Serie•Teil 3 / 16(Negative) Gefühle
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einordnung des Themas und Rückblick auf den bisherigen Weg
So, wir machen heute weiter mit diesem Thema: Gefühle. Es geht nun mal um das Thema Zorn. Danke, Wally, dass du schon eingeführt hast.
Wir haben uns letztes Mal den ungerechten Zorn angeschaut, also Zorn, der sich aus Dingen wie Angst, Besitzgier oder Scham speist. Zorn, der nicht warten kann. Zorn, der Gottes Timing nicht anerkennen möchte. Zorn, der sich selbst Recht verschaffen möchte, und zwar jetzt. Das war es letztes Mal.
Ich weiß nicht, wie es euch bei dem Thema Zorn geht. Ich glaube, der erste Impuls, den man hat, wenn man als Christ das Wort Zorn hört, ist doch der: Man darf als Christ nicht zornig sein. Egal wie viel. Auch wenn ich das heute ein bisschen anders predigen werde, glaube ich, dass das der erste natürliche Impuls ist: Man darf doch als Christ nicht zornig sein.
Und irgendwo stimmt da ja auch etwas, denn die Bibel warnt, wie wir letztes Mal gesehen haben, vor ungerechtem Zorn. Sie sagt sogar, dass man sich mit Menschen, die schnell zornig werden, gar nicht einlassen soll. Da heißt es in den Sprüchen 22,24-25: Lass dich nicht ein mit einem Zornigen. Und mit einem Mann – das gilt auch für Frauen, aber hier ist der Mann gemeint – der sich schnell erregt, verkehre nicht, damit du nicht an seine Pfade gewöhnst und deinem Leben eine Falle stellst.
Irgendwie ist da etwas Wahres dran. Wenn einer immer gleich auf hundertachtzig ist und sich kein Stück selbst beherrschen kann, dann ist das jemand, mit dem man wahrscheinlich keine enge Beziehung bauen sollte.
Zwischen Erfahrung und biblischer Spannung
Geh mal davon aus, dass wir alle miteinander genug negative Erfahrungen mit dieser Art von ungerechtem Zorn gemacht haben. Vielleicht waren es die Eltern, vielleicht war es ein Chef oder ein Mitschüler. Und ich gehe auch mal davon aus: Wenn wir jetzt nicht zu den ganz Gechillten gehören, dann sind wir nicht immer nur die Opfer gewesen. Dann haben wir selber am anderen schon unter unserem Zorn leiden müssen.
Dann waren wir mit unserem ganzen Wesen relativ weit weg von dem, was wir letztes Mal in Psalm 4 gelesen haben. Möchtet ihr euch das noch mal vorlesen? Ihr hattet ja am Ende der Predigt noch mal etwas dazu gesagt, so als Tipp: Wie geht man damit um, wenn jetzt so die Emotion hochkommt? Dieses: Erbebt, aber sündigt nicht. Denkt nach in eurem Herzen, auf eurem Lager, aber seid still. Das haben wir nicht alle immer geschafft.
Und deswegen glaube ich: Dieser erste Impuls, wenn du als Christ hörst: Zorn, was gibt es zum Thema Zorn zu sagen? Du sollst nicht zornig sein. Das denkt man. Und dann liest man die Bibel. Ich hoffe, es geht euch so wie mir: Ich versuche immer, das, was ich denke, in der Bibel wiederzufinden, beziehungsweise die Bibel ist die Realität, an der ich mein Denken messe. Und wenn es da eine Spannung gibt, dann versuche ich nicht, schnell das, was die Bibel sagt, glattzubügeln, obwohl das vielleicht so ein bisschen eckig ist. Sondern ich lasse das erst mal stehen.
Ich habe bei manchen Fragen im Leben keine Antwort. Das sind Fragen. Ich habe Fragen an die Bibel, die nicht geklärt sind. Aber ich lasse die Fragen stehen. Inzwischen kann ich gut damit leben, dass Fragen sich erst nach zwanzig Jahren beantworten. Also ich habe Fragen, wo ich mal davon ausgehe: Wenn ich mal in dem Alter von Dale und Barbara angekommen bin, dann habe ich die Antwort. Denn genau das ist mir schon oft passiert: Fragen, die einfach mit mir mitgelaufen sind, die ich einfach hatte, die stehen geblieben sind.
Gottes Zorn und das Vorbild Jesu
Und so war es auch, oder so ist es, denke ich, auch häufig bei dem Thema Zorn. Auf der einen Seite steht dieser klare Impuls: Du sollst nicht zornig sein, ja, Zorn ist irgendetwas Böses. Und dann liest man die Bibel und trifft in den Psalmen auf sehr zornige Gläubige. Oder noch ein bisschen einfacher: Wir merken, dass Gott selbst zornig ist.
In Römer 1,18 heißt es: Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen. Gottes Zorn als eine aktuelle Erfahrung, nicht als etwas, das am Ende der Zeit, wenn das jüngste Gericht stattfindet, über die Welt kommt, sondern heute schon ist Gott zornig.
Mir geht es dann immer so: Wenn ich merke, dass der Herr Jesus als der vollkommene Mensch Eigenschaften hat, die nicht in mein Bild von Vollkommenheit passen, dann werde ich besonders nachdenklich. Da gibt es zum Beispiel eine Stelle in Markus 3,5. Da heißt es über Jesus, und Jesus war definitiv immer ohne Sünde, und trotzdem heißt es da an einer Stelle: Und er blickte auf sie umher mit Zorn. Und ich habe gedacht: Na ja, vielleicht steht da im Griechischen etwas anderes, ja, das ist einfach vielleicht nur schlecht übersetzt. Dann habe ich da nachgeschaut, und da findet sich wirklich dieses Wort Orge, ja, Zorn, ja, Wut. Er ist einfach stinkesauer. Also blickte Jesus sie umher mit Zorn, betrübt über die Verhärtung ihres Herzens.
Wir halten fest: Es gibt Zorn, der ist nicht nur nicht falsch, sondern der ist völlig richtig. Es gibt richtigen Zorn. Oder anders ausgedrückt: Wenn Unrecht geschieht, also wenn die Vorstellung Gottes von dem, was wahres Leben ist, auf den Kopf gestellt wird, dann müssen wir anscheinend zornig sein. Wahres Menschsein reflektiert etwas von Gottes Zorn auf das Böse. Vielleicht muss man sogar sagen, dass wir an der Stelle, wenn wir nicht zornig, sondern desinteressiert sind, dann sogar noch ein größeres Problem haben, als wenn wir zu zornig wären. Aber darüber reden wir heute nicht.
Gerechter Zorn als Ringen vor Gott
Lasst uns mal miteinander kurz überlegen: Wie geht es uns, wenn wir zornig werden? Von mir aus gerechter Zorn. Also: Irgendetwas passiert, und du versuchst, diesen Moment zu erfassen, in dem der Ärger so in dir hochkommt. Diesen Moment versuchen wir jetzt einmal alle zu visualisieren. Jeder hat so einen Moment, den er schon einmal erlebt hat: Da kommt etwas hoch.
Also, wie geht es uns da? Gefühlsmäßig geht es uns, meine ich, so, dass wir nie genau wissen, ob das jetzt gerechter oder ungerechter Zorn ist. Das ist mein Eindruck. Ich glaube, wenn man in so einer Situation ist, kann man das in dem Moment nie sauber voneinander trennen.
Einen Aspekt von gerechtem Zorn kennen wir, wie wir letztes Mal schon betrachtet haben. Gerechter Zorn ist nicht einfach das, was hochkommt und sofort wieder herausblubbert, sondern er macht etwas. Wir haben gesagt: Denkt nach!
Und ich möchte das jetzt noch ein bisschen weiterziehen: Gerechter Zorn ist Zorn, der mit Gott ringt. Ihr kennt die Geschichte von Jakob, dieses Geschehen am Pnuel, wo Gott ihm begegnet. Dort ringt er mit Gott, und aus einem Jakob, einem Verräter, wird ein Israel, ein Kämpfer Gottes. Dazwischen steht der Pnuel, dieses Ringen mit Gott.
Und wenn so ein Zorn hochkommt, dann ist es das Beste, wirklich ruhig zu sein. Nicht gleich loszublubbern, sondern nachzudenken. Und zwar vor Gott, mit Gott, über das, was da passiert, zu ringen.
Ungerechter Zorn ist vielleicht bereit, Gott in so einer Situation anzuklagen. Aber ungerechter Zorn wird, wenn er nicht diesen Moment der Hilflosigkeit spürt oder der Konfusion, oder wenn der Schmerz mich völlig überwältigt, nie auf Gott hoffen, vor ihm kapitulieren und auf ihn warten.
Und das müssen wir uns einfach erst einmal festhalten: Gerechter Zorn, oder überhaupt Unrecht zu erfahren und zu erleben, bedeutet auch, dass Gott in dem Moment, in dem mir das Unrecht passiert, nicht gleich einschreitet. Wir würden uns das ja wünschen: Unrecht passiert, und jetzt soll Gott richten, mich rächen. Aber das passiert nicht.
Jetzt habe ich dieses Gefühl, diesen Zorn im Bauch, und ich stehe in dieser Spannung. In dieser Spannung, die dadurch entsteht, dass Gott mir etwas zeigt.
Warten, fragen und die Wirklichkeit Gottes ernst nehmen
Was ist das, was diesen Zorn am letzten Ende provoziert? Die Tatsache, dass Gott mir zeigt: Ich sitze am Drücker. Ich bin derjenige, der entscheidet, wann du zu deinem Recht kommst, ob das jetzt in den nächsten fünf Minuten ist oder am Ende der Zeit. Ich entscheide das.
Und der ungerechte Zorn konfrontiert mit dieser Spannung, vielleicht auch mit dieser inneren Frage: Ist Gott noch gerecht, wenn er das zulässt? Dieser ungerechte Zorn vertraut auf die eigene Kraft.
Aber gerechter Zorn, um den es heute geht, gerechter Zorn ist immer einer, der getragen ist von der Hoffnung auf Gott, der getragen ist davon, dass ich bereit bin, auf Gott zu warten. Also dass in mir die Sicherheit ist: Gott macht keinen Fehler. Ich kann warten, bis er handelt.
Wir finden das oft, diesen Gedanken, dass der Gläubige ein Wartender ist. Mal zwei Beispiele: In Psalm 27,14: Harre auf den Herrn. Ja, das Wort „harren“ ist es im Alten Testament. Harren. Ich warte sehnsüchtig. Ich lasse Gott das Recht, dass er entscheidet, wann er was tut. Und ich bin der, der harrt. Harre auf den Herrn, sei mutig, und dein Herz sei stark, und harre auf den Herrn.
Oder in Psalm 33,20: Unsere Seele wartet auf den Herrn; unsere Hilfe und unser Schild ist er.
Gerechter Zorn wartet und ringt mit Gott. Gerechter Zorn nimmt sich die Zeit, die richtigen Fragen zu stellen. Und die richtigen Fragen können ganz, ganz ehrlich sein: Gott, was tust du da eigentlich? Gott, wie kannst du das zulassen? Gott, wo soll denn das hinführen, wenn das hier so weitergeht? Gott, habe ich was falsch gemacht? Gott, bist du zornig auf mich?
Das sind die richtigen Fragen, wenn wir Zorn nicht in ungerechtem Zorn ausleben und rausblubbern, sondern anfangen nachzudenken, anfangen mit Gott zu ringen, vielleicht in der Situation, wo wir noch gar nicht wissen, ob das eigentlich jetzt gerechter oder ungerechter Zorn ist. Ich merke nur: Ich bin völlig durcheinander, in mir kocht’s.
An diese Fragen müssen wir uns herantrauen.
Die Schärfe des gerechten Zorns
Gerechter Zorn kann, oder nein, das muss ich anders ausdrücken: Gerechter Zorn ist Zorn.
Wenn ihr die Vorstellung habt, gerechter Zorn sei so etwas wie eine mildere Stufe von ungerechtem Zorn, dann ist das falsch. Der ungerechte Zorn blubbert und kocht, und der gerechte Zorn, das ist dann so, als würde er nur ein bisschen sieden. So, als wäre er nicht wirklich temperamentvoll. Falsch!
In der Bibel ist völlig klar, dass auch gerechter Zorn, und ich erinnere euch an den Rachepsalm, den ich letztes Mal vorgelesen habe, mehr ist als nur eine emotionale Verstimmung.
Ich gebe euch mal zwei Beispiele. Die sind wirklich fies, aber da blubbert es so richtig aus dem Psalmisten heraus, damit wir verstehen: Gerechter Zorn ist wirklich Zorn.
Da heißt es in Psalm 69, 28-29: Füge Schuld zu ihrer Schuld, und lass sie nicht hineinkommen in deine Gerechtigkeit. Das ist der Wunsch des Psalmisten. Ja, völlig scharf. Ja, sie sollen ausgelöscht werden aus dem Buch des Lebens und nicht eingeschrieben werden mit den Gerechten. Punkt!
Wow, die übelste Stelle will ich euch nicht vorenthalten. Und das ist nicht die Sache mit den kleinen Kindern, die Walli vorgelesen hat, sondern Psalm 137, 8-9: Tochter Babel, du Verwüsterin, glücklich, der dir vergilt dein Tun, das du uns angetan hast. Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert.
Boah, das darfst du dir ja gar nicht gerade vorstellen. Also wenn du dir das vorstellst, dann gibt das eine FSK-18-Einstufung.
Aber da ist jemand so in seinem Zorn voll. Und du musst nicht, vielleicht muss ich das sagen, du musst nicht solche Worte wählen. Wir haben hier Orientalen vor uns. Orientalen sind immer so ein bisschen wortgewaltiger und bringen Dinge bildhafter auf den Punkt.
Du darfst anders beten. Also wenn du noch nie gebetet hast: Herr, zerschmettere irgendwelche Kinder an irgendwelchen Felsen, das ist okay. Aber versteh, versteh, was dahinter steckt.
Dort, wo das Böse triumphiert und dort, wo Ungerechtigkeit überhandnimmt, dort müssen wir irgendwie mit Zorn reagieren. Wir müssen zornig sein, weil Gott zornig ist. Und wenn du dann in die Anbetung gehst, dann ist das völlig in Ordnung, wenn du in solchen Momenten tatsächlich auch deinem Zorn angemessenen Ausdruck verleihst. Du reflektierst einfach nur, was Gott in diesem Moment spürt.
Gottes Zorn als Maßstab für unsere Haltung
Wisst ihr, was Bekennen ist, wenn man Sünde bekennt? Wenn man Sünde bekennt, sagt man zu einer Sünde das, was Gott zu ihr sagt. Wir nennen die Sache genau so, wie Gott sie nennt.
Wir sagen vielleicht vorher: Das war nur eine Notlüge. Und wenn wir sie bekennen, sagen wir: Okay, es war eine Lüge.
Ich glaube, dass es hier emotional um genau das Gleiche geht. Gott ist richtig zornig auf das Böse, und wir dürfen uns in gleicher Weise diese Perspektive aneignen. Wir dürfen das Böse beurteilen, wie er das Böse beurteilt, auch emotional.
Das heißt nicht, und das will ich auch sagen, dass wir in allem Gott gleich sind. Wir nehmen niemals die Rolle des Richters und des Rächers ein. Das hat Gott sich vorbehalten. Aber das heißt nicht, dass wir gegenüber Ungerechtigkeit einfach so indifferent sind, so nach dem Motto: Na ja, passiert halt auf dieser Welt.
Und ich möchte deshalb mit euch einen Blick auf Gottes Zorn werfen. Gottes Zorn ist ja immer ein gerechter Zorn. Und wenn ihr jetzt mitgeht und sagt, irgendwie sind wir dazu berufen, Gottes Blick auf diese Welt auch emotional zu teilen und ihm dann auch in Worten Ausdruck zu geben, dann wollen wir das einfach mal gerechten Zorn nennen.
Und bitte, das sind Schubladen. Es gibt nirgendwo in der Bibel ein Kapitel mit der Überschrift: Der gerechte Zorn erklärt für alle Leute oder so. Wir versuchen einfach das, was wir in der Bibel finden, so ein Stückchen zu fassen, so ein Stückchen für uns greifbar zu machen.
Denn wir stehen in dieser Spannung: Auf der einen Seite werden wir schnell zornig, und wir merken, da ist richtig etwas Böses dabei. Auf der anderen Seite gibt es, wenn wir uns mit dem Thema Zorn beschäftigen, eine Seite an Gott, die wir nur kennenlernen, wenn wir uns auf das Thema überhaupt einlassen. Denn Gott ist auch ein zorniger Gott. Und Gott gibt uns den Zorn, damit wir die richtige Perspektive auf Sünde gewinnen, beziehungsweise auf den Umgang mit Sünde.
Und deswegen ein Blick auf Gottes Zorn.
Gottes Zorn zwischen Geduld und Gericht
Gottes Zorn ist paradox. Paradox heißt: Er ist nicht wirklich leicht zu greifen. Zwei Verse aus den Psalmen. Da heißt es auf der einen Seite in Psalm 145,8: Gnädig und barmherzig ist der Herr, langsam zum Zorn und groß an Gnade. Und wir alle würden innerlich sagen: Amen, das ist doch schön. Langsam zum Zorn, groß an Gnade, gnädig, barmherzig, alles wunderbar.
Richtig, das ist die eine Seite, die die Bibel immer wieder betont. Es gibt aber auch eine zweite Seite. Darum gibt es ein bisschen weniger Lieder darüber. Die hört sich so an: Psalm 78,49: Er ließ gegen sie los seines Zornes Glut, Grimm, Verwünschung und Bedrängnis, eine Schar von bösen Engeln.
Ja, was denn jetzt? Wenn man das nebeneinanderlegt, hat man erst einmal den Eindruck: Irgendwie paradox. Ist Gottes Zorn jetzt ruhig und beherrscht, oder ist er vielleicht eher ein bisschen impulsiv und überschäumend? Lässt er jetzt so eine Schar böser Engel gegen uns los, Verwünschung, Grimm und Zorn, oder ist er gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und groß an Gnade?
Und die Antwort, und das ist auch eine sehr wertvolle Einsicht, die man irgendwann als Christ mal haben muss: Die meisten Fragen, die anfangen mit „Ist er entweder das oder das?“, beantworten sich mit einem Sowohl-als-auch. Gott ist immer, oder nicht immer, aber meistens, einen Tick komplexer, als wir uns das vorstellen. Wenn du versuchst, ihn in eine Schublade zu packen, stellst du fest: Du brauchst noch zwei mehr. Und wenn du ihn da auch reingepackt hast, dann kommen noch ein paar dazu.
Gott ist einfach so, dass man, wenn man ihn kennenlernen will, ein bisschen braucht. Es geht ein bisschen tiefer, als wir uns das manchmal vorstellen. So ist das hier auch. Ist er entweder so oder so? Nein, er ist beides.
In dem Fall ist es sogar relativ leicht zu verstehen: Es braucht eine Menge, um Gott aufgrund seiner Liebe so zu provozieren, dass er in die Luft geht. Er ist wirklich langsam zum Zorn und groß an Gnade. Aber wenn er in die Luft geht, wenn du den Punkt überschritten hast, wenn du ihn so ein bisschen überreizt hast, wenn er wirklich zornig wird, dann gute Nacht. Dann ist wirklich mit ihm nicht mehr gut auszukommen, denn Gottes Zorn ist nie grundlos. Gottes Zorn will etwas.
Die Absicht hinter Gottes Zorn
Was will Gottes Zorn, oder was will Zorn überhaupt? Gottes Zorn möchte Furcht erzeugen. Deswegen ist Gott zornig. Gottes Zorn möchte Menschen aufrütteln, damit sie auf seine Warnungen hören.
Deswegen betet Mose in Psalm 90 Folgendes. Er sagt: Denn wir vergehen durch deinen Zorn. Mose beschreibt, was er erlebt: Wir vergehen durch deinen Zorn, Psalm 90,7, und durch deinen Grimm werden wir verstört. Du hast unsere Ungerechtigkeiten vor dich gestellt. Jetzt merken wir: Der Zorn hat immer etwas mit Ungerechtigkeit zu tun. Du hast unsere Ungerechtigkeiten vor dich gestellt und unser verborgenes Tun vor das Licht deines Angesichts.
Und dann Vers 11. Das ist eine scharfe Frage. Über die könnte man allein eine ganze Predigt halten, glaube ich: Wer erkennt die Stärke deines Zorns und deines Grimms, wie es der Furcht vor dir entspricht? Das ist eine Frage, die Mose stellt. Wer erkennt die ganze Größe deines Zorns, wie es der Furcht vor dir entspricht?
Also: Gottes Zorn und Gottes Grimm finden ihre Entsprechung in unserer Furcht vor ihm. Wenn wir uns nicht vor Gott beugen, und bitte seid jetzt einfach bereit, nicht zu schnell zu sagen: Ja, aber wir sind gerettete Kinder Gottes, und für uns gilt das alles nicht, das ist das alttestamentliche Volk Israel. Wenn ihr in diese Richtung gehen wollt, nehmt euch heute Nachmittag Zeit, über Hebräer 10 nachzudenken, denn die Prinzipien sind die gleichen.
Wenn wir nicht bereit sind, uns vor ihm zu beugen, wenn wir uns nicht auf angemessene Weise fürchten, wenn es in unserem Leben Ungerechtigkeit gibt, wenn wir mit Ungerechtigkeit vielleicht spielen, dann kommt Gott mit seinem Zorn, um unsere Vermessenheit zu strafen. Dann ist Gottes Zorn wie ein Skalpell, wie das Skalpell eines Chirurgen, das er ansetzt, um der Ungerechtigkeit in unserem Leben ein Stoppschild hinzusetzen: Stopp, hör auf, das macht dich kaputt.
Die Psalmen als Schule des Zorns
Wenn ich die Psalmen lese, dann merke ich, dass die Psalmisten diesen Gedanken viel tiefer verinnerlicht haben als wir heute. Ich überlege mir manchmal, wie man Psalmen vertonen könnte. Immerhin sind es die Lieder, die in der Bibel stehen, und ich kenne nur wenige gut vertonte Psalmen.
Und oft, wenn ich dann darüber nachdenke und mir so ein Psalm gefällt, merke ich, dass es in dem Psalm Stellen gibt, bei denen ich sage: Das kann man doch heute irgendwie gar nicht mehr singen, das geht doch gar nicht. Es sind dann oft Stellen, bei denen ich merke, dass die Theologie des Psalmisten und meine eigene Vorstellung ein wenig auseinandergehen. Der hat einen Blick, der hat vielleicht auch ein Erleben von Gott, das ich zum Teil gar nicht teilen möchte.
Gerade wenn es um das Thema Zorn geht, habe ich mal drei Stellen mitgebracht. Da finde ich solche Verse, bei denen ich denke: Würden wir uns trauen, das im Gottesdienst zu singen? Da singt der Psalmist: „Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm.“ 1. Korinther 5,3-12.
So ein Lied fehlt uns, oder? Denk einmal darüber nach: Wo haben wir ein Lied, das das überhaupt zum Ausdruck bringt? Gott könnte ein Gott sein, der in seinem Zorn und in seinem Grimm mich straft, weil er in meinem Leben Dinge sieht, die ihm nicht gefallen. Schon diese Idee ist uns heute sehr fern.
Und hier habe ich gläubige Leute vor mir, und das ist meistens David, den ich zitiere, ja, also auch mit dem Heiligen Geist, Vorläufer, Typos des Messias, der sagt: Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn, züchtige mich nicht in deinem Grimm, sei mir gnädig, Herr, denn ich bin welk. Heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind bestürzt. Meine Seele ist tief bestürzt. Aber du, Herr, bis wann? Kehre um, Herr, befreie meine Seele, rette mich um deiner Gnade willen!
Klage, Zucht und die Nähe Gottes
Also, wenn wir weit kommen, dann ist so der zweite Teil dessen, was ich vorgelesen habe, noch in unserem Gebetsblock vielleicht vertreten. Aber in einem Lied oder hört euch Psalm 27, Vers 9 an:
Verbirg dein Angesicht nicht vor mir, weise deinen Knecht nicht ab im Zorn. Du bist meine Hilfe gewesen, gib mich nicht auf und verlass mich nicht, Gott meines Heils.
Wann haben wir das denn das letzte Mal gebetet? Oder gehen wir womöglich, und da treffe ich mich selber, ich frage mich ja, warum ich das nicht bete, gehe ich wie selbstverständlich davon aus, dass das Thema Sünde und Ungerechtigkeit in meinem Leben überhaupt keine Rolle mehr spielt? Dass ich irgendwie so eine himmlische Plakette habe, so einen TÜV-Stempel: Bei dir wird immer alles in Ordnung sein, weil du jetzt Kind Gottes bist? Und es ist völlig Wurst, wie du lebst, und es ist völlig Wurst, was du machst? Gott wird nie wieder zornig auf dich sein?
Ist das unser Denken? Weil wir quasi den ewigen Zorn, den sind wir wirklich los, den richterlichen. Aber wir haben mit dem richterlichen Zorn, den wir wirklich los sind, in unserem Denken manchmal auch den väterlichen gleich mit über Bord geworfen.
Und jetzt kommen die Psalmisten und kommen uns fast ein bisschen schräg vor und sagen: Boah, der erste Eindruck ist doch, na Herr David, wenn du Gott so kennen würdest wie ich, dann würdest du sowas nicht beten. Aber die Frage ist, ob er ihn nicht besser kennt als ich. Und ob sein Gebet nicht dichter an der Realität dran ist als meins.
Psalm 38, Vers 2: Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm.
Ich habe den Eindruck, und ich will das nur als Eindruck weitergeben: Die Psalmisten sind in ihrem Leben bestens mit dem Zorn Gottes vertraut. Wir lesen davon, dass Gott ihnen durch seinen Zorn die Gesundheit raubt, sie in tiefe Niedergeschlagenheit und Einsamkeit stürzt. Die Psalmisten sehen hinter Misserfolg und großer Not Gottes Zorn.
Ich sage nicht, dass uns immer, wenn das passiert, Gottes Zorn trifft. Aber haben wir noch diesen Gedanken, dass es theoretisch möglich wäre, dass Dinge in unserem Leben schieflaufen, weil Gott zornig ist.
Gottes Zorn, Heiligkeit und Liebe
Denkt in dem Zusammenhang kurz auch an die Korinther, 1. Korinther 11: die das Brotbrechen auf eine falsche Weise feiern. Dann muss Gott durch seinen Apostel sagen: Es sind so viele unter euch krank und schwach, und einige sind sogar gestorben. Weil ihr an der Stelle euch mit dem Brotbrechen einen Spaß macht, weil ihr überhaupt nicht versteht, worum es dabei geht, weil ihr Lügenbrotbrecher seid. Ihr benutzt ein Zeichen der Einheit, obwohl unter euch gar keine Einheit da ist. Und Gott greift ein.
Und das Gleiche finden wir hier. Der Gedanke, dass Gott ein Gott ist, der zornig ist auf uns, und dass Gott sich darum kümmert, dass wir seine Liebe nicht auf Kosten seiner Heiligkeit überbetonen, ist wichtig. Wir werden immer wieder zurechtgebracht. Und wir merken: Gott ist ein Gott der Liebe. Da sage ich Amen. Und er ist ein Gott der Heiligkeit, des Gerichts und der Gerechtigkeit. Er ist beides zusammen. In dem Moment, wo wir versuchen, das auseinanderzuziehen, kommt ein Ungleichgewicht hinein. Und wir verlieren ihn als den, der uns liebt, uns führen will und uns zum Ziel bringen möchte.
Gottes Zorn als Realität: Gottes Zorn ist immer ein gerechter Zorn. Und wenn wir uns mit Gottes Zorn beschäftigen, dann gibt es vier Punkte, die wir imitieren können, wenn wir selbst auf eine gerechte Weise zornig werden wollen. Wenn wir sagen, wir wollen einstimmen in diesen Zorn auf das Böse, wir wollen genauso wie Gott Zorn benutzen, um dem Bösen zu wehren.
Und bevor ich die vier Punkte sage, eine Sache, die wir nicht tun können, und die grandios ist: Wir können nicht, wie Gott es getan hat, seinen Zorn auf uns selbst abwenden. Im letzten Ende hat Gott seinen Zorn genommen und am Kreuz auf sich selbst geworfen. Das können wir nicht tun. Wir können nie Gottes Zorn ... Gottes Zorn ist geprägt von Heiligkeit und Liebe.
Die vier Kennzeichen des gerechten Zorns
Ungerechter Zorn ist im Letzten immer lieblos. Ungerechter Zorn will andere Menschen beherrschen, besitzen, bestrafen.
Gerechter Zorn ist anders. Gerechter Zorn ist gegen die Sünde gerichtet. Und wenn du jetzt sagst: „Haha, aber nicht gegen den Sünder“, dann doch gegen die Sünde und gegen den Sünder. Zorn ist immer gegen die Tat und gegen die Person gerichtet.
In Psalm 11,5 heißt es: Der Herr prüft den Gerechten; aber den Gottlosen und den, der Gewalttat liebt, hasst seine Seele. Die Bibel trennt nie den Menschen von dem, was er tut. Gott liebt nicht: „Den Sünder und hasst die Sünde“; das ist eine sehr verkürzte Kindergottesdienst-Theologie. Gott liebt den Sünder und hasst den Sünder, beides. Er liebt ihn so sehr, dass er für ihn am Kreuz stirbt, und er hasst ihn so sehr, dass er, wenn er nicht Buße tut, bereit ist, ihn zu richten. Haltet das zusammen.
Ich weiß, das ist kompliziert, wenn man Gott als den sieht, der gleichzeitig vollkommen gerecht und heilig ist und auf der anderen Seite liebevoll und barmherzig. Das ist, als wenn man Magnete zusammendrücken will, die nicht so richtig wollen, also nicht so „flopp“ machen, sondern wo man so drückt. Das will nicht so recht passen. Und trotzdem müssen wir immer wieder darüber nachdenken.
Deswegen gilt: Wenn wir über den Zorn Gottes nachdenken, dann ist gerechter Zorn nie nur zornig, er ist nie nur grob. Gerechter Zorn will nie zerstören um des Zerstörens willen, sondern gerechter Zorn ist immer durchzogen von Liebe, vermischt mit der Sehnsucht danach, dass der andere Buße tut, der andere zum ewigen Leben findet, der andere die Wahrheit erkennt, der andere nicht ewig verloren geht.
Warum ist das so? Weil Gottes Zorn genau so ist. Gottes Zorn ist immer Heiligkeit plus Liebe.
Ein zweiter Punkt, und ihr werdet sehen, die Punkte überlappen sich ein bisschen: Gerechter Zorn ist immer ein Zorn, der den Sünder warnt. Gerechter Zorn sagt also: Pass auf, du bist in großer Gefahr. Du wirst dich und andere verletzen, wenn du hier an dieser Stelle weitermachst. Gerechter Zorn ist ein Zorn, der Sünde im Leben offenbart.
Aber, und das ist jetzt ganz wichtig: Gerechter Zorn nimmt dem anderen nie das Recht einer freien Entscheidung. Gerechter Zorn lässt dem anderen Verantwortung, lässt dem anderen Freiheit. Das ist der Unterschied zu ungerechtem Zorn. Ungerechter Zorn möchte den anderen manipulieren, ungerechter Zorn möchte ihn einengen, mundtot machen, möchte letztlich seine Freiheit begrenzen. Das tut gerechter Zorn nie.
Gerechter Zorn weist auf die Konsequenzen hin: Wenn du das jetzt tust, wird das und das passieren. Aber gerechter Zorn lässt mir die Wahl, ob ich hören möchte oder ob ich mein Herz verhärten möchte.
Warnung, Freiheit und Umkehr
Woran sehe ich das? Ich sehe es daran, wie Gott mit dieser Welt umgeht. Wir haben das am Anfang gelesen: Römer 1,18. Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen.
Gott offenbart seinen Zorn. Warum lässt Gott das zu? Wenn wir in Römer 1 weiterlesen, werden wir feststellen, dass das, was am Ende dabei herauskommt, das Mittel des Zorns ist: Gott gibt den Menschen dahin, all das Böse zu tun, was er gerne tun möchte. Also ist ein Ausdruck von Gottes Zorn das ganze Böse, das in dieser Welt ist. Gott gibt die Menschen dahin an ihr böses Tun.
Warum lässt Gott das zu? Die Antwort ist: weil Gott möchte, dass wir wach werden. Gott tut es, damit wir Sünde begreifen, begreifen, wie unfähig wir sind, einsehen, dass wir Hilfe brauchen, und dann vor ihm zerbrechen.
Gerechter Zorn, mein zweiter Punkt, warnt und möchte, dass der Mensch vor einer Entscheidung steht und merkt: Wenn ich hier weitergehe, dann passiert das und das mit mir. Das will ich aber eigentlich nicht. Aber der gerechte Zorn nimmt mir die Wahl nicht ab.
Dritter Punkt: Gerechter Zorn ist ein Zorn, der mich einlädt, anders zu werden. Gerechter Zorn ist das Werkzeug zur Wiederherstellung. Gerechter Zorn wird von dem Wunsch getragen, dass ich dem anderen helfen kann. Also geht es beim gerechten Zorn nie um mich, sondern darum, dass ich in dem anderen Umkehr bewirke und einen Neuanfang hervorbringe.
Grenzen des Fluchens und die Hoffnung auf den anderen
Und deswegen, glaube ich, gibt es eine Stelle, bei der ich lange nicht wusste, was ich mit ihr anfangen soll. Gerade im Angesicht von dem, was Walli am Anfang vorgelesen hat, heißt es in Römer 12,14: Segnet die euch verfolgen, segnet und flucht nicht.
Ich habe mir die Frage gestellt: Warum darf ich andere Leute nicht verfluchen? Ich meine, ich darf anscheinend ganz schön deutlich gegen sie beten, ihr erinnert euch an das, was wir vorhin so vorgelesen haben. Aber ich darf sie nicht verfluchen. Und ich glaube, ich darf Menschen deshalb nicht verfluchen, weil Fluch das Gegenteil von Segen ist.
Wer einen Menschen verflucht, der wünscht ihm nur das Böse. Der verliert das Gute im Blick auf den Menschen völlig aus dem Blick. Wo das in der Bibel passiert, ist das ein Gerichtshandeln, das von Gott autorisiert werden muss. Uns ist das nicht gegeben. Wir dürfen quasi nie die Hoffnung auf einen Menschen verlieren. Auch mitten in dem gerechten Zorn darf es nie dazu kommen, dass ich diesen grundsätzlichen Blick verliere.
Ich bin nicht zornig, um zornig zu sein, sondern ich bin zornig, weil ich mir wünsche, dass der andere durch mein Auftreten zurechtgebracht wird. Und beim Fluchen ist es eben anders. Beim Fluchen geht es nur darum, dem anderen jeglichen Segen abzuschneiden, zu sagen: Mit dir ist es aus. Und das kommt uns in keiner Weise zu.
Also ist gerechter Zorn ein Zorn, der auf die Erlösung des Sünders hinarbeitet. Und das macht ihn so kostbar.
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Es ist oft viel einfacher, Unrecht einfach zu übersehen und zu schweigen. Es gibt Sünde, die man schweigend erträgt, keine Frage. Aber ich rede jetzt von der Sünde, bei der man eigentlich weiß: Die geht zu weit.
Es ist so viel einfacher, bei Unrecht einfach zu schweigen, den Zorn herunterzuschlucken, nach Hause zu gehen und vielleicht dann zu Hause ärgerlich auf den Täter zu sein. Manche Leute klagen dann auch sich selbst an, manche hängen dann so heimlich irgendwelchen Hassfantasien nach. Aber es ist viel schwieriger, auf den Täter zuzugehen und ihn mit meinem Zorn zu konfrontieren, der Ausdruck davon ist, was er mir angetan hat. Und zu sagen: Ich muss dir an der Stelle sagen, dass das, was du getan hast, nicht in Ordnung ist. Ich sage dir das ärgerlich. Ich sage dir das mit dem Ausdruck, den Gott in seinem Herzen spürt, wenn er mitbekommt, wie du mit mir umgegangen bist.
Ich muss dir sagen: Wenn du diesen Weg zu Ende gehst, machst du dich kaputt und vielleicht deine ganze Familie kaputt. Das ist schwierig. Diesen Weg zu wagen, diesen Schritt auf den anderen zuzugehen und dann womöglich noch einen Schritt und noch einen Schritt und noch einen Schritt, bis man wirklich bei Erlösung und Vergebung und Wiederherstellung angekommen ist. Es ist viel leichter, sich auf diese Art von Zorn gar nicht einzulassen.
Trauriger Zorn und schützende Verletzung
Gerechter Zorn ist immer trauriger Zorn. Es ist immer ein Zorn, der traurig ist über das, was ich selbst verloren habe in dem Moment, in dem mir etwas angetan wird. Es ist immer ein Zorn, der traurig ist über das, was der andere verloren hat, der mir das antut. Und letztlich ist es auch ein Zorn, der traurig ist über das, was Gott angetan wird, was seiner Idee von Leben angetan wird, wenn die Sünde an irgendeiner Stelle regiert.
Vierter Punkt, letzter Punkt: Gerechter Zorn verletzt, um vor Schlimmerem zu bewahren. Bitte kocht gerechten Zorn nicht klein. Gerechter Zorn ist, weil er Zorn ist, gelebte Entrüstung. Da muss auch ein bisschen Emotionalität dahinter sein. Der darf nicht zu zahm sein, der darf durchaus intensiv sein. Das ist kein unkontrollierter Wutausbruch, darüber reden wir nicht, das ist ungerechter Zorn, boam, ja. Aber der gerechte Zorn kommt auch nicht so dahergeschlichen wie so ein kleines Mäuschen, ja, das mal so: tötöt, darf ich auch mal was sagen? Nee, der gerechte Zorn ist schon gerechter Zorn, ja. Da steckt schon auch eine Wucht dahinter.
Der gerechte Zorn will verwunden. Wie Gott uns verwundet, weil er heilen möchte. Der gerechte Zorn klagt an, der gerechte Zorn schimpft und straft. Aber eben immer, und das ist wichtig, mit der Hoffnung, dass mein Schlag den Freund vor viel schlimmerem Unheil bewahrt.
In den Sprüchen heißt es, Kapitel 27, Vers 6: „Treu gemeint sind die Schläge dessen, der liebt.“ Treu gemeint sind die Schläge dessen, der liebt. Du willst nicht geschlagen werden, glaub mir. Aber es gibt eine Form von geschlagen werden, die ist einfach kostbar, köstlich, Ausdruck von größter Liebe, Ausdruck davon, dass mir die Beziehung zu dir und dein Leben wichtiger ist als dieses Gefühl in mir drin. Wenn ich das jetzt mache, fühle ich mich richtig dämlich. Ich kann jetzt nicht auf den anderen zugehen und ihm zeigen, was ... Doch, kannst du. Treu gemeint sind die Schläge dessen, der liebt, aber überreich die Küsse des Hassers.
Und über Gottes Vater lesen wir etwas Ähnliches. Da heißt es: „Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt aber jeden Sohn, den er aufnimmt.“ Das ist Gott, der mit seinem Zorn immer vor Augen hat, uns vor dem Schlimmeren zu bewahren, und der bereit ist, sich darauf einzulassen.
Zusammenfassung und persönliche Anwendung
Und wenn wir sagen, wir wollen in gleicher Weise einen vernünftigen Zorn auf das Böse kultivieren, dann diese vier Punkte nochmals:
Gerechter Zorn ist immer von Liebe getragen. Er ist immer Heiligkeit plus Liebe. Gerechter Zorn zwingt sich dem anderen nicht auf. Es geht nicht darum, dass ich am Ende aus der Diskussion als Sieger hervorgehe oder dass ich den anderen dazu gebracht habe, etwas zu tun, was ich will. Es geht darum, dass der andere mit der Option konfrontiert wird: Es gibt die Möglichkeit zur Veränderung in deinem Leben, es gibt die Möglichkeit zur Erlösung. Es gibt für dich noch mehr. Hey, du hast das Evangelium noch nicht in seiner ganzen Fülle ausgelebt. Da ist noch Luft, wenn das Evangelium sich in deinem Leben breit machen soll. Und diese Luft, dieses Mehr an Leben, dieses Mehr an Gott in deinem Leben, das möchte ich dir gerne zeigen.
Deswegen ist gerechter Zorn bereit, zu verletzen und unangenehme Situationen zu schaffen, um den Freund vor Schlimmerem zu bewahren.
Was machen wir mit der Predigt? Ja, das ist gut. Ich habe mir überlegt: Ich wünsche mir zwei Dinge, die am Ende aus dieser Predigt herauskommen.
Das eine, was ich mir wünsche, ist, dass wir uns grundsätzlich anfangen, für Gottes Zorn zu interessieren. Wir haben dieses Vorrecht, das Thema Zorn Gottes aus der Perspektive geliebter Kinder zu betrachten. Das ist schon sehr wertvoll. Wir sind im Frieden Gottes wirklich angekommen. Wir müssen uns nicht mehr vor dem Gericht fürchten. Dieser ewige Zorn hat überhaupt nichts mehr mit uns zu tun. Da gibt es einen anderen Jesus, der das Zorngericht Gottes ein für alle Mal für uns erlitten hat.
Und trotzdem glaube ich, es steckt eine Chance darin, wenn wir uns mit dem Thema Zorn beschäftigen, wenn wir uns trauen, Jesus nicht nur als das Lamm zu sehen, sondern tatsächlich auch als den Löwen zu lieben. Und ich wünsche mir für mich selber, und das sage ich jetzt nicht für euch, aber es ist etwas, was ich beten möchte: Ich bete, dass ich selber es mehr lerne, so zu beten, wie die Psalmisten beten. Also dass ich einen klareren Blick dafür bekomme, wo sich Zorn Gottes auch in meinem Leben zeigt, als das Mittel, mich vor Abwägen und vor Sünde zu warnen.
Wenn man den Zorn Gottes gut erkennen kann, wenn man dafür ein Gespür bekommt, dann bekommen wir ein Gespür dafür, was es heißt, den nächsten Schritt auf dem Weg der Heiligkeit weiterzugehen. Und ich merke, dass ich da ein Defizit habe. Und deswegen wünsche ich mir, dass wir uns mindestens trauen, an dieses Thema mal ranzugehen, auch wenn es ein sehr unangenehmes ist.
Und ihr merkt selber: Diese ganze Predigtreihe ist für mich so vordere Front dessen, wo ich selber am Denken und Leben bin. Ich kann euch da gar nicht so viel weiterführen. Ich merke nur: Da ist etwas, da ist noch etwas, wo man weitergehen kann, wenn es darum geht, Gott zu erkennen.
Also der eine Punkt: dass wir uns für Gottes Zorn interessieren und, wenn wir so ein bisschen furchtsam sind, uns doch mal trauen, die Augen aufzumachen.
Der zweite Punkt: Ich wünsche, dass wir uns trauen, zornig zu sein. Logisch, das habe ich ja gerade gepredigt. Also ich wünsche, dass wir uns trauen, gegen Sünde aufzustehen. Ich habe manchmal den Eindruck bei mir selber: Ich bin so eine kleine Pissenelke. Oder so eine ... Ja, ich traue mich oft, bis ich mal auf jemanden zugehe und ihn dann mit Sünde konfrontiere. Mann, da muss viel passieren.
Ich empfinde das als so politisch unkorrekt, jemanden auf seine Sünde anzusprechen. Und ich weiß nicht genau, woher das kommt. Und ich habe den Eindruck, wir haben so große Angst, etwas Falsches zu sagen. Wir ducken uns so schnell unter das, was gemeindlich erwartet wird, dass wir genau an dieser Stelle einen Riesenfehler machen. Dass wir eigentlich da, wo wir Sünde sehen, so einen heiligen Zorn entwickeln dürfen, der uns antreibt, zu jemandem hinzugehen und zu sagen: Du, Herr, Herr, weil ich dich lieb habe. Nicht weil ich will, dass du so lebst, wie ich lebe. Ich will dich nicht in meine Spur zerren. Aber weil ich dich lieb habe und weil ich merke, hier ist etwas richtig falsch und weil ich spüren kann, dass du gerade dabei bist, dich völlig zu verrennen, deswegen möchte ich mit dir reden.
Dass wir uns das trauen: den Zorn gegen Sünde zu spüren, zuzulassen und auf eine von Liebe getragene Weise, von Hoffnung getragene Weise, von dem Wunsch, von der Sehnsucht, dass der andere sich verändern kann, getragene Weise auch in der Gemeinde zu leben.
Und wenn wir es nicht tun, dann tun wir uns keinen Gefallen, davon bin ich überzeugt. Ich glaube, wir werden Jesus nicht ähnlicher, wenn wir so still bleiben an der Stelle. Warum? Weil er die Sünde sieht und er ist zornig und er spricht die Sünde an. Und irgendwie möchte ich das lernen, auch auf die Gefahr hin, dass ich an der einen oder anderen Stelle dann mal übers Ziel hinausschieße und dann zu dem werde, der sich dafür entschuldigen muss, für das, was er gemacht hat. Das kann passieren. Aber es ist keine Hilfe, wenn ich es gar nicht tue.
Sondern wir müssen die Mitte finden, die Mitte finden, so zu sein, wie Gott ist. Und das wünsche ich mir. Wir müssen vielleicht einfach mehr auf unsere Gefühle hören. Amen.
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