Jesaja 51, 17 - 52, 15
Jesaja 51,17-52,1527.04.1993
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Wir fahren fort in der Lesung des Propheten Jesaja und lesen heute im Kapitel 51, Abwehr 17.
Der Ruf aus der Tiefe
Werde wach, werde wach, Jerusalem, die du getrunken hast aus der Hand des Herrn den Kelch seines Grimmes, den Taumelbecher. Hast du ausgetrunken, den Becher geleert?
Es war niemand von allen Söhnen, die sie geboren hat, der sie leitete, und niemand von allen Söhnen, die sie erzogen hat, der sie bei der Hand nahm. Dies beides ist dir begegnet. Wer trug Leid um dich? Verwüstungen, Schaden, Hunger und Schwert. Wer hat dich getröstet? Deine Söhne lagen auf allen Gassen, verschmachtend wie ein Hirsch im Netz, getroffen vom Zorn des Herrn und vom Schwert deines Gottes.
Darum höre dies, du Elende, die du getrunken bist, die du trunken bist, doch nicht von Wein. So spricht dein Herrscher, der Herr, dein Gott, der die Sache seines Volkes führt: Siehe, ich nehme den Taumelbecher aus deiner Hand, den Becher meines Grimmes. Du sollst ihn nicht mehr trinken, sondern ich will ihn deinen Peinigern in die Hand geben, die zu dir sprachen: Wirf dich nieder, dass wir darüber hingehen. Und du machtest deinen Rücken dem Erdboden gleich und wie eine Gasse, dass man darüber laufe.
Wach auf, wach auf, zieh an deine Stärke, schmücke dich, herrliches Jerusalem, du heilige Stadt. Denn es wird hinfort kein Unbeschnittener oder Unreiner zu dir hineingehen. Schüttle den Staub ab, steh auf, Jerusalem, du Gefangene. Mache dich los von den Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Zion.
Denn so spricht der Herr: Ihr seid umsonst verkauft, ihr sollt auch ohne Geld ausgelöst werden. So spricht Gott, der Herr: Mein Volk zog einst hinab nach Ägypten, dass es dort ein Fremdling wäre. Auch Assur hat ihm ohne Grund Gewalt angetan. Aber nun, was habe ich hier zu schaffen, spricht der Herr. Mein Volk ist umsonst weggeführt, seine Tyrannen prahlen, spricht der Herr, und mein Name wird immer den ganzen Tag gelästert. Darum soll mein Volk an jenem Tag erkennen, dass ich es bin, der da spricht: Hier bin ich.
Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die zu Zion sagen: Dein Gott ist König. Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.
Weicht, weicht, zieht aus von dort und rührt nichts Unreines an. Geht weg aus ihrer Mitte, reinigt euch, die ihr des Herrn Geräte tragt. Denn ihr sollt nicht in Eile ausziehen und in Hast entfliehen; denn der Herr wird vor euch herziehen, und der Gott Israels wird euren Zug beschließen. Amen.
Der erste Ruf: aus Betäubung und Schmerz heraus
So bestimmt der Ruf die Spitze dieses Textes, den wir gehört haben. Sie liegt in den beiden Worten: Wach auf, wach auf. Nicht wahr? Das kann man brauchen, wenn man ein Tagwerk hinter sich hat.
Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ausgesehen hat. Herr Müller und ich und noch ein Kirchengemeinderat haben mit anderen zusammen seit fast vier, vielleicht fünf Stunden Organisten in der Stiftskirche gehört, großartige Künstler. Und man muss aus diesen großartigen den großartigsten für uns herausfinden. Ich kann Ihnen sagen: Nach vier Stunden Orgel wissen Sie nicht mehr, ob das eine Mundharmonika oder eine sehr Monika ist.
Also: Wenn man ein Tagwerk hinter sich hat, ist das gut. Wach auf, das tut gut, wenn man nach dem Lärm in die Stille kommt und etwas einigt. Wach auf, das ist notwendig, wenn man überhaupt etwas mitbekommen will an solch einem warmen und schwülen Abend. Dieser Abschnitt ist ein Hallo wach, nicht in Tabletten gepresst, sondern in gute Worte gefasst. Nicht wahr?
Nun hat ja Wach auf zuerst einen negativen Klang. Da hat man einen guten Nacht, Schlaf gut und tief. Und dann kommt die Mutter und sagt dem Jungen: Wach auf! Und wer keine Mutter mehr hat, der hat eben einen Wecker. Früher klangen die ja fürchterlich, so nachrichtigen Alarmglocken. Heute hat man das schön abgemildert. Bei meiner Tochter klingt das wie ein Hahn auf dem Hühnerhof, großartig. Und mancher, dem das noch zu unangenehm ist, der besorgt sich einen Radiowecker, legt seine Lieblingskassette ein, und dann beginnt der Morgen mit dem Naabtal Duo oder dem Montanara Chor. Oder mit irgendeinem verrückten Rocksänger.
Aber schlimm, wenn man aus dem Nachtschlaf gerissen wird, ist negativ. Beim Tagschlaf ist es nicht anders. Wenn man beim Lernen, beim Latein-Vokabeln-Lernen, plötzlich nicht mehr ganz da ist, solche Vokabeln, die wirken ja wie Schlafpulver. Plötzlich wird man gerufen und ist wieder wach. Aber nicht nur der Nachtschlaf, auch der Tagschlaf. Es ist ja auch der Kirchenschlaf, nicht wahr? Ich habe immer so manchmal das Gefühl, dass am Anfang des Liebe Gemeinde das genau wie eine Narkosespritze wirkt und das Amen die Leute wieder ganz aufweckt. Ja, so ist das. Beim Amen ist der Kreislauf wieder ganz rund, ja.
Aber sehen Sie: Das Negative genügt ja bei dem Wach auf nicht. Und hier kommen wir eigentlich zu dem eigentlichen Klang dieses Textes. Wach auf hat auch einen positiven Klang. Und so berichtet es ja immer wieder.
Vor einigen Monaten wurde ein Freund von mir an einem Gehirntumor operiert. Die Chancen auf ein Überleben waren nicht groß. Die Ärzte sagten es ihm deutlich, eigentlich überdeutlich. Er musste auch einen Revers unterschreiben, mit all den vielen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die hier eintreten könnten. Und so ging er aber trotzdem als Christ getrost hinein in diese Operation.
Dann erzählte er mir, habe ihn auf einmal jemand gerufen, aus ganz großer Ferne und ganz großer Tiefe. Er sei wieder aufgetaucht, und dann sah er zuerst schemenhaft, dann immer deutlicher und schließlich ganz klar einen Arzt, die Schwestern und vor allem seine Frau. Herrlich! Aufwachen war für ihn Frohbotschaft, war für ihn Evangelium, ein Anruf gleichsam aus der Ewigkeit.
Der Prophet hier, der steht so bei uns. Er ruft uns an diesem Abend diesen Text ins Ohr, damit wir wieder aus der Ferne auftauchen, damit wir wieder zum Leben kommen. Herausgerissen aus dem Schlaf. Oder aus der Betäubung, nicht wahr? Von der wir auch an diesem Abend ja reden wollen. Die Trauer ist eine Spielart der Betäubung. Nicht weil der Mann und die Frau und das Kind stirbt, und dann steht man auf dem Friedhof und ist gleichsam wie betäubt. Man kann fast nichts mehr aufnehmen.
Ich halte deshalb auch den Friedhof für einen ganz schlechten Platz für evangelistische Anreden, weil die Leute nicht hören können. Die Betäubung, die Trauer, ist zu dick. Die Leute sind wie betäubt, und man kann sie kaum erreichen. Und jetzt durch solch eine Betäubung hindurch dringt dieses Wort des Propheten: Wach auf!
Und zwar sind es, wenn Sie genau nachschauen, drei Abschnitte, drei Strophen. Die erste Strophe hier, die Verse 17 bis 23: Wach auf, genauer: aufwachen und stehen. Also das Erste: Aufwachen und stehen. Wie gesagt, es sind nicht nur Menschen angeredet, die schlummern oder eingenickt sind, sondern es sollen vor allem solche angesprochen werden, die in Trauer und Schmerz betäubt sind. Und wer an diesem Abend dies auch spürt, wer an diesem Abend auch von Trauer und von Schmerz gefangen ist, der soll besonders seine Ohren spitzen.
Die drei Zeichen der inneren Lähmung
Sind Sie es? Es gibt drei Betäubungssymptome, die hier in diesem ersten Versen aufgeführt sind. Drei Symptome, die zeigen, dass man eigentlich betäubt ist, weggetreten.
Das erste Betäubungssymptom ist: führerlos. Vers 18: Niemand, der sie leitet, niemand, der sie bei der Hand nimmt. Das ist Trauer. Man ist unendlich allein gelassen. Man ist wie fallen gelassen. Niemand ist da, der einen an die Hand nimmt. Niemand ist da, der einen an der Hand führt, so sagt es dieser Prophet.
Sie wissen das damals, und das wissen die Verheirateten: Damals vor dem Traualter hat man ja die Hand gegeben. Hand in Hand ging es durch, ging ins Leben, ins gemeinsame Leben hinein und durch dieses Leben. Und jetzt auf einmal ist diese Hand nicht mehr da. Der Lebensweg ist wie ein Weg ohne Handlauf.
Viele sind traurig, weil sie keiner an die Hand nimmt und sagt: Komm mit, komm mit. Es ist keine Hand da, die einem die Richtung weist, die einen vor Stürzen bewahrt. Einfach leere Hände. Und deshalb führerlos. Man greift hinaus, aber es ist niemand da, der einen hält. Führerlos ist Symptom der Betäubung.
Und das zweite, was hier steht? Trostlos. Neben führerlos, trostlos. Vers 19: Wer trug Leid um dich? Wer hat dich getröstet? Sie kennen doch das auch. Da bekommt man auf einmal Beileidsworte. Da rufen sie an von Leuten, wo man gar nicht geglaubt hätte. Da kommen Konstellationen, da kommen die schwarzen Karten, da werden Streusel abgegeben, und auf dem Friedhof sind die Grenzen.
Aber ich frage Sie: Wenn Sie es schon einmal erlebt haben, ist das denn Trost? Diese Karten, diese Aufhäufungen, diese Beileidsworte, diese Anrufe – alles Trost? Wir sind doch leidige Tröster wie die Freunde von Hiob. Wir können letztlich nicht trösten. Vielleicht ist der Anruf besser als gar nichts. Ein kleines Zeichen meiner Anteilnahme. Aber es ist alles überhaupt kein Trost.
Wenn man traurig ist, hilft einem kein Mensch. Es ist trostlos. Liebe Freunde, man ist nicht nur führerlos und trostlos, und das dritte Symptom ist haltlos.
Hier steht etwas vom Bild eines Hirsches, genauer ist hier eine Antilope, eine Antilope, die in eine Falle gerät. Es ist so, und so weiß es dieser Schreiber: Dieses Tier tappt in ein verdecktes Loch, tappt in ein Netz, das über ein Loch gespannt ist. Und da gerät es hinein, mit den Füßen. Dann fängt es an zu zerren. Aber je mehr es zerrt, umso mehr verliert das Tier seinen festen Halt und verfängt sich in den Maschen.
Je mehr wir selber aus der traurigen Betäubung heraus wollen, je mehr wir uns dagegen sträuben, je mehr wir uns dagegen stemmen, je mehr sogenannte, wie man heute sagt, Trauerarbeit wir leisten und leisten wollen, umso mehr verfangen wir uns in den Maschen unendlicher Traurigkeit.
Es gibt heute ja ganze Bücher, Anweisungen für den Trauerfall, was man alles tun soll, wenn man traurig ist oder in Trauer kommt. Mir kommt das alles so wie Befehle vor, die der Antilope zugerufen werden, die in der Falle hängt. Sie kann sich überhaupt nicht retten. Sie kann von ihrer Trauer nicht loskommen.
Betäubt in Trauer und Schmerz, führerlos, trostlos, haltlos – das ist unsere Betäubung.
Die Antwort auf die Frage nach Schuld und Ursprung
Aber dann wird auch die Frage beantwortet: Durch was, durch wen sind wir denn eigentlich betäubt? Durch welches Schicksal sind wir denn in diese Trauer, die wir zu tragen haben, versetzt worden?
Wir sind immer auf der Suche nach dem Verursacher. Immer. Sind es die damals, die in der Falle saßen, so wie die Antilope im Netz, die damals sagten, dass wir so traurig sind und dass wir so drin hängen? Da sind natürlich die Babylonier schuld. Die haben uns in diese Gefangenschaft gebracht. Dort war ganz klar: Die Babylonier sind schuld. Später waren es die Römer. Später waren es wieder andere. Auch bei uns im Jahre 45 wussten wir ganz genau, wer schuld war. In Bosnien wissen Sie auch, wer schuld ist. Bei Kriegen und Verzweiflung weiß man immer, wer der Verursacher ist. Und gilt das nicht nur für die äußeren Feinde, sondern das gilt auch bei der inneren Trauer und bei dem inneren Schmerz, sehen Sie.
Das sagt mein Herz: Warum bin ich eigentlich in diese Trauer gekommen? Warum muss denn eigentlich meine Frau sterben? Warum muss mir der Mann genommen werden? Aha. Das war doch eigentlich Ehedrama, oder? Sie hielt nicht mehr die Spannungen in der Verwandtschaft aus. Die Verwandtschaft hat sie regelrecht kaputt gemacht. So wurde mir das kürzlich gesagt. Und bei den anderen, da war es der Stress im Betrieb. Und da war es beim Dritten der Virus in der Luft. Da war es die Strahlendosis aus der ausgedünnten Ozonschicht. Immer, immer haben wir dann eine Antwort oder einen Verursacher.
Hier steht eine andere Antwort. Wer ist der Verursacher unserer Trauer? Hier steht ein Wort, ein eigenartiges Wort. Hier steht der Taumelbecher, der Taumelbecher. Kein Bier- oder Schnapsglas, das einen taumeln lässt, sondern der Giftbecher der Betäubung, der Giftbecher, der betäubt.
Und, liebe Freunde, das ist hier das Aufregende und geradezu Erschütternde: Dieser Giftbecher kommt nicht aus der Hand irgendeines bösen Feindes, nicht aus der Hand einer bösen Verwandtschaft, nicht aus der Hand irgendeines Stresses im Betrieb. Dieser Becher kommt aus der Hand unseres Gottes. Es ist kaum auszusprechen, aber es ist so: Der Taumelbecher, der Giftbecher, überreicht Gott seinen Leuten. So wie es schon in Psalm 75 steht: Denn der Herr hat einen Becher in der Hand, er schenkt ein, dass alle trinken müssen, und sogar die Hefe schlürfen.
Ja, dieser Gott hat ihnen den Kelch des Grimmes gegeben, weil sie nicht auf seinen Wegen gegangen sind. Wir vergessen uns immer wieder. Gott richtet. Gott hat zwei Hände, liebe Freunde. Gott hat zwei Hände: eine Hand, die schlägt, und eine Hand, die aufrichtet. Unser Gott ist ein Gott der Gnade, aber auch ein Gott des Gerichts.
Es ist schwer auszuhalten. Gegen die Antwort auf die Frage: Woher kommen die Trauer, liebe Freunde? Von Gott. Aus seinem Taumelbecher. Aus seiner Zulassung. Woher kommt mein Schmerz? Von Gottes Zulassung. Woher kommt meine Einsamkeit? Von Gottes Erlaubnis. Woher kommt meine tiefste Depression? Woher? Von Gott, Freunde.
Und all denen, die unter dieser Antwort gleichsam zerschmettert sind, denen wird zugerufen: Wach auf! Steh auf! Für 22, du sollst nicht mehr trinken. Das Leiden soll ein Ende haben. Du sollst aufatmen können.
Es gibt ein Bild des ägyptischen Pharao Amenophis II. Und der sitzt auf seinem Schemel, und auf den Rücken der Gefangenen, die vor ihm liegen, hat er seine Füße gestellt. Und die Ketten, mit denen diese Leute um den Hals gefesselt sind, diese Ketten laufen in den Händen des Pharao zusammen. Ein schreckliches Bild, wie dieser Herrscher dasitzt über diesen Gefangenen und zusammengetrampelten und geschändeten Menschen. Dieses Bild steht hinter diesen Worten. Und er sagt: So wie ihr unten so vom Boden seid, so werdet ihr jetzt aufgerichtet werden. Ich will den Becher meines Grimmes in die Hand derer geben, die euch dürftig niedergetreten haben.
Dort, wo Erbarmungslosigkeit ist, heißt es jetzt: Wach auf und steh auf. Dort, wo man am Boden ist, dort, wo andere auf einem herumtrampeln, dort, wo man Fesseln an den Händen und Gewichte am Hals hat, dort, wo man vor Traurigkeit betäubt ist, dort heißt es jetzt: aufwachen und aufstehen. Gott will den Giftbecher wegnehmen und ihn seinen Feinden geben.
Doch so persönlich ist das zu nehmen. Und wenn Sie heute Abend in Trauer sind? Und wenn Sie am Boden sind? Dann können Sie es diesem Wort glauben, das Gott sagt: Wach auf. Steh auf. Ich werde deine Trauer wegnehmen. Und wer nicht mehr weiter kann und weiter sieht, zudem sagt Gott: Ich werde deine Last heben und tragen.
Wach auf. Und steh auf. Aufwachen und stehen, alles Ding währt seine Zeit.
Das neue Gewand und die neue Würde
Jetzt die zweite Strophe, nämlich: Wach auf, nämlich aufwachen und sehen. Das erste war Aufwachen und Stehen. Das zweite ist nun Aufwachen, und nach dem Aufwachen kommt ja das Aufstehen. Und dazu gehört das Anziehen.
Bei Kindern bestimmt, bei Buben: Die ziehen immer wieder das an, was sie am Abend ausgezogen haben. Wenn die Mama nicht ein frisches Hemd und eine frische Hose auf den Stuhl legt, wird das alte Hemd garantiert sechs Monate getragen, ohne dass es überhaupt jemand merkt. Liebe Freunde, das ist nicht nur bei Buben so. Wir greifen nach dem Alten, nach der schwarzen Trauerkleidung. Wir greifen am Morgen immer wieder nach dem, was wir eigentlich ausgezogen haben. Wir greifen nach den alten Trauerkleidern. Und deshalb wird dieser Ruf in der zweiten Strophe: Schmücke dich, o liebe Seele. Das heißt doch: Zieh jetzt dein Festgewand an.
Hier liegen die ersten Anzeichen, Vorzeichen gleichsam, des größten Kapitels, nämlich von Lukas 15: Der Sohn kehrt um. Vom Schweinestall geht er ja nicht an den Bach, um Waschtag zu machen. Er kriegt diese Flecken ja gar nicht weg. Er geht jetzt nicht in das Haus, um sich neue Kleider zu besorgen vom Schweinebauer. Er bekommt eher als stinkender Knecht keine Kleider ausgeliehen. Eine Cityreinigung gab es damals nicht. Nein, er kommt heim mit seinen verschlissenen Sachen. Und dann befiehlt der Vater und sagt: Bringt die neuen Kleider. Und er sagt: Zieh dein Festgewand an. Und die Lumpen werden weggeworfen.
Sie ist an der Bibel, der Vater befiehlt es denen, die hier in Sträflingskleidung herumlaufen: Seht, zieht es an, die neuen Kleider. Die, die immer wieder nach den schwarzen Trauerbegleitern greifen, zieht Festkleider an. Das Festkleid, liebe Freunde, ist in seinem ursprünglichen Sinn eigentlich ein Talar, ein Amtskleid. Ein Amtskleid, in dem man betet, singt, lobt und dankt. Wissen Sie, wenn ich am Sonntagmorgen meinen Talar anziehe, dann kann ich nicht das tun, was ich vorher gemacht habe. Ich kann nicht meine Kinder zusammen schimpfen. Dann hat man keinen Keller, Land ist gut, immer keinen hat. Man kann auch nicht im Talar ins Auto sitzen und über Charlottenburg fahren und dort bei Rot drüber und so und einen zur Seite drücken. Es geht in der Lage gar nicht. Das kann man nur mit normalem Anzug, nicht wahr? Wenn man den Talar hat, dann ist man dran: zum Singen, zum Beten, zum Wort Gottes lesen, zum Verkündigen. Das meint er hier.
Wenn ihr immer wieder die alten Kleider ansieht, dann zieht jetzt einmal das Festkleid, den Talar, an. Er meint damit: Die Zeit der Tränen, des Schmerzes, muss aufhören. Jetzt kommen die Zeiten des Bebens, Lobens und Dankens. Er sagt: Denkt nicht nur zurück an die Knechtschaft und Gefangenschaft und Trauerzeit. Denkt jetzt an die Festzeit, denn Gott will mit uns festen und feiern, jeden Sonntag und einmal am allerletzten großen Tag. Darauf kommt es an: seine Kleider innerlich liegen zu lassen und das Amtskleid anzuziehen. Das heißt: Jetzt ist nicht mehr Trauer dran bei Ihnen, und jetzt ist nicht mehr Klagen drin, und jetzt ist nicht mehr Verzweifeln drin. Freunde, jetzt ist Beten und Loben und Singen dran. Das ist es. Ziehen Sie innerlich Ihren Talar an. Es ist die Festzeit Gottes. Nicht nur Dienstagabend, nicht nur am Sonntagmorgen. Das tun wir jeden Morgen, dass wir den Talar anziehen und miteinander diesen Gott loben und preisen und nicht immer klagen und heulen über das, was Gott uns nicht gibt.
Ein Grund ist feiern sich noch besonders angefügt. Da steht: Ihr seid umsonst verkauft, ihr sollt auch ohne Geld ausgelöst werden. In Babel waren sie ja verraten und verkauft, aber umsonst verkauft. Niemand hat etwas für sie bezahlt. Sind Sie dahinter? Steht doch: Wenn Sie ein Auto kaufen und nichts bezahlen, dann kann ich mit diesem Auto fahren, ich kann darüber verfügen, ich kann sogar gegen einen Baum fahren, aber es bleibt das Eigentum des Händlers. Soll ich es Ihnen gemeint? Israel ist in Händen der Babylonier, aber Israel ist nicht im Eigentum der Babylonier, weil sie nichts bezahlt haben. Umsonst sind sie weggegeben worden, und umsonst müssen sie auch wieder in sein, in Gottes Eigentum, zurückkommen.
Das heißt doch, dass wir unter der Knute anderer Mächte sein können, weil er uns dahin gegeben hat. Aber wir sind nie im Eigentum anderer Mächte. Auch in der tiefsten Knechtschaft der Trauer sind wir immer des Herrn: Domini sumus. Wir sind des Herrn, so wie es Luther bei der Überfahrt mit dem Namen gerufen hat. Also, es schwankt und droht unterzugehen, und sie sagten: Können wir überhaupt mit diesem Namen über den Fluss fahren? Er sprang in diesen Nacken, Narren, und rief: Domini sumus. Wir sind des Herrn. Und sehen Sie, wenn Sie wieder glauben, in dieser Gefangenschaft sitzen zu müssen, wenn Sie wie betäubt in dieser Trauer sitzen, dann gilt es eben zu hören: Ich bin nicht im Eigentum dieser Trauer. Domini sumus. Ich bin das immer und zu aller Zeit, und er wird mich auch wieder umsonst zurückfordern.
Wach auf, zieh das Festgewand an, nicht die alten Klamotten der Trauer und der Tränen. Man weiß vom Sonnenkönig Louis, Karl, Ludwig dem 14., dass sein Aufwachen und Aufstehen ein regelrechter Staatsakt war. An jedem Morgen waren ganze Lakaien-Scharen damit beschäftigt, dem alten Herrn auf die Füße, in die Socken und in die Hosen zu helfen. Aber wenn dann im Saal von Versailles dieser König in herrlichen Kleidern dastand, umwölkt von Parfum erster Klasse, französischer Duftkünste, dann war das der alte, selbstverliebte Großkönig, der von sich sagte: L’État, c’est moi, der Staat bin ich.
Sehen Sie, wir haben kein großes Lever nötig. Kein großes Aufwachen und Aufstehen. Jesus selbst hat uns die Kleider bereitgelegt, die Kleider der Gerechtigkeit. Und er sagt: Ziehe doch an. So heißt es im Neuen Testament: Ziehe doch an den Herrn Jesus Christus, Römer 13,14. Ziehe den neuen Menschen an. Ziehe dann die Waffenrüstung Gottes an, Epheser 6. Zieh an das herzliche Erbarmen, Kolosser 3. Aufwachen und sehen: Hier bin ich. Oft sehen wir diesen Herrn nicht, aber hier bin ich. Am Kreuz stehen wir und denken: Was für ein Denkmal. Hier bin ich. Oft stehen wir vor verschlossenen Wesen der Bibel, und er sagt: Hier bin ich. Und so ist auch im neuen Morgen, wenn Sie aufstehen, nach diesem Kleid oder Trauer, die Sie weggelegt haben: Hier bin ich. Zieht mich an mit meiner Freude und mit meiner Hoffnung.
Aufstehen und sehen. Und drittens: Aufwachen und gehen. Das ist die dritte Strophe in Jesaja 52,7-12. Aufwachen und gehen. Hier kommt es vom großen Festzug der Freudenboten. Sie sind jetzt auf einmal unterwegs. Frauen waren es dann am Ostermorgen, die Frieden verkündigen. Dann waren es die Emmausjünger. Dann waren es reiselustige Leute wie Petrus, Paulus, Timotheus. Dann waren es die Sinnboten und Missionare, die fitten Läufer des Jubels, schreibt hier Helmut Lamparter. Der Ausleger sagt: die fitten Läufer des Jubels, die die Fackel weitertragen. Seid fröhlich und rühmt miteinander. So endet dieses Kapitel der Trauer: Seid fröhlich und rühmt miteinander.
Wir müssen uns eingliedern in diesen Zug. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in Ihrem Leben Staffellauf gelaufen sind. Eine Sache, die man nie wieder vergisst: großartig, wenn das Holz kommt, das Staffelholz, wenn der Wechsel klappt und man nach vorne stürmt. Ein großartiger Augenblick im Leben eines jungen Menschen. Aber schrecklich, wenn dieses Staffelholz bei der Übergabe aus der Hand rutscht und liegen bleibt. Und wenn dann diese ganze Mannschaft disqualifiziert wird, liebe Freunde. So bekommen wir diese Botschaft im Wechsel. So bekommen wir sie in unsere Hand, dieses Wort Gottes. Wenn dieses Holz in der Schlosskirche liegenbleibt, wehe uns, wenn wir deshalb alle disqualifiziert werden.
Das Staffelholz wird hier die heiligen Geräte genannt, die sie einst als gestohlen und nach Babel mitgenommen haben. Diese heiligen Geräte, dieses Staffelholz, sollen sie jetzt zurücktragen. In einem Festzug quer durch die Wüste bis nach Jerusalem, heim ins Ziel. Wir müssen die heiligen Geräte, wir müssen dieses Holz, wir müssen das Wort Gottes durch die Wüste dieser Welt tragen. Nicht in Eile, nicht übereilt, überhastet, sondern überlegt, damit es ankommt.
Und das ist das Schlusswort: Er wird für euch herziehen und euren Zug beschließen. Das heißt: Er wird Anfang und Ende sein, Offenbarung 22. Kommt hier wieder schon? Kommt hier schon Offenbarung 22: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, Anfang und Ende. Wissen Sie, von uns kann keiner sagen: Ich bin Spitze. Denn er ist der Erste, er ist der Erste. Aber es kann auch keiner von uns sagen: Ich bin der Letzte. Ich bin der Allerletzte unter uns. Kann keiner sagen. Er ist auch der Letzte. Er ist vor uns. Und er ist hinter uns. Er hat uns in seiner Hand. Und er hat sie in seiner Hand.
Deshalb: Aufwachen und gehen. Traurig sind Sie? Hören Sie dieses: Wach auf! Seid fröhlich und rühmet miteinander. Amen.
