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Die Heilung zweier Blinder – Teil 2

Jesu Leben und Lehre, Teil 660/697
06.01.2026
SERIE - Teil 660 / 697Jesu Leben und Lehre

Einführung in die Problematik der Evangeliumsberichte

Gott wird Mensch
Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter ist
Weg, Wahrheit und Leben
Episode 660
Die Heilung zweier Blinder – Teil 2

In der letzten Episode haben wir uns mit der Frage beschäftigt, warum dasselbe Ereignis im Leben des Herrn Jesus von Matthäus anders erzählt wird als von Markus und Lukas. Während Matthäus von zwei blinden Bettlern spricht, die geheilt werden, berichten Markus und Lukas nur von einem. Markus kennt sogar den Namen dieses Blinden: Bartimäus.

Der Unterschied ist schnell erklärt. Jeder Schreiber eines Evangeliums benutzt das historische Material, um theologische Inhalte zu transportieren. Damit das gelingt, berichtet er die Tatsachen aus dem Leben Jesu mit dem Schwerpunkt, der ihm für sein theologisches Ansinnen richtig erscheint.

Ich hatte aber auch gesagt, dass es zwei inhaltliche Fragen gibt, die man bei der Heilung der zwei Blinden klären muss. Die erste Frage lautet: Wie viele Bettler werden geheilt? Die zweite Frage lautet: Warum sprechen Matthäus und Markus davon, dass Jesus mit seinen Jüngern aus Jericho hinausgeht, während Lukas davon berichtet, dass er sich der Stadt nähert, also hineingeht?

Unterschiedliche Ortsangaben in den Evangelien

 Matthäus 20,29: Und als sie von Jericho auszogen, folgte ihm eine große Volksmenge.

 Markus 10,46: Und sie kamen nach Jericho. Als er und seine Jünger sowie eine große Volksmenge aus Jericho hinausgingen, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, ein blinder Bettler, am Weg.

 Lukas 18,35: Es geschah aber, als er sich Jericho näherte, saß ein Blinder bettelnd am Weg.

Natürlich kann man die Frage als belanglos abtun. Schließlich ist es für die Heilung selbst völlig egal, ob Jesus aus Jericho hinausgeht oder sich der Stadt nähert.

Da wir es mit einem zweitausend Jahre alten Text zu tun haben, kann es tatsächlich Passagen geben, bei denen wir ehrlich sagen müssen, dass wir keine Ahnung haben, warum die Autoren sich so unterschiedlich ausdrücken, wie sie es tun. Ist halt so.

Ich sage das so deutlich, weil es merkwürdig wäre, wenn historische Dokumente völlig verständlich wären. Der Anspruch, den manche Kritiker an die Bibel anlegen – also der Anspruch, dass sie mit ihrem modernen Blick und ihrem begrenzten Wissen alles verstehen müssten und dass deshalb jede in ihren Augen widersprüchliche Formulierung gleich ein offensichtlicher Widerspruch ist – ist eher dem Hochmut unserer Zeit als gesunder Selbsteinschätzung geschuldet.

Grenzen des Verständnisses und die Besonderheit der Bibel

Noch einmal: Die Idee, dass ein zweitausend Jahre altes Dokument einfach gelesen wird und wir sofort alles verstehen und keinerlei Probleme mit dem Text haben, ist absurd. Vielmehr sollte man sich fragen, wie es trotzdem dazu kommt, dass weltweit so viele Menschen die Bibel aufschlagen und allein durch das Lesen dieser alten Texte zum Glauben an Jesus kommen.

Diese Erfahrung ist, soweit ich das sehe, für eine Religion ziemlich einmalig. Wer mir nicht glaubt, kann das einmal mit dem Koran oder den achtzehn Gesängen der Bhagavad-Gita ausprobieren. Das Besondere an der Bibel – und damit ein deutlicher Hinweis auf ihren übernatürlichen Ursprung durch den Heiligen Geist – ist ihre Wirksamkeit.

Also halte ich den Anspruch mancher Kritiker an die Bibel für unrealistisch. Ich kann als Christ nicht alle Fragen zur Bibel beantworten. Es gibt Grenzen meines Wissens. Diese beruhen nicht nur auf meinem IQ oder meiner Schulbildung, sondern sind ganz praktischer Art.

Archäologische Befunde sind an vielen Stellen fragmentarisch oder fehlen ganz. Textkritische Fragen bleiben offen, weil originale Handschriften nicht erhalten geblieben sind. Die Literaturwissenschaft kann viele semantische und rhetorische Phänomene der antiken Welt nur rekonstruieren, aber nicht restlos begreifen.

Selbst linguistisch stoßen wir bei Begriffen, die nur einmal vorkommen, bei syntaktischen Sonderformen oder semantischen Feldern oft an Deutungsgrenzen. Für alle Grammatikfreaks habe ich die Fachbegriffe im Skript noch etwas erklärt.

Kulturelle Einbettung der biblischen Texte und intellektuelle Redlichkeit

In der Bibel trifft Theologie auf Kultur. Die Dinge werden so beschrieben, wie es für die damalige Zeit üblich war. Dabei finden sich Bilder, Rechtsbegriffe und Weltanschauungen, die aus dem altorientalischen und antiken Umfeld stammen.

Diese kulturelle Einbettung der biblischen Texte ist kein Makel. Sie ist vielmehr Ausdruck der Inkarnation Gottes in Raum und Zeit.

Für uns als Leser beginnt hier jedoch die Herausforderung. Ein Besuch im Ägyptischen Museum in Berlin oder im British Museum in London zeigt, wie wenig wir tatsächlich über diese Zeit wissen. Dies betrifft die Alltagswelt, die Mentalität, die politischen Systeme und die Symbolsprache des Altertums.

Intellektuelle Redlichkeit bedeutet daher auch, sich der Grenzen der eigenen Erkenntnisfähigkeit bewusst zu sein. Es ist keine Schwäche, sondern Ausdruck geistiger Reife zu sagen: Das wissen wir nicht oder noch nicht.

Wer meint, man könne sich nur dann bekehren, wenn man auf alle Fragen zur Bibel eine vollständige Antwort hat, begeht einen logischen Kategorienfehler. Er verwechselt Glauben mit Allwissenheit und macht die Annahme des Evangeliums von einem erkenntnistheoretisch unerfüllbaren Vorbehalt abhängig.

Ich kann nicht alle Fragen beantworten.

Umgang mit Kritik und die Jericho-Problematik

Trotzdem ist es mir wichtig, auf Kritik einzugehen. Es gibt nämlich intellektuell redliche Antworten auf kritische Fragen. Es lohnt sich, im Rahmen unserer Möglichkeiten nach ihnen zu suchen.

Deshalb zurück zur Jericho-Problematik: Werden die zwei blinden Bettler beim Einzug oder beim Auszug geheilt? Die Antwort lautet: Beides.

Warum beides? Zur Zeit Jesu gab es zwei Jerichos. Es gab das weiter nördlich gelegene Alte Jericho, eine Oasen- und Ruinenstadt, und das zwei Kilometer weiter südlich gelegene Neu-Jericho. Diese neue Stadt war wenige Jahrzehnte zuvor von Herodes dem Großen errichtet worden. Sie war ein Verwaltungszentrum mit Aquädukt, Lustschloss, Amphitheater und Hippodrom.

Wir haben also die altkananitische Stadt, deren Mauer unter Josua bei der Belagerung durch das Volk Israel eingestürzt war, und daneben eine unmittelbar neu gebaute Stadt mit demselben Namen. Soweit die vorsichtige archäologische Rekonstruktion.

Bitte denkt dabei immer an das Vorhin Gesagte: Unser Wissen ist bruchstückhaft. Wir graben uns durch die Erde, finden Steine und ein paar Scherben und rekonstruieren daraus Geschichte. Es gibt von beiden Jerichos keinen Streetview.

Wenn Matthäus und Markus also davon sprechen, dass Jesus aus Jericho hinausging, und Lukas berichtet, dass er sich Jericho näherte, dann hat das damit zu tun, dass es zwei Orte mit demselben Namen gab, die ganz dicht beieinander lagen. Jesus zog aus dem einen Jericho hinaus, um sich dem anderen Jericho zu nähern.

Bedeutung der historischen Komplexität für den Glauben

Jetzt fragt ihr euch wahrscheinlich, warum Jürgen eine Episode über zwei antike Orte mit demselben Namen macht. Ganz einfach: Damit wir verstehen, wie komplex Geschichte sein kann und dass wir bei offenen Fragen nicht sofort die Glaubwürdigkeit der Bibel infrage stellen sollten.

Vielmehr sollten wir uns unserer eigenen intellektuellen Grenzen bewusst werden. Denn eines ist hoffentlich klar: Unser Glaube ruht nicht auf der Bibel. Die Bibel ist das Kommunikationsmittel, das Gott benutzt, um in unser Leben hineinzusprechen.

Unser Glaube an Gott hingegen ruht auf dem Leben, das sich daraus ergibt. Wenn Glaube nicht auf Leben, sondern nur auf Wissen basiert, erinnert euch bitte daran, was ich vor kurzem über religiöse Systeme und Bekenntnisse gesagt habe.

Wenn mein Glaube nur im Kopf stattfindet, ist er zum Scheitern verurteilt. Natürlich gilt auch das Gegenteil: Wenn mein Glaube ausschließlich von meinen Erfahrungen und Eindrücken abhängt, wird er zum Spielball dämonischer Mächte und meiner Hormone.

Wir brauchen beides.

Glaube als lebendige Beziehung und praktische Anwendung

Echtes Leben mit Gott und sein Wort als Korrektiv

Frage dich bitte, worauf dein Glaube beruht. Lebst du bereits aus einer tiefen Beziehung zu Gott heraus? Was gibt dir Halt und Sicherheit?

Setz dich hin und formuliere drei machbare geistliche Ziele für das neue Jahr.

Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

Seine App "Frogwords" gibt's für Android und iOS.

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