Einführung in die Thematik und Kontext des Vorwurfs
Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 457: Der Jubel Abrahams
Erinnern wir uns an den Vorwurf, der noch im Raum steht: Bist du etwa größer als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben – was machst du aus dir selbst?
Jesus hat den letzten Teil dieses Vorwurfs gerade beantwortet. Nun geht er auf den vermeintlich toten Abraham ein. Dieser ist nämlich nicht ganz so tot, wie seine Zuhörer sich das vielleicht denken.
Abrahams Jubel über den Tag Jesu
Johannes 8,56: Abraham, euer Vater, jubelte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich.
Hier sind zwei Dinge relevant. Zum einen jubelte Abraham darüber, dass er den Tag Jesu sehen sollte. Dabei ist der Tag Jesu nicht der abschließende Gerichtstag, sondern ein Tag, der bereits in der Vergangenheit liegt. Er sah ihn und freute sich.
Die Frage ist: Wann jubelte Abraham? Diese Frage kann ich nicht abschließend beantworten. Meine These wäre, dass er entweder in der Geburt seines eigenen Sohnes Isaak eine Verheißung auf die Geburt des Messias erkannte oder diese Verheißung nach seinem Tod erhielt. Ich tendiere zur zweiten Antwort.
Ich glaube, dass Abraham starb und bei Gott angekommen die Verheißung bekam, die Geburt des Messias zu erleben. Als er es dann tatsächlich erlebte, jubelte er und freute sich.
Zweitens: Wenn das stimmt, was Jesus hier sagt, dann ist Abraham zwar gestorben, aber nicht wirklich tot. Er ist nicht im Sinne von lebendig, dass er einen Körper besitzt und auf der Erde lebt. Trotzdem ist er in der Lage, Entwicklungen auf der Erde zu verfolgen, vor allem jene, die ihn selbst und seinen Beitrag zur Heilsgeschichte betreffen.
Die Bedeutung von Abrahams Jubel für die Zuhörer Jesu
Und jetzt sehen wir erneut, wo das Problem liegt. Abraham freut sich, doch die Zuhörer Jesu freuen sich nicht.
Was sagt das über ihre Beziehung zu dem Patriarchen aus? Und was sagt es über ihren Anspruch, Abrahams Kinder zu sein? Die Antwort ist ganz einfach: Wahre Nachkommen Abrahams hätten sich mitgefreut. Sie hätten sich dem Jubel des Patriarchen angeschlossen, weil sie verstanden hätten, dass sich vor ihren Augen die Verheißung an Abraham erfüllt.
Erkenntnisse über den Zustand nach dem Tod – Acht theologische Punkte
Aber nehmen wir uns noch etwas Zeit, um darüber zu sprechen, was wir über die Zeit nach dem Tod wissen. Ich möchte acht Punkte herausarbeiten.
Erstens...
1. Bewusstsein der Toten
Die Toten haben ein Bewusstsein. Jesus betont, dass Abraham, obwohl er physisch gestorben ist, den Tag Christi gesehen und sich darüber gefreut hat. Dies impliziert ein Weiterleben in einem bewussten Zustand nach dem Tod, noch bevor die endgültige Auferstehung am Ende der Zeiten stattfindet.
Abraham ist also nicht tot im Sinne von Nichtexistenz oder Bewusstlosigkeit. Hier wird ein Bild gezeichnet, in dem Verstorbene in einer bewussten Beziehung zu Gott fortbestehen und auf göttliche Ansprache reagieren können.
Zweitens wird das Totenreich als Zwischenzustand dargestellt.
2. Das Totenreich als Zwischenzustand
In der hebräischen Vorstellung ist der Aufenthaltsort der Toten, der Scheol, ein Ort des Wartens. Im Neuen Testament wird in griechischen Begriffen vom Hades gesprochen. Diese Orte werden jedoch nicht als endgültige Ziele verstanden, sondern als Zwischenzustände.
Jesu Beschreibung von Abrahams Bewusstsein in Johannes 8,56 entspricht der Vorstellung, dass die Gerechten im Scheol oder Hades eine Art Zwischenzustand erleben. Dieser Zustand ist nicht durch völlige Trennung von Gott gekennzeichnet, sondern durch Erwartung und Hoffnung.
3. Abrahams Schoss als Ort des Trostes
Abrahams Schoss
Lukas 16,22 spricht von Abrahams Schoss als einem Ort des Trostes für die Gerechten nach dem Tod. Wir werden diesen Text zu gegebener Zeit im Rahmen einer anderen Podcast-Folge genauer betrachten.
Die Vorstellung von Abrahams Schoss basiert darauf, dass Gläubige wie Abraham nach dem Tod in einer bewussten Gemeinschaft mit Gott und anderen Gerechten existieren. Die Gegenüberstellung von Lazarus' Trost und dem Leiden des reichen Mannes zeigt, dass dieser Zustand bereits eine Vorwegnahme des endgültigen Gerichts ist.
Viertens: Bei Christus
4. Bei Christus nach dem Tod
Das Totenreich ist nach neutestamentlicher Lehre nicht das Ende. Paulus spricht in 2. Korinther 5 und Philipper 1 davon, dass der Gläubige nach dem Tod bei Christus ist. Gleichzeitig wartet er jedoch auf die endgültige Wiedervereinigung von Leib und Seele.
Paulus beschreibt diesen Zustand als „nackt“. Dies weist darauf hin, dass es sich um ein leibloses, aber bewusstes Weiterleben handelt.
V. Vorläufigkeit und Vollendung.
5. Vorläufigkeit und Vollendung
Der Zwischenzustand ist durch Vorläufigkeit gekennzeichnet. Die Seele der Gläubigen befindet sich bei Christus, doch die Erfüllung aller Verheißungen, einschließlich der körperlichen Auferstehung, steht noch aus.
In diesem Sinn wird Abraham zwar als lebendig dargestellt, aber auch als noch nicht vollständig wiederhergestellt.
Sechstens: Der Zwischenzustand und die Mission.
6. Der Zwischenzustand und die Mission der Verstorbenen
Eine interessante theologische Perspektive ergibt sich aus Johannes 8,56 und betrifft die Rolle der Verstorbenen im Fortschritt des göttlichen Heilsplans. Wenn Abraham den Tag Christi sehen und sich darüber freuen kann, deutet dies darauf hin, dass die Gerechten auch nach ihrem Tod weiterhin an Gottes Wirken in der Welt teilhaben.
Dies bedeutet, dass die Toten in gewisser Weise Zeugen dessen bleiben, was auf der Erde geschieht. Besonders wichtig ist dabei die Erfüllung der göttlichen Verheißungen. Darüber hinaus weist Johannes in der Offenbarung darauf hin, dass die Gestorbenen im himmlischen Thronsaal Gottes sehr aktiv sind und die Heilsgeschichte mitgestalten.
Diese Sichtweise führt zu einer Engführung der Eschatologie, bei der die Beteiligung der Verstorbenen am göttlichen Plan betont wird.
7. Engführung der Eschatologie
Die Gefahr in der modernen Lehre von den letzten Dingen besteht häufig darin, dass der Zwischenzustand als rein vorübergehend oder nebensächlich betrachtet wird. Der Fokus liegt dabei vor allem auf der endgültigen Auferstehung.
Unser Text zeigt jedoch deutlich, dass auch der gegenwärtige Zustand der Toten eine tiefgreifende Bedeutung hat. Er ist nicht nur ein Ort des Wartens, sondern Teil eines lebendigen und bewussten Miterlebens. Möglicherweise beinhaltet er sogar ein Mitgestalten der Heilsgeschichte. Dies bietet auch Trost für die Hinterbliebenen.
8. Trost für die Hinterbliebenen
Schließlich bietet die Theologie des Zwischenzustands auch Trost für die Lebenden. Sie vermittelt die Vorstellung, dass geliebte Menschen nach ihrem Tod nicht in einem Zustand der Bewusstlosigkeit oder des Vergessens verweilen. Stattdessen existieren sie in einer bewussten, freudigen Gemeinschaft mit Gott.
Diese Vorstellung spendet Trost und Zuversicht.
Abschluss und Ausblick
Was könntest du jetzt tun? Du könntest dich noch ein wenig mit dem Thema Hades beschäftigen. Das Totenreich ist ein eher vernachlässigtes Predigtthema.
Das war's für heute. Wenn du es schon lange nicht mehr getan hast, nimm dir doch vor, ein biblisches Buch ganz durchzulesen.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
