Serie•Teil 1 / 2Das Sendschreiben an Ephesus
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Die Stadt am versandenden Hafen
Jetzt probieren wir es gut. Also: Der Hafen von Ephesus wurde immer mehr zum Problem. Jeder wusste, wie wichtig er für den Wirtschaftsstandort war. Seit Jahren kämpfte man dort in Ephesus gegen die Schlammmassen an, die es den Schiffen immer schwerer machten, vom Mittelmeer aus direkt in Ephesus vor Anker zu gehen. Das war das Problem.
Schuld daran war dieser Fluss Keistros, auch bekannt unter dem Namen Küçükmenderes. Denn dieser Fluss schwemmte Jahr für Jahr, Monat für Monat den Schlamm heran. Zwischen Stadt und Meer entwickelte sich so ein Sumpfgebiet voller Schlick. Das hieß für die großen Handelsschiffe: Die Zufahrt zum Hafen wurde immer mühsamer, und am Ende war sie überhaupt nicht mehr möglich.
Etwa zum gleichen Zeitpunkt, das ist jetzt interessant, als der Apostel Paulus unseren Epheserbrief schreibt, um 61/62 nach Christus, da gab der führende Verwaltungsbeamte der römischen Provinz dort, also der Prokonsul, ganz viel Geld aus, um in einer großen Aktion den Schlick aus dem Hafen herauszubekommen. Allein blieb das ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir entnehmen zusätzlich einer alten Inschrift, dass ein Industrieller aus Ephesus dann später noch einmal sehr viel Geld in die Hand nahm, etwa zwanzigtausend Denarien, um den Hafen erneut vom Schlamm befreien zu lassen. Da sehen Sie, wie wichtig das dort war.
Und trotzdem half alles nichts. Am Ende wird die Stadt etwa viereinhalb Kilometer vom Meer abgetrennt sein, und heute kann man nicht mehr erkennen, dass Ephesus einmal direkt am Meer gelegen hat. Aber trotz allem: Zur Zeit des Neuen Testaments, obwohl sich diese Entwicklung langsam vollzieht, ist Ephesus immer noch eine boomende Metropole.
Und in diese Metropole wollen wir heute Morgen für einige Minuten gewissermaßen eintauchen. Am Pfingstsonntag wollen wir uns auf eine gedankliche Studienreise begeben. Wir haben ja jetzt bereits ein Jahr lang diesen Epheserbrief miteinander studiert, ein ganzes Jahr, und sind immerhin bis zum Ende von Kapitel 4 gekommen. Bald werden wir damit fortsetzen.
Wir haben diese Gemeinde dadurch natürlich auch besser kennengelernt. Wir haben uns gewissermaßen mit den Ephesern zusammen in die Kirchenbänke oder die Hörsaalbänke gesetzt und mit ihnen gemeinsam diesen Brief gelesen. Der Epheserbrief, das hatten wir eingangs gesagt, war eigentlich ein Rundschreiben an die ganze Region dort in Kleinasien. Aber er war in besonderer Weise dann doch mit dieser speziellen Gemeinde verbunden und hatte darum auch ihren Namen erhalten.
Für uns ist so die Gemeinde in Ephesus ja fast zu einer Art Partnergemeinde geworden. Und so wollen wir heute am Pfingsttag diese Gemeinde noch etwas genauer kennenlernen, weil wir von ihr auch lernen können.
Ephesus als Zentrum von Macht, Handel und Kult
Wir haben eine Vorstellung davon, wo Ephesus in etwa gelegen hat: in Kleinasien, an der Westküste des Gebiets der heutigen Türkei. Gegenüber, auf der anderen Seite des Meeres, lag die südliche Halbinsel Griechenlands, also mit Korinth und Athen. Dazwischen lag das Meer, und an der Westküste Kleinasiens eben diese Stadt: Ephesus.
Von allen Städten dort in Kleinasien, in dieser Provinz, war Ephesus sicherlich politisch die wichtigste Stadt. Die Geschichte der Stadt lässt sich bis ins zweite Jahrtausend vor Christus zurückverfolgen. Immer wieder versuchten unterschiedliche Herrscher, den Platz an der Sonne in Ephesus zu erobern. Schließlich wurde die Stadt um 130 vor Christus von den Römern besetzt. Seit 130 vor Christus hieß das ganze Gebiet, in dem auch diese Stadt lag, Provinz Asien. Es gab noch einmal ein kurzes Zwischenspiel durch den König Mithridates, aber er konnte die Stadt nur kurzfristig an sich reißen. Am Ende setzten sich die Römer durch und hatten das Ganze für mehrere hundert Jahre unter ihrer Kontrolle.
Zunächst war Pergamon die Hauptstadt der Provinz Asien, gar nicht so weit von Ephesus entfernt. Aber Ephesus lief Pergamon schon bald den Rang ab, schon allein wegen seines Hafens, aber auch wegen der strategischen Handelsstraßen. Ephesus wurde das Tor zum Westen, so kann man es sagen. Es war gewissermaßen eine Drehscheibe. Alle wichtigen Verkehrswege Kleinasiens führten durch diese Stadt Ephesus. Etwa 29 vor Christus wurde es dann noch offizielle Hauptstadt Kleinasiens.
Bei der Einwohnerzahl gehen die Schätzungen etwas auseinander. Es dürften zur Zeit des Neuen Testaments im ersten Jahrhundert etwa 250.000 gewesen sein, also ungefähr eine Viertelmillion Einwohner. Die Stadt entwickelte sich zu einer Metropole mit viel Geld, mit prächtigen Straßen und mit gediegenen Villenvierteln. Bescheidenheit war auch nicht gerade die größte Stärke der Epheser. Sie nannten sich das Licht Asiens. Das war immerhin gutes Selbstbewusstsein, das da deutlich wurde. Zusätzlich hatten sie etliche Privilegien von der römischen Zentralregierung erhalten. Ephesus wurde freie Stadt, und das war nicht wenig. Eine freie Stadt durfte sich weitgehend selbst verwalten.
Also hatten die Römer ihnen viel Selbstverwaltung zugestanden, und Ephesus musste auch keine römischen Soldaten aufnehmen und versorgen, zumindest in bestimmten Zeiten. Sie hatten also den Rücken frei. Dazu kam ein reges kulturelles Leben, das viele Touristen anzog. Mittelpunkt war das große Theater, dessen Vorplatz man heute noch bewundern kann. Dort passten etwa 25.000 Besucher hinein, die auf den Rängen Platz fanden. Das war also ungefähr wie in einem mittelgroßen Fußballstadion, würden wir sagen. Die Christen haben später mit diesem Theater noch sehr unangenehme Bekanntschaft gemacht.
Was gab es noch? Wo es Touristen gibt, da gibt es auch Andenken, ganz klar. Dafür waren in Ephesus vor allem die Silberschmiede zuständig. Das war ein ganz eigener Wirtschaftszweig, und sie hatten eine Spezialität: kleine silberne Nachbildungen des Dianatempels. Damit haben sie wahrscheinlich das größte Geschäft gemacht, mit ihren silbernen Diana-Tempelnachbildungen. Das waren Glücksbringer, Mitbringsel, Talismane. Das kennen wir ja heute auch, wenn Sie etwa an die Marienbilder denken oder an kleine Andenken mit dem Konterfei des Papstes. Diese Verbindung von Religion und Souvenirhandel hat damals schon bestens funktioniert.
Die Religion konzentrierte sich in Ephesus vor allem um den Dianatempel. Wenn Sie heute an dessen Stelle kommen, sehen Sie nur noch zwei kümmerliche Säulen und ein paar Steinhaufen. Es ist so gut wie nichts davon übrig geblieben. Aber damals, im ersten Jahrhundert, zählte dieser Dianatempel zu den sogenannten sieben Weltwundern. Diana war der römische Name, Artemis der griechische. Er galt als Musterbeispiel prunkvoller Architektur. In der Mitte stand ein pechschwarzes Standbild der Göttin Artemis. Wir hatten das ja schon einmal gesagt. Inzwischen gibt es davon auch viele Nachbildungen, in Jahrhunderten danach hat es aber aus Marmor, aus hellem Marmor, in unterschiedlichsten Facetten diese Artemis gegeben.
Der Tempel war aber noch aus einem anderen Grund wichtig: Er war Zufluchtsort für Kriminelle. Das heißt, wenn einer ein Kapitalverbrechen begangen hatte, konnte er sich in diesen Dianatempel flüchten und genoss dort gewissermaßen Asyl. Und Hunderte von Prostituierten boten hier zudem ihre Dienste an, unter dem Deckmantel der Religion, sexuelle Ekstase als Gottesbegegnung. Diese Mischung aus Sex and Crime, wenn Sie so wollen, übte schon damals eine ganz eigenartige Anziehungskraft auf die Menschen aus.
Die christliche Gemeinde im Spannungsfeld der Metropole
Und nun machen Sie sich das bitte klar: Mitten in diesem Schmelztiegel, mitten in dieser multikulturellen Metropole, lebte und wirkte die Gemeinde der Christen. Mitten in diesem Götzendienst, in dieser Geschäftemacherei, in dieser Kultur, in diesen politischen Ränkespielen, mitten in diesen besonderen ökonomischen Bedingungen mit der Drehscheibe Ephesus: mitten die Christen!
Wir beschweren uns ja manchmal über die schwierigen geistigen und kulturellen Umstände, in denen wir uns bewähren müssen. Ich bezweifle allerdings, dass wir gern mit den Ephesern getauscht hätten. Es ist faszinierend, wenn wir uns jetzt auf die Spuren unserer Glaubensgeschwister von damals begeben und wenn wir für ein paar Minuten nachforschen, wie sie unter diesen damals modernsten Bedingungen dem Herrn Jesus Christus nachgefolgt sind.
In Ephesus muss viel passiert sein. Wahrscheinlich gibt es keine andere Gemeinde, mit der die Bibel sich so intensiv beschäftigt. Diese Gemeinde hatte besonderes Gewicht für die Christen des ersten Jahrhunderts. Der Apostel Paulus hat dort allein drei Jahre verbracht. Auch Johannes soll eine Zeit lang in Ephesus gewirkt haben, in späteren Jahren. Dann hat auch dieses engagierte Ehepaar Aquila und Priscilla dort längere Zeit gewirkt.
Apostelgeschichte 18 bis 20 berichtet über die Pionierphase. Der Epheserbrief wurde schon erwähnt. Als Timotheus seine beiden Briefe von Paulus erhält, die ziemlich am Ende des Neuen Testaments stehen, den ersten und den zweiten Timotheusbrief, was meinen Sie, wo er da gerade als Hauptamtlicher arbeitet? In Ephesus. Und so spiegelt auch der erste und der zweite Timotheusbrief etwas die Situation dort in dieser Stadt wider. Und dann schließlich, ganz im letzten Buch der Bibel, geht das erste Sendschreiben der Offenbarung ebenfalls von der Insel Patmos aus rund hundert Kilometer Luftlinie nach Ephesus, in das Zentrum des Dianakultes.
Sie haben gerade diesen letzten Text hier abgedruckt. Wir werden Ihnen also Offenbarung 2,1-7 nicht im Einzelnen heute auslegen. Das wird an anderer Stelle noch geschehen. Aber ich wollte Ihnen wenigstens eine zusammenhängende Quelle mitgeben, die Sie dann für sich noch einmal in Ruhe lesen können und auf die wir in einem kurzen Abschnitt auch heute noch einmal zu sprechen kommen werden. Wir wollen heute versuchen, einen gewissen Überblick zu gewinnen.
Mehr als 40 Jahre umfasst die Geschichte der Gemeinde Ephesos, wie sie uns im Neuen Testament vorliegt. So viel Anschauungsunterricht, so viele ermutigende Beispiele, aber auch manche Fehler, die uns heute gewissermaßen als Warnschüsse dienen können.
Ich möchte jetzt in dieser kurzen, kostbaren Zeit, die uns heute Morgen zur Verfügung steht, mit Ihnen zusammen auf zwei Zurufe hören, die uns speziell aus der Ephesus-Geschichte in der Bibel entgegenklingen. Den ersten Zuruf werden wir ausführlicher behandeln und den zweiten dann zum Abschluss etwas kürzer. Der erste Zuruf stammt aus der Pionierphase, aus der ersten Hälfte der fünfziger Jahre. Und der zweite Zuruf erreicht uns dann aus der Schlussphase des ersten Jahrhunderts, kurz vor dem Tod des Apostels Johannes, nach gut vierzig Jahren Gemeindegeschichte.
Aber kommen wir zunächst zu diesem ersten Zuruf aus Ephesus.
Die Anfänge der Mission und der Ruf in die Öffentlichkeit
Dazu müssen wir für einige Augenblicke eintauchen in die Startphase der Gemeinde, wie sie beschrieben wird in der Apostelgeschichte in den Kapiteln 18 und 19. Ich gebe Ihnen den Überblick.
Paulus befindet sich auf der zweiten Missionsreise. Wir schreiben etwa das Jahr 52 nach Christus. Als Paulus nach Ephesus kommt, geht er, wie es seine übliche Methode war, zunächst in die Synagoge. Er geht also zu seinen Judengenossen und verkündigt ihnen das Evangelium. Und er stösst dort gleich auf ein recht reges Interesse. Wir lesen in Apostelgeschichte 18,20: Sie baten ihn aber, dass er längere Zeit bei ihnen bleibe. Doch er willigte nicht ein.
Paulus sagt also: Es ist noch nicht die Zeit da, vielleicht später, aber jetzt noch nicht. Er verlässt die Stadt dann nach kurzer Zeit Richtung Jerusalem, weil er dort einiges zu tun hat. Aber er lässt seine beiden Mitarbeiter zurück, dieses famose Ehepaar Aquila und Priscilla, zwei Leute, die sich in der Bibel wirklich auskannten, die die Lehre über Jesus gründlich verstanden hatten und die bereit waren, sich mit ihrem ganzen Leben wirklich für den Herrn einzusetzen.
In Apostelgeschichte 18,19 heisst es: Und er kam nach Ephesus und liess die beiden dort zurück; er ging aber in die Synagoge und redete mit den Juden.
Während Paulus sich also noch auf den Weg nach Jerusalem macht, schickt Gott einen anderen Mann nach Ephesus, der die Vortragstätigkeit in der Synagoge von Ephesus fortsetzt, und das ist Apollos. Apollos ist eine ganz farbige, mutige Persönlichkeit. Wir haben uns heute keine Zeit, uns ausführlicher mit ihm zu befassen, aber dieser Apollos war offensichtlich sehr belesen, er war rhetorisch hochbegabt.
In Vers 25 heisst es: Dieser war unterwiesen im Weg des Herrn und redete brennend im Geist und lehrte richtig von Jesus. Und in Vers 26: Er fing an, frei und offen zu predigen in der Synagoge. Und in Vers 28 heisst es: Er widerlegte die Juden kräftig und erwies öffentlich durch die Schrift, dass Jesus der Christus ist.
Allerdings hatte dieser Apollos ein schwerwiegendes Defizit. Das finden wir am Ende von Vers 25. Da heisst es, er redete brennend im Geist und lehrte richtig von Jesus, wusste aber nur von der Taufe des Johannes. Also offensichtlich war er noch nicht über Kreuzigung und Auferstehung informiert. Er konnte nachweisen, dass Jesus der Messias war, den das Alte Testament angekündigt hatte, aber er hatte offensichtlich noch nicht die ganze Geschichte gehört.
Und was machen Aquila und Priscilla? Sie reagieren sofort fantastisch. Da heisst es nämlich: Als ihn Aquila und Priscilla hörten, nahmen sie ihn zu sich und legten ihm den Weg Gottes noch genauer aus. Sie haben ihn also gewissermassen unter ihre Fittiche genommen, haben ihn weiter ausgebildet. Und dann konnte er seinen Dienst umso besser fortsetzen.
Später reist er dann weiter auf die griechische Halbinsel nach Korinth und Athen. Und da taucht, während Apollos weggeht, aus Ephesus schon Paulus wieder am Horizont auf. Die Epheser bekommen also keine lange Schonfrist gegenüber dem Evangelium.
Dann lesen wir, wie es in Apostelgeschichte 19,8 weitergeht: Paulus kommt und geht wieder in die Synagoge und predigte frei und offen drei Monate lang, lehrte und überzeugte sie von dem Reich Gottes.
Dann kommt es zu Zwischenfällen. Es gibt Pöbeleien, und es ist nach einiger Zeit keine geordnete Versammlung mehr möglich dort in der Synagoge. Dann ziehen sie einfach um, sie suchen sich also neue Räume. Denen geht es ähnlich wie uns. Obwohl wir hier in der Universität noch nicht angepöbelt worden sind, sind wir auch dankbar dafür.
Da heisst es dann in Vers 9: Als aber einige verstockt waren und nicht glaubten und vor der Menge übel redeten von der Lehre, trennte er sich von ihnen, sonderte auch die Jünger ab und redete täglich in der Schule des Tyrannus.
Vielleicht war das ein Spitzname, dieser Tyrannus. Möglicherweise ist er ein Philosoph gewesen, den seine Schüler so nannten, das weiss man nicht. Oder er war auch nur der Vermieter des Hörsaals. Wahrscheinlich stellt er jetzt seinen Saal nachmittags zur Verfügung, und Paulus kann dort seine Lehrtätigkeit fortsetzen.
Allerdings, und das ist ganz wichtig: Der Umzug in die Schule des Tyrannus ist kein Rückzug aus der Öffentlichkeit. Also sie sagen jetzt nicht: Wir haben Druck gekriegt, und dann ziehen wir uns jetzt zurück und gehen nur noch in den Hinterhof. Sondern in Vers 10 steht dann hier: Und das geschah zwei Jahre lang. Er lehrt also dort zwei Jahre in der Schule des Tyrannus, so dass alle, die in der Provinz Asien wohnten, das Wort des Herrn hörten, Juden und Griechen.
Von dieser Schule des Tyrannus aus entfaltet die Gemeinde also eine ganz starke Breitenwirkung, eine Breitenwirkung, die die ganze Region in der Provinz Asien erfasst. Das ist erstaunlich. Sie haben sich also nicht zurückgezogen. Die Schule wird zum Ausgangspunkt einer intensiven Verkündigung, und das ist die grossartige Perspektive, die diese Gemeinde in Ephesus hat.
Sie hat Verantwortung wahrgenommen. Sie hat Verantwortung wahrgenommen für diese ganze Provinz Kleinasien. Ihr Blick endete nicht am Ende ihres Kirchturms. Verstehen Sie: Die haben gesagt, wir sind verantwortlich nicht nur für unseren kleinen Kreis, der sich hier bei Tyrannus trifft. Wir sind verantwortlich nicht nur für unsere Stadt, sondern sie haben Verantwortung für die ganze Region übernommen. Es wurde bekannt, allen in Asien, also auf grosser, breiter öffentlicher Front.
Und der Herr segnete diesen Wagemut. Innerhalb weniger Jahre entstehen Gemeinden in mindestens zehn weiteren Städten der Provinz. Die werden im Neuen Testament erwähnt, die meisten waren dort wahrscheinlich Tochtergemeinden von Ephesus. Und als Paulus dann einige Zeit später aus Ephesus schreibt, den ersten Korintherbrief, da kann er voller Freude sagen in 1. Korinther 16: Es grüssen euch die Gemeinden Asiens. Das war schon Plural. Es grüssen euch die Gemeinden Asiens. Wir waren hervorgegangen aus dieser Missionstätigkeit der Leute in Ephesus.
Natürlich bleibt dieser Segen, den Gott schenkt, ganz klar nicht von Störmanövern verschont. Auch in Ephesus ereignen sich dann dramatische Dinge. Sie können alles in Apostelgeschichte 19 nachlesen. Es treten da seltsame Exorzisten auf, die bestimmte Dinge in der christlichen Gemeinde in ein schiefes Licht rücken wollen. Aber Gott bestätigt Paulus und seine Autorität in aller Öffentlichkeit, und Gott verhilft der Gemeinde der Christen dort in Ephesus, dort in diesem Multikultischmelztiegel, zu einer starken öffentlichen Aufmerksamkeit, zu einer starken öffentlichen Präsenz, wie wir sagen würden.
Dann heisst es in Kapitel 19,17, dass die Autorität des Paulus und die Botschaft der Christen bekannt wurden, allen, die zu Ephesus wohnen. Also: Erst einmal wurde das bekannt in ganz Asien, in der ganzen Region Kleinasien, und jetzt wird es nochmals auf die Stadt bezogen. Es wurde bekannt allen, die dort wohnen. Das geschah in der Öffentlichkeit, und in diesen Wochen dürfen dann viele Menschen zum lebendigen Glauben an Jesus Christus finden. Das wird ausführlich berichtet.
Dabei zeigt sich dann auch, wie stark weite Teile der Bevölkerung in den Bann des Okkultismus geraten waren. Das spielte in Ephesus offensichtlich eine grosse Rolle. Und dann schreibt Lukas hier in Apostelgeschichte 19,18: Es kamen aber viele von denen, die gläubig geworden waren, und bekannten und verkündeten, was sie getan hatten. Viele aber, die Zauberei betrieben hatten, brachten die Bücher zusammen und verbrannten sie öffentlich und berechneten, was sie wert waren, und kamen auf 50 Silbergroschen.
Also Sie müssen sich das so vorstellen: Diese Christen führen eine öffentliche Bücherverbrennung durch. Sie verbrennen dort Zauberbücher im Wert von 50 Denaren, die da in Flammen aufgehen. Das sind etwa gut drei Millionen Euro. Das hat man berechnet. Und das war nicht in einem magischen Sinne missverstanden nach dem Motto: Wir müssen uns jetzt von diesen Fesseln des Okkultismus lösen und dadurch alles in Feuer aufgehen lassen, damit das richtig rausgebrannt wird aus unserem Leben.
So magisch haben die Christen zu keiner Zeit gedacht, nein. Aber es war ein öffentliches Bekenntnis. Es war ein öffentlicher Akt der Distanzierung von ihrem früheren Leben. Und sie haben gesagt: Wir wollen uns nicht mehr mit diesem Geisterkult einlassen, wir wollen nichts mehr zu tun haben mit dieser Vergangenheit, in der unser Leben in fremden Stricken festhing, sondern unser Leben gehört dem auferstandenen Jesus Christus. Und das wollen wir öffentlich dokumentieren durch die Verbrennung dieser Bücher, die uns in unserem alten Leben öffentlich festhalten wollten.
Um welchen ersten Zuruf es mir geht, der uns aus dieser Anfangsphase in Ephesus entgegenklingt: Dieser Zuruf lautet: Geht raus in die Öffentlichkeit! Geht raus in die Öffentlichkeit! Das lernen wir in Ephesus.
Nochmal: Die Ephesus-Christen hatten kein leichteres Umfeld als wir heute, kein schwereres Umfeld als wir heute. Aber sie haben sich auch nicht freiwillig aus der Öffentlichkeit verbannen lassen.
Als ich mich jetzt für diese Predigt wieder mit den Quellen befassen musste, war das eigentlich die neue Entdeckung, die ich diesmal gemacht habe. Man liest ja Bibeltexte wieder und wieder und findet immer wieder etwas Neues. Und das ist mir noch nie so aufgefallen wie dieses Mal bei meinen Studien des Textes, wie stark sie immer in die Öffentlichkeit hineingegangen sind: öffentlich bekannt, öffentlich bezeugt, öffentlich die Bücher verbrannt, öffentlich in der Synagoge gesprochen.
Einige Zeit später wird Paulus nochmals vor Festus und Agrippa, dem König, Position beziehen müssen, als man ihn anklagt. Und da wird er nochmals berichten über das, was mit Jesus geschehen ist. Und da wird Paulus diesen Satz sagen in Apostelgeschichte 26: Das ist nicht im Winkel geschehen. Das ist nicht im Winkel geschehen. Das ist nicht irgendeine geheime Sonderoffenbarung einer obskuren Sekte, um die es da geht, sondern der lebendige Gott hat seine Geschichte in aller Öffentlichkeit gemacht. Und Jesus wurde in aller Öffentlichkeit gehängt an diesem Kreuz, und Jesus ist auferstanden, wurde in aller Öffentlichkeit Zeugen erschienen.
Widerstand, Aufruhr und Abschied
Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Reaktion der Öffentlichkeit bleibt natürlich nicht aus.
Treibende Kraft beim Gegenangriff ist der Goldschmied Demetrius, der natürlich um sein Devotionaliengeschäft fürchtet. Was macht der gute Mann? Der gute Mann – falsch gesagt: der schlechte Mann – hetzt jetzt seine Gesinnungsgenossen auf.
Apostelgeschichte 19,23: Es erhob sich aber um diese Zeit, nachdem die Bücher verbrannt worden waren, eine nicht geringe Unruhe über den neuen Weg. Der neue Weg war der Weg der Christen, der Weg des Evangeliums, der Weg des auferstandenen Jesus Christus. Denn einer mit Namen Demetrios, ein Goldschmied, machte silberne Tempel der Diana und verschaffte dem Handwerk nicht geringen Gewinn. Diese und die Zuarbeiter dieses Handwerks aber versammelte er und sprach: Liebe Männer, ihr wisst, dass wir großen Gewinn von diesem Gewerbe haben. Und ihr seht und hört, dass nicht allein in Ephesus, sondern fast in der ganzen Provinz Asien dieser Paulus viel Volk abspenstig macht und sagt, was mit Händen gemacht ist, sind keine Götter.
Da hat er den Paulus ganz richtig zitiert. Aber es droht nicht nur unser Gewerbe in Verruf zu geraten, sondern auch der Tempel der großen Göttin Diana wird für nichts geachtet werden, und zudem wird ihre göttliche Majestät untergehen, der doch die ganze Provinz Asien und der Weltkreis Verehrung erweist.
Verstehen Sie: Dieser Mann geht ganz geschickt voran. Er hetzt seine Gesinnungsgenossen auf, er inszeniert einen öffentlichen Aufruhr. Er appelliert dann noch an die religiösen Gefühle, weil sich das besser macht, als nur zu sagen: Wir verlieren hier unser Andenkengeschäft. Er sagt: Und im Übrigen wird ja auch der großen Göttin Diana schwerer Schaden zugefügt. Und dann organisiert er eine Großdemonstration im Theater. Sie erinnern sich an dieses 25.000 Leute fassende Theater.
Als sie das hörten, wurden sie von Zorn erfüllt und schrien: Groß ist die Diana der Epheser! Und die ganze Stadt wurde voll Getümmel. Sie stürmten einmütig zum Theater und ergriffen Gaius und Aristarch aus Mazedonien, die Gefährten des Paulus. Und dann heißt es einige Verse später, dass sie stundenlang geschrien haben: Groß ist die Diana der Epheser, Groß ist die Diana der Epheser.
Und was macht Paulus? Paulus will sich der Situation natürlich stellen. Er will sofort hingehen, in die Höhle des Löwen, um die Sache zu klären. Und dann steht hier in Vers 30, dass seine Mitarbeiter das nicht zulassen: Aber als Paulus in das Volk gehen wollte, ließen es ihm seine Jünger nicht zu. Sie haben gesagt: Paulus, du musst jetzt hier nicht den Helden geben. Das ist einfach zu gefährlich. Das bringt nichts, wenn du jetzt da reingehst in diesen Hexenkessel.
Aber nicht nur die engsten Freunde von Paulus halten ihn auf, sondern auch Vers 31 – das ist hochinteressant, das war mir auch vorher noch nie so aufgefallen – auch einige der Oberen der Provinz Asien, die ihm freundlich gesonnen waren, sandten zu ihm und ermahnten ihn, sich nicht zum Theater zu begeben.
Verstehen Sie, das ist ein interessanter Hinweis auf die Kontakte, die Paulus so gepflegt hat. Er war offensichtlich auch mit Personen des öffentlichen Lebens im Gespräch. Hier steht die Obersten, die Asiarchen. Das waren wahrscheinlich Abgeordnete der Provinz Asia. Die gehörten zum Landtag, der sich mindestens einmal im Jahr in Ephesus traf. Und mit einigen von diesen Leuten hat Paulus offensichtlich auch Gesprächskontakte gepflegt.
Dass die sogar das Ganze mitgekriegt haben und Paulus durch irgendwelche Boten mitgeteilt haben: Herr Paulus, lassen Sie das. Sie dienen Ihrer Sache nicht, wenn Sie jetzt die ganze Stimmung noch weiter anheizen und sich auch in diesem Tumult begegnen.
Das ist interessant. Bei Paulus wissen wir aus vielen anderen Beispielen, dass er sich solche öffentlichen Kontakte nicht durch Anpassung erschlichen hat oder durch irgendein Wohlverhalten. Nein, er hat immer sehr deutlich, etwa auch in einem Gespräch mit dem Gouverneur Felix, den Herrschern gesagt, was Sache war. Mit Felix beispielsweise, berichtet die Apostelgeschichte, hat er gesprochen, unter anderem über die Keuschheit und das Gericht Gottes. Und der Felix war nun gerade dafür bekannt, dass er von Keuschheit nicht besonders viel hielt.
Also: Paulus hat nicht vor den Machthabern anders geredet als gegenüber seinen Freunden in der Gemeinde. Aber er hat die Kontakte gesucht, und jetzt sagen diese Leute ihm auch: Fassen Sie auf, gehen Sie nicht in das Getümmel. Es hilft in dieser Situation nichts.
Paulus lässt sich überzeugen, bleibt erst einmal in Deckung, und dann beruhigt sich der Volksauflauf auch schnell wieder, nachdem ein hoher Verwaltungsbeamter die Gemüter diplomatisch beruhigt.
Dennoch verlässt Paulus dann die Stadt zu einer Reise Richtung Mazedonien. Und 18 Monate später kommt er noch einmal an Ephesus vorbei. Achtzehn Monate später, da schreiben wir schon das Jahr siebenundfünfzig, und diesmal lässt Paulus die Stadt links liegen. Also reist er auf dem Seeweg weiter, gen Süden, bis er nach Milet kommt. Im Hafen von Milet macht er dann Station. Aber sein Herz hängt an den Ephesern, und er weiß: Ich werde sie in dieser Welt nicht wiedersehen.
Dann lässt er dort in Milet die Ältesten, die Gemeindeleiter aus Ephesus, vorbeikommen. Das waren etwa 45 Kilometer. Und dann kommt es zu dieser bewegenden Abschiedsbegegnung zwischen Paulus und den Gemeindeleitern aus Ephesus. Das wird berichtet in Apostelgeschichte 20, ab Vers 17 können Sie das lesen. Da öffnet Paulus noch einmal sein ganzes Herz, da teilt er diesen Ältesten sein Vermächtnis mit. Da sagt er: Passt auf die Gemeinde auf! Lasst nicht zu, dass falsche Lehren dort einbrechen. Bleibt der Wahrheit, die ihr von mir gehört habt, wirklich, wirklich treu!
Und dann heißt es am Ende in Apostelgeschichte 20,37, dass sie dann alle geweint haben. Da begannen alle laut zu weinen, und sie fielen Paulus um den Hals und küssten ihn, am allermeisten betrübt über das Wort, sie würden sein Angesicht nicht mehr sehen. Und sie geleiteten ihn auf das Schiff.
Und dann reist Paulus weiter nach Jerusalem, wir würden sagen: neuen Abenteuern entgegen.
Aber interessant, und das will ich nur noch festhalten, ist an seinem Rechenschaftsbericht, mit dem er sich von den Ephesern verabschiedet, dieser Vers 20 in Apostelgeschichte 20,20, wo er sagt: Ich habe verkündigt und gelehrt öffentlich und in den Häusern. Ich habe verkündigt und gelehrt öffentlich und in den Häusern.
Das heißt: Wir sind in die Öffentlichkeit gegangen mit unserer Verkündigung, und wir haben uns privat in den Häusern um Vertiefung und Weiterführung und Betreuung und Ausbildung und Begleitung bemüht.
Und das ist der erste große Zuruf, den wir hier aus Ephesus hören und der der entscheidende für heute Morgen sein soll. Aus diesen dramatischen Anfangsjahren lautet dieser Zuruf: Geht raus in die Öffentlichkeit!
Wie diese Öffentlichkeit in Ephesus aussah, haben wir gesehen: kein bisschen freundlicher gesonnen dem Evangelium als heute. Und die Christen haben sich nicht vorzeitig in die Hinterhöfe zurückgezogen, sie haben sich nicht vorzeitig in die Katakomben und in die Hauskreise zurückgezogen. Sie sind in die Synagogen gegangen, sie haben Kontakt zu den politischen Funktionären gepflegt, sie haben öffentlich die Bücher verbrannt.
Später kamen dann Zeiten, da wurde diese Öffentlichkeit verboten. Dann blieb ihnen nichts anderes übrig, als in die Katakomben zurückzugehen. Aber noch nicht in diesem Augenblick. Sie haben diese Situation nicht frühzeitig gesucht, sondern sie haben ihren Mund aufgemacht und ihren Platz in der Öffentlichkeit beansprucht, solange es ohne Kompromisse ging.
Und das, liebe Mitchristen, ist für uns ein ganz, ganz wichtiger Hinweis. Wie leicht geraten wir in die Gefahr, uns vorzeitig zurückzuziehen, und fühlen uns dafür vielleicht auch noch besonders fromm. Wir sagen: Ja, wir wollen mit dieser ganzen Welt nichts zu tun haben, wir wollen uns ja nicht anpassen. Natürlich ist das eine Gefahr, auf die man achten muss. Dass man, wenn man in die Öffentlichkeit geht, immer gefährdet ist, sich so ein bisschen anzupassen, um besser angesehen zu sein und besser dazustehen. Davor warnt uns die Heilige Schrift.
Die Heilige Schrift warnt uns vor inhaltlicher Anpassung. Sie sagt: Stellt euch nicht dieser Welt gleich. Aber sie sagt nicht: Haltet euch von dieser Welt fern. Und die Heilige Schrift warnt uns auch nicht davor, uns in der Öffentlichkeit gut zu benehmen. Natürlich sollen wir als Christen seriös auftreten. Die Leute sollen sich ja nicht an unseren schlechten Umgangsformen stoßen oder an unserer schlampigen Kleidung oder an unserem ungehobelten Reden, das einem Elefanten im Porzellanladen zur Ehre gereichen würde.
Herausfordernd werden wir die Welt ganz von selbst durch den Inhalt, den unser Herr uns in seinem Wort gegeben hat. Und diese Botschaft, dieser Inhalt, soll so lange wie irgend möglich in die Öffentlichkeit transportiert werden.
Der Evangelist Wilhelm Busch in Essen hat gepredigt in einer Kirche, die direkt am Markt stand, und er hat dann seine Predigten auch teilweise veröffentlicht in einer Reihe, die lautete: Die Kirche am Markt. Doch in Osnabrück, in unserer Gemeinde, da stand die Kirche, die Paulusgemeinde, direkt gegenüber des großen Marktplatzes.
Und in diesem Sinne ist bei allen geistlichen Verfallserscheinungen, die sich in der Volkskirche breitgemacht haben, und übrigens nicht nur in der Volkskirche, doch an eines zu erinnern: Die symbolische Bedeutung der Kirchtürme – das war eine gute Sache –, die weithin in der Öffentlichkeit deutlich machten, von überall aus zu sehen: Hier ragt der Turm der christlichen Gemeinde in die Höhe, weil alle es sehen sollen, weil das eine Botschaft für die Öffentlichkeit ist. Und die Glocken, die riefen am Sonntag einen ganzen Stadtteil zum Gottesdienst, weil die Botschaft Gottes in die Öffentlichkeit gehört und alle Menschen angeht.
Das hilft natürlich nichts, wenn sie dann im Gottesdienst nicht das Wort Gottes wirklich hören. Aber es sollte uns nachdenklich machen und anregen, nachzudenken, auf welchen Wegen und über welche Kanäle wir die biblische Botschaft immer wieder in der Öffentlichkeit präsentieren können. Das ist wichtig für uns.
Wir müssen uns selber auch klar machen: Wir Christen sind keine Sekte, die sich in irgendeinem Hinterhof trifft, um ja von niemandem entdeckt zu werden, sondern wir haben etwas zu sagen, was für die ganze Stadt wichtig ist, was für alle Menschen Bedeutung hat. Das haben wir zu sagen, nicht weil wir so besonders schlau wären, sondern weil wir den lebendigen Gott und sein Wort kennen dürfen.
Und schon im Alten Testament wurde den Leuten gesagt: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn. Diesen Auftrag hat unser Herr zu keinem Zeitpunkt zurückgenommen, und auch seine Apostel haben uns das gelehrt und haben uns vorgelebt, was das bedeutet, der Obrigkeit gegenüber Verantwortung wahrzunehmen, das heißt eben auch der Öffentlichkeit gegenüber.
Gerade wenn wir sehen, liebe Mitchristen, dass so viele ethische Weichen in der Politik falsch gestellt werden. Im Hinblick auf die Abtreibung, im Hinblick auf die Propagierung der Homosexualität, im Hinblick auf die Einschränkung der Meinungsfreiheit, die mit dem Antidiskriminierungsgesetz kommen kann – gerade wenn wir das alles sehen, dann sind wir aufgefordert, uns zu melden, Leserbriefe zu schreiben, E-Mails an die Politiker zu richten. Das gehört in die Öffentlichkeit, das gehört in die öffentliche Diskussion, mit dem Hinweis darauf, dass wir Christen sind und warum wir für bestimmte Positionen stehen.
Aber noch wichtiger: Der wichtigste Auftrag ist, dass die Wahrheit des Evangeliums publik wird, dass die Wahrheit von Jesus, der der einzige Retter für alle Menschen ist, der als einziger uns aus der Hölle retten und in den Himmel bringen kann, dass diese Wahrheit immer wieder noch in der Öffentlichkeit gesagt wird. Jesus hat mal betont: Was ich euch sage ins Ohr, das predigt von den Dächern, das predigt in der Öffentlichkeit.
Und welche Chancen bietet uns da jetzt zum Beispiel die Diskussion um das sogenannte Sakrileg, um diesen Film „Da Vinci Code“? Deswegen werden wir ja auch am nächsten Sonntag hier einen evangelistischen Gottesdienst durchführen, indem wir diese öffentliche Diskussion aufgreifen und freuen uns besonders über alle, die kommen, die möglicherweise dem Evangelium noch kritisch gegenüberstehen und hier eine Chance haben, aufgrund der Diskussion um das Sakrileg etwas von der Wahrheit des Neuen Testaments zu hören.
Hören wir das also, diesen mutmachenden, diesen herausfordernden Zuruf aus Ephesus, der da lautet: Geht raus in die Öffentlichkeit!
Auch das Pfingstereignis fand in aller Öffentlichkeit statt. Bis dahin, bis Pfingsten, hatten sich ja die Jünger fast verschanzt, hatten sich zurückgezogen. Aber dann hat der Herr seine Leute in Bewegung gesetzt, und dann hat es die ganze Stadt gemerkt, ganz Jerusalem. Und im Jahr 52, also knapp zwanzig Jahre später, hat es dann auch Ephesus erfasst, und ein paar hundert Jahre später hat es dann auch Hannover ergriffen.
Und dann ist die Gemeinde gewachsen, gewachsen auch in Ephesus, in ihrem Auftrag, gewachsen an Zahl, gewachsen an Größe, gewachsen an Einfluss. Man kann sagen: Die Ephesus-Gemeinde ist eine Erfolgsgeschichte. Hier gab es viele treue Leute, hier entstand ein Zentrum für die ganze christliche Bewegung. Und es ist, denke ich, kein Zufall, dass Paulus ausgerechnet seinen Lieblingsschüler, nämlich den Timotheus, dann später als Hauptverantwortlichen nach Ephesus geschickt hat, um dort in seinen Spuren die biblische Lehre weiter voranzutreiben und weitere Gemeindeleiter auszubilden.
Und dann vergehen die Jahre, dann vergehen. Der Epheserbrief wird geschrieben, etwa 62 nach Christus, und dann vergehen noch einmal 35 Jahre, etwa bis ins Jahr 95, und dann taucht diese Gemeinde wieder auf, Ephesus, im letzten Buch der Bibel. Wir haben heute nicht mehr die Zeit, diesen Text zu studieren, aber wenn wir das demnächst tun, dann werden wir sehen, dass die Gemeinde sich erstaunlich gut gehalten hat. Im Jahr 95 stellt Jesus dieser Gemeinde ein erstaunlich gutes Zeugnis aus. Da können wir sehen, dass die Predigten von Paulus und Timotheus wirklich gegriffen haben. Die haben die biblische Lehre bewahrt, die haben auch ihre kritische Haltung gegenüber den falschen Lehren und den falschen Lehrern bewahrt.
Und doch wird Jesus der Gemeinde in diesem Brief auf einen Schwachpunkt hinweisen. Er wird ihr eine Wahrheit ins Stammbuch schreiben, bei der sie unheimlich aufpassen müssen. Ein Wunderpunkt, der sich in ihrem Leben als Gemeinde breitgemacht hat. Wir wollen das zum Schluss heute nur noch andeuten.
Wir werden das wahrscheinlich in 14 Tagen, also in einer Woche kommt dann die Predigt über das Sakrileg, und in 14 Tagen werden wir uns dann höchstwahrscheinlich dieses Sendschreiben an Ephesus noch einmal genauer vornehmen. Aber ich muss Sie unbedingt auf diesen zweiten, fast leisen Zuruf noch hinweisen, der uns aus diesem Sendschreiben entgegenklingt.
Da lobt Jesus diese Gemeinde in Ephesus. Er hat ihre ganze Geschichte bis dahin vor sich. Und er freut sich darüber, dass sie treu an der Lehre geblieben sind und dass sie nicht nachlässig wurden in ihrer Arbeit. Aber dann sagt er diesen einen Satz in Vers 4: Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt.
Das ist der zweite Zuruf, der auch uns aus Ephesus erreicht. Der erste lautete: Geht raus in die Öffentlichkeit. Und der zweite Zuruf, den Gott uns hier hören lässt, der heißt: Kommt zurück an mein Herz, kommt zurück an mein Herz.
Das Problem dieser Gemeinde, bestimmt nicht aller Christen, aber offensichtlich vieler, so dass das Auswirkungen hatte, bestand darin, dass sie die erste Liebe zu Jesus Christus verlassen hatten. Und das war nicht in erster Linie eine Frage des Gefühls, sondern das war eine Frage der inneren Haltung. Es war alles so selbstverständlich geworden. Es hatte sich so eine christliche Routine in ihrem Leben breitgemacht. Und irgendwann hatten sie dann aufgehört, über Jesus zu staunen. Irgendwann hatten sie aufgehört, dankbar zu sein für das, was Jesus für sie getan hatte. Irgendwann war es dann Gewohnheit und Pflichtgefühl und Durchhaltevermögen und Tradition.
Und Jesus sagt: Kommt zurück an mein Herz, bedenkt, was ihr verloren habt. Viele von euch meinen es gut, und ihr habt viel Richtiges getan, und das dürft ihr nicht wegwerfen, daran müsst ihr festhalten. Und trotzdem, Leute, das ist der wunde Punkt in eurem Gemeindeleben. Und das war der Punkt, den die meisten Christen in Ephesus unterschätzten.
Ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlassen hast. Und Jesus gibt ihnen diesen zweiten Zuruf nicht, um sie mürbe zu machen, nicht um sie einzuschüchtern, sondern damit lockt er sie, damit ruft er sie. Und damit fordert er jeden Einzelnen in der Gemeinde von Ephesus auch auf: Überprüfe dich, wie steht es um deine Liebe zu Jesus?
Es geht nicht darum, dass du irgendwelche spektakulären religiösen Erlebnisse von Zeit zu Zeit hast, darum geht es überhaupt nicht. Sondern es geht um die Frage: Kannst du dich noch darüber freuen, dass der Herr sein Leben für dich geopfert hat? Machst du dir eigentlich noch klar, was das heißt, dass du zu Jesus beten darfst, dass er über deinem Leben wacht, dass er versprochen hat, dich am Ende in den Himmel zu bringen und dich nie wieder loszulassen? Bewegt dich das noch? Und bewegt dich das auch, dass so viele Menschen ohne Jesus Christus leben und auf ihrem Weg ins Verderben gehen, ohne es zu merken und zu wissen? Und bewegt dich das noch, dass Jesus um diese Menschen auch weint, weil er nicht will, dass sie verloren gehen?
Wie steht es um deine, wie steht es um meine Liebe zu Jesus Christus? Das ist der zweite Zuruf, der uns aus dieser Geschichte der Ephesus-Gemeinde erreicht und der uns heute Morgen gerade am Pfingsttag, gerade am Geburtstag der Gemeinde Jesu Christi, auch als Gemeinde neu herausfordern will, dass jeder von uns sich ehrlich fragt. Und dass jeder von uns den Herrn Jesus Christus auch bitten kann: Herr, mach mir klar, wie es eigentlich in meinem eigenen Herzen aussieht, und hilf mir, dass dort, wo vielleicht Gewohnheit und Müdigkeit und Gleichgültigkeit anfangen, sich breit zu machen, dort neu durch deinen Heiligen Geist eine echte Liebe und Hingabe an dich, Herr Jesus Christus, und an den Vater im Himmel wachsen kann. Das will er uns schenken.
Ich komme zum Schluss.
Als die Christen in Ephesus diesen Brief gelesen hatten, dieses Sendschreiben von Jesus, da kann ich mir gut vorstellen, dass einige von ihnen plötzlich wieder an das Schlammproblem draußen in ihrem Hafen denken mussten. Überlegen Sie, was versanden und versickern bedeutet, das hatten die Ephesus-Christen täglich vor Augen. Was für eine Parallele!
Früher mal, früher mal – die Älteren erinnerten sich, und die Jungen hatten das von den Großeltern gehört – da war der Weg zum Meer frei gewesen, ein direkter Zugang für die Schiffe, sprudelndes, fließendes Wasser. Aber dann hatte dieser Keistrost, dieser Drecksfluss mit seinem Schlamm nach und nach alles verstopft. Und jetzt war da nur noch Schlick und Morast und Sumpf.
Mit vielen Herzen in Ephesus war es genauso gegangen. Wo früher mal sprudelnde Liebe zu Jesus gewesen war, da hatte der Schlamm der Sünde und der Schlamm der Trägheit, da hatte der Schlick des Alltags und der Zeit und der ganzen Ablenkung so viel versanden lassen. Und jetzt war in vielen Herzen nur noch ein Sumpf übrig geblieben, ein Sumpf an Gewohnheit, ein Sumpf an Tradition, aber nicht mehr die sprudelnde echte Liebe zu dem Herrn Jesus.
Und darum war es höchste Zeit, dass sie diesen Zuruf von Jesus hörten, wie er in dem Brief laut wurde. Und möge es doch auch für unsere Gemeinden nicht nur ein Zuruf aus Ephesus sein, sondern ein Zuruf von dem Herrn Jesus selber.
Und wer diesen Ruf gehört hat, kommt zurück an mein Herz, der ist dann auch ausgerüstet, um dem anderen Ruf Folge zu leisten. Und dann geht raus in die Öffentlichkeit mit dem Zeugnis für Jesus.
Jesus, dir nach, weil du rufst, wir folgen, weil du bist, der du bist, einzigartig, unvergleichlich, dir will ich folgen, großer Herr.
Das sei unser Gebet. Amen.

