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Glaube allein - Was Vor Gott wirklich zählt!

17.09.2023

Begrüßung und Einstimmung zum Gottesdienst

Auf geht’s! Schon sieben viele Tresore für die Einde stark. Ja, ich möchte euch heute Morgen alle ganz herzlich hier begrüßen. Ich freue mich, dass ihr den Weg hierher gefunden habt. Ich sehe auch ein paar Gäste, das finde ich sehr, sehr schön.

Wir möchten heute im ersten Teil des Gottesdienstes eine Predigt von Sebastian hören. Darauf freue ich mich schon sehr. Vielen Dank dir jetzt schon mal dafür. Im zweiten Teil wollen wir dann gemeinsam das Abendmahl feiern.

Die Musikgruppe hat sich jetzt schon wieder hingesetzt. Das hätten sie gar nicht machen müssen, denn wir möchten jetzt noch einmal gemeinsam ein Lied singen zum Start. Genau, wir haben das Kinderlied vorgegriffen, aber das macht nichts.

Ich möchte noch für den Gottesdienst danken, und dann können wir trotzdem noch einmal ein Lied singen, das, glaube ich, auch ganz gut zur Predigt passt.

Herr Vater im Himmel, ich möchte dir von ganzem Herzen für diesen Tag danken. Ich danke dir, dass wir die Freiheit haben, zusammenzukommen als Gemeinde, so wie du uns zusammengestellt hast.

Ich danke dir, dass wir gemeinsam in dein Wort schauen dürfen und von dir hören können. Dass wir von dir lernen dürfen. Ich möchte dich bitten, alles wegzunehmen, was uns vielleicht stören könnte. Schenke uns volle Konzentration und begegne uns in deinem Wort, damit wir wirklich Gemeinschaft mit dir haben dürfen.

Ich möchte dich auch für die Kinder bitten, die gleich in die Kinderstunde gehen. Gib auch ihnen dort eine gesegnete Zeit, damit du ihnen dort begegnest. Hab Dank dafür. Amen.

Genau, dann singen wir noch das Lied „Im Glauben leben“.

Einführung in das Thema der Predigt: Die Frage der Gerechtigkeit vor Gott

Schönen guten Morgen auch von mir. Schön, dass ihr da seid. Man merkt, die Urlaubszeit ist wieder vorbei, es wird voll. Ich freue mich darüber.

Was würdest du Gott antworten, wenn du heute Abend sterben würdest und vor ihm stehen würdest? Er fragt dich, warum er, der dreimal heilige, ewige, gerechte Gott, dich in seiner Gegenwart dulden soll. Was wäre deine Antwort?

Ja, ja, richtig! Das Blut seines Sohnes. Aber es ist noch ein bisschen mehr. Wir werden noch weiter darauf eingehen.

Letztendlich dreht sich diese Frage darum, ob du rein und gerecht bist, sodass Gott dich dulden kann. Gerecht sein – das ist etwas, womit wir heute nicht mehr so viel anfangen können und nicht genau wissen, was das bedeutet.

Wenn wir aber darüber nachdenken und es auch mal aus einem juristischen Standpunkt betrachten, bedeutet es, dass jemand nicht verurteilt werden kann. Es heißt, er ist gerechtfertigt für das, wie er gehandelt und gelebt hat.

Das ist die Frage, die geklärt werden muss, wenn dieser Moment eines Tages kommt.

Das Spannende ist: Wenn ihr in die Geschichte dieser Welt hineinschaut, dann war das die Zentralfrage schlechthin, die alle Menschen beschäftigt hat. Heute ist sie interessanterweise ein bisschen weniger präsent. Das hat vielleicht mehr damit zu tun, dass wir Profis im Verdrängen geworden sind, als damit, dass wir uns ernsthaft damit auseinandergesetzt hätten oder diese Frage nicht mehr relevant wäre.

Aber die Frage, wie kann ich gerecht vor Gott sein? Wie kann ich vor Gott bestehen? Das ist die Frage schlechthin in der Geschichte der Menschheit.

Die universelle Suche nach Gerechtigkeit vor Gott in Religionen

Warum traue ich mir zu, eine solche Aussage zu treffen? Du kannst hingehen, wohin du willst auf dieser Welt. Du findest Anbetungsstätten, Tempel und Religionen.

In vielen Ländern gibt es vielleicht keine Schulen, keine Schulsysteme, keine Krankenhäuser und Ähnliches. Aber was du so gut wie überall auf der Welt findest, ist Religion.

Und warum gibt es Religion? Weil sie sich genau mit dieser Frage beschäftigt: Wie kann ich eines Tages vor Gott bestehen?

Klar, nicht jede Religion hat nur einen Gott, manche haben mehrere. Und nicht jede Religion verehrt denselben Gott. Aber das deutet darauf hin, dass bei den Menschen von Anfang an eine Ahnung da war, dass dort jemand ist, vor dem sie sich eines Tages rechtfertigen müssen.

Wenn du dann einmal schaust, worum es dabei geht, wirst du feststellen, dass es eigentlich durch die Bank um eine Sache geht. Jede Religion bringt ihren Regelkatalog mit, fordert deren Einhaltung, und wenn du diese Regeln erfüllst, dann kannst du in der Ewigkeit ins Paradies oder wie auch immer es genannt wird, dort eingehen.

Interessanterweise trifft das auf so gut wie jede Religion zu. Diese Regeln lassen sich immer in zwei Teile unterteilen: Das eine sind moralische Regeln, also Vorschriften darüber, was du leben sollst oder was du nicht tun sollst. Das ist ganz häufig der Fall.

Das andere ist, dass du irgendwelche Zeremonien vollziehen musst. Das ist unterschiedlich gelagert, je nach Religion. Es gab sogar Religionen, die Menschenopfer brachten, nur um die Götter gnädig zu stimmen.

Sie taten dies, um zu schaffen oder die Hoffnung zu haben, dass sie, wenn sie sterben, von Gott ein Ja als Antwort bekommen.

Die christliche Antwort: Gerechtigkeit durch Glauben an Jesus Christus

Kommt zu mir – was zählt aber wirklich? Andreas hat schon eine Antwort gegeben: Das Blut seines Sohnes, das Sühnopfer letztendlich. Und ja, das ist richtig. Aber da kommt noch etwas dazu, nämlich mein Vertrauen darauf.

Ich werde heute begründen, warum genau das die christliche Antwort ist und warum sie sich deshalb fundamental von den anderen Religionen unterscheidet. Ich dachte erst, darüber eine Predigt zu halten, könnte langweilig sein. Das ist doch Basic, das ist doch langweilig.

Dummerweise kam ich gerade im Galaterbrief an die Stelle, wo genau dieses Thema behandelt wird. Wenn ihr den Galaterbrief an dieser Stelle lest – und mir ging es genauso – fällt auf, dass dort ein anderer wichtiger Akteur auftaucht. Das hatten wir bei der letzten Predigt zum Galaterbrief schon angesprochen. Für diesen hätte das Basic der Basics gelten müssen, doch er hat es nicht hinbekommen. Er schien von diesen einfachen Wahrheiten wieder verwirrt gewesen zu sein.

Und dieser jemand war niemand Geringeres als Petrus. Petrus scheint die Antwort auf die alles entscheidende Frage vergessen zu haben: Wie kann ich vor Gott bestehen? Wie kann ich vor Gott gerecht werden, rein werden?

Das könnt ihr in Galater 2,11-14 nachlesen. Dort fangen wir heute an und werden bis zum Ende von Kapitel 2 durchgehen.

Der Konflikt zwischen Paulus und Petrus in Antiochia

In Galater 2,11-14 schreibt Paulus, dass er Kephas, also Petrus, widerstand. Interessanterweise nennt er ihn hier Kephas. Ich weiß nicht, ob in eurer Bibel Petrus steht, aber im Urtext ist tatsächlich Kephas zu lesen. Einige Übersetzungen haben das übernommen.

Es heißt dort: „Als aber Kephas nach Antiochia kam“ – Antiochia war wahrscheinlich eine der Gemeinden, an die der Galaterbrief auch gerichtet ist – „widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn.“

Paulus macht hier deutlich, dass er Petrus ins Angesicht widerstand. Das bedeutet, er stellte sich gegen ihn und wich nicht zurück. Das ist eine sehr starke Formulierung. Petrus ist dabei nicht irgendjemand, sondern einer der Apostel der Gemeinde, einer der Leiter, einer der drei engsten Jünger Jesu. Er ist derjenige, der am Pfingsten aufgestanden ist, gepredigt hat und durch den sich dreitausend Menschen bekehrten.

Und genau dieser Petrus kommt nach Antiochia. Paulus muss ihn dort öffentlich zurechtweisen und sich gegen ihn stellen. Warum? Das wird in Vers 12 erklärt:

„Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden. Als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die anderen Juden, so dass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln.“

Paulus fährt fort: „Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich, vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?“

Die Bedeutung des gemeinsamen Essens und die Trennung zwischen Juden und Heiden

Um das Geschehen anschaulich zu machen: Zunächst klingt es eigentlich ziemlich unspektakulär. Petrus ist in Antiochien und lebt dort schon eine ganze Weile. Er hat überhaupt kein Problem damit, mit allen Menschen zusammen zu essen. Man könnte denken: Wo sollte da auch ein Problem sein?

Für einen Juden war es jedoch völlig ungewöhnlich, sich mit Heiden, also Menschen, die nicht Juden waren, an einen Tisch zu setzen. Warum? Weil der Heide per se zunächst als unrein galt. Im Alten Testament gab es zahlreiche Gebote, die genau das regelten. Wenn man mit Heiden in Berührung kam, wurde man selbst als unrein betrachtet. Zudem gab es viele Speisegebote und weitere Vorschriften. Darauf möchte ich an dieser Stelle nicht im Detail eingehen.

Petrus hatte für sich entschieden, diese Regeln nicht mehr zu beachten, um mit den Heiden zusammen zu essen. Das überrascht uns eigentlich nicht, wenn wir die Apostelgeschichte kennen. Vielleicht erinnert man sich, dass gerade Petrus derjenige ist, der auf einem Dach betet. Dort erlebt er eine Vision: Eine große Decke mit allen möglichen unreinen Tieren wird zu ihm herabgelassen.

Ihm wird geboten, diese Tiere zu schlachten und zu essen. Der Grund ist, dass ihm verdeutlicht wird, dass diese Unreinheit aufgehoben ist und nicht mehr gilt. Warum Gott das tut, können wir in Apostelgeschichte 10 und 11 nachlesen. Leider fehlt hier die Zeit, den Text komplett zu lesen.

Gott tut dies, um Petrus zu den Heiden zu schicken und ihm klarzumachen, dass auch ihnen das Evangelium gilt. Die Trennwand, die durch die Reinheitsgebote zwischen Juden und Heiden stand, ist aufgehoben. Man muss sich nicht mehr an diese Gebote halten, die die Gemeinschaft verhinderten, denn das Evangelium gilt auch für die Heiden.

Petrus bringt das selbst zum Ausdruck in Apostelgeschichte 10,34-35, als er begründet, warum er sich auf die Heiden eingelassen hat. Dort sagt er: „Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.“

In Apostelgeschichte 11 verteidigt er diese Haltung auch noch einmal in Jerusalem und erklärt, warum das so geschehen ist. Petrus hat eine große Wahrheit erkannt: Das Evangelium Jesu beinhaltet die Botschaft, dass Jesus für uns gestorben ist und sein Blut uns reinwäscht. Diese Reinigung gilt für Juden und Heiden gleichermaßen und nimmt die Unreinheit, die vorher bestand, hinweg.

Der Rückfall Petrus’ und die Reaktion Paulus’

Das hat Petrus verstanden, und so lebt er zunächst in Antiochien, bis einige aus Jerusalem kommen, vermutlich von Jakobus, wahrscheinlich dem Apostel.

Wir wissen nicht genau, ob der Galaterbrief vor dem Apostelkonzil geschrieben wurde. Falls ja, war zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch keine Klarheit vorhanden. Für mich erklärt sich die Situation am ehesten dadurch. Möglicherweise hat Paulus die Situation auch bewusst so hart eskalieren lassen, weil er in diesem Punkt Klarheit schaffen wollte.

Auf jeden Fall kommen einige aus Jerusalem, und es passiert Folgendes: Petrus vergisst alles, was er bisher getan hat. Er vergisst, welche Vision Gott ihm geschenkt hat und wie Gott zu ihm gesprochen hat. Er vergisst, was er mit Cornelius, dem Hauptmann, erlebt hat, und wie er das verteidigt hat.

Petrus setzt sich wieder zu den Juden und trennt sich von den Heiden. Er sagt: „Bitte, hier essen nur die Juden.“ Reinheit wird wieder eingefordert. Die Heiden sollen in einem anderen Raum, sozusagen im „Kinderstundenzimmer“ an niedrigen Tischen essen, zum Beispiel in den unteren Räumen für die Krömer. Er baut die Trennwand, die zuvor abgerissen war, wieder auf.

Was bringt er damit zum Ausdruck? Er zeigt erneut, dass diese Heiden – und hier sprechen wir nicht von Heiden, die fremden Göttern opfern, sondern von gläubigen Geschwistern – nicht rein genug sind, um mit ihm an einem Tisch zu sitzen.

Der Text sagt uns auch, warum er das tut: Petrus fürchtet diese hoch angesehenen Brüder aus Jerusalem. Vielleicht hatte er Angst, in eine Diskussion mit einigen von ihnen zu geraten. Vielleicht fürchtete er auch einen Konflikt mit Jakobus. Wir wissen nicht, ob Jakobus das selbst auch so sah. Ich denke nicht, denn beim Apostelkonzil im Jahr darauf wurde das anders entschieden.

Petrus scheint jedoch von Angst ergriffen zu sein. Er ist von Menschenfurcht gepackt und vergisst deshalb alles, was Gott ihm gezeigt hat. Paulus hat dafür nur ein Wort: Heuchelei.

Was ist Heuchelei? Heuchelei bedeutet, äußerlich Dinge zu tun, die mich besser dastehen lassen, obwohl ich innerlich eigentlich nichts dafür übrig habe. Es bedeutet, etwas vorzuspielen, das nicht der Wahrheit entspricht, so zu tun, als wäre ich besser, als ich wirklich bin.

Und genau das tut Petrus. Das führt dazu, dass andere Juden mitmachen. Paulus ist darüber so schockiert, dass sogar Barnabas mitzieht.

Paulus steht also vermutlich zu dieser Zeit in Antiochien, sieht sich das an und ist entsetzt. Wenn man den Text liest, fragt man sich: Was passiert da mit ihnen? Sie lassen sich alle mitreißen. Warum? Der Text gibt uns keine vollständige Antwort. Vielleicht ist es Menschenfurcht. Vielleicht war Petrus auch stolz auf sein jüdisches Erbe und hielt sich für besser als die anderen. Genau können wir es nicht sagen.

Aber Paulus stellt Petrus jetzt zur Rede.

Paulus’ theologische Klarstellung: Rechtfertigung durch Glauben, nicht durch Gesetz

Und wie tut er das? Ab Vers 15 – und ihr werdet jetzt merken, dass Vers 15 bis 21 extrem komprimiert sind, was den Inhalt angeht. Das ist eigentlich der Galaterbrief in a nutshell, also in einer komprimierten Nussschale zusammengefasst, um zu zeigen, worum es Paulus wirklich geht. Denn er führt danach noch viel genauer aus und begründet ausführlicher, was er hier nur anreißt.

Das Ganze ist ausgelöst durch die Diskussion mit Petrus. Paulus beginnt in Vers 15, indem er sagt: „Wir sind von Geburt Juden und nicht Sünder aus den Heiden.“ Petrus und die anderen denken wahrscheinlich erst einmal: Ja, deswegen sind wir getrennt, deswegen sitzen wir an einem Extratisch. Paulus sagt damit quasi: Ja, es stimmt, die Juden sind Gottes auserwähltes Volk und bringen damit erst einmal eine andere Grundlage fürs Leben mit als die Nichtjuden.

Paulus beschreibt im Epheserbrief 2,11-12 – das lese ich jetzt nicht – dass die Heiden zunächst vom Bürgerrecht Israels ausgeschlossen waren. Allein durch die Maßstäbe von Gottes Gesetz haben Juden per se schon einmal anders gelebt als die Heiden um sie herum. Sie haben dadurch eine gewisse Reinheit zum Ausdruck gebracht.

Meine Großeltern kannten noch solche Sprüche wie „Was für ein Heide“ oder „Der lebt wie ein Heide“ – damit meinte man, dass jemand es im Leben richtig krachen lässt und alles missachtet, was heilig war. Das zeigt, dass es schon damals einen Unterschied zwischen Juden und Heiden gab. Das Gesetz führte scheinbar dazu, dass es ein besseres Leben gab.

In Philipperbrief Kapitel… Aber Paulus meint ziemlich stark heraus, wie das auf ihn erst recht zutraf: Er hat besser gelebt als alle um ihn herum und nicht so ein sündiges Leben geführt.

Doch Paulus weist Petrus auf etwas hin, was sowohl Paulus als auch Petrus erkannt haben, obwohl sie aus diesem prädestinierten Volk stammten, obwohl sie Gottes Maßstäbe und Gesetz kannten und Paulus alles daran setzte, es perfekt einzuhalten.

Er schreibt in Vers 16, was er erkannt hat – das knüpft an die Aussage davor an, an das „Wir sind von Geburt Juden und nicht Sünder aus den Heiden“:

„Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes. Denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.“

Welche schockierende Nachricht steckt da erst einmal drin für jemanden, der eigentlich ganz gut lebt? Das bessere Leben, die bessere Erblinie und was weiß ich – das reicht nicht. Selbst für Paulus nicht, selbst für seine ganzen Volksgenossen nicht. Und wenn es für die nicht reicht, dann erst recht nicht für alle anderen Nationen und Völker. Denn: „Wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird.“

Viele Ausleger gehen davon aus, dass Paulus hier teilweise Psalm 143 im Kopf hat und daraus ein Stück weit zitiert. In Psalm 143, Vers 2 heißt es: „Und geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.“

Für alle, denen das im Galaterbrief zu kurz kommt, hat der Christian demnächst den Römerbrief parat, wo Paulus das noch viel ausführlicher herausarbeitet: Beide Gruppen, Heiden und Juden, sind nicht gerecht. Zugespitzt am Ende von Römer 3,23 – ein Vers, den jeder auswendig lernen sollte: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“

Das war also die Erkenntnis, zu der Paulus und Petrus gekommen sind. Es reicht nicht für sie – und das sind diejenigen, die ganz vorne auf der Leiter standen, wenn es darum ging, diesen Regelkatalog in Perfektion einzuhalten. Es reicht nicht.

Und es war die Erkenntnis, zu der Martin Luther kam, als er im Kloster war und sich um alles mühte. Er war seinen Klosterbrüdern meilenweit voraus, wenn es darum ging, Werke zu tun, Buße zu tun und Ähnliches. Doch Luther wurde immer verzweifelter. Je mehr er machte, desto mehr erkannte er: Es reicht nicht. Er kann durch das Gesetz niemals gerecht werden, egal wie sehr er danach ringt.

Das ist schockierend – für alle, die auf ihr Leben etwas halten, für alle, die sich für etwas Besseres halten und denken, sie kriegen es doch ganz gut hin. Wenn Paulus und Luther, die Besten ihrer Zeit, nicht in der Lage waren, Gott mit ihrer eigenen Leistung zufriedenzustellen, dann du erst recht nicht. Und das will ich sagen: Es reicht auch für dich nicht.

Auch wenn du keine jüdischen Wurzeln hast, glaube ich, dass viele von uns christlich aufgewachsen sind. Wir leben in einer absolut antichristlichen Zeit. Und wisst ihr, was das mit sich bringt? Man fühlt sich von Geburt an schnell wie jemand, der nicht ist wie die Sünder aus den Heiden, der von Geburt an nicht ist wie ein Sünder aus den Heiden, der es im Vergleich zu seinem Umfeld ganz gut hinkriegt und der, wenn er die Maßstäbe der Leute um sich herum anlegt, doch ganz gut abschneidet.

Ja, das stimmt, wenn du dich vergleichst mit dem, was um dich herum passiert. Vielleicht bist du achtzehn und hast noch nicht mit zwanzig Mädels geschlafen. Vielleicht bist du der, der anständig durchs Leben geht, der nicht stiert und was weiß ich was. Du siehst gut aus in deinem Umfeld. Aber weißt du, was ich dir garantiere?

Je mehr du darum ringst, Gott zufriedenzustellen, je mehr du in sein Gesetz hineinschaust, was er von dir fordert, desto mehr wirst du eine Feststellung machen: Es reicht nicht. Und wenn du heute Abend stirbst und in der Ewigkeit vor ihm stehst und er die Frage stellt, warum er dich zu sich lassen soll, und deine Antwort ist: „Weil ich im Großen und Ganzen anständig gelebt habe, weil ich mein Leben für dich gelebt habe“, dann wird er sagen: „Reicht nicht. Ich habe hier noch ein paar Punkte, die passen nicht.“

Wir sind schnell dabei, weil es tief in uns Menschen steckt, auf unsere eigenen Werke und Leistungen zu setzen – gerade dann, wenn wir dabei vermeintlich gut abschneiden. Ich glaube, das ist eine riesengroße Gefahr für uns. Vielleicht sind wir in unserem Leben, durch das wir aufgewachsen sind, nie so tief in der Welt gewesen, weil wir ganz gut wegkommen. Aber es reicht nicht.

Vielleicht ist es auch die Sicherheit, die wir uns behalten wollen, weil wir es selbst in der Hand haben, weil wir doch selber etwas tun können, weil wir es doch selber steuern können. Aber es reicht nicht. Wenn nicht einmal der beste Jude Paulus eine Chance hat, wer dann?

Das Gute ist, dass das nicht das Einzige ist, was Paulus und Petrus kannten – und was Petrus wieder vergessen hat – sondern das ist dieses große Wort hier in Vers 16: „sondern durch den Glauben an Jesus Christus“.

Jetzt passt auf, wie oft diese Formulierung hier kommt. Paulus schlägt sie Petrus regelrecht um die Ohren: „Durch den Glauben an Jesus Christus sind wir auch zum Glauben an Jesus Christus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes, denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.“

Paulus schreibt hier gleich dreimal „durch den Glauben an Jesus Christus“. Für den, der es nicht merkt, kommt es danach gleich noch einmal. Wiederholung ist die Mutter alles Lernens. Vielleicht muss sich das tief in uns einprägen.

Denn was sagt Paulus hier? Es gibt eine andere Möglichkeit, die reicht, nämlich Glauben an Jesus Christus. Und dahinter steckt natürlich dieses stellvertretende Opfer. Im Vers 20 schreibt er das dann auch noch einmal ein bisschen ausführlicher: „Der mich geliebt und für mich hingegeben hat.“ Das ist das, was Andreas am Anfang erwähnte mit dem Blut.

Was ist also die Antwort? Die simple Antwort: Wenn du vor Gott in der Ewigkeit stehst, dann gibt es nur eine Antwort. Nicht: „Weil ich Christ war“, nicht: „Weil ich mich mal bekehrt habe“, nicht: „Weil ich etwas geleistet habe.“ Die einzige Antwort ist: „Herr, weil ich glaube, dass das, was dein Sohn auf Golgatha getan hat, mich reingewaschen hat, weil mein ganzes Vertrauen in das Sterben und Auferstehen von Jesus Christus ist, weil ich daran glaube, weil ich alles aufgegeben habe, wo ich selbst etwas leisten könnte, und mein ganzes Vertrauen in das Werk des Einen hineingelegt habe.“

Das Prinzip, das Paulus beschreibt – und darum geht es hier in den Versen, wenn auch nur ganz kurz – ist, dass Jesus als vollkommenes Opfer stirbt, damit alle Anforderungen des Gesetzes erfüllt werden. Sowohl das, was du nicht tun sollst, als auch das, was an Zeremonialgesetzen gefordert war, mit Opfern und allem Möglichen.

Er wird damit zur Grundlage der Rechtfertigung. Und jetzt wird sein Vertrauen darauf gesetzt, also geglaubt. Das rechnet Gott zu. Dadurch wird dieses Opfer für uns gültig.

Was heißt das also? Das Mittel der Erlösung ist das stellvertretende Opfer Jesu Christi, aber auch, dass es uns Gott zurechnet. Das ist unser Vertrauen und Glaube darauf. Dadurch wird es gültig für uns.

Nur wer sein Vertrauen und seine Hoffnung darauf setzt, für den gilt es. Es heißt damit aber auch: Wer sein Vertrauen und seine Hoffnung auf etwas anderes setzt, für den gilt es nicht.

Das ist der Kontrast, den Paulus hier aufzieht, zwischen den Werken des Gesetzes und dem Glauben an Jesus Christus. Es kann nur einen Weg geben: Entweder wirst du gerecht aus eigener Leistung – und dann wird die Frage sein, ob es reicht – oder du wirst gerecht, weil du auf die Leistung eines anderen vertraust, weil du glaubst und weißt, dass Jesu Opfer ausreicht.

Das ist die Zentralbotschaft des Neuen Testaments, die Erkenntnis, die Luther hatte und warum er angefangen hat, den Galaterbrief zu lieben. Es war eine seiner ersten Vorlesungen, bei denen er mit Rom in Konflikt geriet, weil er erkannte: Nicht die Werke zählen, sondern der Glaube zählt.

Bibelstellen zur Rechtfertigung durch Glauben

Und nur um das deutlich zu machen, vier Stellen, die ich recht schnell vorlesen werde, aus anderen Stellen im Neuen Testament. Sie drehen sich alle um das Thema, ausführlicher oder weniger ausführlich.

 Römer 3,28: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

 Epheser 2,8-9: Denn aus Gnade seid ihr selig geworden, durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.

 Philipper 3,9: Paulus kommt hier zu der Erkenntnis, was das alles für ihn bedeutet, obwohl er diesen großartigen Lebenslauf hat. Er kommt zu einer anderen Einsicht und möchte in ihm gefunden werden. Sein Wunsch ist, dass er nicht seine eigene Gerechtigkeit hat, die aus dem Gesetz kommt – obwohl sie bei Paulus ganz gut aussah –, sondern die durch den Glauben an Christus kommt. Es ist die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. Hier wird auch noch einmal beschrieben, wie diese Gerechtigkeit zugerechnet wird, die außerhalb von uns selbst liegt. Manche Leute meinen, Paulus wäre nicht so wichtig – dem stimme ich überhaupt nicht zu.

Aber auch noch eine Stelle aus den Evangelien:

 Johannes 3,18: Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

Was für dich und mich zählt, ist, sein Vertrauen auf das zu setzen, was Jesus getan hat. Das kostet enorm viel. Weißt du warum? Weil ich alle in mich gesetzte Hoffnung aufgeben muss. Ich muss es aus meiner Hand geben, dass ich die Sache selbst hinbekomme, und auf jemand anderen vertrauen. Ich muss darauf vertrauen, dass das, was Jesus getan hat, wirklich reicht.

Das ist genau der Punkt, warum es „Glaube allein“ heißt und nur der Glaube rettet.

Der Heidelberger Katechismus und die Rechtfertigung

Ich schätze den Heidelberger Katechismus sehr, und vielleicht sollten wir wieder ein bisschen mehr Katechismus lernen. Frage 60 lautet dort: Wie bist du gerecht vor Gott? Oder anders formuliert: Wie kannst du vor Gott rein sein?

Die Antwort ist: Allein durch wahren Glauben an Jesus Christus. Und zwar so, dass, obwohl mich mein Gewissen anklagt, weil ich gegen alle Gebote Gottes schwer gesündigt habe, keines von ihnen jemals gehalten habe und ich auch immer noch zu allem Bösen neige, Gott mir trotzdem ohne irgendeinen Verdienst meinerseits aus lauter Gnade die vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi schenkt und zurechnet. So, als hätte ich niemals eine einzige Sünde begangen oder gehabt und selbst den ganzen Gehorsam vollbracht, den Christus für mich geleistet hat – wenn ich nur diese Wohltat mit gläubigem Herzen annehme.

Glaubst du, das ist deine Antwort? Wie du vor Gott gerecht sein kannst? Bist du bereit, selbst dieses Gewissen, das dich anklagt, auf die Seite zu schieben und zu sagen: Es ist bezahlt?

Warum klagt uns dieses Gewissen oft noch falsch an? Es handelt sich hier um eine falsche Anklage, weil es uns wieder zu Werken des Gesetzes führen will. Es möchte, dass wir aufhören, auf dieses Opfer zu vertrauen, und stattdessen selbst das Rennen anfangen. Wir sollen wieder anfangen, auf unsere eigene Gerechtigkeit zu vertrauen.

Ich möchte noch ein Zitat aus einer Lutherbiografie von Obermann bringen, die ich total spannend fand. Er schreibt dort: Es scheint, die beiden großen Wenden der Reformationszeit – die kopernikanische, also die Erkenntnis von Kopernikus, dass sich die Welt um die Sonne dreht und nicht die Sonne um die Erde, und die lutherische – bringen der Menschheit nichts als Demütigung. Der Mensch rückt aus dem Mittelpunkt der Schöpfung an ihren Rand, nachdem er zuvor von Luther der Macht über sich selbst beraubt worden war. Du hast nicht die Macht, dich selbst zu retten, nur ein anderer.

Fragen zur Bedeutung von Gesetz und Glaube im Galaterbrief

Zwei Fragen schwingen hier ein wenig mit: Geht es in der Diskussion zwischen Paulus und Petrus nur um zeremonielle Gesetze wie die Beschneidung oder Speisegebote? Wenn man den Verlauf des Galaterbriefes betrachtet, lautet die Antwort ziemlich deutlich: Nein.

In Galater 5,3 sagt Paulus zum Beispiel: „Ich bezeuge abermals jedem, der sich beschneiden lässt, dass er verpflichtet ist, das ganze Gesetz zu erfüllen.“ Oder in Galater 3,10: „Denn die, die aus den Werken des Gesetzes leben, sind unter dem Fluch; denn es steht geschrieben: Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht im Buch des Gesetzes, um es zu tun.“

Was sagt Paulus hier? Sobald du auch nur eine zeremonielle Handlung wieder einführst, bringst du alle anderen Gesetze mit hinein und bist schuldig. Das Letzte ist dann die zweite Frage, die auftaucht: Ist das Gesetz dann nichts mehr wert? Sollen wir es aus unserer Bibel streichen, zum Beispiel das zweite Buch Mose Kapitel zwanzig?

Im weiteren Verlauf des Galaterbriefes werden wir noch genauer darauf eingehen, weil Paulus zeigt, was der Zweck des Gesetzes ist. Nur ganz kurz: Das Gesetz zeigt, wie Gott selbst ist, und wie er sich wünscht, dass wir leben. Das hat sich nicht geändert, denn Gott selbst ändert sich nicht.

Es zeigt auch weiterhin, wer wir sind, nämlich Sünder. Es führt uns demütig nach Golgatha, weil wir erkennen müssen, dass in uns keine Reinheit und Gerechtigkeit ist. Gleichzeitig gilt, dass Jesus das Gesetz komplett erfüllt hat – in allen Bereichen. Und das gilt auch für die Rechtfertigung: Auch du hast das Gesetz erfüllt, weil die Erfüllung Jesu dir zugerechnet wird, weil seine Reinheit dir zugerechnet wird.

Paulus meint damit nicht, dass das Gesetz uns nicht mehr Gottes Maßstab zeigen soll. Aber losgelöst von seiner Erfüllung in Jesus Christus würden wir es in unserem Leben falsch anwenden. Dann wird es immer ein Werkzeug der Selbstgerechtigkeit sein, das am Ende nur zeigt, dass wir trotzdem Sünder sind. Deshalb hat Paulus so enorm etwas dagegen, dieses Gesetz wieder aufzurichten.

Für Paulus geht es nicht um eine Kleinigkeit, sondern ums Ganze: Entweder werde ich durch Werke des Gesetzes gerecht oder durch Christus – beides geht nicht. Deshalb schreibt er in Vers 17 und 18: „Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden, ist Christus dann ein Diener der Sünde? Das sei fern! Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, mache ich mich selbst zum Übertreter.“

Diese zwei Verse gehören zu den meistdiskutierten im Neuen Testament, weil nicht ganz eindeutig ist, was Paulus hier meint. Ich will die Diskussion hier nicht vertiefen, das kann man in Kommentaren ausführlich nachlesen. Was ich denke, was Paulus meint, ist: Wenn ich mein Vertrauen auf die Rettung durch Jesus Christus setze, führt das dann nicht zu einem gesetzlosen Lebensstil? Lebe ich dann nicht, wie ich will? Wird Jesus dann nicht ein Diener der Sünde?

Dieses Argument ist bekannt und ich habe es oft gehört. „Ja, wenn es auf Gottes Gnade allein ankommt, auf Glauben allein, auf Gottes Handeln, wenn meine Sicherheit alleine im Weg Jesu begründet ist und nicht in meinem Leben, dann kann ich doch leben, wie ich will.“ Die Leute, die das sagen, sind meist diejenigen, die in ihrem Leben recht ordentlich nach mosaischen Maßstäben leben. Sie sind schockiert über diese Behauptung, dass das zu einem gesetzlosen Lebensstil führt und Christus ein Diener der Sünde wird.

Paulus antwortet: Nein, auf keinen Fall passiert das. Er sagt noch etwas: „Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, mache ich mich selbst zum Übertreter.“ Das ist ein Stück weit kompliziert. Ich denke, Paulus meint: Wenn ich das Gesetz als Weg der Rettung wieder aufrichte, also als Weg, um vor Gott gerecht zu werden, stehe ich am Ende als Übertreter vor Gott, weil ich dann das Opfer Jesu verachte. Dieses Opfer hat das Urteil des Gesetzes und das Gesetz als Rettungsweg niedergerissen.

Jesu Opfer zeigt deutlich, dass dein Leben und deine Werke nicht ausreichen, um vor Gott gerecht zu werden. Wenn ich das Gesetz als Rettungsweg wieder aufrichte, sage ich, dass Jesu Opfer nicht notwendig gewesen wäre. Paulus schreibt das in Vers 21 noch einmal: Er verachtet das Gesetz nicht und wirft es nicht weg.

Was will er also sagen? Derjenige, der das Gesetz wieder aufrichtet, wird in Wirklichkeit zum Sünder, zum Übertreter, zum Verächter des Opfers Jesu, der dieses kleinmacht und niederreißt. Wer sich das genauer anschauen will, dem sei der Hebräerbrief empfohlen. Dort ist von Menschen die Rede, für die keine Rettung mehr nötig ist. Das wird oft so ausgelegt, dass sie vom Glauben abgefallen sind, aber in Wirklichkeit sind es Leute, die vom Vertrauen auf das Opfer Jesu zurück zum Gesetz abgefallen sind.

Der Autor des Hebräerbriefs argumentiert stark, dass für sie das Opfer Jesu nicht mehr gültig ist, weil sie wieder auf ihre eigenen Werke vertrauen. Das meint Paulus hier auch: Es geht nicht, das Gesetz als Rettungsweg wieder aufzurichten, weil dann Jesu Opfer ungültig wird.

Wer mehr wissen will, kann mich gerne privat ansprechen. Ich will das nicht zu sehr ins Zentrum der Predigt stellen, denn Paulus bringt noch etwas ganz Wichtiges: Die Frage steht immer noch im Raum: Wenn ich nichts mehr tun muss, um gerettet zu werden, kann ich dann leben, wie ich will?

Meine Antwort wäre vielleicht: Ja, schauen wir mal. Paulus schreibt in Galater 2,19: „Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt.“

Paulus beschreibt hier noch einmal das Niederreißen, wie es stattgefunden hat. Wenn wir an Jesus Christus glauben, glauben wir, dass er stellvertretend für uns am Kreuz starb und wir mit ihm gekreuzigt wurden.

Das bedeutet in Bezug auf das Gesetz: Das Gesetz ist mit Jesus am Kreuz gestorben. Das heißt nicht nur, dass wir der Welt gestorben sind – das ist unbestritten, aber hier geht es speziell um das Gesetz.

Zwei Dinge sind damit gemeint: Erstens bin ich im Urteil des Gesetzes gestorben, weil die Strafe bezahlt ist und ich deswegen gerecht vor Gott stehen darf – ein für alle Mal. Zweitens, und das steht bei Paulus ganz oben, bin ich dem Gesetz als Möglichkeit der Selbstrechtfertigung gestorben. Ich kapituliere und erkenne an, dass ich mich selbst nicht retten kann.

Der perfekte Paulus musste das lernen, der so viel Selbstgerechtigkeit aus dem Gesetz ziehen konnte. Er stirbt dem Gesetz, er stirbt seiner Selbstgerechtigkeit, weil diese niemals ausreichen kann, um zu retten.

Die Frage ist, ob du auch dem Gesetz und deiner Selbstgerechtigkeit gestorben bist, deinen eigenen Werken und deiner Leistung, oder ob du noch stolz darauf bist. Und wenn du dich umschaust und denkst, dass du ganz gut dastehst, vielleicht ist das nicht so.

Wir lesen weiter in Vers 20: „Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich hingegeben hat. Ich werfe die Gnade Gottes nicht weg; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.“

Paulus hat ein Ziel: Warum stirbt er dem Gesetz? Um für Gott zu leben. Ich habe mich gefragt: Hat Paulus das nicht schon vorher getan? Sein ganzes Leben war doch darauf ausgerichtet, Gottes Maßstab zu erfüllen und für Gott zu leben, oder nicht?

Ich glaube nicht. Das Leben nach der Gerechtigkeit des Gesetzes war für Paulus in Wirklichkeit ein Leben für seine eigene Gerechtigkeit, ein ständiges Rennen, um irgendwie gerecht zu werden. Ein Leben, um seinen Stolz zu nähren, um besser dazustehen als andere, ein Leben, in dem seine eigene Leistung etwas wert ist.

Ein Leben unter dem Gesetz als Weg zur Errettung führt zu einem egoistischen Leben. Erst wer dem Gesetz stirbt, kann wirklich für Gott leben.

Warum? Das macht Vers 20 deutlich. Paulus kann jetzt wirklich für Gott leben, weil sein Leben jetzt so läuft: „Ich lebe nun nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.“ Mit „im Fleisch leben“ meint er hier ganz sicher seinen sterblichen Körper, nicht das sündige Fleisch im biblischen Sinn, auch wenn das im Hintergrund mitschwingt.

Was Paulus sagt, bringt zwei Dinge mit sich: Erstens lebt Christus in ihm. Dadurch bekommt er einen neuen Willen und eine neue Perspektive, ein neues Herz und eine neue Zielrichtung.

Deshalb traue ich mir die steile These zu: Wenn du wiedergeboren bist, wenn du ein neues Herz bekommen hast und Christus wirklich in dir lebt, dann kannst du leben, wie du willst. Denn dein Wollen hat eine andere Ausrichtung und Prägung bekommen.

Ja, wir kämpfen immer noch mit unserer sündigen Natur. Das will ich hier jetzt etwas zurückstellen, darüber können wir in einer anderen Predigt reden. Aber grundsätzlich sagt Paulus: Wer dieses neue Herz hat, hat eine neue Zielrichtung und will etwas anderes.

Der auferstandene Christus, der in den Gläubigen lebt, ist eine wirksame Kraft der Neuschöpfung – im Gegensatz zur Sünde, die in der alten Schöpfung herrschte. Das gibt den Wunsch, für Gott zu leben, für ihn zu leben und sein Leben nach ihm auszurichten.

Zweitens: Nur weil deine Gerechtigkeit geklärt ist, weil die Frage der Rechtfertigung für dich beantwortet ist, weil du weißt, warum du mit Gott ewig Gemeinschaft haben kannst, bist du in der Lage, nicht mehr für dich, sondern für Gott zu leben.

Nur dann, wenn deine Ewigkeit geklärt ist, wird dein Leben hier nicht mehr egoistisch sein, in dem du versuchst, deine Werke vorwärtszubringen, um vor Gott oder anderen besser dazustehen.

Nur dann, wenn du weißt, dass diese Frage längst geklärt ist, wirst du Ruhe und Freiheit haben, dich aufzugeben und wirklich für Christus zu leben.

Nur dort bekommst du die Freiheit, nicht mehr darauf zu schauen, was es dir bringt, sondern für Gott zu leben und dorthin zu gehen, wo Gott dich wirklich haben will.

Welch anderes Leben! Welch Sicherheit und Vertrauen auf Gott und sein Werk!

Herausforderung zum Abschluss: Die Motivation unseres Lebens

Für was lebst du? Bist du mit Christus gestorben und lebst mit ihm? Ist er wirklich „dein Leben“? Ist Christus wirklich dein Leben? Dieses Thema werden wir im Galaterbrief noch weiter vertiefen.

Paulus wird im Fortgang durch einen Gang durch Gottes Heilsgeschichte zeigen, dass das Gesetz nie den Zweck hatte, dich zu rechtfertigen. Er wird herausstellen, wie wir nur in Christus zu wahrer Freiheit und Ruhe kommen können. Am Ende wird er zeigen, was es bedeutet, für Gott zu leben und was es heißt, dass Christus in uns lebt.

Stichwörter sind die Früchte des Geistes, das Gesetz Christi in unseren Herzen. Paulus wird uns damit zeigen, dass die Frage nach unserer Gerechtigkeit nicht zu einem sündhaften Lebensstil führt, sondern zu einer wirklichen Hingabe für Gott.

Ich möchte zum Schluss noch einmal dein Denken und dein Herz herausfordern, denn darum geht es vor allem: Warum lebst du nach Gottes Maßstäben? Lebst du so, weil du dir etwas erarbeiten willst? Lebst du aus Menschenfurcht vor anderen in der Gemeinde? Heuchlerisch, wie Petrus? Oder stolz, weil du es besser hinbekommst als andere? Oder lebst du wirklich aus Hingabe, weil Christus dein Leben ist?

Wo legst du für andere vielleicht Maßstäbe an, die nicht von Gott kommen, sondern von dir? Vielleicht, weil du dann besser dastehst als sie? Das hat Petrus auch erlebt. Kurzum: Wo heuchlst du?

Und dann eine kleine Testfrage, die du dir nicht mehr stellen kannst: Wie erklärst du den Unterschied zwischen einem anständigen Menschen und einem Christen? Was macht den Unterschied aus?

Noch einmal ganz deutlich: Ist Christus für dich das Evangelium nur ein Freifahrtschein für eine zweite Chance? Eine Chance, um jetzt dein Leben selbst wieder in den Griff zu bekommen, vielleicht sogar mit Jesus als Handlanger, und zu zeigen, dass du doch ganz gut lebst? Oder ist Jesus dein Leben? Ein Leben, das Tag für Tag von Golgatha hergenährt wird, von dem, der dich geliebt hat und sich selbst für dich hingegeben hat?

Ist dein ganzes Leben – und das werden wir beim nächsten Mal auch noch einmal sehen, wenn wir Galater 3 von A bis Z durchgehen – vom Evangelium geprägt? Ist Christi Gerechtigkeit das, was dein Leben steuert und lenkt? Oder reicht das Evangelium nur bis zum „E“ und mit nur kurzer Pause kommt schon wieder das „Geh mit Gesetz“?

Paulus wird im Fortgang fragen, warum die Galater, die mit dem Evangelium angefangen haben, jetzt mit dem Gesetz wieder vollenden wollen. Was ist das Evangelium für dich? Eine Freikarte in den Himmel oder ein Manifest für dein Alltagsleben hier und jetzt?

Prägt die Gnade Gottes und der Glaube an das Opfer Jesu dein Leben? Ist die Grundlage unserer Stellung vor Gott verschoben? Entscheidet nicht mehr unser aktuelles moralisches Handeln über das Urteil am letzten Tag, sondern liegt die Grundlage in der Vergangenheit auf Golgatha begründet? Dort wurde über deine Gerechtigkeit und deine Reinheit vor Gott ein für allemal entschieden.

Darum geht es in unserem Text: durch den Glauben an Jesus Christus, alles auf eine Karte zu setzen, weg von der eigenen Karte. Er macht gerecht. Das ist die Antwort für die Tür der Ewigkeit, wo es zählt. Nur darin wirst du Ruhe finden für dich und deine Seele.

Was für eine Gnade, was für eine Botschaft! Amen.