Event•Teil 1 / 6E21 Regionalkonferenz Schweiz 2019
Generierte Mitschrift
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Grundlegung der menschlichen Verschiedenheit
in der jeder Teil kanzelbar ist und erst beide Teile zusammen ein übergreifendes Ganzes bilden. Das ist im Grunde schon eine der menschlichen Vernunft und Erfahrung zugängliche Tatsache, so etwas wie eine Uroffenbarung im Sinne von Römer 1, die wir sehen, wenn wir in die Schöpfung blicken. Es ist dann eben auch eine geistliche und eine philosophische Wahrheit.
Dieses Verhältnis, dass erst der Mensch als Ganzer ausmacht, erst als Mann und Frau ist der Mensch Ebenbild Gottes, ist immer wieder in der philosophischen und theologischen Anthropologie thematisiert worden. Dass die Rolle von Mann und Frau beliebig vertauscht werden könnte, wie es die Genderkonzeption und Ideologien vertreten, oder dass Geschlechtlichkeit eine bloße kulturelle Konstruktion wäre, der Mensch eigentlich geschlechtsneutral und zugleich, da sieht man die ganze Paradoxie, ein Wesen mit unendlichen Geschlechtervariationen sei, das verbietet sich von dieser biblischen und vernünftigen Grundlage her eigentlich zu denken.
Deswegen ist es vielleicht ein wenig polemisch, aber gar nicht falsch, wenn Birgit Kelle vom Gender-Gaga sprach. Ein Gagaismus oder ein Dadaismus, der aber eben heute flächendeckend im Grunde in der Öffentlichkeit vertreten wird. Und dass es so einen Vortrag braucht, wie ich ihn jetzt in den nächsten 45 Minuten halten darf, das ist eben auch gar nicht selbstverständlich, sondern es ist eigentlich erst vor diesen zunehmenden Gendertheorien und Genderideologien der letzten zwanzig Jahre notwendig geworden.
Eine solche Konzeption, ich will es gleich offen und offensiv sagen, vergeht sich gegen die Grenzen der leibhaften und gelebten Ordnung Gottes mit dem Menschen. Sie spielt, wo sie diese Grenze überschreitet und letztlich sagt, Geschlechtlichkeit ist nur eine Konstruktion, sie spielt selber Gott und macht den Menschen zum Erfinder des Menschen und nicht Gott. Das ist auch zu unterscheiden von einer vernünftigen Emanzipation und Mitwirkung der Frau.
Aber wenn Sie ein Hardcore-Genderkonzept lesen, dann geht es über das hinaus. Es ist ja so erfolgreich gewesen, weil es sich gut getarnt hat. Und man kann da die wunderbaren Dokumentationen von Gabriele Kuby anschauen, wo man sieht, wie das alles so in den letzten zwanzig Jahren groß geworden ist. Ja, durch diese Pfützen muss man manchmal noch einmal waten, aber letztlich ist die Denkform und auch die Denkverwechslung ganz klar: Der Mensch macht sich zum Schöpfer seiner eigenen Geschöpflichkeit, und er leugnet damit auch diese Geschöpflichkeit.
Damit hängt etwas grundsätzlich Anthropologisches zusammen. Wir haben als Menschen Freiheit, und wir haben umso mehr Freiheit, je mehr wir diese Freiheit von unserem Schöpfer entgegennehmen, uns diese Freiheit einräumen lassen und uns als Gottes Ebenbilder verstehen. Wir sind aber zugleich von unserer Geburt her auf Bund und Verbindung angewiesen, auf andere angewiesen, und wir haben unser Leben von unserem Gott her. Das entspricht dem Psalmwort: „Er hat uns gemacht und nicht wir selbst“ Psalm 100,3.
Philosophisch hat der Philosoph Martin Heidegger im zwanzigsten Jahrhundert das in seiner Weise formuliert. Er sagt, der Mensch ist ein geworfener Entwurf. Er ist geworfen, er hat sich sein Leben nicht selber gegeben, und er ist zugleich, im Rahmen dieses Geworfenseins, kann er sich weiterbilden, kann er sich eine Form geben, eine Lebensform. Er ist, sagen andere, der Mensch, die Transzendenz in der Welt. Er ist niemals nur ein Bedürfniswesen, niemals nur ein Instinktwesen. In ihm kommt gewissermaßen schon Gottes Wille und Gottes Blick auch auf die Erde, doch das immer nur, wenn er sich bindet und gebunden weiß an Gottes Gebot, Gottes Ordnung, Gottes Schaffen.
Und da wird es eben ganz wesentlich, dass er als Mann und Frau zu Gottes Ebenbild gemacht ist, als Salam Elohim Eidolon Thuteu, auf Griechisch: Gottes Ebenbild. Alles, was wir als Menschen, Männer und Frauen, in dieser Welt leben, auch in unseren Beziehungen, in unseren Familien, das steht unter dieser Würde der Gottebenbildlichkeit. Und es steht zugleich unter der Sünde des gefallenen Menschen, der gefallenen Schöpfung. Und es steht christlich zum Dritten im Zeichen des Gerufenseins und Erlöstseins dadurch, dass Gott selber in Christus vollkommener Mensch wird und seine Gottebenbildlichkeit wiederherstellt.
So ist dieses Thema für dieses Thema, wie wir als Mann und Frau leben und das verstehen, zu Innersten in unseren Glauben hinein, in unseren biblischen, in unseren christlichen Glauben, und es führt in die Anthropologie, in das Sein und dann natürlich auch in die Ethik.
Biblische Perspektiven und Hinweise. Die große Exegese kommt ja heute Abend und morgen Vormittag, das mache ich bewusst nicht. Ich gebe einige Hinweise von der Heiligen Schrift, altem und neuem Bund her, und zwar von der Einheit der Heiligen Schrift her.
Ordnung, Bund und Verantwortung im Alten Testament
Die Tora lässt keine uneingeschränkten Herrschaftsverhältnisse zu. Das ist etwas ganz Wesentliches, weil Gott selbst und nur Gott der Herr ist, im Ersten und im Letzten, weil Gott selbst der König Israels ist. Das sieht man zum Beispiel, und das ist nur scheinbar ein Exkurs, am Königsgesetz in 5. Mose 17. Dort wird deutlich: Der König unterliegt der Tora, er unterliegt Gott. Er ist eigentlich nur ein Stellvertreter Gottes, wenn er legitimer König sein will.
Joshua Beermann, ein großartiger israelischer Exeget unserer Tage, hat gesagt, daraus komme das Grundprinzip, dass jeder Mensch in seinem eigenen Leib und jeder Mann in seinem eigenen Haus der untergeordnete König ist, der seine Macht so wie der vertretene König von Gott empfängt.
Hervorgehoben wird im familiären Zusammenhang in der Tora immer wieder die uneingeschränkte Autorität der Eltern gegenüber den Kindern. Diese wird auch unterschieden von dem Verhältnis zwischen Mann und Frau. Die Gemeinsamkeit zwischen Mann und Frau zeigt sich im Alten Bund darin, dass auch die Frau Adressatin von Gottes Geboten ist und dem Gesetz unterworfen ist wie der Mann. „Du sollst“ gilt für beide Geschlechter. Es gilt auch in besonderer Weise gegenüber den Kindern als gemeinsame Verantwortung der Eltern.
Auch im kultischen Zusammenhang kann ein Mann oder eine Frau rein oder unrein sein. Doch bei geschlechtsspezifischen Vergehen, in der Ehe und in der Treue, liegt das Hauptaugenmerk auf dem Mann. Der Mann ist der Herr, und er ist zugleich in dieser Herrschaft die Schutzmacht der Frau. Diese Schutzmacht zu sein und Herr zu sein, schließt wechselseitige Ergänzung nicht aus, sondern gerade ein.
Mann oder Frau können Sünde tun, können unrein sein. Aber es ist nicht egal, weil sie unterschiedlich gerecht sind und unterschiedlich Sünder sind. Grundlegend ist, dass der Mensch in seiner doppelten Gestalt, männlich und weiblich, männlich Sakkar, weiblich Nekeba, nur in dieser Doppeltgestalt Gottes Ebenbild ist. Das wiederhole ich noch einmal vom Alten Bund her. Sein Geschaffensein bindet ihn an Gottes Plan. Es bindet seine Leiblichkeit, es bindet seine Sexualität. Und das geht natürlich bis weit dann auch in biologische Ergebnisse hinein.
In dem kleinen Büchlein, das Sie dann mitnehmen können, habe ich ja unter anderem auch mit einem Hirnphysiologen, Manfred Spreng, zusammengearbeitet. Manfred Spreng hat sehr detailliert gezeigt, dass es nicht nur die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale gibt und so etwas, sondern dass auch die Hirnstrukturen von Mann und Frau unterschiedlich sind und wirklich in einer wunderbaren Weise komplementär. Das heißt nicht, meine verehrten Damen, dass die Männer eher etwas dümmer wären als die Frauen. Das Gegenteil will man ja gar nicht zu denken wagen. Aber es heißt, dass sie anders denken. Und das heißt gerade: Natürlich sind das typische Dinge, die aber wirklich experimentell aufweisbar sind, dass sie sich gerade dadurch so wunderbar ergänzen und eigentlich erst zusammen ein Ganzes bilden.
In Unschuld und Freiheit sollen sie zusammenleben. Wir dürfen aber nicht übersehen, mein Freund Stephan Felber wird das morgen nochmals sehr deutlich machen, glaube ich, dass alles, was seit 1. Mose 3 gesagt ist, unter dem Sündenfall steht. Das gilt auch für das Zusammenleben der Geschlechter, und dennoch bleibt diese Gottebenbildlichkeit.
Jedenfalls ist die Frau dem Mann als Hilfe gegeben, 1. Mose 2,18-24, Eser. Das ist gut biblisch, und es deckt sich mit der Erfahrung des Menschlichen und des Religiösen, wobei eben die Frau um des Mannes willen geschaffen und Fleisch von seinem Fleisch ist, im Sinne des Schöpfungsberichts. Das legt eine Rangfolge und auch eine Ordnungsfolge fest. Sie bilden von Grund auf in dieser Verschiedenheit einen Bund, ein Verhältnis, ohne dass das Ganze eigentlich niemals wirklich ein Ganzes ist.
Also wenn man, so wie die mittelalterlichen Theologen es auch einmal machen, eine aristotelische Kategorie hineinlegt, dann könnte man sagen: Das Ganze ist immer mehr als die Summe der Teile, aber nur durch die Teile wird das Ganze ein Ganzes. Die Teile haben eine unterschiedliche Ordnung, aber sie bilden dann eben dieses Ganze. Und wenn man das einigermaßen glücklich und glückend leben darf in einer langjährigen Ehe, dann sieht man auch, wie richtig das ist. Man sieht das ganz elementar, erfahrungsmäßig. Und man sieht, was für ein Unglück es ist, wenn es gestört ist.
Wenn ich auf meine eigene Menschenkenntnis angewiesen wäre, wäre ich sehr arm. Ich verlasse mich in wesentlichen Fragen, meine Studenten wissen das bis zur Zum-Überdruss, auf die Urteilskraft meiner Frau. Das ist etwas von dieser anderen Denkstruktur schon in der Hirnverschaltung, dieser sozialen, kommunikativen Intelligenz.
1. Mose 2 bis 3 ist von einer Zuordnung, die redet vor allem in der Befragung durch Gott und tatsächlich unter Gleichem geschieht. Gott fragt sie beide, er redet sie beide an. Eindrücklich wird die Zuordnung deutlich: Sie sollen ein Fleisch werden, sie sind beide nackt und schämen sich nicht, 1. Mose 2,25.
Ebenbürtigkeit und Unterschied, um nur einen Topos, noch einmal einen großen Topos aufzunehmen, sieht man wunderbar im Hohen Lied als einem zentralen Bestandteil des Alten Testaments. Und da ist etwas, was dann auch ganz allgemein menschlich wiederkehren wird in der philosophischen Anthropologie. Sie wartet.
Bildsprache von Liebe, Begehren und Ergänzung
Er kommt zu ihr, sie gibt sich hin, er erobert sie. Darin zeigt sich hier eine Komplementarität in einer Weise, die wirklich eine allgemeine Offenbarungsstruktur benennt. Das ist nicht vertauschbar.
Was den Neuen Bund angeht, will ich gerade nicht auf einzelne Erzählungen und auf große Frauengestalten rekurrieren, die Jesu Weg kreuzen. Ich will mich auch hier wieder auf den Plan Gottes besinnen. Immer wieder zitiert wird Galater 3,28: So ist nicht Jude, nicht Grieche, nicht Mann, nicht Frau, sondern sie sind eins in Christus. Das ist gerade keine Rechtfertigung für eine Geschlechtsneutralität. In der Regel ist die Geschlechtsneutralität die wenig bedachte Vorstufe für Genderkonzeptionen.
Wenn wir also sagen: liebe Studierende, und nicht sagen: liebe Studentinnen und Studenten, warum denn eigentlich nicht, dann sagen wir eigentlich: Es gibt keine Geschlechter, oder es gibt zig Geschlechter, die wir nicht definieren können. Ich finde es eigentlich ein unmögliches Sprechen, obwohl wir es alle irgendwie machen. Denken wir mal darüber nach: Wir können, wir müssen nicht inklusiv reden, was man auch tun kann, weil das Geschlecht ja ein grammatikalisches Geschlecht ist und kein physisches. Oder wir nennen sie beide Namen: meine Damen und Herren, liebe Brüder und Schwestern. Aber nicht einfach „liebe Geschwister“, das ist etwas anders.
Also keine Geschlechtsneutralität. Die Geschlechter sind gerade nicht neutral, sondern das Wort Gottes tritt dafür ein, dass in der wahrhaften Befreiung in Jesus Christus die physische Geschlechtlichkeit gelebt und auf eine übergreifende Einheit überwölbt werden kann. Dass man als Mann und Frau vor Christus eins sein kann, auch in der Ehe, auch in der Gemeinde, aber nicht in eine Neutralität hinein. Dass Genesis 3,28 auch ein genderisierter Text ist, ist geradezu absurd. Bitte achten Sie da auf alle möglichen Anzeichen, auch in der evangelikalen Welt und in der Bekenntniswelt. Das Zeug, ich werde jetzt doch noch mal vielleicht ein bisschen sehr deutlich, das Zeug schleicht sich da immens ein.
Ich habe mal vor methodistischen jungen Theologen, Theologierenden oder Theologisierenden, wie man das nennen muss, referiert. Ich hatte nie heißere Genderverehrer als in Reutlingen. Bei diesen Methodisten, nichts gegen die Brüder und Schwestern, aber das beginnt mit Verständnis, und dann kommt irgendwo eine ganz schiefe Theologie hinein, die eine billige Gnade redet und gerade auch eine billige Anthropologie redet. Galater 3,28 sagt uns aber gerade eben: Niemand ist in Christus nur Mann und Frau, nur Mann und Frau. Er ist nicht festgelegt auf sein Geschlechtsein. Es gibt eine viel größere Weite und Tiefe des Menschseins in der Ergänzung, die wir in Christus leben können.
Das sieht man übrigens auch in der Mission, wenn diese harten Geschlechterrollen, die Männer, die sich viele Frauen halten, in der Subsahara-Szene, das plötzlich aufhört, und dass eine Befreiung nicht nur für die Frauen ist, sondern auch für die Männer, dass sie nicht mehr Macho sein müssen, sondern in Christus etwas anderes sein können als nur Mann zu spielen. Aber in dieser Ergänzung in Christus, und ohne dieses Dritte geht es gar nicht. Man kann hinzufügen: Galater 6,2, Epheser 5,21. Das Miteinanderherrschen, das zugleich ein Miteinanderdienen ist.
Im Herrn ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau denkbar und ganz, denn wie die Frau vom Mann ist, so ist auch der Mann durch die Frau. Alles aber, und das ist das Entscheidende, alles aber von Gott. Und wenn diese Komplementarität aufgelöst wird, dann wird eigentlich auch damit das Herkommen von Gott aufgelöst. Epheser 5,24: Es ist eine Rangfolge im Dienen. Wenn der Mann der Frau vorgeordnet ist, das Haupt ist, dann ist er das auch im Dienen. Er hat sie zu schützen, er hat eine besondere Verantwortung für sie. Das ist in Christus das Neue.
Das Wesentliche aber ist die gemeinsame Gesinnung Christi, die in beiden, in Mann und Frau, sein soll, zum Beispiel Philipper 2,5 folgende. Die Linie einer philosophischen Anthropologie, die natürlich immer auch eine theologische Anthropologie ist, wo die Philosophie sieht, unser Denken kommt selber von Gott her. Da gehe ich noch mal ganz ins Grundsätzliche hinein, denn das Verhältnis von Mann und Frau betrifft, das ist jetzt auch schon deutlich geworden, hoffe ich, wirklich die Essenz unseres Menschseins.
Der Mensch ist anders in der Welt als Tiere oder Pflanzen oder Mineralien. Der Theologe Wolfhart Pannenberg hat es einmal in seiner Anthropologie so formuliert: Der Mensch muss über alles, was er als seine Welt vorfindet, hinausfragen. Und in diesem Hinausfragen wird eigentlich noch einmal ganz bewusst, dass er ein von Gott herkommendes, von Gott signiertes Wesen ist. Als endliches Wesen der Welt hat er Pflichten und Rechte, aber sie weisen über diese Endlichkeit hinaus. Das sieht man zumal an den Grenzen des Lebens.
Wenn ein Mensch geboren wird, dann wird hier etwas geboren, was in der Natur sonst nicht vorkommt. Das haben die Anthropologen immer genannt: das Mängelwesen Mensch. Der Mensch ist eigentlich noch nicht fertig in seiner Hilflosigkeit, wenn er auf die Erde geworfen wird. Andere Säugetiere machen diese Stadien im Uterus eigentlich noch durch, die der Mensch schon auf der Welt durchmacht. Und wenn der Mensch geboren wird, wenn man das phänomenologisch sieht, dann wird eigentlich deutlich, dass es heißt, dass hier ein neues Fleisch hervorgeht, das Fleisch vom Fleisch von Mann und Frau geworden ist.
Es ist also diese, ich will es mal so sagen, diese Unhintergebbarkeit des Geschöpflichen, die Unverfügbarkeit des Lebens, die wird uns nirgends mehr deutlich, wie wenn ein Mensch geboren wird. Und wenn ein Mensch stirbt. Ich stand heute Morgen noch am Grab einer Schulkameradin, die mit 51 Jahren an Nebenfolgen eines Medikamentes gestorben ist und die noch kleine Kinder hat. Familie wie zerrissen jetzt ohne die Mutter. Und wenn wir nicht wüssten, und das uns auch sagen könnten, die Familie ist übrigens eine gespaltene Familie, teils christlich, teils nicht christlich, da ist etwas, das den Menschen in Gottes Ordnung hält und trägt, und sie kehrt dahin zurück, dann wäre da tiefe Hoffnungslosigkeit.
Wenn ein Mensch geboren wird, dann ist das ein passiver Vorgang, ein medialer Vorgang eigentlich. Er hat uns gemacht, deshalb werden wir geboren, wir gebären uns nicht selber. Und sofort, wenn dieses Kind dann da ist, ist eine ganz spezifische Beziehung zur Mutter noch da. In der Nabelschnur, aber auch im weiteren Leben der Mutter. Deshalb wird keine Mutter ohne weiteres sich gegenüber ihrem Kind behaupten wollen. Das ist auch das große Problem der Abtreibungen. Man kann die Abtreibungen freigeben, aber die Frau wird tief traumatisiert werden, wenn sie ein Kind abgetrieben hat. Das wird sie verfolgen, und darüber gibt es auch Berichte.
Wenn der Mensch stirbt, dann sprechen wir im Deutschen, in den meisten Sprachen, in einem Aktiv davon. Es geschieht ja auch: er wird weggenommen, ja, Seele und Leib trennen sich, oder dieser Atem geht heraus, schnell oder langsam. Aber es ist zugleich ein Tun, weil das Gottesebenbild Mensch dann noch einmal vor Gott handeln kann und zurückkehrt. Er stirbt, er wird nicht gestorben.
Und in der Mitte dieser Skala des menschlichen Lebens, von Geburt und Tod, ist die Mitte, die wir finden, eigentlich die zentrale Mitte, die wir finden, ist die Mitte der Liebe. Die Liebe, die Liebe zwischen Mann und Frau ist, aber auch die Liebe der Familie ist, die Liebe zwischen Geschwistern ist. Wenn wir über Mann und Frau reden und über diese Komplementarität, sollten wir nicht nur über die Ehepartner reden, sondern auch über Bruder und Schwester, über Vater und Tochter, Mutter und Sohn. Das sind Verhältnisse, in denen das alles auch, dieses spezifisch Männliche und Weibliche, begegnet, kommt auch in der Literatur und in der Kunst immer wieder vor. Und wo deutlich wird: Der Mensch ist nicht ein Einzelner, er ist letztlich hineingerufen in Ordnungen.
Wenn eine Zeit und eine Welt aber diese Ordnungen immer mehr verliert und diese Ordnungen preisgibt, dann verliert der Mensch den Halt an seinesgleichen und er verliert die Verbindung zu Gott. Er verliert auch die Ordnung, die er braucht in diesem gestörten Leben mit der Sünde und mit all dem, was uns ohnehin ja umtreibt.
Nur eine Spezifik noch aus der Ideengeschichte: Es gibt im Griechischen zwei Worte für Liebe. Das eine ist das Wort Eros, das ist das Wort, das bei den antiken Griechen eine große Rolle spielt. Die Liebe zum Schönen, die Liebe, die hinaufreist, die Liebe, die zur Vollkommenheit führt. Und es gibt dann erst in der biblischen Sprache die Agape, die Liebe zum Anderen, zum Nächsten, die letztlich von der Liebe Gottes zum Menschen kommt. Die Agape neigt sich herab, sie liebt auch das Arme, sie liebt auch das Schwache, und die Griechen kannten so etwas wie Agape gar nicht.
Das hängt auch eng mit der Demut zusammen. Die Agape, das hielten die Griechen eigentlich für eine Schwäche, und es war ein Schock, erstmals, aber dann eine Erweiterung der griechischen Kultur, dass man plötzlich Liebe in dieser Bipolarität denken kann, von Agape und Eros. Das bleibt und sollte nicht ohne Folgen bleiben für unseren Umgang der Geschlechter miteinander, der eben auch durchaus ein: Es sind keine Gegensätze, die sich ausschließen. Man darf sich am anderen Geschlecht freuen, in den Ordnungen, die Gott uns gegeben hat. Man darf sich sehr wohl freuen am Leben, das weitergegeben wird, an der Vollkommenheit, der Schönheit, die in der Liebe begegnet. Aber man durchdringt auch eigentlich diesen Eros immer durch die Agape, indem man im Anderen die Person sieht, auch die Bedürftigkeit sieht, füreinander da ist, nicht nur als eine beliebige Maxime der Ethik oder der Sozialpolitik, sondern wirklich weil man so lebt.
Also es geht wirklich um das Sein des Menschen in dieser Komplementarität. Das Verhältnis der Geschlechter in der Schöpfungsordnung und dem biblischen Zeugnis ist das Verhältnis einer Zuordnung und damit einer Komplementarität, die nur bewahrt bleiben kann, wenn zunächst die Verschiedenheit anerkannt wird. Diese Differenz ist leiblich manifest, und sie zeigt sich auch in der Weise, wie wir uns bewegen und wie wir aufeinander wirken und reagieren. Es ist eine große Künstlichkeit, eine Zwangshaftigkeit, wenn man das neutralisieren möchte.
Ich gehe ein wenig, und das ist jetzt die zweite Seite, die Grundphänomene, einige dieser Grundphänomene der Zwinatur der Geschlechter philosophisch ideengeschichtlich durch. Wenn man die Mythen und Märchen und Sagen alter Kulturen studiert, dann fällt auf: Die Zuordnung des Seins von Mann und Frau, diese Zuordnung ist eigentlich fast identisch, ob sie in der Südsee sind, ob sie in den alten Veden im Hinduismus sind, ob sie in germanischen Mythologien sind, da ist wenig Variabilität da. Das ist ganz faszinierend. Und ich sage bewusst nicht Geschlechterrollen, weil Rollen etwas ist, was man annehmen kann und wieder ablegen kann, soziale Rolle, Rolle des Schauspielers, sondern ich sage das Sein der Geschlechter.
Da begegnet immer wieder: Die Frau ist eigentlich, und da sieht man auch die große Bedeutung, die der Frau schon in den vormodernen Kulturen zugesprochen wird, die Frau verwaltet den Herd. Und was ist der Herd? Das ist das Feuer, das ist das Lebensfeuer der Familie, und da wäre gar kein Leben möglich. Der Mann stochert in der Glut rum, der muss das Feuer mal entfacht haben, aber erhalten wird das nicht gut. Und zugleich hat die Frau eine besondere Verbindung zur Erde, zur Fruchtbarkeit, zum Getreide. Sie ist, so hat es meine katholische Kollegin und Freundin Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz mal formuliert, die Frau ist Rätsel, Drohung und Verheißung für den Mann. Sie ist auch Drohung für den Mann. Der Mann aber ist Löser und Befreier und Schutz der Frau. Treffende Formulierungen aus einem langen Vergleichsstudium dieser Mythologien heraus.
So ist der Mann Träger des Rechts, der schriftlichen Ordnung, des positiven Gesetzes, die Frau aber ist Trägerin der Liebe, der Familienüberlieferung, dessen, was einem eingegeben ist, was gar nicht verschriftlicht werden muss. Es gibt dann auch große Konflikte zwischen dem Staatsrecht, männlicher Seite, und dem weiblichen Recht, der Fürsorge. Wenn es nach einer Seite oder nach der anderen kippt, dann wird es böse, dann gibt es Konflikte. Aber wenn es sich ergänzt, dann ist es ein unglaublicher Reichtum des gestalteten Lebens.
Das ist gleichsam eine Uroffenbarung noch einmal, die ich durchaus, ich könnte Ihnen lange jetzt vorführen, die ich durchaus im Lichte des ersten Kapitels des Römerbriefs sehen möchte. Und man muss halt wirklich auf diese Uroffenbarungen achten. Wenn man sich gegen sie vergeht, dann verliert man die Verbindung zum anderen Menschen und man verliert die Verbindung zu Gott. Das hat Paulus ja wunderbar am Beginn des Römerbriefs gezeigt.
Mythische und kulturübergreifende Deutungen
Nun zu der Zwinatur der Geschlechter.
Erstens: Uralt ist die mythische Auffassung, dass der Mensch einmal ein hermaphroditisches Ganzes war, also ein männlich-weibliches Totalwesen, eine Ganzheit. Das zeigt am eindrucksvollsten der griechische Philosoph Platon in seinem Symposion, seinem Dialog Das Gastmahl. Er erzählt es so: Am Anfang ist der Mensch eine Kugel gewesen, eine Einheit von Männlichem und Weiblichem. In dieser Kugelgestalt war der Mensch so mächtig, dass er selbst die Götter herausfordern konnte. Und das war den Göttern dann zu viel. Dann haben sie den Menschen getrennt und geteilt.
Und die beiden Hälften, die eigentlich ein Ganzes gebildet haben, waren dann furchtbar heimatlos. Sie haben ihr Gegenstück gesucht, verzweifelt, sind durch die Welt gerast und haben es oftmals nicht gefunden. So wie es auch heute ein großes Glück ist, wenn man es findet, und eine große Gnade, wenn man es findet, und ein großes Unglück, wenn man es nicht findet. Aber es war damals noch dramatischer in Platons Erzählung: Sie sind verhungert, sie können gar nicht leben ohne das andere. Das ist schon ein starkes Bild.
Dann hat sich der Gott, wie ihn Platon nennt, der Gott der Vernunft, der gute Gott, den er nicht aus der Offenbarung kennt, aber den er schon vor Augen hat, erbarmt. Er hat die Menschen so angelegt, dass sie einigermaßen zusammenkommen können und dass sie wirklich ihr Gegenstück finden können. Dadurch findet der Mensch eigentlich, was er ist. Er ist geworfener Entwurf noch einmal. Er ist frei, aber er ist frei, indem er bedingt ist durch Gottes Gnade.
Den Eros, der den Menschen sein Gegenstück suchen lässt, bestimmt Platon nicht als Gott, sondern als Dämon. Das finde ich hochinteressant. Der Dämon kann hinaufführen, und er kann in den Abgrund führen. Und nur wenn man den Dämon eigentlich in der richtigen Weise lebt und vor Gottes Ordnung lebt, dann führt er auch zum Guten, sonst führt er zum Schlechten.
Ich sage das auch so deutlich, weil diese Genderdebatten und diese Versuche, dieser ganze Komplex von gewissen Versuchen mit der menschlichen Herkunft und der menschlichen Anthropologie natürlich auch in einem Zeitalter vorkommt, in dem Erotik und sexuelle Befreiung völlig enttabuisiert werden sollen und der Mensch auch da verfügbar sein soll für den Menschen, für sich und für andere. Daraus kommt keine Liebe, daraus kommt keine Ergänzung, daraus kommt eine Kälte, eine Not und auch eine Übersättigung. Und davon müssen wir als Kultur wieder wegkommen. Wir müssen wieder in Gottes Ordnung diese gute Gabe der Wechselseitigkeit leben.
Auf Dauer ist es angelegt, es ist singulär angelegt, es ist schon so. Ich bin davon überzeugt, dass diese Grundverfügung eine Auflebenszeit sein muss und sein soll. Biblisch ist es ja auch sehr eindeutig vom Scheidungsgebot usw.
Zweitens: Interkulturell bezeugte Universalität. Zwischen den Kulturen des Verhältnisses von Mann und Frau liegt offen zutage. Lao Tse in China weiß, und die vorsokratischen Weisen in Griechenland wissen gleichermaßen, dass die Weltharmonie nur gelingen kann, wenn das Männliche und das Weibliche zusammenstimmen. So sagt Lao Tse: Das Männliche liebt das Weibliche, Yin umarmt Yang, und zehntausend Dinge leben in Harmonie durch die Verbindung dieser Kräfte. Und wenn das nicht zusammengeht, dann besteht letztlich eine kosmische Unordnung.
Die chinesischen Weisen haben keinen persönlichen Gott, sie wissen nichts vom Schöpfer, aber sie wissen etwas von der Schöpfungsordnung und von ihrer kosmologischen Kraft, die alles durchdringt. Auch die Medizin zum Beispiel: Die Gesundheit ist auf diese beiden Grundkräfte bezogen. Das ist gar keine komische Esoterik, es wird halt vielfach daraus gemacht, aber es ist wirklich eine wunderbare Harmonie des Männlichen und des Weiblichen in ihrer Komplementarität.
Drittens: Noch die Aufklärungsepoche hat bei all ihren kritischen Auseinandersetzungen mit der christlichen Religion nie auch nur entfernt den Versuch unternommen, die Geschlechterdifferenz und die Ergänzung der Geschlechter in Frage zu stellen. Das wäre keinem der Aufklärer aufgefallen oder eingefallen. Kant hat eine Anthropologie geschrieben und hat gesagt, dass die Geschlechter eine Zweiheit sind. Das ist der Gedanke aller Gedanken, das ist für die Vernunft nicht auszuvernünfteln, das ist eine unhintergehbare Tatsache. Das sagt der kritische Philosoph. Der steht staunend vor der Dualität der Geschlechter.
Und die griechische sprachliche, eigene grammatikalische Form, der Dualis, steht zwischen Singular und Plural, er ist für die Zwei bestimmt. Und die Zwoit, das ist letztlich die Paarung, das ist letztlich Mann und Frau, ganz exklusiv. Das wäre mal sprachkreativ, so etwas ins Deutsche wieder einzuführen, anstatt dieses lächerlichen, dieses sprachpervertierenden Gendersternchens, das es zum Glück noch nicht in den Duden geschafft hat, aber das jetzt Sprachpreise bekommt, weil es so absurd ist.
Hegel, ein anderer großer Philosoph ein paar Jahrzehnte später, definiert Liebe auch, das finde ich eine wunderbare Definition, die natürlich im Horizont der biblischen Weisung steht, als sich selber finden im Anderen seiner selbst. Ich finde mich selber im Anderen meiner selbst. Die Andersheit ist in dieser Form von Liebe notwendigerweise mit eingeschlossen. Es ist etwas völlig anderes, als im anderen nur ein Lustobjekt zu finden. Aber das andere ist es: Ich bin es selber, und es ist zugleich der andere. Das setzt die Geschlechterdualität voraus.
Und er führt dann unmittelbar die Liebe weiter in die Ehe und in die aus der Ehe hervorgehende Familie, die für ihn dann dieses Liebesverhältnis auf Dauer stellt und die Grundinstitution jeder Gesellschaft ist. Also man sieht: Da wird noch ganz tief in dieser Prägung aus dem biblischen Wort heraus gedacht.
Ich gehe gleich zum fünften Punkt weiter.
Unverkennbar zeigt sich gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, zugleich in der Zeit der Frauenbewegung und der beginnenden Emanzipation, eine zunehmende Disharmonie im Verhältnis der Geschlechter in Europa. Ich finde, das ist bemerkenswert. Es gibt einerseits den Feminismus, und andererseits gibt es eine Frauenfeindlichkeit, eine Misogynie bei bestimmten Philosophen, bei Schopenhauer, bei Weininger und so weiter, wo man die Frau eigentlich nur noch auf ihre Geschlechterrolle festlegt. Dann sagen die Frauen: Nein, das lassen wir mit uns nicht machen. Und das sagen sie durchaus auch zu Recht.
Dass das in einer Zeit der durchgreifenden Säkularisierung aufkommt, in der diese Komplementarität eigentlich nicht mehr getragen wird, ist sehr charakteristisch. Wir müssen also nicht nur irgendwie in die 50er Jahre zurückdenken, wenn wir ein kluges Bild sehen wollen, sondern wir müssen eigentlich zurückdenken, wirklich an diesen Punkt, wo die christliche Prägung Europas und der Welt ihre Definitionskraft verliert. Das ist die Zeit der liberalen Theologie, das ist die Zeit des Historismus, in der das Wort Gottes zunehmend zu einem bloß historischen Zeugnis wird. Und das hat dann solche Folgen auch.
Also, wir müssen uns da schon wieder richtig fangen, und dann hat das auch eine große Kraft. Der Feminismus erwarb der Frau auf vielfachen Wegen Zugang zu höherer Bildung und zu bürgerlicher Teilhabe, das wissen Sie alle. In Deutschland wurden gerade in der letzten Woche 100 Jahre Frauenwahlrecht begangen, 1919. Das will niemand missen, und die Frauenbewegung hat für diese unabdingbare Rechtsgleichheit Verdienste erworben.
Aber der Frauenbewegung haftet auch ein Mangel an. Sie war weitgehend säkular und war vielleicht auch gar nicht anders sein, nicht von Liebe getragen, sondern von einem Emanzipationswillen. Das müsste man heute, und das muss man heute gerade von der christlichen Gemeinschaft aus und Gemeinde aus ändern. Nicht das Gemeinsame, das Ergänzende, sondern der Wettstreit wie im Klassenkampf traten da ins Zentrum.
Es zeichnet sich zunächst ein Egalitätsfeminismus ab: Frauen sind wie Männer, den Männern gleich, aber weit über die gleichen Rechte hinaus, eigentlich ist es nur ein Mensch. Das geht bis in die heutige Gender-, Geschlechtsneutralität. Daneben gibt es einen Differenzfeminismus: Frauen sind so anders und Männer sind ebenso anders, dass man sich eigentlich fragt, wie sie überhaupt zusammenleben können. Das geht aber doch mitunter sogar gut.
Beides, also man sieht: Da bricht der Bogen, da wird eine Radikalisierung vorgenommen, und da wird wirklich versucht, den Menschen und die menschliche Ordnung ohne einen Blick auf seine Bestimmung zu denken.
Die wunderbare Komplementarität wurde sechstens mit der Frauenbewegung seit Beginn der Sechzigerjahre erst recht problematisch. Wir erinnern uns noch an die Auflösung der Ehe, die für emanzipatorische Kreise der Post-68er-Bewegung eine überlebte Form war, eine Form des Patriarchats und des Zwanges, und mit all dem zusammen die Signale einer grenzenlosen sexuellen Befreiung der sechziger, siebziger Jahre, aber auch die Freigabe der Abtreibung: „Mein Bauch gehört mir.“ Was ist es eigentlich, wenn Frauen das in den Mund gelegt wird und Frauen so etwas sagen?
Dieser Feminismus kennt klassische Aussagen wie Simone de Beauvoirs Satz: „Frau ist man nicht, zur Frau wird man“ oder man macht sich zur Frau. Da ist man schon ganz nah an Gender. Was ist das an der heutigen Gender-Ideologie? Dies, dass es nicht mehr nur um soziale Geschlechterrollen geht. Und schon von Rollen zu denken, geht zutiefst vorbei am biblischen und anthropologischen Befund. Nein, der Körper selber soll zum Experimentierfeld menschlicher Figurationen werden, menschlicher Erfindungen werden.
Ich zitiere aus einem Aufsatz von Judith Butler, einer der Denkerinnen, wenn man das so sehen will, dass das noch Denken ist: Der Körper als kulturelles Artefakt verliert seine Starre wie Stabilität. Die Idee eines sozialen Konstruktes wird wörtlich genommen und verwandelt sich in die Forderung, die eigene Existenz nicht mehr von der vorgefundenen Kontingenz des zugehörigen Körpers abhängig zu machen. Also dass ich als Mann oder Frau einen Körper, einen Leib habe, eigentlich nicht, das ist kontingent, das ist Zufall, das ist nicht Schöpfungsordnung.
Und da ist auch noch mal die Sprache ganz interessant. Die deutsche Sprache hat sehr schön diese Unterscheidung zwischen Körper und Leib. Leib kommt von Lich und von Licht und so weiter, Leichnam auch im Althochdeutschen, das ist wirklich der inkarnierte Geist, das ist die ganze Person. Körper dagegen ist nur so ein Körper im dreidimensionalen Raum, also wie ein Körper, wie eine Kugel oder so etwas. Französisch kennt nur le corps. Das kennt sonst viele schöne Differenzierungen, aber hier ist es etwas einmal anders als das Deutsche, muss ja mal sein. Und da wird natürlich bewusst gesagt: Es ist ein kontingenter Körper, ein kontingenter Körper.
Und deswegen geht es um den selbstbewussten Entwurf, den man neu gestalten muss und immer wieder neu inszenieren. Was für ein verzweifeltes Menschenbild, was für ein verzweifelter Versuch, sich jeden Tag neu inszenieren zu sollen vor der Bühne der Genderdiskurse und ihrer freien Wahl. Und das Tragische und Dramatische ist halt, dass diese verrückte Wahl, die als Freiheit ausgegeben wird, tatsächlich aber eine wirkliche Heimatlosigkeit des Menschen ist, eine Heimatlosigkeit im eigenen Leib, in Lehrpläne und in Kindergartenpläne und so weiter schon eingespeist wird. Und dass es ein so starker Mainstream ist, schauen Sie mal in Talkshows beliebig rein, es kreist permanent um diese Fragen, dass man schon Schwierigkeiten hat, die eigenen Kinder von dem Ganzen fernzuhalten oder den anderen Kindern eine andere Leiblichkeit und Formation zu geben.
Das ist etwas ganz Neues, dass man nicht mehr fragt: Wer ist der Mensch als Mann und Frau, wer ist ein Mann, wer ist eine Frau? Und was sind sie gar als Gottes Ebenbildlichkeit? Sondern dass man fragt: Wie konstruiere ich mich in meinem zufälligen Körper?
Und deswegen ist auch für Theologen und für Gemeindeglieder ganz wichtig zu sehen: Da wird schon das ganze Verständnis vom Menschen eigentlich verändert, und es ist nur noch ein Schritt, dass man wirklich in so Visionen kommt wie Transhumanismus, Posthumanismus, wir verbessern den Menschen beliebig, bis da etwas anderes herauskommt als der herkömmliche Mensch. Der Mensch spielt Gott.
Also Gender in seiner ideologischen Formation ist alles andere als harmlos. Und Christen müssen das begreifen und müssen da auch eine Gegenkultur bilden. Ich glaube, damit steht und fällt auch unser Glaube und unser Eintreten für das Wort Gottes, für den Mensch gewordenen Gott in Jesus Christus. Es steht und fällt auch an dieser Frage.
Christliche Gegenrede und abschließende Zuspitzung
Zum Schluss: Die jüdische, dann konvertierte Philosophin Edith Stein hat sich immer wieder Gedanken über das Mann- und Frausein gemacht. Sie ist 1945 in Auschwitz umgebracht worden. In ihrem späten Werk hat sie immer wieder betont: Der Mann ist nicht nur Mann, die Frau ist nicht nur Frau. Sie steht damit ganz stark in der Tradition von Galater.
Sie sagt, wenn man dieses „Die Frau ist Hilfe des Mannes“ wörtlich versteht, dann bedeutet das auch, dass es eine wechselseitige Ergänzung und ein wechselseitiges Sichspiegeln ist. Man erkennt sich im Anderen erst als Mensch und Gottes Ebenbild. Und Adam erkannte Eva. Auch das, dass der sexuelle Akt, der Zeugungsakt, mit dem Erkennen verbunden ist, kann man ja dann auch noch vom Hebräischen her schön zeigen, morgen oder heute Abend. Dass es wirklich vom Erkennen her gefasst ist: Ich erkenne dich, und ich erkenne dich eben wirklich nur als Mann und Frau.
Ich lasse mich doch noch ganz offen sagen: Keine Gesetzgebung hat die Möglichkeit, eine Ehe für alle zu verordnen. Natürlich kann man das tun, aber man geht an der Anthropologie vorbei und man geht an der Wahrheit vorbei. Und man bildet eigentlich Chimären, die halb traurig sind und halb lächerlich. Dagegen sollten wir etwas entgegenhalten. Und wir haben ja nun wirklich hier aus einer großen Wahrheit zu schöpfen: dieses Sichspiegeln. Ich kann wirklich im Weiblichen und im Männlichen, kann die Frau sich in einer Weise auch spiegeln, in ihren Stärken, in ihren Schwächen, in ihrer Bedürftigkeit und in ihrer Kraft als Gottes Ebenbild.
Das bedeutet, dass sie in ihrem Bezug auf Christus, den wahren Menschen und wahren Gott, die Geschlechterrollen sich nicht etwa nivellieren, sondern dass sie sich in dem Urbild aufeinanderhin vertiefen. Dass man mehr Mann wird und mehr Frau füreinander und zueinander und in Christus geeint in der wiederhergestellten Gottebenbildlichkeit. Die Gott- und Christus-Ebenbildlichkeit zeigt sich also nicht nur in der christlichen Agape, sondern auch im Eros, im Zusammenleben und nicht zuletzt in der Familie. So ein Feld schuf sie als Mann und Frau. Das führt natürlich logisch direkt auch auf das, was Familie sein soll und sein kann und was sie eben aus dieser Komplementarität von Mann und Frau ist und nicht anders.
Ich muss leider zum Ende kommen. Immer wieder wiederholt die Stein, der ich hier doch noch mal das Wort gebe: Keine Frau ist nur Frau. Die individuelle Persönlichkeit, bis hinein in ihr gegründet Sein, denn Gott schließt das Frausein und das Mannsein jeweils spezifisch ein.
Meine Damen und Herren, liebe Brüder und Schwestern, von hier erscheint es auch aus Vernunftgründen wichtig zu sein, die Widersprüche und die letztliche Unvernünftigkeit, weil Unwahrheit des Konstruktivismus und der Gendervorstellungen eindeutig aufzuzeigen. Hier geht es um eine Scheidung der Geister, und zu der sind Christen ermächtigt und ermutigt, wo sie glauben und wo sie aus dem Wort Gottes und der Vernunft leben. Sie müssen immer aus beiden Quellen leben, aus dem Wort Gottes primär und aus der Vernunft zum anderen. Darauf hat Luther ja auch verwiesen am Reichstag von Worms. Haben wir Mut zu dieser Scheidung der Geister.
Und wenn viele andere das anders machen, und wenn zum Beispiel die evangelische Kirche in Deutschland Genderzentren unterhält und wirklich Forschungszentren, wo Millionen hineingehen, wenn Lehrstühle dafür kreiert werden, wo man sich nicht kritisch damit auseinandersetzt, dann sollten wir in aller Demut und in aller Klarheit sagen, was die Schrift sagt und was die Vernunft und die anthropologische Erkenntnis uns nahelegt. Bei der Polemik kann es dabei nicht sein Bewenden haben. Vielmehr ist positiv zu zeigen und auch zu bezeugen, dass die Komplementarität der Geschlechter die anthropologische, durch nichts zu ersetzende Lebensform des Menschen in Gottes Ordnung ist.
Es gibt heute auch soziologische Schriften, die sagen: Alternativen des Zusammenlebens, was kommt nach der Familie, was kommt nach der Ehe? Nein, eigentlich immer nur etwas Schlechtes oder etwas Komisches oder etwas Halbes. Wir sind damit bei einem Ethos, das nicht im abstrakten Verbotsraum und nicht bei einem formalen „Du sollst nicht“ oder „Du musst“ gründet, sondern wirklich unser Menschsein unter Gottesordnung beschreibt. Es wird in Dimensionen des in die Welt verwobenen Personseins seine Bedürfnisse und seiner leibhaften Natur Rechnung tragen, nicht konstruktivistische Vision des neuen Menschen und nicht eine Leibneutralität, sondern die Durchdringung von Leib und Geist. In Transparenz auf Gott, den Schöpfer, ist uns aufgegeben.
Dieses Ethos kann den Menschen an sich selber genesen lassen, und ich bin mir sicher, dass dann auch die physische und die psychische Gesundheit wieder eine ganz andere wäre in unserer Gesellschaft und die Scheidungsraten rapide zurückgehen würden, wenn man auch sieht, was einem da anvertraut ist. Und deswegen sollten Christen auch nicht um so eine Erlaubnismoral immer wieder fragen: Was darf man noch und was sollte man nicht? Das ist schon in der Ernährung schlecht, aber erst recht noch bei ganz tiefen Themen. Sondern man sollte wirklich sagen: Was ist mir denn für ein wunderbares Leben eröffnet durch Gottes Gebote und durch die Schöpfungsordnung, die ich an mir selber sehen kann?
Ich schließe damit vielleicht noch zwei kurze Zitate. Diese Scheidung der Geister hat in unserer Zeit sehr stark gemacht der Tübinger Theologe Peter Beierhaus. Peter Beierhaus wird heute 90 Jahre alt, sei er von hier aus auch gegrüßt, weil er das durch Jahrzehnte wirklich mutig gemacht hatte, die Geister zu unterscheiden. Und das Zweite ist: Matthias Claudius, ein christlicher Dichter im achtzehnten Jahrhundert, hat gesagt, er kann gar nicht genug staunen, dass er das schöne menschliche Antlitz hat. Ich bin so glücklich, dass ich dich, schönes menschliches Antlitz, habe, dass ich von dir Gott geschaffen bin, als Mann und Frau.
Daran sollen wir Christen festhalten, in Fröhlichkeit und Entschiedenheit, weil und insofern wir als Kinder Gottes geboren sind, unsere Hoffnung befreit. Mut und Freimut auch dafür einzutreten, ist eine sinnvolle und eine logische Folge daraus. Und so werden wir das weiter auch in dieser Tagung und hoffentlich auch in unseren Gemeinden und im weiteren Leben weitertragen. Vielen Dank für eure Geduld und Aufmerksamkeit.
