Schlagfertig für Christus
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Frühe Prägungen und familiärer Hintergrund
Ulrich Parzany, geboren am 24. März 1941 in einer der schönsten Städte Deutschlands, in Essen im Ruhrgebiet. Warum er trotzdem die süddeutsche Küche bevorzugt und lieber Spätzle isst als die im Ruhrgebiet beliebten Kartoffeln, und noch vieles mehr über Ulrich Parzany erfahren Sie in der kommenden halben Stunde.
Pfarrer Ulrich Parzany ist Evangelist und steht als Generalsekretär an der Spitze des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland. Wir haben Ulrich Parzany in der Zentrale des CVJM in Kassel besucht. Sein Büro ist schlicht möbliert, dem Stil des schon etwas älteren Gebäudes angepasst. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt ein bizarres Bild, moderne Kunst zweifellos.
Wir setzen uns, Ulrich Parzany erzählt. Der Zweite Weltkrieg habe seine Kindheit sehr geprägt. Der Vater wurde kurz nach der Geburt eingezogen, war dann Jahre im Krieg und in Gefangenschaft, und wir haben mitten im Ruhrgebiet gelebt, das dann ja auch kräftig bombardiert wurde.
Die Familie wird evakuiert und lebt ungefähr ein Jahr lang im Schwarzwald. Da habe ich übrigens meine Geschmacksnerven geprägt bekommen auf Spätzle. Obwohl ich also aus dem Ruhrgebiet komme, verzichte ich auf Kartoffeln gerne und esse Spätzle und alles, was die schwäbische Küche so produziert, mit Vorliebe.
Eine weitere Evakuierungsmaßnahme führt die Familie in den Westerwald nach Altenkirchen. Endlich sicher vor den Bomben? Die Hoffnung trügt. Wir sind ausgebombt worden in Altenkirchen, da war ich vier Jahre. Das habe ich noch sehr stark in Erinnerung: wie ein Haus über einem zusammenstürzt und wir aus dem Keller in den naheliegenden Wald flüchteten, die Mutter, die neugeborene Schwester so auf dem Kissen dabei. Das brächt sich in eine Kinderseele ein.
Trotzdem habe er eine sehr glückliche Kindheit erlebt, sagt Ulrich Parzany. Ich habe das eigentlich damals überhaupt nicht so als Benachteiligung erlebt. Ich weiß, wie in Essen-Ost Riesenschuttberge auf der Straße lagen und wie wir so Räuber und Gendarm in den Trümmern gespielt haben. Ich weiß gar nicht, wie das heute lebensgefährlich gewesen ist, wenn man so vom vierten in den zweiten Stock springen konnte, durch die Decke, die von den Bomben durchlöchert war. Oder Rattenschießen auf der Schutthalde war eine der beliebten Sportarten.
Wahrscheinlich sind wir deshalb relativ seelisch gesund aufgewachsen, weil wir eine sehr urtümliche Art der Freizeitgestaltung hatten: Hartfußballspielen auf der Straße, mit Blechbüchsen, entsinne ich mich, das war die erste Sache.
Der Vater als Vorbild und die Atmosphäre zu Hause
Für den Vater hegt Ulrich Parzany unverhohlene Bewunderung. Der Vater war Ingenieur, später Oberingenieur, und er baute Wasserkraftwerke. Ein Mann, der ihn sehr beeindruckt hat: sehr energisch, sehr vital und auch sehr tüchtig in seinem Beruf. Dabei hatte er es sehr schwer. Die Großeltern waren aus Ostpreußen gekommen. Wir sind so eine typische Essener Familie, würde man heute sagen: Gastarbeiter aus Ostpreußen, wo nichts mehr zu verdienen gab, zu Krupp in die Fabrik, mit vielen Kindern in zwei Räumen und so. Sehr bescheidene Arbeiterverhältnisse. Und ich weiß, dass mein Vater in Nachtschicht gearbeitet hat, um dann die Ingenieurschule zu besuchen.
Ein sehr fröhlicher Mann sei er gewesen, befreundet mit dem Essener Jugendpfarrer und Evangelisten Wilhelm Busch, und er habe sich sehr engagiert in der christlichen Jugendarbeit. Ich habe zu Hause immer die Atmosphäre von richtiger Vitalität und Freiheit genossen. Deshalb habe ich immer mit Traurigkeit Leuten zugehört, die ihr Christsein, ihre christliche Erziehung mit Enge, mit Zwang und mit solchen Dingen verbunden haben. Das war bei uns nie so.
Der Vater war insofern streng, als er wirklich etwas erwartete. Wenn ich faul gewesen wäre und so, dann wäre zu Hause kein Pardon gewesen. Da ging schon etwas. Aber es war immer irgendwie fröhlich, und es war Luft zum Atmen. Deshalb habe ich auch das Christsein meiner Eltern eigentlich immer in positiver Erinnerung gehabt.
Während der Woche ist die Mutter oft mit den Kindern allein. Na ja, der Vater war viel weg, dienstlich unterwegs. Das hat unser Leben eigentlich bestimmt. Ich erinnere mich, er hat damals an der Mosel die Staustufen gebaut. Die Moselkanalisierung war Anfang der Fünfzigerjahre dran. Oder er hat dann in Vianden in Luxemburg ein, ich glaube, damals größtes Pumpspeicherwerk Europas gebaut. Er war oft die ganze Woche über weg, so dass wir samstags im Saarland waren oder er spät abends wiederkam. So war die Mutter eigentlich zu Hause in der Familie der ruhende Pol, außerordentlich fraulich, warm, herzlich und fröhlich.
Schulzeit, Kunst und erste geistige Interessen
Mit dem Wort Schule verbindet Ulrich Parzany vorwiegend positive Erinnerungen. Er besucht das Essener Burg-Gymnasium.
Zwei Dinge haben ihn dort besonders bewegt. Er hatte einen interessanten Musiklehrer, der irgendwie Freude an der Musik vermitteln konnte und es einem nicht verleidet hat, dadurch dass er perfektionistische Dinge forderte. Das habe ich inzwischen fast verlernt. Ich habe bis zum Abitur Geige im Schulorchester gespielt. Ich muss ehrlich sagen, das war die einfachste Art und Weise, in Musik eine Eins zu verdienen. Wenn man da mitmachte, hatte man die schon mal weg. Das habe ich dann immer gemacht, es war aber auch nett.
Und ich hatte einen interessanten Kunstlehrer, der selbst Maler war und es verstanden hat, uns Freude an der abstrakten Kunst zu machen. Bis heute habe ich Freude daran, also an gegenstandsloser Malerei. Er konnte zum Beispiel sagen: Wenn man Perspektiven darstellen will, dann fotografiert man am besten, dann stimmt auch alles. Nicht wahr, wir lügen nicht auf dem Bild. Das ist eine Fläche, und wir gestalten die Fläche mit Farben und mit Formen. Das hat mir eingeleuchtet, das war irgendwie ehrlich. Und dann hatte er auch eine gute Art und Weise, uns das selbst beizubringen, so im Kunstunterricht. Da habe ich früh eine große Liebe zur gegenstandslosen Malerei, zur modernen Kunst, entwickelt.
Auch mit der griechischen Philosophie setzt sich Ulrich Parzany in dieser Zeit intensiv auseinander und ist fasziniert von der Weite dieser Denkmodelle. Im kirchlichen Konfirmandenunterricht dagegen langweilt er sich schrecklich. Wenn man einen Jungen von zwölf, dreizehn Jahren zwei Jahre lang langweilt, ist das also schlimm. Außerdem habe ich mir eine Ohrfeige gefangen, das ist natürlich auch nicht die erquicklichste Erfahrung.
Als ich irgendwann mal so frustriert war, war er Vikar und hat dann gefragt, man sollte mal sagen, ob wir einen Kirchenvater wüssten. Dann war es still im Saal, da waren damals so sechzig Jungs und Mädchen, und dann habe ich mich hinter meinen Vordermann gebeugt und in den Saal gebrüllt: Adolf Hitler. Dann wurde es noch stiller, und dann musste ich nach vorne kommen. Dann hat er mir einen geknallt. Das kann man sich ja vorstellen. Was für eine Einstellung zum christlichen Glauben man gewinnt, wenn man da so malträtiert wird. Also das war eigentlich ein bisschen schwierig.
Begegnung mit lebendigem Glauben und persönliche Entscheidung
Dann aber hatte ich das unverschämte Glück, und das war ein Riesengeschenk Gottes an mich, dass ich in dem Stadtbezirk, in dem ich wohnte, von jungen Leuten aus dem Essener Weiglerhaus eingeladen wurde. Das war eine spannende Jugendgruppe. Da wurde so gut Fußball und Hockey gespielt wie sonst was. Aber die gleichen Leute, die dieses rasante Programm mit uns Jungs machten, waren auch die, die erzählten, was Christus für sie bedeutete und warum sie Jesus nachfolgen. Sie forderten uns heraus, die Bibel zu lesen, zu beten und wirklich einen Anfang zu machen.
In seiner Freizeit spielt Ulrich Parzany gerne Tennis. Für sportliche Aktivitäten ist er überhaupt gerne zu haben. Eines Tages nach Pfingsten lädt ein Theologiestudent einige der Jugendlichen zu einer Fahrradtour durchs Bergische Land ein. Ulrich Parzany fährt mit.
Ich weiß nur noch zwei Dinge von dieser Fahrt. Wir haben streckenweise gelacht wie die Berserker, sodass wir vor den Fahrrädern fielen. Es war also eine richtig alberne Tour. Und dann saßen wir eines Abends vor der Jugendherberge in Kürten, und dort war so eine improvisierte Bibelarbeit. Der Student hieß Monty. Er drehte sich zu mir um und sagte: „Hör mal, weißt du eigentlich, ob du zu Jesus gehörst?“
Ich war von der Frage ein bisschen verblüfft und ahnte: Wenn ich jetzt Nein sage, würde ich mir Unannehmlichkeiten einhandeln, viele Fragen und tiefe Gespräche. Und das wollte ich nicht. Also sagte ich Ja. Er war zufrieden, ich hatte meine Ruhe, dachte ich. Aber ich hatte diese Ruhe eben nicht. Ich wurde in den Tagen überhaupt nicht mehr ruhig, weil das gar nicht stimmte.
Dann hat diese Fahrradtour plötzlich eine andere Tiefe für mich gewonnen. Die Gespräche bekamen einen neuen Tiefgang, und ich habe ganz anders hingehört. Als wir dann nach Hause kamen, das weiß ich wie heute, es war samstags, bin ich in mein Zimmerchen gegangen und habe für mich klargemacht, dass ich Jesus folgen will. Dann habe ich ein Gebet gesprochen und gesagt: Von jetzt an, was immer vorher war, aber von jetzt an will ich dir gehören.
Berufung, Studium und der Weg nach Jerusalem
Für Ulrich Parzany bedeutet diese persönliche Hinwendung zu Christus keineswegs, dass er sich auch beruflich entsprechend orientieren will. Ihm schwebt eher der Ingenieursberuf vor. Im Essener-Weigler-Haus lernt er schnell, dass Christsein keine passive Sache ist, sondern Mitarbeit bedeutet, Engagement für andere. Aber Pfarrer zu werden, das lehnt er ab.
Dann kommt ein Bibelkurs, den Karl Sundermeier, Bundesvater Ziffer im Westbund in Weiglaus, zwischen Weihnachten und Neujahr hält. Das Thema ist Hebräer 11, diese Parade des Glaubens. Und das weiß ich wie heute: Er erzählte über Mose, wie der lieber die Schmach des Volkes Gottes tragen wollte als die Vorzüge und den Genuss des Pharaopalastes. Und als er das so auslegte, der Karl Sundermeier, war mir im Gewissen klar, meine ganze Verachtung und Ablehnung für den hauptamtlichen Dienst war Hochmut, weil ich wirklich die Pfarrer verachtete. Und ich wusste in dem Augenblick: Gott ruft mich, und der will mich zum hauptamtlichen Dienst haben.
Noch am selben Abend sucht Ulrich Parzany seinen damaligen Jugendgruppenleiter Hartwig Lücke auf und erzählt ihm von diesem Erlebnis. Er fürchtet, dass er seiner Berufung untreu werden könnte, und bittet Lücke, ihn in diesem Fall an seine Berufung zu erinnern. Das hat er dann getan.
Ich habe dann auf der Schule Hebräisch gelernt. Als mein Vater das entdeckte, da hat er fast einen Tobsuchtsanfall gekriegt, und da gab es zu Hause schwere Auseinandersetzungen. Er wollte das überhaupt nicht, dass ich Pfarrer wurde. Ich habe das schließlich durchgesetzt, es war nicht ganz einfach. Übrigens hat mein Vater mich dann später sehr, sehr stark dabei unterstützt. Das war zunächst eine schwierige Zeit.
Ulrich Parzany studiert Theologie in Wuppertal, Göttingen, Tübingen und Bonn. Weil er sich die Sprachen schon auf dem Gymnasium angeeignet hat, kommt er rasch voran. Zusätzlich belegt er einige Semester Volkswirtschaft. „Er halte sich mit der Volkswirtschaft ein Hintertürchen offen“, meint Hartwig Lücke dazu und trifft ins Schwarze. Daraufhin ist Parzany bereit, sich auf das eigentliche Studium zu konzentrieren und nicht länger auszuweichen. Während des Studiums engagiert er sich in der SMD der Studentenmission in Deutschland und lernt in dieser Zeit auch seine spätere Frau Regine kennen, die ebenfalls in der SMD aktiv ist.
Nach dem Examen wird er völlig überraschend vom Oberkirchenrat in Düsseldorf angefragt, ob er bereit wäre, als Vikar nach Jerusalem zu gehen. Ulrich Parzany, soeben frisch verlobt, hat nur wenige Stunden Bedenkzeit. Nach intensiven Gesprächen fällt die Entscheidung. Seine Braut geht als Lehrerin an den Harz, und er geht für ein Jahr nach Jerusalem als Vikar der lutherischen Gemeinde.
Größere Teile meiner Tätigkeit mit palästinensischen Schülern im Internat, da war ich so vom Frühsport über die Andacht, Schularbeitenhilfe, für all sowas zuständig, und dann die andere Hälfte in der deutschen Gemeinde, Jerusalem und Amman, Bethlehem. In diesem Jahr habe ich mindestens so viel gelernt wie im ganzen Theologiestudium, das hat mich sehr, sehr geprägt.
Erfahrungen in Jerusalem und neue Sicht auf Mission
Erlebnisse in Jerusalem
Da ist zum Beispiel der Muezzin auf dem Minarett, der die Moslems zum Gebet ruft. Er tut es über Lautsprecher, die außerordentlich laut eingestellt sind. Das ging einem schon auf die Nerven. Dann habe ich eines Tages beschlossen, dass ich mich darüber nicht mehr ärgern will. Sondern wenn alle Muslime jetzt beten und sich durch den Muezzin daran erinnern lassen, dann will ich auch zu dieser Zeit beten, so dass das keine ungenutzte Zeit ist. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis.
In Jerusalem lernte er auch eine alte Missionsärztin kennen, die ihm zu einer neuen Sicht des christlichen Missionsauftrags verhilft. Sie erzählt ihm, was ihr selbst am Anfang ihrer missionarischen Laufbahn aufging. Für die Weltmission braucht man keine spezielle Berufung. Jeder Christ hat die Berufung. Jesus hat gesagt: Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker. Wenn man zu Hause bleiben will, braucht man eine besondere Offenbarung.
Ich hatte das immer umgekehrt gesehen, immer gedacht: Also für Weltmission, da braucht man so eine Spezialoffenbarung, sonst bleibst du zu Hause. Das war für mich eigentlich damals so ein Knackpunkt, ein Durchbruch, wo ich sagen konnte: Jesus, jetzt will ich die Grenzen wegnehmen. Du kannst mich berufen. Ich bin bereit, dir zu dienen, wo auch immer in dieser Welt du willst, sei es in Gelsenkirchen oder in Afghanistan, wo du meinst.
Ulrich Parzany ist nun bereit, Missionar im Ausland zu werden. Er informiert sich über die Missionsgesellschaften und nimmt Kontakte auf. Dann ist die Zeit in Jerusalem um. Er kehrt zunächst zurück nach Essen und stellt fest, dass Gott eine ganz andere Platzanweisung für ihn hat. Er wird in die Jugendarbeit des Essener Weiklerhauses berufen.
Da habe ich mich ziemlich gequält, bis ich da ein Ja dazu sagen konnte. Ich hatte die Arbeit sehr lieb und wollte sie nicht unbedingt ruinieren. Das Hemd von Wilhelm Busch und Herbert Demmer, diese Jacken waren mir alle viel zu groß. Aber schließlich habe ich dann doch innerlich auch ein Ja dazu gefunden und habe dann gern die Arbeit in Essen gemacht.
Jugendarbeit, Vorbilder und theologische Vertiefung
Der Jugendpfarrer und Evangelist Wilhelm Busch hat großen Einfluss auf Ulrich Parzany ausgeübt. Schon in der Kindheit kam es zu ersten Begegnungen, später dann im Weigle-Haus zu engem Kontakt.
Die Leute haben ihm ja immer vorgeworfen, er würde die Geschichten erfinden, die er erzählte. Er konnte ja predigen und erzählte dauernd Geschichten, deshalb war das gar keine Schwierigkeit, ihm zuzuhören. Aber wenn man mit ihm näher Bekanntschaft machte, merkte man: Die Geschichten, die er erlebte, erlebt jeder, aber er hatte eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit. Wenn er zehn Minuten von seiner Wohnung bis zum Bahnhof ging, dann nahm er wirklich wahr, was passierte.
Von Wilhelm Busch habe er auch theologisch entscheidende Anregungen bekommen, sagt Parzany. Er hat mir theologisch eigentlich deutlich gemacht, dass das Evangelium keine Ideologie und keine Philosophie ist, sondern Geschichte Gottes. Und erst später, als ich dann bei einem Theologen den Satz las, dass die Nacherzählung die angemessene Form der Verkündigung sei, weil Gott ein Gott der Geschichte ist und in der Geschichte handelt, wurde mir deutlich, dass sich das als junger Christ eigentlich mehr intuitiv eingeprägt hatte.
Wiederum durch die Vermittlung von Wilhelm Busch ist Ulrich Parzany als junger Theologiestudent bei einem alten, erfahrenen Theologen zum Abendessen eingeladen. Er versucht, dem alten Herrn zu erläutern, wie schwer es sei, die zurzeit aktuelle Theologie von Rudolf Bultmann zu beurteilen. Und dann hat dieser alte Herr mich angeschaut und gesagt: Wissen Sie, bevor Sie nicht das Neue Testament mehrmals auf Griechisch und große Teile des Alten Testamentes auf Hebräisch gelesen haben, nehme ich Sie als Theologen überhaupt nicht ernst, sprach und ging zu einem anderen Thema über.
Das hat mich total verblüfft. Der ist gar nicht auf meine Nöte so eingegangen. Ich habe von dem Tag an das praktiziert, jeden Morgen ein Kapitel Griechisch gelesen, bevor ich in die Vorlesung ging, und vier, fünf Verse Hebräisch. Und das hat mir plötzlich eine tiefere Freude am Wort Gottes geschenkt. Ich habe gemerkt, dass man die Theologie so von den Fundamenten her studieren muss: die Sprachen lernen, die Bibelkunde lernen, die schieren Fakten der Kirchengeschichte, den Katechismus. Und dass man von den Fundamenten her die Mauern dann baut und nicht hier eine Schnapsidee und dort eine Modemeinung, die morgen vergessen ist und so.
Das hat mir eine tiefe Solidität auch in meinen Glauben gebracht, auch in das Nachdenken über den Glauben, auch eine Sicherheit, auch im Denken Klarheit gegeben. Das hat mir sehr geholfen.
Leitung in Kassel und Evangelisation als Auftrag
Zurück zur Lebensgeschichte: Nach der Zeit als Vikar in Jerusalem wird Ulrich Parzany Jugendpfarrer im Essener Weigelhaus. Ein hartes Pflaster, erinnert er sich. Viele der Jugendlichen, die kommen, haben keinen christlichen Hintergrund. Dreizehn bis sechzehn Jahre alt, kein leichtes Publikum, da zählt nur, was echt ist.
Unser Sonntagnachmittag in der Stunde der Bibel, so zwischen Kickern und Fußballspielen, Hockeyspielen und Randale im offenen Programm, so dreiviertel Stunde mit denen etwas zu machen, wo die überhaupt zuhören, war eine irrsinnige Herausforderung. Das hatte ich zu leiden, aber die Verkündigung machten die ehrenamtlichen Jugendgruppenleiter. Da habe ich viel gelernt. Die waren ja oft nicht die großen Theologen und so Rhetoriker. Aber die hatten durch die praktische Arbeit das Recht erworben, gehört zu werden.
Ein Achtzehn-, Neunzehnjähriger, der etwas von seinem Glauben erzählt, könne Jugendliche oft auf eine Art und Weise erreichen, wie es dem Pfarrer kaum je möglich sei, resümiert Parzany. Die Mitwirkung der ganz normalen, theologisch nicht geschulten Christen in der Verkündigung hält er für so wichtig, dass große Kapitel mit dem Gewissen erreicht werden.
Nach siebzehn Jahren Jugendarbeit in Essen wird Ulrich Parzany vom CVJM-Gesamtverband gebeten, als Generalsekretär in die CVJM-Zentrale nach Kassel zu kommen. Parzany zögert. Sein Freund Konrad Eissler macht ihm Mut, die Herausforderung anzunehmen, wenn er dadurch mehr Zeit bekomme zu evangelisieren. Nach einer schlaflosen Nacht und einem längeren Gespräch mit seiner Frau nimmt er die Aufgabe an.
Ich schätze auch diese Hintergrundarbeit, dass man langfristig etwas auf den Weg bringen kann, Menschen überzeugt, mit Verantwortlichen zusammenarbeitet, versucht, bestimmte Linien zu legen. Das finde ich sehr reizvoll, ich tue deshalb diese Arbeit auch gerne. Ich bin froh, dass ich hier ein Gleichgewicht habe zwischen dieser Leitungstätigkeit und der Verkündigungsarbeit, dass das nicht zu kurz kommt. Ich glaube, ich predige mindestens so viel, vielleicht sogar mehr, als ich das in Essen getan habe, nicht nur sonntags, sondern auch sonst in Vorträgen, offenen Abenden und missionarischen Wochen.
Evangelisation ist für Ulrich Parzany eine Leidenschaft, ein Lebensauftrag. Auch sein Mitwirken bei der Großevangelisation ProChrist 95 in Leipzig als Hauptredner sieht er unter diesem Vorzeichen.
Es ist unser Grundproblem, dass wir auf der Flucht vor Gott sind. Und die Frage nach der Gottesbeziehung, ob gelöst oder nicht gelöst, versöhnt oder nicht versöhnt, beeinflusst alle anderen Beziehungsebenen: die Beziehung zu mir selbst, die Beziehung zu anderen Menschen und die Beziehung zur ganzen Umwelt. Und das ist die Überlebensfrage Nummer eins. Die hat verschiedene Spielarten in verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen, aber es ist die eine Kernfrage. Und meine Aufgabe ist, Christus zu verkündigen, deutlich zu machen, dass er die Schlüsselfigur Gottes fürs Leben ist und wie er sie ist, als er gekreuzigt und auferstanden ist.
Ehe, Familie und persönliche Freuden
Dass Ulrich Parzany viel unterwegs ist, haben die Parzany von Anfang an in ihre Ehe und in ihr Familienleben mit einbezogen. Die drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne, sind mittlerweile schon fast aus dem Haus. Das ermöglicht dem Ehepaar wieder ganz neue Freiheiten.
Ulrich Parzany über seine Frau: Sie ist von Hause aus Lehrerin, er hat eine Ausbildung als Lehrer gemacht und war auch als Lehrer tätig. Vier Jahre, bis wir geheiratet haben, hat sie diesen Beruf ausgeübt, dann hat sie ihn aufgegeben und ist ehrenamtlich tätig. Heftig muss man sagen, heftig ehrenamtlich tätig. Jetzt ist sie zum Beispiel sehr engagiert in der Kasseler Frühstücksarbeit für Frauen als Koordinatorin. Das bringt eine Menge guter und wichtiger Kontakte mit sich. Ich habe eine sehr selbständige Frau, die nicht in meinem Windschatten segelt und die auch nicht zu Hause sitzt und Trübsal bläst, bis ich wieder nach Hause komme, sondern die sehr eigenständig ihren Weg geht. Und auch ihr Dienst ist mein Dienst. Wir erleben das sehr stark und auch bewusst gemeinsam.
In seiner Freizeit liest Ulrich Parzany viel, spielt gerne mal eine Runde Tennis, hört Musik und macht Musik. Ohne Musik kann er sich sein Leben und seinen Glauben nicht vorstellen. Eines seiner Lieblingslieder ist das Lied „Wer Gott folgt, riskiert seine Träume“ von Jörg Swoboda und Theo Lehmann.
„Werde ich nie vergessen, wie dieses Lied beim Schlussgottesdienst in Nürnberg beim Christival 1988 gesungen wurde, von Jörg Swoboda und von Manfred Sieber, glaube ich, gemeinsam. Und Jörg Swoboda sang dann, wir waren ja an dieser Zeppelin-, wie heißt das da, in diesem schrecklichen Reichsparteitagsgelände da, und da guckte man von der Bühne aus ja auf die Stelle, wo der Hitler sonst stand, wenn er zu diesem Parteitag redete. Und dann hat Jörg Swoboda die Arme ausgestreckt: Die Mächtigen kommen und gehen, und auch jedes Denkmal fällt. Bleiben wird nur, was auf Gottes Wort steht. Der festeste, sicherste Standpunkt der Welt, wo er ist. Das ist ein Lied, das hat mich sehr geprägt. Noch gewiss, er schläft nicht und sorgt für sein Kind. Vertraut auf den Herrn, der ist. Steht das alles im Flug, schwingt viele, seid sicher, der Herr hält sein Wort. Es ist der sicherste Standpunkt der Welt. Und lehrt eure Kinder, dass alles vergeht.“
