfahrung. Es gibt keine verbindliche Interpretation eines Bibeltextes mehr.
Wenn also Luther mit dieser Einstellung in Worms am Reichstag aufgetaucht wäre, hätte er gesagt: Ihr Lieben, ihr seht das so, alles in Ordnung, ich sehe das so, und ich hoffe, das ist für euch auch alles in Ordnung. Es gibt kein Ringen mehr um das, was Gott tatsächlich sagen möchte.
Der dritte Weg ist der Versuch, hinter den Buchstaben des Bibeltextes irgendeine symbolische, eine tiefere Weisheit oder Wahrheit zu finden, die dann irgendwie vermittelt wird. Ich habe eben Reiser zitiert. Der ist der Meinung, dass die Auferstehung wirklich stattgefunden hat und dass nichts dagegen spricht, auch nicht die Wunderkritik, daran zu zweifeln, dass das tatsächlich so war. Aber es gibt dann eben andere Sachen, wo große Fragezeichen berechtigt sind. Gab es die Sintflut usw.?
Ich möchte abschließen mit einigen ausgewählten Anmerkungen. Es geht also jetzt nicht darum, eine Kritik zu liefern, obwohl das, glaube ich, gut möglich ist. Es geht mir jetzt auch nicht darum, eine bibeltreue Hermeneutik vorzustellen. Ihr findet im Skript dann einige Buchempfehlungen, die ich euch wirklich ans Herz legen möchte. Aber wir lesen doch mit vier kurzen Bemerkungen einmal: Philosophie.
Der Kolosserbrief warnt uns ausdrücklich vor der Vereinnahmung durch die Philosophie, die nicht auf Christus, sondern auf menschlicher Überlieferung beruht. Wir haben bei unserem Streifzug durch die bibelkritische Auslegungsgeschichte gesehen, wie groß der Einfluss geisteswissenschaftlicher Hypothesen ist. Manche Einsichten sind wertvoll, und sie verdienen unseren Respekt. Sie sollten aber nicht die Kontrolle übernehmen über unseren Umgang mit den Bibeltexten. Vielmehr sollte die Schrift auch im Blick auf sich selbst ihr eigener Ausleger, ihr eigener Meister sein.
Luther, der nicht nur das Auslegungsmonopol der katholischen Kirche beworfen hat, sondern auch den Skeptizismus oder die privatisierte Offenbarung, hat gesprochen, dass die Schrift wirklich klar ist. Es ist nicht der Mensch, der die Klarheit in die Schrift hineinbringt. Luther ging davon aus, und genauso andere Reformatoren wie Bucer oder Calvin, dass unser menschlicher Geist auf Offenbarung angewiesen ist. Wir sind verloren. Wir sind gezeichnet von der Sünde auch in unserem Denken, und es ist die Offenbarung Gottes, es ist die Schrift, die unser Denken erleuchtet, also genau andersherum. Wir brauchen die Hilfe Gottes. Gott muss eingreifen und uns retten.
Die Bibel ist in sich völlig gewiss, leicht zugänglich und durch und durch offen, hat Luther gesagt. Natürlich wusste auch Luther, dass es schwere Stellen gab, nehmen wir mal 1. Korinther 11. Er hat dann dieses Prinzip vorgeschlagen: die schwierigen, die dunklen Stellen von den hellen, von den erleuchteten, von den klaren Stellen her auszuleuchten. Die Schrift richtet und erleuchtet allen alles, sagt Luther. Und gegen den Skeptizismus seiner Zeit bekannte die Reformation: Die Heilige Schrift legt sich selbst aus. Gott, der Heilige Geist, sorgt selbst dafür, dass er verstanden wird.
Der zweite Punkt: Historizität. Die Autoren der Schrift kennen diese Aufspaltung zwischen der Welt der Geschichte und der Welt der Bibel nicht. Die Welt der Bibel ist Teil ihrer eigenen Geschichte, so wie sie selbst zu der Geschichte gehören, wie Gott sie schreibt. Wir lesen beispielsweise bei neutestamentlichen Briefschreibern, dass sie selbstverständlich voraussetzen, dass das, was da im Alten Testament beschrieben wird, auch so passiert ist. Der Autor des Hebräerbriefes zitiert die Sintflut-Erzählung. Und zwar nicht als eine symbolische Wahrheit, sondern er glaubt fest, dass Noah die Arche zur Rettung gebaut hat. Gleichermaßen setzen die Petrusbriefe die Historizität der Sintflutgeschichte voraus. Entschuldigung, Noah und Arche – hat es wirklich gegeben? Oder denken wir an Paulus, der den historischen Adam einbaut in ein Schlüsselelement, in einen Schlüsselgedanken seiner Theologie. Oder denken wir an Jesus selber, für den das, was da im Alten Testament beschrieben wird, selbstverständlich so geschehen ist. Es gibt Anspielungen, Zitate oder Verweise auf Abel, auf Noah, auf Abraham, auf Lot und seine Frau, auf David, Jona, Naaman, Elija oder Elisa. Und natürlich kann man behaupten, dass Jesus sich geirrt hat oder dass er nur auf damals populäre Auffassungen zurückgegriffen hat. Allerdings glaube ich, dass solche Argumente es sehr schwer haben, wenn man bedenkt, dass Jesus einerseits die göttliche Autorität des Alten Testamentes immer bekräftigt und bestätigt hat und dass er andererseits in der Lage war, zwischen Schriften, die keine göttliche Autorität beanspruchen können, zu unterscheiden wusste.
Kontinuität. Heute wird gerade in den Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften fast vorausgesetzt, dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, verständlich miteinander zu kommunizieren. Es wird der Eindruck erweckt, dass selbst Leute, die in einem kleinen Dorf mit 50 Einwohnern aufgewachsen sind, schon so verschieden sind, dass sie einander nicht mehr verstehen können. Wie sollen wir denn die Texte verstehen, die 3000 Jahre alt sind und im Orient geschrieben worden sind? Das ist doch unmöglich.
Richtig daran ist, dass wir einander nicht erschöpfend verstehen. Wir leiden da unter dem Sündenfall. Es gelingt uns nicht, wir können uns noch nicht einmal selbst richtig verstehen. Auch wenn ich wirklich sehr glücklich verheiratet bin seit über 25 Jahren, meine Frau und ich, wir können uns nicht erschöpfend verstehen. Da bleibt ein Rest an Unverständnis und Einsamkeit. Ich selbst kann mich nicht richtig verstehen. Gott ist derjenige, der mich wirklich versteht, und das ist Teil unserer Geschichte in einer gefallenen Welt. Aber nichtsdestotrotz können wir einander verstehen. Und es wird ausgeblendet, dass Gott diese Welt so geschaffen hat, dass er die Sprache so eingerichtet hat, dass sie dafür ausreicht, um miteinander reden zu können.
Also, es ist ganz interessant. Ich beschäftige mich immer wieder mal auch mit modernen Autoren. Jetzt habe ich mir einen Autoren vorgeknöpft aus dem französischen Sprachraum. Von ihm kommt dieser Gedanke des Todes des Autors. Er geht davon aus, dass Texte objektiv gar keinen Sinn vermitteln wollen und auch nicht verstanden werden möchten. Interessant ist, dass er selber den Anspruch erhebt, die Wahrheit herausgefunden zu haben. Er setzt voraus, dass man ihn verstehen kann und dass man dann, wenn man ihn versteht, auch der Wahrheit ein Stück nähergekommen ist. Es ist nicht so. Gott hat dafür gesorgt, in seiner Gnade, in seiner Geduld, dass wir einander verstehen können, wenn wir das wollen, mit Gottes Hilfe, und dass wir den Bibeltext verstehen können. Gott hat dafür gesorgt, dass die Bibel nicht nur Einzelkompositionen enthält, sondern dass sie ein stimmiges Gesamtwerk ist. Paulus schreibt zum Beispiel, dass uns zur Belehrung geschrieben ist, was wir in der Schrift vorfinden. Er sah eine Kontinuität zwischen dem, was dem Volk Israel widerfahren ist, und dem, was dem universalen Gottesvolk widerfährt.
Mein letzter Punkt: Methode und Geist. Die modernen und spätmodernen Bibelwissenschaften haben sich minutiös mit der Geschichte, mit dem Bibeltext, mit verschiedenen Methoden und mit den auslegenden Personen auseinandergesetzt, und sie haben gesagt, dass es auf die Methode ankommt, um den Bibeltext verstehen zu können. Wir brauchen die richtigen Methoden, um herauszufinden, was Gott wirklich meint. Sie sind damit dramatisch gescheitert. Ich glaube, die Tatsache, dass gerade in Europa die Kirchen leer sind, hat etwas damit zu tun, dass wir der Bibel nicht mehr vertrauen, dass wir die Bibelkritik so ernst genommen haben, dass wir den Leuten nichts mehr zu sagen haben, so wie das Barwing am Anfang gesagt hat.
Nun haben wir das durchschaut, dass es nicht darauf ankommt, die richtige Methode anzuwenden. In den bekenntnistreuen Kreisen aber glaube ich, dass bei uns Frommen die Fixierung auf den Menschen und seine Methoden oft haften bleibt. Auch in bibeltreuen Kreisen kann der Umgang mit der Schrift menschenzentriert sein, anthropozentrisch, er ist also auf den Menschen ausgerichtet. Einfachstes Beispiel ist, wenn wir im Bibeltext lesen und sofort danach fragen: Was bringt mir das, was habe ich davon? Das ist ein Zeichen für Menschenzentriertheit. Wir lesen die Bibel zur Ehre Gottes. Wir wollen Gott loben im Schriftstudium, und bei aller legitimen Betonung der Menschlichkeit der Schrift sollten wir nicht übersehen, dass Gott uns selber anspricht, dass, so sagte das Calvin, Gott seinen heiligen Mund durch die Schrift öffnet und zu uns redet.
Ich will hier nicht sagen, dass wir den wörtlichen Textsinn überspringen können. Wenn ihr das meint, dann habt ihr mich wirklich falsch verstanden am heutigen Vormittag. Ich möchte dafür plädieren, dass unsere Methoden auf den Geist Gottes eingestellt sind, dass der Ausleger ein mit dem Heiligen Geist Beschenkter ist und dass er darum weiß, dass er vom Heiligen Geist auch in seiner Auslegungsarbeit abhängig ist. Die Schrift, so sagt es wieder ein Schweizer Bernhard Rothen, muss gehorsam unter der Leitung des Heiligen Geistes gelesen werden, damit sie heilsam wirken kann.
Und, ihr Lieben, ich habe nun auch zu Hause meine Kommentare stehen, und meine besten Predigten habe ich dann gehalten, wenn ich auf die Knie gegangen bin. Wenn ich in der Vorbereitung Gott bekannt habe, wie sehr ich abhängig davon bin, dass er mir hilft, durch seinen Geist diesen Text zu verstehen, und dass er mir auch hilft, durch seinen Geist den Text richtig zu vermitteln. Es ist kein Plädoyer für den Kampf gegen die Methoden, nein, das will ich damit nicht sagen, aber die Methoden müssen offen sein für das Wirken des Heiligen Geistes.
Damit sind wir am Ende unseres Streifzugs angelangt. Ich bin wirklich fast genau in der Zeit geblieben. Ich möchte einen letzten Gedanken noch mitgeben und noch einmal erinnern an die Geschichte vom Sündenfall, denn wenn wir uns heute mit der Bibelkritik beschäftigen, finden wir ähnliche Vorgänge wie genau in diesem Bericht. Die listige Schlange, die damals im Garten Eden erschienen ist und Adam und Eva in ein Gespräch verwickelt hat, zog das göttliche Wort in Zweifel. Luther hat das so wunderbar übersetzt, so trefflich: Sollte Gott gesagt haben? Und wenn ihr das Kapitel studiert, werdet ihr merken, dass die Schlange das Wort Gottes auf den Kopf stellt, sie dreht die Sachen um, die Gott gesagt hat. Sie will das Vertrauen auf den Anspruch und Zuspruch des Wortes Gottes brechen. Und wir sollten uns nicht auf das Gespräch mit der Schlange einlassen.
Wir sollten so mit der Schrift umgehen, wie Luther das mal empfohlen hat. Er sagte in seiner Auslegung zu Psalm 119: Wir sind klug beraten, wenn wir uns an den König David halten. Er plädiert dafür, die Schrift auszulegen mit Gebet, mit Schriftbetrachtung und in Anfechtung. Und als dankbar Betende, über der Schrift Meditierende und in Anfechtung Bewährte sind wir gut vorbereitet, wenn die Schlange anklopft und Misstrauen bei uns sehen möchte. Dann können wir hoffentlich getrost antworten: Gottes Wort ist rein und lauter, und ich als sein Diener habe es lieb. Psalm 119,140.
So viel. Jetzt haben wir noch ein paar Minuten Zeit, um Fragen zu stellen. Ich habe gedacht, wir machen um viertel nach Schluss, also haben wir gut zehn Minuten Zeit. Wer hat Fragen zum Thema?
Ja, also die Erfahrung teile ich. Ich habe gute Freunde, die bei Sigrid Zimmer dann in die Seminare, in die Vorträge fahren und erst mal unter dem Eindruck seiner Präsenz stehen. Man muss sich vorstellen, der Mann ist fast blind und er hält dann Vorträge von über einer Stunde ohne irgendein Skript, und die sind sehr fesselnd, sehr emotional. Aber das sagt natürlich überhaupt nichts über Ihren Inhalt aus. Und ich habe gemerkt, dass es nicht hilft, zu schweigen. Es gibt natürlich die sogenannten Jünger, also das sind die Leute, die finden das alles ganz super, und die sind eigentlich schon verloren. Es ist zu spät. Und ich merke, dass viele Gemeinden geglaubt haben, sie müssten dazu nicht irgendwann mal Stellung nehmen und die Dinge aufarbeiten. Und dann hat man vielleicht die besten Mitarbeiter in der Jugendarbeit irgendwann mal verloren, weil sie regelmäßig zu Siegfried Zimmer gefahren sind.
Meine Empfehlung ist, sich rechtzeitig mit den Leuten, die jetzt verunsichert sind, zusammenzusetzen und mal wirklich zu gucken, was lehrt er da eigentlich, dass man also nicht verbietet, darüber nachzudenken, was er sagt, sondern dass man sich in einer Atmosphäre der Offenheit, der Zuwendung mit den Leuten zusammensetzt und auch mal signalisiert, dass dieser Siegfried Zimmer zum Beispiel sehr, sehr gute Fragen stellt. Aber das heißt nicht, dass die Antworten auch gut sind. Dass man wirklich sagt: Wie kann man das beantworten? Ich habe das in diesem Buchbeitrag ausführlicher gemacht. Es gibt da eine Reihe von offensichtlichen Defiziten in der Theologie von Siegfried Zimmer, und die kann man recht gut herausarbeiten. Und dann sollte man natürlich mit den Leuten, die da jetzt in der Gefahr stehen, wegzuschweben, auch beten, dass Gott sie da vor Schlimmeren bewahrt. Aber das heißt eben auch hart arbeiten und mal schauen, wo liegen die Defizite in der Theologie von Siegfried Zimmer. Ich bin sehr traurig, dass man da zu lange gewartet hat.
Es gibt einige Aufsätze von Armin Baum von der Freien Theologischen Akademie zu Siegfried Zimmer, es gibt noch ein paar andere gute Sachen, zum Beispiel Siegfried Zimmers Auslegung der Schöpfungsgeschichte und der Sintflutgeschichte. Das wurde von Reinhard Junker von Wort und Wissen sehr gut erarbeitet, und da merkt man dann, wenn er dann sagt, die orientalische Literatur sagt das und das, das behauptet er einfach. Er nennt ja kaum Quellen, auch in seinem Buch, in seinem wichtigsten Buch Bibelwissenschaft nennt er kaum Quellen, und er setzt einfach voraus. Er sagt dann, in der orientalischen Wissenschaft ist das so und so und so und so und so und so und so. Dann empfehle ich euch, einfach mal zu einem Orientalisten zu gehen und zu fragen: Siehst du das auch so? Dann gibt es auf einmal fünf, die das so sehen, und zwanzig, die das anders sehen oder so. Da muss man dann hart arbeiten, aber das lohnt sich. Also mit guten Argumenten und mit Gebet etwas dagegen tun oder daran arbeiten, das Verschweigen hilft nicht.
Na ja, das ist für mich überhaupt nicht überraschend. Also, ich bin selber ursprünglich Pietist, ich bin im Pietismus zum Glauben gekommen, war erst Marxist. Ich bin ja in der ehemaligen DDR geboren, in dem wunderschönen Elbsandsteingebirge aufgewachsen, dann ist mein Vater geflüchtet, und dann bin ich sozusagen Christ geworden im EC, Jugendbund für entschiedenes Christentum. Das war pietistisch, Gemeinschaftsbewegung, ich kenne die sehr gut. Wenn man sich die Geschichte des Pietismus anschaut, gab es relativ früh eine entscheidende Fehlentwicklung, dass man den Verstand von der Frömmigkeit abgetrennt hat. Die großen Pietisten wie Martin Kähler waren im Kern bibelkritisch. Martin Kähler war ein großer Theologe, er hat wirklich gute apologetische Bücher geschrieben, aber es war möglich, ein wunderbarer, guter pietistischer Prediger zu sein und gleichzeitig bibelkritisch zu arbeiten.
In England und auch in Nordamerika war das nicht so. Da hat man versucht, das zusammenzukriegen, und das sind eben die starken Traditionen von Oxford und Cambridge. Da ist eine ganz andere Situation, das heißt, da war mehr Substanz da. Und da hat man diese Fragen, die heute uns so viele Probleme aufwerfen, nicht einfach verdrängt, indem man gesagt hat: Du musst mehr beten, geh mal in deinen Gottesdienst. Die Antworten waren ja oft moralisierend im Pietismus: Fahr zur Bibelstunde, geh in die Bibelstunde. Ich habe wie viele pietistische Prediger getroffen in meinem inzwischen ja nicht mehr so kurzen Leben, die daran zerbrochen sind, dass sie auf der einen Seite das Evangelium verkündigen müssen und auf der anderen Seite so viele ungeklärte Fragen in ihrem Herzen tragen.
Der große Vorteil der reformierten Tradition war eben, dass man das zusammenbekommt, dass der Verstand zum Herzen dazugehört, dass er nicht irgendwie weggeschoben werden soll, sondern dass er durchdrungen werden soll vom Heiligen Geist durch das Wort Gottes. Und deshalb haben wir in England und Nordamerika eine ganz substanziell andere Widerstandskraft gegen diese Strömungen. Wir werden in Deutschland das Problem nicht gelöst bekommen, auch das aktuelle Problem nicht, indem wir jetzt sagen, wir konzentrieren uns auf Mission und auf Gemeindebau, auf die praktischen Fragen, wir müssen jetzt die Leute erreichen, wenn wir nicht im Kern die hermeneutisch-theologischen Probleme angehen. Das muss passieren, damit es zu einer wirklichen Erneuerung kommt, und dann haben wir auch wieder Leute auf den Kanzeln, die das wirklich glauben, was sie verkündigen.
Und das ist so wichtig. Ich kenne etliche Prediger. Einige haben vielleicht mitbekommen: Das Buch von Thorsten Hebel, der für ProChrist unterwegs war und evangelisiert hat, hat er jetzt ein Buch geschrieben, dass er seinen Glauben verloren hat und dass er ganz viele Leiterpersönlichkeiten kennt, die eigentlich das Spiel nur noch mitspielen, weil sie finanziell abhängig sind, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen, auch Leute aus der Lobpreisszene übrigens, die im Prinzip in sich gar keinen Glauben mehr tragen. Und da ist etwas dran. Ich kenne den Thorsten gut, ich habe mit seiner ersten Frau zusammen ein Jahr studiert und kenne ihn auch gut. Ich habe kein Verständnis für das, was da in den letzten Jahren von ihm verwendet wurde, aber ich kann das, was er an dieser Stelle sagt, nachvollziehen. Es wurden Zweifel zu lange verdrängt, und sie müssen beantwortet werden, damit wir robuster, solider, wieder auf die Kanzeln steigen und wirklich überzeugt sind von dem, was wir verkündigen. Da müssen wir ansetzen.
Und das heißt, wir müssen auch gucken: Das geht nicht ohne die Ausbildungsstätten. Und wenn wir die Bibelkritik des dritten Weges an den bekenntnisorientierten Ausbildungsstätten haben, dann züchten wir uns, entschuldigt mir das bösartige Wort, dann züchten wir uns Verkündiger heran, die nicht überzeugt sind von dem, was sie verkündigen sollen. Die sind selber dann unglücklich, und wie soll die Gemeinde da wachsen und froh werden und Freude finden am Evangelium?
Natürlich, die Bücher sind dann ja auch verbreitet worden, über so Zeitschriften wie Aufatmen usw. Man erhofft sich eine geistliche Inspiration und liest dann Anselm Grün, und Anselm Grün, für ihn ist eben auch das Christentum nur eine Form der göttlichen Wahrheit. Und damit wird man dann geöffnet für andere Strömungen und Bewegungen, und das macht natürlich dann anfällig für die Akzeptanz von falschen Lehren, ganz klar. Also, das bedaure ich auch sehr.
Jakobusbrief, Stroh in der Epistel. Ja, genau, genau. Da empfehle ich die, ich weiß nicht, ist es die Doktorarbeit oder die Habilitation von dem FTHler Buchholz, Buchholz heißt er doch, ne? Armin, ne, nicht Armin Baum, sondern Buchholz, Armin Buchholz. Der ist ja vor ein paar Jahren verstorben. Der hat sich genau damit auseinandergesetzt. Es ist ein sehr empfehlenswertes Buch, unglaublich viel Quellenmaterial verarbeitet. Das Buch wird auch genannt in dem Skript, das kannst du dir als PDF herunterladen, da findest du eine Empfehlung zu diesem Buch. Da wird genau dieses Thema aufgearbeitet.
Ja, also gut, ganz ehrlich, den Topf N. T. Wright möchte ich jetzt nicht aufmachen, weil N. T. Wright schreibt ein Buch und dann das erste Buch erklärt und dann 2000 Seiten, die die ersten zwei Bücher erklären. Der Mann ist so fleißig, hat so viel geschrieben, das ist jetzt ein Riesenthema. Er ist natürlich nicht in dem Sinn bibeltreu, wie ich das jetzt hoffentlich stimulieren kann, aber ich glaube, dass er zum Beispiel zur Auferstehung Gutes geleistet hat. Er kommt übrigens aus dem Umfeld von John Stott und hat da auch ein gewisses solides Fundament. Die neue Paulusperspektive und auch seine Evangelienlesung ist kritisch, und ich sehe das auch sehr kritisch. Aber natürlich werden die Bücher von N. T. Wright an den Universitäten wieder gelesen. Und das sehe ich durchaus positiv.
Es gibt auch noch eine andere Schule, das ist die Hengel-Schule aus Tübingen, wo es viele Hengel-Schüler gibt. Martin Hengel ist ja ein wirklich unglaublich genialer Theologe gewesen, der in Tübingen auch sehr viel bewegt hat in Richtung Urvertrauen, Grundvertrauen, Vertrauensvorschuss gegenüber den Bibeltexten. Rainer Riesner schätze ich sehr, und viele andere, die aus dieser Schule kommen. Da kann man auch sehr viel davon profitieren. Ich würde dazu Mut machen, es so zu sehen, auch dass Sie auf dem richtigen Weg sind, und das würde ich auch positiv sehen. Aber wir müssen weitergehen, weil auch dort wir können profitieren von Ihren Büchern und Arbeiten, zweifelsohne, aber es wird die Erschütterungen nicht überstehen. Also, ich glaube, wir müssen noch gründlicher arbeiten. Aber ich würde das damit überhaupt nicht verwerfen wollen.
Ja, das ist eben sicher ein sehr komplexes Thema. Also, ich glaube, das ist für die Begründung zum Beispiel der Menschenrechte einerseits die christliche Tradition gibt, die Würde des Menschen unantastbar usw. Da spricht auch ganz viel Christentum mit, aber es gibt eben auch eine andere Strömung, eine andere Bewegung, die viel stärker ist heutzutage, die sagt: Menschenrechte sind rein von Menschen gemacht, das sind Verträge, die wir erstellt haben, und die sind momentan gültig und die sind offen für Revisionen. Wenn wir uns einigen, wenn wir am Verhandlungstisch eben irgendwann mal zu der Einsicht kommen, dass es ein Menschenrecht auf Abtreibung geben muss, dann wird das irgendwann auch mal ein Menschenrecht. Und da sehe ich das Problem auch: Nur über Betonung der Menschenrechte, wenn die Offenbarung untergeordnet wird, woher nehmen wir uns dann die Autorität, das, was als Menschenrecht gilt, zu kritisieren? Also, das ist ein komplexes Thema, glaube ich, auch im Blick auf Religionsfreiheit und so sehr komplex.
Siegen Sie viele Lieder, nicht einen Psalm. Ja, okay, also da haben Sie mich ganz auf Ihrer Seite, da brauchen wir gar nicht drüber zu streiten. Nein, einfach streiten wohl, und genau. Es war eine kritische Anmerkung zum Gesang auf der Konferenz, dass wir keine Psalmen singen und dass die Psalmen die Hausapotheke sind. Da rennen Sie bei mir offene Türen ein. Also ich bin auch ein großer Liebhaber der Psalmen, und desto älter ich werde, umso wichtiger werden sie mir. Genau, Psalm 1.
Gut, wenn noch irgendwelche Fragen sind, man kann mich auch hier noch privat ansprechen, also irgendwie auf der Konferenz, Literaturempfehlungen oder sowas. Vielen Dank, ich will noch ein ganz kurzes Gebet sprechen.
Vater im Himmel, wir danken dir für dein Wort, es ist so kostbar und wunderbar. Schenke doch, dass durch diese Konferenz unsere Liebe zu deinem Wort erneuert, erweckt wird und dass wir verstehen, wie gnädig du bist, dass du überhaupt zu uns redest. Danke dafür. Amen.