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Friede den Hütten, Krieg den Palästen?

10. Vortrag zu Jesaja (Jes 24 - 27 und Jes 34 -35)
Jesaja 24,1-27,1321.03.2023
SerieTeil 11 / 18Überblick über Jesaja
Warum braucht es manchmal klare Grenzen statt nur Harmonie? Jesaja zeigt: Wenn Unrecht keine Konsequenzen hat, lernt niemand Gerechtigkeit. Gericht kann brutal wirken – und trotzdem heilsam sein.

Ein politischer Slogan und die Frage nach der wahren Ursache von Unrecht

Friede den Hütten, Krieg den Palästen, eine der Parolen der Französischen Revolution. Georg Büchner hat diese Parole später wieder aufgegriffen. Büchner, einer der bekanntesten Schriftsteller, vielleicht neben Goethe der bekannteste Schriftsteller Hessens, hat seine revolutionären Schriften ursprünglich im sogenannten Hessischen Landboten veröffentlicht. Er und seine Mitstreiter sahen in der damaligen politischen Führung das eigentliche Problem der Gesellschaft.
Wenn man die Weltgeschichte anschaut, hatten sie natürlich ganz prinzipiell nicht unrecht. Wenn die Menschen an die Macht kommen, die den größten Machthunger haben, wird das mit Sicherheit zu Tyrannei und Ausbeutung führen. Aber ist das Problem beseitigt, wenn man die aktuelle Führungsschicht beseitigt hat, die Tyrannen und die Unterdrücker?
Das ist eines der Themen, mit denen Jesaja sich im heutigen Abschnitt beschäftigt. Werfen wir noch einmal einen kurzen Blick auf das Schema zu Jesaja 24 bis 35. Die mittleren Abschnitte, die Wehrufe Jesajas, sind in diesem Schema grün markiert, und diese Abschnitte haben wir beim letzten Mal betrachtet. Aber Jesaja beginnt diesen Abschnitt in Jesaja 24 bis 27, und er beendet diesen Abschnitt in Jesaja 34 und 35 mit dem, was ich überschrieben habe: die Apokalypse Jesajas, sein Blick auf Gottes Gericht über diese Welt.

Jesaja als Dichter, Maler und Deuter von Bildern

Um diese Kapitel besser zu verstehen, müssen wir uns noch einmal vor Augen führen, wer Jesaja ist und wie Jesaja denkt und schreibt. Jesaja ist nicht in erster Linie das, was man einen Chronisten der Zukunft nennen könnte. Ein Chronist ist jemand, der Dinge in eine zeitliche Reihenfolge bringt und sie zeitlich einordnet. Ein Chronist führt normalerweise Buch über die Vergangenheit oder über die Gegenwart. Viele Leute denken, Propheten seien Menschen, die die Geschichte der Zukunft so erzählen, wie Historiker die Vergangenheit erzählen: Was passiert wann? Was passiert in welcher Reihenfolge? Manche Propheten tun das in gewisser Weise. Jesaja tut es aber gar nicht, oder fast gar nicht.
Er interessiert sich nicht für die zeitliche Einordnung der Zukunft. Er interessiert sich nicht für zeitliche Reihenfolgen von Ereignissen. Jesaja ist ein Dichter, und er ist ein Maler mit Worten. Er versucht, Bilder zu malen. Manchmal sind es Bilder von schrecklichen Gerichten, und er nimmt verschiedene Ereignisse, um daraus ein Bild zu machen. Wie richtet Gott? Wen richtet Gott? Warum richtet Gott? Aber ihn interessiert nicht: Wann richtet Gott? Und in welcher Reihenfolge richtet er wen? Das sind Fragen, die er nicht stellt, zumindest meistens nicht. Vielleicht tut er es bei Dingen, die unmittelbar in seiner Zukunft liegen. Aber alles, was ein Stück weiter in der Zukunft liegt, da interessiert ihn nur, was passiert.
Für uns ist das schwierig, weil wir extrem chronologisch denken. Wenn wir so etwas lesen, versuchen wir immer irgendwie die Frage zu stellen: Wann passiert es? Wann genau passiert es? Wen betrifft es? Und wenn wir Jesaja diese Frage stellen würden, bei verschiedenen Abschnitten, die wir lesen, würden wir uns wahrscheinlich verständnislos anschauen. Was interessiert mich, in welcher Reihenfolge die Dinge in zweitausendsiebenhundert Jahren passieren? Und was interessiert das die Leute, die während dieser zweitausendsiebenhundert Jahre leben? Gar nicht. Es ist uninteressant.
Aber unserem Kopf tut es fast weh, wenn wir die Antwort auf diese Frage nicht finden, weil wir so extrem darauf geprägt sind. Jesaja ist ein Dichter, ein Maler mit Worten. Manchmal verdichtet er eine Botschaft auf ein Wort: Ariel für Jerusalem, ein Wort, das er vielleicht erfunden hat, und in dem er seine Botschaft verdichtet. So etwas tun Dichter manchmal. Er schreibt viel in Bildern. Er beschreibt die assyrische Invasion über Israel und Juda immer als eine Flut, die über das Land kommt. Da passierte keine Flut mit Wasser. Es ist ein Bild für die Übermacht der Assyrer, die dieses Land sozusagen überschwemmt.
Er verwendet das Bild von Betrunkenen, wenn er über die damaligen Politiker schreibt, obwohl die wahrscheinlich kein Alkoholproblem hatten. Es geht ihm um ihre Orientierungslosigkeit, um den Wahnsinn ihrer Entscheidungen. Und wenn wir nicht gelernt haben, in Bildern zu denken, dann werden wir Probleme mit Jesaja haben, weil er eigentlich immer in Bildern schreibt.

Drei Ebenen eines Gerichtsbildes

Und auch hier, in diesem Abschnitt, den wir heute anschauen, gibt es verschiedene Ebenen, die Jesaja einfach mischt. Es gibt die Ebene seines unmittelbaren Erlebens. Er war ein Mensch, im Gegensatz zu, glaube ich, allen, die hier sitzen, der Krieg erlebt hat, der im Krieg gelebt hat, der erlebt hat, was es bedeutet, wenn Menschen umkommen, wenn Menschen deportiert werden, wenn es in jeder Familie Tote gibt. Und dieses persönliche Erleben gibt ihm einen Teil der Bilder, die er verwendet, wenn er von Tod und von Gericht spricht. Dann hat er etwas vor Augen, was er gesehen und gehört hat in seiner Zeit. Und er hat erlebt, wie dieses assyrische Heer vor den Mauern Jerusalems von Gottes Engel quasi vernichtet wurde.
Doch das ist sein persönliches Erleben, das er in dieses Bild einbringt, das er malt. Aber das ist nur die erste Ebene, weil er noch Fragen hat: Gott, wie ist das? Ja, jetzt ist dieses Heer vernichtet. Aber was ist mit den Politikern, die dieses Heer geschickt haben, die irgendwo in Ninive sitzen? Was ist mit der Gesellschaft dort, die das gutheißt, dass dieses Heer hier mehrere Länder zerstört hat, Menschen umgebracht hat, Menschen gefangen genommen hat?
Er formuliert es ganz treffend in Jesaja 24,16, das, was er zunächst erlebt hat, wo er sagt: Ich lebe mitten im Krieg, da sprach ich: Ich vergehe, ich vergehe! Wehe mir! Räuber rauben, und räuberisch raubend rauben sie. Grauen und Gruben und Schlingen über dich, Bewohner der Erde. Er sagt: Ich erlebe das, ich lebe darin.
In seinem letzten Weheruf, den wir letztes Mal angeschaut haben, in Jesaja 33,1, hat er seine Frage an Gott formuliert, das, was ich gerade schon angedeutet habe: Wehe dir, Verwüster! Und du selbst wurdest nicht verwüstet, und dir Verräter, und man hat dich nicht verraten. Sobald du das Verwüsten vollendet hast, wirst du verwüstet werden. Sobald du mit dem Verraten fertig bist, wirst du verraten werden.
Es stand noch etwas aus, dieses Gericht über diese Assyrer, die so viel Verwüstung gebracht hatten. Jesaja war nicht zufrieden damit, dass ein paar Soldaten sterben, viele Soldaten sterben. Und er sieht, glaube ich, von Gott, dass ungefähr 90 Jahre später, 609 vor Christus, dieses assyrische Reich und diese assyrischen Städte relativ plötzlich untergehen und dass das Gericht und dieser Krieg, den sie über die ganze Region gebracht haben, plötzlich sie trifft. Und Jesaja findet es gut, es befriedigt seinen Sinn für Gerechtigkeit. Das ist die zweite Ebene.

Der Blick auf die ferne Vollendung des Gerichts

Aber Jesaja hat noch eine Frage, weil er weiß, dass ein Großreich nur vom nächsten abgelöst wird. Wenn das syrische Reich untergeht, kommt das babylonische, das nicht besser ist und genauso tyrannisch ist, das genauso viel Leid bringt. Wenn das babylonische untergeht, kommen das persische und medische Reich. Wenn dieses Reich untergeht, kommt Alexander der Große mit seinen Nachfolgereichen. Wenn das griechische Reich untergeht, kommen die Römer und dann in beliebiger Reihenfolge die Mongolen, das britische Empire, die Sowjetunion, wer auch immer.
Jesaja sagt zu Gott, glaube ich: Wie gehst du damit um? Wie willst du alldem ein Ende machen, nicht nur mit dem assyrischen Heer, nicht nur mit dem assyrischen Staat? Wie willst du damit ein Ende machen, das eine Schreckensherrschaft nach der anderen Verwüstung über diese Erde bringt?
Und dieser Blick in die ferne Zukunft, wo Gott ihm zeigt, wie seine letztendliche Lösung für dieses Problem aussieht, das ist die dritte Ebene. Und aus diesen Ebenen malt Jesaja sein Bild in diesen Kapiteln: sein unmittelbares Erleben, das Gericht über das assyrische Reich, das ihm lebendig und relativ nah vor Augen stand, und dann das ferne Gericht Gottes über diese Erde.
Und wie gesagt, egal ob er seinen Blick gerade auf das Ende des assyrischen Reiches oder auf das Ende dieser Welt richtet, ihm kommt es darauf an, wie Gott richtet, warum Gott richtet, wen Gott letzten Endes richtet. Es kommt ihm nicht darauf an, was davon wann ist.

Das Bild der kosmischen Verwüstung

Das Gericht über die ganze Erde. Ich lese ein paar Verse und beginne vorne in Kapitel 24: Siehe, der Herr verwüstet die Erde und verödet sie. Er schädigt ihre Oberfläche und zerstreut ihre Bewohner.
Vers 3: Das Land wird völlig verwüstet und geplündert, denn der Herr hat dieses Wort geredet. Es vertrocknet, es welkt dahin, die Erde verschrumpelt. Es welkt dahin der Erdkreis, und es vergehen die Hohen der Völker der Erde.
Vers 18 am Ende: Denn die Fenster in der Höhe öffnen sich. Oh, Moment! Kommt der Satz jemandem bekannt vor? Sintflut! Jesaja hat zu der Zeit offensichtlich gerade seine stille Zeit in 1. Mose gemacht. Er verwendet einen Satz aus 1. Mose, Kapitel 7, Vers 11. Lies mal vor:
Im sechshundertsten Jahr des Lebens Noas, im zweiten Monat, am siebzehnten Tag des Monats, an diesem Tag brachen auf alle Quellen der großen Tiefe, und die Fenster des Himmels taten sich auf.
Jesaja vergleicht dieses Endgericht mit dieser großen Sintflut, mit der Gott die Erde vernichtet hat und ihre Bewohner, durch diesen kleinen Satz.
Okay, noch mal von vorne, Vers 18: Denn die Fenster in der Höhe öffnen sich, und zerbeben die Grundfesten der Erde. Die Erde klafft auseinander, die Erde zerbirst, die Erde schwankt heftig. Die Erde taumelt wie ein Betrunkener und schaukelt wie eine Nachthütte. Schwer lastet auf ihr ihre Übertretung, und sie fällt und steht nicht wieder auf.
Dass das Bild, das Jesaja hier verwendet, ein Bild von völliger Verwüstung ist, von dem Ende dieser Erde, wie wir sie kennen.

Gericht über die Nationen und die Stadt als Symbol der Zivilisation

In seinem zweiten großen Abschnitt, Kapitel 34 und 35, wiederholt er einige Dinge mit anderen Worten und mit anderen Bildern. Lesen wir am Anfang von Kapitel 34, wie er dieses Endgericht Gottes hier beschreibt:
Tretet herzu, ihr Nationen, um zu hören, und ihr Völkerschaften, hört zu! Es höre die Erde und ihre Fülle, der Erdkreis und alles, was ihm entsprosst. Denn der Zorn des Herrn ergeht gegen alle Nationen, und sein Grimm gegen ihr ganzes Heer. Und er hat sie der Vertilgung geweiht, zur Schlachtung hingegeben. Und ihre Erschlagenen werden hingeworfen, und der Gestank ihrer Leichname steigt auf. Und die Hügel zerfließen von ihrem Blut. Und das ganze Heer des Himmels verwest, und die Himmel werden zusammengerollt wie ein Buch. Und ihr ganzes Heer fällt herab, wie das Laub vom Weinstock abfällt und wie das Verwelkte vom Feigenbaum.
Ja, das erinnert uns ein bisschen an Dinge, die Jesus gesagt hat in Matthäus 24 und 25. Es ist ein bisschen blutiger als Jesaja 24. Man merkt plötzlich, es ist nicht nur ein Gericht über die politischen Systeme, über die Reiche dieser Erde, die alle aufhören, die alle ins Chaos gestürzt werden, sondern man merkt, es ist ein Gericht über Menschen. Blut fließt brutal. Ein heftiges Gericht.
Warum richtet Gott? Zurück zu Kapitel 24: Was sagt Jesaja, warum Gott richtet, warum Gott diese Erde richtet? Jesaja 24, Vers 5: Und die Erde ist entweiht worden unter ihren Bewohnern, denn sie haben die Gesetze übertreten, die Satzungen überschritten, den ewigen Bund gebrochen. Darum hat der Fluch die Erde verzehrt, und ihre Bewohner zahlen dafür. Darum wurden die Bewohner der Erde reduziert, und wenige Menschen bleiben übrig.
Ihr habt gesagt, Jesaja hat seine stille Zeit gerade in 1. Mose gemacht. Wir waren gerade in 1. Mose 7, jetzt sind wir in 1. Mose 9. Der ewige Bund wird der Bund genannt, den Gott mit Noah gemacht hat nach der Sintflut. Wörtlich lese ich 1. Mose 9 in Abschnitten ab Vers 8 bis Vers 17, ein paar Sätze einfach daraus. Ihr müsst nicht versuchen, das zu verfolgen, hört einfach zu:
Gott sprach zu Noah und zu seinen Söhnen mit ihm und sagte: Und ich siehe, ich errichte meinen Bund mit euch und mit eurem Samen nach euch und mit jedem lebendigen Wesen, das bei euch ist. Und ich errichte meinen Bund mit euch. Und nicht mehr soll alles Fleisch ausgerottet werden durch die Wasser der Flut, und keine Flut soll mehr sein, die Erde zu verderben. Und Gott sprach: Dies ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und jeder lebendigen Seele, die bei euch ist, auf ewige Geschlechter hin. Meinen Bogen, den Regenbogen, setze ich in die Wolken, und er soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. Und der Bogen wird in den Wolken sein, und ich werde ihn ansehen, um zu gedenken des, und jetzt kommt das Wort des ewigen Bundes, das gleiche Wort, das Jesaja verwendet, zwischen Gott und jedem lebendigen Wesen von allem Fleisch, das auf der Erde ist.
Gott hat einen dauerhaften, ewigen Bund mit den Menschen gemacht nach der Sintflut. Und Jesaja wirft den Menschen vor, diesen ewigen Bund gebrochen zu haben.

Blut, Bundbruch und das Ende des Mordens

Moment mal, Gerald, das ist Unsinn, oder? Ich meine, hier in diesem Bund hat Gott doch gar keine Bedingung für die Menschen gesetzt. Er hat gesagt: Ich bringe keine Flut mehr, ich verspreche euch das, ich setze dieses Zeichen in den Himmel, diesen Regenbogen. Wie soll der Mensch diesen Bund brechen?
Ja, aber das Kapitel fängt vorher an. Und Gott erwartet in diesem Zusammenhang etwas vom Menschen. 1. Mose 9,5. Also zwei Verse, bevor der Abschnitt beginnt, in dem es so ausdrücklich um diesen Bund geht, sagt Gott etwas, was er in diesem Zusammenhang vom Menschen erwartet.
Und wahrlich, euer Blut, eure Seelen, werde ich fordern. Von jedem Tier werde ich es fordern, und von der Hand des Menschen, von der Hand eines jeden seines Bruders werde ich die Seele des Menschen fordern. Wer Menschenblut vergießt, durch Menschen soll sein Blut vergossen werden; denn im Bild Gottes hat er den Menschen gemacht.
Und das gehört irgendwie zu diesem ewigen Bund dazu: dass kein Mensch Menschenblut vergießen soll auf dieser Erde. Und Jesaja sagt, das ist so viel, hunderttausendmal gebrochen worden, dieser Teil des Bundes. Ihr habt die Erde verunreinigt.
Ich meine, natürlich wird Gott für alle möglichen Sünden richten. Aber Jesaja hat hier an dieser Stelle vor allem vor Augen, dass Gott das Blut von Menschen richten wird, die durch Tyrannen oder durch ihren Nachbarn oder wen immer getötet wurden oder deren Leben vernichtet wurden, selbst wenn sie nicht körperlich umgebracht wurden. Das ist das, was ihm als Kind des Krieges, als ein Mann, der Krieg gesehen hat, vor Augen steht. Dieser hunderttausendfache Tod, der so oft in der Geschichte von Menschen ausgegangen ist. Er sagt, das ist der erste Grund, warum Gott diese Erde richtet.

Die Erde als Ort des verborgenen Blutes

Einige Kapitel vorher in 1. Mose haben wir das schon gelesen. Jeder, der dieses Buch schon einmal gelesen hat, kennt es. Und er sprach, also Gott sprach: Was hast du getan? Horch, das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Erdboden.
Damit hat es angefangen, noch lange vor der Sintflut: Das Blut deines Bruders schreit zu mir.
Nun, wenn Jesaja über dieses Gericht über die ganze Erde schreibt, dann kommt er darauf zurück, in Kapitel 26, im letzten Vers des Kapitels: Jesaja 26,21: Denn siehe, der Herr tritt hervor aus seiner Stätte, um die Ungerechtigkeit der Bewohner der Erde an ihnen heimzusuchen, und die Erde enthüllt ihr Blut und bedeckt nicht länger ihre Ermordeten.
Wie gesagt: Natürlich werden alle sichtbaren und verborgenen Sünden gerichtet werden. Aber das ist das, was Jesaja vor Augen steht, was Jesaja ins Auge springt: diese vielen, vielen Toten durch Kriege und durch Säuberungsaktionen der Mächtigen.
Egal, ob er an Sanherib denkt, an Genghis Khan, an Hitler, an Stalin, an Mao Zedong: Hunderttausende von Menschen wurden von jedem dieser Gewaltherrscher umgebracht, umbringen lassen.
Die Erde ist verdorben, der Bund ist zerstört. Und das Ende dieses Mordens und Zerstörens war eines der großen Ziele, das Gott mit seinem Gericht hat.

Trost für die Bedrängten und die Aufhebung des Todes

Aber vor allem eines der großen Ziele, was Jesaja gesehen hat, was er vor Augen hatte, war dies: Er sagte, das muss das Gericht Gottes bewirken, wenn es Sinn haben soll. Es muss bewirken, dass diese vielen, vielen Toten gerecht werden und dass dieses Morden ein Ende hat. Wenn Gottes Gericht einen Sinn haben soll, dann muss es das beenden.
Ich lese Jesaja 25,7: Und er wird auf diesem Berg den Schleier vernichten, der alle Völker verschleiert, und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist. Den Tod verschlingt er für immer. Und der Herr, Jahwe, wird die Tränen von jedem Angesicht abwischen, und die Schmach seines Volkes wird er wegnehmen von der ganzen Erde, denn der Herr hat geredet. Und an jenem Tag wird man sprechen: Siehe da, unser Gott, auf den wir harren, dass er uns rette. Da ist der Herr, auf den wir harren; lasst uns frohlocken und uns freuen in seiner Rettung. Denn die Hand des Herrn wird auf diesem Berg ruhen.
Und auch hier wird am Ende natürlich kein Tod mehr sein, auch nicht durch Krankheit und Seuchen oder was auch immer, auch nicht durch Naturkatastrophen. Aber was Jesaja vor Augen steht, ist vor allem, dass dieses Leid durch dieses viele Morden ein für allemal ein Ende haben wird.
Für ihn war die assyrische Armee der Inbegriff des Todes. Er hat seinen Politikern vorgeworfen, dass sie versucht haben, einen Bund mit dem Tod zu machen, als sie einen Bund mit den Assyrern eingegangen sind. Für ihn war es der personifizierte Tod, die Vernichtung von vielen, vielen Menschenleben.
Er sagt: All das Leid, was ich gesehen habe, was ich erlebt habe, was mit dem Tod zusammenhängt, was vor allem mit diesem Tod zusammenhängt, wird ein Ende haben. Und wir wissen, dass Johannes in seiner Offenbarung diesen Aspekt sehr explizit aufgreift.

Die Stadt als Bild menschlicher Selbstherrlichkeit

Einen kleinen Nebenaspekt in diesen Kapiteln: Jesaja verwendet ganz oft den Begriff Erde, die ganze Erde. Die Erde, haben wir gesehen, wird erschüttert und vergeht. Aber fast so oft verwendet er den Begriff Stadt.
Ich lese euch ein paar Stellen vor. Jesaja 24,10: Zertrümmert ist die Stadt der Leere, verschlossen ist jedes Haus, sodass niemand hineingeht. Vers 12: Von der Stadt ist nur eine Wüste übrig geblieben, und in Trümmern zerschlagen wurde das Tor. Kapitel 25,2: Denn du hast aus einer Stadt einen Steinhaufen gemacht, die feste Stadt zu einem Trümmerhaufen, den Palast der Fremden, zu etwas, was keine Stadt mehr ist. Er wird in Ewigkeit nicht aufgebaut werden. Kapitel 26,5: Denn er hat Hochwohnende niedergeschlagen, die hochragende Stadt; er hat sie niedergestürzt, zu Boden gestürzt. Er hat sie niedergestreckt bis in den Staub, es zertritt sie der Fuß, die Füße der Elenden, die Tritte des Geringen. Jesaja 27,10: Denn die feste Stadt ist einsam, eine preisgegebene und verlassene Wohnstätte wie die Steppe.
Und erneut ist Jesaja, glaube ich, in seinem Kopf in 1. Mose. Immer wieder kommt er auf die Stadt zurück, nie gibt er ihr einen Namen. Wir waren in 1. Mose 7, wir waren in 1. Mose 9. Das nächste Herausragende in einem Geschlechtsregister ist in 1. Mose 10, Vers 8: Und Kusch zeugte Nimrod, der fing an, ein Gewaltiger zu sein auf der Erde. Er war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, darum sagt man: Wie Nimrod, ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn. Und der Anfang seines Reiches war Babel und Erek und Akkad und Kalne im Land Sinear. Von diesem Land zog er aus nach Assur und baute Ninive und Rechoboth-Ir und Kalach und Resen zwischen Ninive und Kalach, das ist die große Stadt.
Hier fangen die Menschen an, nach der Sintflut ihre Städte zu bauen: Babel, Ninive, die Städte, um die es ging zu dieser Zeit. Die Städte, die damals das assyrische Reich ausgemacht haben, zur Zeit Jesajas. Und manche von euch wissen das, dass dieses Städtebauen gegipfelt hat in 1. Mose 11, im Bau des Turms in Babel.
Statt der Dichter konzentriert Jesaja seine Botschaft auf ein Wort und wiederholt es immer wieder: Stadt. Stadt ist die menschliche Zivilisation, die sich unabhängig gemacht hat von Gott und die sich letzten Endes gegen Gott gestellt hat. Und ich glaube, es ist kein Versehen, dass Jesaja Leid und Zerstörung auf dieser Erde mit dieser menschlichen Zivilisation ohne Gott und gegen Gott in Verbindung bringt. Er sagt immer wieder: Die Stadt, die menschliche Zivilisation, die gottlose Zivilisation, wird gerichtet werden und untergehen.

Wer vom Gericht profitiert und wer nicht

Nachdem Jesaja in Kapitel 24 das Bild dieses großen Gerichts Gottes entworfen hat, machte er sich in den folgenden Abschnitten Gedanken zum Thema Gericht. Wer profitiert vom Gericht Gottes? Wen trifft Gottes Gericht? Was kann Gottes Gericht Positives bewirken?
Interessanterweise beginnen alle drei Abschnitte, die nun kommen – Kapitel 25, Vers 1, Kapitel 26, Vers 1 und Kapitel 27, Vers 2 – jeweils mit einem Dankgebet oder einem Lied. Und Bibelleser kennen dasselbe Prinzip aus der Offenbarung des Johannes. Die Offenbarung des Johannes, ganz am Ende des Neuen Testaments, beschreibt die Gerichte Gottes über diese Erde noch konzentrierter als Jesaja das tut. Und die Offenbarung des Johannes ist ein Buch voller Lieder.
Es gibt so viele Menschen, die sich darüber freuen, dass Gott endlich richtet, dass es nur in Dankgebeten enden kann und in Liedern. So viele Unterdrückte und Misshandelte haben sich im Lauf der Geschichte nach dem gerechten Gericht Gottes gesehnt. So viel Brutalität ist ungesühnt geblieben, körperlich oder seelisch. So viel, wie wir vorhin gelesen haben, ist verborgen, und Gott wird es aufdecken. Er wird auf die Tränen antworten, die vielleicht niemand gesehen hat.
Schauen wir uns einiges aus diesem Abschnitt an.

Gericht als Rettung für die Bedrängten

Für viele damals und im Lauf der Geschichte gilt: Wenn Gott im Gericht eingreift, bedeutet Gericht ganz konkrete Rettung. Jesaja hat es erlebt, Jesaja hat es erwartet.
Ich lese Jesaja 25,4: Herr, du bist mein Gott, ich will dich erheben, preisen will ich deinen Namen; denn du hast Wunder gewirkt. Jetzt kommt es aufs Feld: Denn du bist eine Festung dem Geringen, eine Festung dem Armen in seiner Bedrängnis, eine Zuflucht vor dem Regensturm, ein Schatten vor der Glut. Denn das Schnauben der Gewalttätigen war wie ein Regensturm gegen eine Mauer.
Also tatsächlich hauptsächlich Gericht über die Paläste? Über die Mächtigen, die Unterdrückung bringen, über die Mächtigen, die Tod bringen, über die Mächtigen, die Deportation bringen? Gilt nur ihnen das Gericht? Gilt ihnen hauptsächlich das Gericht? Das, was wir bisher gelesen haben, scheint in diese Richtung zu deuten.
Kapitel 25, Vers 9: Und an jenem Tag wird man sprechen: Siehe, da ist unser Gott, auf den wir hofften, und er rettet uns. Da ist der Herr, auf den wir harrten; lasst uns frohlocken und freuen in seiner Rettung.
Er rettet uns. Er richtet unsere übermächtigen, brutalen, verlogenen, egoistischen Feinde. Er richtet die, die die Macht haben und sie auf dieser Erde missbrauchen. Das ist eine Botschaft Jesajas.

Gottes Unterscheidung zwischen Unterdrückten

Aber dann kommt im nächsten Vers eine erstaunliche Wendung. In einem Bild, wie so oft, in Vers 10. Denn die Hand des Herrn wird auf diesem Berg ruhen, also auf Zion, Jerusalem.
In seinem Abschnitt wird Jesaja beschreiben, wie Gott Jerusalem erhebt, wie er sich ihnen zuwendet, wie er sie beschützt. Und Jesaja hat diesen Schutz erlebt. Aber dann steht da: Und Moab wird unter ihm zertreten werden, wie Stroh zertreten wird in einer Mistlache.
Moment mal, Jesaja: Zu deiner Zeit waren die Moabiter genauso Opfer der Assyrer wie Israel auch. Sie waren nicht die Mächte. Denn ja, es gab in der Geschichte immer wieder Kriege zwischen Israel und Moab, und mal gewannen die einen und mal die anderen. Aber Jesaja, zu deiner Zeit sind die Moabiter genauso Unterdrückte wie Juda auch.
Und ich glaube, das, was Jesaja hier macht, ist Absicht. Er sagt: Schau mal, hier ist Jerusalem, hier ist Juda, und Gott wird es nehmen, sich seiner annehmen und es erhöhen. Und nebenan, auf gleicher Höhe, was Nord-Süd-Richtung betrifft, gehst du einfach ein paar Kilometer und überquerst den Jordan. Heute ist das Mitteljordanien. Dort ist Moab, die genauso gelitten haben unter dem Terror der Assyrer. Und sie wird Gott nicht erheben. Sie werden zertreten wie Stroh in einer Mistlache.
Und Jesaja versucht uns zu sagen, dass das Gericht Gottes mehr Kriterien hat. Es geht nicht darum, dass die Oberschicht, die Herrschenden, beseitigt werden und dann alles gut ist. Er schreibt wenig über die Kriterien, die Gott anwendet, aber er warnt hier mit einem politischen Bild.
Aber wie schnell kann es persönlich werden? Nur weil du der Unterdrückte bist, wird dich das nicht vor dem Gericht Gottes retten, wenn Gott einen Grund hat, dich zu richten. Gott wird nicht einfach jeden Unterdrückten befreien. Es sind Nachbarn.
Jesus hat gesagt: Der eine wird genommen und der andere wird gelassen. Zwei sind zusammen auf dem Feld. Und das ist das Bild, das Jesaja hier nimmt, mit Jerusalem, Juda und Moab. Zwei Unterdrückte. Den einen wird Gott erhöhen, und er hat seine Gründe dafür. Den anderen wird Gott richten, genau wie die Mächtigen dieser Erde.
Sei dir nicht zu sicher. Jesaja verkündigt keine Befreiungstheologie. Jesaja verkündigt das objektive Gericht Gottes über alle Menschen, über die ganze Erde.

Ein zweites Beispiel: Edom und die verwandelte Landschaft

Wenn wir im zweiten Abschnitt auf Jesaja 34 schauen, finden wir ein sehr ähnliches Bild. Diesmal geht es wieder um das Gericht über die Erde, aber nicht um Moab. Jetzt geht es um einen Vergleich mit einem Gebiet etwas weiter südlich: dem Süden Israels und Edom, also direkten Nachbarn.
Ich lese ein paar Verse aus Jesaja 34, Vers 5: Denn trunken ist im Himmel mein Schwert; siehe, auf Edom fährt es herab, und das ist das Volk meines Bannes zum Gericht. Vers 9: Und seine Bäche verwandeln sich in Pech, und sein Staub in Schwefel, und sein Land wird zu brennendem Pech. Nacht und Tag erlischt es nicht, ewig steigt sein Rauch empor. Von Geschlecht zu Geschlecht liegt es verödet, für immer und ewig zieht niemand hindurch. Pelikan und Igel nehmen es in Besitz, und Eule und Rabe wohnen darin. Und er zieht darüber die Messschnur der Öde und das Senkblei der Zerstörung, und in seinen Palästen schießen Dornen auf, Nesseln und Disteln in seinen Burgen. Und es wird zur Wohnstätte der Schakale, zur Wohnung der Strauße.
Jesaja zoomt von diesem großen Bild der Zerstörung der Erde hinein in ein kleines Land in der Nachbarschaft Israels, nach Edom, und zeigt, wie Gott dieses Land, wie Gott dieses Volk und wie Gott diese Region richtet. Edom liegt im Süden des heutigen Jordanien, südlich von Moab.
Ich habe gesagt: Jesaja hat die Gegend um Jerusalem mit Moab auf einer Ebene verglichen. Hier vergleicht er den Süden Israels mit Edom. Ich lese ein paar Verse aus Kapitel 35, Vers 1: Die Wüste und das dürre Land werden sich freuen, und die Steppe wird frohlocken und aufblühen wie eine Narzisse. Sie wird in voller Blüte stehen und frohlocken, ja, frohlockend und jubelnd. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht des Karmel und Scharons. Sie werden die Herrlichkeit des Herrn sehen, die Pracht unseres Gottes.
Vers 6 am Ende: Denn es brechen Wasser hervor in der Wüste und Bäche in der Araba, und die Luftspiegelung wird zum Teich und das dürre Land zu Wasserquellen. An der Wohnstätte der Schakale, wo sie lagerten, wird Gras sein, samt Rohr und Papyrusschilf.
Edom wird verwüstet und zur Wohnung der Schakale. Die Gegend im Süden Israels, genau westlich von Edom, war eine Wohnung der Schakale, aber jetzt ist sie bewässert und fruchtbar. Gott macht einen Unterschied zwischen Nachbarn, Israel und Edom. Gott macht einen Unterschied zwischen Zwillingsbrüdern: dem einen Bruder, der ihm folgt, und dem anderen, der sich gegen ihn stellt. Beide wurden von den Nabatäern unterdrückt. Jesaja sagt: Nur weil sie Unterdrückte sind, werden nicht beide gesegnet, und werden nicht beide befreit, und entgehen nicht beide dem Gericht Gottes. Der eine wird zur Wohnung der Schakale, und die andere Gegend wird fruchtbar.

Gericht, Gnade und die Notwendigkeit klarer Grenzen

Frieden in den Hütten? Offensichtlich nicht. Schon ganz am Anfang, in Kapitel 24, hatten wir nochmals zurückgeblickt und gelesen, ab Vers 1: Siehe, der Herr verwüstet die Erde und verödet sie, er schädigt ihre Oberfläche und zerstreut ihre Bewohner. Das Land wird völlig verwüstet und geplündert, denn der Herr hat dieses Wort geredet. Vers 2: Und wie dem Volk geht es dem Priester, wie dem Knecht seinem Herrn, wie der Magd ihrer Gebieterin.
Das Gericht Gottes trifft alle. Jeder braucht Rettung. Es nützt mir nichts, dass ich in diesem Leben unterdrückt wurde. Ich brauche Rettung, sonst trifft mich ganz persönlich das Gericht. Das ist die Botschaft Jesajas. Gott rechtfertigt es, wenn auf dieser Erde viel Blut vergossen wird, sagt Jesaja. Gott bestraft die Mächtigen, die es angerichtet haben, aber Gott bestraft auch Schwache und Unterdrückte, wenn sie seine Rettung nicht gewollt haben, wenn sie ihn nicht gewollt haben, wenn sie irgendwie zu diesen Städten gehören, zu dieser Zivilisation auf dieser Erde, die lieber ohne Gott oder gegen Gott lebt.
Aber Jesaja hat noch eine Frage, eine ganz persönliche. Dieses ganze Gericht, das ich erlebt habe, all das, was passiert ist, bevor dieses assyrische Heer vernichtet wurde, all die Not, die da war, all die Deportation, die stattgefunden hat, all die Toten, das Gericht, das dein Volk getroffen hat: Wozu kann Gericht überhaupt etwas Positives haben? Kann es irgendeine positive Auswirkung haben, außer dem Gefühl für Gerechtigkeit und Vergeltung, das befriedigt wird? Außer dem Gefühl von Sicherheit, von Rechtssicherheit, dass so etwas irgendwann in der Zukunft nicht mehr passieren kann?
Aber abgesehen davon: Was macht Gottes Gericht mit uns? Kann dieses in Anführungszeichen maßvolle Gericht, ein Gericht, das nicht zur völligen Vernichtung führt, positive Auswirkungen haben? Das ist Jesajas Frage.

Gericht als Schule der Gerechtigkeit

Lesen wir Jesaja 26,8: Ja, wir erwarten dich, Herr, auf dem Pfad deiner Gerichte! Und Jesaja 26,9: Denn wenn deine Gerichte die Erde treffen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit.
Ja, klar: Wenn erst das Endgericht über die ganze Erde kommt und alle umkommen, ist es zu spät. Deshalb habe ich an ein Gericht in Massen gedacht, ein Gericht, wie es Israel getroffen hat, und die umliegenden Länder konnten es sehen, und die Überlebenden konnten es sehen. Ein Gericht, das Assyrien getroffen hat, denn auch die umliegenden Länder konnten es sehen. Jesaja sagt: Wenn deine Gerichte die Erde treffen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit.
Wird dem Gottlosen Gnade erwiesen, meint Jesaja nicht die Gnade, weil er Buße getan hat, sondern einfach, weil der Richter sagt: Na, lassen wir es. Wird dem Gottlosen Gnade erwiesen, so lernt er nicht Gerechtigkeit. Im Land der Geradheit handelt er unrecht und sieht nicht die Majestät des Herrn.
Jesaja möchte uns sagen: Wenn Gott uns einfach laufen lässt, wenn wir keine Grenzen haben, wenn wir nicht manchmal sehen, dass etwas passiert, dann werden wir die Maßstäbe verlieren. Manchmal müssen wir die Grenzen Gottes neu sehen und neu fühlen. Manchmal müssen die Maßstäbe Gottes auch in der Gemeinde klar formuliert werden, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Manchmal muss jemand in unserer Umgebung oder wir selbst klar zurechtgewiesen werden.
Paulus schreibt in 1. Timotheus 5,20, dass in manchen Fällen Sünder öffentlich in der Gemeinde zurechtgewiesen werden sollen, damit auch die anderen sich fürchten. Manchmal brauchen wir das. Das ist die Botschaft von Jesaja, wenn immer nur das große Tuch der Harmonie über alles gedeckt wird, wird der Mensch keine Gerechtigkeit lernen.
Und wir leben in einer Zeit, die extrem harmoniebedürftig ist, und wir Christen wahrscheinlich am meisten. Aber sowohl Jesaja als auch das Neue Testament sagen uns, dass es zu nichts Gutem führt, wenn wir immer nur den Mantel der Harmonie über allem haben. Dinge müssen auch klar formuliert werden. Dinge müssen manchmal öffentlich gemacht werden. Manchmal geht es so weit, dass Menschen aus der Gemeinde ausgeschlossen werden müssen, damit allen klar ist, wo die Grenzen sind.
Wird dem Gottlosen, ich sage mal, billige Gnade erwiesen, sagt Jesaja, so lernt er nicht Gerechtigkeit.

Das Beispiel Israels und die heilsame Wirkung des Gerichts

Es gibt ein eindrückliches Beispiel aus der Geschichte Israels, das Jesaja anspricht, auch wenn es noch ein paar Jahre in der Zukunft liegt, sogar ein paar Generationen.
Dies als letzte Stelle aus Jesaja: Jesaja 27,8.
Als du die Scheidung einreichtest, hast du mit ihr gerichtet. Also hat Gott seine, in Anführungszeichen, Frau, Israel, gerichtet. Er scheuchte sie weg mit einem heftigen Wind am Tag des Ostwinds. Israel wurde deportiert, zuerst von den Assyrern, später von den Babyloniern. Gott hat sie zerstreut wie mit einem kräftigen Wind von Osten.
Deshalb wird dadurch die Sünde Jakobs gesühnt werden. Und dies ist die ganze Frucht der Hinwegnahme seiner Sünde, dass sie alle Altarsteine wie schlagende Kalksteine gleichgemacht haben. Ascherim und Sonnensäulen werden sich nicht mehr erheben.
Jesaja sagt, das wird ein sichtbares Zeichen sein, was Gericht bewirken kann. Israeliten werden nach 70 Jahren aus der Deportation zurückkommen, und plötzlich wird Götzendienst keine Rolle mehr spielen, sondern nur noch Gottesdienst. Etwas, an dem Gott jahrhundertelang gearbeitet hat und das er nie erreicht hat, hat er durch Gericht erreicht, durch eine klare Maßnahme, die so einschneidend war, dass sie wirklich eine dauerhafte Veränderung in diesem Volk bewirkt hat.
Jesaja sagt: Billige Gnade lehrt nicht Gerechtigkeit. Und an manchen Stellen brauchen wir ein Anführungszeichen-Gericht, klare Grenzen, auch in unseren Gemeinden.

Schlussgedanke: Strenge, Klarheit und Heilsamkeit

Ja, es gibt so vieles, was mich in diesem Zusammenhang noch interessieren würde. Aber ich glaube, die wesentlichen Fragen, die Jesaja hatte, sind beantwortet worden.
Und vielleicht ist das wirklich das, was wir in der Zeit des Harmoniebedürfnisses mitnehmen sollten: Gott wird uns als Gemeinde wahrscheinlich, hoffentlich, kein vernichtendes Gericht schicken. Zumindest nicht über die Gemeinde allgemein, hoffentlich nicht über diese Gemeinde.
Aber wie schon gesagt: Jesaja sagt zusammengefasst, dass wir manchmal strenge und klare Grenzen brauchen, um uns daran zu orientieren. Manchmal müssen die Maßstäbe und Grenzen der Freiheit klar formuliert werden. Manchmal müssen Ermahnungen sogar öffentlich ausgesprochen werden. Manchmal ist sogar ein Ausschluss aus einer Gemeinde notwendig.
Unangenehm, oder? Eine unangenehme Botschaft. Gericht ist immer unangenehm. Ja, aber manchmal ist es sehr deutlich. Und sehr heilsam!

Vielen Dank an Gerald Dippell, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen! Ein empfehlenswertes Buch des Autors über das Leben von Paulus ist bei CLV erschienen: Paulus persönlich