Gott wird Mensch. Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Gott wird Mensch, Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Die Frage nach dem höchsten Gebot
Episode 719: Die Frage nach dem grössten Gebot, Teil 2, Matthäus 22, die Verse 34-37.
Als aber die Pharisäer hörten, dass er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, versammelten sie sich miteinander. Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: „Lehrer, welches Gebot ist gross im Gesetz?“
Er aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.“
Der Pharisäer fragt, welches Gebot gross im Gesetz ist. Damit meint er, welches Gebot im Gesetz eine grosse, zusammenfassende Bedeutung hat. Während wir bei Markus lesen: „Welches Gebot ist das erste von allen?“, geht es also um die Rangordnung, geht es bei Matthäus um Qualität und Gewichtung im Gesetz.
Die Antwort des Herrn Jesus lautet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.“
Wer in der letzten Episode aufgepasst hat, der weiss inzwischen, dass man den ganzen Menschen je nach Kultur unterschiedlich beschreiben kann. Bei Markus lesen wir davon, dass wir Gott mit unserem ganzen Herzen, unserer Seele, unserem Verstand und unserer Kraft lieben sollen. Hier bei Matthäus sind es Herz, Seele und Verstand.
In beiden Fällen geht es darum, 5. Mose 6,5 wiederzugeben.
Warum der Unterschied? Der liegt wahrscheinlich an der Zielgruppe. Matthäus schreibt stärker für ein jüdisch geprägtes Publikum und bleibt mit Herz, Seele und Verstand näher an der alttestamentlich-jüdischen Denkweise, in der diese Begriffe nicht als getrennte Teile des Menschen gemeint sind, sondern den ganzen Menschen beschreiben.
Markus richtet sich wahrscheinlich stärker an eine griechisch-römische Leserschaft und entfaltet den Sinn des alttestamentlichen Zitats mit „Herz, Seele, Verstand und Kraft“ etwas breiter, damit auch seine nichtjüdischen Zuhörer verstehen, dass Liebe zu Gott nicht nur Gefühl, Anstrengung oder ein Frömmigkeitsstil ist, sondern auch Einsicht, Denken und Verstehen umfasst.
Wie die Evangelien die Worte Jesu überliefern
Diese Texte hier machen ein Prinzip deutlich, das wir beim Lesen der Evangelien nicht aus dem Blick verlieren dürfen. Die Evangelien sind nämlich keine Wortprotokolle im modernen Sinn. Sie geben Jesu Worte zuverlässig wieder, aber nicht immer in exakt den Worten, die der Herr Jesus gesprochen hat.
Er sprach im Alltag wahrscheinlich Aramäisch, möglicherweise auch Hebräisch. Die Evangelien sind aber auf Griechisch verfasst. Darum begegnet uns jedes Jesuswort in den griechischen Evangelien bereits in vermittelter Form: aus der ursprünglichen Sprechsituation heraus, übertragen in eine andere Sprache, eingebettet in eine Erzählung und geprägt von der Darstellungsweise des jeweiligen Evangelisten.
Das mindert nicht die Zuverlässigkeit der Evangelien. Im Gegenteil: Die kleinen Unterschiede zeigen, wie antike Geschichtsschreibung funktioniert. Die Evangelisten bewahren den Sinn, die Stoßrichtung und die theologische Aussage der Worte Jesu, ohne mechanisch am O-Ton zu hängen.
So kann Matthäus hier stärker die Frage nach dem großen, tragenden Gebot im Gesetz betonen, Markus entfaltet dagegen deutlicher die umfassende Totalität der Gottesliebe. Beide Schwerpunkte widersprechen sich nicht, sondern sie ergänzen sich.
Darum sollten wir auch bei solchen Unterschieden nicht vorschnell fragen, welcher Evangelist es richtig wiedergegeben hat. Besser ist die Frage, welchen Akzent der jeweilige Evangelist setzt. In beiden Fällen bleibt die Aussage dieselbe: Gott fordert keine geteilte, selektive oder nur innerliche Liebe, sondern die ungeteilte Hingabe des ganzen Menschen an den einen Gott, der sich am Sinai offenbart hat.
Das zweite Gebot und seine enge Verbindung zum ersten
Der Herr Jesus ist mit seiner Antwort aber noch nicht fertig. Markus 12,31: Das zweite ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Größer als diese ist kein anderes Gebot.
Neben das erste Gebot der Liebe zu Gott tritt als zweites Gebot die Liebe zum Nächsten. Neben das Glaubensbekenntnis tritt ein ganz kleines, fast unscheinbares Gebot aus 3. Mose 19,18. Die beiden Gebote scheinen für den Herrn Jesus ganz eng zusammenzugehören.
So wie es dann später Johannes formuliert, 1. Johannes 4,20: Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann nicht Gott lieben, den er nicht gesehen hat. Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren. Und jeder, der den liebt, der geboren hat, liebt den, der aus ihm geboren ist.
Johannes ist so schön klar: Wer seinen Bruder nicht liebt, kann Gott nicht lieben. Und wer den liebt, der geboren hat, also wer Gott liebt, liebt den, der aus ihm geboren ist. Also die Glaubensgeschwister.
Und so gilt 1. Johannes 4,21: Und dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder lieben soll.
Merkt ihr: Gottesliebe und Nächstenliebe, vor allem die Liebe zu den Glaubensgeschwistern, sind unterscheidbar, aber nicht trennbar.
Das wird, wenn man so will, schon bei den Zehn Geboten deutlich. Auch dort drehen sich die ersten vier Gebote um Gott und die folgenden sechs Gebote um den Menschen.
Der Nächste ist nicht nur der, den ich auswähle
Aber kommen wir zurück zu dem kleinen Gebot, das sich unter ganz vielen anderen in 3. Mose 19 verbirgt: 3. Mose 19,18. Du sollst dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.
Wir haben das schon an anderer Stelle gesehen, dass Jesus hier die Definition des Nächsten erweitert. Besonders deutlich wird das im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Dort fragt ein Gesetzeslehrer, was er tun muss, um ewiges Leben zu erben, und Jesus fragt zurück, was im Gesetz steht. Lukas 10,27: Er aber antwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten wie dich selbst.
Merkt ihr: Die Gesetzesgelehrten zur Zeit Jesu wussten um die enge Verbindung zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten. Problematisch wird es erst, wenn man dann fragt: Wer ist mein Nächster? Das ist in den Augen Jesu nämlich die falsche Frage. Es geht nicht darum, die Menschheit in zwei Gruppen einzuteilen, Nächste und Nichtnächste. Vielmehr sollen wir wie Gott lieben, inklusiv, allumfassend.
Deshalb fragt Jesus den Gesetzesgelehrten im Anschluss an das Gleichnis: Lukas 10,36. Was meinst du? Wer von diesen dreien ist der Nächste dessen gewesen, der unter die Räuber gefallen war? Also nicht: Wer ist mein Nächster?, sondern vielmehr: Wem kann ich mit meinen Möglichkeiten Nächster sein?
Die Konsequenz für das eigene Leben
Halten wir fest: Das erste Gebot lautet: „Liebe Gott“, und das zweite Gebot lautet: „Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst.“
Was könntest du jetzt tun? Frage dich ganz ehrlich, ob es in deinem Leben Ausreden gibt, Menschen nicht so zu lieben, wie du dich selbst liebst.
Das war’s für heute. Überarbeite und aktualisiere jetzt deine Fürbittenliste für Singles in deiner Gemeinde und bete für sie.
Der Herr segne dich, du erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
