Generierte Mitschrift
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Einleitung: Die Erfahrung der Angst im Glaubensleben
In großer Angst des Herzens – so ist unsere heutige Einheit überschrieben, verehrte, liebe Schwestern und Brüder.
Ich bin neulich wieder darauf gestoßen, dass auf der ersten Umschlagseite meiner Bibel eingetragen ist: Am 15. Januar 2004, in großer Not meiner Seele: Herr, sei mir Sünder gnädig. Und zwei Tage später: Du hast es gewirkt, danke, lieber Herr. Ich weiß gar nicht mehr, was die Not meines Herzens damals war. Aber es ist tröstlich, dass die Bibel, in besonderer Weise die Psalmen, davon redet, dass wir in große Ängste hineinkommen können, auch als Menschen, die mit dem lebendigen Gott und mit seinem Sohn Jesus leben wollen.
Wir haben ja manchmal so ein untergründiges Gefühl, man gehöre zu den Kleingläubigen, wenn man Angst hat. Die Geschichte vom Seesturm, wieder nachts, als die Wogen über das kleine Schifflein, über die Nussschale, hergebrochen sind: Die erfahrenen Fischer vom See Genezareth, Petrus und Andreas und Johannes, haben geschrien vor Furcht: Herr, wir kommen um! Und Jesus hat still und sicher geschlafen, wie ein Kind im Schoß der Mutter. Wie die Seele still und ruhig geworden ist, wie ein Kind bei seiner Mutter – das ist ja die Generalüberschrift über unsere Bibelarbeiten.
Und als sie Jesus weckten: Herr, hilf uns, wir kommen um!, da hat er gesagt: Oh, ihr dumme Kerle, schwäbisch gesagt, ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Das haben wir im Hinterkopf, wenn die Ängste uns überfallen. Und es kommt zugleich die Anfechtung: Habe ich denn kein Zutrauen mehr zu Gott?
Da bin ich froh, dass die Psalmen eigentlich in jedem zweiten Psalm davon reden, dass es Ängste gibt. Wir haben ja in diesen Tagen die Psalmen zum Thema, gleich Psalm 4 steht drin: „Herr, erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst!“ Psalm 6, Vers 4: „Meine Seele ist sehr erschrocken; doch du, Herr, hörst mein Weinen.“
Achten Sie einmal darauf, wie oft in den Psalmen von den Ängsten die Rede ist. Ängste gehören zum Leben.
Alltägliche und verborgene Formen der Furcht
Vor gestern Nacht bin ich irgendwann um halb drei aufgewacht, nach einem komischen Traum. Ich bin vor der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland angeklagt worden, und Bischof Kruse hat es geschafft, das Chefbuch vorzulegen: Jetzt haben wir sie ertappt, jetzt ist eindeutig, sie haben gelogen. Und im Traum hatte ich wirklich gelogen.
Was muss das für eine Angst sein, die in uns steckt, dass wir zu schnell die Unwahrheit sagen, dass sie über unsere Lippen geht und dass wir dabei ertappt werden? Das ist gar nicht passiert. Es war eine rein erfundene, im Traum dargestellte Geschichte.
Vor einem halben Jahr bin ich aufgewacht. Da hat eine Tante zu mir gesagt, die alte Tante Elise: Rolf, jetzt ist es endlich Zeit, dass du endlich einmal eine Frau findest. Ich war verzweifelt, wo ich eine Frau finden soll, und bin glücklich aufgewacht, dass da neben mir meine Frau lag. Was sind das für komische Ängste, die uns bis ins Unterbewusstsein umtreiben?
Ach, wie habe ich Angst gehabt vor jeder Mathematikklassenarbeit. Mehr als Soldaten im Krieg Angst haben können. Ängste erster Fliegerangriff, Februar 43 auf Stuttgart, unvorstellbare Ängste. Angst gehört zu unserem Leben.
Ich war oft in Ulm als junger Vikar, und dann hatte ich meine erste Pfarrstelle am Ulmer Münster. Ich habe viele Posaunenparke in Ulm vorbereiten dürfen. Und am Schluss meines Lebens kam diese etwas unglückliche Zeit als Prälat in Ulm. Ich war immer wieder gebeten worden: Könnten Sie nicht mit uns auf den Münsterturm steigen, auf den höchsten Kirchturm der Welt? Da gibt es keinen Aufzug. Und ich bin so schwindelig, die Angst vor den Abgründen. Angst gehört zu unserem Leben.
Ängste genieren.
Biblische Zeugnisse von Angst und Bedrängnis
Der Jesus hat offen von Ängsten gesprochen, von unserer Mutter, bevor sie uns geboren hat, im Johannesevangelium. Eine Frau, wenn sie ein Kind erwartet, hat Angst vor den Schmerzen. Aber wenn das Kind geboren ist, gedenkt sie nicht mehr der Angst. Vor Freude, dass das Kind geboren ist, vor Freude, als sie auf der Welt da waren, da war die Angst vor den Wehen weg. So hat Jesus die Ängste von Müttern gekannt.
Markus 13: Ihr werdet hören von Kriegen, Kriegsgeschrei, von teuren Zeiten, Inflationen. Ich weiß noch, als die Brezel vier Pfennig gekostet hat, nicht vier Cent, vier Pfennig, und heute kostet sie 65 Cent. Das ist Teuerung. Und es wird noch besser kommen, nicht? Wenn ihr das hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei in Ägypten und in Libyen und von Atomprogrammen im Iran: So fürchtet euch nicht, sagt Jesus, fürchtet euch nicht. Das ist der erste Anfang der Wehen, Geburtswehen der neuen Welt. Wieder kommt der Ausdruck von den Wehen, vor denen man Angst haben kann.
Auch Lukas 24: Den Menschen wird bange sein vor dem Toben des Meeres, Fukushima, Tsunami, Abschmelzung des Eises am Nordpol. Das Meer wird, die Nordsee wird um eineinhalb Meter ansteigen, Hamburg wird unter Wasser liegen. Denn unsere täglichen Nachrichten sind voll von dem, was Jesus gesagt hat. Wir können uns doch gar nicht vorstellen, was alles noch auf uns einbrechen wird. Ängste gehören zum normalen Leben.
Und jetzt denken Sie auch daran, wie viel die großen Zeugen Gottes Angst hatten. Jakob hatte Angst. Er hat gebebt vor Angst: Wie kann ich meinem Bruder Esau wieder begegnen? Der von Gott gesegnete Jakob, der hätte ja sagen können: Gott war mit mir und hat mich gesegnet mit zwei Frauen und Söhnen und Kindern und Hirten. Ach, jetzt wird das auch noch klar. Wie schaffe ich es, dass ich dem Esau begegnen kann?
Der fromme König hieß Hiskia. Als er in der Krankheit war, war er wie eine Taube, wie ein Löwe. Zerbrichst du mir alle meine Gebeine. Jesaja 38 ist dieses Gebet, das Hiskia berichtet: Mein Geist ist in Ängsten. Eine schwere Krankheit, wenn man merkt, die Ärzte schauen besorgt, die Angehörigen weinen, dann kann die Angst auch unsere Seele umkrallen, wie bei den großen Zeugen Gottes auch.
Als Jona in der Angst im Sturm war, die Seeleute haben geschrien vor Angst, aber Jona war in seiner Kabine und hat geschlafen. Aber als er dann im Rachen dieses Fisches, den Gott geschaffen hat, war: In der Angst rief ich den Herrn an. Gehen Sie mal dieser Spur nach, wie oft in der Bibel von der Angst die Rede ist, die Brüder des Joseph, als sie gemerkt haben, sie könnten da in Ägypten auf der Suche nach Getreide ertappt werden. Da heißt es in der Bibel: Das haben wir an unserem Bruder verschuldet, wir sahen die Angst seiner Seele und haben uns nicht über ihn erbarmt, wie der kleine Joseph in die Grube geworfen war und dann verkauft worden war nach Ägypten als Sklave. Angst.
Der Psalm als Spiegel des eigenen Gewissens
Aber nun wollen wir auf den Psalm 25 schauen, und ich darf Sie bitten, den Psalm 25 aufzuschlagen. Wir wollen einen Vers herausgreifen. Psalm 25, ich lese die Verse 16 bis 18:
Psalm 25,16-18Wende dich zu mir und sei mir gnädig, denn ich bin einsam und elend. Jeder Kranke, jeder Schwerkranke kommt sich unvorstellbar einsam vor, wenn er auf der Intensivstation liegt. Es ist nicht bloß die Einsamkeit von Angehörigenferne, sondern eine gar nicht zu beschreibende Einsamkeit: Ich bin einsam und elend. Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten, sieh an meinen Jammer und mein Elend und vergib mir alle meine Sünden.
Der junge David hat oft gebetet: Sieh an meine unschuldigen Hände, wie ich in Reinheit vor dir gewandelt habe, du kannst mich doch nicht hängen lassen, vergib mir meine Sünden. Das war die tiefste Not, dass plötzlich das aufgewacht ist: Wenn Gott mich auf die Seite stellt, hat er alles Recht dazu, dass er mich vergisst. Wie oft habe ich ihm den Rücken zugekehrt! Er hat darauf gewartet, dass ich mit ihm rede, im Gebet. Und ich habe von morgens an gesagt: Zuerst lese ich mal die Zeitung, und dann: Frau, wo ist der Einkaufszettel? Ich gehe los, bevor es im Lidl zu viele Leute hat. Und das geht bis abends, und ich merke: Ich habe Gott den Rücken zugekehrt. Er hat alles Recht darauf zu sagen: Dann kehre ich dir auch den Rücken zu. Vergib mir alle meine Sünden.
Der Psalm ist überschrieben von David. Die großen, klugen Forscher sagen, das ist sicher nicht von David, so viel hat er gar nicht gedichtet. Ach, was natürlich ist das: der David, der große Sangesmeister in Israel! Und an so und so vielen Psalmen werden sie durchscheinend für das, was uns von David berichtet ist. Also zuerst einmal über die Nöte und Ängste des Königs David.
Schuld, Verharmlosung und die Not der Wahrheit
Ganz empört ist vor zwei Jahren etwa ein älteres Gemeindeglied in unserem heimatlichen Korntal auf mich zugeschossen, eine frühere Religionslehrerin. Er hat gesagt: Sagen Sie mir mit puderrotem Gesicht, hat sie mich angeschrien: Sagen Sie mir, wozu überhaupt die Geschichten, die furchtbaren Geschichten des David in der Bibel stehen, Ehebruchsgeschichten und wie viele Feinde er totgeschlagen hat und wie er die Philisterkönige angelogen hat, mit frecher Stille. Warum steht denn das in der Bibel?
Ich habe gesagt, ich will mir das überlegen. Es ist immer gut, wenn wir solche Fragen bekommen, wenn wir nicht wie aus der Pistole geschossen antworten. Sonst sind wir auch empört, und meist ist die Antwort dann auch nicht überlegt. Und man kann einen Menschen nicht mehr ehren, als wenn man auch nach zwei, drei Tagen auf ihn zugeht und sagt: Sie haben mir eine interessante Frage gestellt, ich habe sie mit mir gehen lassen.
Ich habe gesagt: Die Geschichten von David, auch diese Geschichten seiner Unehrlichkeit, wie die Gier nach ihm gegriffen hat, der Hass. Stellen Sie sich vor: der David, der, als er zurückkam nach dem Tod von Absalom und der Schimi, der ihn geschmäht hatte, hat gesagt: Vergib mir. Und David hat gesagt: Gut, soll vergeben sein. Sein Gefährte Joab hat gesagt: Soll ich ihn zu Tode stoßen? David hat gesagt: Nein, heute ist ein Tag guter Botschaft. Nein, ich lasse Gnade vor Recht ergehen.
Aber bevor er gestorben ist, in letzter Schwachheit, hat er gesagt: Zahlt’s auch dem Schimi heim. Noch auf dem Totenbett kann der Hass uns packen. Wo wir vorher gesagt haben: Ich habe alles vergeben, steht in der Bibel von David. Warum? Damit wir wissen, dass etwas nicht stimmt. Das, was im Psalm 32 von David steht: Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, wohl dem, heil dem, gesegnet der, dem die Sünde bedeckt ist. Denn als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine. Das geht bis ins Körperliche hinein.
Die Sünde, wenn ich merke, die Sünde ist stärker als all mein gutes Vorhaben, mein Wollen. Ich wollte durch Gott gehören. Deine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir, dass mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürren wird.
Darum stehen die Geschichten von David drin, dass keiner von uns meint: Wenn alle so wären wie ich, dann könnte Gott die helle Freude über Christenheit haben. Gott sei Dank, wenn die Sünde mich gepackt hat. Wohl dem, wohl dem, dem die Sünde vergeben ist. Deshalb stehen die Geschichten, auch die Psalmen von David, in der Bibel.
Dem David ist aufgegangen: Herr, führe mich aus all meinen Sünden. Psalm 25. Vergib mir meine Sünden, vergib mir alle meine Sünden. Dass da eine unbereinigte Geschichte ist. Wir sind so konstruiert, jedenfalls ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, dass sich das Gewissen meldet, dass wir das sehr schnell neutralisieren. So schlimm war es doch gar nicht. Das Wort ist mir herausgerutscht. Ich bin doch Friedensmensch. Ich wollte doch keinen Unfrieden stiften. Es war auch eine ungünstige Situation. Die anderen haben so viel Spannung hereingebracht, da habe ich mich anstecken lassen.
Neutralisierung, dass wir so schlecht sagen können: Herr, vergib mir, was ich falsch gemacht habe. Die anderen haben es ja auch so merkwürdig benommen. Verglichen mit dem, was in der Welt an Unrecht geschieht, ist das ja ein Peanuts, lächerlich. Wohl dem, dem die Sünde bedeckt ist. Da ich es wollte verschweigen, neutralisieren, verharmlosen, da verschmachteten meine Gebeine. Das geht bis ins Körperliche hinein.
Lassen Sie sich vom Doktor Meier-Gerber erzählen, wie viel unsere körperlichen Leiden davon bestimmt sind, dass irgendwo die Seele dauernd Alarm sagt: Da ist was nicht in Ordnung. Und wir sagen: Nein, lass weg. Das geht nicht bloß auf die Galle, das geht in unseren ganzen Körper hinein.
Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, auch Psalm David. Gott will nicht Brandopfer, sondern Gott hat Freude daran, wenn ein Mensch sich aufdecken lässt: Oh Herr, das ist falsch gelaufen vor dir und vor Menschen.
Das aufgedeckte Herz und die befreiende Vergebung
Wir haben ja vor wenigen Tagen den Bus und Betag begehen dürfen. Ich war in Korntal gebeten, dass ich dem Abendmahlsgottesdienst die Predigt halte. Es war dran Matthäus 12: Ein guter Baum bringt gute Früchte, ein schlechter Baum bringt bloß schlechte Früchte.
Ihr Schlangenbrot, sagt Herr Jesus, ihr macht es ja wie die Schlange im Paradies. Sie sagt: Ich spreche für Gott, was ich will, ist ja bloß gut, keine Sorge. Und hat den Willen Gottes auf den Kopf gestellt. Jesus sagt: Ihr Schlangenbrot, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr Böses seid? Aus dem bösen Schatz des Herzens kommen die bösen Worte.
Das durfte ich auslegen, und dann hat mir Gott das Gewissen geweckt: Wie viel unnütze Worte, wie viel ungute Worte, wie viel unüberlegte Worte, wie viele unfromme Worte sind über meine Lippen gegangen. Mir ist aufgedeckt worden, dass ich in der engsten Familie gegen Gottes klares Gebot verstoßen habe: Du sollst kein Falschzeugnis reden wider deinen Nächsten. Das war wirklich die Allernächsten. Ich habe etwas Verlogenes weitergegeben von ihnen. Habe ich vorher wunderbar gelebt damit. Mit einem Mal hat es Gott aufgedeckt.
Und ich bin froh gewesen, dass ich an dem Abend das auslegen durfte unter der Überschrift, dass Jesus sagt: Alle Sünde wird dem Menschen vergeben, ausgenommen die Sünde gegen den Heiligen Geist. Das treibt viele Menschen um. Aber alle Sünden, selbst wenn du deinen eigenen Bruder angelogen und schlecht gemacht hast. Was für eine Erleichterung, wenn uns das Gewissen geweckt wird, dass wir sagen können: Die Angst meines Herzens ist groß.
Dann muss ich nicht bloß davon träumen, dass der Bischof Kruse sagt: Sie haben die Synode angelogen. Sondern dann werden die Wirklichkeiten aufgedeckt, wo ich gegen Gottes heiliges Gebot verstoßen habe, Herr. „Wirf mich doch nicht weg!“ Ein großes Wort von David steht in Psalm 70: „Du lässt mich erfahren viele und große Angst.“ Gott, der möchte mich ja nicht klein machen, sondern der Gott, der meine Sünde bedecken will, will mir das Gewissen wecken.
„Du lässt mich erfahren viele, vielgestaltige, vielfältige und große Angst“, damit ich mich zu ihm hinflüchten kann, der mich rettet.
Trost durch Zeugnisse, Lieder und gelebten Glauben
Der Schriftsteller und Dichter Jochen Klepper hat uns nicht bloß viele großartige Lieder geschenkt, sondern auch ein kleines Büchlein. Er ist im preußischen Staatsarchiv auf einen Briefwechsel gestoßen, den Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf mit dem großen Soldatenkönig, dem großen Friedrich Wilhelm, geführt hat, dem Vater vom alten Fritz.
Der wollte ein Christ sein, dieser karge König, der Preußen zur Macht geführt hat, und hat einen interessanten Briefwechsel mit dem frommen Reichsgrafen Zinzendorf geführt. Er hat geschrieben: Ich möchte Jesus Christus gehören, aber ein Kopfhänger will ich nicht sein.
Zinzendorf schrieb zurück: Keine Sorge, ich möchte auch kein Kopfhänger sein. Aber es gibt Stunden und Tage, da auch Könige gebückt gehen müssen und den Kopf hängen lassen müssen. Und er hat zitiert im Psalm: Die Sünden gehen über mein Haupt. Das sind die Stunden, da auch Könige den Kopf hängen lassen müssen.
Aber dann hat er Zinzendorf das Lied dazu gedichtet: Die Christen gehen von Ort zu Ort durch mannigfachen Jammer, auch durch die Ängste, wenn Gott Sünden aufdeckt. Herr, führe mich aus meinen Nöten. Wir dürfen unseren Gott bitten, dass er uns durch sein Vergeben, durch seinen Zuspruch auch aus den Ängsten herausführt.
Wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, Paul Gerhardt, wenn mir am allerbängsten unvorstellbar bangen wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten Kraft deiner Angst und Pein.
Ich lese gerade den dicken Wälzer der Briefe, die geschrieben sind von Helmut James Graf von Moltke, als er in Tegel in der Todeszelle war. Er war wegen des zwanzigsten Juli vierundvierzig angeklagt und hat seiner Frau Freya Gräfin Moltke täglich Briefe schreiben können. Der Gefängnisseelsorger hat die Briefe herüber und hinüber in seinem Wintermantel durchgeschmuggelt, und Gräfin von Moltke hat in Kreisau im Bienenstock die Briefe bis zur Flucht aufbewahrt und hat aber gesagt: Vor meinem Tod dürfen die nicht veröffentlicht werden.
Da sie aber 101 Jahre alt wurde, hat das ein bisschen lang gedauert, aber jetzt kam das heraus. Ich empfehle Ihnen als Weihnachtsgeschenk nicht meine Bücher, aber Helmut James Graf von Moltke und Freya von Moltke: Letzte Briefe aus Tegel.
Und als das Buch vorgestellt wurde, vor wenigen Mondmonaten im Literaturarchiv in Marbach, war der Sohn Graf von Moltke da und hat gesagt: Meine Eltern hatten eigentlich mit dem christlichen Glauben überhaupt nichts am Hut. Die waren keine Kirchgänger, haben nicht Bibel gelesen, es gab kein Tischgebet bei uns, aber sie haben angesichts des Todes, der Hinrichtung, eine Erweckung erlebt.
Es war das wichtigste Wort von Helmut James Graf von Moltke: Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum, ob wir leben oder sterben, gehören wir dem Herrn.
So bewegend zu lesen, wie das wahr wird, so reißt mich aus den Ängsten auch vor der grausamen Hinrichtung, dass man aufgeknüpft wird als Graf Moltke. Reiß mich aus den Ängsten, Kraft deiner Angst und Pein.
Aber es ist mein zweiter Teil. Ich wollte etwas von David sagen und ein Licht hinüberwerfen, auch zu unseren Ängsten, wie die Angst unseres Herzens groß sein kann, wenn wir im Gewissen aufgedeckt bekommen, dass unser Herr eigentlich von uns weggehen könnte.
Herr, führe mich aus den Ängsten!
Christus als Erfüllung der alttestamentlichen Hoffnung
Aber es ist ja dieses Wort eines der großen Bibelworte, die ihre Erfüllung bei Jesus gefunden haben. Und Jesus sprach: „O ihr Toren, ihr mit eurem trägen Herzen, dass ihr nicht glauben könnt dem, was von mir geschrieben ist, in Mose ...“
Hier werden Mose, die Propheten und die Psalmen genannt. Hier ist eines dieser vielen Worte, die eigentlich ihr Ja und Amen bekommen haben im Leiden von Jesus.
Lassen Sie mich einen Einschub machen. Ich habe meine Jugendzeit verbracht, in der Schule, im Jungvolk. Und hinterher wird uns erst bewusst, man wollte uns Jesus nehmen. Der Lehrer in der ersten Klasse 1937, ein begabter Pädagoge, hat gesagt: Wir feiern nicht Christfest, wir feiern auch nicht Weihnachten, wir feiern das Julfest, germanisch.
Und das erste Lied, das wir kleinen Buben gelernt haben, war: Hohe Nacht der klaren Sterne, die auf allen Bergen sind. Heute muss die Erde werden wie ein neugeborenes Kind. Da war auch das neugeborene Kind, aber die Erde musste neugeboren werden. Da waren die Sterne da. Und zwar war alles in der Begrifflichkeit verkehrt. Der Baumann hat es gedichtet, der auch gedichtet hat: Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg, wir werden weiter marschieren.
Religiöse Begriffe, aber man hat uns Jesus genommen. Wenn jemand aus der Kirche ausgetreten ist, war er nicht ungläubig, sondern gottgläubig. Das stand in unserem Stammbuch drin: Ggl. Über Gott kann man reden. Die Muslime haben auch Gott, die Hindus haben Gott, aber nicht Jesus.
Und nach 1945 wollten wir bewusst wieder als Christen anfangen. Jesu Name, nie verklingend, von Norwegen gekommen. Jesus Christus, König und Herr, sein ist das Reich, die Macht. Die hat uns Richard Lörcher gedichtet. Gilt kein anderer Namen jetzt und ewig an.
Weißt noch, der erste Posaunentag 1946 in Ulm, zerstört in Ulm? Eine Losung: Jesus Christus herrschte als König. Die anderen Machthaber sind weg. Heinemann hat beim Kirchentag in Essen gesagt: Eure Herren gehen, unser Herr kommt. Man wollte mit Jesus wieder anfangen.
Heute wird meinem Sohn gesagt, jungen Pfarrer, reden Sie doch nicht so viel von Jesus. Das ist so fundamentalistisch, das ist so bigott. Es ist vielleicht gut wegen der Russlanddeutschen, die wollen das hören, aber es genügt doch, wenn wir von Gott reden. Wir sind umgeben von einer Strömung, die gar nicht mehr wichtig ist.
Dass das ganze Wirken Gottes vorbereitet im Alten Testament in Israel zielt auf den Höhepunkt, dass Gott uns Jesus gibt, in dem erfüllt ist ...
Die Angst meines Herzens ist groß.
Das Leiden Jesu als Antwort auf die Angst des Menschen
Normalerweise hatte Jesus keine Angst. Beim Seesturm, als die erfahrenen Fischer, die Seeleute, schrien, schlief Jesus in Ruhe, wie ein Kind. Wie ein Kind bei seiner Mutter.
Und als man sagte: In der Uferstraße dort in Syrophönizien, da kannst du nicht entlanggehen, da ist ein Besessener. Da kam er schon mit blutunterlaufenen Augen, die Nippel in der Hand, die zerrissenen Ketten an den Händen, schlafend. Alle sind weggerannt, aber Jesus ist ihm entgegengetreten. Wie ein Vater, der seinem Sohn Brot geben will.
Noch nicht einmal, als die Häscher im Garten Gethsemane gekommen sind: Wen sucht ihr? Jesus von Nazareth. Ich bin’s! Und sie fielen um. So etwas haben die noch nie erlebt, dass jemand ohne Angst dem Kommando entgegentritt, das ihn gefangen nehmen will, ohne Angst.
Jesus hatte noch nicht einmal Angst vor der Entehrung, in den Händen der Heiden zu sein, vor dem Ausgepeitschtwerden, vor dem Angespienwerden. Den Frauen von Jerusalem hat es die Tränen in die Augen getrieben, aber Jesus hat gesagt: „Weint doch nicht über mich, weint über euch und eure Kinder!“
Klaglos hat er die unvorstellbaren Leiden der Kreuzigung auf sich genommen, in dem amerikanischen Spiritual, das die Farbigen bis heute gesungen haben: „They crucified my Lord, and he didn't say a mumbling word.“ Sie haben meinen Herrn gekreuzigt, er hat nicht einen Ton von sich gegeben. „He didn't say a mumbling word“ – nicht mal ein Wort gemurmelt.
Aber die Angst meines Herzens ist groß, Vater. Ist nicht möglich, dass dieser Kelch von mir geht, ich trinke ihn denn. Wie ist mir so bange, sagt der Herr Jesus, bis meine Leidenstaufe vollendet wird. Bange!
Wenn das wahr wird, was Jesaja 53 angekündigt wird, immer wieder: Er wurde belastet mit unserer Sünde. Er trug unsere Sünde, er schleppte unsere Sünde weg. Die Vokabeln, die in Jesaja 53 benutzt werden, sogar unsere wissenschaftlichen Forscher können gar nicht genug tun, um die Bilder aufzunehmen. Er hat sich hinuntergebeugt unter die Last unserer Sünde. Wahrlich, er trug unsere Krankheit, er schleppte weg wie ein Kuli.
Man kann es kaum mit ansehen, wenn Bilder von Indochina kommen, wie die Kulis mit ihren großen Ballen die armen Menschen das kaum tragen können. So hat Jesus alle Gemeinheit, alle Lüge der Welt auf sich genommen. Dafür gibt es gar keinen Vergleich in unserer Welt.
Ich verstehe ja, wenn Menschen sagen, es ist technisch unmöglich, dass die Sünde der Welt weggetragen wird. Das Wort Gottes sagt: Ihr könnt es euch vielleicht nicht vorstellen, aber es ist so geschehen. Ihm ist das auferlegt worden. Und dem Herrn Jesus war bange!
Vollendung im Kreuz und Trost für die Gegenwart
Dann heißt es in der Leidensgeschichte von Jesus: Als der Tag am höchsten war, am Karfreitag, da verlor die Sonne ihren Schein. Von zwölf Uhr mittags bis drei Uhr nachmittags, wenn sonst die Sonne am höchsten steht. Die Sonne bringt es an den Tag. Die Sonne, die so viel Unheil, Ungerechtigkeit und Gehässigkeit in unserer Welt mit ansehen muss. Es war, als hätte die Sonne ihre Augen geschlossen.
Und Jesus, der sonst zu seinem Vater Abba gesprochen hat: Abba, lieber Vater, Vater, ich weiß, dass du mich allezeit hörst, der spricht Eli, nicht mehr das vertraute Abba. Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Da hat Gott ihm den Rücken zugekehrt. Unvorstellbare Not. Die Angst meines Herzens ist groß, wie ist mir so bange.
Aber das Abendgebet des Herrn Jesus hat dann bezeugt, dass Gott auch aus diesen Nöten führen kann. Wenn die geballte Last auch meiner Sünde auf Jesus gelegt ist: Vater, aber ich befehle meinen Geist in deine Hände. Da, als er das gesagt hatte, verschied er. Da war Jesus aus den Nöten geführt, aus der Angst des Herzens.
Und verstehen Sie, warum Paul Gerhardt gedichtet hat: Wenn mir am allerbängsten wird um das Herz sein, wenn ich denke, Gott hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Er hat ja ein Recht dazu, ihm wird der Rücken zugekehrt, ich bin in seinen Augen der letzte Dreck. Nein, nein, letzter Dreck, den hat Gott diesem Jesus auferlegt, damit ich heimkommen kann, damit Jesus wahr machen kann: Mit mir kommt man zum Vater.
Wenn mir am allerbängsten um das Herz sein wird, durfte ich manche Sterbenden begleiten auf dem letzten Weg. Ein ehemaliger Jugendfreund, der in unserem Jugendkreis war, hat bloß noch geschrien: Nein, nein, nein. Das war nicht bloß Angst vor dem Sterben, sondern: Ich möchte nicht in den Abgrund, ich möchte nicht in die Gottesferne, ich möchte nicht all meine Angehörigen loslassen.
Und jetzt gerade in diesen Tagen eine schwer krebskranke Frau, die auch lange gemeint hat, sie bräuchte Gott nicht so. Ich bin geborgen bei ihm. Es geht mein Weg ins Sterben hinein mit ihm.
Wenn mir am allerbängsten wird um das Herz, reiß mich aus den Ängsten, Kraft deiner Angst und Pein. Weil das bei ihm wahr geworden ist: Ich bin einsam und elend, die Angst meines Herzens ist groß, führe mich aus meinen Nöten. All Sünd hat er getragen, sonst müssten wir verzagen.
Herr Jesus, hab vielen Dank, dass du das, was du durch den Vater David im Heiligen Geist bezeugt hast, was dir als vorgezeichneter Weg vorgezeichnet war, dass du das erfüllt hast. Und wir danken dir dafür, dass dein Wort so unvorstellbar reich ist, dass dein guter Heiliger Geist dein Wort uns auch erschließen kann, dass wir plötzlich ganz in die Tiefe hineinkommen, was dein Wort uns sagen will. Und dass uns nicht mehr bange sein muss vor der eigenen Schwachheit, und wenn das Gewissen aufwacht: Du hast dich mit unserer Schuld, mit unserer Gehässigkeit, mit unserer Faulheit so verbündet, dass du uns auch im Tod nicht mehr loslassen willst.
Herr, jetzt wollen wir dir ganz neu und bewusst gehören. Amen.

