Generierte Mitschrift
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Der innere Kampf eines Berufenen
Jeremia 20,7-13
Da spricht der Prophet Jeremia: Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen. Aber ich bin darüber zum Spott geworden, täglich, und jedermann verlacht mich. Denn so oft ich rede, muss ich schreien: Frevel und Gewalt muss ich rufen! Denn das Herrnwort ist mir zu Hohn und Spott geworden, täglich.
Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich es nicht ertragen konnte. Ich wäre schier vergangen. Denn ich höre, wie viele heimlich reden: Schrecken ist um und um! Verklagt ihn, wir wollen ihn verklagen! Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle. Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.
Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held. Darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zu Schanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden.
Und nun, Herr Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen, denn ich habe dir meine Sache befohlen. Singt dem Herrn Ruhm, dem Herrn, der das arme Leben aus den Händen des Boshaften errettet.
Herr, jetzt segne du dieses Wort auch heute an uns, auch aus diesem Anlass. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder, solch ein Jubiläumstag ist auch ein Anlass, wo man einmal ein bisschen prunken könnte und sich freuen könnte, dass wir so eine volle Kirche haben, so prächtige Sänger im Chor, lebendige Jugendgruppen und fleißige Mitarbeiter auf allen Ebenen.
Wir könnten von manchen Diensten reden, die auch durch die großen Opfer möglich sind. Aber das Wort Gottes ist es heute Morgen, das zu uns anders redet. Und da werden wir mit hineingenommen in die Klage eines Propheten, eines Gotteszeugen, der keinen Mut mehr hat, der müde ist.
Gar nichts da von fester Stimmung, nichts vom glücklichen Rückschauen auf erfolgreiche Jahre. Ein Mann, der aussteigen will und der nicht mehr weitermachen will.
Sagen Sie, was ist denn mit dem Jeremia? Liegen wir falsch, oder was ist los?
Wenn Erfolg nicht das Letzte ist
Wir könnten uns jetzt zu Jeremia herabbeugen und sagen: Armer Mann, bei uns läuft es besser als bei dir, schade! Vielleicht müsstest du bei uns noch ein wenig lernen. Wir können es sicher besser als du. Oder kann es etwa nicht sein, dass er beim Verkündigen des Wortes Gottes gar nicht ankommt? Sollen wir ihm mitleidig raten, er solle sich besser pensionieren lassen oder einen anderen Beruf suchen, weil die Verkündigung des Wortes Gottes eben nicht so von den Lippen läuft wie bei uns?
Das, was Jeremia erlebt, ist typisch. Für jeden Boten Gottes, für jeden, der sich von Gott in den Dienst rufen lässt, oder es sollte typisch sein für uns alle. Etwas stimmt nicht, wenn wir so glücklich und stolz zurückblicken und uns scheinbar brüsten können mit dem, was wir in den zurückliegenden Jahren alles fertiggebracht haben.
Wir können unser Jubiläum ja auch heute ganz anders begehen. Schon auf dem Weg hierher zur Kirche, von meiner Wohnung aus, und es ist wirklich nicht weit, habe ich denken müssen, wie viele Wohnungstüren, hunderte von Menschen, verschlossen geblieben sind für das Evangelium. In 50 Jahren haben wir sie alle nicht erreicht. Besucht haben wir sie, nette Gespräche haben wir gehabt. Vielleicht haben Sie uns noch eine Spende zum Bau der Kirche geschickt, aber mit dem Evangelium haben wir sie nicht erreicht. Und das liegt wie eine Last auf uns. Leiden wir noch unter dem, was wir nicht erreicht haben?
Gott hat uns doch hier als Gemeinde hineingestellt in die Gottlosigkeit unserer Stadt, damit das Licht hineinscheint in die Dunkelheit. Wie viele Menschen sind gestorben in der Finsternis, ohne Hoffnung! Wir haben ihnen noch den letzten Dienst am Grabe getan, aber das Wort der Hoffnung hat sie nie erreicht, und nie sind sie zum Glauben gekommen.
Gemeinde als Auftrag und nicht als Verein
Ich wollte jetzt am liebsten das tun, was ich nachher tue: nach dem zweiten Gottesdienst dann drüben im großen Saal erzählen aus der Geschichte der Gemeinde, bewegte Zeiten. Als hier der Bruderrat der neu entstandenen lebendigen Gemeinde sich so eindeutig gegen die Verfälschung des Evangeliums im Dritten Reich wandte, durch die Deutschen Christen – eine schöne Sache. Aber es hat das nicht aufhalten können, das scheußliche Unheil unseres Volkes. Wir können sagen, das war auch gar nicht möglich. Wir leiden noch darunter, wie viele unserer jüdischen Mitbürger dort oben aus den Häusern der Stafflenbergstraße in die Konzentrationslager gewandert sind. Und so viel, wie wir leiden, haben wir es eben auch nicht erreicht.
Und dann in den letzten 25 Jahren, wie durch unsere Kirche hindurch dieses Kritisieren am Wort Gottes lief, dieses Zerbrechen der Autorität des göttlichen Wortes. Und natürlich hat sich hier immer eine Gemeinde gesammelt, ich weiß es noch von Ereignissen, als ich noch Schüler und Student war, von der Volksmission und der Ludwig-Hofacker-Vereinigung. Uns hat es doch nicht aufhalten können, dass überall die Lähmung unseres Predigtdienstes durch unser Land hindurchging. Verstehen wir denn Jeremia, dass er sagt: Ich tauge nicht?
Ich muss zuerst jetzt einmal darüber sprechen, was das Besondere unseres Dienstes für Gott ist. Wir dürfen heute an so einem Jubiläumstag unsere Gemeindezusammenkünfte nicht verwechseln mit irgendeiner Vereinsmeierei. Wenn es nur darum gehen würde, dass wir ein paar Ältere um eine Kaffeetafel sammeln, schön haben wir es gemacht, und dass wir die Kinder richtig erziehen im Kindergarten und dass wir die jungen Leute bewahren, damit sie nicht in alle Dreckpfützen tappen, darum machen wir Jugendarbeit, dann wären wir recht erfolgreiche Leute.
Das ist ja ein ganz anderer Anfang, dass uns der ewige Gott gerufen hat. Da liegt der Ursprung unserer Gemeinde und aller Gemeinden, die sich im Namen Gottes in dieser Welt versammeln: dass Gott zum Menschen redet und ihnen, jedem Einzelnen, Auftrag gibt, nicht nur hier in diesem Hause, sondern draußen in der Welt sein Königreich auszurufen und die Herrschaft Gottes auszubreiten. Das soll doch in ihrer Familie, in ihrer Ehe geschehen, an ihrem Arbeitsplatz, in den Gesprächen, die sie führen.
Darum gehen wir doch zu Besuchen zu den Kranken und zu den Alten, um ihnen auch noch zu helfen zu sagen, da, wenn die Dunkelheit und die Schatten des Todes schon über das Leben fallen. Darum gehen wir doch zu den jungen Menschen, weil wir wissen, wie versucht und bedroht sie sind, nicht bloß um sie zu sammeln in Gruppen und Kreisen, nicht bloß um das Haus zu füllen, sondern um sie zu einer Entscheidung aufzurufen, ob sie sich vom König Jesus rufen lassen in den Dienst. Und das ist eine Verpflichtung, eine Dienstverpflichtung.
Berufung, Überforderung und göttliche Zusage
Man tut gut daran, sich jetzt noch einmal an die Berufung des Jeremia zu erinnern. Er war völlig überrascht und verdutzt, als Gott ihn in Dienst nahm. Er sagte: Herr, ich bin doch ein junger Kerl, ich kann das doch nicht. Da musst du die Priester holen. Aber die hat Gott nicht geholt.
Gott hat nicht nach der Ausbildung des Jeremia gefragt. Er hat gesagt, dass er ihn befähige und für den Dienst brauche. Liebe Schwestern und Brüder, etwas Schöneres können wir heute im Jubiläum gar nicht hören: dass Gott jeden Einzelnen von uns benutzen will, zu bauen und zu pflanzen.
Ich verstehe gar nicht, dass so viele das einfach vergessen und meinen, sie könnten das nicht. Jeremia konnte es auch nicht. Tröste sie das jetzt nicht? Aber Gott hat ihn gezwungen und genötigt. Erschrick nicht vor ihnen, vor denen, die dir Widerspruch bringen werden, damit ich dich nicht erschrecke.
Die ganze Autorität Gottes stellt sich noch einmal dar. Sei kein feiger Hund, der kneift, wenn es ums Bekennen des Jesusnamens geht in unserer Welt.
„Bauen und pflanzen“ hieß es bei der Berufung des Jeremia, und „einzureißen und zu zerstören“. Ja, das gilt doch nicht? Doch, die Bollwerke des Teufels zu zerstören und einzureißen, da, wo der Teufel seine machtvollen Beweise heute vor uns auftischt, dass da Leute im Glauben hingehen und sagen: Im Namen Gottes trete ich an gegen diese Macht der Finsternis.
Wenn dann Leute heute verstehen, was das heißt, und mutige Schritte tun, fällt einem das ja immer schwer. Und ich will das gar nicht mehr oft erklären, weil ein paar vielleicht aus Boshaftigkeit dann immer wieder sagen, es falle ihnen besonders schwer, einen Besuch zu machen. Ich habe es ihnen oft erklärt. Es fällt mir kein Stück leichter. Und wenn es mir leichter fallen würde, wäre es ein ganz übles Zeichen.
Jeder geistliche Dienst ist ein Schwerdienst, wo es einem sauer wird vor jedem Besuch, wo man vielmals durchatmen muss. Und es geht uns beim Besuchen oft gar nicht anders als da, wenn wir auf die Straße hinausgezogen sind, um draußen durch ein paar Lieder und ein paar Worte die Menschen anzusprechen auf die Königsherrschaft Gottes.
Dass das doch in unserer Stadt wieder erklinge und den Menschen zum Bewusstsein komme, die wir doch nicht erreichen können.
Das Zerbrechen des Zeugen
Ich denke zurück, wie das damals in der Zeit des Kirchenkampfes im Dritten Reich war, als nach dem Gottesdienst die vielen Glieder der Stuttgarter Gemeinden zusammengeströmt sind, dort in der Silberburgstraße vor dem Haus des inhaftierten Landesbischofs, um zu singen: „Eine feste Burg ist unser Gott“.
Und ich danke es den jungen Leuten, die damals mitgegangen sind, in den Siebzigerjahren, als wir hinausgegangen sind auf den Schillerplatz, um dort Evangelisationen zu halten, damit das Evangelium jungen Menschen unserer Zeit wieder verkündigt wird. Das kann man nicht tun, indem man sagt: Ja, wie soll das denn geschehen? Da sind ja alle Störungen möglich und aller Widerstand. Wenn Gott uns sendet, wenn er uns beruft, dann können Sie das jetzt übersetzen für all die Aufgaben, in denen Sie stehen.
Jetzt möchte ich Ihnen den zweiten Gedanken einführen: Zeugen Gottes zerbrechen. Das Erste war, dass ich Ihnen zeigen will: Wir sind nicht bloß die Vereinsmeier einer kirchlichen Gruppierung, wir sind Gottesberufene. Aber in diesem Dienst zerbrechen wir, gerade weil heute in der Kirche auch so viel Mut gemacht wird und gelobt wird. Da will man ja mitmachen und sagen: Es ist doch etwas da.
Ich bin der Meinung, dass das, was heute die Spalten der Gemeindeblätter füllt, oft in ein paar Jahren vergessen sein wird. Von der Sicht Gottes aus sind die Dinge, die uns groß scheinen, ja oft gar nicht groß. Und wenn wir zurückblicken in die Kirchengeschichte, war doch das Große, das geschehen ist, immer das Verborgene.
Und ich habe heute dieses Lied gesungen. Ich weiß, dass es den Kirchenmusikern das Herz im Leibe herumträgt, wenn sie es hören, weil ihnen die Melodie aus ihrer guten Ästhetik nicht tragbar ist. Aber dass die ganze Missionsbewegung begleitet: „Die Sache ist dein, Herr Jesus Christ“, von dem Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, und wo die anderen achtlos daran vorübergingen, das war doch dieser russische Graf Zaremba, der damals im Dienst der Basler Mission stand. Wie ein Wanderbursch ist er das Rheintal hinaufgezogen, ein Suchender nach Gott. Darum hat er seine Heimat verlassen, dieser Graf Zaremba. Dann hat man ihn ausgeschickt in den Kaukasus, und wenn Sie das Leben Zarembas angucken: ein solcher eifriger Bote, und doch, was ist denn an Frucht herausgekommen? Was ist denn eigentlich herausgekommen aus der Arbeit?
Und darum soll heute die Proportion gewahrt werden. Damals, auf dem Höhepunkt des Kirchenkampfes, als plötzlich die Jugendgruppen, die ja nicht mehr existieren durften, weil sie in die HJ, die Hitlerjugend, überführt wurden, zusammengeschmolzen sind, und dann waren es zwölf junge Männer, zwölf junge Männer, und zehn sind im Krieg geblieben. Und einem haben sie den Arm weggeschossen. So sind sie zurückgekommen. Das war die junge Gemeinde.
Ob wir nicht immer einen falschen Blick haben, wenn wir Zahlen zählen und sagen: Da waren viele da, und das war groß. Bei Ihnen selbst haben Sie sonst im Leben einen ganz falschen Blick und achten gar nicht das Kleine.
Darum will ich jetzt zu denen sprechen, die in ihrem Dienst für Gott zerbrochen sind: eine Mutter, die um ihren Sohn betet und ringt und seit Jahren sagt, es war alles vergeblich. Das sind Gotteszeugen. Ein paar Christen, die sich sammeln, um sich der Drogensüchtigen anzunehmen und sagen: Eigentlich ist alle Arbeit vergeblich, die wir investiert haben. Einer, der seit Jahren in einem Hauskreis seine Nachbarn einladen will und so viel probiert hat in Liebe, und am Ende ist Fruchtlosigkeit da.
Darum erzähle ich es Ihnen. Dann stehen wir da wie Jeremia. Die großen Dinge sind immer in der Reich-Gottes-Sache so entstanden. Zehn Jahre war Nommensen draußen, bevor er überhaupt einen taufen konnte. Die heutigen Missionare würden spätestens nach drei Jahren im Heimaturlaub sagen: Ich lasse mich an eine neue Stelle versetzen. Nicht alle.
Ob sie das noch wissen, dass das Grundgesetz des Reiches Gottes heißt: Die Boden müssen zerbrechen? Warum denn? Sonst würden sie ja nachher meinen, es wäre doch ihre Cleverness und ihre Begabung gewesen, die das Ganze verursacht hat. Als würde es doch an Menschenkraft hängen, als sei es doch der Name des Predigers oder sei es doch die Begabung. Nichts, nichts daran.
Und auch wenn uns Gott in dieser Gemeinde manches Ermutigende geschenkt hat, darf ich Ihnen sagen, dass es unter Tränen erbetet war und dass wir wie die Gescheiterten oft dastanden und nicht wussten, wie es weitergeht.
Der Weg durch Niederlage und Anfechtung
Denn Christen haben einen Boden, der uns zum Vorbild ist. Das, was Jeremia in dieser großen Anfechtung erlitten hat, ist ja noch einmal in der Sendung Jesu unterstrichen und verdeutlicht worden: kein Erfolg, die Menschen laufen weg, sie halten nicht viel von ihm, sie fragen nicht nach ihm, und am Ende wirkt Gott aus diesem Kreuz der Niederlage seinen Sieg.
Darum ist es so wichtig, dass wir auf den Kreuzesweg geführt werden. Das heißt doch, dass Gott bei uns nicht das will, wo die Presse aufmerksam wird und uns große Kommentare widmet, wo die Leute uns loben und uns schmeicheln. Sondern er will den Dienst, bei dem man am liebsten aussteigen möchte, wo die wenigen in ihrer Schule sagen: Jetzt hat es keinen Wert mehr, jetzt stellen wir unseren Schülergebetskreis ein, jetzt sind wir nur noch drei oder vier. Und Jesus sagt: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
Jeremia will aussteigen. Er sagt: Herr, du hast mich überredet, ich habe mich überreden lassen. Er zweifelt an seiner Berufung. Jetzt werden Sie fragen: Ja, was ist denn da passiert? Und manche haben gesagt: Ist er wirklich so gotteslästerlich hier vorgegangen? Ach, wissen Sie, da sind die Stimmen im Herzen, und die kennen Sie auch. Und ist es nicht gut, dass wir sie im Wort Gottes lesen können? Wir haben ja oft diesen Stimmen viel zu schnell nachgegeben, indem wir sagen: Ich bin eben doch nicht der Richtige, dann soll der andere her, und die beamteten Prediger machen es sowieso viel besser als wir. Nein, nein, Gott lässt sie nicht los aus der Verantwortung.
Ich verstehe gut, dass man in vielen Gemeinden heute die Bibelstunde abgeschafft hat. Sie war nie der Glanzpunkt einer Gemeinde. Und dann sagt man: Wir kommen viel weiter, wir erreichen die modernen Menschen viel besser, wenn wir einen Bierausschank machen, eine Kegelbahn einbauen. Aber geht es darum, ob wir ankommen, oder ob wir das Reich Gottes ausbauen?
Ich denke an einen Mann, der in der Jugendarbeit der fünfziger Jahre viele Lieder gedichtet hat, die teilweise noch heute von jungen Leuten gesungen werden: Lieder des Bekenntnisses, der Zuversicht und der Treue. Und er ist selbst ausgestiegen aus dem Glauben, er ist ein reicher Grundstücksmakler geworden. Wissen Sie, dass das eine Anfechtung ist?
Und wo die Krise in unseren Zeiten im Raum der Kirche liegen kann, liegt doch nicht an den bösen Zeiten, dass wir sagen: Heute sei es schwieriger. Wann war es denn je schwieriger oder leichter für das Evangelium? Heute sind doch die Menschen so freundlich, heute gibt es keine Verfolgung. Und wir weichen zurück, weil wir das Kreuz des Widerspruchs nicht tragen, weil wir nicht durchhalten wollen, allein auf die Berufung Gottes hin, und weil man dann meint: Ach, dann bin ich eben doch untauglich.
Das brennende Wort und das letzte Dennoch
Lesen Sie es noch einmal, wie Jeremia sagt: Ich will des Herrn nicht mehr gedenken. Das ist doch eine tolle Lösung: Ich erinnere mich einfach nicht mehr an ihn, ich vergesse ihn. Ich bleibe weg von der Versammlung, sonntags im Gottesdienst, und ich lasse meine Bibel liegen, dann habe ich Ruhe. Und dann kann man sich portionieren lassen im geistlichen Dienst. Dann kämpft man nicht mehr mit. Dort, wo gekämpft werden muss, weicht man zurück. Dann verliert man sich in die Fülle des Berufs und sagt: Ich habe so viel zu tun, ich komme gerade nicht mehr dazu. Als ob das eine Frage unserer Zeit wäre.
Er wehrt sich gegen den Widerspruch, gegen den Hohn, und sagt: Wo ich hinkomme, da gibt es nur Rumoren. Und ich treffe heute so viele, die sagen: Warum machst du nicht in unserer Kirche endlich Frieden? Warum rührst du denn immer wieder an die Wunde der theologischen Auseinandersetzung? Weil wir doch nicht schweigen können, solange die Göttlichkeit Jesu bestritten wird von den Kanzeln. Es geht doch nicht um Ruhe und Frieden. Ich ertrage es doch auch nicht mehr, wenn einer kommt und sagt: Jetzt fängst du wieder mit dem Zank an.
Ist es nicht das Herrnwort, auch einzureißen und nicht nur zu pflanzen, nein zu sagen zum Ja? Das war die Versuchung für Jeremia: Ich lasse das jetzt alles, ich will aussteigen. Und warum steigt er nicht aus? Vers 9: Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich es nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.
Das Wort Gottes, das in uns brennt, das, was wir einmal gehört haben, das lässt uns nicht los. Dann müssen Sie Ihre Ohren zukleben, dann müssen Sie Ihre Bibel ganz weit wegwerfen. Lesen Sie im Wort Gottes, und immer wieder werden Sie zurückgerufen in den Dienst. Und die Fahnenflüchtigen werden zurückgeholt: Komm, sagt der Herr, du machst weiter.
Unter lauter Niederlagen und unter so vielen Täuschungen arbeite ich mit solchen Boten. Sie wissen, dass das Lied der großen Erweckung im vorigen Jahrhundert das Lied von Krumacher war, wo es dann heißt, dass mit zerbrochenen Stäben du deine Wunder tatst und mit geknickten Reben die Feinde untertratst. Gott hat seine Siege immer mit solchen Leuten gemacht, die am Ende waren mit ihrer Persönlichkeit, mit ihrem Können und mit ihren Gaben. Und das ist dann das Wort des Herrn, das uns wieder umkriegt.
Vielleicht haben Sie es gemerkt, dass wir auch ein paar Monate pausiert haben mit unseren Straßeneinsätzen. Da haben Sie vielleicht gedacht: Bist du eigentlich der Narr von Stuttgart? So belächeln lassen, dass man gerade noch auf die Straße hinstehen muss, wäre doch nicht nötig. Und dass wir es wieder machen in der Adventszeit, hinausgehen, weil das Herrnwort brennt in unserem Herzen und uns nötigt. So wie Sie sagen: Ich muss heute noch einen Besuch machen. Und dann denkt man manchmal an dem Krankenbett: Da muss ich noch ein Wort des Zuspruchs haben, da muss ich noch mit ihm beten. Ich muss es, ich kann es nicht lassen, auch wenn es uns manchmal schwerfällt, aus dieser persönlichen, inneren Verbundenheit herauszureden.
Das Wort Gottes, ach, das Wort Gottes ist ja so anders, als wie wir es zurechtgelegt haben. Ich vergesse nicht, wie Manfred Hausmann in seiner unvergleichlichen Art das uns einmal hier von dieser Kanzel gesagt hat, bei einer Predigt vom Ärgernis: Das Wort Gottes kann man nicht anpassen. Das Wort Gottes schlägt zu, das packt Menschen, das ist stärker. Das kann man auch nicht sich zurechtdrücken. Und da liegt ja die ganze Not der Christenheit heute, dass man nicht mehr unter diesem Wort steht.
Das war der zweite Punkt, der mir so wichtig war: das Botengottes Zerbrechen. Und noch ein letztes Dennoch steht der Zeuge. Jeremia gibt nicht auf, obwohl er in diesen Versen, es kommt nachher ab Vers 14 noch einmal, da sagt er: Wenn ich nur nie geboren wäre. So schwer trägt er an seinem geistlichen Amt. Es mag ihm den Trost sein: Verflucht sei der Tag, wo man meinem Vater sagte, er hat einen Buben, der geboren wurde. So hat er gelitten. Er hat es kaum mehr ausgehalten, und trotzdem lässt er sich senden. Er hat gelitten, dass er Gericht predigen muss.
Sie wissen, dass ich an meinem Schreibtisch an der Seite das Bild von Rembrandt habe, das im Rijksmuseum in Amsterdam hängt, wo der Jeremia über den Trümmern Jerusalems sitzt. Er hat es nicht mitansehen können, dass das heilige Volk so verstoßen wird im Gericht. Und wenn Sie mich fragen, was mir am schwersten wird in unserer Zeit, ich glaube gar nicht, dass die aktuellen politischen Diskussionen in der Christenheit die schlimmsten sind. Ich habe Angst, dass viel von dem großen Erbe, das uns die Väter überbracht haben, in unserer Generation verloren geht und unsere Volkskirche das Volk verliert und mit dem Evangelium die Menschen nicht mehr erreicht.
Dem Jeremia war es so schwer, und das soll ich weitermachen in diesem Dienst, obwohl ich sehe, wie sich Gottes Gericht vollzieht.
Die Zusage bleibt stärker als die Angst
Und er bleibt dabei: Der Herr ist bei mir als ein starker Held. Das ist der einzige Trost, den man im Dienst hat. Mit unserer Macht ist nichts getan. Wir sind bald verlorene Streitmacht für uns. Der rechte Mann, den Gott selbst erkoren hat, ist der, von dem ich sage: Herr Jesus.
Ich fange wieder an und bitte Sie, dass Sie in all Ihren Verpflichtungen, in denen Sie stehen, als ein Zeuge Gottes wirken, durch ein mutiges und offenes Wort, und den Namen des Herrn ausrufen und bekennen. Aber der Herr ist bei mir als ein starker Held, darum werde ich nicht unterliegen. Darum werden meine Verfolger fallen.
Sie hören: Ich habe keine Verfolger. Sie werden Verfolger haben, wenn sie sich zu Jesus eindeutig bekennen. Und wie ein Bienenschwarm wird es um sie her sein. Sie werden den Spott und das Gelächter haben. Dann werden sie sagen: Ist das denn die Sache wert? Sie können es anders nie haben. Die bibeltreue Gemeinde Jesu war immer ein verlachtes, verspottetes kleines Grüppchen, kleine Schar. Johannes Prenz hat einst in der Stiftskirche seine Wochenpredigten vor zwölf Hörern gehalten in der Reformationszeit, mehr nicht.
Dass die Gemeinde Gottes oft so zusammenschmilzt, das macht gar nichts aus. Aber der Herr ist bei mir. Und ich denke jetzt heute an diesem Sonntagmorgen: Da werden sie sich versammeln in russischen Gemeinden, so viele, die keine Lizenz haben vom Staat, und dann in den Häusern, fortwährend bedroht von Strafen, sich sammeln. Aber der Herr ist bei mir.
In Abu Dhabi, in Saudi-Arabien, die kleinen Hausgemeinden unter dem Druck des Islam. Vor 14 Tagen durfte ich den Gottesdienst halten in Thessaloniki, in Griechenland, in einer ganz kleinen evangelischen Gemeinde. Es gibt in ganz Griechenland nur 15 Evangelische. Dass wir sie stärken, die Verstreuten dort, aber der Herr ist bei mir.
Gott schenkt seiner Gemeinde Durchbruch, und immer wieder lässt er sie teilhaben an seinen Siegen. Aber es sind seine Siege, seine Wunder, die er tut für uns, wo wir nur staunen können. Es geschieht aus Glauben und nie anders, nie aus Sehen, nie aus Fühlen, sondern aus Glauben, dass wir es festhalten und in Treue dahinterstehen und sagen: Herr, du hast uns gerufen. Und weil du uns in diesen Dienst stellst, wollen wir dabei bleiben, treu und entschlossen, trotz allem, was uns enttäuschen will.
Und sagen: Ja, Herr, wenn nur du Segen gibst, wenn nur du deine Gemeinde baust durch unseren kleinen Dienst, dann können wir nur staunen. Und das schließt ja diese Konfession des Jeremia mit einem Dank. Singt den Herrn, rühmt den Herrn, der das arme Leben aus den Händen der Boshaften errettet. Das hätten wir nie gedacht, dass Gott uns noch einmal solche herrlichen Tage auch in unserem Gotteshaus erleben lässt, in unserer Gemeinde hier, dass Gott so viele herzuführt, junge Menschen. Da will ich abbrechen, ich will nur danken, rühmen den Herrn. Er ist größer, als wir verstehen, und seine Gemeinde ist seine Sache, nicht unsere. Amen.

