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Als Mann überleben zwischen Familie, Beruf, Gemeinde und Verein - Teil 1/3

04.02.2012
Die Lebensmitte kann zur Zerreißprobe werden: zu viele Erwartungen, zu wenig Sinn. Wer alles gleichzeitig will, brennt aus – und muss lernen, Grenzen zu ziehen und neu zu leben.

Ein ungewöhnlicher Einstieg mit einer zugespitzten Pointe

Herr Präsident, meine sehr verehrten Herren, liebe Männer und liebe Brüder!
Was Jörg Breikling am Anfang kann, kann ich auch.
Am Anfang der Predigt unterhalten sich zwei Freunde. Sagt der eine: „Du, gestern Abend haben meine Frau und ich so über einiges gesprochen und diskutiert. Da kamen wir auf das ganz heikle und sensible Thema Sterbehilfe zu sprechen, weißt du. Und da habe ich zu meiner Frau gesagt: Helga, wenn es mal bei mir so weit kommen sollte, dann lass mich bitte nicht einfach dahinvegetieren. Ich will nicht leben in der Abhängigkeit von einer Maschine und von Flüssigkeiten aus einer Flasche. Wenn ich mal in dem Zustand des Dahinvegetierens bin, dann schalte bitte die Maschine ab und die Flüssigkeitszufuhr ab, die mich am Leben erhalten.“
Sagt der andere: „Und, was hat sie gesagt?“
„Gar nichts. Die blöde Kuh ist aufgestanden, hat den Fernseher ausgemacht und das Bier weggeschüttet.“
Als Mann überleben ohne Abhängigkeit von Bildermaschinen und gebrauten Gerstensäften ist auch ein spannendes Thema. Aber wenn es um das Überleben als Mann geht, dann möchte ich mich in der nächsten Dreiviertelstunde einmal auf diese vollen Jahre konzentrieren, auf diese vollen Jahre zwischen 30 und 60, die viele Männer in diesen Jahren oft als krisenbehaftet erleben. Vielleicht auch mehrfach krisenbehaftet erleben.
Man hat uns irgendwann erzählt, dass das die besten Jahre des Lebens sein sollen. Aber je länger, je mehr beschleicht uns das Gefühl, dass das alles ein Mythos ist. Was die besten Jahre werden sollen, sind nur die vollsten Jahre geworden, die anstrengendsten Jahre, nicht selten die problembeladensten Jahre.

Die Last der Lebensmitte

Da hat man viel Energie investiert in den Aufbau einer Familie, in den Job, in den Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz, in eine Karriere. Man hat vielleicht ein Haus gebaut, ein Ehrenamt übernommen. Das Leben ist voll geworden, ist dicht geworden.
Und dann taucht bei vielen Männern irgendwann zwischen 40 und 50 diese bedrohliche Frage auf, diese existenzgefährdende Frage: Wozu das alles? In diesen Jahren kommen manchmal Zweifel auf, und Enttäuschungen machen sich breit. Enttäuschungen über die Ehe, über die Familie, über den Job, über die Vision, die man einmal hatte. Auch Enttäuschungen über Gott können dazugehören.
Da verlieren wir die Lust an den Dingen, in die wir jahrelang viel Kraft und Zeit investiert haben. Mit der Lust an den Dingen, die einen angetrieben haben, verlieren Männer mit 40 oder 55 auf einmal die gewohnte Sicherheit. Das Leben, das man meinte, voll im Griff zu haben, das man meinte, beherrschen zu können, das man gestaltet hat, von dem man eigentlich dachte, dass man weiß, wie es geht, das entgleitet einem langsam.
Auf einmal melden sich Gefühle, die man bis dahin gar nicht kannte. Überhaupt melden sich Gefühle, mit denen wir es nicht gelernt haben, umzugehen. Das verunsichert. Dann meldet sich auf einmal, unverschämterweise und unverständlicherweise, unser Körper. Dieses Teil, das immer tadellos funktioniert hat, fängt an, zicken zu machen. Krankheiten legen uns lahm. Sie nagen an unserem leistungsbezogenen Selbstwertgefühl.
Wir Männer haben ein leistungsbezogenes Selbstwertgefühl. Ein bisschen geschwollen ausgedrückt heißt das ganz schlicht: Wenn wir es am Tag krachen lassen haben, geht es uns abends gut. Macht uns vielleicht sogar die Psyche zu schaffen. Die Mitte des Lebens, von der man leichtfertig von den besten Jahren des Lebens spricht, entpuppt sich plötzlich als Krisenzeit.
Und für immer mehr Männer sind die besten Jahre des Lebens die Zeit, in der eine berufliche Karriere abbricht, die Zeit, in der eine Ehe scheitert, in der es zu Brüchen kommt, in der die Gesundheit rebelliert, in der die Nerven nicht mehr mitspielen, in der psychosomatische Störungen unterschiedlichster Art sich bemerkbar machen, und, und, und.
Das sind alles Anzeichen dafür, dass wir etwas nicht bewältigt haben. Aber wir wissen nicht genau, was es ist, und wie wir es bewältigen können. Als Mann überleben.
Ich möchte einmal auf drei Punkte zunächst eingehen, was uns das Überleben schwer macht: Die überhöhten Erwartungen.

Überforderte Rollen und überladene Lebensentwürfe

Die Jahre zwischen dreissig und sechzig sind zu einer einzigen langen Überforderung geworden. Das hängt mit veränderten Rollenbildern zusammen.
Unsere Frauen, und ich sage betont: unsere Frauen, Ihre und meine Frauen, die Frauen auch in unseren Gemeinschaften und Gemeinden, eben die, die wir geheiratet haben, haben andere Rollenbilder und andere Rollenvorstellungen als noch vor 50 Jahren. Es ist überhaupt nicht die Frage, ob das gut oder schlecht ist und ob es anders werden müsste. Es ist zunächst einmal so. Und wir werden das nicht einfach ignorieren können.
Mit den veränderten Rollen unserer Frauen sind auf einmal neue Rollenzuweisungen an uns herangetreten, uns sind neue Rollenerwartungen zugewachsen. Wir haben sie uns nicht ausgesucht, sie wurden uns übergestülpt. Wohlgemerkt, das ist ein Unterschied. Unsere Frauen wollten ihre Rollen ändern und wollen ihre Rollen ändern, wir müssen sie ändern. Das ist eine andere Ausgangssituation.
Früher war ein Mann ein guter Mann, wenn er seine Familie ernährt hat, wenn er anständig war, wenn er nicht dem Alkohol verfallen war und nicht fremdgegangen ist. Dann war ein Mann ein guter Mann. Der Mann musste die Karriereplanung, die Kinderzeiten und die Küchendienste nicht mit seiner Frau abstimmen. Die Frauen waren glücklich, wenn er Karriere gemacht hat, und die Männer waren glücklich, wenn die Frauen sich um Kinder und Küche gekümmert haben.
Das Leben war nicht leicht, aber es war deutlich klarer strukturiert. Das hat sich unwiderruflich erledigt. Heute müssen wir alles aushandeln, nichts ist mehr festgelegt. Das Leben ist zu einem grossen Ehebasar geworden.
Heute sollte ein guter Mann alles leisten wie bisher. Er sollte sich auch noch um die Karriere kümmern, damit er ordentlich Knete verdient. Gleichzeitig soll er Räume für die Karriere und die Entfaltung der Frau schaffen, häuslich voll präsent sein, sich mit allen Vorwehrgeräten auskennen und ein guter Vater sein. Das heisst, er soll sich intensiv um die Kindererziehung kümmern und beteiligen. Alles Dinge, die viele von unseren Eltern nicht gelernt haben. Wir wissen zwar, wie sie technisch gehen. Wir kriegen das Hineingeschirrspüler-Ein- und Ausräumen, null Problem. Aber wir wissen nicht, wie das emotional geht.
Und dann natürlich auch das ehrenamtliche Engagement in Gemeinde, Verein und Stadtrat. Dann haben wir oft noch eigene Eltern, Eltern, die älter werden, Eltern, die vielleicht Pflege brauchen, Eltern, die Erwartungen haben, und Eltern, die uns heute, das hat sich verändert, weniger verstehen können als je zuvor. Das hat mit diesem rasanten Tempo der Veränderungen unserer Zeit zu tun. Das ist etwas Neues in der Menschheitsgeschichte.
Unsere Entwicklung hat eine derartige Geschwindigkeit erreicht, dass ein 40 Jahre älterer Mensch den 40 Jahre jüngeren nicht mehr verstehen kann. Unsere Eltern können uns nur sehr bruchstückhaft verstehen, das Leben, das wir führen. Stellen Sie sich bitte darauf ein: Sie werden das Leben Ihrer Kinder in zwanzig Jahren nur noch sehr bruchstückhaft verstehen können. Es kommt zu einem Nichtverständnis.
Das war nicht immer so. Bis ins zwanzigste Jahrhundert konnte man in einer landwirtschaftlichen Gesellschaft einen Vater und seinen Sohn gut verstehen, weil sich nicht so rasend schnell alles verändert hat. Das ist heute anders geworden.
Und dann haben wir auch, das will ich ansprechen, schwierige Vorbilder.

Illusionen von Gleichzeitigkeit und der Preis des Dauer-Tempos

Ich habe ein Problem mit Karl Theodor zu Guttenberg. Nicht wegen der Plagiatsaffäre, obwohl mich das als Rektor einer Hochschule am meisten auf die Palme bringen müsste. Nein, ich habe ein ganz anderes Problem mit Theodor zu Guttenberg.
Er hat uns allen weißgemacht, dass alles parallel nebeneinander und gleichzeitig gehen müsste: eine junge Ehe, eine junge Familie, steile Karriere, mediale Omnipräsenz und auch noch eine Doktorarbeit. Eine Doktorarbeit, die einen normalen Menschen schon völlig absorbiert.
Dieses Alles-geht-gleichzeitig, alles-geht-ganz-schnell, alles-geht-parallel ist die gelebte Illusion, und sie ist an der schwächsten Stelle geplatzt. Aber wie viele andere medial omnipräsente Leute leben uns diese Täuschung dennoch vor? Diese Täuschung, dass alles gleichzeitig auf höchstem Niveau laufen und gehen könnte. Dass man gleichzeitig eine steile Karriere machen kann, ausgiebig Hobbys genießen kann und noch der beste Ehemann und Vater aller Zeiten sein könnte.
Das ist eine Illusion, das Leben ist anders. Alles gleichzeitig geht nicht, und wer alles gleichzeitig will, der zahlt seinen Preis. Karl Theodor zu Guttenberg hat diesen Preis bezahlt, ich persönlich habe auch diesen Preis bezahlt.
Es ist sieben Jahre her. Es war Weihnachten 2004. Es war klar: In sieben Monaten werde ich den Job wechseln, weil mein Vertrag im Albrecht-Bengel-Haus nach zehn Jahren zu Ende geht. Das war klar, das war in Ordnung, das war abgesprochen. Ich habe mir Gedanken gemacht: Wo geht es hin?
Ich habe zehn Jahre lang ein Leben mit durchgetretenem Gaspedal gelebt. Ich war Studienleiter im Albrecht-Bengel-Haus, ein Job, der allein schon reicht. Ich war noch CVJM-Landesvorsitzender, war jede Woche drei, vier Abende unterwegs, habe nebenher auch noch eine Doktorarbeit geschrieben, und ich war so richtig am Durchstarten. Ich war so in diesem Lebensgefühl: Wo ist die nächste Herausforderung? Liebe Leute, habt ein Problem, guckt mich an, ich bin die Lösung.
Und an diesem Heiligabend 2004 schmücken meine Frau und ich den Weihnachtsbaum. So ein Ritual: Der Christbaum wird von uns bekugelt. Und beim Schmücken dieses Christbaums sagt meine Frau zu mir: Du, ich muss dir eins sagen, ich werde im Sommer nicht mit umziehen.
Wenn man Pfarrer ist, ist das ein Problem. Und was bei Karl Theodor zu Guttenberg an der Doktorarbeit rausging, ging bei mir an der schwachen Stelle raus: dass ich dachte, ich habe alle Bälle locker im Griff beim Jonglieren. Aber meine Frau hatte bei mir keine Geborgenheit mehr bekommen.
Ihr ging es gut, und das Leben war in Ordnung. Sie hatte sich ein Nest gebaut, in der Kirchengemeinde, wo wir damals lebten. Da ging es ihr gut. Ihr ging es in der Kirchengemeinde gut, mit ihren Freundinnen ging es ihr gut, mit ihrem Setting ging es ihr gut. Aber mit mir ging es ihr nicht mehr gut.
Und jetzt war bei mir die stillschweigende Erwartung: Wir gehen nächsten Sommer. Das heißt, all ihre Nester, wo sie sicher war, sollte sie aufgeben und mit mir, mit dem sie nicht mehr sicher war, irgendwo hingehen. Und das war die Botschaft: Ich ziehe sie nicht mit um.
Wir werden nicht alles gleichzeitig schaffen, sonst werden wir hohe Preise bezahlen. Alles hat seinen Preis. Und wenn wir meinen, und das ist momentan der Trend, dass wir die Kinder auslagern könnten, dass wir die Erziehung outsourcen könnten in Kinderkrippen oder Kinderhort, werden wir auch einen Preis dafür zahlen. Alles gleichzeitig geht nicht.

Die innere Krise als geistliche Herausforderung

Das Zweite, was uns das Überleben schwer macht, sind unsere überhöhten Erwartungen. Es sind nicht nur die fremden Erwartungen, die uns das Leben schwer machen, sondern auch die eigenen.
Wie kommen wir eigentlich darauf, dass die Mitte des Lebens die besten Jahre des Lebens werden müssten? Wie kommen wir darauf, dass Ehe, Familie, Karriere, Hobbys und Sexualität ein einziger Rausch an Erfüllung werden müssten? Wenn die Erfüllung ausbleibt, bleibt oft nur der Rausch übrig.
Woher kommen die Erwartungen, dass eigentlich alles klappen müsste und es keine Brüche geben dürfte? Es sind diese maßlos überzogenen Erwartungen an das Glück, an die Harmonie, an die Sexualität und an den Erfolg, die uns das Leben schwer machen, weil in ihnen das Scheitern keinen Platz hat. Es muss alles gelingen, sonst bricht bei uns alles zusammen. Das ist eine ganz pubertäre, sehr unreife Lebenshaltung, in der das Scheitern eigentlich schon vorprogrammiert ist.
Ein Drittes, was das Überleben schwer macht, ist die fahrplanmäßige Krise des Lebens. Die Krise und Überforderung in der Lebensmitte ist gar keine so neue Erscheinung, wie sie uns zunächst einmal vorkommt. Vor fast siebenhundert Jahren schrieb der mittelalterliche Theologe und Mönch Johannes Tauler über seine Beobachtungen frommer Männer in der Lebensmitte folgende Sätze. 40, 50 Jahre kommen in eine Krise, und er beschreibt sie so:
All vor siebenhundert Jahren wohlgemerkt all die heiligen Gedanken und lieblichen Bilder und die Freude und der Jubel und was ihm von Gott je geschenkt war, das dünkt ihn nun alles ein grobes Ding. Und er wird daraus allzumal vertrieben, so dass es ihm nicht mehr schmeckt und er nicht dabeibleiben möchte. Dies mag er nicht, und wonach ihn gelüstet, das hat er nicht. Und also ist er zwischen zwei Enden und ist in großem Weh und Gedränge.
Auch das ist ein Phänomen dieser Jahre. Es stellt sich eine geistliche Krise ein. Auch das ist normal. Viele Menschen, nicht nur Männer, können mit der Art und Weise, wie sie in ihrer Jugend und jungen Erwachsenenzeit mit Gott gelebt haben, auf einmal nichts mehr anfangen. Die Dinge werden schal und leer, sei es die stille Zeit, sei es die Bibellese, das Gebet, der Hauskreis, der Bibelkreis, was auch immer. Da entgleitet uns das Gewohnte und das Erlernte aus den Händen.
Jetzt sage ich vielleicht etwas Überraschendes: Das ist nicht schlimm, das ist nichts Tragisches, das ist etwas relativ Normales. Entscheidend ist aber jetzt, dass wir zu neuen Formen finden, dass wir zu neuen Wegen finden, dass die Begegnung mit Gott in einer neuen Weise stattfinden kann. Denn solange wir das Alte verloren haben und das Neue noch nicht gefunden haben und wir unser Leben und unsere Beziehung zu Gott als Krise empfinden, hängen wir in der Luft. Wir haben uns an Formen festgehalten, die jetzt keinen Halt mehr geben, die uns gehalten haben, aber jetzt nicht mehr halten. Und das Neue ist noch nicht da. Das ist die Krise.

Flucht, Starrheit und die Einladung zur Weiterentwicklung

Und nun ein paar Punkte, insgesamt sechs, was uns beim Überleben helfen kann.
Was uns beim Überleben hilft, ist nicht die Flucht. Ist nicht die Flucht. Viele Männer weigern sich in der Krise, sich selbst damit zu konfrontieren, weil tief in uns die Angst steckt, dass wir uns überfordern könnten, dass wir das nicht bewältigen, was da auf uns wartet und dem wir deshalb auch nicht ins Auge schauen wollen.
Noch einmal dieser Johannes Tauler vor siebenhundert Jahren: Er schreibt: Wenn Sie, also die Männer, in der Mitte des Lebens von innen berührt werden, dann sind Sie sofort auf und davon in ein anderes Land, in eine andere Stadt. Können Sie das nicht, so fangen Sie wenigstens eine, freilich nur äußerliche, andere Lebensweise an. Jetzt will er ein armer Mensch werden, dann will er in eine Klause, dann in ein Kloster.
Der Benediktinerpater und Mönch Anselm Grün bestätigt das für seinen Kontext. Er schreibt: Die Erfahrung Taulers bestätigt sich heute bei manchen Männern, die ständig neue Meditationsformen ausprobieren wollen. Sie schwärmen begeistert bald von dieser, bald von jener. Doch wenn die erste Begeisterung verflogen ist, wechseln sie zur nächsten, die nun das Non plus Ultra ist. Und da sie keine Form durchhalten, finden sie nie zu ihrem eigentlichen Grund. Sie stellen sich ihrer eigenen Unruhe nicht, halten sie nicht aus, hören nicht auf Gottes Stimme, der sie gerade durch die Bedrängnis in das eigene Innere führen will.
Wenn wir das Wort von Johannes Tauler einmal in unsere Gegenwart übersetzen, könnte das so lauten: Wenn Männer in die Unruhe der Lebensmitte kommen, dann fliehen sie aus ihrem Beruf, aus ihrer Ehe, aus ihrer Familie, aus ihrem Leben. Suchen neue Jobs, neue Frauen, neue Herausforderungen? Können sie das nicht, so fangen sie wenigstens äußerlich eine neue Lebensweise an. Sie suchen sich neue Gemeinden, neue Hobbys, neue Events.
Wir können das übrigens schon an biblischen Personen beobachten. Was passiert bei Mose, als er vierzig wird? Die Apostelgeschichte legt das auf das vierzigste Jahr des Mose. Als er diese Spannung nicht mehr aushält, in der er sich und sein Volk wahrnimmt in Ägypten, da platzt ihm der Kragen. Da erschlägt er einen ägyptischen Aufseher, und dann heißt es in der Bibel: Und er floh.
Uns ist schon klar, warum er flieht. Weil er jetzt ein Problem hat, weil die ihm auf den Fersen sind. Aber diese äußere Flucht ist auch eine innere Flucht. Da hat einer die Spannung seines Lebens in einer schwierigen Situation nicht mehr ausgehalten und ist geflohen.
Wir sehen das bei David in der Lebensmitte. Der junge David, ein Mann nach dem Herzen Gottes, dessen Karriere ganz steil bergaufgeht, der irgendwann alles hat, was sich ein Mann nur wünschen kann, der im Zenit seines Lebens steht, und auf einmal entgleitet ihm sein Leben. Zweites Samuelbuch 11 heißt es: Und als es Abend wurde, erhob sich David von seinem Lager. Hallo? Interessant, wenn der Herr aufsteht. Und prompt wird der Mann in diesem etwas merkwürdigen Lebensrhythmus anfällig. Da hat er alle Frauen und Nebenfrauen, was weiß ich, was man damals alles hatte, als König, und er braucht die Nächste. Er sucht die Nächste, in die nächste Beziehung.
Wenn Männer aus ihren Berufen, Ehen und Familien fliehen, dann erwarten sie von der äußeren Flucht die Lösung der inneren Krise. Das ist verständlich, aber sinnlos. Wir nehmen die Krise und uns selber nämlich immer mit. Und solange wir uns der Krise nicht stellen, werden wir sie auch nicht überwinden. Der rastlose Aktivismus, der Männer in diesen Jahren gelegentlich befällt, ist eine Flucht vor der notwendigen Veränderung, eine Flucht vor der notwendigen Weiterentwicklung.
Worum es mir heute Morgen geht, ist, dass wir die Krise der Lebensmitte als eine Berufung begreifen, als ein Reden Gottes, das uns verändern möchte. Wenn wir über das Überleben reden, müssen wir über eine Berufung reden.
Aber zuvor noch ein Zweites: Was uns beim Überleben hilft, ist nicht das starre Festhalten am Alten. Es gibt Männer, die auf die Krise anstatt mit der Flucht mit einem starren Festhalten am Alten reagieren. Anstatt diese Krise als eine Chance der Weiterentwicklung zu verstehen, klammert man sich an das Bekannte, klammert sich an das Alte.
Solche Menschen werden dann oft zu Prinzipienreitern, zu Besserwissern, zu Rechthabern, zu Pharisäern. Man wird hart, lieblos, kleinlich und selbstgerecht. Ich begegne vielen solchen Männern in christlichen Gemeinden und Gemeinschaften, Menschen, die mit 50, 60 oder 70 Jahren nur noch schelten, nur noch klagen, nur noch kritisieren, weil alles nicht nur anders, sondern alles viel schlechter und viel schlimmer geworden ist.
Von solchen Menschen bekommen Detlef und ich viele Briefe, dass früher am Seminar und in Lebenshell doch alles viel besser, viel frömmer gewesen sei, viel heiliger. Wenn meine Rede in der Lebensmitte oder in der zweiten Lebenshälfte nur noch aus der Klage über die böse Gegenwart und der nostalgischen Verklärung der guten alten Zeit besteht, wo scheinbar alles besser, frömmer oder heiliger war, dann ist das immer ein Zeichen, dass die eigene Krise der Lebensmitte nicht bewältigt wurde. Dann ist das ein Zeichen, dass Menschen Gottes Berufung, die Weiterentwicklung, nicht angenommen haben.
Man kann sich Gottes Anruf auch dadurch entziehen, dass man starr an dem festhält, was man immer schon für richtig gehalten hat. Dieser Gott, der uns in der Bibel begegnen möchte, möchte uns aber ein ganzes Leben lang tiefer in seine Wahrheit hineinführen. Das ist ein Weg in die Tiefe hinein, weg von der Oberflächlichkeit.
Manche Menschen lassen das aber nur zehn oder zwanzig Jahre in ihrem Leben zu und wissen dann den Rest des Lebens, was richtig und falsch ist. Diese äußerliche Gesetzlichkeit und Selbstgerechtigkeit wird dann zu einem Schutzschild gegenüber der notwendigen Veränderung und Weiterentwicklung.
Es sind viele hier, die schon in einem Jugendkreis waren. Und, liebe Leute, lassen Sie sich mal diesen Jugendkreis von damals, vor allem die Jungs, die jungen Männer, an ihrem geistigen Auge vorüberziehen. Wenn Sie Ihre Kollegen von damals heute vergegenwärtigen, wie viele von denen sind geflohen, geflohen aus Beziehungen, geflohen aus Gemeinden, geflohen aus Berufen? Wie viele von denen sind erstarrt, klagen und kritisieren heute nur noch? Und wie viele haben sich weiterentwickelt?
Und das Beste: Wo gehören Sie dazu?

Gelassenheit, Sinn und die geistliche Deutung der Krise

Die Weiterentwicklung auf unserem Weg mit Gott und mit uns selbst ist die Voraussetzung dafür, dass wir in der Lebensmitte mit den Krisen klarkommen.
Ein Drittes, was uns beim Überleben hilft, ist Gelassenheit. Gelassenheit meint die Fähigkeit, sich selbst zu lassen. Man könnte eine solche Gelassenheit auch Selbstverleugnung nennen. Jesus hat das einmal auf den Punkt gebracht: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Von uns wird das meistens als eine Aufforderung zu einem radikalen Christsein und kompromissloser Hingabe verstanden. Das kann man so lesen, es ist aber zunächst einmal eine Aufforderung zu radikaler Gelassenheit. Ich lasse mich selbst, ich lasse meine Wünsche los, meine Träume, meine Ideen, und ich lasse Christus an mir wirken. Gelassenheit ist Selbstverleugnung, und zu dieser Gelassenheit gehört auch das Loslassen meiner überhöhten Erwartungen, die andere und vor allem ich auch selbst an mich richte. Wo soll denn meine Karriere noch hingehen? Was wollen wir denn im Leben noch alles erleben im Blick auf Erfolg, Abenteuer, Sexualität?
Gelassenheit gehört aber auch zum Annehmen der Leiden, die mir auferlegt sind. Der Druck, der massive Druck, den viele von uns in dieser Lebensmitte erleben, den darf ich auch und soll ich als ein Leiden verstehen. Es ist ein Leiden, das mir als Mann in der Mitte des Lebens auferlegt ist. Ich darf hier vom Leiden reden, auch wenn ich vielleicht äußerlich nicht verfolgt werde. Wenn ich aber dieses Leiden unter den Lasten des Lebens als etwas Auferlegtes verstehen kann, dann bekommt es auf einmal einen tiefen Sinn. Gott legt uns Menschen, Gott legt uns Männern nie ein Leiden auf, ohne dadurch eine zutiefst positive und sinnvolle Absicht zu verfolgen.
Damit bin ich bei meinem vierten Punkt. Was uns beim Überleben hilft, ist Sinn. Schlicht und ergreifend Sinn. Hinter der Krise der Lebensmitte steckt fast immer eine tiefe Sinnkrise: Warum arbeite ich eigentlich so viel? Warum hetze ich mich ab? Warum fühle ich mich so unerfüllt? Warum? Wozu? Für was? Für wen?
Wenn wir in diesen vollen und belastenden Jahren keinen Sinn mehr finden können, werden bestimmte Teile unseres Lebens nicht überleben, entweder der Job oder die Ehe oder die Gesundheit oder alles miteinander. Solange wir in unserem Leben keinen Sinn sehen, werden wir uns und andere immer nur quälen. Wir werden verbittern, und die Menschen in unserer Umgebung werden das merken und spüren. Früher oder später werden sie zu uns auf Distanz gehen. Verbitterte Menschen sind keine sympathischen Menschen.
Die Sinnfrage ist die entscheidende Frage in der Lebensmitte, die Sinnfrage ist die Überlebensfrage. Es war die große Entdeckung des Psychologen und Psychotherapeuten Viktor Frankl. Dieser jüdische Psychologe und Psychoanalytiker wurde von den Nazis ins Konzentrationslager gesteckt. Als Psychoprofi, der er war, hat er in diesem fürchterlichen Lager Beobachtungen gemacht. Er hat einmal beobachtet: Wer hält eigentlich durch in dieser Hölle auf Erden? Wer schafft es, hier zu überleben?
Er machte eine sehr interessante Beobachtung. In diesen Lagern gab es Baumstämme von Männern, so Arnold-Schwarzenegger-mäßig, so richtige Quadratmänner, die nicht überlebt haben, die sehr schnell zugrunde gingen unter diesen Schikanen und Qualen. Und dann gab es in diesen Lagern aber auch Hänflinge, so richtige halbe Portionen, schmächtig, dürr, drahtig, wo er dachte: Oh, oh, oh, der hält nicht lange durch hier. Den wird es als Ersten erwischen. Aber die haben durchgehalten.
Und dann hat er sich mal auf die Socken gemacht in diesem Lager und hat versucht, herauszukriegen, was diese Männer unterscheidet. Man merkte: Der entscheidende Unterschied ist, ob ein Mensch eine Perspektive hat, ob ein Mensch einen Sinn darin sehen kann, diese Hölle zu überleben, einen Sinn darin sehen kann, das alles auszuhalten, ob einer eine Familie zu Hause hatte, eine Frau, Kinder, ob einer noch eine Vision, eine Hoffnung hatte für sein Leben. Das war entscheidend dafür, ob einer überlebte, gar nicht seine körperliche Verfassung, gar nicht seine physische Stabilität. Es ist der Sinn, der uns überleben lässt.
Wenn ich nun als Christ an die Krisen meines Lebens herantrete, dann stehe ich vor der verblüffenden Einsicht, dass in jeder Krise unseres Lebens Gott am Wirken und am Werk ist. Jede Krise unseres Lebens ist immer auch ein Reden und Wirken Gottes, und jede Krise kann und soll zu einer Art Gottesbegegnung und einer Art Gotteserfahrung werden. Das heißt aber, dass im Licht des Evangeliums jede Krise einen Sinn gewinnen kann. Um diesen Sinn zu erkennen, müssen wir die Krise aber erst einmal zulassen. Ich muss sozusagen erst einmal Ja sagen, die Tür aufmachen: Hallo, willkommen Krise, tritt mal ein, und dann unterhalten wir uns. Worum geht es?
Wir sollten Lebenskrisen nicht als etwas betrachten, für das wir uns schämen müssten. Das sind manchmal noch männliche Denkvorgänge: Krise, hoppla, hoffentlich merkt es keiner. Krisen sind nicht etwas, das es im Leben eines Mannes oder im Leben eines echten Christen nicht geben dürfte. Ganz im Gegenteil. Krisen sind Teil unseres Lebens, fahrplanmäßiger Teil unseres Lebens, jedes Lebens. Und es wäre eine zutiefst unchristliche Reaktion, Krisen zu verdrängen. Christen unterscheiden sich von anderen Menschen nicht dadurch, dass sie keine Krisen haben, sondern dadurch, dass sie Krisen als ein Reden Gottes verstehen und diesen Krisen dadurch einen Sinn abgewinnen können. Insofern ist es gar nichts Peinliches, eine Krise zu haben. Es ist vielmehr ein Zeichen Gottes, dass er mir neu begegnen möchte, ein Zeichen, dass er mich weiterentwickeln möchte.
An seinen Grünen beschreibt die Krise in der Lebensmitte. Er sagt, die Krise ist ein entscheidender Abschnitt auf unserem Weg des Glaubens, ein Punkt, an dem es sich entscheidet, ob wir Gott benutzen, um unser Leben zu bereichern und uns selbst zu verwirklichen, oder ob wir bereit sind, uns Gott im Glauben zu überlassen und ihm unser Leben zu übergeben.
Wir können das alles nur aushalten, wenn wir die Situation, in der wir stehen, diese Spannung, diesen Druck, diesen Lebenskompromiss, den wir als so belastend empfinden, als eine Berufung verstehen können. Es ist unsere Berufung, die Krise in der Lebensmitte auszuhalten. Es ist nicht unsere Berufung, dass wir mit allem so weitermachen. Bitte versteht mich hier nicht falsch. Aber es ist die Berufung, diese Krise zu durchleben und zu durchleiten. Es kann sein, dass Gott uns in einen neuen Beruf hineinberuft oder in eine neue Aufgabe in der Gemeinde oder aus einer Aufgabe in der Gemeinde. Die Berufungen können ganz unterschiedlich sein, ganz viele verschiedene Facetten haben, aber die Grundberufung ist es, diese Spannungen zunächst einmal auszuhalten und ihnen standzuhalten. Nur so werde ich die Stimme Gottes recht hören können.
Möglicherweise könnte die Berufung Gottes auch so aussehen, dass wir diesen spannungsvollen Kompromiss zwischen Familie, Beruf, Gemeinde und Verein weiter erleiden. Es könnte aber auch sein, dass wir Dinge verändern. Da muss jeder hören, was ihm gesagt wird. Wenn ich aber mit der pubertären Perspektive an diese Jahre herangehe, dass die Partyjahre des Lebens doch eigentlich weitergehen müssten, dass wir von Erfolg zu Erfolg schreiten müssten, dass das Leben immer toller werden müsste, dann bleibe ich ein Leben lang ein unreifer Teenager. Und glauben Sie mir, davon gibt es mehr, als wir ahnen.
Wer aber Sinn in etwas sehen kann, der kann viel aushalten. Wer Sinn in etwas sehen kann, der kann auch viel erleiden. Denken Sie an Viktor Frankl: Wer die Berufung beziehungsweise den Sinn seiner momentanen Lebenssituation entdeckt, der kann auch Frieden damit schließen. Wir können nur mit Dingen Frieden schließen, die für uns einen Sinn haben. Und nur die Situationen können wir annehmen und Frieden schließen, die uns sinnvoll erscheinen.
Nur wer sich und seine Lebenssituation mit allen Höhen und Tiefen annimmt, kann sich mit sich selbst und mit dem Leben, wie es gerade eben ist, versöhnen. Und nur wer sich mit sich selbst versöhnen kann, kann sich auch mit anderen versöhnen, kann sich mit seiner Frau versöhnen, mit seinen Eltern, seinen Kindern, mit seiner Arbeit, mit seinen Beziehungen, mit seiner Gemeinde. Nur versöhnte Menschen können sich versöhnen.

Vom Tun zum Lassen und zur rechten Perspektive

Ein Fünftes, was uns beim Überleben hilft, ist, Gottes Reden neu zu hören. Die Lebensmitte ist geistlich gesehen auch deshalb eine Wende, weil sich die Waage mehr und mehr von einem Tun zu einem Lassen senkt.
Was meine ich damit? Ich meine damit, dass wir 40, 50 Jahre lang Gas gegeben haben. Wir haben gearbeitet, geschuftet, gerackert. Wir haben hingelangt, wir haben etwas hochgezogen. Das war nichts Falsches. Das ist die Aufgabe in der ersten Lebenshälfte. Da muss ich eine Existenz aufbauen, für mich und für andere. Das war okay, das ist die Berufung der ersten Lebenshälfte: etwas entstehen zu lassen.
Aber jetzt kommen Enttäuschungen, es kommen Ernüchterungen, es kommen jetzt die Ermüdungserscheinungen. Und was uns jetzt quält, ist der anstrengende Appell, weiterzumachen. Das strengt an. Und nun gilt es zu begreifen, dass Gott sich nicht nur in unserem Tun offenbart, nicht nur im Aufbauen, nicht nur im Hinlangen, nicht nur im Gasgeben, nicht nur im Hochziehen von Familien, von Ehen, von Gebäuden usw., sondern dass er sich auch in unserem Lassen offenbart.
Ab der Lebensmitte gilt es, mehr und mehr zu begreifen, dass wir gerechtfertigt werden aus Glauben und nicht aus Werken. Das haben wir vielleicht theoretisch schon alle kapiert, aber unser Lebenszeugnis ist, wenn wir ehrlich sind, ein ganz anderes. Unsere Lebenskrise ist ein Zeugnis dafür, dass wir uns schwer tun, das anzunehmen: vom Lassen und nicht vom Tun zu leben.
Aber unser Weg wird in aller Regel mit zunehmendem Alter auf einen Zustand hinauslaufen, in dem wir uns in unserem Lassen annehmen müssen, weil wir immer weniger tun können. Menschen, die ihr Lassen nicht annehmen können, die werden sozial unverträglich. Menschen, die nicht zurücktreten können, die nicht Platz machen können, die nicht in den Ruhestand gehen können, zeigen auch, dass hier etwas nicht bewältigt wurde.
Ab der Lebensmitte bringt uns Gott bei, wie wir die Rechtfertigung aus Glauben auch existenziell annehmen müssen und nicht nur theologisch-theoretisch richtig verstehen. Denn am Ende dieser Lebensphase, die mit der Lebensmitte beginnt, wird der Tod stehen. Die Krise, die uns in der Lebensmitte einholt, da, wo wir eigentlich so voll im Saft sind und denken, jetzt müssten wir durchstarten, wo ist die Startbahn bitte, ich will abheben, diese Phase endet mit dem Tod. Diese Krise hat mit dem Tod zu tun.
Wenn es mit unseren Lebenskräften bis zum hundertsten Lebensjahr immer weiter bergauf gehen würde, dann hätten wir diese Krise nicht. Wir haben sie, weil sich ab der Lebensmitte unsere Lebensperspektive bewusst oder unbewusst fundamental verändert. Der Blick richtet sich ab jetzt auf unser Ende und damit aber auch auf das, was wir dann sind, wenn wir am Ende sind.
Dann zählen Ämter und Titel nichts mehr. Dann zählt nur noch das, was ich von Gott her bin. Dann zählt, dass er mich bei meinem Namen gerufen hat, nicht bei meinen Titeln, nicht bei meinen Amtsbezeichnungen, sondern bei meinem Namen, also bei dem, was ich mir nicht selber verdient habe. Der Name wurde uns gegeben, den haben wir uns nicht verdient. Und bei dem redet uns Gott an, bei dem, was mir gegeben worden ist. Dann zählt nicht, was mein ist, sondern dass ich sein bin: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.
Und es ist die große Illusion des Lebens, in unseren Erfolgen, in unseren Ämtern, in unseren Titeln das Einzige, das Eigentliche des Lebens zu vermuten, also in dem, was wir uns verdient haben, das Eigentliche zu sehen. Das ist eine Illusion. Der Psychologe Carl Gustav Jung schrieb einmal folgenden Satz: In Ämtern und Titeln steckt etwas Verführerisches, weshalb so viele Männer überhaupt nichts anderes sind als ihre von der Gesellschaft ihnen zugebilligte Würde. Es wäre vergeblich, hinter dieser Schale eine Persönlichkeit zu suchen; man fände hinter dieser großen Aufmachung bloß ein erbärmliches Menschlein. Darum ist das Amt so verführerisch, weil es eine billige Kompensation für persönliche Unzulänglichkeit darstellt.
Ich will das sehr gerne bestätigen, als jemand, dessen Name bei vielen Veranstaltungen mit Amt und Titeln dekoriert wird. Ämter, Titel und Erfolge sind nichts als Schale, nichts als Schale über die Persönlichkeit, über das Eigentliche. Sie geben keine Auskunft; dazu müssen Sie meine Frau und Kinder befragen.
Die Krise in der Lebensmitte ist die Herausforderung und die Berufung, zum Eigentlichen unseres Lebens vorzudringen, zu diesem Leben aus der Gnade und Barmherzigkeit Gottes heraus. Und das Eigentliche unseres Lebens ist nicht das, was wir uns erarbeitet haben, sondern das, was uns von Gott her zugesprochen wird: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Das wird mir zugesprochen, das kann ich mir nicht erarbeiten.
Dass das Eigentliche des Lebens in einem Leben aus der Gnade und Barmherzigkeit Gottes besteht, wird ein Mensch bis zum vierzigsten Lebensjahr theoretisch verstehen können. Aber er wird sich immer schwer tun, das zu verinnerlichen, denn die Berufung des jungen Menschen ist es, etwas aufzubauen, sich in der Welt einzurichten. Er muss lernen, sein Leben zu gestalten, Verantwortung zu übernehmen. Die Berufung des jungen Menschen hat sehr viel mit dem Gestalten zu tun.
Aber im Zenit des Lebens, und der Begriff Zenit drückt ja vieles aus in der Höchststellung des Lebens, die jetzt aber wieder nach unten geht, muss ich meinen Blick auf das Ende hin richten. Und das ist eine sehr geistliche Aufgabe, die ich nur an der Hand Gottes recht bewältigen kann. Nur im Aufblick auf Jesus Christus, der diese lebendige Hoffnung über die Grenzen des Lebens hinaus ist, kann ich das schaffen. Aber mit ihm kann ich es auch schaffen.

Grenzen, Konzentration und die Frucht des Lebens

Ein Letztes: Was uns beim Überleben hilft, sind Grenzen.
Ein Kollege von mir – ich hätte es genauso gut selbst sein können – hat einmal in einem lockeren Gespräch mit einer Psychologin geplaudert. Er sagte: Ja, er sei eigentlich ganz glücklich mit seinem Leben. Er habe viel erreicht, sein Leben sei irgendwie super gelaufen, ganz klasse. Wenn er noch einmal von vorne anfangen könnte, würde er zwar etwas anders machen, aber eigentlich nicht viel. Er würde sich wahrscheinlich mehr Zeit für seine Kinder nehmen.
Dann knallte ihm diese Psychologin den Satz vor den Latz: Das ist kindisch. Wer meint, alles haben zu können – ich habe das in der Einleitung schon erwähnt –, wer meint, neben Karriere, Ehe, Familie, Gemeinde und Verein noch ganz viel Zeit für seine Kinder haben zu können, der benimmt sich kindisch. Auch hier müssen wir mit Grenzen leben. Und unsere Partner und Kinder auch.
Fast alle Opfer eines Burn-outs oder einer Erschöpfungsdepression hatten oder haben Schwierigkeiten, mit dem Erwartungsdruck umzugehen, mit dem moralischen Erwartungsdruck. Anstatt eine Lösung zu finden, die möglicherweise für sich selbst und für andere schmerzhaft wäre, übernehmen sie den Druck und versuchen, ihm immer mehr standzuhalten.
Es ist ein entscheidendes Lernfeld unseres Lebens, Grenzen zu ziehen.
Mir ist einmal auf einem Christustag der Ludwig-Hofacker-Bewegung etwas passiert. Ich war in zwei Veranstaltungen eingeteilt, die nacheinander stattfanden. Ich hatte in jeder einen Part, und ich hatte eine Viertelstunde, um in der Pause von Halle A nach Halle B zu kommen. Das war unglaublich. Ich bin rechtzeitig aus Halle A raus, und auf dem Weg nach Halle B treffe ich einen Bekannten nach dem anderen. Mit jedem einen Schwatz, mit jedem ein Händeschütteln, mit dem einen ein Plauderstündchen, mit dem anderen eine Plauderminute. Mit langen Reden, kurzer Sinn: Ich bin maßlos zu spät gekommen. Eine ganze Halle hat auf mich gewartet, weil ich diesen Weg, der zweihundert Meter weit war, in einer Viertelstunde nicht gepackt habe.
Ein Freund, der mich beobachtet hat, sagte nachher zu mir: Ich will dir einen Rat geben, den Jesus seinen Jüngern gegeben hat, als er sie ausgesandt hat zur Mission in Israel: Grüßt nicht auf dem Wege.
Aber hinter diesem Satz „Grüßt nicht auf dem Wege“ muss man sich das einmal vorstellen: in einer jüdischen Kultur, wo Beziehungen alles sind, wo Höflichkeit alles ist, wo das Reden, das Grüßen oft einen langen, großen Raum einnimmt – was bei uns ja oft auch so ist –, bedeutet „Grüßt nicht auf dem Wege“: Setzt euch Grenzen, damit ihr das Ziel erreicht, damit ihr euch konzentriert und nicht zerstreut.
In einer persönlichen Trauerphase hat das damit zu tun, dass die Aufgaben hier gewachsen sind. Das ist schön, das ist gut, das ist toll, das motiviert mich sehr und freut mich. Aber jeder von uns hat nur 24 Stunden. Ich muss neue Grenzen ziehen. Ich werde in einem Monat die letzte Bibelwoche meines Lebens halten – oder meines Lebens vielleicht nicht, aber der nächsten Jahre bestimmt. Es macht mich traurig, weil ich es gern mache.
Trauerphasen, in denen wir Grenzen setzen müssen, Grenzen ziehen müssen, um überleben zu können. Denn das ist eben der Punkt: Nur mit Grenzen finden wir Weite, nur mit Grenzen finden wir Freiheit. Freiheit ist nicht etwas Grenzenloses, sondern etwas klar Eingegrenztes.
Während der Sinn des Lebens in der ersten Hälfte darin bestand, die Grenzen zu erweitern, etwas hochzuziehen, müssen wir jetzt die Grenzen eher enger stecken, damit wir nicht uferlos werden. Wir können nicht grenzenlos leben. Wenn wir uns immer weiter die Grenzen ausdehnen, dann würden wir uns zerstreuen. Das würde auch bedeuten, dass unser Leben sinnlos würde.
Das Geheimnis der Frucht, nicht des Erfolgs: Frucht ist etwas anderes als Erfolg. Frucht ist das Bleibende, was man in der Ewigkeit wiederfinden wird. Und das Geheimnis der Frucht ist die Konzentration, nicht die Zerstreuung.
Der Liederdichter Matthias Claudius hat es in seinem berühmten Abendlied vom Mond, der aufgegangen ist, in zwei Männerstrophen wunderbar auf den Punkt gebracht:
Wir stolzen Menschenkinder, sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel.
Eine sehr ernüchternde Erkenntnis, weil wir immer dachten, wir wüssten eigentlich sehr viel und vor allem alles besser. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste, Aktivitäten, Erfolge, Hobbys, und kommen weiter von dem Ziel. Wir zerstreuen uns. Wir finden das Ziel nicht, das wir hatten, indem wir zu viel machen.
Seine Antwort ist in der nächsten Strophe:
Gott, lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergängliches trauen, nicht Eitelkeit uns freuen.
Orientierung auf den Tod hin, Orientierung auf das Lassen, das Leben von dem, was ich mir nicht selbst verdient habe, sondern was mir geschenkt worden ist. Nicht Eitelkeit uns freuen. Erfolge erfüllen nicht. Erfolge sind nett, Titel auch, und Amtsbezeichnungen auch. Aber sie erfüllen nicht, sie sind nicht das Eigentliche im Leben.
Lass uns einfältig werden heißt nicht, naiv, bescheuert oder doof zu leben. Einfalt meint hier dieses Leben aus der einen Falte, dieses Leben in der Konzentration, diese eine Falte, die auf den hinführt, der mir das Leben geschenkt, es mir erlöst hat und es vollenden will. Lass mich einfältig werden, konzentriert und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.
Danke fürs Zuhören, überleben Sie gut!