Einführung in die Thematik und Projektvorstellung
Stell dir Christen vor, die den richtigen Glauben haben, deren Lehre perfekt ist und die ihren Glauben aktiv ausleben. Sie durchschauen Blender sofort. Doch ihnen fehlt es an echter, gefühlter, warmer Liebe zu Jesus. Ihre Umwelt nimmt sie irgendwie als kalt, harsch und lieblos wahr.
Ich fühle mich da ein Stück weit angesprochen. Was würde Jesus heute zu solchen Menschen sagen?
Um Nachfolge zu verstehen, mach dich Hashtag Bibelfit. Ich bin Markus Voss, und hier machen wir drei Dinge: Wir steigen tiefer in die Bibel ein. Wir überlegen, wie du und ich Jesus im modernen Alltag nachfolgen können. Außerdem beantworten wir taffe Fragen, die die Gesellschaft an uns Christen stellt.
Zu alldem gibt es Dutzende kostenfreie Tools: Hörbücher, Onlinekurse, Tageschallenges und praktische Alltagsgegenstände. Diese kannst du dir auf der Website gratis mitnehmen.
Finanziert wird all das durch kleine monatliche Spenden von Menschen wie dir und mir aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das ist sehr hilfreich, denn dieses Projekt nimmt langsam Fahrt auf.
Damit herzlich willkommen zur neuen Videoreihe über die sieben Sendschreiben der Offenbarung.
Die Offenbarung – ein unterschätztes Buch
Weißt du, von den Postkarten im Neuen Testament einmal abgesehen, wie zum Beispiel der Judasbrief, der Philemonbrief oder der dritte Johannesbrief: Ist ausgerechnet die Offenbarung das am wenigsten gelesene Buch im Neuen Testament überhaupt? Wusstest du das?
Das ist kurios, denn ausgerechnet die Offenbarung ist das einzige Buch der Bibel, das einen Segen verspricht, wenn du es nur liest. Trotzdem ist es das Buch, zu dem ihr hier am meisten Fragen stellt. Das bedeutet, viele haben es bisher wenig gelesen, aber viele möchten es lesen.
Die Frage ist also: Wie bekommst du Zugang zur Offenbarung? Lass uns einfach mal schauen, ob du und ich heute mit Gottes Hilfe ein paar Verständnisprobleme aus dem Weg räumen können.
Zum Jahresende und in der Adventszeit werden wir den Anfang der Offenbarung durchgehen – die sieben Sendschreiben der Offenbarung. Ein Sendschreiben in jedem Video. Heute fangen wir mit Ephesus an und machen nächste Woche weiter. Jeden Freitagnachmittag gibt es ein Sendschreiben, sodass wir Heiligabend bei Philadelphia ankommen, mit dem Jahresrückblick. Silvester enden wir treffenderweise dieses Jahr mit dem Sendschreiben an Laodizea und der Frage, wohin wir jetzt alle miteinander gehen.
Dabei werde ich jedes Sendschreiben erklären, was du und ich daraus lernen können und was wir praktisch in unserem Glaubensleben umsetzen können. Für alle, für die das neu ist, werde ich heute zusätzlich kurz erklären, was es mit diesem mysteriösen apokalyptischen Buch der Offenbarung auf sich hat, sodass wir alle auf dem gleichen Stand sind.
Bevor wir starten, kannst du ganz kurz der Community hier helfen, dass solche christlichen Inhalte in sozialen Medien nicht verborgen werden. Bist du gerade auf Instagram, dann gib doch mal schnell einen Doppeltipp auf dein Handy. Auf YouTube kannst du das Video gerne liken, aber indem du die Glocke unter diesem Video drückst, bekommt YouTube ein Signal. So zeigt es auch nichtchristlichen Nutzern mehr christliche Inhalte an, die sie ansprechen können.
Ist das nicht stark? Deswegen lass uns die Glocke gerne nutzen, solange wir können. Vielen Dank!
Die Offenbarung als Abschluss der Bibel
Also gehen wir erst einen Schritt zurück, bevor wir gleich zwei Schritte nach vorne gehen. Die Bibel besteht aus 66 Büchern. Manche Kirchen fügen zwischendurch noch einige Extrabücher hinzu. Entscheidend ist jedoch, dass nach jeder Zählung das finale und letzte Buch der Bibel die sogenannte Offenbarung ist.
Warum ist die Offenbarung das finale Buch? Das wird inhaltlich sofort klar, sobald du die Offenbarung aufschlägst und liest. Die Bibel beginnt mit der Schöpfung und dem Anfang der Welt. In der Offenbarung setzt die Bibel mit dem Zeitalter der christlichen Gemeinden nach Pfingsten ein. Sie führt dann weiter über das Ende der Welt und endet mit dem jüngsten Gericht sowie der Unerschaffung und Wiederherstellung der ursprünglichen Schöpfung.
Dieser inhaltliche Bogen springt einen förmlich an. Dazu liest du in Offenbarung 22, wo es heißt: "Versiegle nicht das Wort der Weissagung." Die Offenbarung spricht davon, dass Jesus auf dem Weg ist, um wiederzukommen. Es gibt Rufe zur Umkehr. Vor dem Abschiedsgruß steht eine eindringliche Warnung: Wir dürfen den Worten des Buchs nichts hinzufügen. Besonders wichtig ist auch, dass wir nichts aus der Bibel weglassen dürfen – und ebenso wenig aus der Offenbarung.
Ich persönlich könnte mir keinen besseren Abschluss für die gesamte Bibel vorstellen.
Historischer Kontext und Datierung der Offenbarung
Warum ist die Offenbarung das letzte Buch der Bibel? Die meisten neutestamentlichen Texte wurden ungefähr um die Mitte des ersten Jahrhunderts geschrieben, grob gesagt in den fünfziger Jahren. Dazu habe ich auf diesem Kanal ein eigenes Video, in dem ich das Schritt für Schritt archäologisch erkläre. Drückt gern die Glocke, dann wird es euch auch angezeigt.
Die Offenbarung erscheint als letztes Buch. Sie wurde spätestens im Jahr 96 nach Christus, also 96 unserer Zeitrechnung, verfasst. Woher wissen wir das? Früher nahm man in der liberalen Theologie an, dass die Offenbarung etwa zur Zeit Kaiser Neros geschrieben wurde. Man verband sie mit der Vorstellung, dass Christen von Nero als lebendige Fackeln verbrannt und ausgehungerten Bestien zum Fraß vorgeworfen wurden. Deshalb wurde die Offenbarung oft auf psychologischer Ebene als eine Art frühchristliche Traumabearbeitung abgetan. Daraus zog man den Schluss, dass man sich heute nicht mehr mit der Offenbarung beschäftigen müsse.
Heute wissen wir jedoch, dass diese Behauptung nicht zutrifft. Warum? In Offenbarung 3 wird die Stadt Laodizea als florierendes wirtschaftliches Zentrum beschrieben. Das werden wir uns in ein paar Wochen genauer anschauen. Wir wissen inzwischen, dass Laodizea im Jahr 60 von einem schweren Erdbeben getroffen wurde. Dabei starben Aberhunderte Menschen, und die Stadt wurde fast vollständig zerstört. Dieses Ereignis war damals eine große Nachricht.
Es ist daher nicht plausibel, dass jemand in den sechziger Jahren Laodizea als wirtschaftliches Zentrum beschreibt. Das wäre frühestens nach dem Wiederaufbau, also etwa 25 bis 30 Jahre später, möglich. Außerdem wissen wir von dem Chronisten Irenäus, der selbst aus Smyrna stammt – der zweiten Gemeinde der Sendschreiben, dazu nächste Woche mehr –, dass die Offenbarung gegen Ende der Herrschaft des römischen Kaisers Domitian geschrieben wurde.
Domitian starb, als er von einem früheren Sklaven in einer Messerattacke angegriffen wurde. Nur damit du es mal gehört hast: Das ist eine ziemlich wilde Geschichte. Der Sklave tat so, als hätte er sich den Arm gebrochen oder Ähnliches, trug mehrere Tage lang einen Verband. Im entscheidenden Moment zog er aus diesem Fake-Verband ein Messer und stieß es dem Kaiser in den Schritt.
Domitian ging zu Boden, wehrte sich, und beide rangen um das Messer. Am Ende griffen sie beide danach und kämpften um ihr Leben. Jeder erlitt schwere Stich- und Schnittwunden. Beide verbluteten unter starken Schmerzen: zuerst Domitian während des Kampfes selbst, dann sein Attentäter kurz darauf.
Dieses Ereignis geschah am Sonntag, dem 18. September des Jahres 96 unserer Zeitrechnung. Da die Offenbarung vor diesem Zeitpunkt geschrieben wurde, datiert man sie in die Mitte der Neunziger Jahre. Dieses Datum wird in zahlreichen antiken Schriften immer wieder bestätigt.
Die geistliche Lage der Gemeinden und die Relevanz der Datierung
Und eine letzte Anmerkung zum Datum: Die meisten der sieben Sendschreibengemeinden befinden sich, mit zwei Ausnahmen, geistlich und spirituell auf einem deutlichen Abstieg. Das sieht nicht gut aus, und du wirst gleich sehen, warum.
Anfang der 1960er Jahre, als liberale Theologen behaupteten, die Offenbarung sei angeblich zu dieser Zeit geschrieben worden, waren Paulus und sein Team – die wirkmächtigsten Missionare der Weltgeschichte – gerade in der Gegend aktiv, um die es in den Sendschreiben geht. Sie haben sich persönlich um die Gemeinden gekümmert.
Paulus hat in der Hauptstadt Ephesus, der drittgrößten Stadt des Römischen Reiches, die heute im Mittelpunkt steht, sogar mehrere Jahre gelebt. Dort hat er sein Hauptwirkzentrum etabliert.
Nur eine Randnotiz dazu: Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein großer Teil des Neuen Testaments in der Stadt Ephesus geschrieben wurde, um die es heute geht. Das bedeutet, dass innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten diese damaligen Vorzeigegemeinden so stark abgerutscht sind, dass sich dort sogar Sekten zu bilden begannen, von denen Paulus in seinen Briefen nichts wusste oder erwähnte. Frag dich selbst, ist das wirklich plausibel?
Es gibt noch mehr Fakten, die dafür sprechen, dass die Offenbarung später geschrieben wurde. Aber warum ist das überhaupt relevant? Wenn die Offenbarung später geschrieben wurde, unterstreicht das deutlich, dass die Ereignisse, die in der Offenbarung beschrieben werden, keine Verarbeitung zeitgleich stattgefundener Geschehnisse sind. Stattdessen bedeutet das, dass die Offenbarung tatsächlich Dinge beschreibt, die erst später kommen werden.
Das heißt, in deinem Neuen Testament stehen echte Prophezeiungen, die noch nicht erfüllt sind – also ein Blick in die Zukunft. Und so steht es übrigens auch in der Offenbarung selbst.
Falls du mehr über die Offenbarung wissen möchtest oder wir sie einmal zusammen lesen sollen – das heißt, dass ich das erste Kapitel der Offenbarung aus dem Griechischen übersetze und erkläre, was damit gemeint ist –, dann drücke die Glocke und schreibe das unter dieses Video. Dann können wir das nächstes Jahr gern gemeinsam machen.
Die Situation der Christen im römischen Reich und die Entstehung christlicher Literatur
Lass uns die Uhr jetzt um hundert Jahre weiterdrehen, ja? Wir sind also in den Jahren 170, 180, 190. Die Situation ist ganz anders. Im Römischen Reich gibt es christliche Minderheiten, die international verfolgt werden. Überall gibt es Berichte von grausamen Massakern. Spätere Historiker sprechen von Genozidversuchen an der christlichen Minderheit.
Trotzdem – und das musst du dir mal vor Augen halten – hören täglich Hunderte Menschen das Evangelium von Jesus Christus und entscheiden sich freiwillig, Jesus nachzufolgen.
Das führt früher oder später zu zwei Entwicklungen. Erstens: Christen wollen ihren Glauben kreativ ausdrücken. Das kennst du vielleicht von dir selbst. Christen fangen an, neue Lieder zu schreiben, Gedichte zu dichten und neue Gebete zu formulieren. So entsteht beispielsweise die sogenannte Regula fidei, aus der später das heutige apostolische Glaubensbekenntnis hervorgeht. Dazu wollen wir nächstes Jahr eine eigene Videoreihe machen. Ich freue mich schon sehr darauf.
Außerdem beginnen sie, christliche Romane und Kurzgeschichten zu schreiben – zum Beispiel das Brotevangelium Jakobi. Das werde ich dir nach den Sendschreiben zeigen, sobald wir uns im Januar mit der Marienverehrung beschäftigen. Deshalb gibt es mit jedem Jahrzehnt damals immer mehr christliche Schriften.
Zweitens versuchen Menschen – und das nicht unbedingt aus böser Absicht – auszutesten, was die Grenzen der christlichen Weltanschauung sind. Was kann man überhaupt glauben? Was kann man für wahr halten? Was darf man vielleicht auch behaupten und praktizieren und trotzdem noch Christ sein? Und wo ist irgendwann die Grenze?
Beides zusammen führt automatisch dazu, dass es für Außenstehende, die sich für die Botschaft von Jesus interessieren, nicht immer sofort klar ist, worum es im Christentum eigentlich geht. Was ist gültig? Und wo steht das? Denn behaupten kann ja jeder alles.
Kommt dir diese Verwirrung, worum es im Christentum geht, was jetzt eigentlich gültig ist und wo das stehen soll, irgendwoher bekannt vor? Nun ja, glücklicherweise ist die Antwort auf diese Frage ziemlich einfach – damals wie heute.
Die Kanonbildung und die Autorität der neutestamentlichen Schriften
Es ist nämlich so: Viele frühe christliche Gemeinden haben Listen geführt, in denen genau festgehalten wurde, welche Schriften die ältesten sind und welche als autoritativ, gültig und verbindlich gelten.
Nur damit du es einmal gehört hast: Heute wissen wir, in welchem bemerkenswerten Ausmaß diese Listen miteinander übereinstimmen. Diese Listen wurden an völlig verschiedenen Orten gefunden, zum Beispiel in Tunesien, Ägypten oder Südfrankreich. Das bestätigt, wie groß die Einigkeit der frühen Christen darüber war, was genau als Wort Gottes gilt und was nur – in Anführungsstrichen – gut gemeinte spätere Zusätze sind.
Meistens hängt das damit zusammen, dass sich die Schriften, die als besonders wertvoll anerkannt wurden, indirekt oder sogar direkt auf Augenzeugen der Auferstehung Jesu beziehen – die sogenannten Apostel. Diese Schriften, die heute als das Neue Testament bezeichnet werden, zählen übrigens zu den am sorgfältigsten überlieferten Texten der gesamten Antike. Das bedeutet, wir wissen heute extrem genau, was damals tatsächlich niedergeschrieben wurde.
Warum das so ist, habe ich in einem eigenen Video hier auf dieser Plattform ausführlich archäologisch erklärt. Wenn du möchtest, kannst du die Glocke drücken, dann wird dir das Video angezeigt.
Das Buch der Offenbarung ist jedenfalls in jeder ursprünglichen gültigen Liste enthalten. Das heißt, die Offenbarung wurde von Anfang an als gültiges und verbindliches Wort Gottes angesehen und wird bis heute von jeder großen christlichen Glaubensrichtung als Wort Gottes und als biblisch anerkannt.
Aufbau und Inhalt der Offenbarung
Das biblische Buch der Offenbarung besteht aus zwei großen Teilen.
Der erste Teil umfasst die Kapitel eins bis drei. Er enthält die Einleitung der Offenbarung, die Charakterisierung und die sogenannten Sendschreiben, auf die gleich noch eingegangen wird.
Kapitel vier bis zweiundzwanzig beinhalten die Prophezeiungen. Diese Prophezeiungen sind an sich schon gut verständlich und, aus meiner Sicht, viel eindeutiger, als wir manchmal annehmen. Das Problem ist jedoch, dass sie eine umfangreiche Bibelkenntnis voraussetzen.
In diesen Prophezeiungen geht es um die Zukunft, insbesondere um die letzten Jahre der menschlichen Zivilisation. Es wird ein kommendes Friedensreich beschrieben, aber auch das jüngste Gericht mit seinem doppelten Ausgang und der Hölle. Schließlich behandeln sie auch die Ewigkeit.
Die sieben Sendschreiben – Überblick und Bedeutung
Die sieben Sendschreiben sind kurze, prägnante Briefe, die der auferstandene Jesus diktiert hat. Diese Briefe sollten an sieben christliche Gemeinden in der heutigen Türkei geschickt werden – von den beiden Metropolen Ephesus und Pergam bis hin zu kleineren Vorstädten wie Thyatira.
Fast jedes dieser Sendschreiben enthält drei Elemente: Jesus lobt die jeweilige Gemeinde zunächst für etwas, kritisiert sie anschließend für etwas anderes und gibt ihr eine Aufgabe. Es spricht historisch einiges dafür, dass diese sieben Sendschreiben echte Briefe waren. Sie wurden tatsächlich an die Leiter der sieben Gemeinden übergeben und dort öffentlich verlesen.
Einige Punkte sprechen dafür: Das erste ist das Wort Angelos. Diese Briefe sind immer an den Angelos einer jeweiligen Gemeinde adressiert. Angelos beschreibt zunächst eine Funktion – einen Boten oder Botschafter. Das kann auch eines der mächtigen, übernatürlichen Wesen aus der unsichtbaren Welt sein, die wir umgangssprachlich manchmal Engel nennen. Im Wort Angelos steckt ja das griechische Wort dafür.
Dieses Wort Angelos kann aber auch häufig einfach einen ganz normalen Postboten bezeichnen. Was von beiden ist es nun? Das macht einen großen Unterschied. Wie man das erkennt, wird im nächsten Jahr in einer Folge über die Engel erklärt.
Abgesehen von einer Stelle im Buch Deuteronomium ist es in der Bibel meistens nicht so, dass Wesen aus der unsichtbaren Welt – also das, was wir als Engel bezeichnen – Stellvertreter für Gruppen von Menschen sind. Außerdem ist in der gesamten Bibel niemals die Rede davon, dass Engel Leiter im Volk Gottes und unter den wiedergeborenen Christen sind. Im Gegenteil: Jesus sagt, dass wir Christen die Engel richten werden.
Das spricht dafür, dass der Angelos ein Mensch ist – nämlich der verantwortliche Leiter der Gemeinde. Dieser ist Repräsentant und Botschafter der Gemeinde nach innen und außen.
Ein weiterer Hinweis darauf, dass die Sendschreiben tatsächlich als Briefe verschickt wurden, ist die Reihenfolge der Gemeinden. Die Sendschreiben betreffen sieben bedeutende Gemeinden in der heutigen Türkei. Diese Reihenfolge basiert jedoch nicht auf der Größe der Gemeinde, ihrem Einfluss, dem Alter oder anderen Faktoren, die in der unsichtbaren Welt von Bedeutung sein könnten.
Sobald man sich die Gemeinden auf einer geografischen Landkarte anschaut, erkennt man eine ganz banale, irdische Reihenfolge: Sie sind im Uhrzeigersinn angeordnet. Das ist ein bisschen so, als würde man seine Mitarbeiter zum Gespräch einladen und dabei nach dem Alphabet vorgehen.
Falls man das mit dem Angelos anders sehen möchte, ist das natürlich in Ordnung. Das ändert nichts an der Freundschaft. Spannender ist nämlich, dass diese sieben Sendschreiben schnell und weit über die ursprünglichen Gemeinden hinaus verteilt wurden. Sie wurden regelmäßig gelesen und weiterverbreitet.
Zusammen mit dem allgemeinen, tiefgründigen Charakter des Buches der Offenbarung legt das nahe, dass es hier um mehr geht als nur um Arbeitszeugnisse für türkische Frühkirchen.
Im Laufe der Jahrhunderte gab es zahlreiche wertvolle Auslegungen dieser sieben Sendschreiben. Auch wenn die Details der Auslegungen auseinandergehen, sind sich viele kundige Exegeten einig: Hier werden sieben verschiedene Mentalitäten von christlichen Gemeinden beschrieben. Vereinfacht gesagt sind es sieben Arten von Menschen, die sich selbst als Christen bezeichnen.
Jetzt wirst du wach, oder? Jesus hält uns damit einen wertvollen Spiegel vor – mit unseren momentanen Stärken, Schwächen und dem, woran wir arbeiten sollten. Er möchte uns wachrütteln, soll und darf das.
Insgesamt nimmt die Offenbarung kein Blatt vor den Mund. Deshalb ist es ratsam, sich beim Lesen – und jetzt beim Hören, während wir die Sendschreiben in den nächsten sieben Wochen durchgehen – ganz selbstkritisch zu fragen: Was findet Jesus an meinem Glaubensleben gut? Wo ist meine Beziehung zu Gott angreifbar? Und worauf kann ich in den kommenden Wochen den Fokus legen?
Die Adventszeit ist eine gute Zeit für spirituelle Besinnung, Einkehr und geistigen Frühjahrsputz.
Die Frage, die sich stellt, lautet also: Was für ein Sendschreiben-Typ bist du?
Das Sendschreiben an Ephesus – Historischer Hintergrund
Und damit beginnen wir mit dem Sendschreiben von Ephesus.
Ein kurzer historischer Hintergrund, um das für dich anschaulicher zu machen: Die Stadt Ephesus hat eine fulminante Geschichte. Es ist eine sehr, sehr alte Stadt mit einer bewegten Vergangenheit, verbunden mit vielen extrem bekannten Namen wie König Kroisos, Alexander der Große, Lysimachus oder Kleopatra.
Wie häufig der Fall war – ein gutes Beispiel ist die Stadt London – wurden damals Städte auf den Ruinen früherer Siedlungen errichtet, die an strategisch wertvollen Punkten lagen. Das bedeutet, man hat nicht einfach eine Stadt aus dem Boden gestampft, sondern darauf geachtet, wo bereits Ruinen oder Infrastruktureste vorhanden waren, auf denen man aufbauen konnte. So wurde die Stadt Schritt für Schritt weiterentwickelt.
Aus europäischer und mediterraner Sicht war damals das Römische Reich praktisch die bekannte Welt. Du solltest wissen – und das wissen viele Christen nicht –, dass Ephesus die drittgrößte Stadt im gesamten Römischen Reich war. Das heißt in der damaligen bekannten Welt: Rom war die größte Stadt mit knapp einer Million Einwohnern. Das war damals die größte Stadt der bekannten Welt.
Ephesus hatte zu dieser Zeit mindestens 170.000 Einwohner, also über ein Sechstel der Einwohnerzahl von Rom. Manche Schätzungen gehen sogar von bis zu 350.000 Einwohnern aus, aber das ist noch nicht abschließend geklärt, da die Forschungen dazu noch laufen. Auf jeden Fall war die Einwohnerzahl und die Stadt selbst gigantisch.
Damit du einen Vergleich zur heutigen Zeit hast: Heute ist Tokio die größte Stadt der Welt mit 39,1 Millionen Menschen. Das ist die größte Metropolregion weltweit. Ein Sechstel davon, also etwa sieben Millionen Menschen, entspricht der damaligen Einwohnerzahl Ephesus’. Das entspricht ungefähr der Summe der Einwohner von Berlin, München, Wien und Zürich zusammen.
Wenn du dir diese vier Städte als eine einzige vorstellst, bekommst du eine Vorstellung davon, wie groß und einflussreich Ephesus damals war und wie es auf die Menschen der damaligen Welt gewirkt haben muss.
Seit der Zeit Kaiser Augustus’ – der auch in der Weihnachtsgeschichte erwähnt wird – war Ephesus außerdem der Sitz des Statthalters der Provinz Asia, dem heutigen Gebiet der Türkei. Das bedeutet, Ephesus war die Hauptstadt dieses gesamten Teils der Welt. Interessanterweise nicht Pergamon, das damals als möglicher Hauptort galt. Darauf werden wir in zwei Wochen noch eingehen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ephesus war das absolute Zentrum politischer Macht in diesem Teil der Welt. Dazu kam, dass Ephesus ein bedeutender Infrastruktur-Knotenpunkt war, vergleichbar mit der Hansestadt Hamburg oder New York zu ihren Blütezeiten. Es war eine boomende Stadt mit extrem hohen Immobilienpreisen – ein Gruß an alle Münchner, die das hören!
Das alles gilt allerdings nur für die Zeit, bevor der Hafen von Ephesus in den folgenden Jahrhunderten verschlammt und nicht mehr genutzt werden konnte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zur damaligen Zeit war Ephesus ein Schmelztiegel von Multikulturalität und internationalen Einflüssen. Ich denke, das kann man heute gut mit der Globalisierung vergleichen, die wir erleben.
Religiös gab es in Ephesus zahlreiche Einflüsse aus allen möglichen Teilen der Welt. Die Stadt selbst stand unter der Anbetung der sogenannten Göttin Artemis, was natürlich ein Problem war.
Du solltest auch wissen, dass zur Zeit des Neuen Testaments in Ephesus eine der größten und besten Gemeinden der neutestamentlichen Zeit existierte. Die christliche Gemeinde in Ephesus wurde früh gegründet, etwa zwanzig Jahre nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Es war eine der ersten Gemeinden außerhalb Israels, die wirklich gegründet und strategisch weiterentwickelt wurde.
Paulus baute hier seine Zentrale auf. Wahrscheinlich hat er in Ephesus den Philipperbrief, den Philemonbrief, den Galaterbrief, möglicherweise auch die drei Korintherbriefe – von denen zwei im Neuen Testament enthalten sind – und den Römerbrief geschrieben. Hier geschah also viel christliche Geschichte.
Nachdem sich die ersten Christen in Ephesus etabliert hatten, ihre Wege gefunden und ihre Gemeinde gegründet hatten, berichtet die Apostelgeschichte 19, dass eine große Anzahl von ihnen okkulte Gegenstände aus ihrem Besitz zusammengetragen und verbrannt hat.
Das ist nicht nur eine kuriose Erzählung, sondern dahinter steckt ein großes persönliches Opfer. Es gibt Schätzungen, wie wertvoll diese Gegenstände waren, die sie verbrannten. Je nach Berechnung handelt es sich um einen Wert von drei bis fünf Millionen Euro.
Die Christen in Ephesus waren so entschlossen, nichts mit okkulten Gegenständen oder Einflüssen zu tun zu haben, dass sie diese nicht einfach wegwarfen oder verkauften. Sie haben sie zerstört, um sicherzugehen, dass diese Dinge nicht weiter im Umlauf sind.
Der Historiker Lukas schreibt dazu, dass sich durch diese Tat das Wort von Jesus, das Evangelium, ausbreitete und die Kraft des Herrn mächtig wurde. Das heißt, durch dieses Opfer gaben sich die Christen gegenseitig ein Zeugnis, ermutigten sich und wurden auch für andere ein positives Zeugnis.
Lob und Anerkennung für die Gemeinde in Ephesus
Was sagt also der auferstandene Jesus? Was genau diktiert er den Christen in Ephesus?
Es beginnt mit dem Lob. Was steht dort? Jesus sagt zu den Christen in Ephesus: „Ich kenne deine Taten, ich kenne deine Taten.“ Daraus lernen wir, dass die Gemeinde, die Christen in Ephesus, aktiv sind. Ihre Taten werden lobend hervorgehoben. Das kommt in den Sendschreiben insgesamt viermal vor, und zwar in vier von sieben Sendschreiben.
Jesus schreibt weiter: „Und ich kenne deine Bemühungen.“ Das bedeutet wieder Taten und Einsatz. Es sind Leute dabei, die aktiv sind. „Ich kenne dein standhaftes Ausharren“, wir würden heute sagen: „Ich kenne deine Geduld.“ Die Christen in Ephesus sind geduldig. Wenn etwas nicht sofort funktioniert – etwa das Evangelium in die Stadt zu tragen oder die Gemeinde aufzubauen – dann sind sie nicht wie Eintagsfliegen, denen nach zwei, drei Versuchen die Luft ausgeht. Sie geben nicht nach vier Monaten auf und sind nach zwei Jahren sowieso keine Christen mehr.
Nein, diese Menschen nehmen das ernst. Sie wollen den Weg mit Jesus gehen. Sie planen langfristig und ziehen das durch. Es ist viel Routine dabei, viel gelebter Glaube im Alltag. Sie haben also viele positive Gewohnheiten entwickelt, die sich eingeschliffen haben. Das ist etwas Gutes.
Jesus schreibt weiter: „Ich weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst.“ Das heißt, du hast eine sehr geringe Toleranzschwelle gegenüber Sünde. Es heißt weiter: „Du hast die geprüft, die behaupten, sie wären Apostel, aber sind es nicht. Und du hast sie als Lügner erkannt.“ Das ist eine wichtige Stelle. Wie willst du herausfinden, ob jemand ein Lügner ist? Wie willst du eine falsche Lehre identifizieren? Das geht nur, wenn du sie mit richtiger Lehre abgleichen kannst.
Die Gemeinde in Ephesus hatte reine christliche Lehre, das reine Evangelium. Wie auch nicht, wenn Paulus sich dort jahrelang niedergelassen hatte und dort gefühlt das halbe Neue Testament entstanden ist. Das heißt, die reine Lehre war vorhanden. Sie konnten äußere Einflüsse, die hereinkamen, mit dem Wort Gottes abgleichen. Passt das zu dem, was im Evangelium steht? Ja oder nein? Wenn nicht, haben sie sich davon distanziert.
Was wir daraus lesen können, ist, dass sie eine Art Kirchenzucht hatten. Das ist ein altes Wort, für das mir kein besseres deutsches Synonym einfällt. Es bedeutet, dass man sich überlegt, wen man überhaupt in die Gemeinde aufnimmt und wen nicht. Wenn Leute innerhalb der Gemeinde anfangen, wirklich komische Dinge zu machen, die mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar sind, sucht man das Gespräch mit ihnen.
Wenn diese Leute beharrlich ihren Weg weitergehen und spalterische Tendenzen entwickeln, die einen negativen Einfluss auf die Gemeinde haben, dann sagt man vorübergehend: „Du bist von den Gottesdienstbesuchen, vom Abendmahl und von unseren gemeinschaftlichen Zusammenkünften suspendiert, bis wir das geklärt haben.“
Das ist etwas, was heute für viele Gemeinden in Deutschland, Österreich und der Schweiz schwer vorstellbar ist. Ich frage mich manchmal, ob es wirklich so schlecht ist, so etwas im Hinterkopf zu haben.
Wir lesen weiter im Sendschreiben. Der auferstandene Jesus schreibt an die Christen in Ephesus: „Du hast schweres Ertragen und standhaftes Ausharren.“ Wieder ist Geduld ein Thema. „Um meines Namens willen hast du gearbeitet und bist nicht müde geworden.“ Wieder die Betonung auf die Taten, aber es geht um den Namen Jesu. Daraus ziehen die Christen ihre Kraft, damit sie nicht müde werden.
Das heißt, die Christen in Ephesus sind Jesus-zentriert, sie sind christozentrisch. Sie sind wirklich auf Jesus Christus selbst fokussiert. Toll, oder?
Jesus schreibt weiter: „Du, liebe Christin in Ephesus, du hast die Werke der Nikolaiten, die auch ich hasse.“ Was sind diese Nikolaiten? Sie werden in zwei Wochen im Sendschreiben an die Christen in Pergamon noch einmal erwähnt. Der Name bedeutet „die, die über das Volk herrschen“. Manche Kommentatoren vermuten, dass es die Anfänge einer Haltung waren, bei der sich manche Christen über andere erhoben, weil sie ein Amt innehatten. Sie hielten sich für heiliger und betrachteten andere Christen ohne Amt als Christen zweiter Klasse. Das könnte mit der Lehre und den Werken der Nikolaiten gemeint sein.
Was wir aber wissen, ist, dass es unter den frühen Christen einen Mann namens Nikolas gab. Er war von außen in der Gemeinde anerkannt, hatte aber hinter verschlossenen Türen einen extrem weltlichen Lebensstil. Das war negativ geprägt.
Also Sex, Drogen und Rock'n'Roll – nicht im Sinne von Sex innerhalb der Ehe, das ist biblisch unproblematisch, sondern sexuelle Ausschweifung außerhalb der Ehe. Heute würden wir sagen: Pornografie, Prostitution und Ähnliches. All diese Dinge waren weltliche, sinnliche Einflüsse, die mit dem christlichen Glauben, dem christlichen Wertekonstrukt und der Lehre Jesu selbst nicht vereinbar sind.
Das war natürlich ein Problem. Die Tatsache, dass die Christen in Ephesus so etwas nicht tolerierten, zeigt, dass sie instinktiv wussten, wem sie trauen konnten. Sie hatten ein hohes Gespür für Integrität und keine Toleranz gegenüber Heuchlern.
Kostenfreie Materialien und Einladung zur Vertiefung
Bevor wir zu dem kommen, was Jesus diesen Christen mit großem Nachdruck rät, um bei alldem den Überblick zu behalten und tiefer einzusteigen, kannst du dir sehr gern diese schöne Übersicht über die sieben Sendschreiben der Offenbarung kostenlos mitnehmen.
Dort findest du eine kurze, einfache Erklärung der Offenbarung sowie eine Übersicht über alle sieben Sendschreiben. Du kannst sie gern für deinen Hauskreis, Jugendstunden, Katechismus, Konfirmanden- und Religionsunterricht verwenden.
Dank der Unterstützung aller Menschen, die hier mitspenden – vielen Dank dafür – konnte ich diese Übersicht erstellen. Jetzt kann ich sie öffentlich und vor allem kostenfrei verschenken.
Also nimm sie dir gern über den Link unter diesem Video mit, solange es möglich ist.
Kritik und Mahnung an die Gemeinde in Ephesus
Und damit kommt der brisante Teil: Jesus kritisiert die Christen in Ephesus. Jetzt denkst du vielleicht: „Hä, was? Warum denn? Ist doch super, was du bis jetzt gehört hast.“ Na ja, hör mal rein, was Jesus Christus sagt. Er sagt: „Ich, Jesus, habe gegen dich, Christen in Ephesus, dass du deine erste Liebe verlassen hast.“
Erste Liebe! Was heißt das jetzt? Gehen wir mal einen Schritt zurück, weißt du? Das bedeutet, die Inhalte der Gemeinde in Ephesus sind sehr, sehr gut. Die Christen in Ephesus sind auch aktiv. Aber da fehlt irgendwie etwas – ja, mit dem Herzen, mit der Liebe. Die Liebe zu Jesus, die erste Liebe, kommt nicht so richtig aus dem Herzen.
Denkt mal zum Beispiel an Johannes 15, wo Jesus sagt: „Das ist mein Gebot“, sagt er, „dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.“ Denkt auch an den ersten Johannesbrief, wo es heißt: „Wer behauptet, durch Jesus zu leben, der sollte auch leben, wie Jesus gelebt hat.“ Und das sagt Jesus über sich selbst, wenn er sagt: „Ich, Jesus, bin geduldig und von Herzen demütig.“
Hm, was heißt das jetzt? Na ja, ich würde stark vermuten, dass das, was den Christen in Ephesus fehlt, die Liebe ist. Liebe natürlich als Entscheidung, ganz klar. Liebe aber auch wirklich mit Inhalt, Liebe im Sinne von Selbstreflexion. Da fehlt es irgendwie an Demut, an Bescheidenheit und daran, sich kritisch selbst im Spiegel zu betrachten. Hier fehlt es an Zwischenmenschlichem.
Und das ist auch eine Frage der Motivation. Was verleitet dich dazu, deine Nachfolge zu Jesus Christus praktisch auszuleben? Reine Lehre, die die Christen in Ephesus ja hatten. Reine Lehre – und das klingt komisch, dass ich das sage, weil ich da sehr darauf achte – reine Lehre ist kein Selbstzweck. Warum wollen wir eigentlich reine Lehre haben? Warum wollen du und ich überhaupt grundsätzlich die Gewissheit haben, dass das, was wir glauben, in Übereinstimmung mit den Heiligen Schriften steht?
Wofür eigentlich? Das ist ja kein Selbstzweck, sondern es geht darum, wie du und ich in den Himmel kommen können. Es geht darum, wie du und ich unserer berechtigten Höllenstrafe entkommen können. Und es geht darum, wie du und ich möglichst viele Menschen in den Himmel mitnehmen können. Deswegen reden wir ja mit anderen Menschen über Jesus.
Es ist ja eigentlich völlig irrelevant, was ein Mensch glaubt oder für richtig hält – sofern es nicht um Rechthaberei geht. Der Effekt davon ist doch tatsächlich, dass es nicht um eine Wahrheit für sich geht, sondern darum, sich an Jesus Christus festzuklammern für den Tag des Jüngsten Gerichts.
Als ich das gelesen habe – und auch in den letzten Jahren immer wieder gelesen habe –, dieses Sendschreiben an die Gemeinde in Ephesus und auch bei der Vorbereitung für diesen Input hier, musste ich mir ganz selbstkritisch an die eigene Nase fassen. Manchmal habe ich dabei gemerkt – kleines Geständnis an der Stelle – dass ich so darauf fokussiert bin, reine Lehre zu haben und dir und euch reine Lehre weiterzugeben. Ich bin so darauf konzentriert, das ganze Evangelium zu erfassen und nichts von Gottes Wort wegzulassen, dass ich manchmal ganz selbstkritisch sagen muss: Ich vergesse auch mal ein Gespräch mit Nichtchristen. Manchmal vergesse ich, auch in diesen Videos, dass der Ton auch die Musik macht.
Praktisches Beispiel: Hast du schon mal etwas von sogenannten Exvangelicals gehört? Das ist ein Thema, das dich mehr beschäftigen wird, als du jetzt gerade denkst. Das schauen wir uns nächstes Jahr ganz in Ruhe an. Exvangelicals sind Leute, die von sich selbst behaupten, früher evangelikal gewesen zu sein, früher freikirchlich, früher intensive Christen – wie Angela Merkel das mal gesagt hat – und die sich dann von ihrer Gemeinde abgewandt haben. Sie sind aus ihrer Gemeinde ausgetreten, haben aber gleichzeitig auch dem, was sie für den christlichen Glauben hielten, den Rücken gekehrt.
In ganz vielen Fällen liegt das daran, dass sie – so nehmen sie es wahr, es geht jetzt gar nicht um eine Wertung – in Gemeinden waren, wo es keine zwischenmenschliche Liebe gab. Wo es zwar um reine Lehre ging, aber die Menschen lieblos behandelt wurden, wo es extrem ruppig zuging und zwischenmenschlich vieles im Argen lag. Und das konnten sie ab einem gewissen Punkt nicht mehr ertragen.
Weißt du? Die Gemeinde in Ephesus ist so ähnlich. Das ist vergleichbar mit manchen heutigen Gemeinden, in denen die Lehre sehr, sehr gut und rein ist – und das ist an sich schon viel wert. Aber manche unserer Gemeinden drohen, in eine Art Gesetzlichkeit zu verfallen.
In einem guten Kommentar zur Offenbarung hieß es dazu, ich zitiere: In der Gemeinde von Ephesus herrschte eine kalte, mechanische Orthodoxie. Hauptsache, die Lehre ist rein – und das ist auch die Hauptsache –, aber dann nicht nach links und rechts geguckt.
Hm, ja, und das ist ein Problem, weil Menschen sich dann auf der Strecke gelassen fühlen. Bei aller Richtigkeit der Lehre – und die ist super wichtig – führt das, wenn es dabei aufhört, unter anderem zu Bewegungen wie den Exvangelicals. Und das, wie gesagt, ist eine echte Bewegung, die gerade wirklich Fahrt aufnimmt.
Ich habe vor ein paar Monaten ein eigenes Video über Stärken und Schwächen von Freikirchen gemacht, in dem wir dieses Thema etwas ausführlicher behandeln. Wenn du möchtest, kannst du die Glocke drücken, dann wird dir dieses Video auch angezeigt.
Jesu Rat und Aufforderung an die Gemeinde in Ephesus
Welchen Rat und welche Aufgabe gibt Jesus Christus der Gemeinde in Ephesus? Er sagt: „Bedenke nun, wovon du gefallen bist, von welcher Höhe du gefallen bist.“ Das bedeutet: Erinnere dich, liebe Gemeinde, liebe Christen, die vielleicht in einer kalten, mechanischen Orthodoxie verharren, die sich nicht mehr um Menschen kümmern. Manche denken, die reine Lehre sei alles. Hauptsache, unsere Lehre ist rein, alles andere sei irrelevant. Sie glauben, es sei nicht wichtig, ob Menschen auf der Strecke bleiben oder nicht.
Diesen Menschen wird gesagt: Erinnere dich! Erinnere dich an deine Anfänge. Erinnere dich daran, wo du orientierungslos warst. Erinnere dich an die Zeit, bevor du wiedergeboren wurdest.
Jesus sagt ihnen weiter: „Achtung, wichtig: Tue Buße, tue Buße!“ Das ist sehr wichtig. Schau in den Spiegel – nicht in deinen Wundspiegel oder Zerspiegel, sondern in den Spiegel von Gottes Geboten. Frage dich selbst: Reine Lehre ist richtig, aber wie sieht es mit deinem Lebenswandel aus? Wie steht es um deine Moral und deine Ethik?
Das Thema „Tue Buße“ kommt viermal in den Sendschreiben der Offenbarung vor. Es spielt eine große Rolle. Tue Buße, übe kritische Selbstreflexion, fass dir an die eigene Nase. Wie Jesus sagt: Ziehe zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge, bevor du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehen willst.
Es geht also nicht nur darum, immer zu schauen, ob jemand ein Irrlehrer oder Ketzer ist oder wer gerade vom Glauben abgefallen ist. Es geht nicht um den „Irrlehrer der Woche“. Stattdessen soll man wirklich bei sich selbst anfangen zu schauen: Leben wir Jesus’ Botschaft nicht nur in der Lehre, sondern auch in unseren Taten und in unserem eigenen Leben?
Deshalb gibt Jesus den finalen Rat: Tue die ersten Werke, tue die ersten Taten! Sei Christ und erzähle anderen Christen nicht nur deshalb von Jesus, weil es in der Bibel steht – auch wenn es das tut –, sondern tue es aus Bescheidenheit und Mitgefühl. Aus der Bescheidenheit und dem Mitgefühl heraus, das du hattest, bevor du dogmatisch geworden bist.
Diese Balance ist wichtig: Solange die Lehre rein ist und rein bleibt, brauchen wir beides. Erstens die reine Lehre und zweitens Bescheidenheit, kritische Selbstreflexion und Mitgefühl mit echten Menschen, die uns brauchen.
