Generierte Mitschrift
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Einführung in das Thema des Lebens
Unser Predigttext steht in Johannes 10,10. Heute in der Reihe unserer Faustpfänder des Glaubens. Da spricht Jesus davon, wie er uns das Leben garantiert: Ich bin gekommen, damit sie das Leben und überfließende Fülle haben sollen. Herr, hilf uns nicht bloß zum Hören, sondern auch zum Finden. Amen.
Wenn uns jetzt mitgeteilt würde, wie lange jeder von uns noch zu leben hätte, dann wäre unsere Versammlung schlagartig verwandelt. Einige, vielleicht die jüngeren Leute, würden sich erleichtert zurücklehnen und sagen: Jetzt bin ich aber froh, da habe ich ja noch ein ganzes Stück vor mir zu leben. Andere würden vielleicht ganz rasch, nur kreidebleich, aufstehen und hinausgehen. Und sie würden nicht mehr wissen, was sie tun sollen, wenn sie bewusst vor Augen hätten: drei Monate, anderthalb Jahre – was soll ich denn in dieser Zeit überhaupt noch tun?
Wenn man sich das einmal so überlegt, dann wird deutlich: Wir wissen gar nicht richtig, was Leben ist. Das Leben nach dem Tod, das kennen wir meist auch nicht. Aber kennen wir überhaupt das Leben vor dem Tod? Sonst wüssten wir ganz sicher: Auch wenn ich noch ein paar Monate habe, das will ich tun, das will ich machen, damit will ich mein Leben füllen. Ich weiß, was mein Leben wertvoll und brauchbar macht.
Ich habe Ihnen mal erzählt von meinem Urgroßvater, der draußen auf der Prage gewohnt hat, der mit 39 Jahren an der Tuberkulose starb. Da hat er seine kleinen Kinder um sein Bett versammelt. Das ist so das Gelände des heutigen Güterbahnhofs gewesen, und da hat man hinübergesehen auf diesen im Stuttgart liegenden Talkessel. Dann hat er seinen kleinen Kindern gesagt: Wenn das alles mir gehören würde, hieß es ganze Stuttgart, ich würde es hergeben, wenn ich bloß noch ein Jährlein bei euch bleiben dürfte. Er durfte es nicht.
Das ist Lebenshunger. Ich will doch etwas vom Leben haben. Das spüren nicht nur ein paar außergewöhnliche Leute heute, ein paar junge Leute, die über die Stränge schlagen, sondern in uns gibt es doch diesen ungeheuren Hunger: Ich will leben, einmal richtig leben, bevor mein Sterben kommt.
Aber wo ist Leben? Eine erste Frage, die ich stellen will: Was ist überhaupt Leben? Gibt es überhaupt ein Leben vor dem Tod, ein richtiges Leben, erfülltes Leben?
Das vergängliche und verwundete Dasein
Wenn man unser irdisches Leben in ein Bild fassen will, kann man es so umschreiben: eine Sanduhr, und der Sand rieselt durch diesen Engpass. Man sieht, wie oben das obere Gefäß der Sanduhr leer läuft. Und wenn es ausläuft, dann ist es leer, dann ist es vorbei, verflossen.
Mir ist aus der Technik heute, aus der Raumfahrt, immer das Bild der ausgeglühten Raketenstufe ein Bild vom Leben. Sie zischt kurz durch den Weltraum, und dann stürzt sie irgendwo ab und verglüht. Oder ein Stern, der aufleuchtet in der dunklen Nacht, und dann ist er doch unserem Auge entzogen.
Was ist Leben? So kurz. Aber selbst wenn Sie einmal diese Zeit des irdischen Lebens nehmen: Je älter man wird, umso mehr spürt man ja das Verfließende.
Nehmen Sie einmal Ihr Leben. Dann ist es interessant, dass dieses Leben schon angereichert ist mit so vielen Dingen des Todes. Um das bildhaft auszudrücken: Gehen Sie hinunter zum Nesenbach und füllen Sie ein Glas Wasser dort unten im Nesenbach. Halten Sie es gegen das Licht, dann sagen Sie: Da sind lauter Schmutzstoffe drin, da ist ja Dreck drin, Giftstoffe. Was wird da alles in das Wasser hineingeleitet?
Manchmal kommt mir unser irdisches Leben nicht mehr rein vor, sondern da ist ja alles mit drin. Wir reden noch von der schönen Kindheit. Ist Ihre Kindheit wirklich so rein gewesen, Lebensfreude? Oder haben Sie nicht sehr schmerzliche Erinnerungen? Das deckt ja heute die Tiefenpsychologie auf, wie viele Menschen Traumata von ihren Eltern her haben, wie sie Wunden bekommen haben, die nicht mehr verheilt sind. Und die Schulzeit, und dann, was sie dort an Bitterem gehört haben.
Und dann denken Sie einmal daran, an die, die heute leiden. Nicht nur mit Schmerzen, denken Sie an diese psychischen Heilanstalten. Was ist das Leben oft mit unheilvollen Giftstoffen angereichert? Was ist denn überhaupt das Leben?
Man kann diesem vom Tod verseuchten Leben entfliehen in Gedanken und so behaupten, als sei das Leben doch irgendwo anders und müsse anders sein. Man sagt so leicht: Jeder Mensch hat den Anspruch zu leben, menschenwürdig zu leben. Aber wo gibt es denn das wirklich? Was ist denn menschenwürdig? Ist das nicht nur ein Traum von einem ganz idealen Elternhaus und einem Leben ohne Verwundung? Da träumen die, die unter ihren Belastungen leiden, vielleicht davon. Aber wo gibt es denn dieses Leben?
Im Psalm 90 ist das in der biblischen Nüchternheit so umschrieben: Was ist das Leben, wenn es auf achtzig Jahre zugeht? Dann ist es Mühe und Arbeit gewesen. Das ganze Leben war ein Ringen mit diesen Todesverseuchungen, mit Bösem, was in unser Leben hineingeflossen war, dass wir den Kopf noch oben halten, mit Krankheit, mit Armut, mit Schrecken.
Was ist das Leben? Da möchte man fragen: Wie kann überhaupt ein Leben aufhören, das noch gar nie begonnen hat?
Das Leben in Christus und die neue Wirklichkeit
Jetzt möchte ich den zweiten Teil anschließen. Ich will meine Gedanken ordnen, damit Sie es auch später besser behalten können.
Das Erste war uns wichtig: das vom Tod verseuchte Leben. Was ist überhaupt Leben?
Zweitens: Das pure Leben ist erschienen. Das Leben in einer ungeheuren Dichte ist erschienen.
Heute können wir mit Menschen unserer Tage darüber streiten, wo das Lebensglück liegt. Viele werden uns das nicht abnehmen, dass wir heute Morgen im Gottesdienst eine Orientierung bekommen haben für das Leben, wo man Lebenserfüllung, Lebensglück und Lebensfreude bekommt. Viele meinen, wir seien irgendwo da oben nicht ganz klar im Kopf. Sie sagen: Lebenserfüllung kriegt man doch, wenn man seine Lust auslebt, wenn man alles bekommt, was sein Herz begehrt.
Interessant ist, dass das zur Zeit Jesu schon die Lebensanschauung war. Wir kennen kaum eine Zeit, die hemmungsloser Lust ausgelebt hat als die Zeit des ausgehenden Römischen Reiches. Das muss man sich in Erinnerung rufen: Circus Maximus in Rom, 250 Sitzplätze, wenn die Gladiatoren aufgetreten sind. Warum soll nicht Blut fließen? Hauptsache, es macht Spaß. Wo man gelacht hat, wie die Menschen von Löwen zerrissen wurden, es war doch Spiel, es war doch Freude und Sinnenlust.
Ein paar haben damals auch noch gemahnt, ob in der Gesellschaft noch alles in Ordnung sei, wenn reiche Leute für einen einzigen Speisefisch mehr bezahlen, als ein Ochse wert sei. Aber da haben die Römer gesagt: Die Gaumenfreuden sind alles. Der Römer Hirtius hat ein Aquarium mit Seefischen unterhalten, dessen Unterhalt jährlich ihm fast das Doppelte gekostet hat von einem der teuersten Paläste in Rom, nämlich dem Hause Ciceros. 250 Taler in der alten Goldwährung.
Wir wissen vom Schwiegersohn Sullas, von Markus Kaurus, der ein Theater bauen ließ, einfach aus Spaß daran, dass es 80 Plätze hatte. Wenige Monate später ließ er es wieder zertrümmern, weil er keinen Spaß mehr daran hatte. Freude am Leben, schöpf es aus, genieße und lebe drauflos.
Und dann natürlich im privaten Bereich: Da galten keine Maßstäbe mehr. Homosexualität, Ehebruch, alles war an der Tagesordnung. Man hat alle neuen Lebensformen ausprobiert, nur Befriedigung muss doch der Mensch haben.
Und da tritt Jesus auf und ruft in diese Welt hinein: Ich bin gekommen, dass Menschen Leben haben.
Du kannst doch kein Leben geben, wo hast du denn Leben? Du wurdest nur 33 Jahre alt. So kein Leben! Was hast du denn gewirkt? Nur drei Jahre in diesem kleinen Gebiet dort in Israel hast du einige Reden gehalten. Was war denn dein Leben? Was hinterlässt du denn Großes? Du hast nicht einmal, wo du dein Haupt hinlegst. Und dein Freundeskreis, den du um dich sammelst, der ist wahrlich nicht besonders. Sogar deine treuesten Freunde haben dich im Stich gelassen.
Und dann legt Jesus großen Wert darauf: Leben ist bei ihm sichtbar geworden. Das hat Johannes am eindrücklichsten beschrieben in seinem Evangelium. In ihm war das Leben, so beginnt sein Evangelium. Man kann Jesus sogar so umschreiben, das war ihm wichtig. Gibt es da heute Christen, die sagen, Jesus hätte etwas anderes gebracht, er sei interessant durch seine Reden? Nein, Johannes sagt: Durch das Leben war er interessant. Er hat eine ganz neue Intensität, eine Dichte des Lebens vorgelebt. Er hat uns gezeigt, dass man ganz anders suchen muss, als wir bisher suchen.
Er war nicht verheiratet. Manche meinen, man müsse verheiratet sein zur Lebenserfüllung. Jesus hat gezeigt: Es liegt ganz anders. Wo liegt das Leben? Das Leben liegt beim Vater. Der Vater hat es in sich selbst. Was ich Ihnen jetzt sage, ist nichts weiter als Zitate aus dem Johannesevangelium.
Wenn wir vom lebendigen Gott reden, dann meint doch die Bibel nicht das im Unterschied zum Totengott, sondern den Gott, der das Leben schafft, der das Leben in sich trägt. Wo Gott spricht, da kommt das Leben. In unserer Welt ist der Tod ins Leben hineingemengt. In unserer Welt gibt es kein pures, schaffendes Leben. Wir können nur zerstören. Aber wo Gott spricht, da sind es Worte des Lebens. Und Jesus hat das bis hin auf dem Friedhof deutlich gemacht, in einer sichtbaren Auferweckung des Lazarus und im weggeworfenen Grabstein seines eigenen Grabes.
Ich bin die Auferstehung und das Leben. Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht. Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und betastet und mit unseren Händen ergriffen: Dieses Leben ist da!
Die Entscheidung für das erfüllte Leben
Jetzt will ich schon zu meinem Schlusswort kommen, aber daran hängt jetzt alles: Wie wird mein Leben erfüllt? Wie wird mein Leben erfüllt?
Wir sehen hier und da Bilder im Fernsehen von Unruhen. Da kommt es vor, dass solche wilden Horden, die auf der Straße demonstrieren, Schaufensterscheiben einschlagen. Und dann holen sie sich aus dem Schaufenster die Beute: ein Fernsehgerät, klemmen es unterm Arm, schauen noch einmal rechts und links, und dann türmen sie. Oder sie nehmen einen Sack Mehl und dann ab mit der Beute!
So leben die Menschen. Das ist ein Bild meines Lebens. Ich habe lange Zeit mein Leben wie eine Beute davontragen wollen. Ich habe gedacht: Hoffentlich gibt mir Gott noch ein paar Jahre. Ich will mit dem Leben etwas anfangen, ich will es auskosten, ich will es genießen. Wie ein Plünderer, der seine Beute unterm Arm davonträgt, so will ich Leben haben.
Und da sagt Jesus: Leben ist ganz anders. Wer an mich glaubt, wer mein Wort hört und glaubt, kann heute, jetzt, in diesem Augenblick Leben finden. Und es muss gar nichts anderes dazukommen, als dass Jesus heute dem Leben eine ewige Bedeutung geben will. Und Sie verstehen: Gott nimmt mich jetzt an, und mein auslaufendes, verströmendes, verfließendes Leben ist von Gott angenommen.
Das hat Jesus gemeint, als er sagte, dass er in meinem Leben Wohnung machen will. Jetzt kann dieses Neue geschehen, dass er sich mit mir verbindet, dass dieses irdische Leben plötzlich einen ganz neuen Sinn bekommt, dass ich es für ihn leben kann und mit ihm leben kann. Wer an mich glaubt, wer mit Jesus Christus verbunden ist, der hat das neue Leben ergriffen, der hat das Leben.
Ich habe Sie am Anfang des Gottesdienstes gegrüßt: Wer mir nachfolgen will, spricht Jesus, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Es kann sein, äußerlich gesehen, dass Sie wieder zurück in Ihr altes Leben treten, mit all seinen Entbehrungen, Leiden, mit seinen Giftstoffen, die mittendrin hineingemischt sind. Aber Sie haben das Leben gefunden. Wer an mich glaubt, wird nimmermehr sterben.
Jetzt gibt es eine Nagelprobe: Wie stehen Sie jetzt zu Ihrem eigenen Sterben? Ist Ihre Todesstunde, die Ihnen ja nicht bekannt ist, aber wenn sie Ihnen bekannt wäre, wäre das für Sie ein Fiasko? Wäre das unheimlich, wenn Sie wüssten, nur noch ein halbes Jahr zu leben? Oder können Sie sagen: Halt mal, mein Tod ist umfunktioniert, wenn ich sterbe!
Das Sterben muss noch sein, mein irdisches Leben muss zerbrechen. Das, was ich trage an irdischer Vergänglichkeit, muss noch zerbrechen. Aber weil ich mit Jesus im Glauben verbunden bin, wird meine Todesstunde der Anfang des vollkommenen, unbegrenzten Lebens. Das meint ja die Bibel mit ewigem Leben. Da wird meine Todesstunde zum Eingang in das Leben.
Ich freue mich, ich freue mich über meine Todesstunde, so bitter mir der Abschied von meinen Freunden und von meiner Familie wird. Ich freue mich, weil es zum vollkommenen Leben geht, und weil das, was ich heute schon leben darf, auch im Leiden, seinen Sinn hat. Ich darf wissen: Meine Tage haben einen Sinn für die Ewigkeit. Das hat Jesus so wichtig genommen.
Ich darf mein Leben jetzt im Dienst verströmen. Sie müssen nicht dienen, weil Gott Arbeitskräfte bräuchte. Das stimmt nicht. Gott hat Engel genug. Sondern Gott will Ihrem irdischen Sinn im irdischen Leben einen ewigen Sinn geben, so wie Jesus seine Jahre gefüllt hat, die kurzen Jahre seines Lebens, im Dienst der Liebe.
Liebe, das können nur Leute begreifen, die selber frei geworden sind von ihrem eigenen Lebenswillen. Solange Liebe nur mein Egoismus ist, solange ich mein Lebensgefühl haben will, mein Glück mir holen will, gibt es keine Liebe. Aber Menschen, die die Liebe Jesu erfahren haben, die können lieben. Und das unterstreicht Johannes ja immer wieder: Wer jetzt anfängt, seinen Bruder zu lieben und sich selbst verleugnen kann, der ist vom Tod zum Leben hindurchgegangen. Mitten in dieser Welt spürt er schon das neue Leben, da wird es schon real, fassbar und sichtbar.
Und dieses neue Leben ist, wie Johannes in seinem Evangelium zeigt, Freude. Der hat Freude ohne Ende, da ist die Freude vollkommen. Und er hat den Frieden bei sich bleiben, er ist nicht mehr von der Angst umgetrieben, er ist nicht mehr gehetzt und gejagt. Er kann in ganz ruhiger Sicherheit leben: Ich habe Leben gefunden.
Das ist ein Angebot Jesu: Wer zu mir kommt, der kriegt Leben, überfließendes Leben. Er kann sagen: Ich brauche doch nicht diese dürftigen Angebote, die doch das Leben nicht befriedigen, die noch nie einen Menschen satt und erfüllt gemacht haben. Erfüllt wird Ihr Leben nur, wenn Sie mit Jesus heute Ihre Aufgaben neu erkennen und leben.
Nun legt uns Jesus beides vor: Leben oder Tod. Sie werden auf einmal frei von den irdischen Kategorien des Rechnens: Das ist Leben, das ist Tod. Wählt das Leben! Amen!

